Spurgeon, Charles Haddon - Das Blut Abels und das Blut Jesu

Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreiet zu mir von der Erde.
1 Mose 4,10

Und zu dem Mittler des Neuen Testaments, Jesu, und zu dem Blut der Besprengung, das da besser redet, denn Abels.
Heb. 12,24

Das erste Vergießen menschlichen Blutes war ein sehr schrecklicher Versuch. Ob Kains mörderischer Schlag geplant war oder nicht, der Anblick eines blutenden menschlichen Leichnams muß etwas Neues und Schreckliches für ihn gewesen sein. Er war noch nicht abgehärtet durch das Lesen von Schilderungen der Vorfälle im Krieg oder durch Hören von Mordgeschichten; Töten und Erschlagen waren neue Schrecken für die Menschheit, und er, der erste Gewalttäter, muß erstaunt über das Ergebnis seines Schlages und gleichzeitig voller Sorge über seine Folgen gewesen sein. Ich sehe ihn bei der Leiche stehen, einen Augenblick starr vor Schrecken, entsetzt beim Anblick des Blutes. Wird der Himmel feurige Pfeile auf ihn schießen? Wird die mit Blut getränkte Erde schnelle Rächer aus ihrem erstaunten Boden senden? Was für Fragen müssen durch die Seele des Mörders gezuckt sein! Aber nichts davon! Das warme Blut fließt in einem roten Strom auf die Erde, und ein gräßlicher Trost kommt in die Seele des schuldigen Sünders, als er die Erde das Blut aufsaugen sieht. Es bleibt nicht in einer Lache stehen, sondern die Erde tut ihren Mund auf, das Blut seines Bruders aufzunehmen und zu verbergen. Traurige Gedenkzeichen beflecken das Gras und färben den Boden rot, aber doch vertrocknet die entsetzliche Flut, und der Mörder empfindet eine augenblickliche Freude. Vielleicht ging Kain seines Wegs und dachte bei sich, daß die schreckliche Sache ganz vorbei sei. Er hatte es getan, und seine Tat konnte nicht rückgängig gemacht werden; er hatte den Schlag versetzt, sich von der Gegenwart des Menschen befreit, der ihm verhaßt war; das Blut war in der Erde versickert, und damit war die Sache zu Ende, die ihm keinen weiteren Gedanken zu verursachen brauchte. Es war in jenen Tagen keine Maschinerie von Polizei und Gesetz von Richtern und Galgen, und darum hatte Kain wenig oder nichts zu fürchten; ein starker, kräftiger Mann, aber niemand, der ihn zu strafen vermochte, und keiner, der ihn anklagen oder tadeln konnte, ausgenommen sein Vater und seine Mutter, und diese waren möglicherweise zu sehr niedergebeugt vor Kummer und wußten zu sehr um ihre eigene Sündhaftigkeit, um viel Groll gegen ihren Erstgeborenen zu zeigen. Er mag sich deshalb vorgestellt haben, daß die Tat sprachlos und stumm sei, und daß man sein Verbrechen bald vergessen würde, so daß er seines Weges gehen könne, als wäre nichts geschehen.

Aber dem war nicht so, denn obwohl das Blut nichts zu seinem verhärteten Gewissen sprach, so hatte es doch anderswo eine Stimme. Eine geheimnisvolle Stimme ging hinauf in den Himmel; sie erreichte das Ohr des Unsichtbaren und bewegte das Herz der ewigen Gerechtigkeit, so daß Gott den Vorhang durchbrach, der den Unendlichen vor dem Menschen verbirgt, sich zeigte und zu Kain sprach: „Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreiet zu mir von der Erde“. Da wußte Kain, daß Blut nicht so mir nichts dir nichts vergossen werden könnte. daß Mord gerächt werden würde, denn es war eine Zunge in jedem Tropfen des Blutes, der aus dem Gemordeten floß, und der fand Gehör bei Gott, so daß Er dazwischentrat und eine feierliche Untersuchung anstellte.

Brüder, es war ein noch furchtbarerer Versuch, der auf Golgatha angestellt ward, weil dort nicht der erste Mensch getötet wurde, sondern der Sohn Gottes selber; Er, der Mensch war, aber doch mehr als ein Mensch, Gott selbst, der Mensch geworden war. Es war eine schauerliche Tat, als sie, nachdem sie Ihn vor den Richterstuhl geschleppt hatten, ihn nach den Meineiden verurteilt und geschrien hatten: Hinweg mit Ihm! Hinweg mit Ihm! wirklich wagten, die Nägel zu nehmen und den Sohn Gottes an das verfluchte Holz zu nageln, seinen Leib zu erheben zwischen Himmel und Erde, und seine Leiden zu beobachten, bis sie mit seinem Tode endeten, und dann seine Seite zu durchbohren, bis Blut und Wasser herausfloß. Ohne Zweifel dachte Pilatus, der seine Hände in Wasser gewaschen hatte, daß kein Unheil daraus entstehen würde. Die Schriftgelehrten und Pharisäer gingen weg und sprachen: Wir haben die anklagende Stimme zum Schweigen gebracht. In den Straßen wird man nicht nicht mehr seinen Ruf hören, wenn er sprach: «Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler.» Wir werden nicht länger in unsrer Heuchelei und unserm Hängen an Formen gestört werden durch die Gegenwart eines reinen und heiligen Menschen, dessen einfache Aufrichtigkeit ein strenger Vorwurf gegen uns war. Wir haben Ihn ermordet, wir haben Ihn ohne gerechte Ursache ums Leben gebracht, aber nun hat die Sache ein Ende. Dieses Blut wird keine Stimme haben. Sie wußten nicht, daß der Schrei Jerusalems schon hinauf zum Himmel gegangen war. „Sein Blut komme über uns und unsre Kinder!“ war auf den Tafeln der Gerechtigkeit verzeichnet, und in kurzer Zeit wurde Jerusalem die Schatzkammer des Leids und eine Höhle des Elends, so daß etwas Ähnliches wie ihre Zerstörung niemals auf Erden gewesen ist und niemals sein wird. Weit erfreulicher ist es, daß ein anderer, melodischerer Ruf vom Kreuz auf Golgatha zum Himmel hinaufstieg. „Vater, vergib ihnen!“ Das Blut Abels war nicht ohne Stimme; das Blut Jesu war nicht stumm; es rief so, daß es unter den Thronen des Himmels. gehört wurde, und gelobt sei Gott, es sprach für uns und nicht gegen uns; es wurde keine Ruf der Rache, wie es wohl hätte sein können, sondern ein Ruf der Vergebung - anders als der Ruf Abels. Es forderte nicht wütendere Rache als die, die Kain ertragen mußte; es verlangte nicht, daß wir ruhelos und flüchtig auf Erden umhergetrieben werden sollten und zuletzt, auf ewig von Gott verbannt, in die Hölle kämen, sondern es rief: „Vater, vergib ihnen“, und es siegte, und der Fluch wurde von uns genommen, und ein Segen kam zu den Menschenkindern. Heute haben wir vor, gemeinsam das Reden der Stimme des Blutes Abels und der Stimme des Blutes Jesu zu vergleichen. Beide redeten. Das ist sichtbar. Abel redet noch, obwohl er gestorben ist, sagt der Apostel, und wir wissen zu unserem ewigen Trost, daß das Blut Jesu vor dem ewigen Thron redet. Jedes Blut hat eine Stimme, denn Gott wacht eifrig darüber, daß es erhalten bleibt, das Blut guter und gerechter Menschen hat eine noch himmlischere Sprache, aber die Stimme des Blutes Jesu übertrifft sie alle weit und trägt unter zehntausend Stimmen den Siegeskranz davon.

