Spurgeon, Charles Haddon - Buße und Glaube

„So wisse nun das ganze Haus Israel gewiß, daß Gott diesen Jesum, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Christ gemacht hat. Da sie aber das hörten, ging es ihnen durchs Herz, und sprachen zu Petrus und zu den anderen Aposteln - Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“
Apg. 2,36.37

Dies war die erste öffentliche Predigt des Evangeliums, nachdem der Herr Jesus in die Herrlichkeit aufgenommen worden war. Es war eine recht denkwürdige Predigt, eine Art Erstlingsfrucht der großen Ernte der evangelischen Zeugnisse. Es ist sehr ermutigend für die, die zum Predigen berufen sind, daß die erste Predigt eine so erfolgreiche war. Dreitausend bei dem ersten Auswerfen des Netzes, das war ein großartiger Fischzug. In Zukunft hoffen wir noch großartigere Resultate durch die unsterbliche und unveränderliche Macht erzielt zu sehen, die Petrus befähigte, eine so herzdurchdringende Predigt halten zu können.

Petri Predigt zeichnete sich nicht durch irgendwelche besondere rhetorische Darstellung aus; sie hatte es nicht auf den Kopf, sondern auf das Herz abgesehen. Sie war einfach, praktisch, persönlich und überzeugend, und darin war sie ein Muster von dem, was eine Predigt hinsichtlich ihres Zieles und ihres Stils sein sollte. Petrus hätte unter dem Eindruck des göttlichen Geistes nicht anders sprechen können; seine Rede war wie die Orakel Gottes, das getreue Produkt einer göttlichen Inspiration. In nüchternem Ernst hielt er sich an die einfachen Tatsachen und stellte sie im Lichte des Wortes Gottes dar, und dann wandte er die Wahrheit mit aller Macht auf die an, deren Rettung ihm am Herzen lag. Möchte es stets des Predigers einziges Verlangen sein, seine Zuhörer für die Buße zu Gott und für den Glauben an unseren Herrn Jesum Christum zu gewinnen! O, daß wir so predigen könnten, daß es unseren Zuhörern durchs Herz ginge und sie sofort veranlaßt würden, an unseren Herrn Jesum Christum zu glauben und hervorzutreten, um ihren Glauben an Seinen Namen zu bekennen!

Wenn wir den Gang der Beweisführung Petri verfolgen, wundern wir uns nicht darüber, daß es den Zuhörern durchs Herz ging. Wir schreiben jene tiefe Zerknirschung dem Geiste Gottes zu, und doch war es nur vernünftig, daß sie sich kundgab. Nachdem ihnen klar gezeigt worden war, daß sie wirklich den Messias, die große Hoffnung ihrer Nation, gekreuzigt hatten, war es durchaus nicht zu verwundern, daß sie von Schrecken ergriffen wurden. Wenngleich wir hinsichtlich des Resultats unserer Wirksamkeit ganz von dem Geiste Gottes abhängig sind, müssen wir doch unsere Predigt dem Zwecke anpassen, den wir erstreben; oder besser gesagt, wir müssen uns sowohl hinsichtlich der Predigt selbst, wie hinsichtlich des Resultats der Predigt dem Heiligen Geiste in die Hand legen. Der Heilige Geist gebraucht die Mittel, die dem gesteckten Ziele angepaßt sind. Weil ich nun vor allen Dingen wünsche, daß es vielen in dieser Versammlung durchs Herz gehen möchte, habe ich diesen Schlußsatz der Rede Petri zum Text gewählt; doch mein Vertrauen setze ich nicht auf das Wort selbst, sondern auf den belebenden Geist, der dadurch wirkt. Möchte der Geist Gottes das Rapier Seines Wortes gebrauchen, um es in die Herzen meiner Zuhörer zu treiben!

Beachtet zunächst, daß Petrus zu seinen Zuhörern über ihr schlechtes Verhalten gegen den Herrn Jesus spricht; zweitens erklärt er ihnen die Erhöhung, die Ihm durch Gott geworden ist, und dann wollen wir drittens achtgeben auf das Resultat, das sich aus dem Wissen dieser erhabenen Tatsache ergibt.

