Bunyan, John - Pilgerreise – Die Pilgerin - Erstes Kapitel.

Wie die Pilgerin sich zur Reise anschickt.

Vor einiger Zeit erzählte ich euch einen Traum, welchen ich hatte von Christ, dem Pilger und von seiner gefahrvollen Reise in das himmlische Land. Diese Erzählung war angenehm für mich und heilsam für euch. Zugleich erzählte ich euch, was ich von seiner Frau und seinen Kindern gesehn, und wie sie ihn auf seiner Pilgerfahrt nicht begleiten gewollt, so daß er genöthigt gewesen, seine Reise allein anzutreten, denn er durfte sich nicht der Gefahr des Verderbens aussetzen, welches nach seiner Befürchtung hereinbrechen würde, wenn er in der Stadt Verderben bei ihnen bliebe: weßhalb er sie dann auch, wie ich euch erzählte, verließ und allein abreiste.

Nun ist es durch meine vielseitigen Geschäfte so gekommen, daß ich oftmals verhindert und abgehalten worden bin von meinen gewöhnlichen Reisen in diejenigen Gegenden, in die er sich begeben, und so mangelte es mir bis vor Kurzem an Gelegenheit, weitere Erkundigungen über diejenigen einzuziehen, die er zurückgelassen: ich war daher auch nicht im Stande, euch Etwas über sie mitzutheilen. Da ich indessen neulich in jener Gegend zu thun hatte, ging ich abermals dorthinab. Indem ich nun in einem Walde, ungefähr eine Meile von dem Orte entfernt, meine Nachtherberge genommen, träumte mir wiederum, da ich eingeschlafen, in folgender Art: Als ich am träumen war, siehe, da kam ein alter Mann zu mir, und weil derselbe ein Stück des nämlichen Weges gehen wollte, den ich zu machen hatte, so kam es mir vor, als stände ich auf und ginge mit ihm. Als wir nun so zusammen dahinwanderten, geriethen wir, wie es bei Reisenden zu geschehen pflegt, in ein Gespräch und kamen zufällig auf Christ und seine Reisen. Zuerst richtete ich nämlich folgende Worte an den alten Mann: Herr, sagte ich, was ist das für eine Stadt hier unten, die links von unserm Wege liegt?

Darauf sagte Scharfsichtig (denn so hieß er): Das ist die Stadt Verderben, ein volkreicher Ort, die Menschen aber, die darin wohnen, sind von unnützer und sehr schlechter Art.

Ich dachte wohl, sagte ich, daß es jene Stadt wäre. Ich bin selbst einmal durchgekommen, und darum weiß ich, daß das, was Ihr so eben davon gesagt habt, wahr ist.

Scharfsichtig. Nur zu wahr! Ich wollte, daß ich mit Wahrheit besser reden könnte von den Leuten, die darin wohnen.

Wohlan, sagte ich, ich sehe, Ihr seid ein gutgesinnter Mann, und werdet deßwegen Freude daran finden, zu hören und zu reden von dem, was gut ist. Sagt mir doch, habt Ihr nie Etwas davon vernommen, wie es einem Manne, Namens Christ, aus dieser Stadt ergangen, der vor einiger Zeit eine Pilgerreise in die höheren Gegenden antrat?

Scharfs. Von ihm vernommen! Ja freilich, und dazu habe ich gehört von den Beschwerden, Mühseligkeiten, Kämpfen, Gefangenschaften, Angstrufen, Seufzern, Schrecknissen und Befürchtungen, die ihm auf dieser Reise zugestoßen sind. Nebenbei muß ich Euch sagen, daß unsere ganze Gegend voll von ihm ist. Es giebt nur wenige Häuser, die von ihm und seinen Erlebnissen gehört, und nicht den Bericht von seiner Pilgerfahrt zu bekommen gesucht haben. Ja, ich glaube behaupten zu dürfen, daß ihm Viele zu seiner gefährlichen Reise Glück wünschen, denn obwohl er, so lange er hier war, in Jedermanns Munde als ein Thor galt, so wird er doch jetzt, da er weg ist, von Allen hoch gelobt. Man sagt nämlich, daß er da, wo er sich gegenwärtig befindet, ein herrliches Leben führe, ja Manchen von denen, die sich nie entschließen würden, in seine Gefahren hineinzulaufen, wässert dennoch der Mund nach seinem Glücke.

