Kierkegaard, Sören Aabye - Welchem aber wenig vergeben wird, der liebet wenig

Ev. Luc. VII, 47

Gebet

Herr Jesus Christus! Du, der Du gewiß nicht auf die Welt kamst, um zu richten, Du warst doch dadurch, daß Du die Liebe warst, die nicht geliebt ward, das Gericht über die Welt. Wir nennen uns Christen, wir sagen, daß wir niemand wissen, zu dem wir gehen könnten, außer zu Dir - ach, zu wem sollen wir dann hingehen, wenn es, just durch Deine Liebe, auch für uns zum Gericht wird, daß wir wenig lieben? Zu wem, o Trostlosigkeit, wenn doch nicht zu Dir; zu wem, o Verzweiflung, wenn Du nicht doch erbarmend Dich unser annehmen wolltest, uns vergebend unsere große Sünde gegen Dich und gegen die Liebe, uns, die wir viel sündigten dadurch, daß wir wenig lieben!

Text

Am Altare lautet ja die Einladung: „Kommet her alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.“ Der Einzelne folgt so der Einladung; er geht hinauf zum Altar. Darauf kehrt er zurück, den Altar verlassend - nun ist da ein anderes Wort, das die Inschrift sein könnte innen über der Türe der Kirche, nicht zu lesen von denen, die in die Kirche gehen, sondern nur zu lesen von denen, die aus der Kirche gehen, dieses Wort: Welchem wenig vergeben wird, der liebet wenig. Das erste Wort ist die Einladung des Altars, das andere ist die Rechtfertigung des Altars, wie wenn da gesagt würde: Wenn du am Altar nicht deiner Sünden, jeder deiner Sünde Vergebung vernahmst, so liegt es an dir selbst, der Altar ist ohne Schuld, die Schuld dein, weil du nur wenig liebst. Oh, wie ist es eine schwere Sache, im rechten Beten zum Amen kommen zu können - denn dem, der niemals gebetet hat, ihm scheint das leicht genug zu sein, leicht genüge rasch fertig zu werden; aber dem, der den Drang fühlte zu beten, und anfing zu beten, geschieht es wohl, daß es ihm beständig ist, als hätte er noch etwas mehr auf dem Herzen, als könnte er weder alles gesagt bekommen, noch dieses alles so gesagt bekommen, wie er es sagen möchte, und so kommt er nicht zum Amen - so ist es auch eine schwere Sache, am Altare die Vergebung der Sünden recht zu empfangen. Es wird dir zugesagt aller deiner Sünden gnadenvolle Vergebung. Höre es recht, nimm es ganz buchstäblich, aller deiner Sünden Vergebung: du sollst vom Altar weggehen können, so, göttlich verstanden, leicht ums Herz, wie ein neugeborenes Kind, auf dem nichts, nichts lastet, also noch leichter ums Herz, insofern vieles gelastet hat auf deinem Herzen; da ist am Altare keiner, der auch nur die geringste deiner Sünden zurückbehält, keiner - wenn nicht du selber es tust. So wirf sie denn alle von dir; und die Erinnerung an sie, - daß du in ihr sie nicht behaltest, und die Erinnerung daran, daß du sie von dir geworfen hast - daß du nicht in ihr sie bei dir behaltest; wirf das alles von dir, du hast gar nichts zu tun, außer glaubend von dir zu werfen; und von dir zu werfen, was ja lastet und beschwert. Was kann leichter sein?! Sonst ist es das Schwere, Bürden auf sich nehmen zu sollen; aber sie abwerfen zu dürfen, zu sollen! Und doch wie schwierig! Ja, noch seltener als einer, der alle Bürden auf sich nahm, noch seltener ist einer, der die anscheinend so leichte Aufgabe vollbrachte, nachdem er die Versicherung von seiner Sünden gnadenvollen Vergebung empfangen hatte und das Pfand darauf, ganz sich erleichtert zu fühlen von jeder - auch der geringsten Sünde, oder von jeder - auch der größten Sünde! Wenn du in die Herzen sehen könntest, du würdest gewiß sehen, wie mancher, beschwert, seufzend unter der schweren Bürde hinaufgeht zum Altar; und wenn man dann zurückgeht von ihm, so du in die Herzen sehen könntest, du würdest vielleicht sehen, daß da doch im Grunde nicht ein Einziger war, der ganz erleichtert wegging, und du würdest vielleicht zuweilen sehen, daß da der war, welcher noch mehr beschwert ging, beschwert durch den Gedanken daran, daß er wohl kein würdiger Gast gewesen sei am Altar, sintemal er keine Linderung fand.