I. Zuerst sprach sich Petrus zwar zärtlich, aber doch sehr deutlich über ihr schlechtes Verhalten gegen den Herrn Jesus aus. „Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ Als eine Nation hatte Israel Ihn verworfen, den Gott gesandt hatte. Die Einwohner zu Jerusalem waren weiter gegangen und hatten Seinem Tode nicht nur zugestimmt, sondern hatten ihn gefordert, indem sie riefen: „Kreuzige, kreuzige Ihn!“ Sie hatten feierlich ausgerufen: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ Keiner hatte gegen den Mord des Unschuldigen Protest erhoben; aber viele waren begierig gewesen, Seiner ein Ende zu machen. Dies hielt ihnen Petrus in klaren Worten vor, und sie konnten es nicht leugnen, und sie versuchten das auch nicht. Es ist gut, wenn ein Schuldgefühl einen Menschen zwingt, unter den Vorstellungen Gottes stillzustehen. Wir dürfen dann hoffen, daß er Vergebung suchen werde.

Männer und Brüder, wir sind nicht in Jerusalem, und der Tod unseres Herrn fand vor mehr denn achtzehnhundert Jahren statt; darum haben wir nicht nötig, uns lange bei der Sünde derer aufzuhalten, die längst gestorben sind. Es ist vorteilhafter für uns, praktisch zu erwägen, wie weit wir uns ähnlicher Sünden gegen den Herrn Jesum Christum schuldig gemacht haben. Laßt uns bei uns stillstehen und nachdenken. Ich spreche heute vielleicht zu etlichen, die den Namen des Herrn Jesu verlästert haben. Ich nehme nicht an, daß ihr gemeine Lästerworte gebraucht habt; man kann dasselbe Verbrechen nach feiner Manier begehen. Manche verwunden das Christentum mit ihren wohlüberlegten Kritiken mehr als die Atheisten mit ihren gottlosen Ausbrüchen. Indem sie das Versöhnungsopfer leugnen oder an dessen Stelle etwas anderes dafür ausgeben, versuchen sie es, das abzuschaffen, was das Herz und die Seele des Werkes des Erlösers ist. Manche nehmen Ansichten auf, die die Schuld der Sünde verringern und demzufolge den Wert des sühnenden Blutes herabsetzen. Das Kreuz ist noch ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses. Die Menschen werfen sich zu Lehrern des großen Lehrers und zu Reformatoren des göttlichen Evangeliums auf. Wenn etliche der Anwesenden dessen schuldig sein sollten, so wünsche ich, daß der Heilige Geist sie von ihrer Sünde überzeuge. Seitdem Gott der Herr diesen sühnenden Jesus zum Herrn und Christ gemacht und Ihn zu Seiner Rechten gesetzt hat, ist jede Lehre, die Ihn herabsetzt, eine große Sünde wider Gott den Herrn selbst. Mein Zuhörer, wenn du Christi Gottheit geleugnet, Sein sühnendes Blut verachtet, Seine zugerechnete Gerechtigkeit verhöhnt oder deine Seligkeit durch den Glauben an Ihn bespöttelt hast, dann sollte es dir wohl durchs Herz gehen, wenn du siehst, daß Gott diesen Jesum zum Herrn über alles gemacht hat.