Haben sie in etwas Recht, sagte ich, so haben sie's darin, zu glauben, daß er's da gut hat, wo er ist, denn er wohnt jetzt an und in der Quelle des Lebens, und hat, was er hat, ohne Mühe und Sorge, denn dort ist Nichts mit Kummer vermischt. Aber erzählt mir doch, was die Leute von ihm sagen.

Scharfs. Was sie von ihm sagen? Wunderliche Dinge sagen sie von ihm. Einige sagen, daß er jetzt wandele in weißen Kleidern, daß er eine goldene Kette trage um seinen Hals und eine goldene Krone1) mit Perlen auf seinem Haupte. Andere sagen, daß die lichten Wesen, welche sich ihm zuweilen auf seiner Pilgerreise gezeigt, seine Gefährten geworden, und daß er an dem Orte, wo er sich befindet, so vertraut mit ihnen umgehe, wie hier ein Nachbar mit dem andern. Überdem wird mit Zuverlässigkeit behauptet, daß der König jenes Ortes ihm bereits eine sehr reich ausgestattete und liebliche Wohnung am Hofe verliehen und daß er alle Tage mit ihm esse und trinke, wandele und rede, und er sich der Gegenwart und Gunst dessen zu erfreuen habe, welcher der Richter dort über Alle ist. 2) Endlich erwarten Einige, daß der Fürst jenes Landes binnen Kurzem in diese Gegend kommen werde, Rechenschaft zu fordern, wenn sie dieselbe geben können, weßhalb seine Nachbaren ihn so gering geachtet und so sehr verspottet haben, als sie erfahren, daß er ein Pilger werden wollte. 3) Denn sie sagen, daß er jetzt so in der Gunst seines Fürsten stehe und dieser sich durch die Verunglimpfungen, welche Christ zu erdulden hatte, als er ein Pilger ward, selbst so berührt fühle, daß er es Alles ansehen werde, als wäre es ihm selbst geschehen. 4) Und das ist kein Wunder, denn nur aus Liebe zu seinem Fürsten hat er gewagt, was er gewagt hat.

Ich muß sagen, erwiederte ich, darüber freue ich mich. Ich freue mich um des armen Mannes willen, weil er nun ruht von seiner Arbeit und mit Freuden erntet, was er mit Thränen gesäet hat5), da ihn die Pfeile seiner Feinde nicht treffen können und er vor denen hinweggerückt ist, die ihn hassen. Auch freue ich mich darüber, daß das Gerücht von diesen Dingen in der Gegend ringsum erschallt: wer kann es sagen, was es für einen guten Eindruck auf Manche machen wird, die noch zurückgeblieben sind? Aber, lieber Herr, daß ich's nicht vergesse, — seid so gut und sagt mir, ob Ihr etwas von seiner Frau und seinen Kindern gehört habt? Arme Seelen! ich bin begierig zu vernehmen, was sie anfangen.

Scharfs. Christin und ihre Söhne? Ihnen wird es gewiß ebenso gut gehen, wie Christ selbst; denn wiewohl sie sich anfänglich Alle wie Thoren stellten und sich weder durch Christ's Thränen noch Drohungen irgendwie bewegen ließen, so bat doch weiteres Nachdenken wunderbar auf sie eingewirkt. Sie haben aufgepackt und sind hinter ihm drein gezogen.

Immer besser! sagte ich; aber wie, Weib, Kinder und Alle miteinander?

Scharfs. Allerdings. Ich kann es Euch genau angeben, denn ich war gerade am Orte und bin ganz vertraut mit der ganzen Sache.

So darf man also wohl davon reden als von einer wirklichen Thatsache? bemerkte ich.

Scharff. Das könnt Ihr kühn thun. Sie sind Alle auf die Pilgerschaft gegangen, die gute Frau mit ihren vier Kindern. Da wir, wie ich sehe, eine weite Strecke zusammengehen, so will ich Euch die ganze Sache erzählen.