Daß dieses so ist, wollen wir voreinander nicht verheimlichen, wir wollen nicht so reden, daß die Rede in Unwissenheit läßt, wie es in der Wirklichkeit zugeht, und alles so darstellt, daß es auf uns wirkliche Menschen überhaupt nicht paßt. Oh nein, wozu sollte dann die Rede helfen! Hingegen, wenn die Rede uns so unvollkommen macht, wie wir sind, dann hilft sie uns, daß wir bewahrt werden in einem steten Streben, weder in Träumen berauscht uns einbilden, daß alles entschieden sei mit diesem einen Mal, noch in stillem Mißmut verzagen, weil es dieses Mal uns nicht nach Wunsch glückte, nicht geschah, wie wir gebetet und begehrt hatten.

Lasset uns denn in dem vorgeschriebenen kurzen Augenblick dieses Wort bedenken: Welchem aber wenig vergeben wird, der liebet wenig, ein Wort des Gerichts aber auch ein Wort des Trostes.

Und du, mein Zuhörer, laß es dich nicht verstören, daß ich also rede von diesem Augenblick, ehe du hinaufgehst zum Altar, vermeinend vielleicht und verlangend, daß der, der in diesem Augenblick reden soll, auf andere Weise reden, alles anwenden müßte, um den Einzelnen zu beruhigen und ihn sicher zu machen; wenn er dann darnach erführe, daß die heilige Handlung doch nicht völlig zu Freude und Segen geworden war für einen Einzelnen, da könnte er ja zu diesem auf andere Weise reden. Oh, mein Freund, teils ist es wahrlich nicht so, daß es nur ein Einzelner ist, dem das Vollkommene nicht glückt, nein, es ist nur ein Einzelner, dem das Vollkommene glückt; teils ist da eine Bekümmerung, eine innere Bekümmerung, die vielleicht eine bessere Unterstützung ist, damit das Höchste einem Menschen glücken möge, eine bessere als die allzu große Zuversicht und die allzu sorglose Freimütigkeit. Es gibt eine Sehnsucht nach Gott, eine Zuversicht auf Gott, eine Vertröstung, ein Hoffen auf Gott, eine Liebe, eine Freimütigkeit: aber was am sichersten Ihn findet, ist doch vielleicht die Sorge um Gott; die Sorge um Gott - sie ist keine flüchtige Stimmung, die stracks verschwindet, indem man Gott sich nähert, im Gegenteil, sie ist vielleicht am tiefsten, just wenn sie Gott am nächsten kommt, wie dem also Sorgenden am meisten bange ist vor ihm selbst, je näher er Gott kommt.

Welchem wenig vergeben wird, der liebet wenig. Es ist ein Wort des Gerichts.