I.

Zuerst, Jesu Blut redet generell besser.

Was sagte das Blut Abels? War es nicht das Blut des Zeugnisses?

Als Abel auf den Boden fiel unter den Keulenschlägen seines Bruders, legte er Zeugnis für eine geistliche Religion ab. Kain war der Liebhaber einer bloß äußerlichen Gottesverehrung; der Glaube hatte keinen Raum in ihr. Er liebte eine Gottesverehrung mit Schauspiel und Pomp, er verzierte den Altar mit Früchten und schmückte ihn mit Blumen; seine Religion war geschmackvoll und elegant, eine Religion seiner eigenen Erfindung; aber es fehlte ihr eine demütige, gläubige, geistliche Beziehung mit dem verheißenen Befreier. Abel stand da als Bekenner einer schmucklosen Religion des Glaubens an das zugesagte Opfer. Auf dem Altar war ein Lamm, blutend aus einer Todeswunde und zurecht gelegt, um verbrannt zu werden; ein Anblick, an dem der gute Geschmack keine Freude haben konnte, eine Sache, von der Liebhaber des Schönen sich mit Entsetzen wegwenden würden. Abel hatte ein solches Opfer gewählt, weil Gott es gewählt hatte und weil es das angemessene Mittel war, um den Glauben zu seinem wahren Gegenstand, dem Herrn Jesus, zu leiten. Er sah durch den Glauben in dem blutenden Lamm das Zeichen für des Herrn große Vergebung der Sünde, das nicht in Kains Gabe von Früchten der Erde gesehen werden konnte, wie geschmackvoll die Gabe auch sein mochte. Abel steht vor uns als der Erste in einer Wolke von Zeugen, die alle mutiges Zeugnis ablegten und bereit waren, es mit ihrem Leben zu besiegeln. Er starb als Märtyrer für die Wahrheit, die große, ehrliche Wahrheit, daß Gott die Menschen nach ihrem Glauben annimmt . Alle Ehre dem Blut des Märtyrers, das so kräftig für köstliche Wahrheit spricht. Unser Herr Jesus, auch ein Zeuge für den Glauben Gottes, sprach besser als Abel, weil Er mehr zu sagen hatte und weil Er aus einer genaueren Bekanntschaft mit Gott reden konnte. Er war ein vollkommener Zeuge von der göttlichen Wahrheit als Abel dies sein konnte, denn Er brachte Leben und Unsterblichkeit ans Licht und sprach mit den Seinen ganz klar über den Vater. Unser Herr Jesus Christus war in des Vaters Schoß gewesen, und er kannte das göttliche Geheimnis; dieses. Geheimnis offenbarte Er den Menschenkindern in seiner Predigt und bezeugte es dann mit seinem Blut. Es ist nicht zu vergessen, daß, obwohl der Tod Christi hauptsächlich eine Sühne für die Sünde war, er doch zugleich auch ein Zeugnis für die Wahrheit war, denn es heißt von Ihm, daß Er den Leuten zum Zeugen gestellt ist, zum Fürsten und Gebieter den Völkern, und da Er ein sterbender, blutender Märtyrer war, bezeugte sein Blut (das wird euch klar sein), eine vollere, hellere und glorreichere Wahrheit als das Blut Abels. Darüber hinaus: Das Blut Abels redete gut, weil es der Beweis der Treue war. Dieser teure Diener des großen Meisters war treu trotz des Widerstandes seines Bruders; ja, treu bis zum Tod. Es konnte nicht von ihm gesagt werden, wie der Apostel von einigen andern sagte: „Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden über dem Kämpfen wider die Sünde“. Er widerstand der Sünde bis aufs Blut; er war treu in seinem ganzen Hause als ein Diener; er ließ sich nicht von seiner Lauterkeit abwenden, sondern hielt auch selbst sein Leben nicht für teuer. Sein Blut sprach, als es zur Erde fiel: Großer Gott, Abel ist Dir treu. Aber das Blut Jesu Christi bezeugt eine noch größere Treue, denn es folgte auf ein fleckenloses, vollkommenes Leben, das niemals von einer Sünde verunreinigt war; im Gegensatz zu Abels Tod, der zwar ein Leben des Glaubens beendete, aber kein Leben der Vollkommenheit. Die Treue Jesu war vollständig vom Tage seiner Geburt bis zu der Stunde seines Todes; und da sonst keine Notwendigkeit für Ihn da war, zu sterben, so war die freiwillige Hingabe seines Lebens um so mehr eine Tat des Gehorsams und ein um so besserer Beweis seiner Treue gegen das Ihm Anbefohlene.

Laßt uns nie vergessen, daß alles, was Abels Blut sagen konnte, als es auf die Erde fiel, nur der Schatten von dem weit herrlicheren Wesen war, das Jesu Tod uns zusichert. Jesus war nicht ein Bild für die Sühne, sondern brachte sie dar; Er war nicht das Bild.. eines Opfers, sondern war das große Opfer selbst, und da das Wesen immer den Schatten übertreffen muß, so redet das Blut Jesu Christi besser als das Blut Abels.

