Bunyan, John - Der Heilige Krieg

Teil 1

Die Zeit der Sünde und des Abfalls

1. Kapitel

Die Stadt Menschen-Seele ist die Zier und Krone der Schöpfung El-Schaddais (des allmächtigen Gottes, 1. Mose 17, 1). Diabolus (der Teufel) nimmt sie ein und versichert sich ihres Besitzes.

Bei meinen Reisen kam ich durch viele Länder und wurde auch in das berühmte Land Erdboden geführt. Es liegt zwischen den zwei Polen und dehnt sich in der Mitte zwischen den vier Himmelsgegenden weit aus. Viele Leben spendende Gewässer durchstießen es wie das Blut den Leib. Die Luft war rein. Herrlich gelegene Hügel wechselten mit prächtigen Tälern und meistenteils fruchtbaren Ebenen. Die Einwohner waren nicht alle von einerlei Gesichtsfarbe, hatten auch nicht alle eine Sprache und eine Art der Gottesverehrung, und noch verschiedener waren sie in ihrem ganzen Wandel. Einige gingen auf rechten Pfaden, andere auf krummen Wegen, wonach denn ihr Schicksal auch verschieden war. Durch dieses Land führte meine Reise so lange, bis ich viel von der Muttersprache samt den Gebräuchen und Sitten der Bewohner lernte. Und ich gestehe die Wahrheit, viele Dinge, die ich unter ihnen sah und hörte, bereiteten mir Freude. Ich hätte ohne Zweifel wie ein Einheimischer unter ihnen gelebt und wäre bis zum Tod bei ihnen geblieben, hätte mich nicht mein Herr nach seinem Haus zurückberufen lassen, um dort die von ihm befohlene Arbeit zu tun. (Die Welt gefällt dem Fleisch.)

Nun liegt aber in diesem Land Erdboden eine schöne, bewundernswerte Stadt, man könnte sie auch eine Gemeinde heißen, Menschen-Seele genannt. Eine Stadt, die in ihrer Bauart so kunstvoll und schön, deren Lage so bequem ist und die so ausgedehnte Vorrechte und Freiheiten genießt, daß ich wohl von ihr sagen darf, wie ich es vorhin von dem Land sagte, wo sie liegt: Es gibt unter dem ganzen Himmel nicht ihresgleichen.

Was die Lage dieser Stadt betrifft, so liegt sie gerade im Mittelpunkt des Landes. Ihr erster Gründer und Erbauer, soweit ich das aus dem besten und glaubwürdigsten Bericht (Heilige Schrift) entnehmen kann, war einer mit Namen Schaddai, der sie zu seiner eigenen Freude erbaute. Er machte sie zum Spiegel und Widerschein alles dessen, was er schuf, erhob sie in Herrlichkeit über alles und stellte sie als das Meisterstück aller seiner Werke in diesem Land hin (1. Mose 1, 31). Ja, eine so herrliche Stadt war Menschen-Seele bei ihrer Neuschaffung, daß, wie einige sagen, die Götter (die Engel) herabstiegen, als sie nun fertig dastand, sie zu besehen, und bei ihrem Anblick vor Freude jubelten. Daher verlieh ihr auch ihr Erbauer Macht und Herrschaft über das ganze umliegende Land. Daraufhin erhielt alles den Befehl, die Stadt Menschen-Seele als Hauptstadt anzuerkennen, ihr ohne Widerrede zu huldigen und ihr in allem Gehorsam zu leisten. Noch mehr, die Stadt selbst hatte von ihrem König den ausdrücklichen Auftrag erhalten, von einem jeden Unterwürfigkeit und Dienst zu fordern, und alle, die sich in Widerspenstigkeit diesem Befehl widersetzen würden, mit Gewalt dazu anzuhalten. Mitten in dieser Stadt war ein berühmter, stattlicher Palast (das Herz) errichtet worden. An Stärke und Festigkeit glich er einer Burg, an Annehmlichkeit einem Paradies, und nach seinem Umfang hätte er ein Palast genannt werden können, der die ganze Welt zu umfassen vermag. Diesen Palast bestimmte der König Schaddai zu seinem alleinigen Wohnsitz, den kein anderer mit ihm teilen sollte; teils weil er hier seine eigenen Freuden genießen, teils es verhindern wollte, daß die Schrecken von Fremden über die Stadt hereinbrechen. In diesen Palast legte Schaddai auch eine Besatzung (die Kräfte der Seele), befahl aber die Bewachung allein den Leuten der Stadt (Matth. 22, 37).

Die Mauern und Wälle der Stadt (der anfangs unsterbliche Leib) waren nicht allein zierlich und schön, sondern auch so fest und stark gebaut, daß keine Macht sie erschüttern oder gar zerstören konnte. Denn hierin offenbarte sich die Weisheit dessen, der die Stadt Menschen-Seele erbaute, glänzend, daß diese Festungswerke niemals hätten zerbrochen oder auch nur beschädigt werden können, nicht einmal durch die höchste Macht feindseliger Fürsten, außer daß die Einwohner selbst die Hand dazu geboten hätten. Diese herrliche Stadt Menschen-Seele hatte fünf Tore (die fünf Sinne), um Ein- und Ausgang zu gewähren; und diese Tore waren so eingerichtet, daß auch sie wie die Mauern so lange uneinnehmbar waren, als die Einwohner sie den Feinden nicht selbst öffneten. Die Namen dieser Tore waren: Ohrtor, Augentor, Mundtor, Nasentor und Fühltor. In jeder Weise war diese Stadt eine Zier der Schöpfung. Ihr mangelte es an keinem Gut. Sie hatte vortreffliche Gesetze, die besten, die damals in der Welt zu finden waren. Es gab keinen Schurken, Schelm oder Verräter innerhalb ihrer Mauern. Alle Einwohner waren treue Männer und fest miteinander zu allem Guten verbunden. Und was das Herrlichste war, solange die Stadt ihre Reinheit bewahrte und sich in Treue unverrückt zu ihrem König hielt, war sein gnädiges Angesicht auf sie gerichtet, sie erfreute sich seines Schutzes und war seine Freude.

Doch zu einer Zeit erhob sich ein mächtiger Riese, Diabolus (der Teufel). Er machte einen heftigen Anlauf auf die berühmte Stadt Menschen-Seele, um sie einzunehmen und zu seiner eigenen Wohnung zu machen. Dieser Riese war ein König der Schwarzen (der gefallenen Engel) und ein höchst raubsüchtiger Fürst. Es sei uns erlaubt, zuerst etwas über den Ursprung dieses Diabolus zu reden und dann zu zeigen, wie er sich der berühmten Stadt Menschen-Seele bemächtigte.

Der Ursprung des Teufels

Dieser Diabolus war anfangs einer der Diener des Königs Schaddai, der von ihm dazu geschaffen und verordnet war, die höchste und mächtigste Stelle einzunehmen, und der König vertraute ihm die besten seiner Gebiete und Herrschaft en zur Verwaltung an. Er war zum „Sohn des Morgens“ oder zum „schönen Morgenstern“ (Jes. 14, 12) gemacht worden und besaß ein herrliches Fürstentum, das ihm viel Glanz und Ruhm verlieh, auch ein solches Einkommen gewährte, das ihn wohl hätte zufrieden stellen können, wenn nicht sein luziferisches Herz so unersättlich gewesen wäre wie die Hölle selbst (2. Petr. 2, 4). Denn er hatte nichts Geringeres im Sinn, als sich zum Herrn über alles zu machen und die Allein-Herrschaft unter Schaddai so an sich zu reißen, daß dieser ihm nichts mehr anhaben könne. Doch jene Herrschaft hatte der König seinem Sohn (Christus) allein vorbehalten und sie ihm auch bereits übertragen. Darum dachte Diabolus zuerst darüber nach, wie die Sache wohl am besten anzufangen ist, und teilte dann seinen Plan einigen seiner Gefährten mit, die ihm sogleich zustimmten. Sie kamen am Ende zu dem Beschluß, daß sie einen Angriff auf des Königs Sohn machen, ihn stürzen und sich in Besitz seines Erbes setzen wollten.

Es wurde nun auch gleich die Zeit festgesetzt, das Losungswort gegeben, der Rebellenhaufen an einem bestimmten Ort versammelt und der Angriff versucht. Da nun aber vor dem König und seinem Sohn nichts verborgen bleiben konnte, weil sie allezeit alles sahen und wußten, so mußten ja notwendig auch diese Vorgänge offen vor ihnen daliegen. Und da der König jederzeit die innigste Liebe zu seinem Sohn in seinem Herzen trug, so mußte er natürlich durch das, was er sah, sehr beleidigt, ja zum höchsten Zorn entflammt werden. Plötzlich kam er daher über sie und ergriff sie in dem Augenblick, als die Empörung losbrechen sollte, überführte die Empörer ihres Hochverrats, ihrer entsetzlichen Verschwörung, und warf sie aus allen Orten hinaus, die er ihnen anvertraut hatte, entsetzte sie ihrer Ehrenstellen und entzog ihnen seine Vergünstigungen sowie alle Freiheiten und Privilegien. Nachdem das geschehen, verbannte er sie vollkommen von seinem Hof, stieß sie hinab in Grausen erregende Gruben und kündigte ihnen an, daß sie nie mehr die geringste Gunst von seiner Hand zu erwarten hätten, sondern auf ewig unter dem Gericht und Fluch bleiben sollten, die über sie ergangen waren (2. Petr. 2, 4).

Satans Pläne zur Verführung des unschuldigen Menschen

Hinausgestoßen aus den glänzenden Wohnungen des Lichts, beraubt alles Vertrauens, entkleidet aller Ehre und in sich das zermalmende Bewußtsein, ihres Königs Gunst auf immer verscherzt zu haben, hätten sie gern das schreckliche Joch abgeschüttelt, doch vergeblich! Sie knirschten vor Wut und stachelten sich daher in ihrem früheren Hochmut zu neuer Bosheit und Empörung gegen Schaddai und seinen Sohn auf. In wilder Raserei tobten sie deshalb umher und schweiften von Ort zu Ort, ob sie nicht vielleicht etwas ausfindig machen könnten, was dem König gehört, um sich durch Raub und Schändung an ihm zu rächen. Und so geschah es, daß sie endlich auch in das ausgedehnte Land Erdboden kamen und ihren Lauf geradewegs auf die Stadt Menschen-Seele richteten. Sie wußten, daß gerade diese Stadt eines der vornehmsten Werke des Königs, ja seine Freude ist, und beschlossen sogleich, sie heftig anzugreifen. Es genügte ihnen ja, daß sie Schaddai gehörte, und da sie dabei gewesen waren, als er sie für sich selbst baute und schmückte, erfüllte sie nach beiden Seiten hin der schwärzeste Neid. Als sie den Ort gefunden hatten, stießen sie ein entsetzliches Freudengeschrei aus und erhoben darüber ein Brüllen wie das Brüllen eines Löwen, bevor er sich auf seine Beute stürzt (1. Petr. 5, 8). Freudetrunken riefen sie sich zu: „Jetzt haben wir das Mittel, ja den lohnenden Preis gefunden, wo wir uns für alles, was er uns getan hat, an dem König Schaddai rächen können.“ Sofort setzten sie sich nieder, beriefen einen Kriegsrat und überlegten, welche Wege sie wohl am besten einzuschlagen hätten, um die herrliche Stadt Menschen-Seele in ihre Gewalt zu bringen. Folgende vier Vorschläge wurden dabei in engeren Betracht gezogen:

  1. Ob sie sich alle auf einmal offen vor der Stadt Menschen-Seele sehen lassen sollen.
  2. Ob sie sich in ihrer gegenwärtigen elenden Gestalt und in ihrem bettelhaften Aufzug der Stadt gegenüber lagern.
  3. Ob sie der Stadt Menschen-Seele ohne Umschweife ihre Absicht verraten oder ihr Vorhaben in trügerische Worte und falsche Vorspiegelungen hüllen sollen. Oder ob es
  4. nicht das Klügste wäre, einigen ihrer Gefährten den geheimen Befehl zu geben, jede Gelegenheit zu suchen, einen oder mehrere der vornehmsten Bürger der Stadt niederzuschießen, wenn sie sich blicken lassen.

Der erste dieser Vorschläge wurde mit Nein beantwortet; denn es lag auf der Hand, daß die Einwohner in Furcht und Schrecken geraten, wenn die Diabolianer sich alle auf einmal offen vor der Stadt zeigen würden. Dann würde es unmöglich sein, die Stadt einzunehmen. „Denn“, sprach Diabolus, der jetzt das Wort nahm, „niemand kann ja in die Stadt eindringen ohne ihre eigene freie Zustimmung. Lasset daher nur wenige oder am liebsten nur einen den Angriff auf Menschen-Seele versuchen, und nach meiner Meinung bin ich der Geeignetste dazu!“ In diesen Vorschlag stimmten alle mit Freuden ein.

Auch der zweite Vorschlag, daß sie sich in ihrer jetzigen elenden Gestalt vor Menschen-Seele niederlassen, wurde entschieden abgelehnt. Sie könnten sich einmal nicht verhehlen, daß sie, seitdem sie durch den Zorn Schaddais aus dem Himmel geworfen, in einem kläglichen Zustand sind. Menschen-Seele sei auch wie sie von Gott geschaffen, aber sie habe nie eines ihrer Mitgeschöpfe in dieser traurigen Gestalt gesehen. So sprach die höllische Alekto. Und Apollyon setzte hinzu: Wenn sie nun plötzlich solche Mißgestalten erblicken, so werden sie in Bestürzung geraten, sich vor uns entsetzen und ihre Tore gegen uns verrammeln. Wir könnten an die Einnahme der Stadt nicht denken. Dem stimmte der mächtige Riese Beelzebub vollkommen bei und meinte, man möge sich ihnen in solcher Gestalt zeigen, die ihnen bekannt ist. Als man nun näher erörterte, welche das wohl ist, nahm Luzifer das Wort und sagte, es wird wohl am besten sein, sich in die Gestalt eines der Geschöpfe zu kleiden, über die die Bewohner der Stadt die Herrschaft haben. „Denn“, sprach er, „die sind ihnen nicht allein bekannt, sondern die Bürger werden es sich auch nicht einfallen lassen, daß ein solches Geschöpf es wagen kann, sie zu berücken. Und wir werden ganz sicher gehen, wenn wir den Leib eines der Tiere wählen, die Menschen-Seele für weiser hält als die übrigen. „ Dieser Rat wurde von allen mit großem Beifall aufgenommen, und sie beschlossen, daß der Riese Diabolus die Gestalt der Schlange annehmen sollte; denn sie war in jenen Tagen der Stadt Menschen-Seele als ebenso harmlos bekannt wie heutzutage die Singvögel einem Knaben; wie denn überhaupt kein Wesen, solange es sich in seinem ursprünglichen Zustand befand, irgend etwas Schreckhaftes für die Menschen-Seele hatte.