Diese Christin (denn so heißt sie von dem Tage an, da sie sich mit ihren Kindern auf die Pilgerschaft begeben) ward unruhig in ihren Gedanken, nachdem ihr Mann über den Fluß gezogen war, und sie nun Nichts mehr von ihm hören konnte. Zunächst, weil sie ihren Gatten verloren hatte und das Band, welches sie mit ihm verknüpfte, nun zerrissen war. Denn es kann, wie Ihr wohl wisset, nicht anders sein, als daß die Natur wenigstens manchen beugenden Gedanken in der Erinnerung an den Verlust geliebter Verwandte in uns unterhält, und so kostete ihr der Gedanke an ihren Gatten manche Thräne. Aber dies war nicht Alles; denn Christin fing auch an zu erwägen, ob ihr ungeziemendes Benehmen gegen ihren Gatten wohl nicht eine Ursache davon sein möchte, daß sie ihn nicht mehr sähe und er auf solche Weise von ihr wäre hinweggerissen worden. Und hierbei drängte sich ihr, wie in einem Schwarm, all ihr unfreundliches, unnatürliches und ungöttliches Benehmen gegen ihren theuren Freund auf, welches ihr Gewissen mit einer schweren Schuldenlast drückte. Mehr noch wurde sie dadurch zerknirscht, daß sie der unaufhörlichen Seufzer, bittern Thränen und Wehklagen ihres Gatten gedachte, und wie sie ihr Herz gegen all seine Ermahnungen und liebevollen Zuredungen, sie und ihre Söhne möchten mit ihm gehen, — verhärtet habe. Ja, von Allem, was Christ, seit die Bürde auf ihm gelegen, je zu ihr geredet oder getan, war Nichts, was nicht wie ein leuchtender Blitzstrahl wieder durch ihre Seele fuhr und die harte Rinde ihres Herzens zerriß. Vornämlich aber hallte sein sehnsüchtiger Schmerzensruf: Was soll ich thun, daß ich selig werde? höchst erschütternd durch ihre Seele. 6)

Darauf sprach sie zu ihren Kindern: Meine Söhne, wir sind Alle verloren! Ich habe gesündigt wider euren Vater, daß er weggegangen ist; er wollte uns mithaben, aber ich wollte nicht und habe auch euch am Leben gehindert. 7) Und somit brachen die Knaben alle in Thränen aus und riefen: o, daß wir dem Vater nachziehen könnten! Darauf sagte Christin: ach, welch ein Glück wäre es für uns gewesen, wenn wir mit ihm gegangen wären! wie wohl würde es dann jetzt um uns stehen, wie viel besser, als es nun zu vermuthen ist! denn, wiewohl ich früher in meiner Thorheit wähnte, daß die Bekümmernisse eures Vaters aus einer krankhaften Einbildung entstanden wären, oder daß er von melancholischer Laune geplagt würde, so will es mir doch jetzt nicht aus dem Sinne, daß sie aus einer ganz andern Ursache herrührten, nämlich daher, daß ihm das Licht des Lebens aufgegangen war,8) und weil er darin wandelte, wie ich nun wohl erkenne, so ist er den Stricken des Todes entwichen. 9) Da weinten sie abermals Alle ineinander und riefen: ach wehe des Tages!

In der folgenden Nacht hatte Christin einen Traum, und siehe, es war ihr, als sähe sie eine große Pergamentrolle, vor sich aufgethan, auf welcher alle Wege, die sie gewandelt hatte, geschrieben standen, und es dünkte ihr, daß ihre Missethaten ganz schwarz auf sie hinblickten. Da rief sie in ihrem Schlafe laut aus: „Herr, sei mir Sünderin gnädig!„10) und es hörten sie die Kinder.

Darauf meinte sie, zwei sehr übelgesinnte Wesen an ihrem Bette sehen zu stehen, die da sagten: Was sollen wir anfangen mit diesem Weibe? denn im Wachen und Schlafen schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, wie sie angefangen hat, so werden wir sie verlieren, gerade wie wir ihren Mann schon verloren haben. Daher müssen wir sie auf die eine oder die andere Art von den Gedanken an das, was zukünftig ist, abzubringen suchen, sonst kann die ganze Welt es nicht hindern, daß sie sich auch auf die Pilgrimschaft begibt.

Da erwachte sie in einem starken Schweiße, auch war ein Zittern über sie gekommen; indessen fiel sie nach einer Weile wieder in den Schlaf. Nun glaubte sie ihren Mann, Christ zu sehen, an einem Orte der Seligkeit unter vielen Unsterblichen, wie er dastände mit einer Harfe in der Hand, vor Einem spielte, der auf einem Throne saß, mit einem Regenbogen um sein Haupt. Auch sah sie, als neige et sein Haupt und sein Angesicht bis auf das Teufelwerk, welches unter den Füßen seines Fürsten war, ausrufend vor ihm: Ich danke dir von ganzem Herzen, mein Herr und mein König, daß du mich an diesen Ort gebracht hast! Darüber jauchzte die Menge derer, die umher standen und spielten auf ihren Harfen, aber keine menschliche Zunge konnte sagen, was sie ausriefen, als nur Christ und seine Gefährten.

