Hubmaier, Balthasar - Summe eines ganzen christlichen Lebens

Durch Balthasar Friedberger, Predikant jetzt zu Waldshut, geschrieben an die drei Kirchen Regensburg, lngolstadt und Friedberg, seinen lieben Herren, Brüdern und Schwestern in Gott dem Herrn.

Besonders ein Bericht über die Kindertaufe und das Nachtmahl (1525)

Gnade und Friede in Jesus Christus, unserm einzigen Heiland.

Ehrsame, fürsorgende und günstige Herrn! Mein untertäniger, fleißiger Dienst voraus!

Liebe Herrn und Brüder! Ich bekenne aufrichtig, daß ich gegen den Himmel und gegen Gott gesündigt habe, nicht allein mit meinem sündigen Leben, das ich in aller Hoffart, Hurerei und weltlicher Üppigkeit bei Euch entgegen der Lehre Christi geführt habe, sondern auch mit falscher, unbegründeter und gottloser Lehre, in der ich Euch unterwiesen, gespeist und geweidet habe außerhalb des Wortes Gottes, vor allem, wie ich mich wohl noch erinnere, daß ich viel unnützen Tand von der Kindertaufe, Vigilien, Jahrtagen, Fegefeuer, Messen, Götzen, Glocken, Läuten, Orgeln, Pfeifen, Ablaß, Prozessionen, Bruderschaften, von Opfern, Singen und Brummen gesagt habe. Jedoch darf ich mich mit Paulus wahrhaftig rühmen, daß ich es unwissend getan habe. Die rote Hure von Babylon mit ihren Schullehren, Gesetzen und ihrem Fabelwerk hat mich betrogen. Aber ich habe Gott gebeten; der hat mir alles verziehen. Deshalb, liebe Herrn und Brüder, seid gewarnt und ermahnt, daß Ihr fortan selbst die Propheten und Predikanten erprobt und erforscht, ob sie Euch mit Gottes Lehre vorangehen oder nicht. Ergründet die Schriften. Die werden von Christus und von einem christlichen Leben Zeugnis geben. Tut wie die Thessalonicher (Apg. 17,11), so könnt Ihr nicht fehlgehen oder verführt werden. Und wenn auch Euer Pfarrherr und Eure Predikanten sich erbieten, ihre Seelen für Euch zu versetzen, ist es doch nicht genug, noch ist Euch dadurch geholfen. Denn Christus spricht: „Wo ein Blinder den andern führt, fallen sie beide in eine Grube“ (Matth. 15, 14). Es wäre ein geringes, wenn ein Pfarrer allein fiele. Es werden nach dem Sinn des Wortes Christi auch die Schäflein mitfallen.

In Summa

Zum ersten. Wie Christus ein christliches Leben lehrt, sagt er: „Ändert oder bessert euer Leben und glaubt dem Evangelium“ (Mark. 1,15). Zur Änderung des Lebens gehört aber, daß wir in uns selber gehen und uns unsers Tuns und Lassens erinnern. Dabei finden wir, daß wir tun, was wider Gott ist, und lassen, was er uns befohlen hat. Ja, wir finden keine Gesundheit in uns, sondern Gift, Verwundung und alle Unreinigkeit, die uns von Anfang an anhaftet und in der wir empfangen und geboren sind. So beklagen sich Hiob, David, Jeremias, Johannes und andere gottselige Menschen. Darüber hinaus aber findet der Mensch in sich auch weder Hilfe, Trost noch Arznei, mit der er sich selbst helfen könnte. Darum muß er an sich selbst verzweifeln und verzagen, wie ein Mensch, der unter die Räuber gefallen war. So ein elendes Ding ist es um einen Menschen, der sich selbst bedenkt und erkennt.