Im allgemeinen wird es wohl so dargestellt: Die Gerechtigkeit, sie ist das strenge Gericht: die Liebe ist die Milde, die nicht richtet, und richtet sie, so ist der Liebe Gericht das milde Gericht. Nein, nein, der Liebe Gericht ist das strengste Gericht. War nicht das strengste Gericht, das über die Welt ergangen ist, strenger als die Sintflut, strenger als Babels Verwirrung, als Sodoms und Gomorras Untergang, war es nicht Christi unschuldiger Tod, der doch das Opfer der Liebe war? Und was war das Gericht? Doch wohl dies: „Die Liebe“ wurde nicht geliebt. So auch hier. Das Wort des Gerichts lautet nicht: Welchem wenig vergeben wird, der sündigte viel, so daß also seine Sünden zu groß waren und zu viele, als daß sie vergeben werden können, nein, das Gericht lautet: Er liebt wenig. Es ist also nicht die Gerechtigkeit, die strenge der Sünden Vergebung und Erlassung verweigert; es ist die Liebe, die mild und erbarmend sagt: Ich vergebe dir alles - wird dir nur wenig erlassen, so ist es, weil du nur wenig liebst. Die Gerechtigkeit setzt streng die Grenze und sagt: Nicht weiter, nun ist das Maß voll, für dich gibt es keine Vergebung; aber dabei bleibt es auch. Die Liebe sagt: Alles ist dir vergeben - wird dir nur wenig erlassen, so ist es, weil du nur wenig liebst; so daß also eine neue Sünde dazu kommt, eine neue Schuld, die: zu verschulden, daß nur wenig vergeben wird, dies zu verschulden nicht durch die begangenen Sünden, sondern durch den Mangel an Liebe. Willst du das Fürchten lernen, so lerne zu fürchten nicht die Strenge der Gerechtigkeit, sondern der Liebe Milde! - die Gerechtigkeit sieht richtend auf einen Menschen, und der Sünder kann ihren Blick nicht aushalten; aber die Liebe, wenn sie auf ihn sieht, ja wenn er auch ihrem Blick sich entzieht, das Auge niederschlägt, er verspürt es trotzdem, daß sie auf ihn sieht; denn die Liebe dringt weit inniger aufs Leben, ein durchs Leben, ein dort, von wo das Leben ausgeht, als die Gerechtigkeit, die abstoßend den klaffenden Abgrund befestigt zwischen dem Sünder und ihr, während die Liebe ja auf seiner Seite steht, nicht anklagt, nicht richtet, nein, vergibt und erläßt. Der Gerechtigkeit richtende Stimme kann der Sünder nicht aushalten, er sucht, wenn möglich, sein Ohr vor ihr zu verschließen; aber wenn er auch wollte, es ist ihm unmöglich, die Liebe nicht zu hören; ihr Gericht, o furchtbares Gericht, ist: Deine Sünden sind dir vergeben! Schreckliches Gericht, dessen Worte doch an und für sich nichts weniger sind, als erschreckend; und just darum kann es der Sünder nicht lassen, zu hören, was doch das Gericht ist. Wohin soll ich fliehen vor der Gerechtigkeit, nehme ich Flügel der Morgenröte und fliege zum äußersten Meer, so ist sie da, und verstecke ich mich im Abgrund, so ist sie da, und so an jedem Ort, doch nein, da ist ein Ort, wo ich hinfliehen kann: zur Liebe; aber wenn die Liebe dich richtet, und das Gericht ist - o Entsetzen! - das Gericht ist: Deine Sünden sind dir vergeben! Deine Sünden sind dir vergeben - und doch ist da etwas (ja dieses Etwas ist in dir, wo in aller Welt sollte es sonst seinen Zufluchtsort finden, wenn die Liebe alles vergibt!), da ist etwas in dir, das macht, daß du empfindest, daß sie dir nicht vergeben sind. Was ist so des strengsten Gerichtes Entsetzen gegen dieses Entsetzen! Was ist so der Welt strenges Urteil, die Verwünschung, gegen dieses Gericht: Deine Sünden sind dir vergeben! So ist ja fast die Gerechtigkeit Milde, die da spricht, wie du sprichst: Nein, sie sind dir nicht vergeben! Was ist des „Brudermörders“ Leiden, wenn er flüchtig und unstet fürchtet, daß jeder ihn erkennen soll am Mal der Gerechtigkeit, die ihn richtete - was ist dieses Leiden gegen des Unglückseligen Qual, dem es zum Gericht wurde, nicht zur Erlösung: Deine Sünden sind dir vergeben! Schreckliche Strenge! Daß die Liebe, daß es die Liebe ist, die vergebende Liebe, die, nicht richtend, nein, ach selbst darunter leidend, doch sich verwandelt zum Gericht; daß die Liebe, die vergebende Liebe, die nicht, wie die Gerechtigkeit, die Schuld offenbar machen will, im Gegenteil sie decken will durch Vergebung und Erlassung, daß doch sie es ist, die, ach selber darunter leidend, die Schuld furchtbarer offenbar macht, als die Gerechtigkeit! - denke diesen Gedanken: das Selbstverschuldete. Es ist selbstverschuldet, sagt die Gerechtigkeit, daß es für den Menschen keine Vergebung gibt; sie denkt dabei an seine vielen Sünden, denn die Gerechtigkeit kann nichts vergessen. Die Liebe sagt: Es ist selbstverschuldet - sie denkt dabei nicht an seine vielen Sünden, o nein, sie ist willig, sie alle zu vergessen, sie hat sie alle vergessen; und doch, es ist selbstverschuldet, sagt die Liebe. Was ist das Furchtbarste? Doch wohl das letzte, das ja fast klingt wie sinnlose Rede; denn die Anklage sind nicht seine Sünden, nein, die Anklage ist: Sie sind ihm vergeben, sie sind ihm alle vergeben. Denke einen Sünder, der in den Abgrund sinkt, höre diesen Angstschrei, wenn er im letzten Seufzer der Gerechtigkeit, deren sein Leben spottete, Recht widerfahren läßt und sagt: Es ist selbstverschuldet. Furchtbar! Es gibt nur ein noch Furchtbareres, wenn es nicht die Gerechtigkeit ist, zu der er spricht, sondern die Liebe, und sagt: Es ist selbstverschuldet. Läßt die Gerechtigkeit ihrer nicht spotten, wahrlich noch minder die Liebe. Strenger als der Gerechtigkeit strengstes Gericht über den größten Sünder ist der Liebe: Ihm wird wenig vergeben, - weil er wenig liebt. Welchem wenig vergeben wird, der liebet wenig. Das ist ein Wort des Gerichts, aber auch ein Wort des Trostes.