Es ist gut hinzuzufügen, daß unser Herr unendlich würdiger und glorreicher war als Abel; daher muß sein Tod mit einem viel beredteren Munde sprechen als der Tod eines bloßen Menschen, wie Abel es war. Er, der von Kains Hand stirbt, ist nur einer von uns, der von Wahrheit und Gerechtigkeit zeugt, der durch Glauben von einem künftigen Opfer zeugt; aber Er, der von der Hand des Herodes und Pilatus starb, war göttlich und kam mit keiner gewöhnlichen Botschaft zu uns. Als der glorreiche Sohn Gottes das Haupt neigte und den Geist aufgab, muß die Stimme, die von seinem Blut kam, notwendig lauter, lieblicher, voller und göttlicher gewesen sein als die Stimme des Märtyrerblutes Abels. Wir verstehen daher, ehe wir zu Einzelheiten kommen, daß wir nach allgemeinen Grundsätzen sehr klar darüber sein können, daß das Blut Jesu besser reden wird als das Blut Abels.

II.

Nun wollen wir in den innersten Kern unseres Textes eindringen, während wir uns daran erinnern, daß das Blut Jesu besser zu Gott redet als das Blut Abels. Das Blut Abels schrie in die Ohren des Herrn, denn Er sprach zu Kain: „Die Stimme deines Bruders Bluts schreiet zu mir von der Erde“. Dieser Schrei ging nicht irgendwohin, um einen Mittler zu suchen, sondern ging geradewegs zum Richterstuhl Gottes und brachte eine Anklage wider den Mörder vor. Nun, was sagte Abels Blut zu Gott? Wenn ihr an der Stelle ständet, wo Abel fiel, und den Boden umher ganz rot gefärbt von dem geronnenen Blut sehen könntet, was würde euch das Blut zu sagen scheinen? Was würdet ihr euch vorstellen, daß das Blut zu Gott sagt? Es sagte: ‚O Gott, eins Deiner Geschöpfe, das Erzeugnis Deiner unvergleichlichen Kunst, ist in Stücke zertrümmert und barbarisch zerstört worden'. Ein lebendiger, fühlender Leib, von einer Kunst und Geschicklichkeit gebildet, wie nur Du sie zeigen kannst, wurde mutwillig zerbrochen. Der Töpfer erlaubt es nicht, daß das Gefäß, das auf dem Rad mit viel Kosten und Arbeit geformt ist, mutwillig zerbrochen wird, aber hier ist ein Leib, viel kostbarer, viel wunderbarer als irgend etwas, das menschliche Kunst erschaffen kann, und dieser ist zerbrochen. Großer Gott, Schöpfer aller Dinge, willst Du das mit Geduld ansehen, willst Du es ertragen, das Werk Deiner eignen Hände so grausam zerstört zu sehen? War nicht viel in diesem Schrei? Dann redete das Blut weiter: ‚O Gott, Dein Geschöpf ist ohne Ursache zerstört worden. Es gab keinen gerechten Grund zum Zorn gegeben, es gab keine Beleidigung, die einen so furchtbaren Schlag verdienen konnte; sondern eins Deiner schwachen Geschöpfe, das einen Anspruch auf Deinen freundlichen Schutz hat, wurde mutwillig und unnötigerweise erschlagen: - sein Blut ruft Dich an! Du Richter der ganzen Erde, willst Du die Schwachen von den Starken niedertreten lassen und willst Du es dulden, daß die Unschuldigen von der zornigen Hand der Gottlosen erschlagen werden?' Ihr seht, der Schrei gewinnt an Kraft. Zuerst ist es: ‚O Gott, Dein Geschöpf wurde zerstört'; danach ist es: ‚O Gott, Dein Untertan ist mißhandelt von einem seiner Mit-Untertanen, von einem, der Dein Feind geworden ist: willst Du nicht dazwischen treten?' Doch das Blut Abels sagte mehr als das; es sprach: ‚Wenn die Liebe zu Dir nicht gewesen wäre, so wäre dies Blut nicht vergossen! Wenn diese Tropfen nicht durch Andacht geweiht gewesen wären, wenn dieses Blut nicht in den Adern eines Menschen geflossen wäre, der Gott von ganzem Herzen liebte, so wäre es nicht auf den Boden ausgeschüttet worden'. ‚O Gott', schreit jeder Tropfen ‚ich fiel auf den Boden für Dich, willst Du dies ertragen? Soll ein Geschöpf, das Du gemacht hast, sein Leben mit Schmerz und Qual für Dich dahingeben, und willst Du wie eine kalte, regungslose, ungerührte, unbewegliche Statue sein und gefühllos zuschauen? Willst Du Dich nicht aufmachen, o Gott? Soll Blut um Deinetwillen vergossen werden, ungerechterweise noch dazu, das Blut Deines eignen, liebenden, gerechten Geschöpfes, und willst Du nicht dazwischen treten?' Was für Kraft ist in einer solchen Stimme! Doch das Blut fügte noch hinzu: ‚O Gott, ich bin im Trotz gegen Dich vergossen worden, denn der Schlag, der von Kains Hand kam, zielte nicht nur auf Abel, dem Geist nach zielte er auf Dich, denn wenn Kain dasselbe an Dir hätte tun können, was er an seinem Bruder Abel tat, so würde er es zweifellos getan haben.' Er war von dem Bösen, und deshalb erschlug er seinen Bruder, und das Böse, was in ihm war, war gottesmörderisch; er würde Gott selbst erschlagen haben, wenn es in seiner Macht gewesen wäre, und deshalb schreit das Blut: ‚O Gott, hier ist der Fehdehandschuh des Trotzes, Dir selber hingeworfen. Kain trotzt Dir. Er hat den ersten Schlag nach Dir geführt, er hat den Vorposten des Heeres Deiner Erwählten niedergeschlagen. Willst Du in Ruhe zusehen? Willst Du nicht Rache nehmen? Willst Du nicht darauf achten? Soll Schweigen im Himmel sein, wenn Seufzen und Schreien auf der Erde ist? Soll des Himmels Herz kalt sein, wenn das Herz des Feindes heiß vor Wut und grimmig vor Empörung ist? O Gott, willst Du nicht dazwischen treten?' Das ist ein Schrei, der den Himmel zerreißt, aber es ist nicht alles. Das Blut des ersten Märtyrers fügte zu all diesem noch einen Ruf hinzu: ‚O Gott, dies ist das erste menschliche Blut, das durch Mord vergossen ist, und durch die Hand eines unnatürlichen Bruder vergossen. Willst Du daran vorübergehen? Wie kannst Du dann gerecht sein?' Forderte nicht dieses Blut eigentlich die Gerechtigkeit Gottes heraus? O Gott, wenn Du nicht diesen ersten barbarischen Totschläger strafst, der seinen Bruder tötet, dann werden die Menschen alle Jahrhunderte hindurch in Blut schwelgen und sich am Mord vergnügen, und sie werden sagen: «Wie sollte Gott es wissen? Er, der im Himmel sitzt, achtet nicht darauf, Er will nicht einmal sprechen?» Es wäre, als wenn Gott einen Freibrief für die Menschen gegeben hätte, daß einer des andern Blut vergießen darf und den Mord erlaubt hätte, über die ganze Schöpfung zu herrschen, wenn der erste Mord von dem großen Richter aller nicht beachtet worden wäre.

