Spurgeon, Charles Haddon - Die Belohnung der Gerechten

«Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in Seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit Ihm, dann wird Er sitzen auf dem Stuhle Seiner Herrlichkeit; und werden vor Ihm alle Völker versammelt werden. Und Er wird sie voneinander scheiden, gleich wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet; und wird die Schafe zu Seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen»
Mt 25,31-36

Es ist äußerst wohltuend für unsere Seelen, wenn wir uns über diese böse Welt zu Edlerem und Besserem erheben. Die Sorgen dieser Welt und der betrügerische Reichtum sind imstande, jedes Gute, das in uns ist, zu ersticken und uns mißmutig und verzagt, vielleicht auch stolz und fleischlich zu machen. Es ist gut, diese Dornen und Disteln abzuhauen, denn der himmlische Same, der darunter gesät wird, wird schwerlich eine Ernte bringen, und ich kenne keine bessere Hacke, als die Gedanken an das kommende Gottesreich. In den Tälern der Schweiz sind viele Einwohner mißgestaltet und zwergenhaft und fast alle sehen kränklich aus, denn die Atmosphäre ist mit Fieberstoffen geschwängert und erstickend. Man durchreist solche Täler so schnell wie möglich und ist froh, wenn man sie hinter sich hat. Auf den Bergen findet man eine starke Menschenklasse, die die klare, frische Luft, wie sie von den schneebedeckten Höhen weht, atmet. Es würde für die Talbewohner wohltätig sein, wenn sie ihre Wohnungen in den fieberhaften Tälern oft verlassen und sich in die reine Atmosphäre auf die Höhen begeben könnten. Zu einem solchen Hinaufsteigen lade ich euch heute morgen ein. Möge der Heilige Geist uns erheben wie auf Adlers Flügeln, damit wir den Nebel der Furcht und die Fieber der Ängstlichkeit und alle die Übel, die sich in diesem Jammertal gesammelt haben, verlassen und uns erheben auf die Höhen zukünftiger Freude und Glückseligkeit, wo es unser Genuß sein wird, ewig zu wohnen! O, möge Gott uns eine Weile befreien und die Schnüre, die uns hier unten festhalten, zerschneiden und gestatten, uns zu erheben! Einige von uns sind wie angekettete Adler, nur mit dem Unterschied, daß wir anfangen, unsere Ketten zu lieben, und wenn es zu einer Prüfung käme, vielleicht unwillig wären, sie abgerissen zu finden. Möge Gott uns jetzt Gnade verleihen, wenn wir uns auch nicht von den Ketten des sterblichen Leibes befreien können, daß unsere Seele den Körper als Diener am Fuße des Berges zurückläßt und wie Abraham auf die Spitze des Berges steigt, um dort mit dem Höchsten Gemeinschaft zu haben.

Während ich meinen Text auslege, werde ich eure Aufmerksamkeit zuerst auf die Umstände lenken, die die Belohnung der Gerechten umgeben, zweitens auf ihren Anteil und drittens auf die Personen selbst.

I.

Viele Lehren enthalten die sie umgebenden Umstände. Wir lesen: «Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird.» Es scheint also, daß wir nicht erwarten dürfen, unsere Belohnung nach und nach zu empfangen. Wie ein Tagelöhner müssen wir unser Tagewerk erfüllen und erst am Abend werden wir unseren Groschen erhalten. Zu viele Christen blicken auf eine gegenwärtige Belohnung ihrer Arbeit, und wenn sie Erfolg haben, fangen sie an, auf diesen zu sehen, als hätten sie ihre Belohnung erhalten. Wie die Jünger bei ihrer Rückkehr sagten: «Herr, es sind uns auch die Teufel untertan in Deinem Namen», freuten sie sich zu ausschließlich über den gegenwärtigen Erfolg, und der Meister befahl ihnen, nicht so sehr auf den wunderbaren Erfolg als ihren Lohn zu blicken, da solcher Erfolg sich nicht immer zeigen würde «Doch darin freuet euch nicht», sagt Er, daß euch die Geister untertan sind; Freuet euch aber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind.» Erfolg in seinem Werke ist nicht des christlichen Predigers wahrer Lohn; es ist ein Handgeld, aber der Lohn wartet noch. Auf die Anerkennung deiner Mitmenschen mußt du nicht sehen, als sei es eine Belohnung deiner Tätigkeit, denn oft wirst du das Gegenteil antreffen. Du wirst erleben, daß deine besten Taten mißverstanden und deine Beweggründe übel gedeutet werden. Wenn du deine Belohnung hier sehen willst, so möchte ich dir das Wort des Apostels Paulus zurufen: «Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die allerelendesten unter allen Menschen», denn andere Menschen erhalten ihren Lohn, selbst die Pharisäer: «Wahrlich, ich sage euch: sie haben ihren Lohn dahin», aber wir haben hier keinen. Von den Menschen verachtet und verworfen zu werden ist des Christen Los. Selbst unter seinen Mitchristen wird er nicht immer in gutem Rufe stehen. Es ist nicht immer aufrichtige Güte noch ungefärbte Liebe, die wir selbst von den Heiligen empfangen. Ich sage euch, wenn ihr betreffs der Belohnung auf Christ Braut selbst seht, so werdet ihr sie vermissen; wenn ihr erwartet, eure Krone aus der Hand eurer Amtsbrüder, die eure Arbeit kennen und in euren Versuchungen und Prüfungen mit euch fühlen sollten, zu empfangen gedenkt, so seid ihr sehr im Irrtum. «Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit», dann ist eure Zeit der Belohnung, aber nicht heute, noch morgen, noch zu irgend einer Zeit in dieser Welt. Betrachte nichts von dem, was du erlangst, keine Ehre, die dir zuteil wird, als den Lohn im Dienste deines Herrn. Der Lohn wird aufbewahrt bis zur Zeit, «wenn des Menschen Sohn kommen wird in Seiner Herrlichkeit.»