Es ist aber auch ein Wort des Trostes.

Nicht weiß ich, mein Zuhörer, was du verbrachst, was deine Schuld, deine Sünden sind; aber dieser Schuld werden wir doch ja alle, mehr oder weniger, schuldig: nur wenig zu lieben. So tröste dich durch das Wort, wie ich mich durch es tröste. Ich tröste mich dadurch, daß das Wort ja nichts aussagt über die göttliche Liebe, sondern nur etwas über meine: Das Wort sagt nicht, daß die göttliche Liebe nun müde geworden sei, Liebe zu sein, daß sie nun sich verändert habe, müde, ihr unbeschreiblichem Erbarmen gleichsam sich zu verschwenden für der Menschen undankbares Geschlecht, oder für mich Undankbaren, daß sie nun etwas anderes geworden sei, eine geringere Liebe, ihre Wärme abgekühlt, weil die Liebe kalt ward in der Menschen undankbarem Geschlecht oder in mir Undankbarem. Nein, davon redet das Wort gar nichts. Und tröste dich, wie ich mich tröste - wodurch? Dadurch, daß der Grund, warum das Wort dies nicht sagt, der ist, daß das heilige Wort nicht lügt, so daß es ja nicht zufällig oder grausam in dem Wort verschwiegen worden ist, während es doch in Wirklichkeit so ist, daß Gottes Liebe müde geworden ist, zu lieben. Nein, wenn das Wort es nicht sagt, so ist es auch nicht so; und wenn das Wort es sagte - nein, das Wort konnte es nicht sagen, denn das Wort kann nicht lügen. Oh, in tiefster Sorge seligster Trost! Wenn Gottes Liebe in Wahrheit sich verändert hätte; wenn du nichts davon gehört hättest, sondern bekümmert über dich selbst, daß du bisher nur wenig geliebt habest, mit frommem Vorsatz gestrebt hättest, in dir die Liebe zum Flammen zu bringen, und durch dasselbe, durch das du sie zum Flammen brachtest, die Flamme genährt hättest - und nun, wenn auch beschämt im Gefühle dessen, wie unvollkommen doch deine Liebe sei, nun Gott dich nähern wolltest, um, nach dem Worte der Schrift, dich zu versöhnen mit Ihm: aber Er hatte sich verändert! Denke dir ein liebendes Mädchen; bekümmert gesteht sie sich selber, wie wenig doch sie bisher geliebt habe - nun, so will ich denn aber auch, sagt sie zu sich selber, lauter Liebe werden.

