Luther, Martin - Predigt am 2. Weihnachtstag

Lukas 15

Bisher haben wir von diesem Fest gehört, erstlich die Geschichte, wie der Sohn Gottes Mensch geworden und von der Jungfrau Maria in diese armselige Welt geboren sei; welcher darum geschrieben und jährlich in der Christenheit gepredigt wird, auf das wir dieselbe wohl zur Herzen fassen, und Gott für solche Gnade und herrliche Wohltaten von Herzen lernen danken, die er uns durch solche Geburt seine Sohnes erzeigt hat.

Nach der Geschichte haben wir die himmlische Predigt des Engels gehört, durch welche solche Geburt den Hirten verkündigt worden ist, mit großer Klarheit auf dem Felde. Das ist auch etwas Neues, daß Gott die großen Herren zu Jerusalem sitzen läßt, und schickt so eine herrliche Botschaft vom Himmel herunter zu den armen Bettlern, den Hirten, auf das Feld. Das also der heilige Engel sich demütigt dem Beispiel seines Herrn Christi nach, und läßt sich gar nicht verschmähen, daß er den armen Hirten so eine schöne Predigt tun soll, die noch bleibt und bleiben muß unter den Christen, bis an der Welt Ende.

An solcher Geschichte lernen wir, wie die lieben Engel sehr feine Geister sind, da keine Hoffart innen ist. Deswegen alle die, so sich gelehrt, heilig und große Herren lassen heißen, billig dieses Beispiel wahrnehmen, und daran lernen sollten, daß sie ihrer Kunst, Weisheit, Gewalt und anderer Gaben sich auch nicht überheben, noch andere darum verachten. Denn so die Gaben zur Hoffart werden sollten, so hätten je die lieben Engel Ursache genug, daß sie solches getan und die armen Hirten verachtet hätten. Aber sie tun es nicht. Ob nun wohl die Hirten geringe, einfältige Leute sind, gleichwohl halten die Engel sich selbst nicht für so heilig und hoch, daß sie nicht sollten von Herzen willig und fröhlich sein, solche Botschaft ihnen anzusagen.

Also sollen wir auch tun, und in aller Demut unsere Gaben anderen zu Trost und Hilfe gern brauchen und niemanden verachten. Denn solches heißt dem Beispiel Christi gefolgt, wie wir in der ersten Predigt gehört haben. Der verachtet niemand; sondern gleich wie er vom Himmel herunter arm und elend in diese Welt gekommen ist, also will er auch arme, elende Leute um sich haben, die Hilfe suchen und bedürfen. Denn eben darum führt er auch den Namen, daß er ein Helfer oder Heiland heißt.

Solches Heilandes, lassen sich die großen Herren zu Jerusalem bedenken, sie bräuchten sein nicht. Die armen Hirten aber dürfen sein. Darum wird denselben solcher Schatz am ersten vom Engel in seiner kurzen Predigt, verkündigt, in welcher er uns dahin weiset, wie es alles darum zu tun sei, daß wir uns solches Heilandes freuen sollen, der uns von Sünde, Tod, Teufel und Hölle erlösen will. Denn also heißt diese Predigt: «Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr.»

Dies sind nicht Worte, die in eines Menschen Herzen gewachsen sind; denn auch die weisesten Leute auf Erden wissen davon nichts: sondern es sind engelische Worte, vom Himmel herab erschollen, welcher wir, Gott sei ewig Lob, auch sind teilhaftig geworden. Denn es ist eben so viel, du hörst oder liest heute diese Predigt, als hättest du sie vom Himmel selbst gehört. Denn die Hirten haben die Engel auch nicht gesehen; sie haben nur das Licht und den Glanz gesehen. Die Worte aber die der Engel haben sie gehört. Du hörst es noch in der Predigt, du liest es noch im Buch, wenn du nur willst die Augen und Ohren auftun, und solche Predigt lernen und recht brauchen.

Es gelingt aber solche Predigt weit anders, denn als Mose Predigt, die er von den Engeln auf dem Berg Sinai gehört hat. Denn hier ist es umgekehrt. Dort war es also getan, daß die Leute sich fürchten mußten, Leibes und Lebens nicht sicher waren vor dem Blitz und Donner und anderen greulichen Wesen. Hier aber predigen sie, die lieben Engel, man soll sich nicht fürchten, sondern guter Dinge sein, trotzig und hoffärtig werden, als man immer kann, um des Kindleins willen, daß unser Heiland ist, und von den Engeln hier mit einem sonderen Namen getauft und «Christus, der Herr» genannt wird.

