Spurgeon, Charles Haddon - Die Botschaften von der Liebe unsres Herrn.

„Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus daß Er vor euch hingehen wird in Galiläa; da werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat.“
Mk. 16,7

Seht, Brüder! Jesus freut sich, seinem Volk begegnen zu können. Kaum ist Er von den Toten auferstanden, als Er auch schon durch einen Engel eine Botschaft sendet, des Inhalts, daß Er seinen Jüngern begegnen will. Er hat seine Lust an ihnen. Er liebt sie mit sehr zärtlicher Liebe uns ist am glücklichsten, wenn Er bei ihnen sein kann. Meinet nicht, daß ihr Ihn erst viel bitten müsset, zu euch zu kommen; Er ist gern in liebender Gemeinschaft. Der himmlische Bräutigam findet Vergnügen an eurer Gesellschaft, wenn ihr wirklich mit Ihm verlobt seid. O, daß ihr mehr darum besorgt wäret, bei Ihm zu sein!

Unser Herr weiß, daß es für sein wirkliches Volk die größte Freude ist, die sie nur haben können, wenn Er ihnen begegnet. Die Jünger waren in ihrer traurigsten Lage. Sie meinten, ihr Herr sei tot. Sie hatten eben den traurigsten Sabbat ihres Lebens hinter sich, denn Er lag im Grabe, und sie zu trösten, sendet Er keine andre Botschaft, als daß Er mit ihnen zusammen treffen wolle. Er wußte, daß in dieser Neuigkeit eine magische Kraft lag, ihre bangen Herzen zu erfreuen. Er wollte ihnen begegnen; das würde allgenugsamer Trost sein. „Geht nach Galiläa; dort werdet ihr Ihn sehen.

Wenn alle Schmerzen des Volkes Gottes auf einen Haufen geschüttet werden könnten, welch einen Berg würde das geben! Wie mannigfaltig sind unsre Bekümmernisse! Aber, Geliebte, wenn Jesus uns begegnet, verläßt uns alle Betrübnis, und alle Traurigkeit wird in Freude verwandelt. Wir haben alles, wenn wir seine Gesellschaft haben. Viele von euch wissen, was ich meine. Unser Herr hat in kummervollen Zeiten unsre Herzen vor Freude springen gemacht. Wir haben physische Schmerzen und leibliche Schwächen vergessen, und wenn wir eben von einem Grabe zurückgekehrt sind, wo unsre Herzen brechen wollten, hat der Anblick des Heilandes unsern bittern Kelch versüßt. In seiner Gegenwart haben wir uns dem Willen des großen Vaters ergeben und sagen können: „Es ist der Herr; Er thue, was Ihm wohlgefällt.“ „Bleibe bei mir! Bleibe bei mir!“ Das ist unser einziges Gebet, und wenn das erhört ist, können alle andren Wünsche ihrer Erfüllung harren.

Ich habe meinen Gegenstand im Blick auf unser Kommen zum Tisch des Herrn gewählt. Ich wünsche, daß jedes Kind Gottes nach völliger Gemeinschaft mit Christo trachte und dieselbe genieße. Ich sehne mich selbst, sie zu genießen, damit ich einen Heiland predigen kann, in dessen Gegenwart ich lebe. O daß die, welche unsren Herrn nicht kennen, von einem Hunger nach seiner alles übertreffenden Süßigkeit erfüllt würden! Er ist bereit, zu euch zu kommen. Ein Gebet wird Ihn finden; eine Thräne zieht Ihn an; ein Glaubensblick wird Ihn fest halten. Werfet euch auf Jesum, und seine offnen Arme werden euch freudig aufnehmen.

Aber nun zum Text. Ich werde ihn so nehmen, wie er dasteht und fünf Bemerkungen darüber machen.

I.

