Kohlbrügge, Hermann Friedrich - Gott, sei mir gnädig!

Der 51. Psalm

Vers 1-5

Ein Psalm Davids vorzusingen.
Da der Prophet Nathan zu ihm kam, als er war zu Bath-Seba eingegangen.
Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich wohl von meiner Missethat, und reinige mich von meiner Sünde; denn ich erkenne meine Missethat, und meine Sünde ist immer vor mir.

Es ist gar lieblich, zu erkennen mit erleuchteten Augen, welche sei die überschwängliche Größe der Kraft des Gottes unseres Herrn Jesu Christi an Allen, die da glauben, nach der Wirkung seiner mächtigen Stärke, welche er gewirket hat in Christo, da er ihn von den Todten auferwecket hat und gesetzet zu seiner Rechten im Himmel. Dieses zu erkennen wirkt einen ewigen Trost, wenn man nur von seiner eignen, gänzlichen Machtlosigkeit lebendig überzeugt, auch darüber herzlich gedemüthiget ist, und es uns darum geht, daß solche Kraft auch an uns sich verherrliche. Um aber zu erkennen wie diese Kraft wirkt, müssen wir in die Schrift hinein. Da sind wir an Ort und Stelle, sie völlig wirken zu sehen; und soll ich dazu einen Theil der Schrift hervorheben, so sei es der einundfünfzigste Psalm. -

Dieser Psalm hieß von jeher ein Bußpsalm; er mag diesen Namen behalten; sehe ich aber auf des Herrn Jesu Worte, daß im Himmel Freude ist vor den Engeln Gottes über einen Sünder der Buße thut: so begreife ich, warum der Heilige Geist ihn nicht Bußpsalm, sondern „Psalm“ hat nennen lassen; denn so, oft die Engel Gottes diesen Psalm von den Lippen der Davids Gottes vernehmen, lauschen sie gewiß und sprechen: Welche fürstliche Musik! wie verherrlichen diese Töne den ewigen Gott!

Er heißt: „Davids“ Psalm. David hat ihn also gemacht, und zwar nachdem er lange zuvor wiedergeboren und bekehrt worden war. Das müssen die Gleißner und Werkheiligen, der ewigen Wahrheit zu Ehren, stehen lassen, wenn sie sich auch vergeblich bemühen zu behaupten, der Apostel Paulus habe nicht von seinen fortwährenden Erfahrungen geredet, da er das siebente Capitel an die Römer schrieb, sondern er habe geredet in der Person eines Unwiedergeborenen.

Die ersten Worte der Aufschrift dieses Psalmes sind so bereits Aeußerungen des Ueberschwänglichen der Größe der Kraft Gottes. Er heißt nicht „Bußlied“, nicht „Klaglied“, sondern „Psalm“. Er heißt nicht ein Psalm eines tief gefallenen, eines großen Sünders, sondern Psalm „Davids“. Er heißt nicht ein Psalm, um besonderen großen Heiligen im Verborgenen mitgetheilt zu werden, sondern ein Psalm „um vorzusingen“. Traun, David erfährt's, wie unten in der Hölle seiner Verlorenheit Arme ewiger Liebe sind, die ihn ergriffen haben; und was ein Armer und Elender in seiner bodenlosen Tiefe klagt und wimmert, heißt oben ein Psalm. David ist von der Kraft ergriffen, welche in Christi Auferstehung liegt, daß er sich tapfer halte und um Gnade schreie, auf daß er nicht umkomme in seiner Verlorenheit und nicht erstickt werde in seinem Tode, welcher über ihn her ist. In ihm ist die Liebe des Geistes, daß er seinen Herrn und Gott und die Brüder lieb hat: den Herrn, daß ihm alle Ehre gegeben sei; die Brüder, daß sie gestärkt seien in ihrer Sündennoth zu der Gnade die Zuflucht zu nehmen. Darum hat er geschrieben: es sei sein Psalm. Er schändet sich selbst auf ewige Zeiten, damit der Name des Herrn Jesu allein hoch gerühmt bleibe in der Gemeine; er schändet sich selbst auf ewige Zeiten, auf daß alle Brüder, die vom Teufel und der Verführung der Sünde geschändet waren oder werden würden, mit Zutrauen zu dem offenen freien Brunnen gegen die Sünde und Unreinigkeit gehen möchten. Darum schreibt er „vorzusingen“, und es ist ihm nicht bange, daß davon Mißbrauch wird gemacht werden, oder daß man aus diesem Psalm Anlaß nehmen würde, die Gnade auf Muthwillen zu ziehen. O, das wilde Gethier sperrt immerimmerdar, wie ein brüllender und zerreißender Löwe, seinen Rachen auf, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufkommt, denn da ist das Ende ihres Raubens und Mordens; und je klarer der rechte Gebrauch gelehrt wird, je eher ist der Mißbrauch zu Schanden gemacht. - Darum steht David auch nicht an, die Gelegenheit kundzugeben, bei welcher er diesen Psalm gemacht. Warum, - wo er das Heilmittel gefunden hat, - sollte er auch damit nicht in das Spital gehen, wo wir Alle krank lagen und liegen! Eine allgemeine Sünde ist die Sünde wider das siebente Gebot, und es tritt dabei in die äußere Erscheinung das Geistige des Teufels, welcher den Menschen hetzt: zu schaffen, zu wirken, zu besamen, wo Gott nicht will; nicht zu schaffen, nicht zu wirken und nicht zu besamen, wo Gott es will, und des Menschen greuliche Lust: seinen Leib und den Leib seines Nächsten zu schänden, und also zu zerstören und zu verderben was der Heilige Geist einnehmen will zu seiner Werkstätte. Auch ist diese Sünde die gewöhnliche Strafe, womit Gott in seinem gerechten Zorn unsere Werkhelligkeit belegen, unsere Naseweisheit strafen muß, da wir meinen wir wüßten was Gutes und Böses sei; womit er auch den schönen freien Willen strafen muß, welcher seinen Hals nicht krümmen will unter den Willen Gottes, noch einhergehen in den sanften Liebesseilen der Freiheit, womit Christus frei macht. Die schrecklichen Folgen dieser Sünde sind am Tage: man kommt um die Ruhe seines Gewissens, um Leib und Leben; sie bricht Häuser ab und zerstört Reiche und Völker; fast jede Revolution wurde von ihr angefacht, ihre Wuth kennt keine Grenzen und sie watet gerne durch Menschenblut.

Das ist die treue Abbildung eines jeglichen Menschenkindes seit Adams Fall: Ein Mannsbild und ein Weibsbild, gänzlich umgarnt und umstrickt von dem eisernen Netze des Todes, nach der Hölle hingezogen von dem starken- Arm des Teufels, und des Mannsbildes wie des Weibsbildes Gefährte sind ein brünstiger Hirsch und ein Tiger, der nach Blut geilt.

Aber Gott hat sich eine Gemeine erworben durch sein eignes Blut. Nur diese Gemeine sieht die schreckliche Lage, worin sie sich von Haus aus befindet. Hier aber das Ueberschwängliche der Größe der Macht Gottes! Mitten in der Gefahr des Umkommens sendet er sein Wort. Er macht mit seinem Worte das eiserne Netz zu Spinnfäden. Die Seinen brechen hindurch aus dem eisernem Netze heraus. Der Teufel muß seine Beute los lassen, Hirsch und Tiger werden verjagt; - und hat die befreiete Gemeine auch die Folgen ihrer Sünde zu beweinen, daß es zu ihr heißt, wie es auch zu David hieß: „Das Schwert wird von deinem Hause nicht weichen“: so athmet sie doch frei auf in einer Liebe, welche gewaltiger ist als die Hölle und ihre Lust.

Das Wort, das so frei macht, finden wir bereits in der Aufschrift: David war zu Bath-Seba gegangen in seiner und des Teufels Lust; - darauf war ein vom heiligen Geist Getragener (Nathan war sein Name) zu David gegangen in der Liebe Gottes, nach dem Zeugnisse: Also hat Gott die Welt geliebet!

Und nun schauet die Wirkung der Macht, welche Gott gewirket in Christo, da er ihn auferwecket aus Tobten! Nicht für sich selbst stand Christus auf, sondern mit ihm soll auferwecket sein, was ihm vom Vater gegeben ist, was verloren war. „So wahr der Herr lebet, dieser Mann ist ein Mann des Todes!“ sprach David zu Nathan. Nathan aber zu David: „Du bist der Mann!“ David darauf: „Ich habe gesündiget;“ und Nathan: „Der Herr hat deine Sünde von dir genommen.“ Mit dem Propheten hatte der König abgehandelt; aber nun ging's in's innere Gemach, die Thüre hinter sich zu; er hat's mit seinem Gott zu thun. Er ergreift seine Harfe, und die ersten Töne die er aus gebrochenem Herzen, von bebenden Lippen, von den ergriffenen Saiten zu Gott emporschwingt, sind diese: „Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit“.

Das ist die Macht Gottes aus der Auferstehung Jesu Christi, die Macht errettet zu haben; das ist die Macht des Heiligen Geistes, welchen Christus erworben! Nein, das wagt kein Menschenkind, kein Sünder, so aus sich selbst zu Gott zu sprechen. O, wenn alle Frömmigkeit, alles Werk, alles Verdienst, jeder Ruhm dahin ist; wenn man selbst seinen ganzen Weg verdorben und nur Zorn, Sünde, Schuld und die angedrohte Strafe vor sich hat: ja, da mag man Alles unternehmen, aber man kommt aus sich selbst nicht weiter als an den Rand der Verzweiflung, oder das Herz wird wie ein Stein. O, das ist nur ein Werk der freimächtigen Gnade, daß ein Sünder Gnade will, und nichts als Gnade. - Aber um „vorzusingen“ ist dieser Psalm und also auch, um nachzusingen. Davids Herz war zerschlagen, war von Liebe entzündet worden, um Gnade zu begehren. Dazu war es zubereitet durch des Propheten Wort; und heißt es hier „um vorzusingen“, so will das sagen: „Gemeine Gottes, du hörst das Evangelium, es hat dir treulich gesagt: Du bist der Mann, der Mann des Todes! was du zu leiden hast, ist dir angesagt; - du kommst ein mit deiner Schuld, sprichst: Ich habe gesündiget; vorgehalten, angesagt ist dir aller deiner Sünden Ablaß: aber nun zu Gott hin, schlage in die Saiten deiner Harfe, und so singe: Gott, sei mir gnädig!“ - Das ist die Stimme deines Liebsten zu dir; so will es der Heilige Geist.

Höret, was David Gott vorgesungen hat: Fast jedes Mutterthier hat ein Herz über seine armen und elenden Jungen, es bricht ihm das Herz gegen sie, wenn sie so hülflos da liegen, besonders wenn sie in Roth und Gefahr sind, so daß es sich seiner Jungen erbarmen muß, der innern Barmherzigkeit wegen; Gott, du starker Gott, du, Gott Vater, du, Gott Sohn, du, Gott Heiliger Geist, mache du es auch so mit mir, der ich um und um in der Roth meines Verderbens stecke; bin ich doch dein trautes Kind, obschon ich die Hölle verdient habe, obschon ich nicht mehr werth bin, dein Kind zu heißen. - Aus Gott, zu Gott klingen diese Worte, und ist was Wunderbares darin, daß ein sonst stolzer Mensch, der sich lieber der Verzweiflung ergibt, um Gnade ruft. Wer um Gnade ruft, bekennt, daß er den ewigen Tod verdienet hat. Wer um Gnade ruft, bekennt, daß er gar kein Werk noch . Verdienst mehr hat, daß es aus und vorbei ist mit allem Ruhm des Fleisches. Wer um Gnade ruft, will die Sünde nicht, sondern schreit zu Gott um Errettung von ihrer Wuth und Tyrannei. Wer um Gnade ruft, bekennt, daß er es nicht mehr besser machen kann, daß es mit ihm auf immerdar eine verfehlte Sache ist. Noch mehr; wer um Gnade ruft zu Gott, glaubt: daß oben Gnade für ihn da ist; glaubt: daß lediglich die Gnade ihm helfen, ihn erretten kann. Wer um Gnade ruft, glaubt: daß Gnade ein freies Geschenk ist; glaubt aber auch: daß, weil Gott frei ist Gnade zu ertheilen, er auch Gnade ertheilen kann, ertheilen will und ertheilen wird.

Aber lasset uns dabei die Größe der Macht Gottes nicht aus den Augen verlieren. Ein Sünder, ein Ehebrecher, ein Mörder; Einer, der bereits belegt ist mit schrecklichen, ihm durch den Propheten angekündigten Strafen; ein Mensch, belegt mit dem Fluche und der Vermaledeiung des Gesetzes; ein innerlich ganz Aussätziger; unrein von Geburt, unrein von Herzen, unrein von Lippen; ein Mensch, der seine Wiedergeburt und Bekehrung und alle ihm geschenkten Heilsgüter für eine augenblickliche Lust vergeudet: - dieser Mensch berührt mit seinen, mit dem Blute eines Gerechten besudelten Fingern die Seiten seiner Harfe und haucht aus einem Herzen, worin der Tod steckt, das flehentliche Gebet: „Chonneni Elohim, - sei mir gnädig, o Gott!“ -

Das hat unser lieber Herr und Heiland Jesus dargestellt. Dafür starb er an dem verfluchten Holze des Kreuzes. Dafür ging er in das Grab; dafür stand er auf am dritten Tage. Dafür erwarb er den heiligen Geist. Dafür hat Gott ihn mit Preis und Ehre gekrönt. Das sind die Thaten der Macht Gottes, die großen Thaten, welche er thut durch ihn in der Gemeine!

Hier sehen wir, was das Evangelium von Jesu Christo wirkt, wenn Gott das Gedeihen gibt. Es war nicht zum erstenmal, daß David um Gnade gerufen. War er doch lange zuvor ein von Gott Bekehrter und Wiedergeborner. So Viele halten sich für bekehrt und wiedergeboren, wollen aber ihre Sünden nicht eingestehen, wollen den Stab nicht über sich selbst brechen, verneinen, und verbergen ihre Sünden, aber die Gnade, wie sie Gnade ist, wollen sie nicht. Saul, obschon er den Propheten Samuel um sich gehabt; Cain, obschon Gott selbst mit ihm redete und ihm noch gütig ein Zeichen gab; die Pharisäer, obschon sie den Herrn Jesum täglich konnten predigen hören; die Jüdischgesinnten allesammt, obschon sie von den Aposteln, besonders von Paulo, die Predigt von der Macht der Gnade vernahmen: diese Alle hatten mehr oder weniger Erfahrungen davon was Gnade sei. Dennoch wollten sie zu der Gnade nicht kommen, sondern hatten sie und ihre Zeugen fortwährend in Verdacht. Und so geschieht's annoch bis auf den heutigen Tag. Diese Alle wollen zwar Gnade, aber nicht die Gnade, wobei sie wegfallen, nicht die Gnade, wobei sie um und um Gottlose sind. Sie rufen um Gnade, weil sie Gott nicht vertrauen, und meinen, er könne sie auch wohl zerreißen. Sie rufen um Gnade, auf daß sie dadurch etwas werden in sich selbst. Und schlägt das fehl, so hassen sie und lästern sie die Gnade. Hier aber haben wir einen Mann der zu Gott um Gnade schreit, weil er glaubt, daß Gott eitel Gnade ist, und weil er von sich selbst glaubt: daß er von nun an kein gutes Werk mehr aus sich wird thun können, sondern daß er sich selbst gänzlich vor dem Gesetze untüchtig hat gemacht. Glaubt er denn nicht, daß Gott schrecklich zürne wider die Sünde? Das glaubt er allerdings, aber er fragt hier nicht nach Zorn, Grimm, Gesetz und Sünde: sondern darnach, was über Gesetz, Sünde, Zorn und Grimm hergeht, was Gesetz, Sünde, Schuld, Zorn und Grimm wegnimmt. Er fragt darnach, was Gott am höchsten verherrlicht, ihn in seiner Majestät am meisten offenbart. Er fragt nach Gnade, und zwar nach Gnade für sich, und nach Gnade, wie sie Gnade ist, wie Gottes Güte und die Größe seiner Barmherzigkeit dabei am herrlichsten an den Tag kommen mögen.

Von dieser Güte Gottes hat auch der Apostel Paulus herrliche Dinge bezeugt in seinem Römerbriefe, weshalb er auch daselbst im 11. Cap. schreibt: „Schaue die Güte an dir, so ferne du an der Güte bleibst, sonst wirst du auch abgehauen werden.“

Der Herr Gott gibt aber seinen Heiligen wunderbare Gebete in ihrer Noth. Sei mir gnädig, o Gott, schreit David, so gnädig, wie deine Güte Güte ist; und tilge meine Sünden so aus, wie die Größe deiner Barmherzigkeit eine Größe der Barmherzigkeit ist. Gottes Güte ist aber so reich, so reich: - man denke sich dieselbe so reich, wie man will, so ist sie noch reicher; und seine Barmherzigkeit ist so groß, so groß, daß man sich nichts Größeres denken kann.

Ich habe euch schon oft gesagt, was „Güte“ ist: eine angeschwollene Mutterbrust, welche sich darnach sehnt, dem Kinde zu schenken; eine angeschwollene Beere, welche den edlen Saft nicht mehr bei sich behalten kann. Ich habe euch auch schon gesagt, was „Barmherzigkeit“ ist; es ist das mütterliche Herz (Eingeweide), welches sich nicht Ein Mal, sondern Hunderttausend und Millionen Mal des Säuglings, des Sohnes ihres Leibes, erbarmt.

So, wie diese deine Güte ist, so sei mir gnädig; so, wie dein Herz ist, so tilge aus, streiche weg, daß sie vor deinen Augen und meinem Gewissen nicht mehr da sei, meine Rebellion.

So bittet ein Mensch nicht aus sich selbst. Das ist die Kraft, welche Gott gewirkt in der Auferstehung Christi. Solche Sprache kann Fleisch und Blut nicht führen, auch diese Sprache nicht: „Wasche mich wohl von meiner Missethat (das ist: mache es viel mich zu waschen von meiner Verdrehtheit) und reinige mich von meiner Sünde.

Was meint David? Hat er das Auge auf seine That mit Bath-Seba? Ja und nein. Diese That war die Folge einer andern That, seines innern Seins, welches er hier vor Gott offen legt. Ich bin ein Rebell vor dir, will er sagen, ich habe nicht wissen wollen vor dir, wie jämmerlich und elend, wie grundverdorben ich sei, ich habe nicht gründlich verstehen wollen, daß nur wo deine Gnade das Regiment führt, und alles Sollen, Können und Wollen des Menschen ein Ende hat, es allein gut geht; ich habe nicht begreifen wollen, daß ich aus mir selbst, obschon bekehrt, zu Allem untauglich sei: -das ist „meine Verdrehtheit“, sie ist jetzt am Tage. Ich habe doch noch gemeint, ich hätte mich nicht ganz für dein Gesetz untüchtig gemacht: das ist „meine Sünde.“ Und das ist meine Sünde, daß ich mich jetzt so verdorben habe, daß an mir keine Faser ist, wobei du mich könntest ergreifen, daß ich tüchtig wäre zu deinem Dienste. - Darum spricht auch David: „Denn ich erkenne meine Missethat“, - ich habe der Schlange geglaubt und gegessen von dem Baume der Erkenntniß des Guten und Bösen - „und meine Sünde, (daß ich mich gänzlich untüchtig gemacht habe für dein Gesetz) ist immerdar vor mir“, deß bin ich von nun an immer eingedenk, an dieser Wunde bin ich verblutet mit all meinem Wollen und Laufen, und bin jetzt des Todes um und um, - das meint David.

Aber was glaubt er? Jetzt glaubt er völlig: Gott allein ist gut, Gott allein hat Erbarmen, und nicht für einmal oder zweimal, sondern ohn Aufhören. Gott ist gnädig und Gott beschäftiget sich nur damit in seinem Himmel, daß er Missethat austilget und immerdar am Waschen bleibt, daß ein Mensch, ein Sünder, gereiniget sei von allem seinem Unflath.

