Luther, Martin - Appellation oder Berufung an ein christliches freies Konzil

Luther, Martin - Appellation oder Berufung an ein christliches freies Konzil

von dem Papst Leo und seinem unrechten Frevel, erneuert und repetiert.

Jesus

Jedem frommen Christen sei zur Kenntnis gegeben, dass ich, Doktor Martinus Luther, schon vor einiger Zeit, durch erhebliche Beschwerung veranlasst, rechts- und ordnungsgemäß eine Appellation von Papst Leo X. an ein freies christliches Konzil gerichtet habe, die hier nach ihrem Inhalt folgt und so lautet:

Das göttliche, natürliche und menschliche Recht hat zu Trost und Schutz für die Unterdrückten die Appellation oder Berufung von dem Unteren zu dem Oberen erfunden und eingesetzt. Und kein Unterer hat die Gewalt, sie zu verwehren oder dem Oberen die Hand zu binden.

Auch ist es offenbar, dass ein christliches allgemeines Konzil, besonders in Sachen des christlichen Glaubens, über dem Papst steht und er keine Gewalt hat zu verwehren, von ihm an dieses zu appellieren, obwohl Julius II. Und Pius II. Das mit ihren unverschämten, tollen Gesetzen vergebens unternommen haben. So sage ich, Martinus Luther, Augustiner, Doktor der heiligen Schrift genannt, zu Wittenberg usw., vor euch, Herr Notar, als vor einer öffentlichen glaubwürdigen Person, neben diesen hier anwesenden Zeugen, mit dem Willen und dem Vorhaben, zu appellieren und Berufung einzulegen: Nachdem in vergangenen Tagen von etlichen päpstlichen (wie sie vorgaben) Ablasspredigern in sächsischen Landen allzu ungereimt gepredigt wurde, zur Verführung und Beschädigung des armen Volkes, und ich mit gewissenhafter Begründung aus der Schrift ihnen durch eine freie, öffentliche Disputation widerstanden habe, sind sie wütend und erbittert auf mich. Nach vielen Lästerungen, mit denen sie mich von den Kanzeln öffentlich und mutwillig als einen Ketzer ausgerufen haben, haben sie mich zuletzt auch vor dem allerheiligsten Vater in Gott, Leo X., durch Herrn Marius Perusco verklagt und so eine Vorladung erlangt, mich nach Rom zitiert, um mich vor ein Gericht zu stellen, vor Herrn Hieronymus Ghinucci und Silvester Prierias.

Dadurch war ich mit Recht beschwert, nämlich, weil ich nicht einmal zu Wittenberg, wieviel weniger dann zu Rom sicher war, dazu arm und schwachen Leibes, so dass ich eine solche große Reise nicht unternehmen konnte. Außerdem waren mir die bezeichneten Richter verdächtig und unerträglich, weil Herr Silvester mein erklärter Widersacher ist, gegen mich auch öffentlich geschrieben hat, dazu in der heiligen Schrift diese Sachen betreffend ganz ungelehrt ist, und Herr Hieronymus, ein Jurist und nicht ein Theologe, in diesen Sachen nicht Richter sein konnte. So habe ich durch den erhabensten, hochgeborenen Herrn Herzog Friedrich, Kurfürsten zu Sachsen usw., erbeten, dass die Sache redlichen und gelehrten Personen in Deutschland anbefohlen würde. Da haben sie wiederum ihre krasse Schlauheit gebraucht und bei päpstlicher Heiligkeit erlangt, dass die Sache Herrn Thomas von Cajetan, dem Kardinal von St. Sixtus, derzeit päpstlicher Botschafter in deutschen Landen, anbefohlen wurde, damit sie in dieser Verhandlung selbst Richter blieben. Denn weil dieser Kardinal der Vornehmste ihres Ordens und Vorstands ist, vermuteten sie, er würde gegen mich urteilen oder ich würde mich vor solchem gegnerischen Richter entsetzen, fernbleiben und so als Ungehorsamer unter Strafe und Urteil fallen.