Die erste ist: Damit Jesus seinem Volk begegnen könne, läßt Er Einladungen ergehen, und die Einladungen sind sehr gnadenvoll: „Gehet hin, saget es seinen Jüngern und Petrus.“ “Saget es seinen Jüngern.“ Die Einladung ist äußerst gnädig, da sie an sie gerichtet ist, denn „sie verließen Ihn alle, und flohen.“ In jener Nacht, jener kummervollen Nacht, da Er der Gesellschaft am meisten bedurfte, schliefen sie, und als Er nach dem Palast des Kaiphas geführt wurde, flohen sie - ja, sie alle; es war kein standhafter Mann unter ihnen. „Schmach über sie!“ sagst du? Ja, aber Jesus schämte sich ihrer nicht, denn in einer seiner ersten Reden in seinem herrlichen Leben auf Erden gedenkt Er besonders ihrer. „Saget es meinen Jüngern,“ und Er meint damit nicht nur einige Auserlesene, sondern die ganze feige Gesellschaft. Brüder, Jünger Christi! Jesus möchte uns jetzt begegnen; laßt uns zu Ihm eilen. Nicht einer unter uns darf sich mit seiner Treue schmücken, denn wir haben zuweilen alle den Feigling gespielt. Wir alle könnten unser Angesicht verhüllen, wenn wir der getreuesten Liebe unsres Herrn zu uns gedenken. Wir haben Ihn nie nach Verdienst behandelt. Wenn Er uns verbannt und gesagt hätte: „Ich will diese elende Gesellschaft nicht mehr anerkennen,“ würden wir uns nicht wundern; aber Er ladet uns alle ein, die wir seine Jünger sind – Er ladet uns ein zu sich. Wollt ihr fern bleiben? Will sich jemand von euch zufrieden geben, ohne das liebe Antlitz zu sehen, das mehr entstellt wurde als das eines andren Menschen, und doch lieblicher ist als der Engel Angesicht? Kommt alle, die ihr Ihm nachfolgt, denn Er fordert euch auf, zu kommen. Höret die Botschaft: „Saget es meinen Jüngern.“

Aber die Fülle und Schönheit seiner Gnade liegt darin, daß, während einer schlechter gewesen war als die übrigen, demselben mit besonderem Finger gewinkt und ein besonderes Wort gesprochen wird, ihm zu rufen: „Saget es meinen Jüngern und Petrus.“ Er, der seinen Herrn verleugnete, der da fluchte, als er verleugnete, er, der nach prahlerischem Selbstvertrauen vor dem Spott einer Magd erzittert – wird er auch gerufen? Ja, „saget es meinen Jüngern und Petrus.“ Wenn jemand von euch sich schlechter gegen den Meister betragen hat, als andre – du wirst besonders gerufen, jetzt zu Ihm zu kommen. Du hast Ihn betrübt und du bist betrübt geworden, weil du Ihn betrübt hast. Du bist zur Buße geführt worden, nachdem du von Ihm abgewichen warst, und nun versiegelt Er deine Vergebung, indem Er dich zu sind einladet.

Petrus, wo bist du? Der Hahnenschrei tönt dir noch in den Ohren und die Thräne ist noch in deinem Auge; doch komme und sei willkommen, denn du liebst Ihn. Und Er weiß das. Komm; Er hat dir vergeben; Er hat dir davon Zeichen gegeben in deinem gebrochenen Herzen und thränenden Auge. Komm Petrus! Komm du, wenn niemand anders kommen sollte. Jesus Christus ladet dich vor allen andren mit Namen ein. Es mögen Gläubige hier sein, welche seltsam gehandelt und selbst den Herrn verlassen haben, und sie klagen sich selber an. Fahret fort mit eurer heiligen Trauer, aber kommt zu eurem Herrn. Seid nicht zufrieden, bis ihr Ihn gesehen, bis ihr Ihn aufs neue im Glauben erfaßt habt und bis ihr sagen könnt: „Mein Freund ist mein und ich bin sein.“

Die Einladungen, welche Jesus ergehen läßt, sind äußerst zärtlich. Zum Teil liegt diese Zärtlichkeit auch in den Lippen, welche für den Herrn die Botschaft überbringen. Die Frauen kamen und sagten: Jesus hat durch einen Engel zu uns gesagt, daß Er vor uns hingehen werde in Galiläa, daselbst werden wir Ihn sehen. Ich bin stets dankbar dafür, daß Gott den Dienst am Wort nicht Engeln, sondern uns armen Menschen übertragen hat. Ich zweifle nicht daran, daß, wenn ein Engel euch predigte, ihr eine Zeitlang sagen würdet: „Das ist wundervoll;“ aber es müßte wegen Mangels an menschlicher Sympathie so kalt klingen, daß ihr des erhabenen Stils bald müde werden würdet. Ein Engel würde versuchen, freundlich zu sein, wie es seiner himmlischen Natur geziemt, aber er wäre doch nicht verwandt mit euch und ihr würdet notwendigerweise die Freundlichkeit vermissen, die aus der Verwandtschaft kommt. Ich spreche zu euch als Bein von eurem Bein und Fleisch von eurem Fleisch; ich spreche zu dir, Lehrer, denn ich bin ein Lehrer. Ich spreche zu dir, Jünger, denn ich bin ein Jünger, und ich möchte mich nicht größer dünken, denn der geringste unter euch. Laßt uns Hand in Hand zu unsrem lieben Heiland kommen, und laßt uns alle zusammen Ihn bitten, daß Er sich uns offenbare, wie Er es der Welt gegenüber nicht thut. Dies ist also mein erster Punkt: seine Einladungen sind gnadenvoll.