Hört ihr, meine Brüder, was für einen Schrei das Blut Abels gehabt haben muß, und mit welcher Macht es zum Himmel aufstieg.

Aber wir brauchen keine Vermutungen über die Kraft dieses Schreies anzustellen, denn die Bibel sagt uns, daß Gott ihn hörte, und als Er ihn hörte, kam Er, um Rechenschaft von Kain zu fordern, und Er sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Dann kam der vernichtende Urteilsspruch. Der Boden, der das Blut aufgesogen hatte, wurde für Kain verflucht, so daß er, wenn Kain ihn auch mit noch so viel Fleiß bearbeitete, doch keine reichliche Ernte geben konnte; wie sehr er ihn auch pflügte, mit aller Geschicklichkeit und Kunst pflügte, würde der Boden ihm doch niemals sein Vermögen geben. Der ursprüngliche Fluch der Dornen und Disteln, den Gott aussprach, als Adam nach dem Fall noch am Leben blieb, wurde nun für Kain verdoppelt, so daß er nur Hände voll erntete und kärgliche Garben einsammelte.

Dies war etwas Bitteres, das nun mit seinem täglichen Brot gemischt war, und darüber hinaus empfing er einen Fluch in seinem Herzen, der ihn zum Sklaven seiner eigenen Befürchtungen machte. Er diente der Furcht und dem Zittern als seinen Göttern, und wanderte auf der Erde umher mit Finsternis in seiner Seele und Finsternis um ihn herum; er freute sich nie mehr, sondern trug das Zeichen der Verworfenheit an seiner Stirn. Sein Leben war ohne Zweifel eine Hölle auf Erden, und endlich wurde er auf ewig von dem Angesichte des höchsten Gottes vertrieben. Das Blut hat eine Stimme, und wenn diese gegen einen Menschen gehört wird, so bringt sie einen unsagbaren Fluch über ihn. Jetzt, Brüder, ist es eine sehr liebliche Aufgabe, euch zu bitten, eure Gedanken von dem Blut Abels zu dem Blut Jesu zu wenden. Ich fühle mich überzeugt, daß ihr nun die Stimme des Blutes Abels erkannt habt, und ich möchte, daß eure Seele mit gleicher Deutlichkeit die Stimme des Blutes Jesu hört, denn es sind dieselben Gründe für ihr lautes Sprechen, nur sind sie noch weit nachdrücklicher. Könnt ihr jetzt auf Golgatha stehen und sehen, wie das Blut des Heilands von seinen Händen, Füßen und aus seiner Seite fließt? Was sind eure Gedanken über das, was dieses Blut zu Gott sagt? Denkt jetzt an den Fuß des Kreuzes. Das Blut schreit mit einer lauten Stimme zu Gott, und was sagt es? Sagt es nicht: ‚O Gott, diesmal ist es nicht bloß ein Geschöpf, das blutet, sondern obwohl der Leib, der am Kreuze hängt, das Geschöpf Deines Heiligen Geistes ist, so ist es doch Dein eigener Sohn, der jetzt seine Seele im Tod vergießt. O Gott, es ist Dein Eingeborener, Dir teuer, wesentlich eins mit Dir, einer, an dem Du Wohlgefallen hast, dessen Gehorsam vollkommen ist, dessen Liebe zu Dir unerschütterlich gewesen ist - Er ist es, der stirbt. O Gott, willst Du das Geschrei und die Tränen, die Seufzer, das Ächzen, das Blut Deines eigenen Sohnes verachten? Du liebevoller Vater, in dessen Schoß Jesus vor der Gründung der Welt war, Er stirbt, und willst Du Ihn nicht beachten? Soll sein Blut umsonst auf den Boden fallen?' Auch spricht die Stimme: ‚Es ist nicht nur Dein Sohn, sondern Dein vollkommen unschuldiger Sohn, für den keine Notwendigkeit da war, zu sterben, weil Er keine Erbsünde hatte, die Verwesung über Ihn bringen konnte. Er hatte keine tatsächliche Sünde, und hatte in seinem ganzen Leben nichts getan, das des Todes oder der Bande wert war.'