Zum andern. Deshalb muß der Samariter kommen, das ist Christus. Der bringt mit sich Arznei, nämlich Wein und Öl, und gießt sie dem Sünder in die Wunden. Wein: Er gibt dem Menschen eine Reue, daß ihm seine Sünden leid sind. Und Öl, mit welchem er den Schmerz vertreibt und mildert, und spricht: „Glaubt dem Evangelium, das klar verkündet, daß ich der Arzt bin, der in diese Welt gekommen ist, den Sünder gerecht und fromm zu machen. Das Evangelium lehrt auch, daß ich bin der einzige Erbarmer, Versöhner, Fürbitter, Mittler und Friedemacher gegenüber Gott, unserm Vater. Wer an mich glaubt, der wird nicht verdammt, sondern hat das ewige Leben.“ Durch solche Trostworte wird der Sünder wiederum erquickt, kommt zu sich selbst, wird fröhlich und ergibt sich fortan dem Arzt, so daß er ihm all seine Krankheit anempfiehlt, anheimgibt, vertraut. Er will sich auch, so weit das einem Verwundeten möglich ist, in seinen Willen ergeben und ruft ihn an um Gesundmachung, damit, was der Verwundete aus eigenem Vermögen nicht vermag, der Arzt es ihm rate, helfe und fördere, damit er seinem Wort und Befehl folgen kann. Alle Lehren aber, welche die Krankheit aufdecken oder auf den Arzt hinweisen, sind, ehe sie geglaubt werden, ein Buchstabe und töten. Aber im Glauben macht sie der Geist Gottes lebendig, daß sie anfangen zu leben, zu grünen und Früchte zu bringen. So wird das Wasser im Glauben zu Wein auf der Hochzeit, und muß man zuerst den rauben Rock von Johannes anziehen, ehe man das weiche, linde und sanftmütige Lämmlein Jesus Christus bekommen kann. Und jetzt begibt sich der Mensch inwendig im Herzen und Vorsatz in ein neues Leben nach der Regel und Lehre Christi des Arztes, der ihn gesund gemacht hat und von dem er das Leben hat. So bekennt Paulus öffentlich (Gal. 2, 20), daß nicht er lebe, sondern Christus lebe in ihm. Derselbe sei in ihm das Leben, und außerhalb Christi bekennt er sich und seine Werke als eitel, nichtig und als einen unseligen Sünder.

Zum dritten. Nachdem sich der Mensch nun inwendig und im Glauben in ein neues Leben ergeben hat, bezeugt er das auch äußerlich, öffentlich vor der christlichen Kirche, in deren Gemeinschaft er sich verzeichnen und einschreiben läßt nach der Ordnung und Einsetzung Christi. Er gibt deshalb der christlichen Kirche, d. h. allen Schwestern und Brüdern, die im Glauben an Christus leben, zu erkennen, daß er dermaßen im Wort Christi inwendig unterrichtet und gesinnet sei, daß er sich schon ergeben habe, fortan nach Wort, Willen und Regel Christi zu leben, sein Tun und Lassen nach ihm zu richten und zu schlichten und unter seinem Fähnlein zu kämpfen und zu streiten bis in den Tod. Und er läßt sich taufen mit dem äußerlichen Wasser, wodurch er öffentlich seinen Glauben und Vorsatz bezeugt: Nämlich daß er glaube, daß er einen gnädigen, gütigen und barmherzigen Gott und Vater habe im Himmel durch Jesum Christum; mit dem sei er wohl dran und zufrieden; er habe sich auch vorgenommen und sich inwendig schon verpflichtet, daß er fortan sein Leben ändern und bessern wolle; er bezeuge solches auch öffentlich durch das Empfangen des Wassers; wenn er fortan den Glauben und Namen Christi mit öffentlichen und Ärgernis erregenden Sünden beschwärzen oder in Schande bringen würde, daß er sich hiermit verpflichte und ergebe unter brüderliche Zurechtweisung nach der Ordnung Christi (Matth. 18,15 ff.).