Das ist der Glaube, welchen Gott wirkt, und nach welchem Gott seine Heiligen lehrt wer Er sei; ein Glaube, wobei man lebt wenn es Einem um Trost bange ist. So lehrt Gott alle seine Kinder, daß sie es eben so machen wie David. Darum ist auch dieser Psalm um vorzusingen und nachzusingen, daß es heiße: „Ich bin ein Rebell im Reiche der Gnade, ich habe Barrikaden aufgeworfen wider dich, denn ich wollte die Herrschaft deiner freien Gnade nicht, - ich bin aber beschämt und zu Schanden geworden, ich habe den ewigen Tod verdient; aber nun, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, gib mir Pardon; es lebe deine Gnade, sie bedecke mich, sie trage mich, sie umgebe mich, sie durchströme mich, von nun an führe sie die Herrschaft; ich bin ein Verdrehter und Verkehrter; nein, nach meinem Verdienen kannst du mir keine einzige Wohlthat mehr erzeigen, aber sei mir gut nach deiner Barmherzigkeit; o, du willst sie reich und unerschöpflich sein lassen über Verlorne.“ Und solcher Gestalt bekennt David von sich, es sei mit ihm ein Garaus und mit allen seinen Werken, und Gott Vater, Sohn und Geist thuen im Himmel allein gute Werke, daß sie waschen und wiederum waschen von der Verdrehtheit, was nicht mehr werth ist Kind zu heißen, daß sie es reinigen von aller Untugend, daß sie austilgen die Verdrehtheit, ohne daß ihre Barmherzigkeit ein Ende hat, und daß sie Gnade gehen lassen für Recht.

Aber auf welchem Grunde bittet David dies Alles? Ich habe es gesagt: auf Grund der Güte Gottes, auf Grund seiner Barmherzigkeit. Aber wo bleibt hier die Genugthuung an Gottes Gerechtigkeit, wo die Versöhnung? David spricht sie ja aus in allen seinen Worten, indem er von Güte, von Gnade, von Barmherzigkeit, von Waschen, von Austilgen, von Reinigen spricht. - Es würde mich zu weit führen, es euch zu beweisen, daß er in diesen Figuren Gott seine ewige, freie Wahl vorgehalten, und das Blut und den Geist Jesu Christi über sich herabgefleht habe. -

Die Macht, die Wirkung Gottes in Christo, der auferstanden ist aus Todten, möchtet ihr sie erfahren, die ihr bis dahin nicht durchgebrochen seid zu der Gnade, wie sie Gnade ist! Dazu wendet die Predigt auf euch selbst an. Denn was Gott will, habt ihr vernommen, auch vernommen wer Gott ist. Wer nun gebrochen liegt unter seiner Rebellion, Verdrehtheit und Untüchtigkeit, der lerne das Gebet wie es der Heilige Geist zu beten der Gemeine vorlegt: „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“

So beten Viele von euch nicht, weil die Worte des Herrn sie nicht mal groß anfechten: „Wer ein Weib anstehet und ihrer begehret,“ und sie also, wie sie meinen, keine Sünde haben. So beten Viele von euch nicht, weil sie die Gnade nicht wollen, obschon sie Sünden haben. So beten wiederum Viele nicht, weil sie nicht auf den Grund ihrer Sünden kommen und darum meinen, für sie wäre die Gnade nicht da. Dennoch: wer Gott in Geist und in Wahrheit anbetet, wird dieses Gebet so beten, als sei es seines eignen Herzens Ausguß.

Wahrlich, was aus Gott geboren ist, bekennt es mit zerbrochenem Herzen: „Ich bin von Natur geneigt Gott und meinen Nächsten zu hassen“ und: „Ich habe all mein Leben lang mit meiner verderbten Art zu streiten.“ Ja, die aus Gott Geborenen wissen von sich nichts anders, denn „daß sie wider alle Gebote Gottes schwerlich gesündigt, und derselben keins nie gehalten haben, auch noch immerdar zu allem Bösen geneigt sind.“ O, welche häufigen Seufzer erweckt das Gefühl ihrer Verderbtheit in den Gläubigen, wie wünschen sie so sehnlich von dem Leibe dieses Todes befreit zu werden, indem sie es zu ihrem tiefsten Schmerz und Demüthigung erfahren, wie die im Paradiese begangene Sünde, die angeborene Verderbtheit, ihres menschlichen Seins derartig ist, daß alle nur denkbare Sünden daraus wie immerfort aufsprudelndes unreines Wasser, gleich als aus einer unseligen Quelle, hervorkommen; und daß solche Verderbtheit, so lange sie Fleisch und Blut mit sich umtragen, nie gänzlich zu nichts gemacht, oder völlig ausgerottet wird!

Es hat mich immer gewundert, daß es Menschen gibt, die Christen oder bekehrt heißen wollen, und dann die Keckheit haben die Frage aufzuwerfen: wie ein so heiliger Mann wie David zu solchem Fall gekommen? als ob sie nicht tagtäglich im Verborgenen noch viel schlimmere Dinge trieben! Ich möchte ihnen den Rath ertheilen, daß sie bei dem Herrn anhielten um Augensalbe, um zu erkennen ihre angeborene Blindheit, durch welche sie nicht sehen ihre eigene Verderbtheit. Denn ach, mancher Mann, manche Frau bedecken mit solcher erheuchelten Frage ihr eigenes unkeusches Benehmen des Herzens und ihre Ränke, wodurch sie manches Eheverhältniß, das sonst glücklich, sein könnte, von Grund aus trübe machen. Wahrlich sie wissen nicht, welchem Gericht sie bei all ihrer Scheinchristlichkeit entgegen gehen.

Das wissen auch die nicht, die wiederholt und wiederholt keinen Anstand nehmen den Willen des Teufels zu thun, und Gottes Geschöpf, seine Ordnung und die heiligsten Verhältnisse des Lebens zu zerstören, dabei sich aber so schnell mit der Gnade zu helfen wissen, ohne es je gründlich auf sich anzuwenden was geschrieben steht: „Aber die That gefiel dem Herrn übel, die David that.“

Der aus Gott Geborene weiß es wohl aus eigner Erfahrung oder Selbstkenntniß, was die Ursache der That war. Alle unsere Wege dienen uns zur tiefsten Demüthigung, und alle Wege des Herrn zur Verherrlichung seiner freien ewigen Güte über uns in Christo Jesu.

Der wahrhaftig Bekehrte läßt auf seinen Bruder David nichts kommen. Er ist der Mann und hat oft genug Ursache zu beten: „O, daß mein Leben deine Rechte mit ganzem Ernst hielte! Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zu Schanden.“ - Denn daran liegt's eben, daß wir solche demüthigende Erfahrungen machen: daß wir nicht auf alle Gebote des Herrn merken. Daran lag es doch auch zunächst bei David. Denn so lesen wir 2 Sam. 11: „Und da das Jahr um war, zur Zeit wenn die Könige pflegen auszuziehen, sandte David Joab und seine Knechte mit ihm und das ganze Israel, daß sie die Kinder Ammon verderbeten und belegten Rabba. David aber blieb zu Jerusalem.“ - Warum zog er nicht mit aus, wie die Könige zu thun pflegten, wie es also auch sein Beruf mit sich brachte? War es Uebermuth? War es Bequemlichkeit? Das ganze Israel liegt zu Felde, - und der König, immerdar ein Held in der Stärke Gottes, liegt in Jerusalem auf seinen Betten! Der König ist nicht bei seinem Volke, der Landes-Vater nicht bei seinen Kindern, der Hirte nicht bei seinen Schafen! - Da merkte er nicht auf Gottes Gebot, - hatte seine besondere Begierde. Und wo so die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod. -

Wenn man nicht ist, wo man sein soll, so wird man vom Teufel und eigner Begierde leicht gefunden und leicht dahin gebracht, wo man nicht sein soll. - Und, ach! die Sache beginnt mit dem Geist, wie man meint, und endet mit - Hurerei, Ehebruch, Mord und dergleichen Greueln, Sünden und Schanden.

Das ist die menschliche Geschichte, worüber sich keiner hinweg wähne!

Weiter ist unsere Verderbtheit derartig, daß keiner soll denken: er sei einer einzigen Sünde an und für sich selbst völlig gestorben.

Der Herr rechnet die Sünden seinen Auserwählten nicht zu, er schenkt und rechnet ihnen zu „die vollkommene Genugthuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi, als hatten sie nie keine Sünde begangen noch gehabt.“ Es ist „um der Genugthuung Christi willen, daß Gott aller unsrer Sünden, auch der sündlichen Art, mit der wir unser Lebenlang zu streiten haben, nimmermehr gedenken will.“ Aber die Art selbst läßt sich nicht austreiben, so lange wir wallen; die Sünde ist noch stets da. Und der Zunder bedarf nur eines Funkens um ganz Gluth zu werden.

Vor solcher Sünde, vor der angebornen Verderbtheit und ihrer traurigen Wirkung ist kein Mensch, ist kein Wiedergeborner an und für sich, selbst im hohen Alter nicht (1 Kön. 11, 4), sicher. Auch davor ist er nicht sicher, daß solche Wirkung sich nicht wiederholt bei ihm zeige.

Darum sollen wir, da der Herr von uns gesagt: „Ihr nun, ihr Schafe, ihr Schafe meiner Weide: Menschen seid ihr, aber ich bin euer Gott“, nicht wähnen, es sei uns fremd und von uns fern was menschlich ist.

Um so mehr wir aber sehen, wie leicht der Mensch von den Geboten Gottes ab ist, sollen wir dafür halten, daß auch wir leicht von solchen Geboten ab sind, und daß es nicht Trieb unsrer Vernunft oder unseres Herzens ist, aus solche Gebote zu merken; vielmehr daß dieses lediglich die Gnade des Heiligen Geistes ist, wenn unsere Füße gehalten werden in Mitte der Pfade des Rechts. -

So sollen wir denn zu Herzen nehmen was geschrieben steht Jerem. 9, 23. 24.: „So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit; ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke; ein Reicher rühme sich nicht seines Reichthums; sondern wer sich rühmen will, der rühme sich deß, daß er mich wisse und kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übet auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“

Die Angefochtenen dürfen also das Wort des Herrn zu ihrem Trost hinnehmen: „Du hörtest es nicht, und wußtest es auch nicht, und dein Ohr war dazumal nicht geöffnet; ich aber wußte wohl, daß du verachten würdest, und von Mutterleibe an ein Uebertreter genannt bist. Darum bin ich um meines Namens willen geduldig, und um meines Ruhms willen will ich mich dir zu gut enthalten, daß du nicht ausgerottet werdest.“ Dahin soll es bei uns kommen in jeglicher Hinsicht, daß wir mit Jeremias bekennen: „Ich weiß, Herr, daß des Menschen Thun stehet nicht in seiner Gewalt, und stehet in Niemandes Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte.“

Denn unsere Ungerechtigkeit soll das eben ausrichten, daß wir Gottlose werden und Sünder bleiben, und Gottes Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit die er den Menschen zurechnet ohne Werk des Gesetzes, gepriesen und also seine Gnade auf's höchste erhöht werde, wie Er denn mit derselben überschwänglich über uns gewesen in Christo Jesu. Und so will und kann ich es hier allen Gottliebenden, die als Gottlose begehren gerechtfertigt zu sein, nicht vorenthalten, wie alle Dinge, also auch die Sünden, denen zum Guten mitwirken müssen, die nach dem Vorsatze berufen sind.

Denn sowohl die Verantwortlichkeit alles Uebertretens auf Seite des Menschen, und Gott allein heilig und gerecht bleibt in allen seinen Wegen und Werken, so wird Gott doch nach seiner Weisheit Wege und Mittel wissen, uns zu demüthigen, uns klein zu machen und klein zu halten, auf daß wir lernen was er spricht wenn er uns also tröstet: „Laß dir meine Gnade genügen, meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht.“

Denn dazu wurde auch dem Paulo ein Pfahl im Fleisch, ein Satans-Engel gegeben, daß er ihn mit Fäusten schlüge, auf daß er sich der hohen Offenbarungen von der Gnade Jesu Christi nicht möchte überheben.

Und da nun der Herr dem David, seinem Knechte, die hohe Offenbarung zu Theil werden ließ, daß aus seinen Lenden, so viel es das Fleisch anging, sollte hervorkommen, der der König der Gerechtigkeit und des Friedens sein würde, und deß Name Jesus heißen sollte, weil er sein Volk selig machen würde von ihren Sünden: soll es da uns Wunder nehmen, daß es dem Herrn in seiner Weisheit gefallen, dem David noch mal recht zu zeigen, welch ein Sünder und wie schwach er an und für sich wäre, auf daß er sich nicht überhübe, sondern um so mehr für sich selbst den vollen Trost schmeckete, der ihm verliehenen Offenbarung solcher ewigen Gnade? -

Endlich haben wir billig Ursache zu staunen und anzubeten, indem uns der Liebesrath Gottes in solcher Geschichte offen gelegt wird zu unserm ewigen Trost. Denn wo wir der Offenbarung gewürdiget werden, welches Weges und aus welchem Fleisch der Christus hervorkommen sollte und wollte, und in welchem Fleische Er der Gekommene sein wollte, Er, der von Sünde gar nicht gewußt, sondern von Gott, der in Ihm war, für uns Sünde gemacht wurde, - auf daß wir geworden wären Gerechtigkeit Gottes in ihm - : so haben wir davon reichen Trost, wir, die in Demuth des Herzens und in Betrachtung der Heiligkeit des Gesetzes bekennen: „Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt.“ Denn nur in dem Wege der Demüthigung vor Gott unserer angebornen Verderbtheit und ihrer Wirkung wegen verstehen wir die Meinung des Geistes mit den Worten: „Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er es gleicher Maßen theilhaftig geworden, auf daß er durch den Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hat, das ist dem Teufel, und erlösete die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten.“

Wohl uns, wenn wir an der Hand des Geistes durch die Erkenntniß und Erfahrung unseres Elendes und tiefen Verderbens dahin gebracht werden, auf nichts mehr zu trauen als bloß auf des Herrn Gnade, auf daß wir befestigt werden in der Freiheit Christi und nur unsere Gerechtigkeit und Stärke glauben in Ihm und in der Macht seiner Auferstehung. Auch David sollte diese Gnade in aller ihrer Macht und Herrlichkeit in einem eigenthümlichen Wege von neuem erfahren und der gnädigen Verheißung Christi (ihm lange zuvor zugekommen) sollte er gewiß gemacht werden in einem Wege, daß er es im Gedächtnis) behielte, daß sie eine gnädige Verheißung wäre, in einem Wege worin er nicht allein die Versöhnung, sondern auch die Kraft der Auferstehung Christi an sich erführe, in einem Zustande des Jammers, wie er ihn wohl zuvor nicht derartig mag gekannt haben.

Wer sich an Andern spiegelt, spiegelt sich sanft. Wir Alle haben gesündiget wie Adam, wie David, stecken Alle in demselben sündigen und schändlichen Fleische. Es geht also darum, daß wir gründlich unsere Rebellion, unsere Verdrehtheit, unsere Untüchtigkeit vor dem Gesetze anerkennen, und vor Gott bekennen, nicht, um darauf sitzen zu bleiben, sondern auf daß es uns darum gehe, daß die Kraft der Auferstehung Christi von Gottes Gnade an uns verherrlichet sei. Und wer in solchem Wege in dem Rachen des Todes und auf dem Boden der Tiefe seiner Verlorenheit sich befindet, da ihm das Evangelium prediget auf sein Bekenntniß: „Ich habe gesündiget“: - „Gott hat deine Sünde von dir genommen“, - er schlage in die Saiten seiner Harfe und singe: „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte; - reinige mich von meiner Sünde.“

Vers 6-9.

An dir allein habe ich gesündiget, und übel vor dir gethan, auf daß du Recht behaltest in deinen Worten, und rein bleibest, wenn du gerichtet wirst.
Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeuget und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.
Siehe, du hast Lust zur Wahrheit, die im Verborgenen liegt; du lässest mich wissen die heimliche Weisheit.
Entsündige mich mit Ysop, daß ich rein werde; wasche mich, daß ich schneeweiß werde.

Der Herr Gott kennet die Seinen doch besser, als sie sich selbst kennen, und hat bereits bei den ersten Menschen gezeigt, daß er der Tugend der Seinen nicht viel zutrauet. Er hat Adam gerufen, gerechtfertiget, da er ihm das Evangelium vom Weibessamen gegeben. In den Röcken von Fellen, welche Gott dem Adam selbst anzog, hatte er ihn mit dem Mantel der Gerechtigkeit bekleidet, auch umhangen mit seiner Heiligkeit. Es ist am Tage, welchen rechtschaffenen Glauben der Heilige Geist durch das Evangelium in Adam gewirket. Nannte Adam doch Eva die Mutter der Kirche. Aber wie soll nun Adam in dem Bilde Gottes, worin er von neuem erschaffen, wie soll er in Christo bleiben? wie bleiben in der Heiligung des Geistes, in welcher er nunmehr gerufen war? wie unter der Herrschaft der Gnade, unter der Herrschaft guter Werke,- welche in Gott gethan seien, zum Lobe und Preis Seines Namens? Heißt es etwa: Adam war zwar gefallen, aber wir haben ihn wieder aufgerichtet, nunmehr steht er in sich selbst, hat wieder starke Beine? nun voran Adam, wachse von Heiligkeit zu Heiligkeit, von Tugend zu Tugend, bis du uns völlig ähnlich geworden? Mit nichten. Sondern so heißt es vor dem Stuhle Gottes: „Adam ist geworden als Unser Einer und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, daß er nicht ausstrecke seine Hand und breche auch vom Baume des Lebens, und esse und lebe ewiglich! Da ließ ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, daß er das Feld bauete, davon er genommen ist. Und trieb Adam aus, und lagerte vor den Garten den Cherubim mit einem bloßen, hauenden Schwerte, zu bewahren den Weg zu dem Baume, des Lebens.“ Habt ihr es gehört, Kinder Gottes, die ihr jeden Tag eure Plage, den Leib des Todes, in euch fühlt: daß Gott uns für lauter frevelnde Leute hält, die da fortwährend Christum d'rangeben und das Leben in eigner Hand suchen würden? Darum sollen wir hier ja in keinem Paradiese leben; sondern in's Elend hinein mit uns, daß es dabei bleibe: „Laß dir an meiner Gnade genügen, meine Macht wird in Schwachheit vollbracht“, und wir den Psalm lernen singen: „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“ Darüber soll es nicht mit uns hinaus, auf daß das Ueberschwängliche der Macht Gottes, welche er gewirket in Christi Auferstehung aus Todten, bei uns verherrlichet werde, die wir trotz allem Widerspruch glauben.