‚O Gott, es ist Dein Eingeborener, der, fehlerlos, wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, wie ein Schaf vor seinen Scherern steht. Kannst Du es sehen, Du Gott über alles, kannst Du den unendlich heiligen und gerechten Sohn Deines Herzens hier zum Tod geführt sehen - kannst Du es sehen, und nicht die Kraft des Blutes fühlen, wie es zu Dir schreit? Kam nicht noch hinzu, daß unser Herr starb, um die Ehre seines Vaters zu verteidigen? Für Dich, o Gott, für Dich stirbt Er! Er, der auf Golgatha hängt, hängt dort in Ehrerbietung gegen Deine Ratschlüsse, zur Erfüllung Deines eigenen Zweckes, zur Verteidigung der Ehre Deines Gesetzes, damit Du selber verherrlicht wirst, damit Deine Gerechtigkeit freien Spielraum habe und Deine Barmherzigkeit unbeschränkte Herrschaft. O Gott, der Leidende in seiner Totenblässe, dessen Wunden mit den grausamen Nägeln aufgerissen sind und dessen Seele von unaussprechlicher Qual gefoltert wird, stirbt für Dich. Wenn es keinen Gott gäbe, so hätte Er nicht zu sterben brauchen. Wenn kein Gesetz zu verteidigen wäre, keine Wahrheit zu beschützen, wenn keine Ehre und Majestät und Gerechtigkeit Huldigung verlangten, dann wäre es nicht nötig gewesen, daß Er stirbt. Wenn Du damit zufrieden wärst, Deine Ehre zu beflecken, oder Deine Barmherzigkeit zurückzuhalten, so wäre es nicht notwendig gewesen, daß Er sich dahingibt. Aber es ist für Dich, für Dich jeder Schmerz, für Dich jeder Seufzer, für Dich jeder Blutstropfen, und willst Du dadurch nicht bewegt werden?' Brüder, ist nicht Kraft in dieser Stimme? Doch noch darüber hinaus muß das Blut so zu Gott gesprochen haben: ‚O Gott, das Blut, das nun vergossen wird, so ehrenvoll und glorreich es an sich schon ist, wird aus einem Grund vergossen, der göttlich gnädig ist. Er, der an diesem Kreuze stirbt, stirbt für seine Feinde, seufzt für die, die Ihn quälen, leidet für die, die den Dolch in seine Seele stießen und dann über den Schmerz spotten, den sie selbst verursacht haben. O Gott, es ist eine Kette für Gott im Himmel, die das Opfer an die Hörner des Altars bindet, eine Kette von ewiger Liebe, von unbegrenzter Güte.'

Nun, liebe Freunde, wir könnten nicht einen Menschen aus reinem Wohlwollen leiden sehen ohne dadurch bewegt zu werden - soll Gott da unbewegt bleiben? Der vollkommen heilige und gnädige Gott, soll Er gleichgültig bleiben, wo wir tief gerührt werden? Der Anblick von Blut macht einige von uns schaudern; der Anblick des Blutes eines ganz Unschuldigen - von der Hand der Gewalttätigkeit vergossen - würde unser Innerstes schaudern machen; aber der Gedanke, daß dieses Blut aus einem so wunderbaren Grund vergossen wurde, aus uneigennütziger Liebe zu unwürdigen Verbrechern - dies würde uns in der Tat bewegen; meint ihr nicht, daß es nicht das Herz Gottes bewegte? Gelobt sei sein Name, wir brauchen hier nicht zu vermuten; es bewegte so unseren himmlischen Vater, daß bis heute Gott zu den Menschen gekommen ist, und durch dieses Blut hat Er zu uns gesagt: ‚Was hast du getan? Was immer du auch getan hast, wie schwarz und schmutzig deine Sünde auch gewesen sein mag, die Stimme des Blutes meines Sohnes schreit zu mir von der Erde, und von diesem Tag an habe ich um seinetwillen den Fluch von der Erde genommen und will sie auch nicht wieder verfluchen. Ihr sollt gesegnet sein in eurem Eingehen und Ausgehen. Ich habe euch eure Missetaten vergeben; ich habe ein Zeichen auf euch gesetzt, und kein Mensch soll euch schaden, und die Gerechtigkeit soll euch nicht strafen, denn in der Person meines lieben Sohnes habe ich euch angenommen, schuldig wie ihr seid. Geht eures Weges und lebt glücklich und friedlich, denn ich habe eure Missetaten hinweggenommen und eure Sünden hinter mich geworfen, und der Tag ist gekommen, an dem man eure Missetat suchen wird, aber es wird keine da sein, und eure Sünde, aber es wird keine gefunden werden, denn ich will sie vergeben denen, die ich überbleiben lasse.' Abels Blut hat große Macht zum Fluchen, aber Jesu Blut hat Macht, die Menschenkinder zu segnen.

Ich möchte ein wenig bei diesem Gedanken verweilen. Ich wünsche, ich hätte die Kraft, ihn euch ins Herz zu drücken; aber dies kann nur der Heilige Geist tun. Doch möchte ich etwas dabei stehen bleiben, damit ihr ganz in seinen Kern eindringt. Beachtet, daß das Blut Abels lange vor Kain zu Gott sprach. Kain war taub für die Stimme seines Bruders Blut, aber Gott hörte sie. Sünder, lange ehe du das Blut Jesu hörst, hört Gott es und schont deine schuldige Seele. Lange ehe das Blut in deine Seele dringt, um dich zur Buße zu schmelzen, bittet es für dich bei Gott. Es war nicht die Stimme Kains, die die Rache herab brachte, sondern die Stimme des Blutes Abels; und nicht der Schrei des Sünders, der Barmherzigkeit sucht, ist die Ursache der Barmherzigkeit, sondern der Schrei des Blutes Jesu. Ich weiß, du wirst mir sagen, daß du nicht beten kannst; o, wie gut ist es, daß das Blut es kann, und daß, wenn du nicht bitten kannst, daß du siegst, das Blut bittet. Wenn du Gnade von Gott gewinnen und Vergebung erhalten sollst, so wird es nicht durch die Wirksamkeit deiner Gebete und Tränen sein, sondern durch die Wirksamkeit jenes Blutes des lieben Sohnes Gottes. Kain bat nicht um Rache, aber sie kam ungesucht durch das Blut; und du, obwohl du empfindest, als ob du kaum wagen könntest, nach Gnade zu suchen, sollst sie doch finden, wenn du dem Blut Jesu vertrauen kannst, das für dich spricht. Das Blut hat deine Stimme nicht nötig, um seine Macht bei Gott zu vergrößern; Er wird deine Stimme hören, aber deshalb, weil Er zu allererst das Blut Jesu hört. Es ist gut für uns, daß das Blut Jesu Christi für den Schuldigen spricht, eben wie das Blut Abels gegen den Schuldigen sprach.