Viel gewöhnlicher ist indessen eine andere Sünde wider den Herrn Jesum, nämlich die, Ihn zu vernachlässigen, Seine Ansprüche zu umgehen und die Zeit des Glaubens an Ihn hinauszuschieben. Ich hoffe, daß niemand der Anwesenden unbekehrt sterben oder ohne in Jesu Blut gewaschen zu sein, aus der Welt scheiden möchte; aber, meine Zuhörer, ihr habt schon lange gelebt, und etliche sind alt geworden, ohne Jesum als ihren Heiland angenommen und ohne Ihm ihre Herzen übergeben zu haben. Das ist mindestens eine sehr betrübende Vernachlässigung. Jemand gänzlich ignorieren heißt in einem gewissen Sinn ihn töten. Wenn ihr Ihn außer Betracht laßt und Ihn wie nichts behandelt, so habt ihr Ihn, soweit es euch betrifft, existenzlos gemacht. Ist das nicht ein grausames Vergehen? Euer Herr ist euren Gedanken von früh bis spät fern; ihr fragt nicht nach Ihm und kümmert euch nicht um Ihn, und so ist Er tot für euch. Ihr habt eure Sünden nie vor Ihm bekannt und nie von Ihm Vergebung erbeten, und habt nie zu erfahren gesucht, ob Er auch eure Sünden an Seinem Leibe auf dem Holz getragen hat. Seele, das ist böse Vernachlässigung und undankbare Verachtung! Gott gedenkt Seines Sohnes so sehr, daß Er Ihn nicht zu hoch stellen kann; Er hat Ihn zu Seiner Rechten gesetzt, und doch kümmerst du dich nicht um Ihn! Der große Gott hat Ihn erhöht über alles und Ihn zum König aller Könige, zum Herrn aller Herren gemacht, und doch behandelst du Ihn, als ob Er nichts zu bedeuten hätte. Ist das recht? Willst du deinen Heiland so behandeln? Möchte dir das durchs Herz gehen, damit du diese schlechte Undankbarkeit aufgibst!

Es gibt andere, die noch weiter gegangen sind, denn sie haben Christum verworfen. - Ich wende mich an die unter euch, die den Einwirkungen der Predigt nicht haben widerstehen können. Ihr fühltet viel mehr, als ihr bekennen möchtet. Ihr seid so geneigt gewesen, den Heiland zu suchen, daß ihr es beinahe getan hättet; die Sünden traten euch vor die Augen, als ob es Flammen aus Tophet wären, und in eurer Not entschloßt ihr euch, das Heil zu suchen; ihr gingt heim, um eure Knie im Gebet zu beugen und die Schrift zu lesen, um den Weg des ewigen Lebens kennenzulernen; aber ach, ein böser Gefährte durchkreuzte euren Pfad, und ihr standet vor der Frage: „Soll es dieser oder soll es Christus sein?“ Ihr wähltet den Menschen, fast hätte ich gesagt, ihr wähltet Barabbas, und verwarft Christum. Als ihr anfingt, ernst zu werden, tauchte ein sündliches Vergnügen vor euch auf, und ihr saht euch vor die Frage gestellt: „Soll ich dieses Vergnügen aufgeben, oder soll ich alle Hoffnung auf Christum drangeben?“ Ihr haschtet nach dem Vergnügen und ließt euren Heiland gehen. Erinnert ihr euch noch, wie ihr eurem Gewissen Gewalt antatet und eure Überzeugung unterdrücktet? Ich weiß nicht, wem dies gilt, aber ich weiß, daß ich zu etlichen rede, die den Herrn Jesum nicht einmal, sondern zweimal verworfen haben. Euer etliche haben Ihn bestimmt fast an jedem Sonntag verworfen, besonders aber, als das Wort Gottes mit außergewöhnlicher Kraft an euch herantrat und ihr fühltet, daß es euch schüttelte, wie ein Löwe seinen Raub schüttelt. Dankt Gott, ihr seid noch nicht gefühllos; aber rechnet nicht darauf, daß es so bleiben wird. Ihr werdet nicht immer empfinden, wie ihr empfunden habt; es kann der Tag kommen, da das betäubte Ohr selbst die Donner Gottes nicht mehr hört, oder da die Liebe Christi euer Herz nicht mehr rühren wird, wenn ihr es durch eigenwillige Halsstarrigkeit verhärtet habt. Wehe dem Menschen, wenn sein Herz in einen Stein umgewandelt worden ist! Gott erbarme Sich euer und lasse es euch heute durchs Herz gehen, da ihr noch weich genug seid, um zu fühlen, daß ihr Ihn verworfen habt, den ihr von ganzem Herzen umfassen solltet!