Mit diesem Namen greifen sie in die Schrift, und fassen auf einen Haufen alle Propheten zusammen. Denn alles, was geschrieben ist, zielt dahin, daß man hoffen soll und warten auf den Mann, der da Christus heißt. Denn das Gesetz konnte wieder Sünde und Tod nicht helfen; eigene Werke und Frömmigkeit konnten auch nicht helfen. Solches war allein auf Christum gesetzt, der sollte es tun. Da sehen die Engel hin und predigen hier: Dieser ist es, der es tun soll, an dem jedermann alles finden sollen, was zur Vergebung der Sünden und ewigem Leben gehört.

Das heißt hinweggeworfen allerlei Lehre und Religion, dadurch man die Menschen außerhalb von Christus zum ewigen Leben führen will. Denn so es dieser Christus sein soll, so wird es nicht seine Mutter Maria, kein anderer Heiliger, wo doch die Katholiken auf der Heiligen Fürbitte, auf Möncherei und anderes die Leute weisen.

Aber wie reimt sich dies mit der Engelpredigt? Ja, wie reimt es sich mit dem schönen Gesang: Ein Kindlein so löblich? Da wird also unserem Herrn Christus zu Ehren, und zum Zetergeschrei über uns selbst, über den Papst und alle Werkheiligen singen: Wär uns das Kindleins nicht geboren, so wären wir alle zumal verloren. Sind wir nun außer Christus alle zumal verloren, so muß ja der Mensch mit seiner Regel, mit seiner Kappe und Messe auch verloren sein. Denn wer alle nennt, schließt niemand aus. Sollen sie aber selig werden, so müssen sie nicht durch Mönchsorden, Fasten, beten selig werden, sondern allein durch Christum, der den Namen hier hat, und heißt ein Seligmacher oder Heiland.

Man hat diese Engelpredigt im Papsttum auch gehabt, man hat auch jedes Jahr in Deutschland dies schöne christliche Lied: Kein Kindleins so löblich, überall gesungen, und singt es noch, aber niemand hat es verstanden. Ursache, es hat an treuen Predigern gefehlt. Wo nun der Predigtstuhl liegt und schnarcht, daß der die Worte nicht aufweckt und erklärt, so singt und liest man es zwar, aber ohne allen Verstand. Denn wir müssen bekennen, daß wir auch im Papsttum die Taufe, Sakrament, den Text des Evangelium, daß Vaterunser, den Glauben, die zehn Gebote gehabt haben, und noch heutigen Tages haben die Katholiken es wie wir, ausgenommen, daß sie das Abendmal des Herrn geändert und sein Testament verrückt haben. Aber solches alles schläft bei ihnen, sie haben es und wissen es nicht, was sie haben. Denn sie trösten sich nicht, wie sich Christen solches Schatzes trösten sollen; sondern gehen frei und sicher daher, denken nicht einmal, was die Taufe, Evangelium, Vater Unser und Glauben ist. Darum wissen sie auch nicht, was sie davon singen oder sagen.

Woran fehlt es denn? Daran, daß der Predigtstuhl gefallen ist, der den Leuten die Ohren auftun und das Wort aufwecken muß, daß sie verstehen, was sie hören, lesen oder singen. Der nun andere aufwecken soll, muß auch nicht schlafen, sondern wacker und munter sein, sonst kann ein schläfriger Prediger einen lustigen Zuhörer mit sich schläfrig machen. Wie ist es denn mit dem Papst gegangen. Der ist im Rosengarten und Paradies, das ist, in aller Ruhe und Fülle gesessen; darum hat er geschnarcht und geschlafen und diese herrliche Predigt fallen lassen, daß ob sie gleich davon singen und lesen wie wir, dennoch nichts davon wissen oder verstehen. Daß es also beides miteinander bei den Katholiken geht. Im Evangelium lesen sie, wie der Heiland geboren ist. In der Kirche singen sie: Wär uns das Kindlein nicht geboren, so wären wir allzumal verloren, daß Heil ist unser aller. Gehen doch nichts desto weniger hin, rufen die Jungfrau Maria an, Fasten, feiern der Toten Heiligen Feste, bestellen und hören Messe. Das heißt ja andere Heilande machen, und dieses Lied und den Gesang verkehren, und anstatt dieses Heilands oder Kindleins die Jungfrau Maria und anderer Heilige, ja, wohl auch die armen und elenden Menschen Werke setzen.