Als sie andern Morgens aufgestanden, zu Gott gebetet und eine Weile mit ihren Kindern geredet hatte, da klopfte Jemand hart an die Thüre; sie aber rief ihm entgegen: Kommst du in Gottes Namen, so tritt herein. Darauf sagte Jener: Amen! öffnete die Thüre und grüßte sie mit einem: Friede sei über dieses Haus! Darauf sprach er: Christin, weißt du auch, warum ich gekommen bin? Da erröthete sie und zitterte. Auch brannte ihr Herz vor Verlangen zu erfahren, woher er käme und was er ihr für eine Botschaft brächte. Er sagte ihr: Mein Name ist Verborgen, ich wohne bei denen, die in der Höhe sind, und wo ich wohne, da sagt man, daß du ein Verlangen habest, dorthin zu gehen; auch heißt es dort, daß du erkanntest das Unrecht, welches du früher deinem Manne gethan, da du dein Herz gegen seinen Weg verhärtet und diese Kinder in ihrer Unwissenheit erhalten. Christin, so hat mich nun der Barmherzige gesandt, Dir zu sagen, daß er ein Gott sei, bereit zu vergeben, und der seine Freude daran hat, daß er seine Gnade größer sein läßt als die Sünden. Auch läßt er dich einladen, zu kommen vor sein Angesicht und an seine Tafel, daß er dich speise mit den Gütern seines Hauses und mit dem Erbe deines Vaters Jakob. 11) Dort ist Christ, der dein Gatte war, dessen Gefährten mehr denn Legionen sind, welche immerdar schauen das Angesicht, dessen Schauen das Leben gibt; sie aber werden Alle sich freuen, wenn sie hören das Rauschen deiner Füße, indem du über deines Vaters Schwelle schreitest.

Christin ward darüber tief beschämt in der Seele und neigte ihr Angesicht zur Erde. Der Besucher fuhr fort und sprach: Christin, hier ist auch ein Brief für dich, den ich vom Könige deines Gatten mitgebracht habe. Sie nahm ihn an und öffnete ihn, er duftete aber wie die köstlichste Salbe,12) auch war er geschrieben mit goldenen Buchstaben. Der Inhalt des Briefes war: der König begehre, daß sie thun solle, wie Christ, ihr Gatte, gethan habe; denn das sei der Weg zu seiner Stadt zu gelangen und vor seinem Angesicht zu wohnen mit Freuden ewiglich. Dadurch ward die gute Frau ganz hingerissen und so rief sie dem Besucher zu: Herr, willst du mich und meine Kinder mitnehmen, daß wir auch hingehen mögen und den König anbeten? 13)

Da antwortete ihr der Besucher: O, Christin, vor dem Süßen kommt das Bittere. Du mußt durch Trübsale hindurch in die himmlische Stadt eingehen, gleich wie der, welcher dir dorthin vorangegangen. So rathe ich dir denn zu thun, wie Christ, dein Gatte: gehe zu der engen Pforte, die drüben an der Ebene ist, denn sie steht an dem Eingange des Weges, den du gehen mußt. Ich wünsche Dir ein recht glückliches Fortkommen! Ferner rathe ich dir, daß du diesen Brief in deinen Busen steckest und daß du ihn mit deinen Kindern so lange liesest, bis ihr ihn auswendig könnt; denn es ist eins von den Liedern, welches du singen mußt, dieweil du noch in dem Hause deiner Wallfahrt bist;14) auch mußt du es an der zweiten Pforte vorzeigen.