Da ist das wahre Bekenntniß: „Wir liegen mitten im Tode“, aber die freudige Aussage dabei: „Wer hilft uns in und aus diesem Tode? Das thust du, Herr, allein.“

Aber hier liegt der Fallstrick, den uns das arge Herz, das stolze Fleisch, der leidige Teufel und das heilige Ich legen. Wir wollen nicht dran, daß wir mitten im Tode liegen, aber aus Glauben welchen Gott wirket, das Leben Jesu sich an uns verherrlichet. Das ist nun eine klägliche Rebellion von uns, daß wir Solches nicht wissen wollen. Gott der Herr aber wird diese Gnade bei seinem Volke zu behaupten wissen, daß sein Name gepriesen werde, ja, sein Name allein. Indeß machen wir traurige Erfahrungen davon, daß wir nicht lediglich an Gnade halten wollen. Darum müssen wir durch Schaden und Schande gewitziget werden, daß wir es einsehen und bekennen, wie alle unsere Sünden, namentlich auch die gegen das siebente Gebot, aus unserer Rebellion wider die ewige Gnade, welche Gott hat aufgehen lassen, hervorkommen; hervorkommen aus dieser Verdrehtheit, daß wir fromm sein wollen, wo Gott es nicht will, und daß, wo er es will, wir allerlei Künste suchen, uns des Gebots zu entschlagen. Was aber Leben aus Gott hat, das seufzet nach Licht und Luft, das wird häufig von dem Tode angerannt, kann's aber in solchem Tode nicht aushalten, schreit: Gib meiner Seele das Leben! und bekennt's auch wohl, daß alle Uebertretung des Gebotes: „Nicht wirst du begehren“ aus eigner Naseweisheit, Verdrehtheit und Rebellion wider die ewige Gnade kommt. Alles was aus Gott geboren ist, hält eben diese Rebellion für seine Sünde, hat's darum in seiner Sünde nicht mit den Menschen zu thun, sondern bekennt, wie alles Thun und Treiben, wie es aus solcher Rebellion hervorgeht, vornehmlich und einzig und allein Sünde wider Gott ist. Denn wo Gott uns mit unsern Werken gut haben will, uns auch gut geschaffen hat in Christo, und wir, am Geiste einhergehend, an der Hand der Gnade, in Gottes Augen gut sind, und was wir an dieser Hand der Gnade thun, gut ist vor seinen Augen: da ist es in Wahrheit ein Sündigen an Gott allein und ein Betrüben seines Heiligen Geistes, so wir meinen, wir könnten und sollten etwas, so wir aufhören zu glauben: daß wir, wie auch um und um bekehrt, mitten im Tode liegen. Darum bekennt auch David: „An dir, an dir allein habe ich gesündiget und übel vor dir gethan, auf daß du Recht behaltest in deinen Worten und rein bleibest, wenn du richtest.“

David will sagen: „Du, mein Gott, hast mich schon lange gelehrt, daß ich, obschon bekehrt, vor deinem Gesetze nicht tauge. Ja, das nicht allein, sondern daß auch in mir lauter Frevel steckt wider deine freie Gnade und wider den Weg, wie du mich selig machen willst. Das habe ich aber nicht annehmen können und wollen. Da habe ich dein holdes Evangelium in Verdacht genommen, dir nicht Recht geben wollen. All' dein Richten über meinen Stand und Weg, daß so Alles verworfen wurde was ich that, und mit einem Worte niedergerissen was ich mit Mühe aufgebaut, war mir wie eine unreine und ketzerische Lehre. Aber nunmehr bekenne ich: Ich habe in meiner Unwissenheit beseitiget, was ich nicht kannte. Hier habe ich es mit dir allein zu thun; o wie habe ich mich gegen dich und deine Güte aufgelehnt! wie war ich aufgeblasen in meinen Nieren, und meinte, ich könnte und sollte nunmehr etwas, nachdem ich bekehrt war! wie bin ich aber zu Schanden geworden in meinem Wahn! Nein, du allein hast Recht, und sollst Recht behalten in deinen Worten, daß du gesagt: Laß stehen, das kannst du nicht; halte du dich cm meinem Christo, und laß dir so meine Gnade genügen; daran halte dich, ich werde mitten in deinem Tode meine Macht verherrlichen. Ach, ich habe dich, du Gott der Wahrheit, mit aller Schmach der argen Gedanken meines Herzens überladen. Nein, du bist kein Ketzer, die Ketzerei steckt in mir. Rein wirst du bleiben, wenn du von jedem Stande welcher nicht in deiner Gnade ist, welchen geistlichen Anstrich er auch habe, behauptest: es sei lauter Ungerechtigkeit, lauter Selbstsucht, woraus nur Ehebruch und Mord und allerlei Greuel und Scheuel hervorkommen mußte.“

David macht es also, wie ein gewisses Kind. - Unten im Vorhaus stand eine Kanne mit Oel. Das Kind that gerne etwas für die Aeltern, lernte aber nicht gerne. Da wollte es auch die Kanne mit Oel hinauftragen. Vater und Mutter sagt: das laß stehen, das kannst du nicht, das wollen wir thun. Das Kind aber dachte: Sollte ich das nicht können? ich will die Aeltern überraschen, daß sie doch sagen werden: Wie hast du das fertig gebracht! - So schlich es denn aus der Stube, worin die Aeltern waren, ließ das Buch liegen, woraus es zu lernen hatte, und trug das Oel hinauf. Wie es nun ganz hoch gekommen war, da konnte es die Kanne nicht mehr halten, verlor das Gleichgewicht, that einen tiefen Fall, und verdarb mit dem ausgegossenen Oel das ganze Haus. Zum Glück war das Leben noch im Kinde, und wie es wieder zur Besinnung gekommen durch die Sorge der liebenden Aeltern, waren seine ersten Worte: „Ihr seid so gut, meine lieben Aeltern, seid mir wieder gut nach eurer Güte, - ich habe gegen euch schlecht gehandelt, ich wollte es euren Worten abgewinnen, ihr aber allein habt Recht, - ich bin ein verkehrtes Kind.“ -

Hatte aber David nicht an Bath-Seba, hatte er nicht an Uria gesündiget, daß er sagt: An dir, an dir allein habe ich gesündiget? Allerdings hatte David an Bath-Seba, allerdings an Uria gesündiget; und es ist ein schlagender Beweis unseres verlornen Zustandes, daß Jemand der in Gnaden ist, wo die Lust aufkommt, nicht seines Gottes und der Gnade eingedenk ist, daß er nicht sagt: „Ich habe Gnade,“ sondern darauf aus ist, sich selbst und seinen Nächsten, der doch mit Christi Blut gekauft ist, an 'Leib und Seele zu verderben. Es ist ein schlagender Beweis, sage ich, daß selbst ein Mensch in Gnaden, aus und von sich selbst, weder an Himmel noch Hölle glaubt. Ein schlagender Beweis, daß es selbst bei dem Begnadigten nicht Sache eignen Gedächtnisses ist, die Augen unverrückt zu halten auf den Mann der Schmerzen und des Leidens, der auch für die Sünde wider das siebente und sechste Gebot so namenlos gelitten in Gethsemane, auf Gabbatha und auf dem knochenvollen Golgatha. Aber so ruft der Apostel, der sein tiefes Verderben vor Andern anerkannt, aber auch die Kraft der Auferstehung Christi an sich erfahren, in die Gemeine hinein: „Soll ich die Glieder Christi nehmen und machen sie zu Gliedern einer Hure?“ ich füge hinzu: und der Hurerei? Damit trifft er grade den faulen Fleck. Wie sieht es bei uns und in unserer Mitte aus? Grade so, wie es aussah in der Corinthischen Gemeine; grade wie es aussah bei David vor der Geschichte mit Bath-Seba, bei dem Patriarchen Juda vor der Geschichte mit Thamar, bei Simsen bevor er seine Augen drüber verloren. Wir glauben Gott nicht. Wie? glauben wir Gott nicht? Nein, wir brave, honette, fromme, bekehrte Leute, zu welchen Gott gesagt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Egyptenland, aus dem Diensthause geführt habe“, wir glauben Gott nicht, indem er nie Gutes von uns aussagt, sondern eitel Böses. Der große und wahrhaftige Gott kann uns aber nicht schmeicheln, er sagt es uns geradezu: Ihr seid Abgöttische, Verehrer des Sichtbaren, Schänder meines Namens und meines Sabbaths, Ungehorsame seid ihr, Mörder, Ehebrecher, Diebe, Lästerer, ihr seid aller bösen Gelüste voll. Wir glauben Gott nicht, indem er sagt: Verflucht ist ein Jeglicher, der nicht bleibet in allen Worten des Gesetzes, sie zu thun. Hört ihr es? „ein Jeglicher“, sagt Gott! Wir glauben Gott nicht, der uns rein, heilig, gerecht und selig spricht lediglich in dem Wasser seiner Gnade. Wir machen es wie die Kinder. Sie lernen die zehn Gebote und ihre Bedeutung auswendig, - aber sie sind nicht die Diebe, nicht Unkeusche, nicht Verleumder, nicht Schänder des Namens Gottes und seines Sabbaths, nicht Abgöttische. Ja, wir Alle stecken so voller Eigengerechtigkeit, daß wir die Sünde trinken können wie Wasser, und so lange es nur nicht am Tage ist, wollen wir uns dennoch rechtfertigen. Wir glauben Gott nicht, indem er zu uns spricht: „Ich gebe euch meine Gnade, meinen Christum, daran haltet euch; so wie ihr seid, so mache ich mit euch diesen Bund, daß die Sünde über euch nicht herrschen wird, - vielmehr werdet ihr es in dem Wege erfahren, wie ich euch geschaffen habe, daß ihr meine Gesetze im Herzen habt und in meinen Wegen einhergehet.“ - Auf diesem Einen können wir nicht ruhen. Das ist uns zu mächtig, daß wir, schon so lange bekehrt, noch sollten dastehen freigesprochen als Gottlose, freigesprochen aus eitel Gnade, durch die Erwerbung des geschlachteten Lammes zu Gottes Rechten. So wollen wir es denn Gott immerdar abgewinnen. Aber, aber alles Volk Gottes soll doch nicht immerdar auf den Höhen opfern, sondern vor und nach davon herunter, und viel lieber Arme und Beine gebrochen haben, soll viel lieber das ganze Haus mit seiner Kanne Oel verdorben statt geheiliget haben, als daß ein andrer Geist herrschen sollte, denn der allein heiliget, und ein anderes Opfer, denn das allein vollkommen ist.

Und wo man nun durch Schaden und Schande klug geworden ist, da bleibt man nicht bei den zerbrochenen Stücken stehen, nicht bei Bath-Seba, nicht bei Uria; sondern (hier die Macht der Auferstehung Christi aus Todten!) der Himmel geht offen, und was stehet man? So spricht der allein heilige Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi: So, so wie du bist, will ich dich haben, - und man stehet das Lamm zu seiner Rechten, das geschlachtete, dieses Lamm trägt die Krone der Heiligkeit; da kommt's von den Lippen: „An dir, an dir allein habe ich gesündiget, und gethan, was übel ist vor dir, auf daß du Recht behaltest in deinen Worten und rein bleibest, wenn du richtest“. -

O, meine Geliebten! was Gott geredet hat, ist uns vertrauet. Gott hat von dem bekehrten und gläubigen Adam geredet: „Nun, daß er seine Hand nicht ausstrecke und breche auch von dem Baume des Lebens und esse.“ Und Gott hat zu dem Teufel von seinem Christo geredet: „Ich will Feindschaft setzen zwischen deinem Samen und ihrem Samen; derselbe soll dir den Kopf zertreten.“ Und zu uns hat er von seinem Christo geredet: „Der Gottlose lege seine Hand auf des Brandopfers Haupt, so wird es angenehm sein und ihn versöhnen“; und wiederum: „Ich will Rath geben, ich will euch mit meinen Augen leiten.“ Dem kommen wir nun mit unserer Naseweisheit, Rebellion und Verkehrtheit immerdar in die Quere; meinen, wir könnten und sollten doch etwas, wir seien doch tüchtig vor dem Gesetze. Da können wir aber und werden auch wohl zuletzt unsern heiligen Weg zu der unheiligsten Straße der Welt machen. Wohl dem, der, wo er Solches erfährt, sich nicht der Verzweiflung oder der Verhärtung ergibt, sondern vor Gott einkommt und bekennt: „An dir allein habe ich gesündiget; was du gesagt hast von meiner gänzlichen Untüchtigkeit und von der Herrschaft deiner Gnade, ist wahr; nur du hast Recht, ich aber liege in meiner Verkehrtheit, ich habe deinen Worten nicht glauben wollen, aber du hast überwunden in deinem Richten“. -

Auf dieses Bekenntniß bauete der Apostel Paulus einen Theil seines Römerbriefes, und behauptet aus diesem Spruche, daß unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit preiset, - daß Gott wahrhaftig ist und daß alle Menschen falsch sind. Denn, man sei Jude oder Heide, bekehrt oder unbekehrt, Christ oder Weltkind -: will man unter Gesetz sein, wo man doch unter Gnade sein kann, so wird man's wohl inne werden, was die Schrift nach Wahrheit bezeuget: „Da ist nicht der gerecht sei, auch nicht Einer, da ist nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage; - ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen, in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid, den Weg des Friedens wissen sie nicht und ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.“ Solche Aussagen der heiligen Schrift möchte man gerne von den Unbekehrt en auslegen. Ich sage aber mit dem Apostel, daß sie von uns Allen gelten, bekehrt oder unbekehrt, so lange wir unter Gesetz sind, das ist, so lange wir nicht von Herzen glauben, daß wir bei dem Gesetze gar nicht taugen, und das „Thue das“ an der Hand halten. Da soll denn aller Heiligkeit und Gerechtigkeit des Fleisches der Mund verstopfet werden, und alle Welt, fromm oder nicht fromm, schuldig sein vor Gott, daß es dabei bleibe: „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist, welchen Gott zuvor hingestellt hat zu einem Gnadenstuhl, durch den Glauben in seinem Blute.“ - Hat David denn solches Alles nicht lange vor der That mit Bath-Seba geglaubt? Allerdings. Aber er hat auch daneben, nicht als Prophet, sondern als Mensch an und für sich, wie er leibte und lebte, dafür gehalten, er habe seinerseits nach seiner Bekehrung etwas beizutragen, und er sei an und für sich nicht mehr so schlecht, als vorher. Eine andere Belehrung darüber konnte er von Gott nicht vertragen und schlug sie in den Wind. Nunmehr aber hatte er es erfahren. Darum kommt er auch mit seiner Schuld ein vor Gott, und bekennt es von Herzen: er sei ein Rebell, ein verdrehter, ein sündiger Mensch, ein Unreiner und Aussätziger im Himmel Gottes; er sei gänzlich untüchtig vor Gottes Gesetz, und es müsse Alles von der freien, ungehaltenen, allmächtigen Gnade kommen. So gibt er denn Gott Recht und verdammt sich selbst. Er reparirt sich auch nicht etwa in solcher Weise, daß er sagt: „Freilich, ich bin diesmal zum tiefen Fall gekommen, aber ob ich mich gleich einmal gänzlich untüchtig gezeigt, so will ich von nun an zeigen, daß ich doch tüchtig bin vor Gottes Gesetz“; sondern das bekennt er: Du allein bist heilig, du allein gut, deine Gnade thut's allein, ich aber tauge nicht, und das nicht allein, sondern: ich habe nie getaugt vor deinem Gesetze. „Siehe“, spricht er, „ich bin in Verdrehtheit gezeuget, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ Das ist eben das rechte Sündenbekenntniß, daß man dazu kommt: „Wie soll aus mir je etwas Gutes kommen können, als aus mir, wie je etwas Reines, da ich als ein Verdrehter und Unreiner, von einer Verdrehten und Unreinen empfangen bin!“

Meine Geliebten! David wälzt hier die Schuld nicht auf seine Mutter, sondern er bekennt, daß er von dem ersten Puncte seines Lebens an gänzlich untüchtig gewesen vor Gottes Gesetz. Und wir haben uns wohl zu merken, daß Davids Mutter eine gottesfürchtige und gläubige Mutter gewesen. Nennt doch David in einem andern Psalm seine Mutter eine Magd des Herrn. Aber, wie kann er denn so etwas von seiner Mutter sagen? So, wie Paulus von dem Vater der Gläubigen, von dem gerechten Abraham sagt, daß er ein Gottloser gewesen, den Gott als einen Gottlosen gerecht gemacht. David wirft sich selbst und seine Mutter mit Adam auf einen Haufen. Was aus Fleisch geboren ist das ist Fleisch, und soll vor Gott keinen Ruhm haben, sondern sich der eiteln Rebellion, Verkehrtheit und Untüchtigkeit vor dem Gesetze schuldig wissen und bekennen.

Das ist die Wahrheit, die im Verborgenen liegt, wozu aber Gott Lust hat. Denn das begreift alles fromme Fleisch nicht, und weiß es auch nicht auseinander zu halten, wie ein Menschenkind einestheils sein kann ein Gottloser, ein zu allem Guten Untüchtiger, ein Unreiner und Unheiliger, ein gänzlich Verkehrter und Verdrehter von Jugend an und immerdar, ein gänzlich Machtloser:- und dennoch anderntheils gerecht, zu allem guten Werk vollkommen zubereitet,, heilig, ganz grade und gesund an Leib und Gliedern vor Gott, ein Solcher, der sagen darf: „Ich vermag alle Dinge“, und ausruft: „Ich danksage Gott, durch Jesum Christum, unsern Herrn!“

Denn der natürliche Mensch, der Mensch, so wie er aus einer Frau geboren wird, begreift nicht die Dinge, die des Geistes sind, und die Vernunft versteht nichts Wahres und Rechtes von dem Glauben. Ist man also bekehrt, so meint man: man könne und solle etwas bei'm Gesetze. Aber Gott der Heilige Geist treibt Alle, in denen wahre Gnade ist, am Ende wohl auf den verborgenen Grund des Herzens, daß sie daselbst der Greuel und Scheue! kein Ende finden, sondern je tiefer sie graben, um so schrecklicher sieht es da aus auf dem innern Grund. - Dazu aber hat Gott Lust, daß man da am Ende sich mit Adam im Paradiese befinde, wie man da mit gegessen von dem Baume; - und so will denn Gott, daß man endlich unten in dieser Tiefe seiner Verlorenheit Arme finde ewiger Liebe. - Und so kommt man denn zur heimlichen Weisheit; wie David spricht: „Du machest mir die heimliche Weisheit kund.“

Und was ist nun diese „heimliche Weisheit“? Mache mich zum Sünder, und so „entsündige mich mit Ysop, daß ich rein werde; wasche mich, daß ich schneeweiß werde.“ - Hört ihr es, ihr Aussätzige, die ihr ausgeschlossen seid von den Höfen des Herrn? Nur am Glauben ist man rein, nur am Glauben ist man schneeweiß; - hier keine Erstrebungen mehr der eigenen oder geliehenen Kraft, die Sünde in sich selbst zu schwächen, oder hinzurichten! Das ist der Gehorsam des Glaubens, daß man bete um die Besprengung mit dem Blute Jesu Christi, und nur daher seine Reinigung glaube; daß man bete um die Heiligung des Heiligen Geistes, und nur davon glaube, man sei so weiß wie der Schnee: - so wird man entsündiget, so kommt man aller Last der Sünden ab; so wird man aber auch recht zum Sünder, welch großer Heiliger man auch früher möge gewesen sein. Denn o, wer auf Golgatha verweilt und mit seinem Herrn am Kreuze hängt, und wer seinen Herrn, zur Rechten Gottes sieht, und von ihm einen Pfingsttag erlebt, der ist darüber froh, daß er gekreuziget, getödtet und hingerichtet ist. - Freudig spricht er es aus: Ich bin todt und begraben! Und ein Solcher glaubt, daß er schneeweiß ist, denn da gehts her, wie der Apostel Paulus schreibt, im 2ten Corinther-Briefe: „Nun aber, indem wir uns in des Herrn Klarheit, als in einem Spiegel, besehen mit aufgedecktem Angesicht, werden wir verkläret in dasselbige Bild, von einer Klarheit zu der andern, als vom Herrn, der Geist ist.“

Vers 10-12.

Laß mich hören Freude und Wonne, daß die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Antlitz von meinen Sünden, und tilge alle meine Missethat.
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen gewissen Geist.

Es ist eine wunderbare Gnadenwirkung, nach welcher Gott, kraft der Auferstehung Christi aus Todten, in dem erwählten Sünder das Betrübtsein nach Gott wirket, und aus diesem Betrübtsein eine Reue hervorkommen läßt, welche Niemanden gereuet. Dieses Betrübtsein nach Gott wirket die Gnade theilweise durch das Gesetz, theilweise durch das Evangelium. Dieses Betrübtsein nach Gott ist in Jeglichem bei welchem wahre Gnade ist, so oft er von der Gewalt der Sünde überfallen wird und deß inne geworden ist, wie er an Gott gesündiget hat. Je nach dem Maße Einer ergriffen wird von der Gnade und niedergeworfen von der Heiligkeit des Gesetzes, ist dieses Betrübtsein mächtiger. Nicht immerdar ist dieses Betrübtsein bei den Erwählten so lebendig fühlbar, daß, sie wissen, daß sie tief betrübt sind nach Gott. Es scheint bisweilen als wären sie nicht recht betrübt, da klagen sie über Herzenshärte, klagen darüber, daß das Herz nicht brechen und keine Thräne aus den Augen hervorkommen will. Es wird ihnen indeß um so mehr angst bei einer scheinbaren Verstocktheit unter der Sünde. Es bleibt aber nicht aus, daß immerdar wenn die Zeit des Herrn da ist, und er sie gnädiglich anblickt, die Kinder Gottes durch und durch zerschlagen werden; daß ihnen um Trost bange wird; daß sie begehren das gnädige Antlitz des Herrn von neuem zu sehen, auf daß sie der Gnade ganz gewiß gemacht seien. So wurde Petrus ganz zerschlagen, da der Herr ihn ansah in Cajaphä Pallast, so daß er ausging und bitterlich weinte. Und die Engel im Himmel, vor welchen Freude ist über einen Sünder der Buße thut, wußten wohl, was dem Petro Roth that, weshalb sie zu den Weibern am Grabe sprachen: Saget es dem Petro. - Und der Herr wußte es noch besser, weshalb er auch ihm erschien am Tage seiner Auferstehung. So war auch David ganz zerschlagen worden, da Nathan zu ihm gekommen war; und er wurde es noch mehr, da er von seiner Harfe von der heimlichen Weisheit sang, und die Entsündigung in Ysop, die freie Rechtfertigung im Blute Christi und die Heiligung im Geiste Christi zu Gesicht bekam. Je mehr ein auserwählter Sünder die Macht der freien Rechtfertigung der Gnade und der Liebe Christi und Gottes an sich erfährt, um so betrübter und zerschlagener wird er, daß er gegen solche Gnade und Liebe gesündiget hat. Und um so betrübter er darunter wird, um so weniger kann er es in diesem Betrübtsein aushalten. Es thut einem Jeden der aus Geist geboren ist, Roth, daß Gott seiner Seele Leben gönne, daß des Geistes Frucht bei ihm sei, welche ist Freude, Wonne und Fröhlichkeit. Auf die Rechtfertigung aus Glauben Jesu Christi' folgt Frieden mit Gott, folgt ein gutes Gewissen, Freude und Frohsein im Heiligen Geiste. Aber obwohl man an die freie Rechtfertigung glaubt und sie für sich erlangt, ja derselben gewiß ist, so gehört wiederum Glauben dazu, wiederum Gnade dazu, nunmehr auch Frieden bei Gott zu haben. Auch das wiederum kann ein Mensch, ein Sünder, sich selbst nicht geben. Er kann es aus dem Himmel nicht nehmen. Er muß es aus dem Munde Gottes selbst vernehmen, vernehmen durch das Gehör des Wortes, das ihn wieder fröhlich mache und den Kummer und das Betrübtsein seiner Seele stille und gänzlich wegnehme, daß nichts mehr da sei zwischen der Seele und Gott.