Jesu Blut bittet nicht für die Unschuldigen, wenn es solche gibt, denn sie brauchen keine Bitte von einem versöhnenden Opfer. Jesus bittet für die Aufrührerischen, daß Gott, der Herr, unter ihnen wohnen möge; für euch, die ihr seine Gesetze gebrochen, und seine Liebe verachtet und gegen seine Macht gekämpft habt; das Blut Jesu bittet für solche, wie ihr seid, denn Er kam in die Welt, die Sünder selig zu machen. Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Das teure Blut redet beständig. Habt ihr bemerkt, daß es im Text heißt: das redet, nicht: das redete, sondern: das redet? Das Blut Jesu bat für den Schächer am Kreuze, aber es

Soll nimmer seine Kraft verlieren,
Bis der Erlösten ganze Schar
Von Sünden frei, wird triumphieren.

Brüder, wenn die sieghafte Sünde das Gewissen niederdrückt, so ist es gut, tausendmal gut, zu wissen, daß wir selbst dann einen siegenden Heiland haben. Schon vor Jahren kamen viele von uns zu Christus und fanden Vergebung; aber unser Glaube wird hin und wieder schwach, und unsere Zweifel werden stark. Kommt, laßt uns aufs neue zu der Quelle gehen, laßt uns wieder auf das Kreuz blicken, denn das Blut redet noch. Der Wirkung nach blutet unser Herr Jesus heute so sehr, wie Er es vor 1800 Jahren tat, denn sein Blut hat jetzt ebenso sichere Macht bei Gott, wie damals, als der Schächer sagte: Herr, gedenke an mich. Laßt uns daran denken und darüber uns freuen. Meine Seele, wenn du nicht zu Gott flehen kannst, wenn du es nicht wagst, wenn deine Zunge still ist und Verzweiflung deinen Mund verschließt, selbst dann bittet Jesus. Nun, ergreife die Fürsprache; komm und wirf dich auf Ihn; baue völlig auf Ihn, Er muß siegen, obwohl du es nicht kannst, es muß Ihm gelingen, obwohl du durchaus keine Macht hast. Komm denn und verbinde dich mit der unfehlbar siegenden Macht des teuren Blutes, und es steht alles wohl mit dir, du bist sicher, sicher auf ewig. Gott gebe uns Gnade, dies zu tun, jedem von uns, und Ihm soll das Lob dafür sein!

III.

Doch nun weiter: Das Blut Jesu redet besser zu uns in unserm Herzen als das Blut Abels.

Ich nehme an, die meisten von euch haben den Bericht der Zeitungskorrespondenten gelesen, die über die Schlachtfelder von Königgrätz oder Sadowa gegangen waren. Wie schauerlich war es, von Gräben zu lesen, die mit Blut gefüllt waren, und von dem Geruch verwesender Leichen, der so unerträglich war, daß die Reisenden das Schlachtfeld schnellstmöglich verlassen mußten. Ich möchte nicht der Urheber eines blutigen Krieges sein. Wie geringfügig ist oft der Anlaß zu verzweifelten Kämpfen, die wochenlang andauern. Ich nehme an, daß manche Heerführer an solche Dinge gewöhnt werden; ich nehme an, daß sie ohne Bewegung von Tausenden lesen können, die durch Kugeln und Bomben verstümmelt sind und selbst die Leichenhaufen ohne einen Schauder zu sehen vermögen, aber ich bin gewiß, daß es mich wahnsinnig machen würde. Schuld an dem Blute eines einzigen zu sein, würde genügen, alle Freude aus meinem Leben zu verjagen; aber das Blut von Zehntausenden vergossen zu haben, um meinen Ehrgeiz zu befriedigen, meine ich, müßte den Verstand sofort verwirren. Es muß ein Mangel an Gewissen sein, weshalb die Vernunft noch ihren Thron behält, wenn die Menschen durch ihrer Mitmenschen Blut gewatet sind, nur um des selbstsüchtigen Gewinnes halber. Da es zu Kains Zeit noch keine Kriege gab und das menschliche Herz noch nicht so brutalisiert war, wie es jetzt ist, wo wir in so sanften Ausdrücken von Krieg sprechen können, wie es oft geschieht, so muß es, wenn er überhaupt ein Gewissen hatte, ein entsetzlicher Gedanke für ihn gewesen sein, daß er seinen Bruder getötet hatte. Ich habe einen Menschen getötet, ich habe sein Blut vergossen. Gewiß, damit fuhr er vom Schlaf auf. Wie konnte er auf seinem einsamen Lager ruhig sein? Der Mann mit der roten Hand! Die Schuld, ein grimmiger Kammerdiener, zog mit blutigroten Fingern die Vorhänge von seinem Bett. Trat nicht die Szene immer wieder vor seine Seele? Die Unterredung auf dem Feld, der plötzliche Antrieb, der Schlag, das Blut, der Blick seines Opfers, wie es um Erbarmen rief, als ein grausamer Schlag dem andern folgte; und dann der Anblick des entstellten Körpers, das strömende Blut und die roten Zeichen auf der durchweichten Erde.

Es muß eine Erinnerung gewesen sein, die wie eine Viper an dem Mörder hing, wo immer er auch war! Sicher mochte er eine Stadt bauen, wie uns gesagt wird, um diese flammenden Erinnerungen auszulöschen. Dann kam der Gedanke über ihn: Du erschlugst ihn, obwohl er dein Bruder war. Soll ich meines Bruders Hüter sein? sagte er, aber Menschen sprechen zuweilen prahlerischer, als ihr Herz im geheimen spricht. Der Schrecken des Brudermordes muß Kain verfolgt haben: Ich erschlug meinen Bruder, ich, der erste vom Weibe Geborene, erschlug den Zweitgeborenen. Und dann fragte er sich: Weshalb erschlug ich ihn? Was hatte er mir Böses getan? Wenn er auch ein anderes Opfer als ich darbrachte, und wenn Gott auch ihn annahm und nicht mich, was für ein Leid hatte er mir getan? Die Unschuld seines Opfers muß, wenn Kain ein Gewissen hatte, seine Unruhe vermehrt haben, denn er mußte sich erinnern, wie harmlos Abel seine Schafe gehütet hatte und selber wie eins von ihnen war, wie ein Lamm, dieser Hirte selbst ein wahres Schaf auf Gottes Weide. Doch, mußte Kain sagen ,ich erschlug ihn, weil ich Gott haßte, den Gott, vor dessen Gericht ich bald zu stehen habe, der sein Zeichen an mir gemacht hat. Könnt ihr euch den Mann vorstellen, der täglich so geschult und getadelt werden mußte durch das Blut seines Bruders? Die Seele eines Dichters gehört dazu, ihn zu lehren. Denke dir, wie du fühlen würdest, wenn du deinen eigenen Bruder getötet hättest, wie die Schuld über dir hängen würde wie eine schwarze Wolke und Grausen in deine Seele tröpfelte.