Beachte mit Wonne die erhabene Person, durch deren Hand die Belohnung gegeben wird. Es heißt: «Dann wird der König sagen.» Brüder, wir lieben des Königs Hofleute; wir freuen uns, zu ihrer Zahl zu gehören. Es ist nichts Geringes, Dem zu dienen, dessen Haupt einst mit Dornen gekrönt war und der nun die Himmelskrone trägt, aber es ist ein wonniger Gedanke, daß das Werk, uns zu belohnen, nicht den Höflingen überlassen ist. Die Engel werden gegenwärtig sein und auch die Brüder des Königs, aber der Himmel wurde nicht von ihnen bereitet und kann nicht von ihnen gegeben werden. Ihr Hände werden uns keine Krönung bereiten. Wir werden mit einstimmen in ihren Gesang, aber ihr Gesang ist keine Belohnung für uns; wir werden uns mit ihnen beugen und sie mit uns, aber es wird ihnen nicht möglich sein, uns die Belohnung zu geben - jene Sternenkrone ist zu schwer für die Hand eines Engels, und die Segnung zu lieblich, selbst von den Lippen eines Seraphim ausgesprochen zu werden. Der König selbst muß sagen: «Ei, du frommer und getreuer Knecht.» Was sagst du dazu, mein Bruder? Du hast die Versuchung gefühlt, auf Gottes Diener zu blicken, auf die Anerkennung des Predigers, auf den freundlichen Blick der Eltern, auf das Wort der Ermutigung des Mitarbeiters. Alles dieses schätzt du, und ich tadele dich nicht darum; aber das alles kann dir mangeln, und daher siehe dieses nie als deine Belohnung an. Du mußt warten auf die Zeit, wenn der König kommt, und dann werden es weder deine Brüder, noch deine Eltern, noch deine Helfer sein, sondern der König selbst wird zu dir sagen: «Komm her, du Gesegneter!» Wie dieses den Himmel versüßt! Es wird Jesus eigene Gabe sein. Wie dieses die Segnung doppelt gesegnet macht! Sie wird von seinen Lippen kommen, die von Myrrhen triefen und von Honig fließen. Geliebte, es ist Christus, der ein Fluch wurde an unsrer Statt, der uns diesen Segen gibt. Steckt dieses wie einen süßen Bissen in den Mund.

Der Charakter, in welchem unser Herr Jesus erscheinen wird, ist bezeichnend. Jesus wird dann als König offenbart. Der Dienst wurde Ihm als König erwiesen, und darum muß auch die Belohnung von Ihm als König kommen. Das veranlaßt uns, eine Selbstprüfung vorzunehmen. Der König wird nicht die Diener eines anderen Fürsten belohnen, daher die Frage: Bin ich Sein Diener? Ist es meine Freude, auf der Schwelle seines Tores zu warten und am Tore zu sitzen wie Mordechai am Tor des Königs Ahasverus? Sage, Seele, dienst du dem Könige? Ich meine nicht die Könige und Königinnen der Erde; mögen sie treue Diener als Untertanen haben! Die Heiligen aber sind Diener des Herrn Jesus Christi, des Königs aller Könige. Seid ihr es? Wenn ihr es nicht seid, so kann für euch kein Lohn da sein, wenn der König in Seiner Herrlichkeit kommt. Ich habe das Verlangen im Herzen, Christi königliches Amt mehr zu preisen, als ich bisher getan habe. Es ist meine Freude gewesen, euch Christus, den Gekreuzigten zu predigen, «denn ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch ohne allein Jesus Christus, den Gekreuzigten», aber ich wünsche um meiner selbst willen Ihn auf Seinem Throne darzustellen, Ihn, der in meinem Herzen regiert und mit mir tun kann, was Er will, damit ich in die Stellung Abrahams komme, der keine Frage stellte, als Gott zu ihm sprach - obwohl der Befehl war, Isaak, seinen geliebten Sohn zu Opfern - sondern einfach sagte: Hier bin ich. Geliebte, sucht die beobachtende Macht des Königs zu erkennen und zu fühlen, denn wenn ihr Ihn nicht als König erkannt habt, kann Er bei Seinem Kommen euch nicht als Diener anerkennen, und Er kann die Belohnung, wovon der Text spricht, nur Seinen Dienern geben.

Nun weiter. «Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in Seiner Herrlichkeit.» Die Fülle derselben ist nicht zu begreifen. Aber das wissen wir - und es ist das lieblichste, was wir wissen können - wenn wir hier Jesus Teilhaber an Seiner Schmach gewesen sind, wir auch Teilhaber Seiner Herrlichkeit sein werden, die Ihn umgibt. Bist du, Geliebter, eins mit Jesus? Bist du Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von Seinem Bein? Bist du innig mit Ihm verbunden? Dann bist du heute mit Ihm in Seiner Schmach. Du hast Sein Kreuz auf dich genommen, bist mit Ihm aus dem Lager gegangen und trägst Seine Schmach. Du wirst ohne Zweifel bei Ihm sein, wenn das Kreuz mit der Krone vertauscht worden ist. Aber richte dich selbst diesen Morgen. Wenn du nicht mit Ihm bist in der Wiedergeburt, so wirst du auch nicht bei Ihm sein, wenn Er kommt in seiner Herrlichkeit. Wenn du zurückschreckst vor der schwarzen Seite der Gemeinschaft, so wirst du die helle Seite nicht verstehen, die Herrlichkeit. «Wenn des Menschen Sohn kommen wird in Seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit Ihm.» Was, sind Engel bei Ihm? Und doch nimmt Er nirgends die Engel zu Sich, sondern den Samen Abrahams nimmt Er zu Sich. Sind die heiligen Engel bei Ihm? Komm, meine Seele, dann darfst du Ihm nicht fern bleiben. Wenn Seine Freunde und Nachbarn zusammen gerufen werden, Seine Herrlichkeit zu schauen, was denkst du dann von solchen, die aufs engste mit Ihm verbunden sind? Willst du entfernt bleiben? Obwohl es ein Tag des Gerichts ist, so kannst du doch nicht fern von dem Herzen sein, das die Engel zu Vertrauten gemacht, dich aber mit Sich vereinigt hat. Hat Er nicht zu dir, meine Seele, gesagt: «Ich will mich mit dir vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit?» Haben Seine eigenen Lippen nicht gesagt: «Du sollst «meine Lust an ihr» heißen?» Wenn dann die Engel, die nur Freunde und Nachbarn sind, bei Ihm sein werden, ist es unbedingt gewiß, daß Seine eigene, geliebte Hefzi-Bah, an der Er Seine Lust hat, Ihm nahe sein und Teilhaberin Seines Ruhmes sein wird. Wenn Er in Seiner Herrlichkeit kommt und Seine Gemeinschaft mit den Engeln deutlich offenbart wird, dann wird es sein, daß Seine Vereinigung mit Seiner Gemeinde zu Tage tritt. «Dann wird Er sitzen auf dem Stuhl Seiner Herrlichkeit.» Hier finden wir eine Wiederholung desselben Grundes, weshalb es eure und meine Zeit sein sollte, die Belohnung von Christus zu empfangen, wenn wir zu Seinen treuen Knechten gehören. Wenn Er auf dem Throne sitzt, würde es nicht passend sein, Seine Geliebten in der Niedrigkeit zu lassen. Als Er am Orte der Schmach war, waren sie bei Ihm, und nun, da Er auf dem goldenen Thron sitzt, müssen sie auch bei Ihm sein. Es wäre kein Einssein - die Verbindung mit Christus wäre nur eine Redensart - wenn es nicht gewiß sei, daß sie auch auf dem Throne sitzen werden, wenn Er auf dem Throne sitzt.