Einigen unter euch, die ihr den Herrn Jesum verlassen habt, muß ich noch ein wenig näherkommen. Es sind heute einige unglückliche Personen hier, über die ich wegen ihrer Verirrungen sehr betrübt bin, und dennoch freue ich mich, daß sie die Vorhöfe des Hauses des Herrn nicht ganz vergessen haben. Sie bekannten einst, Jünger Christi zu sein; aber sie sind hinter sich gegangen und wandeln nicht mehr mit Ihm. Sie wurden einst zu uns gezählt und sie gingen unter uns ein und aus, aber jetzt kennen wir sie nicht. Sie scheuten sich nicht, sich als Christen zu bekennen, aber jetzt verleugnen sie den Herrn. Früher waren sie eifrig zum Dienst Gottes bereit und in ihrem Glaubensbekenntnis auch gesund. Aber es kam ein Tag - ich brauche die Umstände nicht zu beschreiben, da sie in verschiedenen Fällen verschieden sind - da zwei Wege vor ihnen lagen und sie entweder zur Rechten oder zur Linken gehen mußten, und sie wählten den Weg, auf welchem sie Christo und der wahren Gottseligkeit den Rücken kehrten. Sie fielen in Sünde und wurden abtrünnig vom Glauben. Wir fürchten, „sie sind von uns ausgegangen, weil sie nicht von uns waren; denn wenn sie von uns wären gewesen, so wären sie bei uns geblieben“. Sie sind ihre krummen Wege gegangen, und wir fürchten, daß der Herr sie wegtreiben wird samt den Übeltätern. O abtrünniger Zuhörer, ich hoffe, daß du kein Judas, sondern daß du ein Petrus bist. Du hast deinen Meister verleugnet; aber ich hoffe, daß du bitterlich weinen und wieder von dem Herrn eingesetzt werden wirst. Dir zu gut muß ich dir deine Verirrung vorhalten; möchte der Herr sie dir durchs Herz gehen lassen! Warum hast du deinen Herrn verlassen? Worin hat Er dich ermüdet? Bist du ein Heuchler gewesen? Wenn nicht, warum hast du dich abgewandt? Gott hat den Heiland auf Seinen Thron erhöht, du aber hast Ihm deinen Rücken zugekehrt; hast du darin nicht wahnsinnig gehandelt? Der allerhöchste Gott ist auf seiten Jesu, und du bist offenbar gegen Ihn. Ist das recht, ist das weise? Es ist peinlich für mich, von diesen Dingen zu reden; aber ich hoffe, daß es noch peinlicher für dich ist, davon zu hören. Ich wünschte, du fühltest wie David, als ihm sein Herz schlug. Was hast du getan? Hat Jesus solches von deinen Händen verdient? Ich bitte dich, kehre um von dem bösen Wege und wende dich mit festem Herzen dem Herrn zu.

II. Nachdem Petrus seinen Zuhörern ihre Sünde gegen den Herrn vor Augen gehalten, verkündigte er ihnen die Erhöhung, die Gott Ihm hatte widerfahren lassen. Der große Gott liebte und ehrte und erhöhte denselben Jesus, den sie gekreuzigt hatten. Meine Zuhörer, was ihr auch von dem Herrn Jesu halten mögt, Gott hält groß von Ihm! Euch mag Er gestorben und begraben sein; aber Gott hat Ihn von den Toten auferweckt. Ihm ist Er der ewig lebende, der ewig vielgeliebte Christus. Ihr könnt den Herrn Jesum und Seine Sache nicht vernichten. Was ihr auch tut, ihr könnt die Wahrheit des Evangeliums nicht erschüttern noch dem Herrn Jesu einen Strahl Seiner Herrlichkeit rauben. Er lebt und herrscht, und Er wird leben und herrschen, was auch aus euch werden mag. Ihr mögt euch Seines Heiles weigern, aber Er ist dennoch ein Heiland, ein großer Heiland. Wenn ihr dem Herrn widersteht, so tut es auf eure Gefahr hin; aber ihr tut es vergeblich. Ihr könntet ebensogut hoffen, die Naturgesetze umzustoßen, die Sonne auszulöschen, den Mond aus seiner Bahn zu reißen, als die Sache und das Reich des Herrn Jesu zu überwinden; Gott ist für Ihn, und Sein Thron steht fest durch alle Ewigkeit. Gott hat Seinen Sohn von den Toten auferweckt und zu Seiner Rechten gesetzt, und dort wird Er bleiben, bis alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße geworden sind. Hieran könnt ihr erkennen, was Er ist, den ihr vernachlässigt, versäumt und verlassen habt. Bedenkt, daß unser Herr zur Rechten Gottes in unendlicher Majestät thront. Jesus, an den ihr wenig denkt, von dem ihr euch abwendet, wird heute von Engeln und von den Geistern der vollkommenen Gerechten angebetet, und Seraphim sind Ihm freudig gehorsam. Hört ihr nicht die Posaunen des Himmels, die Ihn als das Haupt der Fürstentümer und Obrigkeiten und Kräfte verkündigen? Mein Glaube sieht den seligen Tag voraus, da ich als Hofmann in Seiner unvergleichlichen Gegenwart stehen und Ihn, das Lamm, auf dem Thron sehen werde, wie Er über alles herrscht und wie sich aller Knie im Himmel und auf Erden freudig vor Ihm beugen werden. Ist es möglich, daß ihr Ihn vernachlässigt habt, den Gott erhöht hat? Ist es möglich, daß ihr euch Seiner geweigert, daß ihr Ihm getrotzt und Ihn, soweit ihr konntet, getötet habt, Ihn, den Gott zum Herrn über alles gemacht hat?