II.

Zweitens sehen wir in unsrem Text, daß Jesus sein Wort hält. „Ich will vor euch hingehen nach Galiläa.“ Wenn ihr Mk. 14,27.28 aufschlagt, seht ihr, daß Er vor seinem Sterben ihnen sagte: „Ihr werdet euch in dieser Nacht alle an mir ärgern, denn es stehet geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen. Aber nachdem ich auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.“ Er will da sein, wo Er gesagt hat, daß Er sein wolle. Jesus bricht nie ein Versprechen. Es verdrießt namentlich uns, die wir so sehr beschäftigt sind, wenn jemand sagt: „Wollen wir uns da und da miteinander treffen?“ „Ja, um welche Zeit?“ Die Stunde wird bestimmt. Wir sind dort. Gott sei Dank, wir kommen keine halbe Minute zu spät, wenn es irgend möglich ist, pünktlich zu sein, aber Pünktlichkeit ist etwas, das noch sehr wenige gelernt haben. Wir warten und warten zum Müdewerden, und vielleicht verlassen wir den angegebenen Ort, um unsre saumseligen Freunde wissen zu lassen, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Viele übernehmen etwas und führen es nicht aus, als ob es überhaupt nichts wäre, sich einer praktischen Lüge schuldig zu machen. Bei Jesu ist es nicht so; Er sagt: Ich will vor euch hingehen nach Galiläa,“ und nach Galiläa wird Er gehen. Wenn Er verspricht, seinem Volk zu begegnen, so begegnet Er ihm ohne Verzug.

Laßt uns einen Augenblick bei dieser Bestimmung verweilen. Warum sagte der Herr, daß Er nach Galiläa gehen wolle? War es, weil Er dort seinen Aufenthalt gehabt und weil Er nach seiner Auferstehung nach der Gegen zurückgehen wollte, wo Er die meiste Zeit zugebracht hatte? Gewiß ist etwas daran. Es war ihr Aufenthalt; sie waren Fischer auf jenem Meere gewesen, und Er wollte sie zu den Stätten zurückführen, wo viele Erinnerungen durch ihre Stimmen wachgerufen wurden. Überdies kannten Ihn die Galiläer, unter denen Er aufgewachsen war, sehr wohl, und Er wollte dahin gehen, wo Er bekannt war und sich an den früheren Plätzen wieder zeigen.

Vielleicht geschah es auch, weil der Ort verachtet war. Er ist auferstanden und will nach Galiläa gehen. Er schämt sich nicht, der Galiläer und der Nazarener genannt zu werden. Der Auferstandene geht nicht zu den Palästen der Fürsten, sondern zu den Hütten der Landleute und Fischer. In Jesu war kein Stolz; Er war immer sanftmütig und von Herzen demütig.

Ging Er nicht auch nach Galiläa, weil es etwas entfernt war von Jerusalem, damit die, welche mit Ihm zusammen treffen wollten, sich auch etwas Mühe geben möchten? Unser Geliebter will gesucht werden. Eine Reise nach Ihm macht seine Gesellschaft um so teurer. Vielleicht will Er nicht zu Jerusalem mit euch zusammentreffen, wenigstens nicht mit euch allen; sondern Er will sich am See im entfernten Galiläa zeigen.

Meint ihr, daß Er nach Galiläa ging, weil es „das heidnische Galiläa“ war, damit Er uns Heiden so nahe sein könne, als es seine Mission nur gestattete? Er war als Prediger nur zu den verlornen Schafen vom Hause Israel gesandt; aber Er reiste bis an die Grenze seines Bezirkes, um den Heiden – ich meine uns selbst – so nahe als möglich zu kommen. O, herrliches Wort für uns Fremde! „Ich will vor euch hingehen nach Galiläa.“ So sagte Er, und nachdem Er das Grab verlassen hatte, hielt Er Wort.