Nun sah ich in Meinem Traum, daß jener alte Mann, während er mir diese Geschichte erzählte, davon selbst sehr ergriffen zu sein schien. Er fuhr fort und sprach: So rief Christin nun ihr Sohne zusammen und redete sie folgendermaßen an: Meine Söhne, ich bin, wie ihr wohl bemerkt habt, seit einiger Zeit sehr bekümmert gewesen in meinem Herzen über den Tod eures Vaters, nicht, als ob ich irgend an seinem Glücke zweifelte, denn ich bin nun gewiß, daß es ihm wohl geht. Auch bin ich sehr betrübt gewesen im Hinblick auf meinen und euren Herzenszustand, welcher, wie ich festiglich glaube, von Natur elend ist. Mein Betragen gegen euren Vater in seiner Seelenangst ist ebenfalls eine große Last für mein Gewissen; denn ich habe nicht allein mein eigenes Herz, sondern auch das eurige gegen ihn verhärtet und mich geweigert, die Pilgerfahrt mit ihm anzutreten. Die Erinnerung an all diese Dinge würden mich geradezu tödten, wenn ich nicht in der verwichenen Nacht einen Traum gehabt, und wenn mir dieser Fremdling heute Morgen nicht Muth gemacht hätte. Kommt, Kinder, lasset uns aufpacken und zu der Pforte gehen, die zu dem himmlischen Lande hinführt, auf daß wir euren Vater sehen und bei ihm und seinen Genossen nach den Gesetzen jenes Landes im Frieden leben.

Da brachen ihre Kinder in Thränen aus vor Freuden darüber, daß das Herz ihrer Mutter so umgewandelt war. Und nun sagte ihnen der Besucher Lebewohl; sie aber fingen an, sich zur Abreise zu rüsten.

Während sie hiermit eben beschäftigt waren, kamen zwei Nachbarinnen der Christin nach ihrem Hause und klopften an. Wie früher, so rief sie auch nun: Kommet ihr in Gottes Namen, so tretet herein! Über diesen Zuruf waren die Weiber erstaunt, denn an eine solche Sprache waren sie nicht gewohnt, niemals hatten sie so Etwas von den Lippen der Christin gehört. Doch traten sie herein, aber stehe, sie fanden die gute Frau damit beschäftigt, von Hause wegzugehen.

Da fragten sie: Nachbarin, sagt uns doch, was habt ihr damit vor?

Christin antwortete, indem sie sich zu der ältesten, Namens Furchtsam, wandte: ich rüste mich zu einer Reise. (Diese Furchtsam war die Tochter dessen, der Christ auf dem Hügel Beschwerde begegnete und der ihn bewegen wollte, umzukehren, aus Furcht vor den Löwen).

Furchtsam. Zu was für einer Reise denn?

Christin: Um meinem guten Manne nachzugehen; und dabei fing sie an zu weinen.

Furchts. Das hoffe ich doch nicht, liebe Nachbarin; thut es doch nicht, um eurer armen Kinder willen. Wie wolltet ihr denn so Etwas anfangen, das einer Frau ja gar nicht zusteht!

Christin: Ich werde es doch thun, und meine Kinder sollen mit mir gehen, kein einziges von ihnen will zurückbleiben.

Furchts. Ich muß mich in der Seele darüber wundern, was oder wer euch auf diesen Gedanken gebracht hat.

Christin. O, Nachbarin! wüßtet ihr nur, was ich weiß, so zweifle ich nicht, ihr würdet auch mit mir gehen.

Furchts. Ei, ich bitte nur, was für neue Weisheit habt ihr denn bekommen, die euern Sinn von euern Freunden so abzieht und euch antreibt, zu gehen, wer weiß wohin?

Hierauf versetzte Christin: Ich bin seit der Abreise meines Mannes schmerzlich betrübt gewesen und besonders seit er über den Fluß gegangen. Was mich aber am Meisten beunruhigt, das ist mein hartes Benehmen gegen ihn, als er in seiner Seelennoth war. Dazu ist es mit jetzt, wie es ihm war: Nichts kann mir helfen als nur, daß ich mich auf die Pilgrimschaft begebe. Die vorige Nacht hat mir geträumt, ich sähe ihn. O, daß meine Seele doch bei ihm wäre! Er wohnet vor des Königs Angesicht und isset mit ihm an seinem Tische; er ist der Mitgenosse Unsterblicher geworden, es ist ihm ein Haus gegeben, darinnen er wohnet, welches so herrlich ist, daß der schönste Palast auf Erden nur ein Misthaufen dagegen zu sein scheint. Der Fürst jenes Landes hat auch zu mir gesandt mit der Verheißung, daß er mich aufnehmen wolle, wenn ich zu ihm kommen würde; so eben war sein Abgesandter hier und überbrachte mir einen Brief, worin er mich zu sich einladet. Darnach zog sie ihren Brief hervor und las ihn, und als sie Solches gethan, fragte sie ihre Nachbarinnen: Was sagt ihr denn nun dazu?