Das ist noch nicht alles, denn der Platz zur Rechten Gottes, zu welchem Er nun erhöht ist, ist der Platz der Macht. Dort thront der Mittler, der Sohn Gottes, der Mensch Christus Jesus, während Seine Feinde Ihm unterworfen sind. Glaube nicht, du stolzester der Zweifler, daß du Ihm auch nur einen Teil Seiner Macht nehmen kannst. Er überwacht alle sterblichen Wesen; Er ordnet die Bewegungen der Sterne; Er beherrscht die himmlischen Heere. Er bändigt die Wut Seiner Widersacher, und was Er geschehen läßt, das wendet Er zu Seiner Verherrlichung. Ihm ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden; Er herrscht in den drei Gebieten der Natur, der Vorsehung und der Gnade. Sein Reich herrscht über alles, und Seiner Herrschaft ist kein Ende. Es ist dieser Christus, dieser mächtige Christus, den etliche unter euch verspotten, so daß ihr es riskiert, verloren zu gehen, weil ihr kein Herz für Ihn und für Sein großes Heil habt.

Lernt sodann, daß Er als unser Richter zur Rechten der Majestät in der Höhe thront. Wenn wir Ihn als Heiland von uns weisen, werden wir nicht imstande sein, Ihm als unserem Richter an jenem großen Tage auszuweichen. Alle Taten der Menschen sind verzeichnet, und an jenem Tage, da der große, weiße Thron im Himmel aufgerichtet werden wird, wird alles offenbar werden, und wir werden unverhüllt vor Seinem Angesicht stehen. Ihr habt oft von Ihm gehört und gesungen, dessen Angesicht mehr als das anderer Menschen entstellt wurde, als Er hier ein Opfer für schuldige Menschen wurde. Wenn ihr euch Seiner weigert, werdet ihr vor Seinen Schranken stehen müssen, um euch deswegen zu verantworten. Der furchtbarste Anblick am Gerichtstage wird für die Unbußfertigen das Angesicht des Herrn Jesu sein. Ich finde nicht, daß sie schreien: „Verbergt uns vor dem Sturm!“ oder: „Verbergt uns vor den Engelwachen!“ oder: „Verbergt uns vor ihren feurigen Schwertern!“ sondern: „Verbergt uns vor dem Angesicht Des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes!“ Wenn die Liebe sich einmal in Zorn verwandelt hat, ist Er über alle Beschreibung entsetzlich. Sünder, vielleicht habt ihr euch aus Unkenntnis aufgelehnt. Tut Buße und schlagt einen anderen Weg ein. Ihr wähntet, daß ihr euch nur gegen die Predigt, gegen die Worte eines Predigers auflehntet; in Wirklichkeit aber widerstandet ihr der Liebe des Heilandes. Indem ihr euch des Wortes des Herrn weigertet, verschloßt ihr euch gegen Den, der vom Himmel redet; ihr weigert euch nicht nur Seiner Worte, sondern Seiner selbst, und Er wird euer Richter sein, euer höchst gerechter, euer höchst heiliger Richter. O, wie wollt ihr das ertragen? Wie wollt ihr es ertragen, vor den Schranken des verachteten Heilandes zu stehen? Petrus zeigte seinen Zuhörern auch, daß der Herr im Himmel hoch erhöht wurde als das Haupt der Gemeinde über alles; denn Er hatte an jenem Tage den Heiligen Geist ausgegossen. Wenn der Heilige Geist kommt, so kommt Er von Christo als der Zeuge Seiner Macht. Er geht aus vom Vater und vom Sohn und zeugt mit beiden. Nachdem Christus erst kurze Zeit im Himmel war, wurde Seine Macht wunderbar erwiesen; Er konnte den Menschen solche Gaben verleihen und insbesondere feurige Zungen und das Brausen eines gewaltigen Windes senden.