Man fragte nun drittens, ob es geraten sei, Menschen-Seele geradezu die Absicht zu erklären, wozu man gekommen ist. Aber auch dagegen stimmten alle. Menschen-Seele sei schon an und für sich ein starkes Volk und wohne dazu in einer festen Stadt, deren Wälle und Tore uneinnehmbar wären, wenn der Einlaß nicht bewilligt wird. „Und“, sagte Legion, der bei diesem Punkt das Wort ergriff , „würden sie unsere feindseligen Absichten merken, so würden sie auch sofort eine Botschaft um Hilfe an ihren König absenden, und geschieht das, so ahne ich nichts Gutes. Deshalb laßt uns den Angriff gegen sie unter lauter Schein der Ehrlichkeit verstecken, unsere Absichten in das Gewand der Lügen, Schmeicheleien und täuschenden Worte hüllen, indem wir ihnen Dinge vorspiegeln, die nie geschehen, und Versprechungen machen, die niemals in Erfüllung gehen werden. Dieses ist der Weg, Menschen-Seele zu gewinnen und sie dahin zu bringen, daß sie uns die Tore von selbst öffnet. Und dieser Weg wird um so sicherer sein, als die Einwohner von Menschen-Seele noch ein unschuldiges und aufrichtiges Volk sind, die bis jetzt noch keine Ahnung davon haben, was es heißt, mit Betrug, Verstellung, Falschheit und Heuchelei angegriffen zu werden. Unsere Lügen werden sie für Wahrheit nehmen und in unsere Versprechungen um so größeres Vertrauen setzen, wenn wir bei unsern falschen Worten eine große Liebe gegen sie heucheln und daß unsere Absicht einzig und allein auf ihren Nutzen und ihre Ehre gerichtet sei.“ Gegen diese Worte erhob sich nicht der geringste Widerspruch, sie gingen so glatt durch wie ein Wasserfall, der von beträchtlicher Höhe herabschießt. Deshalb kam es nur noch darauf an, den vierten Vorschlag zu besprechen: Ob es nicht vorteilhaft sei, wenn sie einigen aus ihrer Gesellschaft den Auftrag geben, einen oder mehrere der einflußreichsten Bürger geradezu zu erschießen, wenn sie befürchten müßten, daß sie ihnen besonders hinderlich wären. Das wurde ohne Bedenken angenommen (der Teufel ist nicht bloß ein Lügner, sondern auch der Mörder von Anfang. Joh. 8, 44) und zugleich auch der Mann sofort bezeichnet, der zuerst aufs Korn genommen werden sollte. Das war ein gewisser Herr Widerstand, sonst auch Hauptmann Widerstand genannt, ein bedeutender Mann in Menschen-Seele, vor dem sich daher der Riese Diabolus und seine Bande mehr fürchteten als vor dem ganzen übrigen Stadtvolk in Menschen-Seele. Mit der Ausführung dieses Mordes wurde aber eine gewisse Tisiphone, eine Furie aus dem Feuersee, beauftragt.

Nach beendetem Kriegsrat erhoben sie sich, um ihren Beschluß gleich auszuführen. Sie zogen gegen Menschen-Seele, aber alle unsichtbar (Eph. 6, 12), bis auf Diabolus, der sich der Stadt nicht in seiner eigentlichen Gestalt, sondern unter der Hülle einer Schlange näherte. Sie ließen sich vor dem Ohrtor nieder, wo man alles hören konnte, was außerhalb der Stadt vorging. Diabolus stellte einen Hinterhalt gegen Hauptmann Widerstand auf, einen Bogenschuß weit von der Stadt. Dann trat der Riese ganz nah an das Tor heran und forderte die Stadt Menschen-Seele auf, freundlich zuzuhören. Er hatte niemand mitgenommen als einen gewissen Einluller, der bei allen schwierigen Fällen sein Redner war. Jetzt stand Einluller mit am Tor und stieß (nach der Sitte jener Zeiten) in seine Trompete zum Zeichen, daß er zum Aufmerken au. ordere, worauf denn alsbald die Häupter der Stadt, nämlich Herr Unschuld, Herr Oberbürgermeister Wille, Herr Syndikus oder Registrator Gewissen und Herr Hauptmann Widerstand auf dem Wall erschienen. Und als nun Herr Wille über die Mauer geschaut hatte und sah, wer am Tor stand, fragte er ihn, wer er wäre, was der Zweck seines Kommens sei und weshalb er die Stadt Menschen-Seele durch einen so ungewohnten Klang in Unruhe gesetzt habe.

Satan sucht den unschuldigen Menschen durch schmeichlerische Lügen zu verführen.

Sanft wie ein Lamm sprach Diabolus zu ihnen: „Ihr Edlen der berühmten Stadt Menschen-Seele! Ihr werdet mir leicht glauben, daß nicht ein Fremdling euch gegenübersteht, sondern einer, der euch sehr nah befreundet ist. Denn es sei euch gesagt, daß mich der König beauftragt hat, euch meine Ehrerbietung zu bezeugen und euch, so viel irgend in meinen Kräften steht, alle nur möglichen guten Dienste zu erweisen. Um dieser Pflicht gegen mich selbst und gegen euch zu genügen, schicke ich mich an, euch Sachen von der höchsten Wichtigkeit mitzuteilen. Gönnt mir daher eure Aufmerksamkeit. Fürs Erste gebe ich euch das volle und heilige Versprechen, daß ich bei allem, was ich hier tue, nicht meinen, sondern euren Nutzen und Vorteil suche. Die Wahrheit dieses Versprechens werdet ihr erst dann recht erkennen, wenn ich euch meine ehrliche Gesinnung ganz bezeugt, euch mein ganzes Herz ausgeschüttet habe. Denn, edle Bürger, ich bin, um euch die Wahrheit zu gestehen, eigentlich nur hierher gekommen, euch die Mittel und Wege anzugeben, wie ihr zu einer großen und herrlichen Freiheit gelangen und aus dem Joch der Sklaverei befreit werden könnt, das ihr jetzt unbewußt tragt, und wie ihr die Ketten abschütteln, ja zerreißen könnt, in denen ihr jetzt doch eigentlich wie Knechte in Dienstbarkeit schmachtet!“

Bei diesen Worten begann Menschen-Seele die Ohren zu spitzen und sich zu fragen: „Was ist das? Sage, was heißt das?“ (Freiheit! ist heut noch die Losung. Da merkt alles auf.) Arglistig fuhr nun Diabolus fort: „Ich habe euch Wichtiges mitzuteilen, das euren König und seine Gesetze betrifft und auch euch selbst sehr nahe angeht. Euer König ist allerdings ein großer und mächtiger Fürst; doch was er euch gesagt und befohlen hat, ist nicht wahr, gereicht auch nicht im Mindesten zu eurem Vorteil. Es ist nicht wahr, womit er bisher euch in Furcht und Schrecken gesetzt hat, ihr würdet sterben, wenn ihr von der Frucht eßt, die er euch verboten hat (1. Mose 3, 4). Wie kann man denn davon sterben sollen? Doch gesetzt auch, es läge eine Gefahr darin, was für eine Sklaverei ist es doch, beständig in Furcht und Schrecken vor den größten Strafen zu leben, und das noch dazu um eines so kleinen, unbedeutenden Vergehens willen, wie es doch wahrlich das Essen von einer kleinen Frucht ist.

Seine Gesetze sind, behaupte ich ferner, unvernünftig, zweideutig, verworren und dabei ganz unerträglich. Unvernünftig sind sie, denn die Strafe steht mit der Übertretung in gar keinem Verhältnis. Der Genuß eines Apfels soll das Leben kosten!? (Das Essen tut's nicht, aber die Übertretung des göttlichen Gebots.) Doch das eine muß für das andere gelten nach den Gesetzen eures Schaddai! Seine Gesetze sind aber auch zweideutig, denn erst spricht er: Ihr dürft essen von allem - und trotzdem verbietet er euch hinterher das Essen von einer Frucht. Schließlich sind sie aber auch unerträglich, sofern die Frucht, von der euch zu essen verboten ist, wenn euch überhaupt etwas verboten ist, ja gerade die ist, und die allein, die durch ihren Genuß euch das große Gut Mitteilen kann, das euch bis jetzt noch völlig unbekannt ist. Das wird ja schon aus dem bloßen Namen des Baumes deutlich, denn er heißt der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen (1. Mose 2, 16. 17). Und habt ihr denn schon die Erkenntnis? Nein, nein! Ihr habt noch nicht einmal einen Begriff davon, wie gut, wie angenehm und wie höchst wünschenswert es ist, weise zu werden, und euch zumal wäre das zehnfach zu wünschen, solange ihr an dem Gebot eures Königs sklavisch festhaltet. Warum sollt ihr denn zur Unwissenheit und Blindheit für immer verdammt sein? („Wir sind aufgeklärte Leute!“, sagt man heutzutage.) Warum sollte euch denn eine weitere Erkenntnis, ein tieferer Verstand vorenthalten werden? Und wie! O ihr Einwohner der berühmten und herrlichen Stadt Menschen-Seele, um besonders von euch selbst zu reden und euch ein Wort in Ohr und Herz hineinzusagen: Ihr seid kein freies Volk! Ihr werdet in Banden und Sklaverei gehalten, und das durch eine schauerliche Drohung, der nicht einmal ein vernünftiger Grund beigefügt ist, sondern es heißt mit dürren Worten: ›So will ich es haben; und so soll es sein!‹ Also bloß, weil euer Schaddai es will, sollt ihr nicht von einer Frucht essen, die euch den größten Gewinn bringen würde. Denn alsdann würden eure Augen aufgetan werden, und ihr würdet Göttern gleich sein. Und nun frage ich euch: Könnt ihr von irgendeinem Fürsten in größerer Knechtschaft und unter schmählicheren Banden gehalten werden, als die sind, unter denen ihr bis auf diesen Tag schmachtet? Gibt es denn eine größere Sklaverei, als in Blindheit hingehalten zu werden? Sagt euch nicht schon eure eigene Vernunft daß es besser ist, Augen zu haben, als sie zu entbehren? Und daß es besser ist, in Freiheit zu leben, als in einem finsteren verpesteten Kerker verschlossen zu sein?“ (Ps. 2, 1-4) Gerade als Diabolus die letzten Worte noch an Menschen-Seele richtete, legte Tisiphone auf den Hauptmann Widerstand an, während er am Tor stand, und verwundete ihn tödlich am Kopf, so daß er zum Entsetzen der Bürger und zur weiteren Ermutigung des Diabolus tot über die Mauer hinabstürzte. Nun freilich, da der Hauptmann Widerstand, der einzige rechte Kriegsmann in der Stadt, tot war, entfiel der armen Stadt Menschen-Seele vollkommen der Mut, ferner noch Widerstand zu leisten. Doch das war es gerade, was der Teufel wünschte. (Merke 1. Petr. 5, 9 und höre nicht auf den Teufel.)

Sofort trat Herr Einluller hervor, den ja der Teufel als seinen Redner mit sich gebracht hatte, und richtete folgende Ansprache an die Stadt Menschen-Seele: „Edle Bewohner von Menschen-Seele! Es macht meinen Herrn ganz glücklich, daß er heute an euch so ruhige und lernbegierige Zuhörer findet; und wir schmeicheln uns mit der Hoffnung, auch ferner bei euch so viel Einfluß zu haben, daß ihr am Ende doch wohl guten Rat nicht von euch stoßen werdet. Mein Herr hat eine sehr große Liebe zu euch; und obgleich er Gefahr läuft (wie er sich dessen sehr wohl bewußt ist), den ganzen Zorn des Königs Schaddai auf sich zu laden, so wird ihn doch die Liebe zu euch antreiben, noch mehr als dieses für euch zu tun. Ich brauche die Wahrheit seiner Aussagen nicht erst noch zu bekräftigen; jedes seiner Worte trägt den Selbstbeweis in sich. Der bloße Name des Baumes ist ja schon hinreichend, um alle noch übrigen Bedenken in dieser Sache wegzuräumen. Ich will daher für dieses Mal dem, was mein Herr schon gesprochen hat, unter seiner gnädigen Erlaubnis (bei diesen Worten machte er eine tiefe Verbeugung gegen Diabolus) für euch nur noch einen guten Rat hinzufügen: Erwägt seine Worte; seht den Baum an und die viel verheißende Frucht an ihm; vergeßt nicht, daß ihr bis jetzt noch so gut wie nichts wußtet, hier aber ist euch der Weg geöffnet, daß ihr sein werdet wie Gott und wissen, was gut und böse ist (1. Mose 3, 5). Und wenn sich eure Vernunft nicht überzeugen läßt, einen so guten Rat anzunehmen, so seid ihr die Leute nicht, für die ich euch hielt.“

Doch als die Stadtleute sahen, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß er eine Lust für die Augen und verlockend wäre, weil er klug machte (1. Mose 3, 6), so taten sie, wie jener alte verschmitzte Einrauner ihnen geraten hatte. Sie nahmen und aßen davon. Und jetzt, das hätte ich schon früher erzählen sollen, gerade jetzt, als dieser böse Einbläser sprach und seine verführerische Rede an die Bürger richtete, sank Herr Unschuld (sei es durch einen Schuß aus dem Lager des Riesen oder durch eine Ohnmacht, die ihn plötzlich befiel, oder durch den vergifteten Atem des vorhin erwähnten verräterischen Bösewichts, was ich für das Wahrscheinlichste anzunehmen geneigt bin) an dem Ort, wo er stand, nieder und konnte durch nichts wieder ins Leben zurückgerufen werden. So wurden diese zwei rechtschaffenen und tapferen Männer dahingerafft, denen ich ohne Bedenken diesen Titel beilege; denn sie waren die Zier und der Ruhm von Menschen-Seele, solange sie darin lebten. Aber ach, sie waren dahin, und nun blieb auch nicht ein einziger edler und tapferer Geist mehr in ihr übrig, der dem Diabolus hätte Widerstand leisten können. Alle Einwohner der Stadt benahmen sich nicht anders als wie Toren, die eines Narren Paradies gefunden haben. Von der verbotenen Frucht, die sie genossen hatten, wurden sie wie entzückt und berauscht und Betrunkenen gleich, öffneten alsbald in ihrem wilden Rausch beide Tore, das Augen- und Ohrtor, ließen Diabolus mit seinen Rossen und Banden einziehen und vergaßen ganz ihren guten König Schaddai, sein Gesetz und sein Gericht, das er mit feierlicher Drohung für alle Übertreter ans Gesetz gehängt hatte.