Darum ist es hoch vonnöten, daß man Gott von Herzen bitte, daß er tapfere Prediger geben wolle, die solche Worte in uns aufwecken und erklären, daß wir es nicht allein hören und lesen, sondern auch verstehen. Wo aber solche Prediger nicht sind, da geht es zu wie bei den Katholiken, die das Evangelium, Taufe, Sakrament haben, verstehen aber nichts davon. Darum ist ihnen das Wort «Taufe,» «Sakrament» eben wie ein Schatz, den einer im Hause hat sein doch nicht nutzt, weil er ihm verborgen ist.

Des Engels Predigt ist klar und deutlich genug: Euch ist der Heiland geboren. Aber wenn es noch so klar und deutlich wäre, ist es doch dem Papst und seinem Haufen unverständlich, sonst würden sie die Leute nicht heißen die Heiligen anrufen, Menschenwerk und Verdienst kaufen, und anderer Heilande suchen, sondern sie würden sich an diesem Heiland genügen lassen. Wo aber Gott einen wackeren und munteren Prediger gibt, der solche Worte bei den Zuhörern im Herzen recht aufwecken und erklären kann, der bringt aus dieser Engelpredigt die hohe Kunst, daß er allerlei andere falsche Lehre und Geister eigentlich richten und urteilen kann, und ist nicht möglich, daß der Teufel sich sollte so seltsam vertrehen, daß er ihn nicht fassen, kennen und mitten in sein Herz sehen soll, ob er gleich noch so verschlagen und arglistig ist. Daher rühmt Paulus 2. Korinther 2,11., und spricht: «Uns ist nicht unbewußt, was der Satan im Sinn hat.»

Also auch wir dürfen nicht mehr zur Sache tun, denn daß wir allerlei Lehre, sie heiße jüdisch, türkisch, katholisch oder wie sie wolle, gegen des Engels Predigt halten, ob sich's auch mit ihr reimen oder leiden wolle. Das Papsttum hat über die Maßen viel Gepränge mit den Gottesdiensten, auch viel großer, köstlicher Werke. Aber wer sieht nicht, daß es alles Abgötterei ist, besonders weil sie solche Gottesdienste für ihren Heiland halten? Das ist, sie verlassen sich darauf, als hätte Gott einen Gefallen daran, und sie dadurch seine Gnade erlangen und ins Himmelreich kommen könnten; so doch hier vom Kind der Engel predigt, und sonst niemand, sei der Heiland. Deswegen können wir Papst und Bischöfe mit Wahrheit beschuldigen, daß sie in irriger Lehre und Leben sind. Denn es reimt sich weder ihr Leben noch ihre Lehre mit dieser Engelpredigt. Wer sich nun hält und richtet nach des Engels Predigt, der kann nicht fehlen noch irren, er nehme vor sich und urteile, was er wolle. Deswegen mögen wir Gott wohl für solche Gnade danken, und von Herzen bitten, daß er uns wolle bewahren, daß wir dies Kindleins und selig Licht ja nicht aus den Augen und Herzen lassen, welches uns vorleuchtet wider alle List des Teufels und Schalkheit der Welt, daß wir sicher wandeln, und aller anderen Lehren, so dawider sind, leicht und bald urteilen können, daß sie unrecht sind; dürfen nicht mehr tun, denn daß wir sagen: Der Engel predigt nicht so, daß meine, deine oder einiger Kreatur Werke unser Heiland sei; sondern er weist uns auf das Kindlein, von dem er sagt: «euch ist heut der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr,» der hat alles getan und ausgerichtet, was unsere Seligkeit betrifft. Dem englischen Doktor will ich Glauben und mich an seine Predigt halten, sonst keine hören, die anders lautet.

Das ist die köstliche Engelpredigt, da kommen viel tausend andere Engel und heben eine schöne Musik an, daß, gleich wie die Predigt eine Meisterpredigt ist, also folgt auch ein schöner Meistergesang darauf, ein englischer Gesang, den man vorher in der Welt nie gehört hat, und lautet also: Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen. Amen

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