Darum bittet David, und übergibt der Gemeine dieses Gebet, daß sie es in ähnlicher Lage bete: „Laß mich hören Freude und Wonne, daß die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.“

Das erste Wort bedeutet eine solche Freude, welche aus den Augen strahlt, des guten Gewissens wegen zu Gott. - Das zweite eine solche Freude, wobei man aller Sorge enthoben und von allen Knoten der Ungerechtigkeit losgemacht ist. Das dritte ist ein Tanzen und Aufspringen in Gott, so daß man's gleichsam auf Erden nicht länger aushalten kann, sondern möchte so in den Himmel der Seligkeit hineinspringen.

Das ist nun ein wahres Gott verherrlichendes Gebet. Denn erstens sagt David, daß er die zerschlagenen Gebeine nicht mal von sich selbst hat, sondern daß Gott sie ihm zerschlagen hat. Zweitens, daß er sich selbst nicht trösten, heilen und helfen kann und auch nicht will. Drittens will er den ganzen Himmel haben, und hält es Gott vor, daß seiner großen Sünde und seines schrecklichen Elendes wegen, mit Wenigem sein Herz nicht zu stillen ist.

Das ist die Macht der Gnade und der Liebe Gottes, daß ein armer Sünder, obschon aller Liebe und Gnade unwerth, nichts sich selbst, sondern Alles Gotte zuschreibt, seine völlige Machtlosigkeit vor Gott bloßlegt, aber von Gott die ganze Liebe, die ganze Frucht des Geistes erfleht, um Gott zu dienen nach seinem Wohlgefallen. Ich sage, daß ein solches Gebet ein Gott verherrlichendes Gebet ist. Denn wo Gott solche Freude und Wonne hören läßt, und die Gebeine so fröhlich macht mit der Salbung seiner Gnade: da müssen alle Teufel sich davon heben und nehmen das verklagende Gewissen mit, sammt dem verdammenden Gesetze.

Aber, wie kann der Herr Gott so etwas thun? „Das wäre ein schönes Gebet, mein lieber David, wenn außer der Sünde mit Bath-Seba etwas Heiliges an dir wäre; aber aus dieser Sünde ist es ja offenbar geworden, daß du durch und durch voller Sünden und Verdrehtheiten steckst, daß gar keine Faser mehr an dir ist, weshalb der Herr dich solche Freude und Wonne sollte hören lassen und deine Gebeine fröhlich machen?“ Das weiß ich wohl, antwortet David. Das bekennt er auch vor Gott, daß er um und um voller Sünden ist, und daß durch und durch allerlei Verdrehtheit in ihm steckt. Aber der Herr Gott lehret ihn dies Gebet, und gibt es auch der Gemeine, gibt es allen seinen erwählten Sündern, auf daß sie es auch beten lernen und verstehen, daß der Herr eben einen Sünder und nicht einen Heiligen mit solcher Freude und Wonne erfüllen will, daß er eben solche zerschlagenen Gebeine und nicht gesunde Gebeine so fröhlich machen will.

„Aber wo bleibst du denn mit deinen Sünden und allen deinen Verkehrtheiten?“ Hier das Gebet: „Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden und tilge alle meine Missethat.“ - Darf aber ein Mensch, ein Sünder, der ganz in Sünden geboren ist und um und um voller Sünden steckt, von dem heiligen Gott bitten, daß ein gerechter Gott gleichsam eine Hülle über das Antlitz hänge, auf daß er alle die Sünden nicht sehe, welche in einem Menschen stecken? darf er beten, daß Gott gleichsam blind sei für alle seine Sünden? daß seine heilige Hand sich damit beschäftige, das Sündenregister wieder aus- und durchzustreichen, das er nach seiner Gerechtigkeit hat machen müssen?

Ich würde die Antwort schuldig bleiben, würde auch den Muth nicht haben, Solches zu beten; aber durch heiligen Geist betete David dieses und übergab dieses Gebet der Gemeine. Auf Grund davon ist die Antwort: „Ja“; ein Sünder, der um und um voller Sünden und Gebrechen steckt, darf Solches beten; er darf seiner Roth wegen beten, es möge doch in der Gnade für ihn so hergehen, wie im gewöhnlichen Leben: denn da ist die Liebe blind, und kehrt sich die Mutter nicht an des Kindes Grind, Koth und Häßlichkeit, sondern findet es schön dazu und will es wohl reinigen, ist auch des Kindes Verdrehtheit wegen wohl sehr besorgt, und möchte sie alle gerne wegnehmen, wüßte sie nur wie es anzufangen. Und wenn nun Solches im täglichen Leben von den Müttern, auch überhaupt von einander Liebenden, wahr ist: wie sollte es dann nicht von Gott wahr sein? Das wußte der falsche Prophet Bileam auch recht gut, darum sagte er von Gott aus: „Er schauet nicht an die Ungerechtigkeit in Jacob, auch sieht er nicht die Bosheit in Israel. Der Herr, sein Gott, ist bei ihm und das Trompeten des Königes unter ihm. Gott hat ihn aus Egypten geführet, seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns.“ Und so wenig sich die Wäscherin daran kehrt, ob das Tuch halb oder ganz schmutzig ist, sondern das schmutzige Zeug aus Erfahrung kennt, es aber in's Wasser wirft und thut Lauge oder Seift dazu, alle Flecken auszutilgen: so wenig kehrt sich Gott dran wenn er einen Sünder reinigen will, ob er um und um und durch und durch besudelt ist. Er sieht all den Schmutz gar nicht an, sondern wirft den Sünder in das Wasser seiner Gnade, und hat auch seine Lauge und Seife, die Kinder Levi zu reinigen von ihrem Unflat. Ein solches Gebet zu beten, wirket aber der Herr Gott in den Seinen, nach der Größe seiner Macht, welche er gelegt hat in Christi Auferstehung, auf daß der auserwählte Sünder nicht in seinem Tode und Schlamm stecken bleibe und darin umkomme, sondern von Gott erflehe: Er möge nicht allein ihn reinigen von seinen Sünden, sondern Er wolle auch seines angebornen Verderbens und all seines sündigen Thuns, seiner Abgeneigtheit wider die Gnade und innern Feindschaft wider Gott vergessen sein und aller seiner Verkehrtheiten nicht mehr gedenken, auch deßhalb die wohlverdiente Strafe des ewigen Todes nicht über ihn kommen lassen und seine Roth lindern. Ein solches Gebet hat auch die Verheißung; und ich würde nicht wissen, wie der gnädige und barmherzige Gott bei einem Sünder seine Gnade und Barmherzigkeit verherrlichen und ihn heiligen sollte, wo nicht in der Art, daß er seine reine Hand zu einem um und um Besudelten ausstrecke und also seine Ungerechtigkeiten tilge. Denn Sünden wegnehmen und Ungerechtigkeiten austilgen ist rein ein Werk Gottes. Darum begibt er sich denn auch in den Schlamm, Koth und Unflat des Sünders hinein, sieht den gar nicht an, läßt sich vielmehr selbst davon überdecken, auf daß er den Sünder heraus und ihn gereinigt habe um und um. So thut Gott, und gibt den Seinen zu beten, daß er so thue; sonst bleibt man wohl stecken in seinem Schlamm.

Aber was wollte denn David? Wollte er auf seinen Sünden sitzen bleiben? Mit Nichten. Gott solle nur auf seine Sünden nicht sehen, auch sich an all' seine Verdrehtheiten nicht kehren, um zu ihm zu kommen, ihn zu reinigen und mit Freude und Wonne zu erfüllen. David bekennt, daß er nichts als Sünden hat, daß er um und um verkehrt und verdreht ist, und daß, wenn Gott sich deßhalb will abhalten lassen, ihn in Ysop rein zu machen, ihn in dem Blute Christi zu rechtfertigen und ihn in seinem Geiste zu heiligen, auch ihn mit Frieden, Freude und Wonne im heiligen Geiste zu erfüllen, er verloren ist. Er bekennt also seine gänzliche Unwürdigkeit, er bittet aber, Gott wolle sich nicht daran kehren; bekennt auch zugleich, daß er gar kein gutes Werk mehr hat, daß es alles Sünde und Verdrehtheit ist, aber darum will er auf diesen Sünden nicht sitzen bleiben; er bekennt und erfleht keine Gnade wobei er vor und nach dem möchte nachgehen können, was aus dem Herzen hervorkommt; vielmehr, wie es ihm nun offenbar geworden, daß aus seinem Herzen nichts Anderes hervorkommt als allerlei arge Gedanken, allerlei Ehebruch, Mord und allerlei böse Tücke und Stücke, dazu Unverstand: so bittet er den allmächtigen und gnädigen Gott um ein reines Herz, bittet auch dazu, Gott wolle in seinem Innern den gewissen Geist erneuern. So lautet aber seine Bitte nach dem Hebräischen. „Ein reines Herz schaffe mir, o Gott, und den gewissen Geist erneuere in meinem Innern.“

Hier wird der verlegene und bekümmerte Sünder wohl wissen wollen, was David gemeint, da er betete um ein reines Herz und um Erneuerung eines gewissen oder festen Geistes. Erstens schreibt der Apostel Paulus, Ebr. Cap. 10, 21. 22: „Dieweil wir haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen, in völligem Glauben, besprenget in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen.“ Sodann Cap. 13, 9: „Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschiehet durch Gnade, nicht durch Speisen, davon keinen Nutzen haben, die damit umgehen.“ Unter „reines Herz“ verstand David ein beschnittenes Herz, ein Herz, worin die Liebe Gottes ausgegossen ist. Bei dem Apostel Jakobus stehet geschrieben: „Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch; reiniget die Hände, ihr Sünder, und machet eure Herzen keusch, ihr . Wankelmüthigen“, und unser Herr spricht: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ David bittet um ein solches Herz, darin das Recht, vom Gesetze erfordert, erfüllet sei: „Du wirst den Herrn, deinen Gott lieben in deiner ganzen Seele, in deinem ganzen Herzen, aus allen deinen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst.“ Er bittet um ein beschnittenes, keusches, ungetheiltes Herz, welches dem Herrn, seinem Gott anhängt und sein Gebot, seine Rechte, seine Wege und Satzungen wählt, daß es nicht mehr hin und her wanke zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren, zwischen Gott und dem Ich, zwischen Geist und Fleisch, zwischen dem Gebote des Lebens und der Lust, welche wenn sie empfangen hat, die Sünde gebiert, welche Sünde, wenn sie vollendet ist, den Tod gebiert.

David macht sich indeß keine Vorstellung von einem solchen Herzen, wie ich es wohl mal in einem Bilderbuch sah -: wo ein Herz das erst erfüllet ist von vielen Teufeln, Schweinen und allerlei Ungeheuern, darnach wird erfüllet von der Gnadensonne, vor deren Strahlen die Teufel und Schweine mit sonstigen Ungeheuren aus dem Herzen hinwegfliehen, bis am Ende gar keine Teufel oder Schweine drum herum sind und das Herz nur erfüllt ist von dem gekreuzigten Christo. Denn ob ich auch einestheils ein solches Bild würde in Schutz nehmen können, so macht man sich doch eine verkehrte Vorstellung von der Sache und geräth auf schreckliche Irrwege, zur Verzweiflung oder zum neuen Weltsinn und zur Gleichgültigkeit gegen das heilige Gebot, wenn nun später die Schweine und Teufel (man weiß selbst nicht wie) sich wieder hinein gemacht haben. Wenn David um ein reines Herz bittet, so bittet er um ein anderes Herz, und doch ist es dasselbige Herz, wovon es wahr bleiben soll: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an“; es ist dasselbige Herz, worüber Jeremias klagt: „Ein trotziges und verzagtes Ding ist das Herz, wer kann es ergründen!“ Und dennoch: mit diesem Herzen begehrt er Gott ungetheilt anzuhangen, für dieses Herz begehrt er von Gott, daß es nicht mehr Tücke habe, daß es nicht mehr abstehe von dem lebendigen Gott, sondern von nun an, ein für allemal, ihn ungetheilt wähle mit Drangebung alles Uebrigen. Also daß er in seinem Herzen wohl alle Teufel und Schweine sehen, und dennoch mit solchem Herzen und mit allen dessen innersten Fasern festhalten wird an ewiger Erbarmung und also an dem Gebot des Lebens. Darum bittet er auch um Erneuerung eines festen Geistes, das ist eines Geistes, der Gnade hält und auf den Grund der Gnade so gesunken ist, daß er sich nicht mehr durch allerlei Wind eitler Lehre und Aufblähung des Teufels, zum Gefallen des Fleisches hin und her bewegen oder von diesem Grunde verschlagen lasse, sondern ruhig vor Anker liegen bleibe in dem Wasser der Gnade, Macht und Treue des wahrhaftigen und allmächtigen Gottes, der Himmel und Erde besitzt. -

David hat einen Abscheu vor dem halben Wesen. Erdenkt: Ganz oder nichts. In Verdrehtheit bin ich geboren; voller Sünden stecke ich; verdreht bin ich bis in's tiefste Herz und Gemüth hinein; aber den Gott, der mich von Mutterleibe an gekannt hat, den ich gekannt habe von Jugend an, dessen Gnade, Erbarmen, Treue und Güte ich in tausend Wegen erfahren habe, kann ich nicht fahren lassen. Er soll mich ganz und ungetheilt haben so wie ich bin. Und dieses Herz, so wie es ist, soll ihm ganz und ungetheilt anhangen, ihn ehren und lieben, ihm soll alles Andere weichen. Aber wie komme ich dazu, daß dieses Herz ihm ungetheilt anhange? Hier fühlt er: das ist nur ein Werk allmächtiger Gnade. Soll es da sein, wo nichts ist, so ist es ein Werk wie das der Schöpfung, wo Gott sprach: Es werde! und es ward. Darum bittet er: Schaffe es mir, o Gott! Da sucht er das Ende des Gebots, welches ist: Liebe aus reinem Herzen; da begehrt er den Herrn aus reinem Herzen anzurufen, ihn zu lieben in Unverderblichkeit. Und war ihm früher der Geist fest um an Gnade zu halten, er aber hatte durch Verführung des Teufels sich aus dieser Festung bringen lassen, so bittet er jetzt um Erneuerung dieses Geistes, auf daß er wiederkehre zu seiner Festung und von nun an darin wohl aufbewahret bleibe, auf daß die Sünde der Eigengerechtigkeit und der Naseweisheit wider Gottes Wort ihn nicht von neuem stürze.

Das ist mir aber ein Mann nach dem Herzen Gottes, dieser liebe Bruder David, daß er bittet: Schaffe mir ein reines Herz, o Gott! Denket euch, was wir von Saul geschrieben finden, daß Gott ihm ein anderes Herz gab, sollte das nicht vielmehr von David wahr sein? Oder, mit welchem Herzen ergriff David als Knabe den Löwen und den Bären, da seine Schafe in Gefahr waren? Mit welchem Herzen lief er dem Goliath entgegen und warf diesem mächtigen Riesen den glatten Stein in die Stirn? Mit welchem Herzen verschonet er wiederholt den Saul? Und was war das für ein Herz, von dessen Fülle der Mund überging in den hehren Worten zu Michal, nachdem er vor der Lade des Herrn getanzt hatte aus aller Macht: „Ich will vor dem Herrn spielen, der mich erwählet hat, und will noch geringer werden denn also, und will niedrig sein in meinen Augen, und mit den Mägden, davon du geredet hast, zu Ehren kommen.“ Oder war das kein reines Herz, worin der Gedanke aufkam: „Siehe, ich wohne in einem Cedernhause, und die Lade Gottes wohnt unter den Teppichen“? Dazu sein Gebet: Du hast dem Hause deines Knechtes von fernem Zukünftigen geredet“, seine frühern Psalmen, Gebete und Thaten, die uns beschrieben sind, flössen sie nicht aus einem reinen Herzen? Hatte er denn dieses Herz verloren? O, ein reines Herz bittet eben: Schaffe mir ein reines Herz, o Gott! O, ein fester Geist bittet eben: Erneuere den festen Geist in meinem Innern!

Darin, sage ich, ist David eben ein Mann nach Gottes Herzen, und er beweiset, das kein verkehrter Geist in ihm ist und daß er die krummen Wege verabscheut. David hält nicht fest an voriger Frömmigkeit. Er sagt nicht: ich habe doch ein gutes, ein reines Herz. Er hält nicht fest an seinem vorigen reinen Herzen, sagt nicht: es ist etwa unrein geworden, mache du es wieder rein. Sondern er will ein ganz anderes Herz haben als er bis dahin gehabt. So bindet er denn alle seine vorigen Werke, Wege, Erfahrungen, Gottesdienst, innere Bewegungen und Liebe zu Gott, all' die Tugenden, Gnaden und Gaben, die er zuvor gehabt, in ein Bündlein und wirft es in den Tod, - und bittet: Schaffe mir ein anderes, ein neues, ein reines Herz! Hingegen wirft er die vorige Gnade, als Gnade nicht von sich, oder aus sich hinweg; die Gnade, sagt er, sei stehen geblieben, er aber sei in seinem Innern hingestürzt, und habe sich wankend machen lassen, und da habe er sein Herz der Sünde und der Lust hingegeben; aber den festen Geist wolle Gott in ihm, in seinem Innern erneuern, daß er Gnade halte.

So will denn David nicht auf den Sünden sitzen bleiben, und nicht bittet er um Gnade, um in Sünden zu beharren: sondern er wirft sich selbst weg, bricht völlig über sich den Stab, bekennt daß er Alles verdorben hat, daß er um und um Sünde und Verdrehtheit ist. Aber er will die wahrhaftige Heiligung, die Herrschaft der Gnade, Festigkeit des Glaubens, ein ungetheiltes Gott-Anhangen. Und wo er Alles verdorben, fragt er nicht darnach was früher durch ihn möge wohlgethan sein, um so Kennzeichen der Gnade bei sich zu suchen: er geht aber zu Gott seinem Schöpfer, und bittet ihn, er wolle Alles wiederherstellen, daß es Alles von Grund aus rein und neu sei.

Hier lege sich ein Jeglicher die wichtige Frage vor: Habe ich ein reines Herz, habe ich in mir einen festen Geist? und wer sich hier mit David verdammt, der schaue nicht nach dem was hinter ihm ist, sondern strecke sich aus nach dem was vor ihm ist: - nach Gott, nach dem lebendigen Gott und allmächtigen Schöpfer, und bete mit David: „Schaffe mir, o Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen festen Geist.“

Vers 13 und 14.

Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
Tröste mich wieder mit deiner Hülfe, und der freudige Geist enthalte mich.

Wäre doch in uns allen die Aufrichtigkeit, daß wir vor Gott eingestehen wollten, welche Uebertreter seines heiligen Gesetzes wir Alle sind: so lebte in uns mehr der Glaube des Schachers, welcher sich selbst verurtheilte, auf des Herrn Unschuld sah, den Herrn rechtfertigte und zu ihm sprach: „Herr, gedenke an mich!“ Wo Schachers Glaube ist, da verherrlicht sich auch Schachers Gnade. Es ist dem Menschen nicht gut, daß er sich breit mache gegenüber dem Ehebrecher und Mörder David, daß er von dessen tiefem Falle spreche, da wir doch Alle tagtäglich diesen tiefen Fall thun. Oder richtet das Gesetz allein nach dem Buchstaben? Richtet es nicht nach dem Geiste, woraus es gekommen? Ist es nicht geistlich? Und wer ist nun der Mann oder die Frau unter uns, welcher heiliger wäre als Paulus, der ausrief: „Elender Mensch ich, wer wird mich erlösen aus dem Leibe dieses Todes!“ Oder wer ist der, der heiliger wäre als David, der Mann nach dem Herzen Gottes?“- So spricht der wahrhaftige Zeuge, unser Herr Jesus Christus: „Ihr habt gehört, daß von den Alten gesagt ist: Du sollst nicht tödten; wer aber tödtet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha (Nichtsnutz), der ist des Raths schuldig; wer aber sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Und wiederum: „Ihr habt gehört, das von den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer ein Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“Wenn wir solche Auslegung der Gebote Gottes nicht als vergebliche Hörer hören, sondern bedenken, was tagtäglich aus dem Herzen des Menschen, also auch aus unserm Herzen hervorgeht, und wir deß inne sind, daß es aus dem Munde Gottes heißt: „Verflucht ist ein Jeglicher, der nicht bleibet in allen Worten des Gesetzes, sie zu thun“: so sollen wir billig den 51. Psalm tagtäglich vor uns nehmen, damit aus tiefstem Grunde der Seele nur dieses Gebet hervorgehe: „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit!“

Wahrlich, wo zerschlagene Gebeine sind, da hat das Ueberlegen ein Ende, wie es dem David doch mag zu Muth gewesen sein in der Geschichte mit Bath-Seba und Uria; denn da hat man des eignen Elendes genug, zu geschweigen dieser oder jener, mit neuer Gewalt Einen manchmal überwältigenden Leidenschaft. Da hat man aber auch den rechten Trost von diesem Psalme, so daß er Einem als aus der Seele heraus gebetet ist; da schmeckt man einestheils die Süßigkeit des Evangeliums, welche aus jedem Werte desselben hervorquillt, und ist anderntheils so sehr ergriffen von seiner eignen tiefen Unwürdigkeit, und von der Souveränität Gottes zu erretten oder zu verderben, daß man nur in seiner freien Gnade und Barmherzigkeit den Grund seiner Seligkeit sieht und nur davon sein Heil erwartet.