Doch ich möchte, daß ihr auf einen besonderen Umstand achtet betreffs der Zeit der Belohnung. Es wird dann sein, wenn Er die Schafe von den Böcken getrennt haben wird. Meine Belohnung als Kind Gottes kann mir nicht werden, wenn ich mit den Bösen in Gemeinschaft bin. Selbst schon auf Erden hast du die meiste Freude am Herrn, wenn du am meisten von dieser Welt getrennt bist. Sei dessen versichert, daß der schmale Pfad, obwohl er kein bequemer zu sein scheint und wahrscheinlich Verfolgung und Verlust vieler Freuden bringen wird, doch der glücklichste Weg in der Welt ist. Ihr unentschiedenen Christen, die ihr bis zu einem gewissen Grade die Vergnügungen der Welt mitmachen könnt, so wie ihr jetzt seid, könnt ihr nimmer die innere Freude derjenigen erkennen, die in inniger und lieblicher Gemeinschaft mit Jesus leben. Je näher ihr der Welt kommt, je weiter entfernt ihr euch von Christus, und ich glaube, je entschiedener ihr allem, worauf eure Seele ihre Ruhe setzten könnte, einen Scheidebrief gebt, je inniger wird eure Gemeinschaft mit Jesus sein. «Vergiß deines Volkes und deines Vaters Hause, so wird der König Lust an deiner Schöne haben; denn er ist dein Herr, und du sollst Ihn anbeten.» Es ist bezeichnend, daß der König nicht, bevor Er die Böcke von den Schafen getrennt hat, sagt: «Kommt, ihr Gesegneten!» Und obwohl die Gerechten schon eine Glückseligkeit als entkörperte Geister genossen haben, so ist doch ihre Glückseligkeit in ihrem auferstandenen Leibe noch nicht völlig vollendet, bis der große Hirte sie ein für allemal durch eine große Kluft von aller Verbindung mit denen, die Gottes vergessen, getrennt hat. Nun, Geliebte, alle Umstände zusammen bringen uns zu der Erkenntnis, daß die Belohnung der Nachfolger Christi nicht heute stattfindet, nicht unter den Menschen, daß sie nicht von Menschen gegeben wird, selbst nicht von den Ausgezeichnetsten auf Erden. Sie wird selbst nicht von Jesus gegeben, während wir noch hier sind, sondern die Krone des Lebens, die die Gnade des Herrn seinem Volke geben wird, ist aufbewahrt für die Zeit, wenn des Menschen Sohn kommen wird in Seiner Herrlichkeit. Warte geduldig; warte mit freudiger Hoffnung, denn Er wird kommen, und gesegnet sei der Tag Seiner Erscheinung.

II.

Wir haben uns nun zum weiten Punkt zu wenden, die Belohnung selbst. Ich werde nicht versuchen, sie vollständig darzulegen, sondern nur andeuten. Die Belohnung der Gerechten wird ausgesprochen durch den lieblichen Segenswunsch, den der Meister ihnen zuruft, aber an ihrem Standort wird sichtbar: Er stellt die Schafe zu seiner Rechten. Der Himmel ist ein Zustand der höchsten Würde, der von sicherer Hand übergeben und vom göttlichen Wohlgefallen klar und deutlich offenbart wird. Die Heiligen Gottes sind nach dem Gericht des Glaubens stets zu Seiner Rechten. Es gefällt Gott, Seinem Volke nahe zu sein und gibt ihm einen Platz, wo sie unter Seinem Schutz stehen. Zuweilen scheint es, als seien sie zur Linken, denn einige von ihnen haben gewiß weniger Trost als die Weltmenschen. «Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus und grünte wie ein Lorbeerbaum», während Gottes Volk oft das Wasser aus dem Becher trinken muß, der voll bitterer Galle und Wermut ist. Die Welt hat das Unterste nach oben gekehrt. Das Evangelium hat angefangen, es wieder richtig zu stellen, aber wenn der Tag der Gnade vorüber ist und der Tag der Herrlichkeit kommt, dann wird alles wieder zurecht gebracht werden. Dann werden diejenigen, die in Ziegenfellen umhergegangen sind, in glänzenden Kleidern dastehen wie der Heiland auf dem Berge der Verklärung. Dann werden diejenigen, derer die Welt nicht wert war, zu einer Welt kommen, die ihrer würdig ist. Dann werden diejenigen, die zum Scheiterhaufen getrieben wurden, auf feurigen Wagen mit feurigen Rossen auffahren und sich der glorreichen Wiederkunft des Meisters erfreuen. Ja, Geliebte, ihr werdet ewig das Wohlgefallen Gottes sein. Es wird keine geheime und verborgene Gemeinschaft sein, sondern euer herrlicher Stand wird vor den Menschenkindern offenbar werden. Eure Verfolger werden mit den Zähnen knirschen, wenn sie euch zu Seiner Rechten Ehrenplätze einnehmen sehen und sich selbst, obwohl sie auf Erden hoch über euch standen, zum niedrigsten Platz verurteilt. Wie wird der reiche Mann seine vom Feuer gequälte Zunge umsonst beißen, wenn er Lazarus, den Bettler, vor seiner Tür, zur rechten Hand des ewigen, unsterblichen Königs sitzen sieht! Der Himmel ist ein Ort der Würde. «Dort werden wir sein wie die Engel», sagt jemand, aber ich weiß, daß wir noch höher stehen werden. Heißt es nicht von Ihm, der in allen Dingen unser Vertreter ist: «Du hast alles unter Seine Füße getan.» Was sind selbst die Seraphinen, die so reich gesegnet sind, anders als «dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um deretwillen, die ererben sollen die Seligkeit?»