Einmal eingelassen, zog Diabolus in die Mitte der Stadt, um sich seiner Eroberung soviel als möglich zu versichern; und da er fand, daß sich gerade jetzt die Liebe und Zustimmung des Volkes ihm warm zuneigte, auch bedachte, daß es am besten sei zu schmieden, solange das Eisen noch warm ist, so hielt er eine zweite trügerische Rede an sie und sprach: „Ach, meine arme Menschen-Seele! Ich habe dir in der Tat diesen großen, unermeßlichen Dienst erwiesen, daß ich dich zu Ehren brächte und zu einem freien Volk machte. Aber ach, unglückliche Stadt! Welches Los wird dir jetzt beschieden sein! Niemals bedurftest du mehr eines tapferen Verteidigers zu deiner Sicherheit. Denn das ist gewiß, sobald Schaddai Kunde von dem Vorgefallenen erhalten wird, wird er gegen dich heranziehen. Es kann ihn ja nur schmerzen, daß du seine Bande zerrissen und seine Seile von dir geworfen hast (Ps. 2, 3). Was willst du nun tun? Könntest du es ruhig geschehen lassen, daß deine eben erlangte herrliche Freiheit dir gleich wieder entrissen würde? Wozu willst du dich entschließen?“

Da sprachen sie wie aus einem Mund zu diesem Dornbusch: „Du sollst unser König sein!“ (Richt. 9, 14). Mit triumphierender Freude hörte er es und - wurde der König von Menschen-Seele. Man übergab ihm nun zunächst ohne Umstände das Schloß (das Herz) und somit die ganze Macht und Kraft der Stadt. Diesen Palast hatte sich Schaddai einst zu seiner Freude als Lieblingsaufenthalt in Menschen-Seele erbaut. Und ach, jetzt wurde es ein Schlupfwinkel, eine Höhle und Lagerstätte für den Riesen Diabolus! Der aber hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als in seinen neuen Palast eine Garnison zu legen, alle möglichen Schanzen und Befestigungswerke aufzuführen, hinreichende Munition herbeizuschaffen und ihn so in einen neuen furchtbaren Verteidigungszustand zu versetzen gegen Schaddai und alle, die es versuchen sollten, ihn anzugreifen, damit das Seine in Frieden bleibt (Luk. 11, 21).

2. Kapitel

Diabolus beseitigt Schaddais Diener und Gesetz. An die Stelle beider setzt er seine Leute und sein Gesetz.

So weit war nun Diabolus gekommen, doch er hielt seine Herrschaft noch nicht für sicher genug. Das Nächste, was er daher tat, war, daß er eine vollkommene Umbildung der Stadt in ihren inneren Einrichtungen beschloß. Das führte er auch damit aus, daß er nach reiner Willkür einen erhob, den andern absetzte. Zuerst kam die Reihe an den Oberbürgermeister, Herrn Verstand, und an den Syndikus oder Registrator, Herrn Gewissen. Sie verloren ihr Amt und mit ihm alle Macht, allen Einfluß.

Der Herr Oberbürgermeister war zwar einer von denen gewesen, die mit den übrigen Bürgern von Menschen-Seele dafür gestimmt hatten, daß man dem Riesen den Zutritt in die Stadt gewähren wolle. Aber Diabolus fürchtete den Herrn Verstand doch, weil der immer noch ein hellsehender Mann war. Deshalb suchte er ihn nicht bloß dadurch unschädlich zu machen, daß er ihm sein Amt nahm; sondern er ließ auch einen hohen und starken Turm aufbauen, und zwar gerade zwischen die einfallenden Sonnenstrahlen und die Fenster des Palastes dieses Herrn, wodurch er ihm alles Licht raubte und sein Haus und alles um ihn her so finster machte wie die Finsternis selbst. Dadurch geschah es, daß der Oberbürgermeister, dem Licht ganz entfremdet, mit der Zeit wie einer wurde, der blind geboren ist. Dazu kam noch, daß er in dieses finstere Haus verbannt und wie in ein Gefängnis eingeschlossen wurde, auf sein gegebenes Wort sich auch durchaus nicht weiter als innerhalb seiner vier Pfähle ergehen durfte! Hätte er nun unter den beklagenswerten Umständen auch den besten Willen gehabt, sich um das Wohl von Menschen-Seele zu kümmern, wie hätte er es ins Werk setzen können? Und so war denn, solange Menschen-Seele unter der Macht und Regierung des Diabolus blieb (und sie blieb so lange unter ihm, als sie ihm gehorsam war), jener gefangen gehaltene und geblendete Oberbürgermeister mehr ein Hindernis als eine Hilfe für die einst berühmte Stadt Menschen-Seele.

Einschläferung, Verachtung und Verspottung des Gewissens als Folge des Sündenfalles

Was nun aber den Herrn Syndikus Gewissen betrifft , so war er, ehe die Stadt eingenommen wurde, in den Gesetzen seines Königs bewandert, dazu auch ein Mann von unbestechlicher Redlichkeit, frei und treu genug, die Wahrheit bei jeder Gelegenheit laut zu bekennen. Überdies war er beredt und gewandt im Ausdruck, und sein Kopf war stets erfüllt mit Scharfsinn und Urteil. Begreiflich, daß Diabolus diesen Mann unter keinen Umständen an seiner Stelle lassen konnte; denn obgleich jener auch seine Zustimmung zu seinem Einlaß in die Stadt gegeben hatte, konnte doch Diabolus, ungeachtet aller angewandten Schalkheit, List, Bestechung und Kunstgriffe, ihn nie ganz zu dem Seinen machen. Freilich war er von seinem vorigen König weit abgekommen, ja ihm fast entfremdet, fand auch an vielen Gesetzen sowie im Dienst für den Riesen großes Wohlgefallen; aber alles das genügte doch noch nicht, solange Herr Syndikus Gewissen nicht ganz sein willenloses Werkzeug geworden war. Der Registrator dachte doch immer noch dann und wann auch an Schaddai, und der Gedanke an dessen Gesetze jagte ihm einen Schrecken ein. Zu solchen Zeiten geschah dann wohl, daß er in einer Lautstärke gegen Diabolus sprach, die dem Brüllen eines Löwen glich! Ja zu gewissen Zeiten, wenn seine geistlichen Anfechtungen über ihn kamen (und es kamen oft solche schrecklichen Anfälle über ihn), erschütterte er die ganze Stadt Menschen- Seele durch seine Stimme aufs Tiefste und jagte ihr Furcht und Schreck ein (Hiob 33, 15-20). Diabolus fürchtete daher den Registrator Gewissen auch mehr als alle andern Einwohner der Stadt, die er am Leben gelassen hatte; und nachdem alle Versuche des Riesen, ihn ganz auf seine Seite zu bringen, fehlgeschlagen waren, ging sein ganzes Sinnen nur darauf hinaus, den alten Herrn durch allerlei Lüsternheit zu verführen, durch Schwelgerei seinen Geist abzustumpfen und sein Herz auf den Wegen des Hochmuts und der Eitelkeit zu verhärten. Und leider! gelang ihm dieser Versuch nur allzu gut. Diabolus zog den Mann allmählich immer tiefer in Sünde und Gottlosigkeit hinein, so daß er zuletzt nicht nur mit allen Lastern vertraut wurde, sondern auch fast alles Gefühl für Sünde und Unrecht verlor. Ja noch mehr, um ihn um alles Ansehen zu bringen, sann Diabolus darauf, die Bürger zu überreden, daß der Herr Syndikus wahnsinnig geworden sei, auf den man daher gar keine Rücksicht mehr zu nehmen habe. Und schließlich wies er auf die Anfälle, die jenem doch zuweilen noch kamen, recht geflissentlich hin und sagte: „Würde er denn nicht, wäre er bei rechten Sinnen, immer so handeln? Allein“, setzte er hinzu, „wie es so mit allen wahnwitzigen Menschen geht, sie haben ihre komischen Einfälle und Grillen. Dann faseln und phantasieren sie, wie man es jetzt gerade auch an diesem alten und kindisch gewordenen Herrn sieht!“ (Die Welt schilt die Gläubigen, deren Gewissen geweckt ist, Rasende, Verrückte.)

Durch solche und andere Mittel brachte er es denn gar bald dahin, daß alles, was der Herr Registrator Gewissen sagte, nicht besonderen verachtet wurde. Und nun hatte Diabolus bald auch noch andere Mittelchen an der Hand, um den alten Herrn vollends unschädlich zu machen. Er veranlaßte ihn, wenn er in heiterer Laune war, alles das zu widerrufen und zu leugnen, was er in seinen Anfällen beteuert hatte! Für König Schaddai sprach er nur noch, wenn er mit Gewalt zu einem Notschrei gezwungen wurde. Manchmal äußerte er sich sehr hitzig und scharf gegen ein Unrecht, und dann wieder beobachtete er über dieselbe Sache ein vollständiges Stillschweigen. Zuweilen schien er bloß in einem Schlummer, dann aber auch wieder in völligem Todesschlaf zu liegen, und dieses gerade zu Zeiten, wo die ganze Stadt Menschen- Seele in ihrem wilden Lauf der Eitelkeit nach dahinstürmte und nach der Pfeife des Riesen tanzte. Wenn nun auch zuweilen die Stadt Menschen-Seele, wie es früher Regel war, durch die Donnerstimme des Registrators in Furcht und Schrecken gesetzt wurde und sie Diabolus davon in Kenntnis setzte, so sagte der gewöhnlich: „Das, was der wunderliche Alte spricht, geht weder aus Liebe zu mir noch auch aus Mitleid gegen dich hervor, sondern weil er sich einmal auf eine närrische Weise in sein Schwatzen verliebt hat.“ Und so gelang es ihm, entstandene Unruhen immer wieder zu stillen, empfangene Eindrücke zu schwächen oder gar vergessen zu machen und alles wieder in Ruhe und Schlaf einzulullen. (Die Lüste des Fleisches ertöten die Stimme des Gewissens, und wenn sie sich einmal wieder erhebt, bringt sie der Spott der Welt und des Teufels bald wieder zum Schweigen.)

Demokratische Freiheitsreden des Satans

Und damit Satan keine Beweisgründe unversucht ließe, die unglückliche Stadt in völlige Sicherheit einzuwiegen, redete er sie so an: „O Menschen-Seele! Nimm es doch in ernste Erwägung, daß ihr, ungeachtet des Zornes des alten Herrn und seiner Feuer sprühenden, donnernden Reden, nie etwas von Schaddai selbst hört!“ - „Schweig, Lügner und Betrüger“, könnte man hier sagen, „ist nicht jeder Angstruf und Notschrei des Gewissens gegen die Sünde der Menschen-Seele die Stimme Gottes in ihr und an sie?“ - Doch erfuhr fort: „Ihr seht, weder die Empörung noch der Verlust von Menschen-Seele geht Schaddai sehr zu Herzen. Auch scheint er sich nicht die geringste Mühe geben zu wollen, seine Stadt dafür zur Rechenschaft zu ziehen, daß sie sich mir ergeben hat. Er weiß recht gut, daß, obgleich ihr ihm früher gehörtet, ihr doch jetzt mein recht- und gesetzmäßiges Eigentum seid. Überdies erwäge ja recht genau, meine liebe Stadt Menschen-Seele, wie ich zu deinem Besten alle meine Kraft angestrengt habe. Habe ich denn nicht alles aufgeboten, das Beste, das ich selbst hatte und in der ganzen Welt zu finden war, für dich herbeizuschaffen, um es deinem Dienst und Gebrauch zu weihen? Ja, ich darf kühn hinzusetzen, daß meine Gesetze, Einrichtungen und Gebräuche, deren ihr euch jetzt bedient und auf die hin ihr mir gehuldigt habt, euch mehr Trost und innerliche Befriedigung gewähren, als es das Paradies vermochte, das ihr anfangs besaßt! Wie ist eure Freiheit, was ihr mir selbst zugestehen müßt, durch mich so außerordentlich erweitert worden! Was für ein verdummtes, eng eingepferchtes Volk wart ihr, als ich zu euch kam! Ich habe euch keinerlei Zwang auf- noch Zügel angelegt. Ihr könnt kein einziges meiner Gesetze, Statuten oder Rechte namhaft machen, das euch einen Schrecken einzujagen vermöchte (1. Kor. 15, 32). Ich ziehe auch niemanden von euch zur Rechenschaft für eure Handlungen, außer jenen Narren. Ihr werdet schon wissen, wen ich meine (Gewissen). So habe ich einem jeden unter euch gestattet, wie ein Fürst zu leben in dem Seinen, ohne daß er sich über irgendeine belästigende Aufsicht von meiner Seite zu beschweren hätte, wie auch ich mir keinerlei Einschränkung von eurer Seite setzen lasse.“ (Satanischer Kontrast! Jes. 28, 15. 18.)

Ausbruch der Rebellion gegen das strafende Gewissen, das doch nicht gänzlich überwunden wird.

Durch solche und ähnliche Kunstgriff e stillte und beschwichtigte Diabolus die Stadt Menschen-Seele, wenn der Registrator ihr zuweilen scharf ins Gewissen redete und ihr beschwerlich fiel. Ja, mit solchen verfluchten Reden konnte er auch wohl die ganze Stadt so in Wut und Raserei gegen den alten Herrn Syndikus setzen, daß der gemeine Haufe sogar einige Male von seiner Ermordung redete! Der allgemeine Wunsch war wenigstens, daß er doch lieber tausend Meilen von ihnen entfernt leben möchte! Der Umgang mit ihm, seine Worte, sogar sein Anblick und namentlich die Erinnerung an frühere Zeiten, wo seine Drohungen sie mit Schrecken und Angst erfüllten, riefen die unangenehmen Gefühle hervor. Und doch vermochten die feindseligsten Umtriebe gegen ihn, ihn nicht gänzlich zu beseitigen, obgleich es mir in der Tat unbegreiflich ist, wie er unter diesen Gewalttaten noch am Leben erhalten werden konnte, wenn man es nicht der verborgenen Macht und Weisheit Schaddais zuschreiben müßte. Es kam freilich auch dazu, daß sein Haus wie eine starke Burg war und an einem sehr festen Teil der Stadt stand. Kam es nun auch, daß manchmal der Pöbel oder gemeine Haufe einen Versuch machte, ihn auf die Seite zu schaffen, so durfte er nur die Schleusen öffnen und solche Fluten hereinströmen lassen, daß alle Anstürmenden dahingerafft wurden. (Die Furcht vor Gottes Gericht bezähmt doch zuletzt die gewissenloseste Frechheit.)