Nun, Geliebte, wir haben sein Wort dafür, da Er zu uns kommen will, wenn wir uns versammeln. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen,“ und hält Er nicht Wort? Wie oft haben wir in unsren großen und kleinen Versammlungen sagen können: „Der Herr war da!“ Wie oft haben wir Prediger und andre vergessen und haben uns geweidet an der Gegenwart eines Größeren, denn sterbliche Menschen sind. Unsre Glaubensaugen haben den König in seiner Schöne gesehen, der uns seine Liebe offenbarte! Ich denke, dies ist besonders wahr vom Tische des Herrn. Wie oft ist Er uns da begegnet! Ich kann mein persönliches Zeugnis dafür ablegen. Jenes gebrochene Brot, jener ausgegossene Wein, die Sinnbilder seines Fleisches und Blutes, bringen Ihn uns sehr nahe. Es scheint, als wenn die Sinne dem Glauben helfen, und durch diese zwei Fenster kommen wir unsrem Herrn sehr nahe. Was haben wir hier unter den lehrreichen Symbolen anders als Ihn selbst? Was thun wir anders, als seiner zu gedenken? Was anders ist unsre Aufgabe, als seinen Tod zu verkündigen, bis daß Er kommt? Und wenngleich wir Ihn nicht in der Unterredung gesehen haben, weil unsre Augen gehalten wurden, so haben wir Ihn doch beim Brotbrechen erkannt. Möchte das immer der Fall sein! Er will auch jetzt bei uns sein. Nehmt an, Jesus hätte gesagt, daß Er heute in buchstäblichem Fleisch und Blut hierher kommen wolle, so würdet ihr alle erwartungsvoll dasitzen und zu einander sagen: „Wann wird Er kommen?“ So werdet ihr Ihn nicht sehen; aber möchte euer Glaube, der viel besser ist als das Gesicht der Augen, Ihn euch als den gegenwärtigen Christus verwirklichen, der jedem einzelnen nahe ist. Wenn Er im Fleische hier wäre, so möchte Er etwa hier stehen, und dann wäre Er mir nahe, aber doch weit von meinen Freunden dort entfernt; da Er aber im Geiste kommt, so kann Er uns allen gleich nahe sein und zu jedem von uns persönlich sprechen, als ob jeder einzelne die einzige hier gegenwärtige Person wäre.

III.

Meine dritte Bemerkung ist: Jesus ist in jeder bestimmten Versammlung stets der Erste. So lautet der Text: „Er wird vor euch hergehen in Galiläa.“ Beachtet die Verheißung: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich“ - nicht „da werde ich sein.“ Jesus ist da, ehe seine Jünger den Ort erreichen. Der erste, der das Haus erreicht, ist der, welcher zuerst im Hause ist. Wir kommen zu Ihm; nicht daß Er dann zu uns kommt, wenn wir uns versammeln; sondern Er geht vor uns, und wir versammeln uns zu Ihm.

Lehrt uns das nicht, daß Er der Hirte ist? Er sagte: „Schlage den Hirten, so werden die Schafe sich zerstreuen; wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hergehen in Galiläa.“ Er wollte des Hirten Stelle wieder einnehmen und vor der Herde hergehen und die Schafe sollten die Stelle der Herde wieder einnehmen und nicht länger zerstreut sein, sondern dem Hirten auf dem Fuße folgen. Großer Meister, rufe Deine Schafe zu Dir! Sprich zu uns, blicke auf uns, und wir wollen uns aufmachen und Dir folgen.

Ist es nicht demnächst so, weil Er das Zentrum ist? Wir sammeln uns zu Ihm. Ihr müßt einen Mittelpunkt erwählen, ehe ihr den Umkreis bezeichnen könnt. Als Israel durch die Wüste pilgerte, war der erste Platz, um welchen das Lager aufzuschlagen war, die Stelle festzustellen, wo die Stiftshütte stehen und die Bundeslade ruhen sollte, und dann wurden die Zelte rings umher aufgerichtet. Jesus ist unser Mittelpunkt; Er muß darum der Erste sein, und wir freuen uns, Ihn sagen zu hören: „Ich will vor euch hingehen in Galiläa.“ Er will den ersten Platz einnehmen, und wir wollen uns um Ihn sammeln, wie die Bienen um ihre Königin. Sammelt ihr euch stets zu dem Namen Christi, Geliebte? Wenn ihr euch zu dem Namen irgend eines Predigers, oder einer Sekte sammelt, so sammelt ihr euch falsch. Jesus muß das Zentrum sein, und Er allein, und wir müssen uns um Ihn sammeln; traget Sorge, daß es geschehe.