Wir wenden uns jetzt zu dem Willkommen, das der Richter ausspricht. Das Erste Wort ist: «kommt». Es ist der Ruf des Evangeliums. Das Gesetz sagt: «Geh!» Das Evangelium: «komm!» Der Geist ruft es als Einladung, die Braut spricht es als Gebet, und wer es hört, rufe es aus, um die gute Nachricht auszubreiten. Seit Jesus sagt: «Komm», sehen wir, daß die Seligkeit des Himmels in der Gemeinschaft besteht. «Komm! Ihr kamt dahin, zu sagen: «Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben»! Ihr blicktet auf mich am Kreuz und wurdet erleuchtet. Ihr hattet Gemeinschaft mit mir im Kreuztragen. Ihr habt erstattet an eurem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen in Christus für meinen Leib, das ist die Gemeinde. Kommt, kommt auf immer! Kommt von euren Gräbern, ihr Auferstandenen! Kommt von den Gottlosen, ihr Geheiligten! Kommt empor von dem Orte, wohin ihr euch in der Erniedrigung gesetzt habt, kommt vor den großen weißen Thron! Kommt und tragt meine Krone und sitzt mit mir auf meinem Thron!» O, in diesem Worte liegt der Himmel! Es wird mir ein ewige Freude sein, zu hören, daß der Heiland zu uns sagt: «Kommt!» Ich muß vor euch bezeugen, daß meine Seele oft so voller Freude gewesen ist, wenn mein geliebter Herr zu meiner Seele gesagt hat: «Komm», daß ich es nicht ertragen konnte, denn er hat mich in den Weinkeller geführt, und die Liebe war sein Panier über mir, und Er hat mich aus der Welt, ihren Sorgen und Ängstlichkeiten, ihren Versuchungen und ihren Freuden herausgenommen und auf die Höhe Amana, auf die Höhe Senir und Hermon gebracht, wo er sich mir offenbart hat. Wenn dies «Komm» von des Meisters Lippen in euer Ohr schallt, dann kann euch das Fleisch nicht zurückziehen, dann wird keine Trägheit und kein schweres Herz mehr sein. Ihr werdet nicht aufsteigen, um wieder herabzusteigen, sondern ihr werdet immer höher steigen. Das erste Wort deutet an, daß der Zustand des Himmels Gemeinschaft ist. «Komm!»

Dann heißt es: «Kommt, ihr Gesegneten»; welches deutlich zeigt, daß es ein glücklicher Zustand ist. Sie können nicht gesegneter werden, als sie sind. Ihres Herzens Wunsch ist erfüllt, und obwohl ihre Herzen vergrößert und ihre Wünsche durch den Eingang in die Ewigkeit und die Befreiung von dem drückenden Einfluß des Verderbens und der Zeit erweitert worden sind, so werden ihre Wünsche doch alle erfüllt in dem Maße, wie sie es begreifen können.

So viel wissen wir, sie sind über alle Maßen gesegnet. Ihr Glück, werdet ihr bemerken, kommt nicht von einer untergeordneten Freude, sondern aus der Grundquelle alles Guten. «Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters.» Sie trinken den unverfälschten Wein an der Weinpresse selbst, wo er lieblich aus der Traube fließt; sie pflücken himmlische Früchte von den nie verwelkenden Zweigen der unsterblichen Bäume; sie werden am Lebensbrunnen sitzen und das Wasser trinken wie es mit unvergleichlicher Frische aus der Tiefe des Herzens der Gottheit fließt; sie werden sich nicht von der Sonne bestrahlen lassen sondern sein wie die Engel, die in der Sonne stehen; sie werden in Gott wohnen, und dadurch werden ihre Seelen gänzlich befriedigt und mit Seiner Gegenwart und Seiner Segnung mehr als erfüllt sein.