Und das glückt ihr; diese Tränen der Bekümmerung, die sie vergießt in Sorge über sich selber, diese Tränen - sie löschen nicht das Feuer, nein, dazu sind sie zu brennend, o nein, just diese Tränen bringen das Feuer zum Flammen: aber inzwischen hatte der Geliebte sich verändert, er war nicht mehr der Liebende. Oh, einziger Kummer für einen Menschen! Oh, für einen Menschen kann ein einziger Kummer genug sein, mehr kann kein Mensch tragen; sollte ein Mensch, indem er in Selbstbekümmerung sich selbst gestehen müßte, wie wenig er doch bisher Gott geliebt habe, geängstigt werden von dem Gedanken, ob Gott nun nicht inzwischen sich verändert haben könnte: so, ja, so will ich verzweifeln, und ich will stracks verzweifeln, denn so ist da nichts mehr, worauf zu warten, weder in Zeit noch in Ewigkeit. Aber darum tröste ich mich durch das Wort; und ich versperre mir jede Ausflucht, und ich schaffe alle Entschuldigungen beiseite und alle Beschönigungen, und entblöße die Brust, wo ich verwundet werden soll von dem Wort, das richtend eindringt, richtend: „Du liebtest nur wenig.“ Oh dringe nur tiefer ein, noch tiefer, du heilender Schmerz: „Du liebtest gar nicht“ - selbst wenn das Gericht so lautet, ich fühle in gewissem Sinn keinen Schmerz, ich fühle eine unbeschreibliche Seligkeit; denn just mein Gericht, das Todesgericht über mich und meine erbärmliche Liebe, es enthält zugleich ein anderes: Gott ist unverändert die Liebe.

So tröste ich mich. Und ich finde einen Trost verborgen im Worte, den wohl auch du findest, mein Zuhörer, wenn du nur das Wort so hörest, daß es dich verwundet. Denn da steht nicht: Welchem wenig vergeben wird, der „liebte“ wenig, nein, da steht: der „liebet“ wenig. Oh, wenn die Gerechtigkeit richtet, sie führt die Rechnung, schließt sie ab, sie gebraucht die vergangene Zeit, sie sagt: Er liebte wenig, und sagt damit, daß nun die Sache für immer entschieden ist, wir beide sind geschieden, haben nichts mehr miteinander zu schaffen. Das Wort, das Wort der Liebe dagegen lautet: Welchem wenig vergeben wird, der liebet wenig. Er liebt wenig, er liebt, das will sagen: so ist es jetzt, jetzt in diesem Augenblick - mehr sagt die Liebe nicht; unendliche Liebe, daß du so dir selber treu bleibst noch in deiner geringsten Äußerung! Er liebt wenig jetzt, in diesem Nu. Und was ist das Nu, und was ist der Augenblick - rasch, rasch ist er vorbei; und jetzt, im nächsten Augenblick, jetzt ist alles anders, jetzt liebt er, wenn nicht viel, er strebt doch, viel zu lieben; jetzt ist alles anders, nur nicht „die Liebe“, sie ist unverändert, unverändert dieselbe, die liebend auf ihn gewartet hat, liebend es nicht übers Herz gebracht hat, es aus sein zu lassen mit ihm, nicht übers Herz gebracht hat, die Trennung von ihm zu suchen, sondern bei ihm geblieben ist, und nun ist es nicht die Gerechtigkeit, die abschließend sagt: Er liebte wenig, nun ist es die Liebe, die froh im Himmel sagt: Er liebte wenig, das ist: jetzt ist es anders, das war einmal, jetzt, jetzt liebt er viel. Aber ist es denn nicht doch im Grunde so, daß die Vergebung der Sünden verdient wird, wohl nicht durch Werke, aber durch Liebe; wenn gesagt wird, daß welchem wenig vergeben wird, der liebt wenig, liegt darin nicht, daß es die Liebe ist, die den Ausschlag gibt, ob Eines Sünden, und wie weit Eines Sünden vergeben werden sollen - und so wird die Vergebung der Sünden ja verdient? Oh nein. Im selben Evangelium etwas früher (Vers 42 Schluß) redet Christus von zwei Schuldnern, von denen der eine viel, der andere wenig schuldig war, und die beide Vergebung fanden - er fragt: Welcher von diesen beiden wird am meisten lieben? Und die Antwort ist: Der, dem viel geschenkt wurde. Achte nun darauf, wie wir doch nicht in des Verdienstlichen unselige Gegend kommen, sondern wie alles innerhalb der Liebe bleibt! Wenn du viel liebst, wird dir viel vergeben - und wenn dir viel vergeben wird, liebst du viel. Siehe, hier das selige, das erlösende Zurückkehren in die Liebe! Erst liebst du viel, und viel wird dir so vergeben - oh, und siehe, so faßt die Liebe noch stärker an, dieses, daß viel so dir vergeben ward, dieses liebt noch einmal die Liebe hervor, und du liebst viel, weil viel dir vergeben wurde! Es ist mit der Liebe hier, wie mit dem Glauben. Denke dir einen jener Unglücklichen, die Christus durch ein Wunder heilte.