Jesus ist beides: Herr und Christus. Wir müssen Seine Gottheit, Seine Herrschaft und Seine göttliche Salbung anerkennen. Er ist „Gott über alles, hochgelobt in Ewigkeit,“ und wir können Ihn nie zu hoch preisen. Ein großer und betrübender Irrtum dieser Zeit ist der Mangel an Ehrerbietung gegen unseren Herrn und Sein Opfer. Über Seine heiligen Lehren zu Gericht sitzen, heißt Ihm ins Angesicht speien; Seine Wunder leugnen, heißt Ihm Seine Kleider ausziehen; Ihn als einen bloßen Sittenlehrer darstellen, heißt Ihn mit einem Purpurmantel verhöhnen; in philosophischen Ausdrücken Sein Versöhnungsopfer leugnen, heißt Ihn mit Dornen krönen, Ihn von neuem kreuzigen und Ihn für Spott halten. Macht euch dessen nicht schuldig, meine Zuhörer, denn Gott hat diesen Jesum „zu einem Herrn und Christus gemacht“; laßt uns Ihn als Herrn anbeten und laßt uns Ihm als Christ vertrauen.

III. Nun komme ich zu meinem letzten Punkt: Das Resultat davon, daß man dies gewiß weiß. Darf ich hier innehalten, um zu fragen: Wißt ihr dies gewiß? Ich hoffe, ihr alle glaubt, daß Gott Jesum Christum, den Mittler, in Seiner zusammengesetzten Person als Gott und Mensch zum „Herrn und Christus“ gemacht hat. Als Gott war Er stets Herr; aber als Gott und Mensch ist Er nun Herr und Christ. Menschheit und Gottheit ist in Ihm zu einer wunderbaren Person vereinigt, und diese Person ist beides, „Herr und Christ“. Ihr glaubt das. Aber glaubt ihr so, daß es euch eine Tatsache von der höchsten Wichtigkeit ist? Wollt ihr es gewiß glauben, daß der Mann von Nazareth, der auf Golgatha starb, heute beides ist, Herr und Christus? Wenn ihr das nun glaubt, welches sind dann eure Empfindungen, wenn ihr euer früheres Mißverhalten gegen Ihn überschaut? Geht euch eure frühere Vernachlässigung nicht durchs Herz? Wenn ihr nicht so glaubt, hat es wenig Zweck, euch zu beschreiben, welches das Resultat solchen Glaubens sein würde, denn dies Resultat zeigt sich bei euch nicht; wenn ihr aber so glaubt und Jesus euch Herr und Christus ist, dann werdet ihr Ihn ansehen, in welchen ihr gestochen habt, und werdet trauern. Indem ihr euch erinnert, wie ihr Ihn vernachlässigt und verachtet und verworfen habt, wie ihr von Ihm abgewichen seid, und wenn ihr eurer undankbaren Handlungen gedenkt, welche anzeigen, daß ihr Ihn verachtet habt, dann muß es euch sein, als ob euch das Herz brechen wollte, und ihr werdet von einer großen Betrübnis und von einer aufrichtigen Buße ergriffen werden. Der Herr wirke es in euch um Seines Sohnes willen! Beachtet, daß als Resultat von Petri Predigt seine Zuhörer einen tödlichen Stich fühlten: „Es ging ihnen durchs Herz.“ Die Wahrheit hatte ihre Seelen durchbohrt. Wenn ein Mensch herausfindet, daß er gegen jemand, der ihn geliebt hat, ein großes Unrecht begangen hat, dann wird er herzkrank und betrachtet sein eigenes Verhalten mit Abscheu. Wir alle erinnern uns der Geschichte von Llevellyn und seinem treuen Hunde. Der Prinz kam von der Jagd zurück und vermißte sein kleines Kindlein, sah aber überall Blutspuren. Vermutend, daß sein Hund Gelert das Kind getötet haben könne, stieß er sein rächendes Schwert in den treuen Hund, der sein Kind gegen einen zerrissen und tot daliegenden großen Wolf kühn und tapfer verteidigt hatte. Ja, er hatte das getreue Geschöpf getötet, das ihm sein Kind bewahrt hatte. Das Todesgestöhn des armen Gelert zerriß dem Prinzen das Herz, und das konnte es auch. Wenn sich solche Empfindungen regen, wenn wir die Entdeckung machen, daß wir irrtümlicherweise grausam gegen einen Hund gehandelt haben, wie sollten wir dem Herrn Jesu gegenüber empfinden, der Sein Leben ließ, damit wir, die wir Seine Feinde waren, das Leben haben möchten?