Nun, Brüder, es ist mehr als die gleiche Kraft in dem Schrei des Blutes Jesu, nur wirkt es anders und es redet besser. Denkt daran, daß es das Bessere mit ebenso viel Kraft redet. Trost steigt aus dem Blut Jesu auf, der ebenso mächtig ist wie die Schrecken, die aus dem Blut Abels aufstiegen. Wenn der Sünder auf den getöteten Jesus blickt, so kann er wohl sagen: Wenn ich nicht wüsste, daß dieses Blut sowohl für mich als durch mich vergossen wäre, so würde meine Furcht sich tausendmal vergrößern; aber wenn ich denke, daß dieses teure Blut ein Blut ist, das anstelle meines Blutes vergossen ist, daß es Blut ist, das Gott vor Gründung der Welt dazu verordnete und bestimmte, daß es für mich vergossen werden sollte, wenn ich denke, daß es das Blut von Gottes eignem lieben Sohne ist, den Er geschlagen hat, anstatt mich zu schlagen, und Ihn seinen ganzen Zorn hat tragen lassen, damit ich ihn nicht trüge, o mein Gott, was für Trost strömt aus dieser gesegneten Quelle hervor! So, in dem Verhältnis, wie der Gedanke an den Mord Kain elend machte, sollte der Glaube euch glücklich machen, wenn ihr an den getöteten Jesus Christus denkt; denn das Blut Christi kann, wie ich am Anfang der Predigt sagte, nicht eine weniger mächtige Stimme haben; es muß eine mächtigere Stimme haben als das Abels, und es schreit deshalb mächtiger für euch, als das Blut Abels gegen seinen Bruder Kain schrie. O dann, meine schreienden Sünden, kann ich euch hören, aber ich bin nicht bange vor euch, denn das Blut Jesu spricht lauter als ihr alle. O dann, Gewissen, kann ich deine Anklage verstehen, aber ich erschrecke nicht, denn mein Heiland starb für mich. Ich komme vor Gott mit vollkommener Zuversicht, weil ich besprengt bin mit dem Blut meines Stellvertreters. Wenn das Grausen Kains bei einem erweckten Gewissen unerträglich sein mag, so ist der Friede, der mir durch das teure Blut Jesu wird, unbeschreiblich und unaussprechlich, ein Friede wie ein Strom, eine Gerechtigkeit wie die Wellen des Meeres. Süßen Frieden haben alle die, die das Blut in ihren Seelen reden hören, wie es ihnen sagt, daß die Sünde vergeben, daß Gott versöhnt ist, daß wir in dem Geliebten angenommen sind, und daß wir jetzt in Jesus bewahrt sind und niemals umkommen sollen und niemand uns aus seiner Hand reißen wird.

Ich hoffe, ihr kennt (und viele von euch tun es), die süße Macht dieses ‚Friede'-sprechenden Blutes. Dieses unschuldige Blut, verordnet um Frieden zu geben, ist wertvoller als alles. O meine Seele, suche niemals anderswo Frieden, und fürchte nie, daß du hier nicht Frieden finden kannst. Wenn du, Christ, heute dein Vertrauen verloren hast, wenn du dir heute bewußt bist, falsch gegen deinen Herrn gewesen zu sein und seinem Geist getrotzt zu haben, wenn du dich heute sogar des Namens „Christ“ schämst, weil du ihn entehrt hast, wenn heute die Verzweiflung bereit ist, deine Hoffnung zu ersticken, und du in Versuchung bist, alles aufzugeben, so komme trotzdem jetzt, eben jetzt, zu diesem teuren Blut. Denke nicht, daß mein Heiland nur die kleinen Sünder erretten kann; Er ist ein großer Heiland - mächtig zu erretten. Ich weiß, deine Sünden sprechen sehr laut - ich hoffe, ihr werdet ihre Stimme hören und sie in Zukunft hassen, aber sie können nicht so laut reden wie das Blut Jesu. Es spricht: ‚Vater, Vater, soll ich vergeblich sterben? Vater, ich bezahlte mein Blut für Sünder, sollen Sünder nicht errettet werden? Ich wurde für die Schuldigen geschlagen, sollen die Schuldigen auch geschlagen werden?' Das Blut sagt: ‚Gott, ich habe Dein Gesetz verteidigt, was verlangst Du mehr? Ich habe Deine Gerechtigkeit geehrt, warum solltest Du die Sünder in die Hölle werfen? O Du göttliche Güte! kannst Du zwei Bezahlungen für eine Schuld nehmen, und diejenigen strafen, für die Christus litt? O Gerechtigkeit! willst Du hier rächen? O Barmherzigkeit! wenn der Weg frei gemacht ist, willst Du nicht zu schuldigen Sündern kommen? O göttliche Liebe, wenn der Pfad für Dich geöffnet ist, willst Du Dich nicht den Aufrührern und den Schändlichen zeigen?' Das Blut soll nicht vergeblich bitten; wir Sünder sollen errettet werden, hoffe ich, unter ihnen zum Lobe und zur Ehre seiner Gnade.

IV

Zwei oder drei Worte zum Schluß. Jesu Blut redet, sogar in meinem Text, besser denn Abels.