So stand es bei David, da er betete: „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.“

Mit den Worten: „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,“ bekennt er allererst seine eigene tiefe Unwürdigkeit und Gottes Souveränität und Freiheit, zu verderben oder zu erretten. Er fühlt und weiß, daß er seiner Sünde halber billig verwerflich ist; er bittet das aber ab mit Demuth. Er spricht sich so aus, wie in einem andern Psalm: „So du, Herr, willst Sünde zurechnen, wer wird vor dir bestehen!“ Es ist etwas Schreckliches, wenn man zu den Füßen eines mächtigen Fürsten zu Boden liegt und um Gnade und Pardon bittet, daß alsdann der Fürst Einen nicht aufheben läßt und gnädiglich anblickt, sondern zu seinen Dienern spricht: Thuet den Uebelthäter weg von meinen Augen! So erging es dem gottlosen Haman. Die Kämmerer des Königs mußten ihm schnell eine Decke über das Haupt werfen und ihn entfernen, damit seine Gegenwart die Majestät des Königes nicht länger beleidigte. - Vor der höchsten Majestät Gottes liegen wir Alle in unserer Schuld, und wir beleidigen mit unserer fündigen Gegenwart sein heiliges Angesicht. So sei und bleibe es denn darum auch unsere Bitte: Verwirf mich nicht von deinem heiligen Angesichte!

Es gibt welche unter uns, die sich beruhigen, daß sie vor Gottes Angesicht bestehen werden auf Grund der zuvor empfangenen Gnade, auf Grund ihres Glaubens, und sind noch nie hingefallen vor Gottes Souveränität. Die sollen hier von David lernen, wie eine wahrhaftig gedemüthigte Seele vor Gott kommt. David hatte doch auch von Nathan gehört: Der Herr hat deine Sünde weggenommen, du wirst nicht sterben. Aber er trotzt nicht vor dem souveränen Gott: „Du hast mir meine Sünden vergeben, du hast mich erwählt, ich habe Gnade, ich habe den Glauben, ich habe die Liebe, darum kannst du mich nicht verwerfen, ich gehöre ja in deine Gegenwart;“ sondern er bekennt vor Gott, daß er, seiner Widerspenstigkeit und angebornen Verdrehtheit wegen, nicht anders verdient hat, als daß der Herr ihn billig von seinem Angesicht verwerfe. Traun, geschenkte Gnade, gegebener Glaube in Christo Jesu, gewirkte Liebe (denn was haben wir, das wir nicht von Gott haben?) verpflichten Gott nicht, uns selig zu machen; hingegen machen uns alle Gaben um so verdammungswürdiger, wenn wir dieselben nicht dazu anwenden, wozu sie uns geschenkt sind, sondern mit denselben sündigen. Wenn Gott uns vor seinem heiligen Angesichte will leben und bleiben lassen, so ist das sein freies Wohlgefallen, sein souveräner Wille, und hat nur Grund in seiner ewigen, freien Barmherzigkeit, und thut er es lediglich um deßwillen, der am Kreuze sich unter dieser Souveränität Gottes hat zu Nichte machen lassen für uns, und hinaufschrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Unsrerseits aber verdienen wir jeden Augenblick, durch die geringste Lust nur und den leisesten Gedanken, welcher in uns aufkommt wider irgend ein Gebot Gottes, daß wir von Gottes Angesicht verworfen werden.

Meine Geliebten! Daß doch dieses demüthige Bekenntniß in uns sei! So werden wir uns fürchten vor Gott, so muß der Leichtsinn ein Ende nehmen, darin Mancher sagt: „Gott muß Alles thun,“ ohne daß es ihm um etwas Göttliches dabei zu thun ist; der Leichtsinn auch, darin Mancher wähnt, Gott nehme es so genau nicht, und einmal erwählt, einmal begnadet, einmal bekehrt, bleibe doch erwählt, begnadet, bekehrt. Denn wir vernehmen hier von David wohl etwas anders. Dem ist bange, Gott möge ihn von seinem Angesichte verwerfen! Da liegt dieser alte Christ, dieser Prophet Gottes, dieser Liebliche in den Psalmen Israels, zu den Füßen des allerhöchsten Königes Himmels und der Erden'. Alle empfangene Gnade, alles Gestrige, alle seine Erfahrungen, sein ganzer Weg ist für ihn dahin! - Was hat das verursacht? Seine Sünde! Darum bekennt er, daß er werth ist, von Gottes Angesicht verworfen zu werden.

Denkt aber Einer: „Ich habe das doch heute nicht gethan, was David gethan hat,“ so wisse der denn, daß schon dieser sein Gedanke vor dem gerechten Gott schlimmer ist, als Davids Sünde. Denn er überhebt sich damit über seinen Bruder David, und vor Gott, der mit tausend Augen sieht, gibt es keinen Reinen aus den Unreinen.

Hingegen macht David es nicht, wie die Heuchler es machen, welche, weil sie nicht vor Gott einkommen wollen mit ihrer Schuld (die sie stets auf Gott, oder auf den Nächsten und von sich abwälzen), mit Cain sprechen: „Ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen; meine Sünde ist größer, denn daß sie mir vergeben werden möge;“ - Aeußerungen, mit welchen sie Gott auf's Herz treten und ihm seine grundlose Barmherzigkeit gleichsam in's heilige Angesicht werfen. Nein, David will nicht von dem heiligen Angesichte Gottes weg, wie der Eigengerechte von dem Angesichte des Gerechten gerne weg und lieber allein sein will, darum auch des Gerechten Angesicht scheuet, weil er sich von demselben (seiner Gottlosigkeit wegen) gestraft fühlt. David sagt, daß er ohne Gottes Angesicht nicht leben kann, und macht's wie Moses, der auch sprach: „Wenn dein Angesicht nicht mitgeht, so laß uns nicht von dannen ziehen!“ Hatte er Zorn in Gottes Angesicht gelesen, den heiligen Abscheu an aller Verdrehtheit, Verkehrtheit, Sünde und Missethat: - er hatte nicht weniger die Lieblichkeit, das Freude- und Wonne-Gebende, das Huld-Gönnende, das Leben-Bringende, das Mitleiden-, Gnade- und Barmherzigkeit-Erzeigende, das seiner Seele Ruhe-Gebende, das ewig süße Reine in dem Angesichte Gottes gelesen! Nur vor diesem Angesichte konnte er aufathmen, leben, einzig glücklich, selig sein. Ohne dieses Angesicht ist ihm Alles eine Einöde, eine Hölle. Und ob er sich nun wohl werth fühlt, von demselben verworfen zu sein, so sagt er doch nicht, die Augen auf seine Verdrehtheit gerichtet: „Ich bin von deinem Angesicht verworfen;“ sondern: „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht!“

Seht, meine Geliebten! das ist die Kraft, welche Gott gewirkt in Christo, da er ihn von Todten erwecket, daß ein Mensch, ein Sünder, so zu dem allerhöchsten Gott spricht: „Obschon ich so um und um verkehrt, verdreht, verdorben bin, so liege ich doch mit allen meinen Sünden und Schanden, Greueln und Scheueln vor deinem heiligen Angesicht! hier muß ich bleiben, ich kann es sonst nirgendwo aushalten! - ich bin werth, daß du mich zertrittst, aber dein Angesicht, ob es gleich zürnt, ist dennoch lieblich, verwirf du mich nur nicht! wenn ich nur vor deinem Angesicht bleiben darf so wie ich bin, so bin ich allein glücklich, sieh mich wieder freundlich an, sei du mir gut, laß leuchten über mich dein freundliches, liebevolles Vaterangesicht, so bin ich heil!“

„Und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.“

Wunderbares Gebet! Ich bin vor deinem Angesicht, verwirf mich nicht von deinem Angesicht! Ich habe deinen heiligen Geist, nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. So steht's aber geschrieben, ob auch Tausende hier lieber lesen möchten (wie sie denn auch nach ihrer Weise beten): Gib mir den heiligen Geist wieder! Was das „deinen“ hier bedeutet, fällt ihnen dabei nicht ein.

Es ist, als ob David die Worte des Herrn Jesu gehört hat, welche tausend Jahre nach ihm ausgesprochen wurden: „Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich; - er bleibet bei euch und wird in euch sein.“ Aber doch, dieser Tröster war auch ihm gegeben, von seiner Bekehrung an, und war auch bei ihm und in ihm geblieben, sonst hätte er nicht gebetet: Nimm ihn nicht von mir!

Aber wie? War denn Gottes Heiliger Geist in David geblieben, da er sündigte mit Bath-Seba, da er überlegte wie Uria zu betrügen, da er ihn endlich dem gewissen Tode Preis gab? - Menschenkind, du siehst den Sack mit Sünden, welcher dem David anhing, aber den Sack mit Sünden, welcher dir auf dem Rücken hängt, aber deinen Weg voller Übertretungen vor deinen Füßen siehst du nicht! Antworte mir. Unser treuer Hohepriester sprach zu Petro: „Simon, Simon, siehe, der Satanas hat eurer begehret, daß er euch möchte sichten, wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre.“ Was ist Glaube ohne heiligen Geist? Ja, was ist der Glaube anders, als Gottes Heiliger Geist in uns? Wo war Petri Glaube, da der Satanas ihn in dem Sieb hatte, da Petrus in Cajaphä Pallast sich verfluchte und schwur: Ich kenne den Menschen nicht? War er dahin? War der Heilige Geist von ihm genommen? Es wäre gegen des Herrn Worte, das zu behaupten. Wenn aber von Petro der Glaube, der Heilige Geist nicht genommen wurde in Cajaphä Pallast: dann auch nicht von David da er zu Bath-Seba einging. Sehet nur den Glauben wie er aufflammt! „Da der Herr Petrum ansah, ging er hinaus und weinete bitterlich.“ Höret nur, wie der Heilige Geist in die Räder fährt! Da Nathan zu David gekommen, fastet er und weinet bitterlich und schreit: „Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte, - nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!“ Aber wie? David! weißt du, glaubst du, verstehest du des Herrn Wort und Verheißung nicht: „Mein Geist soll bei euch bleiben und in euch sein, er bleibet bei euch; ich mache solchen Bund mit euch: mein Geist soll nicht weichen von deinem Munde?“ Ach ja, so ist der Glaube des Leichtsinns; - es geht ihm nicht um Gottes heiligen Geist. Wo aber wahre Gnade ist, da hält man Gott auch nicht mehr verpflichtet seinen Verheißungen nachzukommen, so man gegen die Stimme und den Trieb des Heiligen Geistes an gesündiget hat: sondern es ist das Bekenntniß da, daß man's ,Werth ist und mit seinen Sünden verdient hat, daß Gott seinen heiligen Geist von Einem nehme. Nicht, daß David fürchtete, Gott wäre so veränderlich, sondern er sei der Einwohnung eines so hohen Gastes unwerth, weil er denselben tief betrübet.

Wir sollen aber diese Bitte billig zu Herzen nehmen, die wir wissen, daß Niemand Issum einen Herrn nennen kann, ohne den heiligen Geist; daß keine Gnade oder Gabe vor Gott genugsam, auch nicht mit der Seligkeit verbunden ist, ohne den heiligen Geist Gottes. - Wer Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Sohne hat, hat dieselbe in Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Er weiß, daß Christus diesen Tröster erworben hat, uns in alle Wahrheit zu leiten, Alles aus den Heilsgütern Christi zu nehmen, und es uns zu verkünden: daß dieser Geist als ein Geist der Wahrheit, der Zucht, des Glaubens, der Gnade, des Gebets von dem Vater gegeben ist, daß wir durch denselben geheiliget und bis auf die künftige Erlösung versiegelt würden. Gott hat diesen Geist gegeben als Beweis und Unterpfand, daß er mit uns versöhnet ist durch den Tod seines Sohnes; nur in diesem Geiste haben wir Zutritt zu der Gnade, Hinleitung zu dem gegen die Sünde und Unreinigkeit geöffneten Born; nur durch diesen Geist haben und schmecken wir die Gewißheit unsrer Seligkeit. Gott der Vater gibt ihn. Wer ihn nicht hat, der ist des Herrn Jesu nicht, sondern seiner selbst. Der Sohn sendet ihn von dem Vater. Nur wo er ist, ist ein Einhergehen in dem Willen und Wegen Gottes. Daß wir ihn aber empfangen, daß er in uns wohnet als in seinem Tempel, und daß er bei uns bleibt, ist lediglich freie Güte, lediglich abhängig von Gottes Souveränität, ist lediglich freie Erbarmung, nach dem Wohlgefallen Gottes über uns in Christo Jesu. Darum haben wir alle Ursache, tagtäglich zu bitten: Nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! - wenigstens wenn wir diesen Geist empfangen haben. Auch haben wir alle Ursache, Gottes Erbarmen vor und nach zu rühmen, wenn wir bedenken, wie wir täglich, stündlich wider Gottes Gebot mit Gedanken, Worten und Werken sündigen und seinem heiligen Geiste Schmerz anthun, und daß der große Gott demungeachtet diesen seinen Geist noch nicht von uns genommen hat. Welch ein evangelisches Gebet aber ist dieses Gebet, in welchem der Auserkorne Gottes Gnade, Treue und Erbarmen rühmt, daß er seinen heiligen Geist noch nicht von ihm genommen, hingegen mit Demuth von ihm erfleht, er wolle nicht nach Verdienen mit ihm handeln, diesen Geist nicht von ihm nehmen.

Was David von diesem heiligen Geist Gottes erwartet, legt er offen in den Worten: „Tröste mich wieder mit deiner Hülfe, und der freudige Geist enthalte mich“.

Seht, er will von Gott wieder Trost haben durch diesen heiligen Geist, daß Gott durch diesen Geist ihn deß Alles erinnere, was er zuvor von ihm so oft vernommen und was er in seinem Worte zu den Armen und Elenden spricht. David war traurig mit göttlicher Traurigkeit. Denn Gottes Heilige und Gerechte werden tief, sehr tief traurig über alle ihr Vergehen, Verkehrtheit und Verdrehtheit, darum wollen sie immerdar von Gott getröstet sein durch seinen heiligen Geist, und Gott der Herr legt ihnen solche Bitte in den Mund; - und ist Gottes Hülfe (womit sie vor und nach sollen getröstet sein) nichts weniger und kein Anderer, als unser lieber Herr und Heiland, Christus selbst, der eingeborne Sohn des Vaters. Wenn Gott uns, die zerschlagen sind, mit diesem tröstet, tröstet mit der vollen Gerechtigkeit, die er hat hervorgebracht, so daß Gott uns um deß willen seine Huld, gönnet, und uns solche Gerechtigkeit zueignen und schenken will, so sind wir recht getröstet. Das ist die Meinung, und lauten die Worte eigentlich: „Laß mir die Freude deines Jesu wieder zukommen!“ -

Seht, so will David tiefer und tiefer in's innere Heiligthum hinein, wie wir singen: „Von dir Hab ich das Priesterthum, daß ich in's inn're Heiligthum darf unverhüllet gehen“. Darum bittet er auch: „der freudige Geist enthalte mich“, das ist, unterstütze mich, daß ich es wagen darf hinzuzugehen zu dem Throne deiner Gnade. - Wagen? Ja, wagen; wiewohl man nichts dabei wagt. In den Herzen der Kinder Gottes ist bei dem tiefen Gefühl und dem Innesein ihres Verderbens ein von Ferne stehen, ein Zagen, eine gewisse Furcht und Scheu. Denn wo alles Vertrauen auf äußerliche Gerechtigkeit, Handel und Wandel auf und davon ist: ach da hat man ein so erschrockenes, furchtsames Gewissen! Die Gnade ist zwar groß, - o wie glücklich wäre man, wenn man sie gefunden hätte! Aber die Unwürdigkeit, aber die Schuld, aber die Sünde, wie groß ist die nicht? Da ist es keines Menschen Werk, Much oder Kraft, daß man hinzutrete um Gnade. Es bringt's kein Mensch zu Stande, wie tief seine Roth auch sein möge. Da ist's aber der Heilige Geist Gottes, welcher dem auserkornen Sünder unter die Arme greift, ihm liebliche, tröstliche Worte einflößt, daß Einem Muth gemacht werde, daß, trotz allen Stürmen, Wellen und Wogen der Hölle, der Anker der Seele hineingeworfen wird (man weiß selbst nicht wie) in den Grund der ewigen Barmherzigkeit Gottes und der Gnade Jesu Christi! Und da liegt denn das Schiff vor Anker, - kein Teufel reißt den Anker aus dem Grund, oder die Kette der Seligkeit entzwei: und erfüllet ist der Spruch: „die völlige Liebe treibet die Furcht aus“! - Dieser Geist heißt darum ein freudiger, auch ein freiwilliger, oder fürstlicher Geist, denn durch diesen Geist wagt es ein Schwacher und über sein Verderben Weinender, mit dem Teufel eine Lanze zu brechen, wenn's d'rum gehen soll ob das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, einen gänzlich Unreinen reiniget von allen Sünden, oder nicht; - wagt's ein Zaghafter, todesblaß vor Fasten mit dem Grauen vor dem Umkommen, (wie ja auch das Gesetz es verbot,) sich hineinzumachen in das Heiligthum, wo Gott wohnt zwischen den Cherubim, zu ergreifen den Saum seines Kleides, sich zu werfen in Christo Jesu an sein Vaterherz!

Demüthigen wir uns vor Gottes Souveränität, gestehen wir ein, daß wir täglich, stündlich schuldig stehen vor seiner hohen Majestät an der Uebertretung des sechsten, des siebenten, des zehnten Gebotes, - ja, aller Gebote, - und binden wir unsere Seligkeit an Gottes freie Barmherzigkeit, so wird er uns gelehrt haben von ihm das zu erflehen, was in eines Menschen Herz von selbst nie aufkommt: daß wir ewig mögen bleiben vor seinem Angesichte, daß sein Heiliger Geist in uns bleibe, daß die Freude seines Jesu uns überschütte, daß sein fürstlicher Geist uns beharren mache bei der Gnade!

Vers 15 und 16.

Denn ich will die Uebertreter deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu dir bekehren.
Errette mich von den Blutschulden, Gott, der du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.

„Strebet nach der Liebe; fleißiget euch der geistlichen Gaben; am meisten aber, daß ihr weissagen möget. Wer weissaget, der redet den Menschen zur Besserung und zur Ermahnung und zur Tröstung;“ so schreibt der Apostel Paulus an die Gemeine zu Corinth. Was ist weissagen? Es ist dasselbige, was man auch „die Sprache Canaans sprechen“ nennt. Es ist: Worte reden von gesundem Verstand, aber Worte nicht der menschlichen Weisheit, sondern welche der Heilige Geist lehret, Worte, welche dieses Eine kundthun: „So und so war ich, so und so bin ich, aber so und so ist Gott in Christo Jesu, und das und das thut er allen denen, die auf ihn harren.“

Nach dieser Gabe der Weissagung strebte auch David, indem er hier sagt: „Denn ich will die Uebertreter deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu dir bekehren.“ Hatte er das früher nicht gethan? Hatte er die Gabe der Weissagung nicht gehabt? Allerdings. So gewiß er vorher ein reines Herz hätte, so gewiß hatte er auch die Gabe der Weissagung. Aber hier haben wir eine Bitte, wie sie Gott wirkt in den Herzen der Seinen nach der Macht, welche er gelegt in die Auferstehung Christi.