Ich erinnere mich einer furchtbar tragischen Geschichte von einem bösen Ehepaar, das eine Herberge hatte, die in schlechtem Rufe stand. Eines Abends kam ein junger Mann, der dort zu logieren wünschte. Sie merkten, daß er Geld in seiner Börse hatte, und sie ermordeten ihn in der Nacht. Es war ihr eigener Sohn, der zurückgekommen war, um ihr Alter angenehm zu gestalten; er wollte zusehen, ob seine Eltern ihn wiedererkennen würden. O, was gab es für bittere Klagen, als sie herausfanden, daß sie in ihrer Geldgier ihren eigenen Sohn ermordet hatten!

Entnehmt solchem herzzerreißenden Kummer den besseren Teil und fügt eine geistliche Überzeugung von der Sünde, den Sohn Gottes, den Vollkommenen, den Freund der Seelen, so übel behandelt zu haben, hinzu, und ihr kommt dem Sinn des „durchs Herz gehen“ sehr nahe. O, zu denken, daß wir Den verachtet haben, der uns so geliebt und Sich selbst für uns dargegeben hat, daß wir uns gegen Den aufgelehnt haben, der uns, da wir Seine Feinde waren, mit Seinem eigenen Blute erkauft hat! Ich wünsche zu Gott, daß jeder, der noch nicht zu Christo gekommen ist, jetzt einen Stachel in seinem Gewissen fühlen und darüber trauern möchte, daß er dies überaus große Übel begangen hat wider den hochgelobten Sohn Gottes, der Mensch wurde und aus Liebe zu schuldigen Menschen am Kreuze starb.

Wenn wir lesen, daß „es ihnen durchs Herz“ ging, können wir darin auch den Sinn sehen, daß sie eine Regung der Liebe zu Ihm empfanden, ein Weichwerden des Herzens, eine Neigung zu Ihm hin. Sie sagten sich: „Haben wir Ihn so behandelt? Was können wir tun, um unseren Abscheu über unser eigenes Verhalten zu zeigen?“ Sie waren nicht nur überzeugt von ihrer Sünde, so daß sie darüber betrübt waren, sondern ihre Wünsche und Begierden neigten sich dem Beleidigten und Gekränkten zu, und sie riefen: „Was sollen wir tun? In welcher Weise können wir unser Unrecht anerkennen? Gibt es einen Weg, auf welchem wir dies gegen Ihn begangene Unrecht irgendwie ungeschehen machen können?“ Ich wünschte, daß ihr alle zu diesem Punkte kämet. Laßt uns unter Tränen forschen, wie wir unsere Auflehnung gegen Ihn beenden und uns als Seine Freunde und demütigen Knechte erweisen können.