Beachtet auch noch, daß es nach den gebrauchten Worten ein Zustand ist, zu welchem sie ein Recht haben; ein Zustand also von vollkommener Freiheit, Ruhe und Furchtlosigkeit. Es heißt: «Ererbet das Reich.» Niemand fürchtet, das zu verlieren, was durch seinen Vater sein ist. Wenn der Himmel der Gegenstand des Verdienstes sei, so könnten wir fürchten, daß unsere Verdienste nicht ausreichten und wir zu erwarten hätten, daß sich eines Tages ein Irrtum herausstellte und wir ausgetrieben würden. Aber wir wissen, wessen Kinder wir sind; wir wissen, wessen Liebe unseren Geist fröhlich macht, und wenn wir das Reich «ererben», so gehen wir nicht als Fremde hinein, sondern als Kinder, die zu ihrem Geburtsrecht kommen. Wenn wir die goldenen Straßen und die Perlentore überblicken, werden wir uns im eigenen Hause behaglich fühlen und wissen, daß wir ein Recht auf alles, was dort ist, haben, nicht aus Verdienst, sondern aus Gnaden. Es wird ein Zustand des himmlischen Entzückens sein; der Christ wird fühlen, daß Gesetz und Gerechtigkeit auf seiner Seite sind und daß diese ernsten Eigenschaften ihn ebenso wohl dahin gebracht haben wie die Gnade und liebende Güte. Das Wort «ererben» bedeutet hier voller Besitz und Genuß. Sie haben es schon in einem gewissen Sinne vorher ererbt, aber jetzt treten sie ihre Erbschaft an und sind nun im vollen Besitz, wie ein Erbe in seiner vollen Mündigkeit sein eigenes Geld ausgibt und seinen eigenen Acker bearbeitet. Wir sind noch nicht mündig und darum werden wir noch nicht zum vollen Besitz gelangen. Aber warten wir nur ein wenig; die grauen Haare zeigen es, meine Brüder, daß ihr bald reif seid. Meine jugendlichen Locken zeigen mir, daß ich wohl noch eine lange Zeit zu warten habe, und doch weiß ich es nicht gewiß. Vielleicht läßt mich der Herr bald mit meinen Vätern entschlafen. Doch wie Er will, früher oder später kommt ein Tag, an dem wir in den vollen Besitz des guten Landes kommen. Wenn es schon angenehm ist, ein Erbe zu sein in der Unmündigkeit, was wird es sein, wenn wir in der vollkommenen Mündigkeit sind! O, ihr lieblichen Felder! Ihr unsterblichen Heiligen, die ihr dort ruht! Wann werden wir bei euch sein und an eurem Genuß teilnehmen? Wenn schon das Denken an den Himmel die Seele entzückt, was muß es sein, dort sich in den Strom zu tauchen und keinen Grund zu finden, zu schwimmen und kein Ufer zu sehen! Vom Himmelswein zu nippen, was wir zuweilen tun, macht unser Herz so fröhlich, daß wir nicht wissen, wie wir unsere Freude ausdrücken sollen. Was wird es sein, zu trinken und wieder zu trinken, immer an der Tafel zu sitzen und zu wissen, daß das Fest nie enden wird und die Becher nie leer werden und daß nicht zuletzt schlechter Wein gebracht wird, sondern womöglich immer besserer bis zur unendlichen Vollkommenheit.

Das Wort «Reich», das danach steht, deutet den Reichtum des Erbteils der Heiligen an. Es ist kein kleines Gut, keine milde Stiftung, keine glückliche Ecke in der Verborgenheit. Ich hörte einen guten Mann sagen, er würde zufrieden sein, wenn er nur eine Ecke hinter der Türe bekommen würde. Ich nicht. Der Herr sagt, wir sollen ein Reich ererben. Wir würden nicht zufrieden sein, weniger zu ererben, denn weniger würde unserem Charakter nicht passen. «Er hat uns unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht» und wir müssen für immer regieren oder wir sind so übel dran wie entthronte Monarchen. Ein König ohne Königreich wäre ein unglücklicher Mann. Wenn ich ein armer Diener wäre, so wäre eine milde Stiftung eine Wohltat für mich, denn es würde mit meinen Verhältnissen übereinstimmen, aber wenn ich aus Gnaden zu einem Könige gemacht worden bin, so muß ich ein Königreich haben, oder ich habe keine Stellung erlangt, die meiner Natur angemessen ist. Er, der uns zu Königen gemacht hat, wird uns auch ein Königreich geben, das der Natur, die Er uns verliehen hat, genügt. Geliebte, strebt mehr nach dem, was der Geist Gottes uns geben will, ein königliches Herz. Seid nicht unter denen, die mit der elenden Natur der gewöhnlichen Menschheit zufrieden sind. Eine Glaskugel des Kindes ist alles, was die Welt einem königlichen Geiste ist, und diese glänzenden Diademe sind nur Kinderspiel für Gottes Könige. Die wahren Juwelen sind droben, der wahre, wertvolle Schatz ist über den Sternen. Setzt eurer Seele keine Grenzen und seid nicht engherzig. Sucht ein königliches Herz zu erhalten. Bittet den König aller Könige darum, sowie um einen königlichen Geist. Handelt königlich auf Erden gegen euren Herrn und um Seinetwillen gegen alle Menschen. Geht nicht in der Welt umher wie gemeine Menschen in Geist und Tat, sondern wie Könige und Prinzen von einem höheren Geschlecht als die Erdarbeiter, die auf ihren Knien liegen und im Schmutz nach gelber Erde suchen. Dann, wenn eure Seele königlich ist, denkt mit Freuden daran, daß euer zukünftiges Erbe alles das enthalten wird, wonach eure Seele sich in ihren «königlichsten» Augenblicken sehnt. Es wird ein Zustand unaussprechlichen Reichtums der Seele sein.