Furchts. O, des Wahnsinns, der dich und deinen Mann besessen hat, euch selbst in solche Beschwernisse hineinzustürzen! Du hast doch gewiß gehört, was Deinem Manne schon beim ersten Schritt auf seinem Wege zugestoßen ist — unser Nachbar Störrig, der eine Strecke weit mit ihm gegangen, kann es noch bezeugen — ja, und Willig noch dazu, bis sie als kluge Männer sich scheuten, mit ihm weiter zu gehen. Desgleichen haben wir ein Langes und Breites davon gehört, wie er mit den Löwen, dem Apollyon, dem Schatten des Todes 15) und manchen andern Schrecknissen zu thun gehabt. Auch wirst du die Gefahr wohl noch nicht vergessen haben, worin er auf dem Eitelkeitsmarkte gerathen ist. 16) Denn, wenn es ihm, als einem Manne schon so hart zusetzte, wie würde es dir, einem armen Weibe erst ergehen? Bedenke auch, daß diese lieben vier Kleinen, deine Kinder, dein Fleisch und Blut sind. Wärest du daher auch willens, dich so voreilig davon zu machen, so bleibe doch um der Frucht deines Leibes willen daheim.

Christin aber sagte zu ihr: bringt mich nicht in Versuchung, Nachbarin; jetzt ist nur der Preis eines großen Gewinns in die Hand gelegt, ich würde deßwegen höchst thöricht handeln, wenn ich nicht den Muth fassen wollte, diese Gelegenheit wahrzunehmen. Was aber all jene Unfälle betrifft, die mir, wie Ihr sagt, auf dem Wege begegnen würden, so sind sie so wenig darnach angethan, «mich zu entmuthigen, daß ich vielmehr daraus sehe, ich bin auf dem rechten Wege. Vor dem Süßen muß das Bittere kommen und das Süße noch süßer machen.

Darum, weil ihr nicht in Gottes Namen in mein Haus gekommen seid, wie ich sagte, so bitte ich euch, daß ihr von hinnen gehet und mich weiter nicht störet.

Da fing Furchtsam an, sie auszuschimpfen und sagte zu ihrer Gefährtin: kommt, Nachbarin Barmherzig, wir wollen sie sich selber überlassen, da sie unsern guten Rath und unsern Umgang verschmäht. Allem Barmherzig ward unschlüssig und konnte sich nicht so schnell mit ihrer Nachbarin einverstanden erklären, und zwar aus einem zwiefachen Grunde. Erstlich jammerte sie über Christin in ihrem Herzen; daher sprach sie bei sich selbst: wenn meine Nachbarin durchaus fort will, so will ich ein Stück Weges mit ihr gehen. Zweitens war sie bekümmert um ihre eigene Seele, denn was Christin gesagt hatte, war nicht ohne Eindruck auf ihr Herz geblieben. Deßwegen sprach sie abermals zu sich selbst: ich will doch noch weiter mit dieser Christin reden, und finde ich dann in dem, was sie sagt, Wahrheit und Leben, so will ich von Herzen gern mit ihr gehen. Und so fing Barmherzig an, ihrer Nachbarin Furchtsam Folgendes zu erwiedern:

Barmherzig. Nachbarin, ich bin mit euch gekommen, um Christin diesen Morgen zu besuchen, und da sie, wie ihr sehet, willens ist, ihrem Vaterlande für immer Lebewohl zu sagen, so habe ich vor, sie an diesem heitern Morgen ein wenig zu begleiten und ihr auf dem Wege etwas zu helfen. Von dem andern Grunde, den sie hatte, sagte sie ihr aber nichts, sondern hielt ihn für sich.

Furchts. Nun gut, ich merke wohl, ihr habt auch Lust, auf Thorheit auszugehen, allein, sehet euch bei Zeiten vor und seid weise; sind wir aus der Gefahr, so sind wir draus, sind wir aber drin, so sind wir auch darin.