Wie sieht's gewöhnlich bei uns aus? - Wenn wir keine augenblicklichen Sünden sehen, so möchten wir reden und zeugen von Gott, von Christo, von seiner Gnade. Haben wir dagegen etwas gethan, was nicht sollte gethan sein: alsbald werfen wir alle Gnade von uns und lassen uns den Mund stopfen, und das verklagende Gewissen treibt uns mit Hülfe des Teufels in eine Ecke. Weil wir es verdorben haben, so meinen wir, es sei alle Hoffnung der Seligkeit für uns dahin; und es heißt im Innern: Was sollte ein so verdorbener Mensch wie du bist, den Namen Gottes und seine Gnade auf die Lippen nehmen?

Was aber das verklagende Gewissen mit Hülfe des Teufels und der eigengerechten Welt auch möge niederhalten wollen: der Geist Gottes läßt die Kinder Gottes wohl zum Durchbruch kommen, daß sie glauben mit dem Herzen und bekennen mit dem Munde; daß sie die Gnade nicht fahren lassen, sondern sie bekennen vor aller Welt. Der Geist Gottes wirket in ihnen, daß sie vor dem Throne bitten um den Geist der Freimüthigkeit, daß dieser sie unterstütze um sich hineinzubegeben in das innere Heiligthum, und um auch Andern mitzutheilen was sie dort gefunden, geschmeckt und erfahren haben. Hierum bittet denn auch David.

So spricht er: „Uebertreter will ich deine Wege lehren, und Sünder werden sich zu dir bekehren.“

„Uebertreter“ sind hier Rebellen wider die Gnade; Zerbrecher und Verstörer der Ordnung, welche Gott festgesetzt hat.

Unter „Wege Gottes“ versteht David hier die Weise wie Gott Ungehorsame arm, nackt, blind, elend macht, wie er sie demüthiget, und dann ihnen eine freie Wohnung baut, daß sie darin ewig mit Ihm wohnen und Alles umsonst haben unter einer väterlichen, lieblichen, sanften, milden Regierung seiner Gnade. Also daß „Gottes Wege“ hier so viel heißen, als Gottes Demüthigungen, und sodann seine Gnade, Güte, Liebe, Treue, Wahrheit, Erbarmung.

„Lehren“ ist hier nicht allein anweisen, anzeigen, sondern vielmehr stacheln, aufstacheln, daß Einer in diesen Wegen einhergehe, also stacheln mit Ermahnung, Bestrafung, Tröstung.

Das sind wunderbare, herrliche, evangelische Worte, und sagt also David zu Gott so: Wenn mich der Geist der Freimüthigkeit nur unterstützt, so sollen Alle, die jetzt von der königlichen Herrschaft deiner Gnade nichts wissen noch verstehen wollen, und die da meinen sie wären ohne Sünde, von mir vernehmen, wie schwach die Leiter ist, worauf sie sich zu dir hinaufmachen wollen, und wie mächtig die Arme deiner Gnade sind! „Ich will sie deine Wege lehren,“ „den Ausgang der Wege des Todes, aller Menschen Gerechtigkeit und des fleischlichen Gewilltseins und Laufens sollen sie vernehmen, und das Zuverlässige, Heilige und Sichere des Weges deiner Gnade und der Gerechtigkeit welche dem Menschen aus Glauben wird zugerechnet; - und das wirst du davon haben, o mein Gott, daß Sünder, daß Zöllner und Huren, Ehebrecher und Mörder, Verleumder und Lästerer, Abgöttische, Ungehorsame und Entehrer deines heiligen Namens ein ganz anderes Herz und andern Sinn zu dir bekommen, auch ganz andere Gedanken von dir fassen werden, wenn sie von mir hören, daß du ein Heiland armer Sünder bist, und daß du dich ihrer, so wie sie sind, erbarmen willst! Dein ganzes, großes, weites, versöhntes Herz will ich ihnen vorhalten, das arme Sünder in sich aufnehmen und sie auf ewig glücklich machen will. Und wo sie denn von dir vernehmen, Alle welche nur in Sünden und Schanden leben, was für ein guter, gnädiger Gott und Erbarmer du ihnen sein willst, welche Seligkeit sie bei dir finden können und welch ein erbärmlicher Dienst der Dienst der Sünde ist, so werden sie sich umkehren zu dir, dir nicht mehr den Rücken zuwenden, sondern dein gnädiges Antlitz suchen.“

Wie? Ein Uebertreter will Uebertreter Gottes Wege lehren? Das muß ja ein Heiliger thun! - Allerdings. Aber der ist vor Gott ein großer Heiliger und ist der allerbeste Doctor und Professor, der von sich selbst nichts mehr weiß als daß er ein Uebertreter ist. Der, wo Gott sagt: „Ich aber wußte wohl, daß du verachten würdest und von Mutterleibe an ein Uebertreter genannt bist, - aber, um meinetwillen, um meinetwillen will ich es thun,“ aus solchen Worten einen außerordentlichen Trost und Gewißheit der Seligkeit schmeckt.

Ihr Uebertreter, gehet in euch und seid so ehrlich zu fragen, ob nicht aus eurem Herzen allerlei arge Gedanken, allerlei Ehebruch, Mord, Dieberei, Lästerung und Unverstand hervorgeht?

Und das darf nicht aus dem Herzen des Menschen hervorkommen! Ihr Uebertreter, ihr meinet, die Sünde sei durch die Gnade in euch getödtet, ihr wäret auf evangelischerem Standpunkte als worauf David war, - ihr könnet von euch sagen: „Ich habe noch nie dein Gebot übertreten, wenigstens seit längerer Zeit, in vielen Jahren nicht;“ - und wenn ein armer Sünder, der aber ehrlich auf Erbarmung hofft, mit euch spricht, so muß er die Frage aufwerfen: Ob man noch auf eine andere Weise, als aus der Gnade selig werden kann? Wenigstens, da in euch die Sünde getödtet ist, so seid ihr ohne Sünde, also vollkommen genug, daß euch die Gerechtigkeit nach Verdienst, als Lohn also, zugerechnet werde! - Nun höret Gottes Wege! „Dein Bruder ist gekommen, der all sein Gut mit Huren verzehret hat; - und - er war noch ferne von bannen, da sahe ihn sein Vater, und jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn; - und - der Vater hörete nicht mal nach den Worten: „Vater, ich habe gesündiget, - ich bin hinfort nicht mehr werth, daß ich dein Sohn heiße,“ sondern der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor und thut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her, und schlachtet es, lasset uns essen und fröhlich sein.“ Ihr Uebertreter, auf dem heiligen Wege wird kein Unreiner gehen; und was ist unreiner, als was sich rein dünket? Durch die enge Pforte kommen wir unsrerseits mit keiner Thräne, mit keinem Seufzer hindurch, und die Thore der Ewigkeit sind nur die Nägelmale, es kommt da nur hindurch was nichts ist. Wenn ihr nun Uebertreter werdet geworden sein, wenn ihr von allen Staffeln herab, tief in ein nie so gekanntes Verderben werdet hinabgestürzt sein: dann wisset, so sind Gottes Wege, seine Demüthigungen machen groß; und wo die pure Gnade ihre Herrschaft haben soll, da waltet nur das Wort: „Ihr werdet vor Scham und Schande euren Mund nicht aufthun, wenn ich euch Alles werde vergeben haben.“

Ihr Sünder, ob bekehrt ob unbekehrt, ihr seid allerlei Lastern und Leidenschaften ergeben; ihr fühlt euch darunter gehalten, gekettet, verkauft. Wo soll es mit euch hin? Wie kommt ihr von Laster und Leidenschaft los? Habt ihr nicht einen Gott dort oben, einen Gott, der euch geschaffen hat, der euch das Leben noch gönnet und euch ernähret? Wendet euch um, zu ihm hin! Legt ab eure argen Gedanken von Gott und von seinem seligen Dienst! Gibt es nicht ein Lamm dort oben, das die Sünde der Welt weggetragen? Ist nicht Gotte durch dieses Lamm vollkommene Genugthuung geschehen? Ist der heilige Gott nicht versöhnt durch den Tod seines Sohnes? Wascht nicht sein rothes Blut uns von allen Sünden rein? Gott läßt uns Sünder, als Sünder freundlich laden zu dem Hochzeitsmahle, das er seinem Sohne bereitet hat, und läßt rufen: „Kommet, Alles ist bereitet!“ Er läßt predigen Buße und Vergebung von Sünden durch den Glauben an den Namen Jesu Christi. Gottlose spricht er gerecht. Sündern rechnet er die Gerechtigkeit und Heiligkeit zu, welche Christus erworben hat. Wenden wir uns zu dem Herrn, unserm Gott, so wie wir sind, um Gnade, um Erbarmung. Wenden wir uns zu ihm und halten wir ihn für einen ehrlichen Mann, der unsern Tod nicht will, sondern unser Leben. Sünder sind's, welche Gott haben, welche er annehmen, welche er nicht von sich stoßen will, wenn sie zu ihm kommen und halten ihm seinen Sohn vor, den er gegeben zum Leben der Welt, und halten bei ihm an um Gnade, auf Grund seiner ewigen Erbarmung , auf Grund des vollkommenen Opfers und ewig gültigen Lösegelds, das Christus gebracht und bezahlet hat. Heilige bekehren sich nicht zu Gott, sondern werden in ihrer Hoffart mehr und mehr von Gott abgekehrt. Aber Sünder sind ihm willkommen in seinem Reiche, welches nur ein Reich des Erlasses, der Rechtfertigung, Reinigung und Abwaschung von Sünden ist.

O, welch eine Gnadenertheilung, wo ein Uebertreter die Uebertreter Gottes Wege lehrt, und ein Sünder zu Sündern sagt: Sehet mal Gott recht in's Vaterangesicht! in Christo Jesu seinem lieben Sohne ist er euch gnädig und gut! ergebet euch ihm, so wie ihr seid, und er wird euch bekleiden mit der Gerechtigkeit, welche vor ihm gilt, und euch die Heiligkeit ertheilen, welche Heiligkeit vor ihm ist! er wird seinen Geist in euch geben und Leute aus euch machen, die in seinen Geboten wandeln!

Aber, aber, welch ein schweres und dem Fleisch und Blut unmögliches Werk ist es, Sündern Gottes Gnade vorzuhalten, daß sie ein Herz zu ihm fassen, und Uebertreter Gottes Wege zu lehren! Ach, das schwache Herz verzagt ja immer an Gnade! Wo es am freudigsten zeugen will, da wollen Schuld und Sünde Einem wieder ein Schloß an den Mund hängen. Da ist der Teufel geschäftig und raunt Einem zu: Wie du, du Sünder, du Uebertreter, unternimmst du es, von Gottes Wegen, Gnade und Erbarmung zu zeugen? - und wirft der Teufel die ganze gemachte Schuld, ach alle Blutschulden, wie Wellen und Wogen auf Einen, daß man nur ja die Gnade und das Zeugen von Gnade drangebe; und heißt es im Innern: ja, du magst predigen was du willst, und dich halten woran du kannst, deine Blutschulden verschlingen dich dennoch, und diese Blutschulden schreien wider das Zeugniß, das du von der Gnade den Sündern ablegst. - Solches fühlt auch David. Während er diesen Psalm von der Harfe erklingen läßt, wirft ihm der Teufel den Mord Uriä vor, und was noch sonst alles. Denn wo der Verkläger sich aufmacht, da findet er der Blutschulden genug. Der Quittung, daß Alles bezahlt sei, ist man da selbst gar nicht eingedenk, kann sich nicht dran halten; - und die Blutschulden hängen sich an den Arm, daß man nicht in die Saiten schlage und singe von Gottes Erbarmung, - und raunen Einem allerlei in das Ohr, daß man für sich selbst die lieblichen Töne nicht höre, die man von Herzen zu Herzen singt. Darum bittet David:

„Errette mich von den Blutschulden.“

„Blutschuld“ ist: da man den Tod verdienet hat. Nun sind freilich vor Gott, nach dem Gesetz allerlei Sünden des Todes schuldig. Aber David hat hier besonders das vergossene Blut Uriä vor Augen, wofür nach dem Gesetze keine Versöhnung hienieden war. Denn so heißt es 4. Buch Mosis Cap. 35 vs. 31 -33: „Ihr sollt keine Versöhnung nehmen über die Seele des Todtschlägers, denn er ist des Todes schuldig, und er soll des Todes sterben. Und sollt keine Versöhnung nehmen über den, der zur Freistadt geflohen ist, daß er wiederkomme zu wohnen im Lande, bis der Priester sterbe. Und schändet das Land nicht, darin ihr wohnet, denn wer Blut schuldig ist, der schändet das Land; und das Land kann vom Blute nicht versöhnet werden, das darinnen vergossen wird, ohne durch das Blut dessen, der es vergossen hat.“ - Der Teufel sagt ihm, daß dieses Blut gegen ihn schreit von der Erde; daß es an seinen Händen, Kleidern, ja an dem ganzen Leibe klebe, daß sein ganzes Herz davon beflecket ist! Denn nicht anders geht es Gottes Kindern. Sollen sie von der Gnade predigen: da sind es nicht alte, vergangene Sünden allein, da ist diese oder jene frische Uebelthat von gestern oder vorgestern, die schlingt sich um sie und droht ihnen das Herz zu brechen, wenn sie den Muth haben, Gottes Wege zu lehren! Traun, der Teufel will nicht, daß Sünder sich zu Gott bekehren. Denn große, schwere Sünder, sobald sie Gnade gefunden haben, wo sie meinten den ewigen Tod zu finden, haben so lieb, so lieb, - daß sie mit ihrer Liebe zu dem Herrn die ganze Hölle in Aufruhr bringen! David aber läßt sich den Muth nicht nehmen. Das sollen wir auch nicht. Er klagt es seinem Gott, daß sich dieser Schwarm von Blutschulden um ihn lagert und ihn hindern will, seinem Gott so zu singen und zu spielen, daß es alle Sünder hören. So sollen wir es auch machen, so weit wir von Blutschulden umlagert sind, die nicht wollen, daß wir unserm Gott singen und spielen und freudig von seiner Erbarmung zeugen. Da sollen wir auch beten: „Jage diesen Schwarm von mir;“ und dann oben d'rauf setzen, was David that:

„O Gott,“ sagt er, „der du mein Gott und Heiland bist,“ oder: „o Gott, Gott meiner Seligkeit.“

So gefällt es dem Herrn. Einen Schwarm von Blutschulden um uns sehen und dennoch sagen: „Ich bin selig, der Urheber dieser meiner Seligkeit ist Gott, der starke Gott. - O, du starker Gott, du allmächtiger Erbarmer, du hast mich selig gemacht. Meine Seligkeit hast du dargestellt, sie ist in deinen Händen, du bist meiner Seligkeit Ursache. Das verbürgt mir meine Seligkeit, daß du Gott bist. Weil du mich nun selig hast gemacht, so jage diesen Schwarm von Blutschulden von mir, daß sie mich nicht übertauben, sonst muß ich hier umkommen. Ein solcher Heiland bist du, wie du verheißen hast: Das glimmende Docht wollest du nicht auslöschen. Die Blutschulden wollen es auslöschen, fache du es an, gieße du Oel in die Lampe, in die zerschlagenen Gebeine, denn dazu bist du ja in Gnaden zu mir, gekommen, und hast dich mir bekannt gemacht als Einen, der Solches gerne thut, um deines Namens willen!“

Ein solches Gebet, ja einen solchen Schrei aus der Tiefe erhöret der Herr, daß der ganze Schwarm von Blutschulden nicht allein ablassen muß mit Einraunen, sondern auch mit Martern, Quälen und Plagen; und muß nichts gesehen werden, denn die Gerechtigkeit Christi welche Gott dem Glauben zurechnet; und nichts gehöret werden, denn dies Lob Gottes: Seine Gnade hat es gethan und thut's; es ist Alles sein Erbarmen. Das hat des Lammes Blut gekonnt.

Denn nur dazu will David diesen Schwarm von dem Herzen haben und von ihm errettet sein, daß er Gottes Gerechtigkeit rühme, wie er denn sagt: „Daß meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.“

Was ist das nun für eine Gerechtigkeit? Wir finden von ihr herrliche Dinge gerühmt Psalm 22, auch Psalm 40, auch in dem Römerbriefe. Die Gemeine rühmt sie, wenn sie auf die Frage: „Was hilft es dir nun, wenn du dieses Alles glaubest?“ antwortet: „Daß ich in Christo vor Gott gerecht und ein Erbe des ewigen Lebens bin.“ Das ist aber Gottes Gerechtigkeit welche er meint, daß Gott von dem Menschen, dem Sünder, nichts fordert, weder Werk noch Gerechtigkeit; weil bei dem Menschen (wenn er auch auf's Beste ist) von Gerechtigkeit welche Gott will, nichts da ist. So daß hier nichts gilt aller Menschen Werke, Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Tugend, - denn das ist Alles vor Gott unnütz. Dagegen gibt er aus ewiger Barmherzigkeit und lauterer freien Gnade dem Menschen, dem Sünder, eine Gerechtigkeit, wie sie vor ihm gilt, und rechnet sie dem Glauben zu. Das ist: er gibt dem Menschen vollen Erlaß von Sünden, gibt ihm seine Huld wieder, bedeckt ihn mit seiner Gnade, tilgt ihm aus alle seine Schuld, nimmt weg seinen Tod, macht ihn zum Erben des ewigen Lebens, hält ihn unter Herrschaft guter Werke, - und das Alles so, daß er ihn aus dem alten Stamm Adams hinwegnimmt und überpflanzt in seinen Sohn Christum Issum, den einzigen Menschen in Gnaden, durch dessen vollkommenen Gehorsam Viele zu Gerechten sind gemacht worden. Was da Christus gethan, gelitten, erworben, ererbt hat, das schenket Gott dem Menschen, dem Sünder, dem Glaubenden, und rechnet es ihm so zu, als hätte er es selbst verdient, erworben, ererbt.

Diese Gerechtigkeit will er rühmen, rühmen mit Freuden; so rühmen, daß Andere sie auch vernehmen. Darum sagt er: „Daß meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.“ Er sagt nicht: daß mein Herz deine Gerechtigkeit rühme; er sagt: daß meine Zunge es thue. So schreibt auch Paulus Römer am 10.: „So du mit deinem Munde bekennest Jesum, daß er der Herr ist, und glaubest in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Todten auferwecket hat, so wirst du selig; denn so man mit dem Herzen glaubet, so ist man gerecht, und so man mit dem Munde bekennet, so wird man errettet.“ Der Teufel wird wenig darnach fragen, was der Mund redet, wenn es nicht von Herzen geht. Hingegen: glaubt Einer mit dem Herzen, so möchte der Teufel gerne die Zunge lähmen, daß sie die Gerechtigkeit, welche vor Gott gilt, nicht rühme noch auskünde. Und hat er die Zunge erst gelähmt, so ruht er nicht, bis er es auch aus dem Herzen hat. Redet aber die Zunge das was man mit dem Herzen glaubt, welche Berge von Schuld und Sünden er dann auch in den Weg wirft, die Zunge zum Schweigen zu bringen: man findet sich eben da errettet, ob er auch mit Tod und Verderben droht. Da bekommt das Herz mehr und mehr Freudigkeit in der Gewißheit der Seligkeit, je freier die Zunge Gottes Gerechtigkeit rühmt so hoch sie nur vermag. -

Nun seht aber, wie die ganze Summa des Gesetzes Gottes: „Gott zu lieben über alle Dinge und seinen Nächsten als sich selbst“ in einem der am Geiste einhergeht erfüllet wird. Denn David gibt Gott seine Ehre wieder und ist nur darauf aus, Gott die schuldige Ehre und Liebe zu bringen, darin daß er sich selbst schändet, verklagt und verdammt, von sich selbst und aller seiner vorigen Frömmigkeit, guten Wegen und guten Werken (worin er doch wahrlich einhergegangen) nichts wissen will, sondern daliegt vor seinem Gott als ein Uebertreter von Jugend an, als ein Mann bedeckt mit Blutschulden, die ihn aber nicht abhalten sollen, Gottes Gerechtigkeit zu rühmen, die Uebertreter Gottes Wege zu lehren, und Gott gleichsam die Freude zu machen, daß sich Sünder zu ihm bekehren. Nein, seine Blutschulden sollen ihn nicht abhalten, Gott als den Gott seiner Seligkeit zu bekennen. Deshalb bittet er, daß der Geist der Freudigkeit ihm unter die Arme greife, - und will er dieses Gelübde treulich erfüllen: Wenn du mich aus dieser Tiefe wirst heraus geholt haben, so will ich dich vor der ganzen Welt bekennen, daß du mein gnädiger Gott und Heiland bist! Und ist aus dieser Gottes Liebe in Christo auch die Liebe des Nächsten da, trotz dem verklagenden Gewissen und der argen Welt, Widerspenstige mit Gottes Wegen zu stacheln, daß sie sich mit einer andern Gerechtigkeit bekleiden lassen, als mit der welche die Schriftgelehrten und Pharisäer haben, und in einer andern Heiligung sich finden lassen, als in der, welcher die nachjagen die nach Fleisch wandeln; - und will er Gottes Gerechtigkeit, und nicht eigene Gerechtigkeit (denn die hat er nicht) laut rühmen, auf daß Sünder sich recht bekehren, sich zu dem bekehren, bei dem allein die Herrschaft der Sünde ein Ende hat und Sünder aus der Fülle Christi nehmen dürfen Gnade für Gnade.