Nach dem Worte «bereitet» können wir annehmen, daß es ein ganz ausgezeichneter Zustand sein wird. Es ist ein bereitetes Reich, und es ist so lange bereitet worden, und derjenige, der es bereitet, ist so wunderbar reich an Quellen, daß wir unmöglich begreifen können, wie ausgezeichnet es sein wird. Wenn ich so sagen darf, sind Gottes gewöhnliche Gaben, die Er weggibt, als seien sie wertlos, schon unvergleichlich, aber wie werden diese Gaben sein, woran der unendliche Geist Gottes Jahrtausende gearbeitet hat, damit sie den höchsten Grad der Vollkommenheit erhalten! Lange, ehe die Weihnachtsglocken läuteten, war die Mutter schon so glücklich, daß ihr Sohn nach Hause kommen würde, nachdem er seit einem Vierteljahr in der Schule gewesen ist, und sogleich ging sie daran, alle Freuden für ihn vorzubereiten. Wohl mögen die Festtage herrlich sein, wenn die Mutter bestrebt war, sie dazu zu machen. In einer unendlich höheren Weise hat der große Gott ein Königreich für sein Volk bereitet; er hat gedacht, das werde ihnen gefallen und sie unendlich glücklich machen. Er bereitet das Königreich vollkommen, und dann, als sei dieses noch nicht genug, ging der herrliche Mensch Jesus Christus in den Himmel, und ihr wißt, was er sagte, als Er Abschied nahm: «Ich gehe hin, euch die Stätte zubereiten.» Wir wissen, daß der unendliche Gott eine Stätte für Sein Volk bereiten kann, aber das Wort klingt so lieblich, wenn wir lesen, daß Jesus selbst, der auch Mensch ist und daher unseres Herzens Wunsch kennt, einen Finger dazwischen hat; er bereitet es auch. Es ist ein Reich bereitet für euch, von dem Gott schon vor Grundlegung der Welt gedachte, es ganz vorzüglich zu machen.

Aber wir müssen weiter gehen. Es ist ein Reich, das «euch bereitet ist». Beachtet dieses. Ich muß gestehen, daß mir gewisse Aussagen nicht gefallen, die ich zuweilen höre, die besagen, daß der Himmel für einige bereitet ist, die nie hineinkommen werden; bereitet für solche, die letztendlich in die Hölle kommen werden. Ich weiß, es heißt in der Schrift: «Halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme», aber das bezieht sich mehr auf die Krone des Erfolgs der Arbeit im Werke des Herrn, als auf die Krone der Herrlichkeit.

Ein Wort, das vor einigen Tagen mein Ohr traf und von einem guten Manne ausgesprochen wurde, lautete ungefähr: «Für euch alle ist ein Himmel bereitet, aber wenn ihr nicht treu seid, werdet ihr ihn nicht gewinnen. Es liegt eine Krone für euch bereit, aber wenn ihr nicht treu seid, wird dieselbe keinen Träger haben.» Ich glaube das nicht; ich kann das nicht glauben. Daß die Krone des Lebens, die für die gesegneten des Vaters bereit liegt, einem anderen gegeben wird oder ohne Besitzer bleibt, glaube ich nicht. Ich kann nicht begreifen, daß Kronen im Himmel sein werden und niemand da ist, der sie trägt. Denkt ihr, daß im Himmel, wenn die Zahl der Heiligen vollständig ist, noch eine Anzahl unbenutzter Kronen sein werden? «Ach, wozu sind diese? Wo sind die Häupter für dieselben?» «Sie sind in der Hölle.» Wenn das so wäre, Brüder, habe ich keinen besonderen Wunsch, im Himmel zu sein, denn wenn die Familie Christi nicht ganz dort ist, wird meine Seele elend und vereinsamt sein wegen ihres traurigen Loses, denn ich habe mit ihnen allen Gemeinschaft gehabt. Wenn ein einzige Seele, die an Jesus glaubt, nicht hineinkommt, dann werde ich die Achtung vor der Verheißung und auch vor dem Meister verlieren. Er muß jede Seele, die Ihm vertraut, Sein Wort halten. Wenn unser Gott, der schon vor Grundlegung der Welt eine Stätte und alle Schätze für Sein Volk bereitet hat, Seine Kinder so täuschen würde, so ist Er kein Gott für mich, denn einen solchen Gott könnte ich nicht anbeten. An einen solchen Gott glaube ich nicht. Ein solches Wesen würde gar kein Gott sein. Sprecht so von Jupiter und Venus, wenn es euch gefällt, aber der ewige Bundesgott wird, so weit eine menschliche Rede Ihn entehren kann, entehrt, wenn man Ihn in einem solchen Zusammenhang bringen würde. Er hat eine Stätte für euch bereitet. Hier handelt es sich um persönliche Erwählung. Er hat deutlich für die Seinen verordnet, daß, wo Er ist, sie auch sein sollen.

«Bereitet von Anbeginn der Welt.» Hier erscheint die ewige Erwählung, ehe die Menschen geschaffen waren; eine Krone bereitet, ehe ein Kopf da war, sie zu tragen. So hat Gott, ehe die leuchtenden Sterne in ihren Bahnen kreisten, die Erwählung seines Volkes vorgenommen, die durch die Erscheinung Christi vollendet wurde zum Preise seiner herrlichen Gnade, der alle Dinge wirkt nach dem Rat Seines Willens. Unser Anteil ist also ein von Ewigkeit bereiteter nach der Wahl der Gnade Gottes; ein Anteil, passend für den höchsten Charakter, den wir je erlangen können, und der in der Verbindung mit Christus und der Gemeinschaft mit Gott besteht, und ewig werden wir bleiben an dem Orte der Würde und Glückseligkeit.

III.

Und nun habe ich nur noch wenig Zeit, über die Personen zu sprechen, die dahin kommen.

Sie sind zu erkennen an einem verborgenen und einem öffentlichen Charakter. Ihr Name ist: «Gesegnete des Vaters.» Der Vater erwählte sie, gab Seinen Sohn für sie, machte sie gerecht durch Christus, bewahrte sie in Christus Jesus, nahm sie auf in die Gottesfamilie und nimmt sie nun auf in Sein eigenes Haus. Ihre Natur findet ihr in dem Worte: «ererbet.» Niemand anderes kann erben als Kinder; sie sind von neuem geboren und haben die Natur Gottes bekommen. Da sie dem Verderben der Welt entflohen sind, sind sie Teilhaber der göttlichen Natur geworden; sie sind Kinder. Ihre Bestimmung wird erwähnt: «ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.» Ihr Name ist: «Gesegnete», ihre Natur ist die eines Kindes und ihre Bestimmung geschieht nach Gottes Verordnung.