Als eine Folge der Predigt Petri, die er in der Kraft des Heiligen Geistes gehalten hatte, zeigten diese Leute gehorsamen Glauben. Sie wurden zur Tätigkeit erweckt, und sie sagten: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Sie glaubten, daß derselbe Jesus, den sie gekreuzigt hatten, nun Herr über alles war, und sie beeilten sich, Ihm gehorsam zu sein. Als Petrus sagte: „Tut Buße!“ taten sie tatsächlich Buße. Wenn Buße Bekümmernis ist, so waren sie in ihren Herzen bekümmert. Wenn Buße eine Änderung des Sinnes und Lebens ist, so waren sie tatsächlich andere Menschen geworden. Dann sagte Petrus: „Lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden.“ Tut den offenen und entscheidenden Schritt; tretet als Gläubige an Jesum hervor und bekennt Ihn durch das äußere und sichtbare Zeichen, welches Er angeordnet hat. Werdet mit Ihm begraben, in dem eure Sünden begraben sind. Ihr tötetet Ihn irrtümlicherweise; laßt euch in Wahrheit mit Ihm begraben. Sie taten dies gerne; sie wandten sich von der Sünde ab; sie wurden in den heiligen Namen getauft. Und dann konnte Petrus ihnen sagen: „Ihr habt Vergebung der Sünden; das Unrecht, das ihr an eurem Herrn getan habt, ist ausgelöscht; der Herr hat eure Sünden auf immer weggenommen. Vergebung der Sünde wird euch durch Jesum, den ihr getötet habt, den der Vater auferweckt hat. Ihr werdet wegen des schrecklichen Verbrechens der Ermordung des Herrn nicht aufgefordert werden, vor den Schranken Gottes zu erscheinen und euch zu verantworten; denn durch Seinen Tod ist euch Vergebung geworden. Zum Beweise der Vergebung sollt ihr nun der großen Gabe teilhaftig werden, die ein Zeichen Seiner himmlischen Macht ist. Der Heilige Geist wird über euch kommen, ja, über euch, die ihr Seine Mörder gewesen seid, und ihr werdet hingehen und Seine Zeugen sein.“

Meine lieben Zuhörer, zu welchem Standpunkt habe ich euch nun geführt! Wenn euch der Heilige Geist beigestanden hat, so daß ihr mir in der Schrift folgen konntet, seht, wohin wir gekommen sind! Wie schwarz auch euer Verbrechen und wie nichtig auch euer Charakter sein mag, wenn ihr das Unrecht eingesehen habt, das ihr getan habt; wenn ihr herzlich bereut, was ihr getan habt, weil ihr einseht, daß ihr gegen euren liebevollen Herrn gesündigt habt, und wenn ihr bußfertig und gläubig zu Ihm kommen wollt, und wenn ihr Ihn bekennen wollt, wie Er euch geboten hat, Ihn in der Taufe zu bekennen: dann habt ihr völlige Vergebung, und ihr werdet teilhaftig werden der Gaben und Gnaden Seines Heiligen Geistes, und hinfort werdet ihr Zeugen für den Christus werden, welchen Gott von den Toten auferweckt hat. Geliebte, ihr bedürft keiner gewählten Rede von mir; reines Gold bedarf keiner Vergoldung, und wie ich euch die wundervollste aller Tatsachen im Himmel und auf Erden erzählt habe, so lasse ich sie in ihrer einfachen Erhabenheit bestehen bleiben.

Möchte Gott diese alte, alte Geschichte auf eure Herzen schreiben! O, daß Er eine neue Auflage Seines Evangeliums der Liebe, das auf eure Herzen gedruckt wird, herausgeben möchte! Jedes Menschen Bekehrung ist eine neu gedruckte Kopie der Heilsgeschichte. Möchte der Herr euch heute als frisch von der Presse kommenden lebendigen Brief herausgeben, der von jedermann erkannt und gelesen wird, der insbesondere von euren Kindern daheim und von euren Nachbarn in eurer Straße gelesen wird! Der Herr gebe, daß auch diese Predigt vielen durchs Herz gehe um Seines Namens willen! Amen.

autoren/s/spurgeon/b/spurgeon-busse_und_glaube.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)