Die Knechtschaft des Willens unter die Gewalt des Satans als Folge des Sündenfalles

Doch hier wollen wir die Erzählung über den Herrn Syndikus abbrechen und zu dem Herrn Freiwille übergehen, auch einer von Adel und Gewalt in der berühmten Stadt Menschen-Seele. Dieser Herr Freiwille war von so hoher Abkunft wie irgendein anderer in der Stadt und war so viel als ein Freiherr, wenn nicht noch mehr, da er viele andere an Vermögen, Einfluß und Macht überragte. Er besaß auch, wenn ich mich dessen recht erinnere, eine Menge Privilegien in der Stadt Menschen-Seele; war dabei ein Mann von großer Charakterstärke, fester Entschlossenheit und bewährtem Mut, der sich in seinen einmal gefaßten Entschlüssen nicht leicht irremachen ließ. Aber - wie es solcher Art von Leuten leicht ergeht - seine Vorzüge machten ihn stolz, und obgleich er doch eigentlich schon Statthalter in Menschen-Seele war, so wollte er noch mehr werden, und die Anerbietungen des Satans schienen ihm einen sichern Weg dazu zu öffnen. Als daher Diabolus seine Rede an dem Ohrtor hielt, war gerade dieser Mann immer der Erste, der seinen Worten Beifall zollte, seinen Rat als sehr heilsam empfahl und auf die Eröffnung der Tore und die Einlassung des Riesen in die Stadt drang. Diabolus hatte deshalb eine besondere Neigung zu ihm; und da er den Wert, die Tatkraft und Festigkeit des Mannes immer besser kennen lernte, wünschte er ihm einen Platz unter den Großen seines Reiches anzuweisen, damit die wichtigsten Staatsangelegenheiten durch seine Hand ausgeführt würden. So schickte er denn nach ihm und redete mit ihm über alles, was ihm schwer auf dem Herzen lag; und es bedurfte gar nicht vieler Überredung, um ihn ganz für sich zu gewinnen. Denn wie er anfangs entschieden dafür gestimmt hatte, daß Diabolus in die Stadt eingelassen werden sollte, so stellte er sich ihm nun ganz zu Diensten, nachdem er einmal drin war. Als aber der Tyrann die große Dienstwilligkeit dieses angesehenen Mannes bemerkte, so machte er ihn alsbald zum Kommandanten der Burg (Herz), zum Hauptmann über die Wälle (Fleisch) und zum Aufseher über die Tore (Sinne) von Menschen-Seele. Ja, es stand eine Klausel in seiner Bestallung: daß ohne seine Zustimmung nicht das Geringste in der Stadt Menschen-Seele geschehen sollte. Das hieß eben so viel: Herr Freiwille sollte der Nächste neben Diabolus sein und alles seinem Befehl gehorchen.

Sein Sekretär hieß Herr Gemüt, ein Mann, der bei jeder Gelegenheit redete wie sein Herr; denn er und sein Herr waren eins in ihren Grundsätzen, und in ihren Handlungen gingen sie auch recht wenig auseinander. Und dadurch wurde Menschen-Seele dahin gebracht, ja gezwungen, die Lüste des Willens und des Gemüts zu beschließen und dann auch wirklich zu erfüllen und zu vollbringen. (Ist der böse Wille zur Herrschaft gelangt, so stimmen ihm die Neigungen des Gemüts zu.)

Allein ich kann es gar nicht aus meinen Gedanken bringen, was für ein verzweifelt böser Mensch dieser Wille war, als er solche Macht in seine Hand gelegt sah. Schamlos leugnete er zuerst, daß er seinem früheren Fürsten und Landesherrn noch zu einigem Dienst verpflichtet sei (2. Mose 5, 2). Als das geschehen, leistete er einen Eid und schwur, seinem großen Herrn Diabolus in allem treu zu sein, worauf er denn in allen seinen Ämtern, Ehren, Freiheiten und Vorteilen bestätigt wurde. Und wer es nicht selbst mit angesehen und erlebt hat, kann sich doch davon keinen Begriff machen, was für seltsame Dinge nun dieser Geschäftsmann in der unglücklichen Stadt Menschen-Seele vornahm.

Der böse Wille ein Feind des Gewissens, des göttlichen Gesetzes und Urheber aller bösen Gedanken, bösen Lüste und alles Unheils

Zunächst zeigte er es in allerlei Schmähungen, daß er den Herrn Syndikus Gewissen bis auf den Tod haßte. Er konnte ihn nicht vor Augen sehen noch viel weniger ein Wort aus seinem Mund hören. Sah er ihn, so schloß er vor ihm die Augen, und hörte er ihn sprechen, so stopfte er sich die Ohren zu. Es war ihm auch ganz unerträglich, daß nur noch ein Bruchstück von den Gesetzen Schaddais bei irgendeinem in der Stadt vorhanden war. So hatte zum Beispiel sein Sekretär, Herr Gemüt, noch einige alte, zerrissene und abgenutzte Pergamentrollen vom Gesetz des guten Schaddai in seinem Haus (2. Kön. 22, 8). Als die aber Herr Wille erblickte, warf er sie alsbald verächtlich hinter seinem Rücken weg (Neh. 9, 26). Nun hatte zwar auch der Herr Syndikus noch einige jener Gesetze in seinem Studierzimmer; aber zu denen konnte Herr Wille, trotz aller angewandten Mühe, nicht gelangen. (Das Gewissen bewahrt noch immer einen Rest des göttlichen Gesetzes, auch hat das Wort Gottes nie ganz vertilgt werden können.) So sprach er auch oft die boshafte Ansicht aus, daß die Fenster am Haus des alten Herrn Oberbürgermeisters (Verstand) noch immer zu viel Licht für das Wohl der Stadt einließen. Nicht einmal das Licht einer Kerze konnte er ertragen! (Der böse Wille vertilgt alle göttliche Erkenntnis im Verstand. Eph. 4, 18.) Ja, es gefiel und behagte jetzt Herrn Wille gar nichts mehr, als was seinem Herrn Diabolus gefiel. Es gab keinen, der wie er in den Straßen die Ehrfurcht erweckende Person, die weise Regierung und die große Herrlichkeit des Königs Diabolus ausposaunt hätte. In diesen ungemessenen Lobsprüchen über seinen mächtigen und glorreichen Fürsten würdigte er sich selbst unter das verworfene Pöbelvolk in der Stadt (böse Gedanken) herab. Und wo er mit solchem Gelichter zusammentraf, da machte er sich mit ihnen augenblicklich gemein. Bei allen schlechten Streichen hatte er gewöhnlich die Hand mit im Spiel, wenn er auch dazu gar keinen Auftrag erhalten hatte, und richtete überall Unheil an, ohne daß es ihn jemand tun hieß.

Der Herr Wille hatte auch einen Geschäftsträger unter sich, und der hieß Herr Leidenschaft. Das war einer, der nicht bloß die ausschweifenden Grundsätze seines Herrn teilte, sondern das auch in seinem Leben und Wandel ausprägte. Man nannte ihn auch Böse- Lust. Nun begab es sich aber, daß er und eine gewisse Fleisches- Lust, die Tochter des Herrn Gemüt, sich ineinander verliebten (denn gleich und gleich gesellt sich gern). Sie verlobten sich und machten Hochzeit miteinander. Sie zeugten verschiedene Kinder, nämlich Unverschämtheit, Lästersucht und Tadel-Hasser. Diese drei waren schwarze Knaben. Außer diesen hatten sie aber auch noch drei Töchter, nämlich Wahrheitsverspottung und Gottesverachtung, der Name der Jüngsten aber war Rache. Alle diese verheirateten sich wieder in der Stadt und zeugten auch eine schlechte Brut, die wir keiner weiteren Erwähnung würdigen wollen.

Zerstörung des Ebenbildes Gottes

Als sich nun der Riese auf diese Weise in der Stadt behauptet und in Menschen-Seele nach eigener Willkür abgesetzt und erhoben hatte, wen er wollte, ging er an das Zerstören. Zunächst machte er sich an das Bildnis des hoch gelobten Königs Schaddai (1. Mose 1, 26), das auf dem Marktplatz und über den Toren des Schlosses stand, und zwar so überaus künstlich in Gold eingegraben war, daß es von allem, was damals in der Welt war, dem König am meisten glich. Er gab geradezu den boshaften Befehl, daß es vernichtet werde, was auf eine ebenso Gott lose Weise von einem gewissen Herrn Unwahrheit ins Werk gesetzt wurde. Ja noch mehr, ebenderselbe mußte auch zum großen Schimpf des früheren Königs und zur abschreckenden Erniedrigung der Stadt Menschen- Seele an Stelle jenes das scheußliche und erschreckende Bild des Diabolus aufrichten (Dan. 3). Dazu vernichtete auch Diabolus alle Überreste der Gesetze und Einrichtungen Schaddais, die nur in der Stadt Menschen-Seele gefunden werden konnten; gar nichts fand in seinen Augen Gnade, mochte es die Lehren der Moral oder auch nur des bürgerlichen und natürlichen Rechts betreffen. Kurz, nichts Gutes wurde in Menschen-Seele übrig gelassen (Röm. 7,18); denn Satans Absicht ging eigentlich dahin, mit Hilfe des Herrn Unwahrheit Menschen-Seele in ein Tier, ja in eine unreine Sau zu verwandeln. Um sie sich ganz dienstbar zu machen, ließ er daher seine eigenen, eitlen und verderblichen Verordnungen, Einrichtungen und Gebote an allen Orten, die zu dem Gebiet von Menschen- Seele gehörten, auch an allen Wegscheiden und Versammlungsplätzen bekannt machen. Und welche waren das? Lauter solche, die den Lüsten des Fleisches völlige Freiheit gewährten, der Augenlust und dem Hoffärtigen Leben dienten (1. Joh. 2, 16). Er übersah und ermutigte alle Bubenstücke und alle Gottlosigkeit und versprach denen, die seine Befehle treulich vollziehen würden, guten Frieden und alle Freude, und niemand sollte jemals für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden (2. Petr. 2, 12-15). Und dieses sollte ihnen ein Gefühl von Genuß und Überlegenheit vor denen geben, die in fernen Ländern eine andere Verfassung hatten.

Befestigung der Herrschaft des Satans

Da nun Menschen-Seele vollkommen auf seinen Wink achtete und ganz unter sein Joch gebracht war, so dachte der neue Beherrscher nur noch an die Erhaltung seiner Herrschaft. Er erwog bei sich, daß diese Stadt, ehe er gewaltsamen Besitz von ihr ergriff , die älteste und herrlichste in der ganzen Welt war, und es beschlich ihn doch die Furcht, daß, wenn er ihren Glanz und ihre Größe nicht zu erhalten suchte, die Bürger eines Tages gegen ihn sich erheben könnten, weil er sie beeinträchtigt und hintergangen habe. Die Stadt hatte ansehnliche Ämter sowie einen eigenen Oberbürgermeister und Syndikus gehabt. Diese hatte er abgesetzt, deshalb dachte er daran, ihr einen neuen Oberbürgermeister und Syndikus zu geben. Natürlich wählte er dazu nur solche Personen, die ihm gefielen und ganz in seine Absichten und Pläne eingingen. Der Name des neuen Oberbürgermeisters hieß Lüstling, ein Mann freilich, der an sich ebenso wenig wert war wie Diabolus selbst. Er schien weder Augen noch Ohren zu haben. Was er tat, sei es als Mann oder als Beamter, tat er nur aus natürlichen Trieben, wie es die unvernünftigen Tiere auch tun. Und was ihn noch verächtlicher machte, wenn auch nicht gerade vor Menschen-Seele in ihrem jetzigen Zustand, so doch vor denen, die den früheren Glanz der Stadt gesehen hatten, war, daß sich bei ihm auch nicht die geringste Liebe für das Gute entdecken ließ. Sein ganzer Sinn stand nur nach dem Bösen (Röm. 7, 5). Und ganz ihm ähnlich war der neue Syndikus, der Vergiß-Gutes hieß. Ein erbärmlicher Wicht. Nichts konnte er behalten als Gott lose Streiche und übte sie mit der größten Lust aus. Demzufolge ging sein ganzes Dichten und Trachten nur darauf, Unheil anzurichten und Dinge vorzunehmen, die der Stadt Menschen-Seele und allen ihren Einwohnern den größten Schaden brachten. Durch ihre einflußreiche Stellung, ihre Macht, ihr Beispiel und durch die Begünstigung alles Bösen verhalfen diese beiden dem gemeinen Volk erst recht auf lauter schädliche und schändliche Wege. Denn es ist ja eine bekannte Erfahrung, daß die, die an hoher Stelle sitzen, dabei aber Gott los sind, das ganze Land verderben (1. Kor. 5, 6).

Außer diesen bezeichnete Diabolus verschiedene hohe Personen, aus deren Mitte die Stadt nötigenfalls ihre Beamten und höheren Magistratspersonen wählen könnte. Die Namen der bedeutendsten unter ihnen hießen: Herr Unglaube, Stolz, Schwörer oder Flucher, Hurer, Hartherz, Unbarmherzig, Wut, Unwahrheit, Erzlügner, Falschfriede, Trunkenheit, Betrug und Atheist oder Gottesleugner; im ganzen dreizehn (1. Petr. 4, 3). Herr Unglaube war der Älteste und Herr Gottesleugner der Jüngste dieser sauberen Gesellschaft. Außerdem wurde noch eine Wahl gewöhnlicher Leute getroffen als Vögte, Amtsleute, Gerichtsdiener usw. Aber alle waren den Vorgenannten an Gesinnung ganz gleich und waren entweder deren Väter, Brüder oder Ne. en; doch mögen der Kürze wegen ihre Namen mit Stillschweigen übergangen werden. (Mit dem Verlust des Ebenbildes Gottes ziehen alle Laster und Sünden in die Seele ein.) Danach lenkte der Riese sein Augenmerk darauf, einige feste Plätze in der Stadt zu erbauen. So errichtete er drei Türme, die uneinnehmbar zu sein schienen. Den ersten hieß er Trotzfeste, weil er zur Beherrschung der ganzen Stadt angelegt war und zugleich so, daß er sie abhalten sollte, von ihrem alten König irgendeine Kenntnis zu erlangen. Dem zweiten gab er den Namen Mitternachtsfeste. Er sollte die Einwohner von Menschen-Seele von der wahren Selbsterkenntnis abhalten. Den dritten benannte er Sündenlust. Er bestimmte ihn dazu, Menschen-Seele gegen alle Sehnsucht nach dem Guten zu verhärten. Der erste dieser Türme stand dicht am Augentor, damit kein Licht in das Tor eindringt. Der andere war dicht an der alten Burg erbaut, damit sie auch ganz im Dunkeln bleibt. Und der dritte stand auf dem Marktplatz.

Der Befehlshaber, den Diabolus über die erste dieser Befestigungen setzte, war ein gewisser Gotthasser, ein elender, Gott lästernder Wicht, der einer von dem Gesindel war, das Diabolus gegen Menschen-Seele heraufgeführt hatte. Der Kommandant der Mitternachtsfeste hieß Lichthasser, auch einer von den im Beginn gegen die Stadt Heranstürmenden. Und der, dem die Bewachung der dritten Feste anvertraut wurde, der Feste Sündenlust, hieß Fleisches-Liebe, ebenfalls ein lasterhafter Geselle, doch nicht aus demselben Land, in dem die andern zu Hause waren. Dieser abscheuliche Mensch fand mehr Süßigkeit und Befriedigung, wenn er an einer oder der andern sündigen Lust saugte, als an der Herrlichkeit im Paradies Gottes. (Satan hindert den gefallenen Menschen an der Erkenntnis der Wahrheit, von der die Bekehrung ausgeht, durch Gottlosigkeit und böse Lust. 2. Thess. 2, 9-12.)