Doch ich habe mich auf die Wahrheit verlassen, bin mit großer Mühe, Kosten und Gefahr nach Augsburg gekommen und wurde von dem hochwürdigsten Kardinal freundlich empfangen. Aber ungeachtet dessen, dass ich mich erbot, öffentlich wie vertraulich zu antworten, mich auch auf vier Hochschulen berief, drängte er mich stracks zum Widerruf, wollte auch weder Ursache noch Grund anzeigen; mir half weder Bitten noch das Angebot, mich zu unterwerfen. Zuletzt drohte er mir mit einem grausamen päpstlichen Befehlsbrief, und ich sollte ihm nicht mehr vor die Augen kommen, ich täte denn einen Widerruf. Damit war ich gezwungen, gegen diese Beschwerung zu appellieren an den allerheiligsten Vater Leo, der besser unterrichtet werden musste, wie denn in dieser Appellation ausführlich vermerkt ist.

Nun aber verachten sie solche Appellation, und ich begehre noch heute, dass mir mein Irrtum bewiesen wird, und ich wäre willig zu widerrufen, wo ich geirrt hätte, was ich hiermit bezeuge. Darüber hinaus habe ich diese meine Disputation dem Papst unterworfen und warte noch täglich auf das Urteil. Doch höre ich, und dieser hochwürdigste Thomas, Kardinal von St. Sixtus, schreibt auch dem erhabensten Herrn Kurfürsten zu Sachsen usw., wie die obgenannten Richter zu Rom fortfahren, mich in dieser Sache zu verdammen, ungeachtet meines treuen, übermäßigen Gehorsams, dass ich mit solcher Mühe zu Augsburg erschienen bin. Sie wollen auch mein Erbieten, zur öffentlichen wie vertraulichen Antwort nicht beachten. Ja, sie verschmähen auch, mich armes Schaf Christi die Wahrheit zu lehren und von dem Irrtum wegzuführen. Vielmehr drängen sie mich stracks, ohne die Gründe zu hören oder Beweise zu liefern, aus lauter Gewalt und Mutwillen, zum Widerruf der Rede, die ich in meinem Gewissen für wahr halte. Damit wollen sie mich von dem christlichen Glauben und von der offensichtlichen Meinung der Schrift abbringen.

Des Papstes Gewalt ist weder über noch gegen, sondern für und unter der Schrift und der göttlichen Wahrheit. Und er hat nicht Gewalt, die Schafe zu würgen, dem Wölfen in den Rachen zu werfen, den falschen Lehrern zu übergeben, sondern sie zu der Wahrheit zu leiten, wie denn einem Hirten, einem Bischof, der an Gottes Statt sitzt, gebührt. Darum fühle ich mich beschwert und verletzt, denn nach dieser Weise wird es wohl dahin kommen, dass hinfort sogar niemand Christus bekennen oder die heilige Schrift öffentlich lesen dürfte und dass er so mit Gewalt von dem rechten, wahren christlichen Glauben und dem Verständnis der Schrift in lauter falsche, menschliche Erfindungen und Meinungen gestoßen und in verführerische Fabeln getrieben werden müsste. Deshalb appelliere ich und berufe mich mit dieser Schrift auf ein zukünftiges, freies, sicheres Konzil für mich und für alle, die mir anhängen und zukünftig anhängen werden: von dem obgenannten allerheiligsten Papst Leo, der sich in dieser Sache nicht wohlbedacht und verständig zeigt, auch von den vorhin erwähnten Richtern, von ihrem Vorladen, ihren Händeln und all dem, was daraus erfolgt und erfolgen wird, von allen ihren Urteilen, Sentenzen und von allen Beschwerungen, die mir von ihnen samt und sonders kommen mögen, von denen also, die nichts, unrecht, frevlerisch und unbillig sind. Und ich begehre zum ersten, zum zweiten, zum dritten, mir die Aposteln zu geben - wer sie zu geben hat, besonders von euch, Notare, Zeugen - und erkläre, dass ich diese Appellation ausführen und jener nichtiges, missbräuchliches, unrechtes und unbilliges Vorhaben beweisen will, wie das aufs beste geschehen kann: mit dem Vorbehalt, zu vermehren, zu vermindern, zu verändern, und dem Vorbehalt allen Vorteils, den die Gesetze mir, meinen Anhängern und denen, die mir noch anhängen werden, geben.