So kehrte nun Frau Furchtsam wieder nach Hause zurück, Christin aber beschäftigte sich mit den Vorbereitungen auf ihre Reise. Als Furchtsam wieder zu Hause war, ließ sie einige von ihren Nachbarinnen rufen, nämlich Frau Trübauge, Frau Unbedacht, Frau Leichtsinn und Frau Unwissend. Als diese nun zu ihr gekommen waren, fiel das Gespräch abermals auf Christin's Geschichte und auf die Reise, welche sie vorhatte. Und Furchtsam fing nun also zu erzählen an:

Liebe Nachbarinnen, weil ich diesen Morgen nicht viel zu thun hatte, ging ich aus, um Christin einmal zu besuchen. Als ich an ihre Thüre kam und klopfte, wie es Brauch ist, erhielt ich von ihr zur Antwort: Wenn ihr in Gottes Namen kommt, so tretet herein. So ging ich denn hinein, und meinte, es habe Alles wohl gestanden, indessen sah ich, wie sie sich darauf vorbereitete, mit ihren Kindern aus der Stadt zu reisen. Darum fragte ich sie, was sie vorhätte? Hierauf erwiederte sie mir kurzweg, daß sie willens wäre, die Pilgerschaft anzutreten, wie es ihr Mann ebenfalls gethan hätte. Auch erzählte sie mir von einem Traume, den sie gehabt, und wie der König des Landes, worin ihr Mann wäre, sie in einem Briefe eingeladen hätte, dorthin zu kommen.

Da fragte Frau Unwissend: und was meint ihr, wird sie hingehen?

Furchts. Allerdings, hingehen wird sie, was auch immer daraus entstehen möge. Das schließe ich daraus, weil der Hauptgrund, weßhalb ich sie zu bewegen suchte, daß sie daheim bleiben möge — die Beschwerden nämlich, die ihr unterwegs zustoßen würden — für sie gerade ein Hauptgrund war, sie zur Reise zu treiben. Denn sie entgegnete mir: Das Süße geht voran dem Bittern, und weil es das thut, macht es das Süße um so süßer.

Fr. Trübauge. O, die blinde und thörichte Frau! will sie sich denn nicht warnen lassen durch die Trübsale ihres Mannes! Ich sehe für mein Theil klar ein, wenn er wieder hier wäre, so würde er mit seiner heilen Haut zufrieden sein und sich nicht mehr solchen Gefahren für Nichts und wieder Nichts aussetzen.

Fr. Unbedacht versetzte auch Eins und sagte: Weg mit solchen Narren aus der Stadt! meinerseits bin ich froh, daß wir sie hier los werden. Bliebe sie, wo sie ist, und beharrte in ihrem Sinn, wer könnte dann in Frieden mit ihr zusammenleben? denn sie würde entweder trübsinnig oder unnachbarlich sein, oder auch über solche Dinge reden, bei denen es kein verständiger Mensch aushalten kann. Ich werde mich deßwegen für mein Theil nie darüber grämen, wenn sie von hier abreist. Lasset sie nur gehen, auf daß Bessere an ihre Stelle kommen. Es hat noch niemals gut in der Welt gestanden, seit es solche launenhafte Narren darin gegeben hat.

Fr. Leichtsinnig fügte hierauf noch hinzu: Kommt und laßt uns von dergleichen Geschwätz aufhören. Gestern war ich bei der Frau Wollust,17) da waren wir so munter wie die jungen Mädchen. Denn wer, meint ihr, wäre außer mir und Frau Fleischesliebe noch dagewesen? Herr Geil, Fr. Schmutz und noch einige Andere mehr. Da hatten wir den Spiel und Tanz und was sonst noch dazu gehört, um das Vergnügen voll zu machen. 18) Ich kann dabei übrigens versichern, daß die Frau des Hauses eine feingebildete Dame und daß Herr Geil ein ebenso angenehmer Gesellschafter ist.

1)
Offenb. Joh. 3,4. 5. , 4,4. , 7,9. Ps. 21,4.
2)
Zach 3,7. Luc. 13,29. 14, 15. , 22,30.
3)
Jud. 14. u. 15.
4)
Luc 10,16. Matth. 10,40. Joh. 13,20.
5)
Offenb. Joh. 14,13. Psalm 126,5.
6)
Apostelg. 16,30. 2. Cor. 7,10. 11.
7)
1. Tim. 5,22. 1. Petr. 2,11. 12.
8)
Jac 1,23-25. Joh. 8,12.
9)
Sprüch. 14,27.
10)
Luc. 18,13.
11)
Jes. 58,14. Hos. 2,19. 20. Matth. 11,28-30.
12)
Hohesl. 1,3.
13)
Psalm 42, 2. 3.
14)
Psalm 119,54.
15)
Theil I. S. 46, 58. 64.
16)
Theil I. S. 98. ff.
17)
Theil I. S. 73.
18)
1 Kor. 6,9. 10. 15. 32.
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