Dann auch geht Er ganz natürlich vor uns her, weil Er der Wirt ist. Wenn es ein Fest geben soll, so ist die erste Person, die da sein muß, die, welche das Fest veranstaltet – der Herr oder die Dame, welche an der Tafel obenan sitzt. Es würde sich nie geziemen für die Gäste, zuerst da zu sein, während der Gastgeber erst dann eiligst herzu kommt und ruft: „Ich bitte um Entschuldigung; ich habe ganz vergessen, daß Sie um sieben Uhr hier sein würden!“ O, nein, der Gastgeber muß der Erste sein! Wenn Jesus uns einladet, zu Ihm zu kommen, und wenn Er sagt, daß Er das Abendmahl mit uns halten will und wir mit Ihm, dann will Er gewiß der Erste sein, damit Er die Vorkehrungen zum Fest treffen kann.

Aber sicherlich ist der Grund, aus welchem Er der Erste ist, der, daß Er mehr bereit ist für uns, als wir es für Ihn sind. Es kostet uns Zeit, uns fertig zu machen, unsre Seelen zu schmücken und unsre Gedanken zu sammeln. Seid ihr alle heute zum Abendmahl bereit? Manche von euch sind vielleicht sorglos hierher gekommen, und doch seid ihr Glieder der Gemeinde und beabsichtigt, das Abendmahl zu nehmen. Geliebte, versucht es, mit einem vorbereiteten Herzen zu kommen, denn das Mahl wird zum großen Teil das für euch sein, was ihr davon macht, und wenn eure Gedanken und Wünsche nicht richtig sind, was können euch die äußeren Symbole sein? Auf seiten unsres Herrn ist alles bereit, und Er harret darauf, euch empfangen und segnen zu können.

Ich könnte auch hinzufügen, daß Er sich vielmehr danach sehnt, mit euch Gemeinschaft zu haben, als ihr euch nach der Gemeinschaft mit Ihm sehnt. Es ist seltsam, daß das der Fall sein kann, aber es ist so. Er, der unsre Seele liebt, brennt vor Verlangen, sein Volk an sein Herz zu drücken; und wir, die Gegenstände solcher unvergleichlichen Liebe, schrecken zurück und belohnen die Inbrunst seiner Liebe mit Lauheit. Bei dieser Veranlassung darf es aber nicht so sein. Ich habe zu meinem Herrn gesagt: „Laß mich entweder mich an Dir weiden, oder nach Dir hungern.“ Ich flehe darum, daß ihr in dieser Stunde einen solchen brennenden Durst nach Jesu haben möchtet, daß ihr von seinem Kelche trinken müßt oder vor Durst nach Ihm verschmachtet.

IV.

Die vierte Bemerkung ist diese: Der Herr Jesus offenbart sich seinem Volk. Wie lautet der Text? „Er wird vor euch hingehen nach Galiläa. Dort werdet ihr Ihn sehen.“ Der Hauptzweck ist, Ihn zu sehen. Er will nach Galiläa gehen, damit Er sich ihnen offenbare. Meine lieben Brüder, dies ist es, was sie vor allem andren bedurften. Sie trauerten, weil sie Ihn für tot hielten; ihre Freude mußte es also sein, Ihn lebendig zu sehen. Ihre Bekümmernisse waren verschiedenartig, aber dieser eine Trost machte ihnen allen ein Ende. Wenn sie nur Jesum sehen konnten, dann waren sie im stande, alle Befürchtungen zu verjagen. Wozu seid ihr hergekommen, ihr Kinder Gottes? Ich hoffe, daß ihr antworten könnt: „Herr, wir wollten Jesum gern sehen.“ Wenn unser Meister kommt und wir seine Gegenwart verspüren werden, dann kommt es nicht darauf an, wie schwach ich spreche, oder wie armselig alles andre ist; ihr werdet sagen: „Hier war gut sein, denn der Herr kam uns in aller Herrlichkeit seiner Liebe nahe.“ Seine Gegenwart ist es, deren ihr bedürft.