Nun gibt es unter euch noch mehrere Widerspenstige, Uebertreter eben darin, worin sie sich gerecht und guten Glaubens wähnen. Ich rathe diesen, daß sie Acht haben auf Gottes Wege, welche ganz anders liegen, führen und gehen, als Fleisch und Blut sich dieselben vorstellen. Sie sollen denn wissen, daß wo Gott seine Gnade verherrlichen und seinen Christum kommen lassen will, der Mensch mehr als einmal so zu stehen kommt, daß er Arme und Beine breche und seinen ganzen Weg verderbe, daß er in Wahrheit nichts mehr übrig habe, und finde unerwartet immerdar alte Sünden, neue Roth, und dabei einen treuen Gott, der gnädig ist, jedwedem er gnädig ist.

Denkt aber Einer deshalb: So kann ich denn d'rauf los sündigen, so wisse er erstens, daß es zu David geheißen! „Das Schwert wird von dem Hause Davids nicht weichen;“ daß also Gott ein Rächer des Bösen ist. Zum andern, daß Gott sein nicht spotten läßt.

Es gibt auch unter euch der Sünder viel, die auf ihren Sünden sitzen bleiben und wollen nicht verstehen, welche Seligkeit in dem Dienste Gottes für sie bereitet ist, können auch nicht begreifen, daß und wie Gnade für sie da ist und Errettung von allen ihren Sünden. Ich rathe Solchen, daß sie das Evangelium zur Hand nehmen, auf daß sie mal andere Gedanken von Gott bekommen als sie von ihm haben. Sind es doch Seine eigensten Worte: „Der Gottlose verlasse seinen Weg und der ungerechte Mann seine Gedanken und er bekehre sich zu dem Herrn, - so wird Er ihm gnädig sein.“

Und es gibt Viele unter euch; die sich den Mund stopfen lassen, weil der Teufel die Berge von Blutschulden zwischen den Herrn und ihre Seele wirft. Der Gott aller Barmherzigkeit mache Davids Gebet zu ihrem Gebete ohne Unterlaß: „Erlöse mich von Blutschulden, o Gott, der du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme!“

Vers 17-19.

Herr, thue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige.
Denn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir's sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen dir nicht.
Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.

Meine Geliebten! So bezeugt der Apostel Paulus: „Gott hat erwählet, das da nichts ist, daß er zu nichts mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme. Von Gott seid ihr in Christo Jesu, welcher uns von Gott zur Weisheit gemacht ist, Gerechtigkeit sowohl als Heiligung und Erlösung; auf daß (wie geschrieben steht) wer sich rühmet, der rühme sich des Herrn.“ Aller Ruhm menschlicherseits ist aus, nicht durch das Gesetz der Werke, sondern durch das Gesetz des Glaubens. Das Evangelium, diese Kraft Gottes, selig zu machen jeglichen Glaubenden, entzündet in dem Herzen des Glaubenden nur Lob und , Dank Gottes bei entschiedener Selbstverwerfung und Absehen von allem Werk das aus dem Menschen sollte hervorkommen. Dem Armen und Elenden wird der Glaube vorgehalten und er muß glauben, weil alles Andere hin und davon ist. Wer den Glauben empfangen hat, hat alles Gottgefällige in diesem Glauben. Werk, Verdienst, Selbstruhm hat er gar nicht mehr. Wer den Glauben hat, der glaubt, daß seine ganze Seligkeit von Gott ist; daß er nichts dazu beigetragen, auch nichts dazu beitragen kann. Er schießt über mit seinem ganzen Gottesdienst. Wer den Glauben hat, ist seines eignen Verderbens so inne, daß er nur seinen Herrn rühmen, loben und preisen will; daß der Herr allein heilig, allein gerecht, allein gut ist. Er will es, er wünscht es zu thun, er kann es aber noch nicht allemal. Er hat von sich selbst den Muth nicht, auch die Kraft nicht solches zu thun. Darum bittet David:

„Herr, thue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige.“

Denn alsdann lehrt man die Uebertreter die Wege Gottes, und hat solch Lehren zur Folge, daß sich die Sünder zu dem Herrn bekehren, wenn man des Herrn Ruhm verkündiget. Wo des Herrn Ruhm verkündiget wird, da wird von ihm ausgesagt: daß Er allein ein ehrlicher Mann und sein Wort wahrhaftig ist; daß er allein ein frommer Gott ist; daß er allein vollkommen selig macht. Da wird Gott und seine Gnade auf's höchste verherrlichet und alles Fleisch auf's tiefste erniedriget. Wo des Herrn Ruhm verkündiget wird, da werden alle Menschen, Bekehrte und Unbekehrte, gestraft und überzeugt, daß sie Sünder sind, daß nichts an ihnen, als aus ihnen ehren- und lobenswerth ist, sondern daß sie nur Schande und Strafe verdient haben. Wo des Herrn Ruhm verkündiget wird, da werden alle Menschen gelehrt, daß des Herrn allein das Lob und die Ehre ist, sein allein die Gerechtigkeit, die Weisheit, die Macht, die Stärke, die Seligkeit. Das also ist des Herrn Ruhm verkündigen: daß man sich selbst eitel Sünde und Thorheit zuschreibt, und dem Herrn allein alle Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit, in Summa alles Gute. Wo des Herrn Ruhm also verkündiget wird, da wird aller pharisäische Stolz, alle Weisheit, Frömmigkeit und Kraft niedergeworfen, und nur Christus geprediget als die Macht Gottes und die Weisheit Gottes. Da wird den Zöllnern und Sündern Muth gemacht, sich zu bekehren zu dem Herrn. Dazu wird der ganze Schwarm der Blutschulden dem vom Leibe gejagt, der des Herrn Ruhm verkündiget.

Aber nur in der Macht der Auferstehung Christi hat man die Kühnheit, den Ruhm des Herrn auszukünden. Darum bittet David: „Herr, thue meine Lippen auf!“ Es beginnt in der Hölle und in der Welt zu rumoren, wo des Herrn Ruhm verkündiget wird. Darum wollen alle Teufel einem Glaubenden die Zunge lähmen, die Lippen zuhalten, den Mund stopfen, daß er nur ja nicht verkündige. Ob ein Mensch auch noch so kühn und stark von Seele sei; ob er auch allen Glauben hat: so wird er es von sich selbst wohl bleiben lassen, daß er seine Lippen öffne, den Mund aufthue, und von der Gerechtigkeit predige welche vor Gott gilt. Und wer hier von sich selbst gelaufen kommt, wird kein Glück haben. Es ist dem Menschen ein zu hohes und zu schweres Stück, Gottes Ruhm auszukünden. Denn wer da Gottes Ruhm ausredet, der glaubt. Wer aber glaubt, sieht nichts als das Gegentheil. Furchtbare Stürme, Unglaube, Sünde, Welt, Tod und Teufel kommen auf den los, der es wagt, nur Gottes Ruhm auszukünden. - Was? Sünden sehen, große, schwere Sünden, die den Tod verdienet haben, und dabei predigen: Ich bin vor Gott gerecht? Sündern predigen: Ihr seid vor Gott gerecht, wenn ihr lediglich glaubt? Was? den Pharisäern predigen: Alle eure Gerechtigkeit, euer ganzer Gottesdienst hilft euch nichts, wenn ihr nicht mehr Gerechtigkeit habt als diese, kommt ihr nicht hinein? Was? klagen zu müssen: „Unreinigkeit regt in mir Weh auf Weh,“ und dabei frisch bezeugen: dennoch bin ich heilig? Den Tod vor Augen haben, und laut aufjauchzen: Ich habe das ewige Leben? Von allen Teufeln als fest gebunden sein, und ihnen in's Angesicht sagen: „Wer will verdammen? Christus ist hier?“ Ist das des Fleisches Werk? Es droht der Teufel mit Zorn und Grimm, mit ewiger Verdammniß; er schreit mit seinem Gesetze: du hast doch nicht genug zur Seligkeit. Die Welt droht mit Untergang unsrer Ehre, unseres Durchkommens. Die Synagoge , wirft hinaus. Ja, Gott selbst scheint nicht mehr mit auf dem Plane! - O, welch ein gefährliches Werk ist es, des Herrn Ruhm verkünden! Wenn man nur anhebt, so will uns die ganze Hölle verschlingen, und die ganze fromme und gottlose Welt hält uns für aussätzig. Darum wollte auch der Prophet Jeremias mal schweigen von Gottes Ruhm; aber es wurde ihm wie ein Feuer in seinen Gebeinen. So wurde auch der arme Sünder David vom Feuer des Ruhmes Gottes ergriffen, und wollte von demselben Allen erzählen; aber er konnte die Lippen von sich selbst nicht aufthun. Es ging ihm wie dem Jesaia, - da er die Herrlichkeit des Herrn sahe, rief er aus: „Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unrein von Lippen!“ Unrein von Lippen und dennoch Gottes Ruhm verkünden? - Warum nicht? Wenn nur eine Kohle vom Altar genommen ist, und die Lippen damit berühret sind, daß es heißt: „Siehe, ich habe deine Sünden gnädiglich bedeckt,“ so öffnet der Herr (der sich selbst Alles kann unterthänig machen, denn darum nennt David Gott hier Herr) selbst die Lippen. Und wo Er sie öffnet, da fließt aus dem geängsteten Geiste und zerschlagenen Herzen lauter Gottes Ruhm! Wohl dem, deß diese Bitte ist! Er spricht alsbald in Christo: „Ich künde aus deine Gerechtigkeit in der großen Gemeine; ich lasse meinen Mund nicht stopfen; Herr, das weißt du!“

Aber dieser Ruhm Gottes! Ich muß ihn noch näher beschreiben. Worin besteht er?

Allererst darin, daß Er die Sünden vergibt. Wo nun Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit, sagt Doctor Luther, und ich füge hinzu: In diesem Leben, in dieser Seligkeit ist Friede, Gerechtigkeit, Heiligkeit, ist die ganze Frucht des Geistes herrlich eingefaßt. Wo Vergebung der Sünden ist, ist die Liebe Gottes in's Herz ausgegossen durch den heiligen Geist, die Liebe welche Gott Gott sein läßt, und kann nicht anders, denn Gnade Gnade bleiben lassen, so daß dahin sei Alles, was ein Menschenkind Gott bringen möchte. - Des Herrn Ruhm ist also dieser, daß er seines eigenen Sohnes nicht verschonet hat, sondern denselben für uns Alle dahin gegeben hat, und daß er mit ihm uns auch alle Dinge gnädiglich schenken wird. Dieser, daß die Ursache unserer Seligkeit, und mit ihm die ganze Seligkeit, Rechtfertigung, Heiligung, alles gute Werk, jegliche gute Gabe, die Vergebung der Sünden und das Recht auf das ewige Leben ein reines, freies Gnadengeschenk des Herrn sei, - und weiß der Begnadete von allem eignen Werk und Gottesdienst (sei es auch sonst nach dem Befehle Gottes und achte er ihn auch sonst deßhalb hoch) nichts mehr. Darum sagt David:

„Denn du hast nicht Lust zum Opfer, ich wollte dir es sonst wohl geben, und Brandopfer gefallen dir nicht.“

Da vernehmen wir, wie David erfüllet ist von eitel Gottesruhm, und wie er es im heiligen Geiste versteht, daß ihm die Sünden vergeben sind, auch, wie reich er sich fühlt in dieser Vergebung der Sünden. Er sieht nur zwei Dinge: seine Sünde und Gottes Erbarmen. Gott hat nicht Richter sein wollen, hat nicht gesehen nach Davids Sünde, auch nicht gewartet auf Davids Frömmigkeit, Opfer, Werk, Buße, Bekehrung, gutes Vorhaben, oder sonst welche Tugend: sondern Gott ist gekommen zu David, da David von Gott ferne war, hat ihn allererst aufgesucht, ihm die Uebertretung seines Gebots vorgehalten, ihm seine Sünde und grundloses Verderben recht aufgedeckt, daß dem David alle Gebeine zerschlagen waren. Und nachdem Gott dem David das gethan, hat er ihm keinen Befehl gegeben von Opfern, von Bußübungen, auch nicht von Gaben oder Früchten der Dankbarkeit: sondern Gott hat es mit ihm gemacht, wie der Apostel Paulus es beschreibt: „Hier ist kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie an Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist, welchen Gott hat vorgestellet zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete, in dem, daß er Sünde vergibt.“ Das fühlt aber das Gewissen wohl, daß, wo Gott die Sünde vergibt, das nicht so ist, als wenn ein Menschenkind Einem etwas vergibt. Wo Gott Sünden vergibt, da hat er für die Sünden Genugthuung; da hat er Bezahlung für die Schuld; da ist die Strafe getragen; da ist die Sünde aus dem Mittel gethan und der Sünden Sold, der Tod. Da ist eine Gerechtigkeit vor Gott da, nach welcher er die Sünde hat vergeben können.

David hatte aber nichts für seine Sünde gethan. Da Gott kam, fand er ihn mitten in seiner Sünde; deckte sie ihm auf und vergab sie ihm. David lag mitten in seiner Ungerechtigkeit, da Gott zu ihm kam. Gott machte ihm seine Ungerechtigkeit bekannt, und sprach ihn (ohne alles Verdienst) gerecht. Was sollten nun alle Opfer seinerseits? Die waren bei solcher Sündenvergebung alle überflüssig, sie thaten zu seiner Seligkeit nichts. Soll er sie noch bringen, um Gott für die Sündenvergebung Dankbarkeit zu beweisen? Ach, David fühlt's: Alles, was ich Gott bringen sollte, ist zu gering bei solcher Wohlthat, bei solcher Gnade! Er kann Gott nichts mehr bringen. Das will er aber an Gott rühmen: daß er Alles gegeben hat umsonst; daß er Alles gibt umsonst; daß er ihm Leben und Seligkeit, Vergebung von Sünden und das Recht auf das ewige Leben gegeben hat, ohne alles Verdienen. Darum spricht er sich hier so aus, wie auch in dem 116. Psalm: „Womit soll ich dem Herrn vergelten alle seine Wohlthaten, womit er mich überhäuft hat? Ich will den Kelch der Seligkeit erheben und des Herrn Namen auskünden!“ Als wollte er sagen: Ich kann es ihm mit nichts vergelten; das wird aber die Dankbarkeit sein, daß ich die Gnade Gottes nicht wegwerfe, sondern hochhalte; daß ich es auskünde, daß die Gerechtigkeit nicht durch's Gesetz kommt, sondern dem Glauben zugerechnet wird, - sonst wäre Christus vergeblich gestorben. Nunmehr aber sind wir Gotte versöhnt durch Christi Tod, und nicht durch Opfer unsrerseits, und sind wir geheiliget in dem Willen Gottes, welchen Christus für uns gethan hat, da er Gotte den vollkommnen Gehorsam, die Gerechtigkeit die das Gesetz erfordert, gebracht hat. So stimmen die Worte Davids denn überein mit Christi Worten in dem 40. Psalme von Vers 6-11, aus welchen der Apostel Paulus einen so trostreichen Schluß gefaßt Hebr. am 10. Vers 1-10.

David spricht hier erst vom Schlachtopfer, sodann vom Brandopfer oder Ganzopfer, bei dem Alles in Flammen aufgeht. Von dem ersten sagt er: daß Gott nicht Lust dazu hat, daß er es sonst Gott wohl geben will. Von dem andern: daß es Gott nicht versöhnt, nicht reizt zur Gnadenertheilung.

So sagt er denn zu Gott, daß selbst die vorzüglichsten Opfer Gotte nicht würdig sind; und scheint er da eine ketzerische Lehre zu treiben, wie auch in dem 50. Psalme, wo er (als wäre kein Gesetz Mosis da aus dem Munde Gottes) ohne Scheu schreibt: „Meinest du, daß ich Ochsenfleisch essen will, oder Bocksblut trinken? Ich will nicht von deinem Hause Farren nehmen, noch Böcke aus deinen Ställen. Opfere Gott Dank und bezahle dem Allerhöchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Roth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“

David verachtet darum das Opfer nicht. Er sagt ja: ich möchte es dir wohl geben. Denn wo wahre Gnade ist, da ist man von Herzen willig und bereit gemacht zu allem Gott wohlgefälligen Dienste und Wandeln in seinen Geboten, - und kommt auch wohl (zur Zeit wenn Gott es will) mit den Schafen und mit ihrem Fett, wo die Heuchler mit den Feldfrüchten kommen, deren sie zu viel haben, oder die sie selbst nicht essen wollen. Es geht hier aber darum, was Gott soll gegeben oder gebracht werden dafür, daß er uns die Sünden vergibt; oder, wozu Gott Lust hat, um uns die Sünden zu vergeben. Und da ist die Anwort des Aufrichtigen: daß Gotte gar nichts dafür gebracht wird oder gebracht werden kann; daß es ihm mit nichts kann vergolten werden; daß Gott zu allen den Dingen, die er sonst in seinem Worte befohlen, gar keine Lust hat uns um deretwillen die Sünden zu vergeben; daß er uns auch die Sünden nicht vergeben hat, damit es ihm von uns (in welcher Weise es auch sei) sollte vergolten werden. Denn Gott nimmt nichts von dem Sünder als seine Sünde. Für die Gerechtigkeit, welche Gott dem Glauben zurechnet, nimmt er von dem Menschen nicht Einen Heller, nicht Einen Seufzer, nicht Eine Thräne. Er vergibt die Sünden. Wo Vergebung ist, da ist menschlicherseits ihm nichts gebracht, kann ihm auch nichts gebracht werden. Es ist eine freie That der Erbarmung Gottes und beruht in Christi Blut und Gerechtigkeit, - geschieht auch lediglich zum Ruhm und Lobe des Namens Gottes.

Das steht fest: - wer Vergebung der Sünden glaubt, möchte Gott wohl Alles bringen; möchte herzensgern ganz dem Befehle Gottes gemäß sein; möchte in allen guten und Gott gefälligen Werken einhergehen, und darin mehr und mehr überfließend sein. Es gibt der Seligkeiten so viele in dem Dienste Gottes, daß der Aufrichtige wohl fort und fort unverrückt darin verweilen möchte. Aber wenn er nun Alles übersieht, was aus ihm hervorgeht in diesem Dienste Gottes, und er in Allem nur Sünde sieht, was kann er da bringen für die Vergebung seiner Sünden? womit diese dem Herrn vergelten? O, sein ganzer Gottesdienst schwindet dahin vor der Herrlichkeit Jesu, vor der Herrlichkeit der ewigen Erbarmung! Er kann nur die freie Gnade rühmen, nur den Namen Gottes preisen wenn ihm der Herr seine Lippen öffnet, und ist das sein Bitten und Seufzen: der Herr, der sich Alles kann unterthänig machen, möge Solches thun. Denn sonst ist man der Sündenvergebung bald nicht mehr eingedenk und steckt wieder im Opfer, im Gesetz, im Werk, um Sündenvergebung sich zu verdienen, oder Gotte die Sündenvergebung zu vergelten.

Es gibt aber Opfer, Schlachtopfer, welche Gott angenehm sind. Diese sind: ein geängsteter Geist, wie David schreibt:

„Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“

Ein zerbrochener, zermalmter, zerknischter Geist: das sind die rechten Opfer, zu welchen Gott Lust hat. Nicht, daß wir mit dem zerbrochenen Geiste die Sündenvergebung erlangen oder ermitteln. Aber wenn nicht ein zerbrochener Geist da ist, so kann die Sündenvergebung nicht statt finden. Wie denn auch der Herr bei dem Propheten Jesaias bezeugt: „Ich sehe an den Elenden und der zerbrochenen Geistes ist, und der sich fürchtet (oder hinschwindet) vor meinem Wort.“ Und wiederum: „Selig sind, die arm am Geiste sind, denn ihrer ist das Königreich der Himmel.“

David läßt darauf folgen: „Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten.“

Gott verachtet also den hochfahrenden Geist, den sich auf Opfer und Werk brüstenden Geist und das in eigner Gerechtigkeit gestählte und gepanzerte Herz. Wo ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz ist, da will Gott seine Gnade verherrlichen, denn er widerstehet den Hoffärtigen. Nun ist das ein zerbrochenes und zermalmtes Herz, was sich selbst die Sünde und Schande gibt und gibt Gott die Ehre. Es ist ein Herz, was von Gott nimmt, und hat von sich selbst nichts, vermag auch nichts zu geben.