Nun erst, als Diabolus sein Werk wohlgefällig überschaute, hielt er sich für ganz sicher. Hatte er ja doch alles nur Mögliche zu dem Zweck getan. Er hatte Menschen-Seele eingenommen und sich durch eine starke Besatzung in ihr festgesetzt. Er hatte die alten Beamten ab- und neue eingesetzt. Er hatte das Bild Schaddais vertilgt, dagegen sein eigenes an dessen Stelle gesetzt. Er hatte die alten Gesetzbücher vernichtet und sie durch sein eigenes Machwerk der Lüge ersetzt. Er hatte sich neue Magistratspersonen und Ratsherren geschaffen und ins Amt gebracht. Er hatte sich neue Festungen gebaut und sie mit seinem Volk bemannt. Und alles das hatte er getan, um sich gegen einen etwaigen Überfall Schaddais oder gegen einen Angriff von dessen Sohn zu sichern.

3. Kapitel

Das Gerücht von dem traurigen Zustand der Stadt Menschen-Seele gelangt an den Hof Schaddais. Es werden Vorkehrungen zu ihrer Befreiung getroffen. Diabolus entwirft Gegenmaßregeln.

Die Kunde von dem entsetzlichen Auftreten des Diabolus in Menschen- Seele drang bald zu dem Hof Schaddais. Und das geschah nicht bloß in einzelnen Gerüchten, sondern es kamen Boten über Boten, die klaren und umfassenden Bericht darüber abstatteten, wie sich der abtrünnige Riese Diabolus der Stadt Menschen-Seele bemächtigt und welche schrecklichen Veränderungen er hier vorgenommen habe. Es wurden auch diese Berichte nicht in einer Privataudienz, sondern vor dem versammelten Hof in Gegenwart des Königs, seines Sohnes, seiner Minister, hohen Generäle und aller Edlen abgestattet. Alle Anwesenden ergriff ein unnennbarer Schmerz, auf allen Angesichtern prägte sich der tiefste Kummer aus über den beklagenswerten Fall der einst so berühmten Stadt. Nur der König und sein Sohn hatten das alles schon längst im Voraus gesehen (Apg. 4, 28) und auch genügend Bedacht auf die Wiederbefreiung ihrer Stadt Menschen-Seele genommen, obgleich sie nicht jedermann darüber Mitteilungen machten (Röm. 16, 25. 26). Doch auch sie beide stimmten mit ein in die tiefe Klage über das entsetzliche Elend von Menschen-Seele. In ergreifender Weise sprach der König: Es reue ihn, daß er die Menschen gemacht habe auf Erden, und es bekümmere ihn in seinem Herzen (1. Mose 6, 6). Und sein Sohn fühlte wie er, und alle sahen, wie lieb beide die Stadt hatten und welch ein Mitleid ihre Herzen bewegte. Und als sich beide in ihr geheimes Beratungszimmer zurückgezogen hatten, berieten sie sich von neuem über das, was sie schon längst beschlossen hatten (Eph. 1, 4). So gewiß der Fall von Menschen- Seele zugelassen sei, der sie in zeitliches und ewiges Verderben stürzen müsse, ebenso gewiß sollte sie auch wieder gerettet werden, und zwar auf eine Weise, durch die der König und sein Sohn sich einen ewigen Namen und Ruhm bereiten würden.

Der ewige Ratschluß Gottes zur Errettung der gefallenen Menschen durch den Sohn Gottes

Nach diesem Ratschluß wurde dann festgesetzt, daß der Sohn Schaddais die Wiedergewinnung der Stadt Menschen-Seele durchführen sollte. Es war aber dieser Sohn eine gar freundliche, liebe Erscheinung und einer, den jederzeit das zärtlichste Mitleiden mit denen bewegte, die in Not und Elend versunken waren, aber auch zugleich einer, der eine tödliche Feindschaft gegen Diabolus in seinem Herzen trug, weil er zur ewigen Krone und Würde bestimmt war, die ihm jener zu entreißen gesucht hatte. Dieser Sohn Schaddais versprach nun seinem Vater mit Mund und Hand, er wolle sein Knecht sein, ihm seine Menschen-Seele wiederzugewinnen. Bei diesem Entschluß wolle er bleiben, und es solle ihn in Ewigkeit nicht gereuen. Der Inhalt dieses Vertrags war aber: der Sohn des Königs sollte zu einer gewissen, von beiden festgesetzten Zeit eine Reise in das Land Erdboden antreten und dort auf dem Wege des Rechts und der Gerechtigkeit durch Wiedergutmachen der Torheiten von Menschen- Seele den Grund zu ihrer vollkommenen Errettung von Diabolus und seiner Tyrannei legen. Überdies entschloß sich Immanuel auch noch, zu einer gelegenen Zeit einen Krieg gegen den Riesen Diabolus zu führen, während dieser noch im vollen Besitz der Stadt Menschen-Seele wäre; und daß er ihn nachdrücklich durch die Kraft seiner Hand (dem Heiligen Geist) ganz aus seiner Festung treiben und diese für sich selbst zur Wohnung einnehmen wolle (Apg. 3, 20. 21). Nachdem dieses beschlossen war, wurde dem Herrn Oberstaatssekretär (dem Heiligen Geist) der Auftrag gegeben, einen genauen Bericht über die gefaßten Beschlüsse (die Heilige Schrift. 2. Petr. 1, 21) zu entwerfen und zu veranlassen, daß der Bericht überall bis an die Enden des Erdbodens bekannt gemacht wird, kurz etwa derart: „Kund und zu wissen allen Menschen, die dieses angeht, daß der Sohn Schaddais, des großen Königs, Kraft eines Bündnisses mit seinem Vater sich verpflichtet hat, seine Stadt Menschen- Seele wieder an ihn zu bringen. Ja durch die Macht seiner unbegrenzten Liebe will er diese Stadt in einen viel glücklicheren und seligeren Zustand versetzen, als der war, den sie vor Diabolus' Besetzung hatte.“

Dem Satan wurde gar nicht ganz wohl, als er diese Vorgänge erfuhr, denn er fürchtete doch sehr für sein Besitztum. Desto freudiger war die Bewegung am Hof des Königs Schaddai. Seine hohen Minister, Generäle und Fürsten, die um seinen Thron standen (die heiligen Engel), jauchzten vor Freude, besonders da sie hörten, daß auch sie bei der Ausführung des großen Werkes mit beteiligt werden sollten (Hebr. 1, 14). Alles erstaunte über den wunderbar herrlichen Plan, der zwischen ihm und seinem Sohn zur Errettung der elenden Stadt Menschen-Seele verabredet war. Sie priesen laut die Liebe und das Erbarmen, wovon das Herz des Königs und seines Sohnes zur Stadt Menschen-Seele erfüllt war. Und sie vermochten es nicht, diese überaus wichtigen Nachrichten für sich zu behalten. Ehe noch die Urkunden ausgefertigt waren, kamen sie schon herunter und erzählten es auf dem Erdboden und breiteten die Kunde aus (Dan. 9, 21-27; Matth. 1, 20-21; Luk. 2, 9-14).

Pläne des Satans gegen die Ausführung der heilsamen Ratschlüsse Gottes

Diabolus war unterdessen aber auch nicht untätig. Erst stand er wie vom Blitz getroffen da, doch nach kurzem Nachdenken ging aus seinem stolzen Herzen folgender Entschluß hervor. Unterdrückung des Evangeliums mit aller List und Bosheit. Erstens: Diese Neuigkeit, diese gute Botschaft muß, so viel nur immer möglich, von den Ohren der Einwohner der Stadt Menschen- Seele fern gehalten werden; „denn“, sagte er, „dringt die Kunde davon, daß Schaddai, ihr früherer König, und Immanuel, sein Sohn, die Befreiung und Beglückung der Stadt Menschen-Seele unter sich beschlossen haben, nur einmal erst zu ihnen, was kann ich dann anders erwarten, als daß sie mir den Gehorsam aufkündigen! Deshalb erneuerte er seine Schmeicheleien gegen Herrn Wille und gab ihm zugleich den strengsten Befehl, Tag und Nacht alle Tore der Stadt, besonders das Ohr- und Augentor, aufs Sorgfältigste zu bewachen.

„Denn ich höre von einem Vorhaben“, sagte er, „uns alle zu Verrätern zu erklären und Menschen-Seele in ihre frühere Sklaverei zurückzustoßen. Ich Hoffe, es ist nur ein Gerücht, eine lügenhafte Sage. (Satan versucht oft, Gott zum Lügner zu machen.) Trotzdem muß ich euch den strengsten Befehl geben: Laßt um keinen Preis solche Neuigkeiten in Menschen-Seele herein, damit das Volk nicht durch sie entmutigt wird. Denn ich denke, mein Herr, diese Nachrichten können für euch ebenso wenig erfreulich sein wie für mich. Wir müssen unsre ganze Weisheit und Sorgfalt aufbieten, allen diesen Gerüchten die Spitze abzubrechen, die nur unser Volk beunruhigen können. Deshalb verlange ich überall den strengsten Gehorsam. An jedem Tor muß bei Tag und Nacht unausgesetzt scharf Wache gehalten werden. Jeder Ausländer, der hierher kommt, um Handel unter uns zu treiben, muß angehalten, und wenn er sich nicht als ein entschiedener Anhänger unserer vortrefflichen Regierung ausweist, muß er zurückgeschickt werden. Ferner verordne ich“, fuhr Diabolus fort, „daß unaufhörlich Spione in der Stadt Menschen-Seele auf- und abgehen. Ihr werdet ihnen Vollmacht geben, diejenigen augenblicklich festzunehmen, ja selbst zu töten, die sie auf Schleichwegen und bei Meuterei gegen uns ertappen oder die es wagen, viel von Schaddais und Immanuels Absichten unter dem Volk zu plaudern.“

Diesem Befehl wurde natürlich sogleich Folge geleistet; denn Herr Wille war ja seines Herrn gehorsamster Diener, der auf jedes seiner Worte lauschte und seinem Befehl pünktlich nachkam. Mit allem nur möglichen Fleiß hielt er daher jeden an, der aus der Stadt nach dem Ausland wandern wollte, und wies jeden zurück, der es versuchte, jene hoch erfreulichen Nachrichten in Menschen-Seele hineinzubringen. (Verfolgung derer, die dem Evangelium anhangen. Joh. 16, 2. 3).

Erneuerung des Bündnisses mit dem Satan

Zweitens beschloß Diabolus, sich von der Stadt abermals huldigen zu lassen und sie durch einen furchtbaren Eid fest an sich zu ketten. Der Eid lautete so: „Niemals wollen die Bewohner der Stadt Diabolus oder seiner Regierung untreu werden, nie ihn verraten oder an seinen Gesetzen etwas ändern, sondern sie wollen ihm mit Leib und Seele ergeben sein, ihn bekennen als ihren rechtmäßigen König, jedermann zum Trotz und zur Fehde, der jetzt oder später unter irgendeinem Vorwand Ansprüche an die Stadt Menschen- Seele erheben würde.“ Er mochte sich vielleicht einbilden, Schaddai habe keine Macht, sie von solchem Bund mit dem Tod und solchem Einvernehmen mit der Hölle zu entbinden (Sach. 9, 10). Es hatte auch die törichte alberne Menschen-Seele dabei kein Bedenken, sie wurde nicht einmal stutzig über diesen ungeheuren, abscheulichen Eid; sondern sie schluckte alles unbesehen und ungekaut hinunter, so daß sie in den Schlund Satans hinabfuhren wie ein Hering in den geöffneten Rachen des Wals. Aber vielleicht wurden sie später bestürzt und betrübt über dieses Bündnis? Keineswegs. Im Gegenteil, sie rühmten sich dessen vielmehr, prahlten mit ihrer unerschütterlichen Treue und Ergebenheit an den Tyrannen, ihren vorgeblichen König, und schwuren hoch und teuer, daß sie ihren Sinn nie ändern, keine Wetterhähne seien und ihren alten Herrn um eines neuen willen verlassen würden. Und auf diese Weise fesselte denn Satan die arme Menschen-Seele fest an sich. Gewissenloseste und eifrigste Förderung aller Gottlosigkeit und Sündengreuel. 2. Petr. 2

Drittens ließ Satan durch die Hand eines gewissen Herrn Unflat, eines hassenswerten, lasterhaften, unkeuschen, viehischen Buben, eine Schrift aufsetzen (atheistische Bücher, schmutzige Romane, Lieder und Schauspiele) und an die Tore des Schlosses anschlagen, durch die er allen seinen getreuen Söhnen in Menschen-Seele Freiheit und Erlaubnis vergönnte, alles zu tun, wozu ihre wollüstigen Begierden sie nur immer reizen und treiben möchten, und daß niemand sie daran hindere, ja auch nur tadele und auf sie merke, bei der höchsten Ungnade ihres mächtigen Fürsten. Zu diesem Schritt bewogen ihn folgende Gründe:

  1. Die Stadt Menschen-Seele sollte immer schwächer und also auch desto unfähiger werden, die Wahrheit zu glauben und auf diese Erlösung zu Hoffen, wenn ja die Nachricht vom Ratschluß Gottes zu ihrer Erlösung zu ihnen dringen sollte; denn er wußte wohl, daß man denken würde: Je größer die Sünde, desto weniger Grund zur Hoffnung auf Barmherzigkeit.
  2. Sodann meinte Satan, daß Immanuel, der Sohn Schaddais, von der weiteren Verfolgung seines Plans abgeschreckt wird, wenn er sieht, wie die schauerlichen Wogen der Gottlosigkeit in Menschen-Seele auf- und niedergehen. Denn er wußte, daß Schaddai heilig ist und auch sein Sohn Immanuel, und hatte es selbst erfahren, wie sein Frevel, seine Empörung ihn aus des Himmels Glanz und von der höchsten Ehrenstufe zum schauerlichen Höllenpfuhl hinabgestürzt hatte. Daher sein Schluß: Um der Sünde willen wird es Menschen-Seele auch so gehen! Doch indem er fürchtete, es möchte auch dieser Knoten am Ende reißen, wollte er
  3. sich aus allen Kräften auch bemühen, alle Herzen in der Stadt Menschen-Seele glauben zu machen, Schaddai habe allein darum ein so mächtiges Heer ausgerüstet, daß er sie ganz dem Untergang weiht. Denn, dachte er, gelingt es mir, vorweg das auszusprechen, so wird dadurch der Eindruck aller nachfolgenden Nachrichten geschwächt werden. Hören sie auch, Immanuel käme nur, uns zu erlösen, so werden sie immer wieder denken: Nein! Er kommt nur, uns zu richten und zu verderben!

Deshalb rief er die ganze Stadt auf den Marktplatz zusammen und redete sie dort mit betrüglicher Zunge so an: „Meine Herren, die ich mit Stolz meine guten Freunde nenne, ihr wißt, daß ihr alle als Bürger der berühmten Stadt Menschen-Seele meine rechtmäßigen Untertanen seid, da ihr euch selbst mir zum Gehorsam übergeben habt. Ihr wißt ferner, wie ich mich, vom ersten Tag meines Verweilens bei euch bis auf den heutigen, unter euch bezeigt habe, welche Freiheiten und welche ausgedehnten Vorrechte ihr unter meiner Regierung genossen habt, und das ist, wie ich doch wohl Hoffen darf, jederzeit zu eurer und meiner Ehre wie auch zu eurer Zufriedenheit, Lust und Wonne ausgeschlagen. Jetzt aber, meine liebe Menschen-Seele, verbreitet sich draußen aller Orten ein beunruhigendes Gerücht, ein Gerücht von einer schauerlichen Heimsuchung, das mich um euretwillen mit der größten Besorgnis erfüllt.