Und diese ist es, die Er bereitwillig gewährt. Jesus ist mit seinem Volk sehr vertraut. Manche beten einen Heiland an, der droben gleichgültig thront; aber dem ist nicht so. Obgleich Er im Himmel herrscht, verkehrt Er doch mit seinem Volk hienieden. Wißt ihr, welches die Gesellschaft Jesu ist? Versteht ihr sie? O, ich bitte euch, seid nicht zufrieden, bis ihr zum persönlichen und intimen Umgang mit eurem Herrn kommt. Wenn wir das nicht erlangen, verlieren wir das Vorrecht, von welchem Er weiß, daß wir desselben bedürfen, denn dies ist seine große Verheißung: „Da werdet ihr mich sehen.“

Was noch mehr ist – dieses Ihn sehen ist es, was unser Herr wirksam gewährt. Jesus stellt sich nicht nur selbst dar, sondern Er öffnet unsre Augen, damit wir den Anblick genießen. „Da werdet ihr mich sehen.“ Er mag geoffenbart werden, und doch mögen unsre blinden Augen Ihn nicht sehen. Nicht jedermann kann Gott sehen, und doch ist Gott überall. Das Auge muß zuerst gereinigt werden. Jesus sagt: „Da werdet ihr mich sehen,“ und Er weiß unsre Augen zu öffnen, so daß wir Ihn sehen. „Er geht vor euch her in Galiläa“ - und was dann? „Daselbst werdet ihr Ihn sehen.“ Nun, gingen sie nicht hin fischen? Ja, aber davon wurden sie weggerufen. „Da werdet ihr Ihn sehen.“ Thaten sie nicht einen großen Fischzug? Ja, ja; aber das geschah nur gelegentlich; die große Thatsache war, daß sie Ihn sahen. Ich bitte den Herrn darum, daß Er das zu der einen großen Beschäftigung unsres Lebens mache, Ihn zu sehen. Möchten alle geringeren Lichter dunkel werden. Wo sind die Sterne am Mittag? Sie stehen alle an ihren Plätzen, aber ihr seht nur die Sonne. Wo bleiben tausend andre Dinge, wenn Christus erscheint? Sie sind alle, wo sie sein wollten, aber ihr seht nur Ihn. Möchte der Herr selbst so unsre Herzen erfüllen, daß es wahr werde von uns: „Da werdet ihr Ihn sehen!“

Soweit bin ich unter Flehen zum Heiligen Geist gekommen, und nun kommt die fünfte Bemerkung, mit welcher wir schließen.

V.

Unser Herr gedenkt seiner eignen Verheißungen. Es war, ehe Er starb, daß Er sagte, Er wolle vor ihnen her nach Galiläa gehen, und nun, nachdem Er von den Toten auferstanden ist, sagt Er durch den Mund seines Engels: „Da werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat.“ Die Regel, nach welcher Christus handelt, ist sein eignes Wort. Was Er gesagt hat, will ER auch thun. Ihr und ich vergessen seine Verheißungen; Er aber nie. „Wie Er euch gesagt hat“ ist die Erinnerung alles dessen, was Er gesprochen hat. Warum gedenkt unser Herr an das, was Er so gnadenvoll gesagt hat, und warum wiederholt Er es?

Er that es, weil Er mit Vorbedacht und Sorgfalt sprach. Wir geben Versprechungen und vergessen sie, weil wir vorher die Sache nicht überlegt hatten; aber wenn wir nachdenken, berechnen und erwägen, und ehe wir sprechen, zu einem überlegten Entschluß kommen, dann gedenken wir an das, wozu wir uns entschlossen hatten. Keine Verheißung unsres Herrn ist in einer Hast gesprochen, die Ihm nachher leid sein könnte. Unendliche Weisheit leitet die unendliche Liebe, und wenn die unendliche Liebe die Feder ergreift, um eine Verheißung nieder zu schreiben, dann diktiert die untrügliche Weisheit jede Silbe.