Die aber ein zerbrochenes und zermalmtes Herz haben, wissen und fühlen Solches nicht. Vielmehr ist es ihnen häufig, als wäre das Herz steinern, und sie möchten Alles geben, daß sie ein zerbrochenes hätten. Die Gnade zerbricht es aber in der Art, daß sie das Herz heil macht, so daß es immerdar zerbrochen bleibt und dennoch heil ist. Was ein zerbrochenes Herz wirkt, lesen wir von Abraham: Er konnte nicht glauben, daß Gott aus einem Verstorbenen und aus einer Unfruchtbaren ihm Samen geben könne. Gott führte ihn hinaus, und sprach: Zähle die Sterne, wenn du kannst; also wird dein Same sein. Da glaubte Abraham Gott, das ist, er schwand vor Gott hin mit seinem Unglauben: sein Herz brach und stürzte zusammen, indem er die Millionen Zahl der Sterne anschaltete; diese hatte ja Gott gemacht, und er konnte sie nicht mal zählen. Wie mächtig war Gott, und wie nichtig er! - Und dieser Gott schmetterte ihn nicht zu Boden, gab ihm aus freien Stücken, ohne Verdienst, die Verheißung, und vergab ihm, in der Verheißung, seinen harten, schweren Unglauben, rechnete ihm Kiesen Unglauben nicht zu, sondern rechnete seinem Glauben Gerechtigkeit zu. - Indem Abraham bekannte: Großer Gott, daß kann ich nicht, ich vermag nichts, aber jetzt bekenne ich es, du vermagst das Eine und das Andere; ich stecke im tiefen Unglauben und du willst mir so gnädig sein; da hatte er ein zerbrochenes Herz. Und das hat Gott nicht verachtet, wie er sonst wohl Ursache hätte, nicht allein unsere Naseweisheit und Unglauben zu verachten, sondern auch das Bekenntniß davon. Aber da sagt Gott nicht zornig: Nun, siehst du nun, daß du nichts kannst und nichts bist; sondern so spricht Gott: Weil du bekennst, daß du es nicht bist, sondern daß mein Wort Alles thut, und also zerbrochen vor mir liegest, - so spreche ich dich Gottlosen gerecht in der Gerechtigkeit, welche vor mir gilt!

O, meine Geliebten! daß wir es doch verstehen, daß Vergebung Vergebung ist, so werden wir unsere Seligkeit nicht auf Opfer oder Werk unserer Hände bauen, sondern mit zerknirschtem und zermalmtem Herzen uns an Christum halten und an seine Gerechtigkeit, und wird es unser Seufzen, Rufen und Schreien bleiben: „Herr, der du Alles vermagst, thue meine Lippen auf, daß mein Mund trotz Teufel, Tod, Sünde und Welt, es gehe wie es gehe, auskünde, daß du allein uns eine Ursache ewiger Seligkeit bist, und wir in deinem Opfer in Wahrheit vollendet sind.“

Dazu gebe der Gott aller Gnade allen Armen und Elenden seinen freimüthigen Geist!

Vers 20 und 21.

Thue wohl an Zion nach deiner Gnade, baue die Mauern zu Jerusalem.
Dann werden dir gefallen, die Opfer der Gerechtigkeit, die Brandopfer und ganzen Opfer; dann wird man Farren auf deinem Altar opfern.

So schließt David diesen Psalm, nachdem er zuvor gesagt: „Brandopfer gefallen dir nicht; die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist.“ Was bewegt sein Herz, daß er nur so schließt? Wir sehen die Frucht der Demüthigung bei ihm. Höret, was Einer bei dem Propheten Micha spricht, und was Gott antwortet: „Womit soll ich den Herrn versöhnen? Mit Bücken vor dem hohen Gott? Soll ich mit Brandopfern und jährigen Kälbern ihn versöhnen? Meinest du, der Herr habe Gefallen an viel tausend Widdern? Oder am Oel, wenn es gleich unzählige Ströme voll wären? Oder soll ich meinen ersten Sohn für meine Uebertretung geben? Oder meines Leibes Frucht für die Sünde meiner Seele? Es ist dir gesagt, Mensch was gut ist, und was der Herr von dir fordert, nämlich, Gottes Wort halten und Liebe üben und demüthig sein vor deinem Gott.“ - Seht, wie David demüthig ist vor seinem Gott, daß er Ihm die zerschlagenen Gebeine bringt, auf daß Er sie heile, und ein zerschlagenes und zerbrochenes Herz, daß Er es verbinde! Seht, wie er Gottes Wort hält und Recht und Gerechtigkeit thut, daß er die Schuld nicht auf Andere wirft, sondern sich selbst verklagt und verdammt und Gott Recht gibt und hält sich an seine Barmherzigkeit! Seht, wie er Liebe übt, indem er will, daß auch Andern die Barmherzigkeit widerfahre, welche ihm widerfahren ist! O, wie zeigt sich hier David dem barmherzigen Samariter ähnlich! Er hat hier Gottes erwähltes Volk vor seinem Geiste, das nennt er „Zion,“ das nennt er „Jerusalem.“ Lauter Arme und Elende sind's aber, Geplagte und Gequälte vom Teufel, Sünde, Tod, Roth und allerlei Mühseligkeit. Mehrere von ihnen sind unter die Hände der Mörder gefallen, und liegen für Tod darnieder; kein Priester, kein Levit bekümmert sich um sie. Mehrere von ihnen stecken in allerlei dummen Geschichten und der Teufel treibt mit ihnen sein Spiel. Andere von ihnen werden von der Welt hart geschlagen und in die Enge getrieben mit der Sünde ihres Bruders David, der die Feinde des Herrn hat lästern gemacht. Und, höret, höret meine Geliebten, was er an sich selbst hat wahrgenommen, nimmt er mit erleuchteten Augen auch an Zion, auch an Jerusalem, nimmt er an Gottes Volk wahr. - Was denn? Dasselbige, was ich zu meinem tiefsten Schmerze auch an so vielen von euch wahrnehme. Soll ich es euch nennen? Höret den Apostel: „Die Werke des Fleisches sind offenbar, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, (Unehrlichkeit, Geiz, Leichtsinn, Verschwendung), Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch habe zuvor gesagt, und sage noch zuvor, daß die Solches thun, werden das Reich Gottes nicht ererben.“ Solche Werke sind unter Gottes Volk offenbar: und Gottes Volk ist so blind, daß es solche Werke nicht an sich selbst wahrnimmt. Im Gegentheil, mit Eigenliebe und Hochmuth fügen sie Zion, fügen sie sich selbst fortwährend Schaden zu, brechen ab mit eigner Hand, was unter hartem Kampfe an ihnen gebauet war! Und was auch da sein mag, - es fehlt dieser Boden, welcher einzig bleibende Frucht trägt; es fehlt ein zerschlagenes und zerbrochenes Herz, es fehlt der zerbrochene Geist, welcher sich selbst die Sünde und Schande gibt, und gibt Gott Ehre und Herrlichkeit.

Ach, wie es unter Gottes Volk aussah und aussieht, das ist es, was von jeher alle Heiligen tief bekümmert hat, am meisten bekümmert hat, so oft sie vor Andern deß inne geworden waren und sich deß vor Gott anklagten, daß in uns, das ist, in unserm Fleische nichts Gutes wohnt. Und warum bekümmerte sie das? Warum bekümmert es auch mich so manchmal? Paulus schreibt von denen, welche die Frucht des Geistes bringen: „Wider Solche ist das Gesetz nicht.“ Was haben wir daraus zu folgern? Ist es nicht dies: daß Gottes Volk in Uebereinstimmung sein muß mit einem Gesetze Gottes? Ist es nicht dies: daß, wenn wir nicht in Uebereinstimmung sind mit dem Gesetze Gottes, uns der Zorn erwartet, weil wir nicht völlig sind in der Gnade, nicht völlig sind in der Liebe? Oder werden wir am Endgericht durchkommen, wenn unsere Werke nicht voll erfunden sind vor Gott? wenn wir das Hochzeitskleid nicht an, nicht Oel mit unsern Lampen mitgenommen haben? Man schmeichelt sich freilich mit „Ja“. Aber Gott fragt nicht nach den Worten, sondern nach der Kraft. Mit Luftsprüngen macht sich Keiner über Gottes unverbrüchliches Gesetz hinweg. Vielmehr wird allemal wenn's d'rum geht, der freimüthige Geist, der zerbrochene Geist, das wahrhaft armer-Sünder-sein fehlen vor dem Gerichte, wenn man sich was zu gute thut auf erhaltene Gnade, auf Glaubenserfahrungen und dabei doch die Lüste des Fleisches vollbracht werden. Denn der hohe und heilige Gott läßt seiner nicht spotten, sondern was der Mensch säet, das wird er ärnten. Wer in Selbstliebe, Hochmuth und Eigengerechtigkeit auf sein eigen Fleisch säet, wird von dem Fleische das Verderben ärnten, und nur wer auf den Geist säet, wird von dem Geiste das ewige Leben ärnten. Woher soll's nun kommen, daß Gottes Volk in Uebereinstimmung erfunden werde mit Gottes Gesetz, daß es das Gesetz Christi erfülle, daß es an Gnade halte, daß es Recht und Gerechtigkeit thue, Liebe übe und demüthig sei vor seinem Gott? Woher wohl, wenn nicht von der Barmherzigkeit dessen, der Zion sich erwählt aus freiem Wohlgefallen, und der Jerusalem's Mauern bauet, weil er in freier Liebe gewollt, daß sie eine Stadt sei, furchtbar dem Feinde und worin sein Lob erschalle! Und wie soll es kommen, wenn der Herr es nicht aus freiem Wohlgefallen thut? - So bittet denn unser lieber Bruder David, der Herr wolle bei seinen Auserwählten seine Gnade verherrlichen; nicht nach ihrem Verdienst, sondern nach seinem guten Willen. Das ist es, was er sagt: „Thue wohl an Zion nach deiner Gnade, baue die Mauern Jerusalems.“

O, wie war er von Gott, von dem Vater unsers Herrn Jesu Christi gesegnet mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern, durch Christum! Wie fest sahe er seine Erwählung vor der Welt Grundlegung, in Christo, zur Heiligkeit und Unsträflichkeit vor ihm in Liebe! Aber Alles hatte Gott gethan. Hatte ihn verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst, durch Jesum Christum, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lobe seiner herrlichen Gnade. Durch diese hatte er ihn angenehm gemacht in dem Geliebten. An Christo hatte er die Erlösung durch sein Blut, nämlich, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichthum seiner Gnade. O, welch eine Fülle der Gnade, welche eine Macht des freien Wohlgefallens sah er in Gott; welche Reichthümer des Lebens, des Friedens, des Ueberflusses, der Seligkeiten sah er durch Christum für sein Volk bereitet! Wie hatte sich die überschwängliche Größe der Kraft Gottes bei ihm verherrlichet, nach der Wirkung seiner Stärke, welche er gewirket in der Auferstehung Christi aus Todten, in dessen Erhöhung zu seiner Rechten! Kann er's für sich allein behalten? „Laß regnen gnädige Regen auf dein Erbtheil, das matt ist; gieße aus von dem Geiste deiner Gnade, des Gebets, der Zucht, der Liebe, des Glaubens, der Furcht deines Namens!“ Das war sein Gebet. Du hast ja dein Zion freiwillig geliebet, hast ihm Barmherzigkeit widerfahren lassen! auf, o Herr! und was du für dein Volk in deiner Gnade erworben, erschaffen, dargestettet hast von Gerechtigkeit, von Heiligkeit, von Leben, von Ueberfluß, von Frieden, von Segen, von Seligkeit, das Alles laß aufkommen bei deinem Volke, damit bekleide es trotz Teufel und Welt, trotz Fleisch und Blut, daß dein Volk in Wahrheit prange in der Herrschaft deiner Gnade! „Baue die Mauern zu Jerusalem.“ Alle die beseligenden und beglückenden Wahrheiten des ewigen Heiles, mache sie zum Leben bei deinem Volke! Alle die Tugenden und Vollkommenheiten deines Namens, die geoffenbaret werden in dem Wege deiner Seligkeit, verherrliche sie bei deinem Volke, daß es in der guten Wehre bleibe! Laß es so wandeln am Geiste, einher gehen einmüthiglich an diesem Geiste, dem Geiste der Gnade, des Glaubens und der Liebe, nach welchem man nicht sich selbst sucht, sondern deine Ehre und die Ehre deines Gesalbten, und des Nächsten Wohlstand! - Das ist sein Gebet. - Also: Herr Christe, gib deines Geistes Säfte den von Sünde und Noch schmachtenden Reben, den vom Teufel, von Eigengerechten und Seelenmördern bedrängten Reben! Und wie David von dem Herrn bittet, er möge seine Gnade bei seinem Volke in jeglicher Hinsicht verherrlichen, nach seinem Wohlgefallen über sein Volk, so erzählt er nun gleichsam dem Herrn, was der Herr selbst davon haben und woran er alsdann sein Gefallen haben wird:

„Dann werden dir gefallen die Opfer (Schlachtopfer) der Gerechtigkeit, Brandopfer und Ganzopfer; dann wird man Farren auf deinem Altar opfern.“

Das ist auf gut Deutsch gesagt: Wenn du es gibst, daß dein Volk am Geiste wandelt, und wenn du die ewigen Heilswahrheiten bei ihnen Kraft und Leben sein lässest: so wird man die Lüste des Fleisches nicht vollbringen, sondern dich loben mit Leib und Seele, in allem seinem Wandel, auch trotz Leiden und Trübsalen beharren bei deiner Gnade, bis du wirst kommen, um dein Volk völlig zu erlösen von allem Bösen!

Etliche legen den Spruch so aus: „Laß deinen Messiam kommen, so wird er dir Opfer bringen, welche dir anders gefallen werden, als die jetzigen Opfer, welche wir bringen.“ Ich kann denen nicht beistimmen die den Spruch so auslegen. Denn, wäre David nicht in Christo erfunden gewesen, und hätte er das Heil Christi nicht in all seiner Fülle im Geiste Christi für sich geschaut, so hätte er diesen Psalm nicht beten können. Ohne Christum würde er es wohl haben bleiben lassen, zu schreien: „Sei mir gnädig, o Gott!“ Ohne Christum weiß kein Mensch Etwas von Gottes grundloser Barmherzigkeit; und wird auch Niemand, ohne daß er auf Christi Opfer sieht, es auszusprechen wagen: „Opfer gefallen dir nicht.“ Und ohne auf Christi Leiden und Genugthuung zu sehen, kann Keiner einen zerbrochenen Geist haben; wohl aber einen Geist voller Stolz, der mit eignes Werken und Opfern sich auflehnt wider Gottes Zorn und Gerechtigkeit. - Wo aber Gott seinen heiligen Geist gibt, den Geist Christi, da hat er seine Lust an der Frucht dieses Geistes, welche in seinem Heilsgarten herrlich gedeiht. Das sind 'alsdann die Opfer der Gerechtigkeit, das ist alsdann das Brandopfer und Ganzopfer, was der Apostel Paulus deutlich genug bezeichnet: „Die Frucht des Geistes,“ schreibt er, „ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit. Wider Solche ist das Gesetz nicht.“ Und wiederum: „Das Ende des Gebots ist: Liebe von reinem Herzen und von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben.“ Und wiederum: „So nun der Geist deß, der Jesum von Todten auferwecket hat, in euch wohnet, so wird auch derselbige, der Christum von Tode auferwecket hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen, um deßwillen, daß sein Geist in euch wohnet.“ Traun, wo nicht am Geiste gewandelt wird, da mag es allerlei Schlachtopfer geben, es sind aber keine Opfer woran Gott Gefallen hat, denn es sind Opfer der Eigengerechtigkeit, der Selbstliebe, und nicht der Gerechtigkeit. Da mag man bisweilen allerlei hinschlachten, es geschieht aber Solches bloß, um der Gewissenspein entledigt zu werden. Man gibt da Schlachtopfer um selig zu werden. Wo aber Gott und der Nächste bleibt, darnach fragt man nicht wie man soll. Von derartigen Opfern bezeugt aber der Herr Jesus selbst: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer.“ Und: „Ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit,“ das ist, euer Wandel vor Gott, „besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Und der Apostel Paulus: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“ Und so bezeugt er von den Brandopfern und Ganzopfern, welche ohne heiligen Geist geopfert werden: „Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.“

Hingegen, wo der Herr an Zion wohl thut nach seiner Gnade und die Mauern Jerusalem's bauet, das ist: wo er nach seinem Wohlgefallen über sein Volk seinen heiligen Geist gibt, den Geist der Heiligung, da wird am Geiste gewandelt. Und wird am Geiste gewandelt, alsbald ist auch des Geistes Frucht da, daß man Gotte Opfer der Gerechtigkeit bringt, das ist: daß der ganze innere und äußere Wandel gerichtet wird nach der Richtschnur der zehn Worte des Gesetzes Gottes. Denn es ist die Liebe da, welche nicht Muthwillen treibet, sich nicht blähet, nicht das Ihre sucht, nicht nach Schaden trachtet, Alles vertraget, Alles glaubet, Alles hoffet, Alles duldet, und man ist durch heiligen Geist, in Christo Jesu, mit seinen Werken des nächsten Knecht, Versorger und Erretter. Denn es sind alle guten Werke von selbst da, daß es eine Lust ist vor Gottes Augen; daß man darin Christi Gebote hält; daß man Liebe hat unter einander, und gibt sich selbst, so wie man ist, leibt und lebt, mit zerbrochenem Geiste, seinem Gotte in Hoffnung der Gerechtigkeit und in Beharrung bei dem Gebote des Lebens bis an's Ende. Das sind die „Schlachtopfer der Gerechtigkeit“ und die „Brandopfer:“ daß man seine eigne liebe Lust d'rangibt und das eigene Suchen, und ist nur auf die Ehre des Namens Gottes aus. Das sind die „Ganzopfer:“ daß man sich Gotte und Christo gibt, als ein in Christo neues Geschöpf, in Ganzheit der Wahrheit. Und das sind die „Farren,“ welche alsdann nicht mehr auf unsern eignen Altar, sondern auf des Herrn Altar kommen: daß man Vater und Mutter, Weib und Kind, Haus und Hof, eigne Ehre und Ruhe und alles Durchkommen durch diese Welt nicht lieber hat als den Herrn, sondern solches Alles um seines Namens und um der Gerechtigkeit willen, wenn es denn nicht anders geht, freudig fahren läßt, und leidet und duldet als ein Christ der Welt Hohn, Schmach und Verfolgung; sich auch nicht durch Teufel, Tod, Roth und Trübsal, oder durch sein eignes Verderben den Glauben rauben läßt, vielmehr dem Lamme folgt, wo es auch hingeht, durch Besäetes und Unbesäetes, und hält sich in seinem Elende an Christi Gnade, in seiner Sünde an Christi Kreuz, in seiner Ohnmacht an Christi Auferstehung, in allem Leiden, Noth und Trübsal an Christi Herrlichkeit, welche bevorsteht, geoffenbaret zu werden.

Sehet, das Alles ist da, wo am Geiste gewandelt wird. Es ist da, nicht aus uns, auch nicht durch uns, - sondern da wirket das Alles der Heilige Geist, welchen der Vater Christo verheißen und welchen Christus seiner Gemeine erworben hat. Dieser Geist theilt einem Jeglichen das Seine zu, nach dem Er will; so daß Christus geheiliget wird in unsern Herzen und in unserm Wandel, und der Name Gottes gelobet, wie Paulus schreibt: „So lasset uns nun opfern durch Ihn das Lobopfer Gotte allezeit, das ist, die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“

Wer den Namen Christi nennt, habe abgestanden von aller Ungerechtigkeit, von aller Lüge in der rechten Hand. Wer den Herrn Jesum will, der habe auch den Geist der Heiligung gewollt: denn wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Es sei unser Gebet: „Vergib uns unsre Sünden und thue uns wohl, so werden wir opfern die Farren unsrer Lippen!“ Und wer ein armer, begnadeter Sünder ist, werde nicht laß, mit David zu schreien: „Thue wohl an Zion nach deiner Gnade!“ Sollte er auch eine Weile dafür von Gottes Volk selbst verkannt werden, - wer sich für dieses Volk in den Riß und in die Tiefe wirft, wird am Ende seinem Herrn ein glücklicher Menschenfischer, und sieht auch, als Erhörung seines Gebets, als Lohn seines Kampfes für die Gerechtigkeit, das Glück Jerusalem's sein Leben lang. Amen.

autoren/k/kohlbruegge/psalm_51.txt · Zuletzt geändert: von aj