Nun müssen wir noch einige Minuten über ihre Werke sprechen. Sie scheinen sich unter den Menschen durch Werke der Barmherzigkeit ausgezeichnet zu haben. Diese waren in keiner Weise an äußeren Formen zu beobachten. Es wird nicht gesagt, daß sie predigten, aber sie taten es, wenigstens einige von ihnen. Es wird nicht gesagt, daß sie beteten; sie müssen es getan haben, denn sonst hätten sie kein geistliches Leben gehabt. Die Werke, die zu ihrer Auszeichnung ausgewählt worden sind, sind Werke der Barmherzigkeit gegen die Dürftigen und Verlassenen. Warum diese? Ich denke, weil alle Völker, die um den Thron versammelt waren, diesen Beweis ihrer wiedergeborenen Natur zu schätzen wußten. Der König selbst mochte mehr an ihre Gebete als an ihre Almosen denken, aber die Menge tat es nicht. Er spricht so, um das Urteil aller Versammelten zu erhalten. Selbst die Feinde konnten nicht dagegen sprechen, daß Er die «Gesegnete» nennt, die diese Werke vollbracht hatten. Es muß ein Werk sein, das gut ist und den Menschen gedient hat, sonst würde es die allgemeine Zustimmung nicht erhalten. Gegen dieses gibt es kein Gesetz. Ich habe nie von einem Staat gehört, in dem es gesetzlich verboten ist, die Nackten zu kleiden und die Hungernden zu speisen. Wenn das Gewissen der Menschheit auch noch so abgestumpft ist, so entdeckt es doch gleich das Tugendhafte in der Fürsorge für die Armen. Ohne Zweifel ist das die Ursache, weshalb diese Werke ausgewählt werden. Dann mögen sie auch gewählt worden sein als Beweis der Gnade, weil sie als Werke ein wunderbares Mittel sind, die Heuchler von den wahren Christen zu trennen. Dr. Gill hat die Meinung und vielleicht hat er recht, daß wir hier kein Bild von dem allgemeinen Gericht haben, sondern von dem Gericht über die Bekenner Christi, und wenn das so ist, so ist um so mehr anzunehmen, daß diese Werke der Barmherzigkeit gewählt werden, um einen angemessenen Unterschied zu machen zwischen den Heuchlern und den Aufrichtigen. Ich fürchte, daß einige von euch Bekennern die Probe nicht bestehen werden. Gute Beter nennt man euch, aber was gebt ihr dem Herrn? Euer Glaube hat eure Tasche nicht berührt. Dieses ist nicht auf alle anzuwenden, denn es gibt viele unter euch, für die ich es wagen könnte, vor Gottes Gericht aufzutreten, denn sie haben ihr Eigentum dem Herrn geweiht und geben, wie ich sagen darf, über ihr Vermögen, sowohl für die Armen als für das Werk des Herrn. Es gibt aber andere von ganz verschiedener Gemütsverfassung. Nun will ich euch etwas auf gut deutsch sagen, was niemand mißverstehen kann. Ihr mögt von eurer Religion sprechen, bis euch die Zunge lahm wird, und andere mögen euch glauben; ihr mögt zwanzig Jahre in der Gemeinde gewesen sein, und niemand ist imstande gewesen, in irgend einer Weise einen Tadel über euren Wandel auszusprechen. Wenn es aber in eurer Macht steht und ihr habt nichts für die Not der armen Glieder Christi getan, so werdet ihr gewiß so verdammt werden wie die Trunkenbolde und die Kuppler. Wenn ihr keine Sorge für die Gemeinde tragt, so wird dieser Text, auf euch angewandt, euch ebenso sicher in die unterste Hölle bringen, als wenn ihr die größten Spötter gewesen wärt. Das ist gut deutsch, aber es ist der Sinn meines Textes, und es wäre zu meinem Verderben, wenn ich davor zurückschreckte, euch dieses zu sagen. «Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt» - mir guten Rat gegeben, aber kein Brot. «Ich bin durstig gewesen, und ihr habt» - mir einen Traktat, aber keinen Trunk gegeben. «Ich bin nackt gewesen, und ihr habt» - mir gute Wünsche gesagt, aber keine Kleider gegeben. «Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt» - mich bemitleidet, aber nicht aufgenommen. «Ich bin krank gewesen, und ihr habt» - mir einen Arzt empfohlen, mich aber nicht besucht. Ich bin gefangen gewesen, ich, Jesus Diener, bin verfolgt worden und um Jesus willen ins Gefängnis gekommen, und ihr sagt, ich hätte vorsichtiger sein sollen, aber ihr seid nicht zu mir gekommen und habt nicht an der Schmach um der Wahrheit willen teil genommen. Dies ist eine schreckliche Rute für einige von euch Knickrigen, deren Hauptgenuß es ist, zu nehmen, so viel ihr könnt, und es festzuhalten, aber es gibt eine Rute, die oft gebraucht werden muß. Wer es auch sei, der euch täuscht oder schont, ich will es mit Gottes Gnade nicht tun, sondern will kühner werden denn je, die Sünde an den Pranger zu stellen. «Aber», sagt jemand, «wie wird es denen ergehen, die nichts zu geben haben?» Mein lieber Bruder, merkst du nicht, wie köstlich der Text für sie ist? Er deutet an, daß es einige gibt, die den Hungrigen kein Brot, und den Nackten keine Kleider geben können, was sagt er von denen? Du siehst, es wird von ihnen gesprochen als «meinen Brüdern,» welche diese Wohltaten empfangen, so daß diese Schriftstelle die Armen tröstet, anstatt sie zu verurteilen. Gewiß geben manche von uns den Armen, so viel sie übrige haben, und deshalb kommt natürlich jeder zu solchen. Wenn man dann aber sagen muß: «Ich kann jetzt wirklich nicht mehr geben», so spottet mancher und sagt: «Du willst dich einen Christen nennen?» Ja, das tue ich. Ich würde mich aber nicht als Christ bezeichnen, wenn ich anderer Leute Geld weggeben wollte. Ich würde mich einen Dieb nennen, der vorgibt, mitleidig zu sein und seine Schulden nicht bezahlen kann. Ich habe wirklich großes Mitleid mit den Leuten, die vor das Fallitengericht gehen. Ich meine nicht die Schuldner, denn mit denen habe ich selten viel Mitleid; ich habe Mitleid mit den Gläubigern, die ihr Geld verlieren, weil sie unehrlichen Leuten Vertrauen geschenkt haben. Wenn jemand sagt: «Ich will mir einen guten Ruf erwerben» und dann mehr tut, als seine Mittel erlauben, so fängt er die Sache verkehrt an, denn dieses ist an sich ungerecht. Was du zu geben gedenkst, muß dein sein. «Aber ich werde mich einzuschränken haben, wenn ich geben will», sagt jemand. Gut, schränke dich ein! Ich denke, es ist nur das halbe Vergnügen, Gutes zu tun, ehe es zur Einschränkung kommt. Diese Bemerkung bezieht sich natürlich nur auf solche unter uns, die nur bescheidene Mittel haben und die bei ihrem Almosengeben bald zur Einschränkung kommen. Wenn du zu fühlen anfängst: «Nun muß ich dieses drangeben, nun muß ich das kürzen, um mehr Gutes tun zu können», o, dann kannst du nicht sagen, wie glücklich du dich fühlst, weil du dann sagen kannst: «Jetzt habe ich Gott nicht nur die Käserinde und die Lichtstumpen gegeben, die ich nicht mehr gebrauchen konnte, sondern ich habe wirklich ein gutes Stück Brot für meinen Meister heruntergeschnitten. Ich habe Ihm nicht ein zurückgebliebenes Stück, das fast schimmelig war, gegeben, sondern ein Stück von meinem täglichen Brot, und ich freue mich, meine Liebe gegen Jesus durch Selbstverleugnung zeigen zu können.» Wenn du solches tust und aus Liebe zu Jesus die Hungrigen speist und die Nackten kleidest, so glaube ich, daß diese Werke für dich zeugen, weil sie gesegnete Zeichen sind, die Heuchler und die wahrhaft Gottseligen zu unterscheiden.