Zum vierten. Weil aber der Mensch weiß und bekennt, daß er von Natur ein böser, wurmstichiger und vergifteter Baum ist und aus sich selbst keine gute Frucht hervorbringen kann, deshalb geschieht diese Verpflichtung, Zusage und dieses öffentliche Zeugnis nicht aus menschlichen Kräften oder Vermögen - denn das wäre eine Anmaßung oder menschliche Vergessenheit -, sondern im Namen Gottes, des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistes, oder im Namen unsers Herrn Jesus Christus, d. h. in der Gnade und Kraft Gottes. Denn es ist alles nur eine Kraft. Aus dem allem folgt, daß die äußerliche Taufe Christi nichts anderes ist als ein öffentliches Zeugnis der inwendigen Pflichten, womit der Mensch von sich bezeugt und vor jedermann kundtut, daß er ein Sünder ist und sich selbst für schuldig bekennt. Doch dabei glaubt er ganz und gar, daß Christus ihm seine Sünde durch den Tod verziehen und ihn durch die Auferstehung fromm gemacht hat vor dem Angesicht Gottes, unsers himmlischen Vaters. Deshalb habe er schon beschlossen, fortan den Glauben und Namen Jesu Christi vor jedermann und öffentlich zu bekennen, und habe sich auch verpflichtet und vorgenommen, fortan nach dem Wort und Befehl Christi zu leben, doch das nicht aus menschlichem Vermögen, daß es ihm geschehe wie Petrus - denn „ohne mich könnt ihr nichts tun“, spricht Christus Joh. 15,5 - sondern in der Kraft Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Jetzt bricht der Mensch aus im Wort und Werk, verkündet und macht groß den Namen und das Lob Christi, damit auch andere durch uns heilig und selig werden, wie wir auch durch andere zum Glauben gekommen sind, auf daß das Reich Christi gemehrt werde.

Hier folgt Verfolgung, das Kreuz und alle Trübseligkeit von des Evangeliums wegen in der Welt, die das Licht und das Leben haßt und die Finsternis liebhat. Die Welt will nicht eine Übeltäterin sein, sondern fromm und gerecht in eigenen Werken. Sie macht sich selbst Satzung und Regel, durch die sie meint, selig zu werden, verachtet die unansehnlichen, schlechten, einfältigen Regeln Christi. Hier springt der Alte Adam hervor, d. h. die vergiftete Natur, mit der wir im Mutterleib empfangen und geboren sind. Derselbe läßt seine alte Tücke nicht, er regt die Ohren, er setzt seine angeborene Art ein und widerstrebt dem Geist im Menschen, daß er nicht tut, was er will, nach dem Wort Gottes, wenn das Fleisch getötet werden soll, sondern er will es nur leben und regieren nach seinen Lüsten. Hier ist überlegen und siegt der Geist Christi, und bringt der Mensch gute Früchte, die nun Zeugnis ablegen von einem guten Baum, und er übt sich Tag und Nacht in all dem, was das Lob Gottes und brüderliche Liebe betrifft.

Das ist die Summe und rechte Ordnung eines ganzen christlichen Lebens, das anfängt im Wort Gottes. Daraus folgt Erkenntnis der Sünden und Verzeihung derselben im Glauben. Der Glaube bleibt nicht müßig, sondern ist arbeitsam in allen guten christlichen Werken. Das sind aber allein gute Werke, die Gott selbst uns geheißen hat und über die er Rechenschaft fordern wird am Jüngsten Tag (Matth. 25).