Nun aber verharrt, verhärtet und steigert sich dieser Papst Leo in seinem unchristlichen Frevel so sehr, dass er sogar in einer Bulle, wie ich sagen höre, mich unvorgeladen, unverhört und unüberwunden verdammt, und außerdem gegen Gott und sein heiliges Wort die Gewalt der christlichen Kirche und eines freien Konzils wie ein Abtrünniger und Unchrist verleugnet, verflucht und verleumdet. Auch gebietet er mir, den christlichen Glauben öffentlich zu verleugnen, und unterdrückt mit unerhörter Gotteslästerung das heilige Gotteswort. So lasse ich hiermit jedermann wissen, dass ich noch zu meiner früher vollzogenen und jetzt in Erinnerung gerufenen Appellation stehe, sie auf rechtmäßige Weise vor einem öffentlichen Schreiben und vor angemessenen Zeugen erneuert habe und hiermit vor jedermann erneuere und erneuert ausrufe. Auf sie hin und kraft ihrer appelliere ich hiermit aufs neue und berufe mich von diesem Papst Leo auf ein christliches Konzil: Zum ersten als von einem in frevelhafter Gewalt vermessenen, ungerechten Richter, nämlich darin, dass er mich unüberwunden, ohne Angabe der Gründe und ohne Unterrichtung verurteilt. Zum zweiten als von einem verstockten, irrigen, in aller Schrift verdammten Ketzer und Abtrünnigen, nämlich darin, dass er mir gebietet, den christlichen Glauben in den Sakramenten zu verleugnen. Zum dritten als von einem Feind, Widersacher, Unterdrücker der ganzen heiligen Schrift, nämlich darin, dass er öffentlich und unverschämt sein eigenes, bloßes Wort gegen alle göttlichen Worte setzt. Zum vierten als von einem Verächter, Lästerer und Schmäher der heiligen christlichen Kirche und eines freien Konzils, nämlich darin, dass er mit seinen unchristlichen Vorfahren Pius II. und Julius II. vorgibt und lügt, ein christliches Konzil sei nichts, während er doch sehr wohl weiß, dass, obwohl es noch nicht versammelt ist, doch die vorhanden sind, die in ein Konzil gehören, das ist: die christliche Gemeinde - so wie das römisch-deutsche Reich oder der Rat einer jeglichen Stadt nicht darum nichts heißen kann, weil die Fürsten und Herren, die hineingehören, nicht versammelt sind. In diesen und allen anderen Stücken und Vornehmen erbiete ich mich hiermit öffentlich, vorzutreten und Beweis zu führen.

Ich bitte deshalb demütig die allererhabensten, erhabensten, hochgeborenen, wohlgeborenen, edlen, tapferen, weisen, klugen Herren Karl V., den römisch-deutschen Kaiser, Kurfürsten, Fürsten, Grafen, Herren, Ritter, Adligen, Räte, Städte und Gemeinden der ganzen deutschen Nation: sie wollten zur Rettung der göttlichen Ehre und zum Schutz der christlichen Kirche, der Lehre und des Glaubens, auch zur Erhaltung freier christlicher Konzilien mir und meiner Appellation anhängen, sich von des Papstes unchristlichen Vorhaben mit mir abwenden, ihm widerstehen und seinem gewaltigen Frevel nicht folgen oder auch nur stille stehen und dieser unchristlichen Bulle so lange nicht Folge leisten, bis ich samt meiner Sache redlich vorgeladen und durch unverdächtige Richter verhört, mit Gründen aus der Schrift widerlegt werde. Das wird Christus unser Herr, der rechte Richter, ohne Zweifel jedem bei seinem letzten Gericht mit ewiger Gnade reichlich bezahlen.

Wenn aber jemand diese meine Bitte verachten, so fortfahren, dem Papst folgen würde, will ich mich hiermit entschuldigt und sein Gewissen, das ich durch meine treulich Warnung zunächst brüderlich ersucht, belastet haben und dem Jüngsten Gericht Gottes über ihn, den Papst und den ganzen päpstlichen Haufen Raum lassen.

Fluchen jene,
so segne du.
Ps. 109, 28
Das ist wahr.

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