Soeben habe ich vom Herrn Luzifer die Nachricht erhalten (und er ist jederzeit sehr gut unterrichtet), daß euer alter König Schaddai eine große Armee gegen euch ausrüstet, um euch mit Stumpf und Stiel zu vertilgen! Und das, liebe Menschen-Seele, ist der Grund, weshalb ich euch heute an diesem Ort zusammengerufen habe; ich will euch sagen, was in diesem kritischen Zeitpunkt zu tun ist. Ich meinesteils bin nur einer und kann mich mit großer Leichtigkeit aus der Schlinge ziehen, wenn ich so Pflichtvergessen sein könnte, nur auf meine eigene Rettung zu achten und meine liebe Stadt Menschen-Seele in der Gefahr stecken zu lassen! Allein mein Herz ist so fest mit euch verbunden, und ich habe so wenig Neigung, euch zu verlassen, daß ich vielmehr fest entschlossen bin, mit euch zu stehen und zu fallen, müßte ich bei diesem Wagestück auch meine ganze Existenz aufs Spiel setzen. Was sagst du nun, meine Menschen-Seele? Wollt ihr jetzt euren alten Freund verlassen, oder seid ihr entschlossen, treu zu mir zu stehen?“

Wie ein Mann und wie aus einem Mund schrieen darauf alle: „Ein Kind des Todes sei, der dir nicht treu bleiben wollte!“

Darauf fuhr Diabolus fort: „Nun ist es für uns vergeblich, ferner auf Gnade zu Hoffen, denn dieser König weiß nichts von Gnade. Möglich, daß, wenn er sich in einem Lager vor unserer Stadt niederläßt, er anfangs viel von Gnade spricht und auch den Schein annimmt, als wollte er sie wirklich gewähren, um mit desto leichterer Mühe sich wieder zum Meister von Menschen-Seele zu machen. Doch ich bitte euch, glaubt von alledem nichts; denn alle solche Redensarten sind nur darauf angelegt, uns zu überrumpeln, ja während wir uns in unserem eigenen Blut wälzen, uns zu Siegeszeichen seines erbarmungs- und herzlosen Triumphes zu machen. Wir müssen uns daher bis auf den letzten Mann verteidigen und uns auf gar keine Verhandlungen Einlassen; denn das wäre so ein Pförtchen, durch das er zu uns einschlüpfen könnte. (Wollte Gott, wir ließen uns auch niemals in irgendeine Verhandlung mit dem Teufel ein!) Wie? Sollten wir etwa für süßliche Schmeicheleien und Liebkosungen unser Leben aufs Spiel setzen? Ich darf von euch hoffen, daß ihr über die ersten Anfänge einer gesunden Politik so weit hinaus seid, daß ihr euch nicht auf eine so erbärmliche Weise behandeln lassen werdet. Doch gesetzt, es käme nun zur Übergabe und jener schenkte einigen aus der untersten Volksklasse in Menschen-Seele das Leben, was würde euch das helfen, ihr Häupter der Stadt, euch, denen ich zu Amt und Ehren verholfen habe und die ihr zu eurer Größe und hohen Stellung nur dadurch gelangt seid, daß ihr euch treu und fest zu mir hieltet? Aber selbst wenn er auch euch alle begnadigte, macht euch darauf gefaßt, er würde euch in dieselben oder noch härtere und schmählichere Ketten schmieden, als die waren, unter denen ihr früher seufztet. Und was wird euch dann euer Leben nützen? Träumt ihr, unter seinem eisernen Zepter ein solch gemächliches und zufriedenes Leben zu führen, wie ihr es jetzt bei mir genießt? Nein, nein! Ihr müßt euch dann wieder Gesetze auf den Hals legen lassen, die euch bis in die Seele hinein drücken, quälen, martern, daß der bloße Gedanke daran euch schon zum Entsetzen bringen muß. Wohlan denn, ich werde für euch stehen (Teufel, du lügst!), wie ihr für mich steht. Und ich denke, es ist rühmlicher, als Held im Kampf zu sterben, denn als Sklave unter einem erbärmlichen Joch zu leben. Doch ich behaupte dreist: Das Leben eines Sklaven wird man für Menschen-Seele noch für viel zu gut halten. Blut, Blut! Nichts als Blut!, ruft jeder Trompetenstoß aus dem Heer Schaddais gegen die arme Menschen-Seele! Ich bitte, ja beschwöre euch, nehmt es zu Herzen; denn ich höre, er ist bereits im Anmarsch. Auf denn! Und ergreift eure Waffen, damit ich euch, da ihr noch einige Muß e habt, mit den Künsten des Krieges ein wenig bekannt mache! Waffen habe ich für euch, wie ich sie allein gewähren kann. Sie sind hinreichend, um Menschen-Seele von Kopf bis Fuß mit ihnen auszurüsten. Und seid überzeugt, gürtet ihr sie nur recht fest um euch und lernt sie gehörig handhaben, so wird Schaddai mit aller seiner Macht gar nichts gegen euch vermögen. Kommt deshalb zu mir auf mein Schloß, wo ihr mir willkommen sein werdet, und wappnet euch für den bevorstehenden Krieg. Dort werdet ihr Helm, Brustharnisch, Schwert und Schild finden und was noch alles mehr, das euch in den Stand setzen wird, Männern gleich zu fechten.“

Satan vertauscht die Waffen des Herrn.

„Mein Helm ist die Hoffnung, es werde am Ende noch alles gut ablaufen, was für ein Leben man auch immer führen möge. Er ist der, den schon längst erprobt haben die, von denen geschrieben steht: ›Laßt niemand, der die Worte dieses Fluches hört, sich dennoch in seinem Herzen segnen und sprechen: Mir wird es wohl gehen, auch wenn ich wandle nach meinem verstockten Herzen, damit nicht fortgerafft werde das wasserreiche mit dem dürren Land!‹ (5. Mose 29,18). Wer dieses bewährte Stück Waffenrüstung hat und es festhalten kann, dem wird kein Bogen, Pfeil, Schwert und Spieß schaden. Darum, o Menschen-Seele, setze ungesäumt diesen starken Helm auf das Haupt!

Mein Brustharnisch ist ein eiserner Panzer. Ich ließ ihn in meinem eigenen Land schmieden, und alle meine Soldaten sind mit ihm bewaffnet (Off. 9, 9). Soll ich es geradeheraus sagen, es ist ein hartes Herz, ein Herz, so hart wie Eisen und so unempfindlich wie Stein (Hes. 2, 4). Wenn ihr dieses bekommt und behaltet, so wird euch weder Liebe noch Gnade gewinnen, noch auch das Gericht schrecken. Das ist ein Stück Waffenrüstung, fast noch notwendiger als das vorige, für alle, die unter meinem Banner gegen Schaddai streiten wollen. Mein Schwert ist eine Zunge, die von der Hölle entzündet ist, stets geneigt, Schaddai, seinen Sohn, seine Wege und sein Volk zu lästern (Ps. 57, 5; 64, 4; Jak. 3, 6). Gebraucht dieses Schwert; es hat sich tausend- und abertausendmal bewährt. Wer es hat, es festhält und recht gebraucht, der kann niemals von meinem Feind überwunden werden.

Mein Schild ist der Unglaube. Glaubt nur nichts, und wenn es auch noch so wahr schiene und sage es, wer auch immer. Vor allen Dingen ergreift diesen Schild! Viele Angriffe hat zwar Schaddai schon gegen ihn gerichtet und ihn auch zuweilen, das ist wahr, durchlöchert. Aber diejenigen, die von den Kriegen Immanuels gegen meine Anhänger geschrieben haben, mußten selbst bezeugen: Er konnte wegen ihres Unglaubens dort nicht größere Werke tun (Mark. 6, 5. 6).

Gebraucht nun diese Waffe recht! Redet Schaddai vom Gericht, so macht euch darum keine Sorge, sprecht nur immer: Es ist Friede, es hat keine Gefahr (Jer. 8, 11)! Redet er von Gnade und Erbarmung, achtet es nicht!

Verspricht er euch, ja schwört er euch zu, daß er keinen Gefallen an eurem Tode habe, sondern daß ihr leben sollt, wenn ihr euch nur wieder zu ihm kehrt (Hes. 33, 11), schlagt es in den Wind, verachtet es, denn es ist nicht wahr! Das heißt den Schild des Unglaubens recht schwingen, wie es meinen Gefolgsleuten geziemt und wie sie es auch tun. Wer anders handelt, liebt mich nicht, und ich muß ihn für meinen Feind halten.

Auch merkt, wenn Schaddai noch so freundlich mit seiner Gnade euch begrüßen wollte, die Antwort sei ein stummer Gegengruß, ein Gruß, der es unter seiner Würde hält, um Gnade zu flehen. Was? Um Gnade und Vergebung rufen? Verfallt nimmer in solche Torheit, solange ich euch meine tapferen Streiter nennen soll. Ich weiß, ihr seid tapfere, unverzagte Männer, und ebenso bin ich dessen gewiß, daß ich euch mit bewährten Waffen ausgerüstet habe. Drum denkt auch nie daran, Schaddai um Gnade anzuflehen. Überdies habe ich noch Streithämmer, Feuerbrände, Pfeile und den Tod, lauter gute Handwaffen, mit denen man alles ausrichten kann.“

Nachdem Diabolus seine Leute auf diese und andere Weise mit Schutz- und Trutzwaffen ausgerüstet hatte, brachte er ihnen noch einmal in Erinnerung, wie er ihr rechtmäßiger König sei, dem sie Treue geschworen, welche Liebe und Freundschaft sie von ihm erfahren, noch dazu ohne ihr Bitten; wie ihre ganze Lage durch ihn so glückselig geworden; welche Vorrechte, Freiheiten, Vorteile und Ehren sie von ihm erlangt, und wie er zum Dank nun von ihnen erwarte, daß sie mit Löwenmut ihre Treue gegen ihn bewähren werden, jetzt, wo ihm seine Herrschaft über sie streitig gemacht werde. „Nur noch ein Wort“, schloß er. „Wenn wir nur diesen einen Stoß und Anprall aushalten, so habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß die ganze Welt in kurzer Zeit uns als unser Eigentum zu Füßen liegt. Und bricht dieser Tag an, meine teuren Herren, dann will ich euch zu Königen, Fürsten und Hauptleuten machen; und O!, welche glücklichen, seligen Tage werden dann auf uns warten!“

Unbeschränkte Herrschaft des Teufels über die Ungläubigen und Gottlosen

Diabolus hatte jetzt sein Hauptgeschäft beendet, er hatte seine Diener und Gefolgsleute in Menschen-Seele zur Gegenwehr gegen ihren guten und rechtmäßigen König im Voraus gerüstet und stark bewaffnet und ihnen alles Vertrauen zu Schaddai geraubt. Sein nächster Schritt war, daß er die Wachen an den Toren der Stadt verdoppelte und sich dann nach der Burg, seinem festesten Stadtteil, zurückzog. Seine Lehnsleute aber, um ihren guten Willen zu zeigen und ihrem Herrn eine Höflichkeit (obgleich eine höchst unedle) zu erweisen, übten sich täglich in den Waffen und lehrten einander die Kriegskunst. So trotzten sie ihren Freunden und sangen Siegeslieder zum Lob ihres Tyrannen. Auch Drohworte stießen sie aus, wie sie sich als Männer zeigen würden, wenn es wirklich dahin käme, daß ein Krieg zwischen Schaddai und ihrem jetzigen König ausbricht.

4. Kapitel

Schaddai sendet eine auserlesene Armee gegen die Stadt ab. Diabolus zittert und sinnt auf Verteidigung.

Während allen diesen Vorgängen rüstete der gute König Schaddai das Heer aus, das er aussenden wollte, um die Stadt Menschen- Seele vom Joch ihres vorgeblichen Königs Diabolus zu befreien. Doch er hielt es für das Beste, das Heer nicht gleich unter Führung seines Sohnes Immanuel, sondern zunächst nur unter dem Befehl anderer Heerführer auszusenden, um zu erforschen, ob Menschen-Seele durch sie vielleicht zum Gehorsam gegen ihren König wiedergewonnen werden kann. Diese Armee bestand aus mehr als vierzigtausend, lauter treue und bewährte Leute, denn sie kamen von des Königs eigenem Hof und waren nach seiner eigenen Wahl.

Gott schickt seine Prediger samt den Gläubigen mit dem Wort Gottes aus, um den Kampf gegen Satans Reich zu eröffnen.

Das Heer zog hin nach Menschen-Seele unter dem Befehl von vier tapferen Generälen. Diese vier Heerführer stellte der König auch sonst bei allen seinen Kriegen in die vorderste Linie; denn er wußte, daß sie tapfere, handfeste Männer waren, die sich nach allen Seiten hin mit dem Schwert in der Hand Bahn zu brechen verstanden. Ihre Mannschaft war ihnen ganz gleich. Einem jeden von ihnen übergab der König eine Fahne, die vor der Stadt entfaltet werden sollte, teils um seine wohlwollende Absicht gegen die Stadt, teils auch sein Recht, das er an Menschen-Seele hatte, offen zu enthüllen.

Der erste Hauptmann hieß Boanerges (Donnerskind, Mark. 3, 17). Er war überhaupt der oberste Feldherr und erhielt zehntausend Mann unter seinen Befehl. Sein Fahnenträger war Herr Donner, der die schwarze Farbe trug, und sein Wappenschild waren drei brennende Donnerkeile. Der zweite Anführer war Hauptmann Überzeugung, unter dessen Befehl auch zehntausend Mann gestellt waren. Sein Fahnenträger hieß Herr Kummer, der eine Fahne von blassen Farben trug, und das Wappen auf seinem Schild war das weit geöffnete Gesetzbuch, von dem eine Feuerflamme (5. Mose 32, 22) hervorbrach. Der Name des dritten Anführers war Gericht. Auch ihm waren zehntausend Mann beigegeben, und der Name seines Fahnenträgers war Herr Schrecken. Er trug eine rote Fahne, und sein Wappen war ein brennender Feuerofen (Matth. 13, 40-42). Der vierte Befehlshaber war Herr Ausführung. Er befehligte zehntausend Mann. Sein Fahnenträger war ein gewisser Herr Gerechtigkeit, der ebenfalls die rote Farbe trug, und sein Wappenschild stellte einen unfruchtbaren Baum vor, dem die Axt schon an die Wurzel gelegt war (Matth. 3, 10). (Die vierfache Wirkung des Predigtamts.)

Bevor nun das ganze Heer ins Feld rückte, versammelte der König seine Streitkräfte auf einen bestimmten Tag, prüfte alles genau, nannte alle bei ihren Namen und legte einem jeden einen solchen Harnisch an, der mit dem bevorstehenden Dienst für den König im Einklang stand (Eph. 6, 10-17).