Es redet das selbe, aber in einem besseren Sinne. Habt ihr den ersten Text beachtet? Gott sprach zu Kain: „Was hast du getan?“ Nun, dies ist es, was das Blut Jesu zu dir spricht: ‚Was hast du getan?' Mein lieber Hörer, weißt du nicht, daß deine Sünden den Heiland töteten? Wenn wir mit der Sünde gespielt haben, und uns einbildeten, sie sei etwas sehr Geringes, eine Kleinigkeit, mit der man spielen und darüber lachen kann, so laßt uns den Irrtum berichtigen. Unser Heiland hängt am Kreuze, und er wurde durch unsre Sünden daran genagelt; sollen wir sie für klein halten? Vom Kreuz herabblickend, sagt Jesus zu uns: Was hast du getan? O mein Hörer, was hast du getan? Du hast deinen besten Freund erschlagen und dich selbst zu Grunde gerichtet! Laßt mich zu jedem von euch persönlich reden. Überschlage deine Sünden. Gehe die schwarze Liste von deiner Kindheit an bis jetzt durch. Was hast du getan? Ach! Herr, genug getan, mich auf ewig zum Weinen zu bringen, hättest Du nicht für mich geweint. Tropfen des Schmerzes können nie das bezahlen, was wir Deinem Blut schuldig sind. Ach! ich habe Böses getan, Herr, aber Du hast mir Gutes getan. Was hast du getan? Was hast du getan? war eine schreckliche Anklage gegen Kain, sie hätte ihn wie ein Pfeil durchbohren können; aber für euch und mich ist sie die sanfte, fragende Stimme der Liebe eines Vaters, die uns zur Buße bringt. Möge sie uns jetzt dahin bringen!

Was ich hauptsächlich andeuten möchte, ist dies. Wenn ihr den zweiten Text anseht, so wird das Blut da „das Blut der Besprengung“ genannt. Ob Abels Blut Kain besprengte oder nicht, kann ich nicht sagen, aber wenn es das tat, so muß es sein Entsetzen vermehrt haben, daß er das Blut wirklich an sich hatte. Aber dies vermehrt die Freude in unserem Fall, denn das Blut Jesu hat keinen Wert für uns, bis wir damit besprengt wurden. Der Glaube tunkt den Ysop in das versöhnende Blut und sprengt es auf die Seele, und die Seele ist rein. Die Besprengung mit dem Blute Jesu ist der wahre Grund der Freude und die sichere Quelle christlichen Trostes; die Besprengung mit dem Blute Abels muß Entsetzen gewesen sein, aber die Besprengung mit dem Blute Jesu ist die Wurzel und Ursache aller Wonne.

Es ist noch etwas anderes in dem Text, und damit schließe ich. Der Apostel sagt: ‚Wir sind gekommen zu dem Blut der Besprengung'. Er nennt das unter anderen Dingen, zu denen wir gekommen sind. Nun, vor dem Blut Abels würde jeder vernünftige Mensch fliehen. Wer seinen Nächsten ermordet hat, wünscht eine weite Entfernung zwischen sich und dem anklagenden Leichnam. Aber wir kommen zu dem Blut Christi. Es ist ein Gegenstand, an dem wir uns freuen, wenn unsere Betrachtung uns ihm näher und näher bringt. Ich bitte euch, liebe christliche Freunde, ihm heute morgen näher zu kommen, als ihr es gewesen seid. Denkt an die große Wahrheit, daß er unser Stellvertreter ist. Malt euch die Leiden des Heilandes vor. Steht vor seinen Augen, sitzt am Fuße Golgathas, bleibt in der Nähe seines Kreuzes, und wendet euch nie weg von diesem großen Anblick der Barmherzigkeit und des Elends. Kommt herzu; seid nicht bange. Ihr Sünder, die ihr Jesu nie vertraut habt, blickt hierher und lebt! Möchtet ihr jetzt zu Ihm kommen!

Kommt, schuld'ge Seelen, fliehet hin,
Den Tauben gleich, in Jesu Wunden.

Nein, flieht nicht vor den Wunden, die ihr gemacht habt, sondern findet Schutz darin; vergesst nicht die Leiden Christi, sondern ruht darin! Eure einzige Hoffnung liegt in dem Vertrauen auf Jesus, in der völligen Zuversicht. Denkt viel an die Schmerzen eures Herrn, und wenn ich es einigen von euch, die heute nachmittag nicht ausgehen, vorschlagen darf, so würde es vielleicht gut sein, wenn ihr ein oder zwei Stunden zwischen den Gottesdiensten damit zubringt, die Leiden des Heilandes zu betrachten. Diese Betrachtungen möchten das Mittel werden, den Glauben zu euch zu bringen. Der Glaube kommt durchs Hören, aber durch nachdenkendes Hören; und Hören kommt durch das Wort Gottes, aber über das Wort muß nachgedacht werden. Schlagt das Wort auf, lest die Geschichte vom Kreuze, bittet den Herrn, es an euch zu segnen, und wer weiß, ob nicht einige von euch noch durch den göttlichen Geist die Stimme des Blutes hören werden, das besser redet als Abels. Der Herr segne jeden von euch um seines Namens willen. Amen.

Weinet nicht über mich.

Weint nicht über Jesu Schmerzen,
Weint nicht über Jesu Tod;
Weint erst über eurer Herzen
Unempfund'ne Sündennot.
Denn in Ihm ist nicht erfunden
Eine Sünde, ein Betrug,
Nur für euch trägt Er die Wunden,
Trügt nur eurer Sünde Fluch.

Könnt ihr keine Sünde finden,
Keine, an des Menschen Sohn,
Ist der Tod allein der Sünden
Strafe und gerechter Lohn:
O, dann muß Er Strafe dulden,
Die Er selber nicht verdient,
O, dann sind es fremde Schulden,
Die Er mit dem Tode sühnt!

Ach, was hilft's, mit Weinen, Trauern
Unter seinem Kreuz zu steh'n;
Ach, was hilft's, den Todesschauern,
Die Er fühlte, nachzugeh'n;
Ach, was hilft's, das Los beklagen,
Das der Heil'ge sich erwarb
Ohne sich einmal zu fragen:
Warum und für wen Er starb?

Und für wen hat Er gestritten
Diesen Kampf, dem keiner gleich?
Und für wen den Tod gelitten?
Für die Brüder nur, für euch!
Und nun sehet an den Reinen,
Wie Er leidet in Geduld;
Und nun habt ihr Grund zu weinen,
Aber über eure Schuld.

Wenn ihr dann aus tiefstem Herzen
Eure Schuld erkennt, gesteht,
Wenn ihr in des Heilands Schmerzen
Eurer Sünde Strafe seht,
Wenn ihr weint um eure Sünden:
O, dann wird, der still und mild
Fremde Schuld trägt, euch verkünden,
Was die bittre Träne stillt.

Karl Johann Philipp Spitta.

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