Zum fünften. Nachdem wir nun im Glauben hell und klar aus dem Wort Gottes erkannt haben die unschätzbare, unaussprechliche Güte Gottes, sollen wir darum Gott, unserm himmlischen Vater, dankbar sein, der die Welt immer so inbrünstig geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns hergegeben hat bis in den Tod, ja, in den Tod des allerschändlichsten Kreuzes, damit wir l. selig würden. Danach hat Jesus Christus, unser Heiland, selbst eine schöne Erinnerung angeordnet und eingesetzt bei seinem letzten Nachtmahl, auf daß wir seiner nicht vergessen. Denn als er und seine Jünger miteinander aßen, nahm er das Brot, dankte und sprach: „Nehmet und esset; das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“ Desgleichen nahm er das Trinkgeschirr und gab ihnen allen zu trinken und sagte: „Nehmt und trinkt; das ist mein Blut, das für euch vergossen wird zur Verzeihung der Sünden; das tut zu meinem Gedächtnis“. Hier sieht jeder, daß Brot Brot ist und Wein Wein, aber doch so eingesetzt von Christus zur Ermahnung und Erinnerung, damit wir, sooft wir das Brot miteinander brechen, austeilen und essen, seines Leibes gedenken, der für uns am Kreuz gebrochen und allen denen ausgeteilt wird, die ihn im Glauben essen und zu sich nehmen. Da sieht man es vor Augen, daß das Brot nicht der Leib Christi ist, sondern eine Erinnerung an denselben. Desgleichen ist der Wein nicht das Blut Christi, sondern auch ein Gedenken, daß er sein Blut vergossen und ausgeteilt hat am Kreuz allen Gläubigen zur Abwaschung ihrer Sünden, wie auch der Reif vor einem Wirtshaus nicht Wein ist, sondern eine Erinnerung an ihn. Mit Recht sollen wir der guten Taten eingedenk sein und sie nicht vergessen, sondern sie verkündigen, ausschreien und dafür dankbar sein bis in Ewigkeit. Dazu ermahnt uns Paulus sehr ernstlich, wenn er an die Korinther schreibt (1. Kor. 11, 6): „So oft ihr eßt das Brot“ (wohlgemerkt: er nennt es Brot und es ist Brot) „und so oft ihr trinkt das Trinkgeschirr, d. h. den Wein“ (wohlgemerkt: es ist Wein, was man trinkt), „sollt ihr des Herrn Tod verkünden, bis er kommt.“ Wohlgemerkt: er spricht: Bis er kommt. Daraus hören wir wohl, daß er nicht da ist, sondern er wird erst kommen zu der Stunde des jüngsten Gerichts in seiner großen Majestät und Herrlichkeit, öffentlich leuchtend wie der Blitz von Orient bis gen Okzident.

Hieraus folgt und läßt sich gründlich lernen, daß das Nachtmahl nichts anderes ist als eine Erinnerung des Leidens Christi, der seinen Leib unsertwegen hingegeben und sein rosenfarbenes Blut am Kreuz zur Abwaschung unserer Sünden vergossen hat. Aus diesem Nachtmahl haben wir bisher eine „Bärenmesse“ gemacht, sie mit Knurren und Brummen ausgestattet und sie für viel Gut und Geld verkauft, und wir wollten es weiterhin noch gern tun, das sei Gott geklagt. Der Mensch, der nun das Nachtmahl Christi dermaßen begeht und betrachtet das Leiden Christi mit festem Glauben, der wird auch Gott für diese Gnade und Güte danksagen und sich in den Willen Christi ergeben. Der aber ist, daß wir, wie er uns getan hat, wir so auch unserm Nächsten tun sollen und unser Leib, Leben, Gut und Blut um seinetwillen hingeben. Das ist der Wille Christi. Und weil uns solches wiederum unmöglich ist, sollen wir zu Gott emsig um Gnade und Kraft rufen, daß er uns die zuteil werden lasse, damit wir so seinen Willen vollbringen können. Denn wenn er nicht Gnade gibt, dann ist es um uns schon verloren. Wir sind Menschen und waren Menschen und werden Menschen bis in den Tod bleiben.

O liebe Herrn, Freunde und Brüder! Nehmt zu Herzen, was ich Euch gesagt habe, und trachtet nach dem hellen, klaren, lauteren Wort Christi, aus dem allein Euch der Glaube kommt, in dem wir selig werden müssen. Denn die Axt ist an die Wurzel des Baums gelegt. Es gibt keinen Grund, daß er nicht abgehauen wird. Ich sage Euch fürwahr: Fürchtet Ihr den Rauhreif hier im Zeitlichen, wird der Schnee ewiger Kälte auf Euch fallen. Denn Christus sagt mit klaren Worten: „Wer mich bekennt vor dem Menschen, den will ich bekennen vor Gott, meinem Vater; wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich vor Gott verleugnen.“ „Fürchtet nicht die, so euch den Leib (der mehr ist als Gut) nehmen können, sondern fürchtet den, der Euch Leib und Seele nehmen und in die ewige Verdammnis werfen kann.“ Wer Ohren hat, der höre das harte und strenge Urteil Gottes über die Stillschweiger und Verleugner seines Wortes. Wer nicht hören will, den erleuchte unser Herrgott. Amen.

Hiermit seid Gott befohlen. Datum: zu Waldshut, Samstag nach Petri und Pauli Anno 1525.

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