Nach geschehener Musterung gab der König in Gegenwart aller Soldaten den Feldhauptleuten ihre verschiedenen Verhaltensbefehle und schärfte ihnen ein, sie treu und tapfer zu befolgen. Ihre Vollmachten waren dem Wesen nach in der Form alle gleich, obschon sich hinsichtlich der Namen, Titel und Grade der Anführer ein geringer Unterschied fand. Was der König zu Boanerges sagte, das war den Übrigen auch gesagt. So hieß es in seinem Befehl: „O Boanerges, Sohn des Donners, hervorleuchtend an Mut und unwiderstehlicher Kraft unter meinen Hauptleuten, die wie ein rollender Donner daherfahren, gesetzt über zehntausend meiner starken und treuen Knechte, ziehe aus mit dieser Macht in meinem Namen gegen die verblendete Stadt Menschen-Seele. Und wenn du dort angekommen bist, so biete ihnen zuerst Friedensvorschläge an und befiehl ihnen, daß sie sich mir, ihrem rechtmäßigen König, wieder unterwerfen und das Joch und die Tyrannei des schändlichen Diabolus abschütteln. Schärfe ihnen besonders ein, daß sie sich reinigen von all dem, was sein ist in Menschen-Seele, und sieh wohl darauf, daß dir sichere Bürgschaft gegeben wird, daß mir die Stadt in Wahrheit gehorsam ist. Hast du dergestalt deinen Befehl an sie ausgerichtet und sie zeigen Aufrichtigkeit in ihrer Unterwerfung, so biete alles auf, was in deiner Macht steht, eine hinlängliche Besatzung in die Stadt zu legen, die mir den Besitz der Stadt sichert. Nimm dich aber in Acht, daß du nicht dem allergeringsten Einwohner, der sich in der Stadt befindet, das mindeste Leid erfahren läßt, wenn er sich mir unterwirft. Behandle ihn vielmehr, als wäre er dein Freund und Bruder (1. Thess. 2, 7-11); denn jeder, der so steht, ist mir lieb und wert. Deshalb magst du ihnen auch mitteilen, daß ich zu einer bestimmten Zeit selbst zu ihnen kommen werde, um sie meine Barmherzigkeit erfahren zu lassen (5. Mose 4, 31). Sollten sie aber, ungeachtet deiner Aufopferung und der Vorzeigung deiner Vollmacht, dir Widerstand leisten, ja gar in feindseliger Absicht sich gegen dich erheben wollen, dann befehle ich dir, alle deine Kunst und Macht aufzubieten, sie zu überwältigen und sie deine starke Hand fühlen zu lassen. Ziehe hin in Frieden.“ Nachdem ein jeder Befehlshaber seinen Befehl aus der Hand des Königs empfangen hatte, auch der allgemeine Sammelplatz bestimmt war, erschien ein jeder in solchem Waffenschmuck und Glanz, wie es mit der hohen Bedeutung seines Amtes und seiner Berufung im Einklang stand. Schaddai gab ihnen noch ein besonderes Abschiedsmahl, und mit fliegenden Fahnen setzten sie sich in Marsch gegen die berühmte Stadt Menschen-Seele. Feldhauptmann Boanerges oder Erschütterung führte den Vortrab, die Hauptleute Überzeugung und Gericht die Mitte und Hauptmann Ausführung den Nachtrab. Da sie aber einen sehr weiten Weg zurückzulegen hatten (denn die Stadt Menschen-Seele lag sehr fern vom Hof Schaddais, Eph. 2, 13), so marschierten sie natürlich durch viele Gegenden und Länder der verschiedensten Völker; und niemand taten sie das geringste Leid, überallhin brachten sie vielmehr Segen. Sie lebten zudem auf ihrem ganzen Weg nur auf ihres Königs Kosten. Nachdem sie manche Tagereise zurückgelegt hatten, erblickten sie endlich die Stadt Menschen-Seele. Und die Hauptleute vermochten eine ganze Weile lang nichts anderes zu tun, als aus tiefstem Schmerz ihres Herzens den traurigen Zustand der Stadt zu beweinen. Denn sie gewahrten nur zu bald, wie sie dem Willen des Diabolus vollkommen unterworfen war.

Dann aber führten sie ihre Krieger sogleich gegen das Ohrtor (denn das war der Ort, wo man allein unterhandeln konnte) und schlugen da ein Lager auf. Und nachdem sie ihre Zelte aufgebaut und Laufgräben ausgehoben hatten, schickten sie sich zum Angriff an.

Satan fürchtet die Predigt des Evangeliums und sucht ihre Wirkung vorweg zu hindern, indem er durch seine lügnerischen Reden die Sünder in Angst setzt und sie zur Wut entflammt. Jer. 17, 9; Apg. 19, 23. 33

Der ungewohnte Anblick einer so ausgezeichneten, vortrefflich ausgerüsteten und eingeübten Heeresmacht, bei der sich auch bei näherer Betrachtung die strengste Kriegszucht herausstellte (auch die Welt muß das wohl geordnete Leben der Gläubigen achten), lockte durch ihre glänzenden Waffenrüstungen und flatternden Fahnen die neugierigen Bürger aus ihren Häusern hervor, um sie anzustaunen. Doch der alte listige Fuchs Diabolus fürchtete, daß das Volk, durch diesen Anblick bestochen, bei einer etwaigen Aufforderung der Hauptleute diesen plötzlich die Tore öffnen könnte, eilte in aller Hast vom Schloß herab, trieb jene in das Innere der Stadt zurück und richtete hier folgende lügenhafte und trügerische Rede an sie: „Edle Bürger! Obgleich ihr meine vertrauten und geliebten Freunde seid, so kann ich doch nicht umhin, euch wegen eurer letzten unvorsichtigen Handlung etwas zu schelten, da ihr hinausgegangen seid, die große und mächtige Armee anzugaffen, die sich erst gestern vor der Stadt niedergelassen, jetzt aber schon Laufgräben aufgeworfen hat, um eine förmliche Belagerung gegen die berühmte Stadt Menschen-Seele in Gang zu bringen. Wißt ihr denn auch, wer sie sind, woher sie kommen und was sie wollen? Es sind eben die, von denen ich euch schon längst im Voraus gesagt habe, daß sie kommen werden, um diese Stadt zu zerstören (du lügst, Satan!). Es sind dieselben, gegen die ich euch auf meine Kosten von Kopf bis Fuß ausgerüstet und bewaffnet und euch Stärke verliehen und guten Mut zugesprochen habe. Warum habt ihr nicht vielmehr bei ihrem ersten Anblick den Ruf erhoben: Zündet die Wachfeuer an! Laßt Lärm schlagen in der ganzen Stadt, damit sie in gehörigen Verteidigungszustand gesetzt und den Feinden Trotz geboten wird? Dann hättet ihr euch doch als brave Männer gezeigt, mir gleich und meiner würdig. So aber habt ihr mich durch euer kindisches Betragen, ich darf es wohl sagen, halb furchtsam gemacht, daß ihr beim beginnenden Kampf wie feige Memmen dastehen, den Mut verlieren und den Sieg weggeben werdet. Warum habe ich euch Wachsamkeit so ernstlich eingeschärft und euch befohlen, die Wachen an den Toren zu verdoppeln? Habe ich euch vergeblich so hart wie Eisen gemacht und euer Herz wie den untersten Mühlstein? Geschah es dazu, daß ihr euch als Weiber zeigt und wie eine Schar unschuldiger, harmloser Tröpfe hinauslauft, um eure Todfeinde anzugaffen? Pfui! Schämt euch! Gleich rührt die Trommel, tretet nach Kriegsmanier an, damit unsere Feinde, sollten sie auch die Stadt erobern, doch wenigstens erfahren, daß es noch streitbare Männer in Menschen-Seele gibt! Ich will euch nicht länger tadeln, aber noch einmal schärfe ich euch ein, daß ihr dergleichen nicht mehr tut. Von heute an soll, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis, niemand mehr wagen, den Kopf über die Stadtmauer zu heben. Ihr habt jetzt meine Worte gehört. Tut nun nach meinem Befehl, daß ich sicher unter euch leben und wohnen, für euch sorgen und auf meine wie eure Sicherheit und Ehre Acht haben kann. Lebt wohl.“

Jetzt wurden die Bürger merkwürdigerweise ganz anderer Gesinnung. (Wer auf den Satan hört, wird bald irre.) Sie glichen Menschen, die von einem panischen Schrecken ergriffen werden, und liefen mit dem Geschrei in den Straßen von Menschen-Seele auf und ab: „Helfet, helfet! Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind hierher gekommen“ (Apg. 17, 6). Und immer von neuem liefen sie wie wahnsinnige Menschen mit dem Geschrei umher: „Die Zerstörer unseres Friedens und Volkes sind gekommen.“ Das gefiel dem Diabolus sehr. „Ach“, sprach er zu sich selbst, „so habe ich es gern. Jetzt geht es, wie ich es schon längst gewünscht habe. Nun zeigt ihr euren Gehorsam gegen euren Fürsten. Bleibt euch nur selbst treu, und dann laßt sie die Stadt einnehmen, wenn sie können.“

5. Kapitel

Die Stadt wird zur Übergabe aufgefordert, die aber Diabolus verhindert. Gott wird nicht müde, durch treue Prediger den verstockten Sündern seine Gnade anzubieten.

Kaum drei Tage hatte das königliche Heer vor der Stadt gelegen, als auch schon der Feldherr Boanerges seinem Trompeter befahl, sich nach dem Ohrtor hinabzubegeben und da im Namen des großen Königs Schaddai die Stadt aufzufordern, die Botschaft anzuhören, die er ihr in seines Herrn Namen zu überbringen habe (2. Tim. 4, 1. 2). Demzufolge ging der Trompeter mit Namen Horch auf zum Ohrtor und stieß dort in seine Trompete, daß ihm Gehör gegeben werde. Doch es erschien niemand, der Antwort gegeben oder auch nur Acht darauf gehabt hätte. Denn so hatte es freilich Diabolus befohlen. Es blieb daher dem Trompeter nichts übrig, als zu seinem Feldherrn zurückzukehren, ihm zu erzählen, was er getan und wie wenig er habe ausrichten können. Über diese Nachricht war der Befehlshaber betrübt, ließ aber den Trompeter in sein Zelt gehen. Wiederum sandte der Feldoberste Boanerges seinen Trompeter an die Ohrenpforte hinab, sich Gehör zu verschaffen; doch wiederum kamen die Städter nicht hervor, noch weniger gaben sie ihm eine Antwort; so getreu kamen sie dem Befehl ihres Königs Diabolus nach. Jetzt traten die Befehlshaber mit den übrigen Offizieren zu einem Kriegsrat zusammen, um zu besprechen, was ferner zu tun sei. Und nach einigen gründlichen Erörterungen über den Inhalt ihrer Vollmachten beschlossen sie, die Stadt noch einmal au. ordern zu lassen. Doch wenn auch das fruchtlos wäre, sollte der Trompeter den Einwohnern ankündigen, die Heerführer würden alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel anwenden, die Stadt dem Zepter ihres rechtmäßigen Königs wieder zu unterwerfen (Luk. 14, 23. 24). So befahl denn Feldhauptmann Boanerges seinem Trompeter zum dritten Mal, sich nach dem Ohrtor zu begeben und die Stadt dort im Namen des großen Königs Schaddai laut und nachdrücklich aufzufordern, ohne Verzug zu dem genannten Tor herabzukommen und den Generälen des Königs Gehör zu geben. Der Trompeter tat, wie ihm befohlen war: Durch laute Posaunenstöße forderte er Menschen-Seele zum dritten Mal zum Aufmachen auf, wobei er auch die Drohung laut werden ließ: Sollten sie noch immer kein Gehör geben, so würden die Feldherren seines Königs sie mit Gewalt zu ihrem schuldigen Gehorsam zurückbringen.

Die verstockten Sünder werden nicht müde, die Botschaft des Heils zu verachten.

Da erhob sich endlich Herr Wille, der als Gouverneur der Stadt auch zugleich die Aufsicht über die Tore führte (wir lernten ihn oben schon als einen Abtrünnigen kennen). Mit trotzig groben und rauhen Worten fragte er daher den Trompeter, wer er wäre, woher er komme und aus welchem Grund er ein so entsetzliches Getöse an dem Tor erhoben, sich auch erlaubt habe, solche unerträglichen Reden gegen die Stadt Menschen-Seele auszustoßen? (Jes. 1, 14). Der Trompeter antwortete: „Ich stehe im Dienst des Feldherrn Boanerges, Befehlshaber der gesamten Streitmacht des großen Königs Schaddai, gegen den du mit der ganzen Stadt Menschen-Seele dich so schändlich empört hast. Mein Herr, der Feldhauptmann, hat aber einen besonderen Auftrag an die ganze Stadt und auch an dich als ihren Bürger. Wollt ihr diese Botschaft mit Frieden annehmen, so ist es gut; wo nicht, so müßt ihr vorlieb nehmen mit dem, was folgen wird.“ Darauf erwiderte Herr Wille: „Ich will deine Worte meinem Herrn überbringen und hören, was er dazu sagen wird.“ (Joh. 8, 44. Befrage den Teufel nicht!)

Aber der Trompeter sprach: „Mit unserer Botschaft sind wir nicht an den Riesen Diabolus, sondern an die beklagenswerte Stadt Menschen- Seele gewiesen. Deshalb werden wir uns auch gar nicht um das kümmern, was er für sich antwortet oder ein anderer in seinem Namen vorbringt. Wir sind zu dieser unglücklichen Stadt gesandt, um sie aus seiner grausamen Tyrannei zu befreien und sie, wenn möglich, durch Güte dahin zu bringen, daß sie sich wieder ihrem allerhöchsten König Schaddai, dem sie von Rechts wegen gehört, unterwirft.“ Als Herr Wille das vernommen, sprach er ausweichend: „So kann ich deine Botschaft der Stadt überbringen.“ Doch der Trompeter erwiderte: „Herr, meint nicht, uns zu täuschen, ihr betrügt euch dadurch nur selbst. Wißt, wenn ihr euch auf friedlichem Weg nicht unterwerft, so sind wir fest entschlossen, euch mit Gewalt dem König unterwürdig zu machen. Und das nehmt zum Zeichen: Ihr werdet dort auf jenem Berg die schwarze Fahne mit ihren feurig brennenden Donnerkeilen aufgepflanzt sehen.“

Damit war die Unterredung aus. Herr Wille kehrte von der Mauer nach Hause zurück und der Trompeter ins Lager und stattete der Versammlung der Feldherren und den andern Offizieren des großen Königs Schaddai Bericht über den Erfolg seiner Sendung ab (Luk. 14, 21). „Wohlan“, sprach darauf der tapfere Boanerges, „lasset uns noch eine Zeit lang warten, was die Rebellen tun werden.“

Die Zeit verstrich jedoch, in der die Stadt dem tapferen Boanerges und seinen Kriegsgefährten eine bestimmte Antwort hätte geben sollen. (1. Thess. 5, 3. Heut lebst du, heut bekehre dich!) Da erteilte Boanerges denn den Befehl, alle Kriegsleute im ganzen Lager sollten wie ein Mann unter die Waffen treten und sich bereithalten. Und mit Tagesanbruch stießen alle Trompeter in ihre Posaunen und gaben durch das ganze Lager den Kriegern das Zeichen. Als aber die in der Stadt das Schmettern der Trompeten im Lager des Königs Schaddai hörten, glaubten sie, es wäre ein Zeichen zum Sturm, und gerieten für den Augenblick in Bestürzung. Bald aber erholten sie sich von ihrem Schrecken und trafen alle nur erdenklichen Anstalten zu ihrer Sicherheit, wenn es wirklich auf einen Sturm abgesehen wäre. Doch war nun der äußerste Termin abgelaufen, wo die Antwort erfolgen mußte. Boanerges sandte deshalb seinen Trompeter abermals ab, sie zu fordern. Der ging und blies, und die Bürger strömten herzu, aber nicht um zu hören, sondern das Ohrtor (Ps. 95, 7. 8) fester zu verrammeln! Als sie dann endlich auf der Zinne der Mauer erschienen, verlangte General Boanerges den Herrn Oberbürgermeister zu sprechen. Zu dieser Zeit bekleidete aber Herr Unglaube dieses Amt, der an die Stelle des Herrn Lüstling getreten war.