Um geheilt werden zu sollen, muß er glauben - nun glaubt er und wird geheilt. Nun ist er geheilt, - und nun wird der Glaube noch einmal so stark, nun da er gerettet ist. Es ist nicht also: Er glaubte, und so geschah das Wunder, und so war es vorbei; nein, die Erfüllung steigert ihm noch einmal den Glauben, nach der Erfüllung ist sein Glaube noch einmal so stark, wie da er glaubte, ehe er gerettet wurde. Und so mit der Liebe. Stark ist die Liebe, göttlich stark in der Schwachheit, die Liebe, die viel liebt, und welcher also viel vergeben wird; aber noch stärker ist die Liebe zum andern Mal, wenn dieselbe Liebe zum andern Mal liebt, liebt, weil viel vergeben wurde.

Mein Zuhörer! Du erinnerst dich wohl des Anfangs dieser Rede. Man kann in dem feierlichen Augenblick auf zweierlei Weise verwirren: dadurch, daß man von etwas redet, das nicht hergehört, selbst wenn es im übrigen sowohl wichtig, wie die Rede bedeutungsvoll ist; oder dadurch, daß man verwirrend von dem redet, was in einem solchen Augenblick einem das nächste ist. „Welchem wenig vergeben wird, der liebet wenig“ - das könnte verwirrend scheinen just in diesem Augenblick, ehe du hinaufgehst zum Altar, wo du ja aller deiner Sünden Vergebung empfängst. Oh, aber wie das Erbauende in seinem Beginn allzeit das Erschreckende ist, und wie alle wahre Liebe zu ihrem Beginn allzeit Unruhe ist, und wie Liebe zu Gott in ihrem Beginn allzeit Sorge ist: so ist, was das Verwirrende scheint, nicht allzeit das Verwirrende; das in Wahrheit Ruhe bringende ist allzeit in seinem Beginn das Unruhschaffende. Aber ist da ein Vergleich zwischen diesen beiden Gefahren: der, in trügerischer Sicherheit beruhigt zu sein, und der, unruhig zu werden dadurch, daß man an das Beunruhigende erinnert wird - nun an welches denn? an dieses Beunruhigende: daß auch das vergeben werden kann, wenn man bisher nur wenig liebte. Es ist seltsam mit dem Beunruhigenden; der, welcher durch es richtig gebildet wurde, er, das ist wahr, sieht nicht so stark aus, wie der, der unwissend darum blieb. Aber im letzten Augenblick, da ist er, just durch die Ohnmacht, doch vielleicht der Stärkste, im letzten Augenblick glückt ihm, just durch die Ohnmacht, vielleicht, was da dem Stärksten nicht glückte.

So segne denn Gott diese Unruh schaffende Rede, daß sie nur zum Guten dir Unruhe geschaffen haben möchte, daß du am Altare beruhigt fühlen möchtest, daß du empfängst aller deiner Sünden gnadenvolle Vergebung.

autoren/k/kierkegaard/welchem_aber_wenig_vergeben_wird_der_liebet_wenig.txt · Zuletzt geändert: von aj