Jesus vergißt nicht, weil Er die Verheißung von ganzem Herzen gab. Wenn wir aufrichtige Leute sind, mögen wir vieles sagen, was wir auch meinen, aber im Innersten des Herzens ist kein tiefes Gefühl und keine mächtige Bewegung. Als unser Herr sagte: „Ihr werdet zerstreut werden, aber nachdem ich auferstanden bin, will ich vor euch hin nach Galiläa gehen,“ sprach Er mit schwerem Herzen und mit manchem Seufzer, und seine ganze Seele begleitete die Verheißung, mit welcher die traurige Szene abschloß. Er hat, was Er versprochen, mit seinem Blut erkauft, und darum spricht Er es so von ganzem Herzen aus.

Und noch eins: seine Ehre ist mit jeder Verheißung verpfändet. Nachdem Er gesagt hatte, daß Er nach Galiläa gehen wolle, würden seine Jünger, wenn Er nicht gegangen wäre, gefühlt haben, daß Er einen Mißgriff gemacht, oder daß er etwas vergessen hätte. Brüder, wenn Christi Verheißungen versagten, was sollten wir davon denken? Aber Er wird seine Treue und Wahrhaftigkeit nie gefährden. Mögen Menschenworte verweht werden wie Spreu; die Worte des Herrn müssen bestehen, denn Er wird seine Wahrheit die zu seinen köstlichsten Kronjuwelen gehört, nicht trüben.

Ich wünsche, daß ihr diesen Gedanken in aller Ruhe durchdenkt. Jesus erinnert sich alles dessen, was Er gesagt hat; laßt unsre Herzen es nicht vergessen. Gehe mit den gnadenvollen Verheißungen zu Ihm; Er wird seine eigne Signatur anerkennen. Er wird seine Verheißungen voll und ganz ehren, und niemand, der Ihm vertraut, wird sich darüber beklagen können, daß Er übertrieben hatte.

Ich schließe, nachdem ich dies noch gesagt habe. Ich bin sehr darum besorgt, daß wir jetzt in wirkliche Gemeinschaft mit dem Herrn kommen. Jesus, Du hast uns nach Dir hungern gemacht, wirst du uns nicht weiden? Meint ihr, daß unser Geliebter uns quälen will? Unser Hunger ist derartig, daß er durch steinerne Mauern brechen möchte; werden wir sein Herz hart wie einen Stein finden? Nein, Er wird den Weg ebnen, und wir wollen unsrerseits alle Hindernisse durchbrechen, um zu Ihm zu kommen. „Aber,“ sagt einer; „wie kann ich zu Ihm kommen, so arm und unwürdig wie ich bin?“ Das waren die Jünger am See auch. Sie waren Fischer, und als Er zu ihnen kam, hatten sie die ganze Nacht gearbeitet. Arbeitest du für Ihn? Dann wird Er zu dir kommen. Erwarte Ihn jetzt. „O,“ sagt einer, „ich habe ohne Erfolg gearbeitet.“ Ja, du hast die ganze Nacht gearbeitet und keine Bekehrungen gesehen. Oder du bist ein Sonntagsschullehrer, der seine Kinder noch immer unbekehrt sieht. Wohl, ich sehe, wer du bist; du gehörst gerade zu den Leuten, zu denen Jesus kam, denn sie hatten die ganze Nacht vergeblich gearbeitet. Bist du hungrig? Jesus ruft: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Er kommt zu dir und fragt nun nach deinem Hunger, während Er an der Küste ein Kohlenfeuer angezündet und Fische darauf gelegt hat und Brot. „Kommt und haltet das Mahl,“ sagt Er. Der Tisch ist gedeckt. Komm zu Ihm selbst. Er ist deine Speise, deine Hoffnung, deine Freude, dein Himmel. Komm zu Ihm; gib Ihm keine Ruhe, bis Er selbst sich dir offenbart und du es gewiß weißt, daß es dein Herr ist, der dich umarmt. So thue Er jetzt jedem einzelnen von uns um seiner süßen Liebe willen! Amen.

„O, der wundergroßen Gnaden!
Heißet das nicht Gültigkeit,
Daß uns Jesus hat geladen
Zu dem Tisch, den Er bereit't?
Jesus ladet uns zu Gast,
Daß wir aller Sorgenlast,
ller Sünd' und Not entnommen,
In den Himmel mögen kommen.

Er, der Heiland will uns speisen
Und auch selbst die Speise sein.
Heißet das nicht Gnad' erweisen?
Ist Er nun nicht dein und mein?
Er gibt sich uns selbst zu Teil,
Daß wir möchten werden heil
Von den tiefen Seelenwunden
Die sonst bleiben unverbunden.“

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