Wenn es hier heißt «denn», so mußt du nicht denken, daß es so zu verstehen sei, daß sie deshalb belohnt werden; sondern weil dieses der Beweis ist, daß sie Diener Gottes sind. Wenn sie die Belohnung nicht als Verdienst dafür erhalten, so zeigt es, daß sie aus Gnaden errettet sind und der Beweis dafür ist, daß Jesus solche Werke in ihnen wirkte. Wenn Jesus solches nicht in euch wirkt, so habt ihr keinen Teil an Ihm. Wenn ihr nicht solche Werke tut, wie sie hier erwähnt werden, so habt ihr nicht an Jesus geglaubt. Nun sagt jemand: «Dann werde ich in Zukunft den Armen geben, um diese Belohnung zu erhalten.» O, da bist du sehr im Irrtum, wenn du so denkst. Dem Herzog von Burgund wurde von einem armen Mann, einem treuen Untertan, eine große Rübe, die in seinem Garten gewachsen war, als Geschenk gebracht. Es war wirklich ein armer Mann, der seine Rüben selbst dringend nötig hatte, aber er hatte aus treuer Untertänigkeit diese Rübe, die in seinem Garten gewachsen war, dem Fürsten gebracht. Der Fürst war so erfreut über die Treue und Liebe des Mannes, daß er ihm eine bedeutende Geldsumme schenkte. Der Verwalter dachte: «Das lohnt sich. Dieser Mann hat für seine große Rübe fünfhundert Mark bekommen. Ich denke, ich mache dem Herzog auch ein Geschenk.» Er kaufte ein Pferd, schenkte dieses und erwartete zehnmal soviel wieder zu bekommen, als es ihn gekostet hatte. Der Herzog, da er ein weiser Mann war, nahm das Pferd ruhig an und schenkte dem habsüchtigen Verwalter nichts. Das war alles. So sagt ihr: «Hier ist ein christlicher Mann, und er wird belohnt, Er hat den Armen gegeben und zum Reiche Gottes beigetragen, und er wird selig. Das «Ding» macht sich bezahlt, und ich werde mich dessen auch versichern.» Ja, aber du siehst, daß der Verwalter das Pferd dem Herzog nicht aus Treue und Liebe schenkte, sondern nur aus Liebe zu sich selbst und darum keinen Lohn empfing. Wenn du Werke der Barmherzigkeit aus dem Grunde verrichtest, dadurch in den Himmel zu kommen, so speist und kleidest du dich nur selbst. Deine Tugend ist keine Tugend, sondern bare Selbstsucht, sie riecht stark nach Eigennutz. Jesus wird sie nicht annehmen, und du wirst Seinen Dank nicht bekommen. Du hast dir selbst gedient, und es wird keine Belohnung folgen. Du mußt zuerst zum Herrn Jesus kommen und auf Ihn blicken, um selig zu werden, und nur, wenn du errettet bist, bist du imstande, den Armen zu geben und das übrige zu tun, ohne daß die Selbstsucht sich einmischt, und du wirst einen Gnadenlohn erhalten. Es ist notwendig, an Jesus zu glauben und selbst völlig errettet zu sein, ehe es irgend einen Wert hat, wenn du die Hungrigen speist und die Nackten kleidest.

Gott verleihe euch Gnade, daß ihr zu meinem einst verwundeten Meister geht und in seiner kostbaren Erlösung, die Er für die Sünde der Welt vollbracht hat, Ruhe findet, und wenn ihr das getan habt und also geliebt worden seid, dann zeigt eure Liebe. Da ihr so teuer erkauft seid, so lebt für Ihn, der euch erkauft hat, und unter den Werken, womit ihr es beweist, lasset folgende als von Gott gegebene Perlen glänzen: das Besuchen der Kranken, das Trösten der Armen, den Beistand der Notleidenden und die Hilfe der Schwachen. Gott nehme diese von begnadigten Seelen kommenden Opfer an, und Ihm sei Preis immerdar. Amen.

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