Unglaube stieg daher hinauf und zeigte sich oben auf der Mauer. Sobald ihn aber Feldhauptmann Boanerges erblickt hatte, sprach er: „Mit dem habe ich nichts zu tun! Wo ist Herr Verstand, der alte Oberbürgermeister der Stadt? An den geht mein Wort.“ In diesem Augenblick nahm der Riese das Wort (denn Diabolus war auch herabgekommen) und sprach zum Feldhauptmann: „Herr General, Ihr habt in Eurer Dreistigkeit wenigstens schon viermal die Aufforderung an Menschen-Seele ergehen lassen, sich eurem König zu unterwerfen. Aus wessen Vollmacht Ihr das tut, weiß ich nicht, will mich auch darüber jetzt mit Euch in keinen weiteren Streit einlassen. Ich verlange nur kurzen Bescheid über den Grund alles dieses Lärmens, was das ganze Wesen bezwecken soll, falls Ihr Euch darüber selbst schon klar geworden seid!“ Die Diener Gottes halten an mit Ermahnen, Bitten und Drohen. Der Feldoberste Boanerges, dessen Farbe ja die schwarze war und der in seinem Wappenschild die drei brennenden Donnerkeile trug, beachtete die Rede des Riesen gar nicht. (Knechte Gottes kümmern sich um das Einreden des Teufels nicht.) Aber zu der Stadt sprach er: „Es sei dir kundgetan, du unglückliche und aufrührerische Stadt Menschen-Seele, daß der allergnädigste König, der große König Schaddai, mein Gebieter, mich mit dem Befehl an dich gesandt hat (bei diesen Worten zeigte er der Stadt sein großes Siegel, denn Diener Gottes müssen das Siegel des Heiligen Geistes haben. 2. Kor. 1, 21. 22), dich wieder zum Gehorsam gegen ihn zurückzuführen. Und befohlen hat er mir, euch, wenn ihr meiner Aufforderung Gehör geben würdet, wie Freunde und Brüder zu behandeln; falls ihr aber hartnäckig in eurer Rebellion beharrt, euch mit Gewalt zu eurer Pflicht zurückzuführen.“

Nach ihm trat Feldherr Überzeugung auf (dessen Farbe ja die blasse und dessen Wappenschild das weit geöffnete Gesetzbuch war, denn die Überzeugung kommt wohl aus dem Wort Gottes, aber es geht blaß und langsam) und sprach: „Hör mich an, Menschen-Seele! Wie berühmt warst du einst wegen deiner Unschuld, jetzt aber bist du ausgeartet und tief in Lüge und Betrug versunken. Du hast gehört, was mein Waffenbruder, Feldhauptmann Boanerges, gesagt hat; und wenn ihr den angebotenen Frieden annehmt, wird es euer Glück sein. Um so mehr, da unser König Schaddai euch, die ihr euch empört habt, seine Hand reicht, aber wenn er seine Macht gebrauchen wollte, euch auch zerschlagen und in den Staub treten könnte. Wenn sein Zorn entbrennt, kann niemand vor ihm bestehen, er brennt hinunter bis in die unterste Hölle! (Ps. 50, 21. 22; 5. Mose 32, 22). Oder wollt ihr wagen zu behaupten, ihr hättet nicht gesündigt und euch nicht empört gegen unsern König? Zeugen dagegen nicht eure Taten? Habt ihr denn nicht seinen unversöhnlichsten Feind, den Teufel, zu eurem König angenommen? Habt ihr nicht die Gesetze Schaddais verworfen und dem Diabolus Treue geschworen? Und warum ergreift ihr denn jetzt die Waffen gegen uns und verschließt vor uns, den treuen Knechten eures Königs, eure Tore? Folgt meinem Rat, nehmt das Angebot meines Bruders an, versäumt nicht die euch zugemessene Zeit der Gnade und sucht schnell euren Widersacher loszuwerden, damit er euch nicht in den Kerker werfe und ihr nicht von dort herauskommt, bis ihr auch den letzten Heller bezahlt! (Luk. 12, 58. 59). Du verblendete Menschen-Seele, laß dich nicht länger betrügen durch die trügerische Arglist und Verschmitztheit des Diabolus! Dieser Ausbund des Betruges und der Lüge will euch glauben machen, wir suchten in diesem unserm Dienst unsern eigenen Vorteil; doch es ist einzig und allein der Gehorsam gegen unsern König und die Liebe zu euch und eurer Seligkeit, die uns zu euch führt. Und ist es, Menschen-Seele, denn nicht eine unbegreifliche Gnade Schaddais, daß er euch nicht gleich straft, wie ihr es verdient, sondern durch uns, seine Botschafter, euch nur bittet und beschwört, daß ihr wieder zu ihm kommt? Bedarf er denn etwa euer, wie ihr seiner bedürft? Nein, nein! Aber er ist barmherzig und will nicht, daß Menschen-Seele stirbt, sondern daß sie sich zu ihm kehre und lebe“ (Hes. 33, 11).

Und als er geendet, trat General Gericht hervor, der die rote Fahne trug und dessen Wappen einen brennenden, glühenden Ofen darstellte und sprach: „Ihr Einwohner der Stadt Menschen-Seele, die ihr nun schon so lange in Aufruhr und Verräterei gegen den König Schaddai lebt, Wißt, daß wir heute nicht vor eurer Stadt nach unserm Willen erschienen sind, als wollten wir eine eigene Sache an euch rächen. Nein, der König, unser Herr, hat uns hergesandt, um euch wieder zu eurem schuldigen Gehorsam gegen ihn zurückzuführen. Verweigert ihr aber den, so haben wir Auftrag, Gewalt zu gebrauchen. Und laßt euch nur nicht einfallen und noch weniger euch durch den Tyrannen Diabolus bereden, als könnte unser König euch nicht zu Boden werfen und unter seine Füße treten. Er ist der Schöpfer aller Dinge, und wenn er die Berge anrührt, so rauchen sie (Ps. 104, 32). Es wird auch die Tür der Gnade des Königs nicht immer offen stehen; denn der Tag, der brennen wird wie ein Ofen, ist vor ihm; ja er eilt schnell hervor und schlummert nicht (Mai. 3, 19; 2. Petr. 3, 3-12). Du sichere und sorglose Menschen-Seele! Ist es denn ein so Geringes in deinen Augen, daß unser König nach so viel Verachtung und Frevel von deiner Seite dir noch sein goldnes Zepter entgegenstreckt (Esther 5, 2), seine Gnadentür noch nicht verschließt? Ich sage dir, ist sie einmal zu, so tut sie sich dir nicht wieder auf, und du wirst verschmachten in Ewigkeit (Jes. 65,13-15; Matth. 25, 10-13). Wolltest du aber sagen, so schlimm wird's nicht sein, dann muß ich dir sagen: das ist vergeblich (1. Thess. 5, 3). Darum nimm deine Zuflucht zu ihm, weil es ›heute‹ heißt. Und droht sein Zorn, so nimm dich in Acht, daß er dich nicht dahinreißt unter seinen Streichen. Kein Lösegeld wird dich dann seiner Hand entreißen. Meinst du, er werde deinen Reichtum ansehen, deine Schöne, Klugheit und Macht? (Jer. 9, 23). Er hat seinen Thron errichtet und bereitet zum Gericht, denn er wird kommen mit Feuer und seine Wagen wie ein Wetter, daß er vergelte im Grimm seines Zorns und mit Schelten in Feuerflammen. Denn der Herr wird durch Feuer richten und durch sein Schwert alles Fleisch (Jes. 66, 15. 16). Deshalb gib auf dich Acht, Menschen-Seele, damit nicht, wenn du das Maß der Ungerechtigkeit voll gemacht hast, Gerechtigkeit und Gericht dich ergreifen und dahinreißen!“ Während Feldhauptmann Gericht der Stadt Menschen-Seele diese Rede hielt, wurde von einigen bemerkt, daß Diabolus zitterte (Joh. 16, 11; Jak. 2, 19).

Nach ihm trat der vierte Befehlshaber, der Feldoberste Ausführung, auf und sprach: „Stadt Menschen-Seele, einst so berühmt und jetzt dem dürren Feigenbaum gleich, einst das Entzücken der Engel, jetzt eine Behausung der Teufel, höre auf meine Rede und nimm zu Herzen die Worte, die ich zu dir spreche im Namen des Königs Schaddai! Siehe, es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen (Matth. 3, 10). Du, Menschen-Seele, bist bisher dieser unfruchtbare Baum gewesen; deine Früchte zeugen gegen dich. Dein Weinstock stammt von Sodoms Weinstock und von dem Weinberg Gomorrhas; deine Trauben sind Gift und haben bittere Beeren (5. Mose 32, 32). Du hast dich empört gegen deinen König, und siehe, wir, die Diener und Kräfte Schaddais, sind die Axt, die an deine Wurzel gelegt ist. An deine Wurzel ist sie erst gelegt, ehe sie in deine Wurzel fährt. Erst noch die Drohung, dann die Ausführung. Dazwischen trete deine Buße. Zu dieser ist dir noch eine kurze Zeit gestattet. Was willst du tun? Willst du umkehren, oder sollen meine Streiche fallen? Nichts kann die Ausführung hindern als deine Rückkehr zum König Schaddai. Wohlan, Menschen-Seele! Geduld und Langmut haben ihre Zeit. Drei Jahre mag der unfruchtbare Baum stehen, aber sind die drei Jahre hin, so folgt das Urteil: ›Haue ihn ab‹ (Luk. 13, 79). Du glaubst es nicht, Menschen-Seele; aber des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, hält er gewiß. Das wirst du zu deinem Schrecken erfahren. Deine Sünden haben diese Armee vor deine Mauern gebracht; sie wird in die Stadt einbrechen. Du hast die Worte der Befehlshaber gehört, und dennoch hältst du deine Tore noch verschlossen. Zum letzten Mal, Menschen-Seele: Willst du leben oder sterben?“

Das Wort Gottes tut seine Wirkung, aber der Unglaube vernichtet sie wieder.

Vergeblich! Ein Schall zwar schlug mit Macht an das Ohrtor, aber er vermochte es nicht zu sprengen. Doch verlangte die Stadt endlich Bedenkzeit. Diese gestatteten ihnen die Befehlshaber, aber unter einer Bedingung: sie sollten einen ihrer Bürger, Fleisches-Sicherheit mit Namen, über die Mauern stürzen, damit er den Lohn seiner Werke empfinge (Sprüche 21, 22). „Denn“, sagten die Heerführer, „solange dieser Schurke in Menschen-Seele atmet, wird aus allen guten Gedanken und Vorsätzen nichts werden.“ Hier wurde dem Diabolus bange, daß er seinen „Sicherheit“, der eine Hauptstütze seiner Macht war, verlieren könnte. Er wollte erst selbst dazwischenfahren, doch änderte er bald seinen Vorsatz und befahl dem Herrn Oberbürgermeister Unglaube, an seiner statt das Wort zu nehmen, und sagte: „Mein Herr, gebt Ihr diesen Landstreichern eine Antwort und sprecht so laut, daß es Menschen- Seele hören und verstehen kann.“

Sogleich nahm Unglaube das Wort und sprach: „Meine Herren! Ihr habt hier, wie uns leider der Augenschein überzeugt, zur großen Bestürzung unseres Fürsten und Belästigung der Stadt Menschen- Seele ein Lager gegen sie aufgeschlagen. Ihr erzählt uns in euren erschreckenden Reden, Schaddai habe euch die Vollmacht dazu gegeben; allein mit welch einem Recht er euch das befohlen habe, wissen wir nicht. Auch habt ihr, gestützt auf die erwähnte Vollmacht, dieser Stadt hart zugesetzt, ihr Oberhaupt zu verlassen und sich wieder unter den Schutz des großen Schaddai, eures Königs, zu begeben. Ja, ihr habt ihr mit schmeichlerischen Reden vorgespiegelt, wenn sie das tut, werde Schaddai alles Frühere vergessen und Gnade ergehen lassen. Dagegen habt ihr der Stadt mit grauenvoller Zerstörung gedroht, wenn sie eurem Begehr nicht nachgibt. Nun denn, ihr Herren Generäle, ich will euch nur geradeheraus sagen, das alles kümmert uns gar nicht Weder mein Herr Diabolus noch ich, sein Gefolgsmann Unglaube, noch auch unsre wackere Stadt Menschen-Seele fragt das Geringste nach eurer Person, nach eurer Botschaft noch auch nach dem König, der euch gesandt haben soll. Wir fürchten weder seine Macht und Rache, noch suchen wir seine Gnade. Um es kurz zu machen, denn was hilft das viele Reden! Wir halten euch für nichts anderes als für einen Haufen von Landstreichern und losem Gesindel, das, nachdem es seinem König den Gehorsam aufgekündigt (Joh. 16, 3), sich zu einer wilden Rotte verbunden hat (Apg. 19, 26) und nun von einem Ort zum andern schweift, um zu sehen, ob ihr durch Schmeicheleien, in denen ihr Meister zu sein scheint, oder durch Drohungen den einen und den andern oder ganze Städte und Landschatten auf eure Seite bringen könnt. (Das Urteil der Welt über die Gläubigen.) Doch bei der Stadt Menschen-Seele habt ihr euch verrechnet. Es sei euch kundgetan: Wir fürchten euch gar nicht! Unsere Tore werden wir euch zu verschließen wissen; ja, wir werden nicht lange mehr als müßige Zuschauer euch da vor uns in eurem Lager sitzen lassen. Unser Volk soll und muß in Ruhe leben, euer Erscheinen aber beunruhigt uns. Darum macht, daß ihr mit Sack und Pack bald von hier wegkommt, oder wir werden euch von den Wällen herab mit Kugeln den Weg weisen.“

Diese Rede des ergrauten Unglaubens suchte nun auch der verzweifelte Wille noch zu unterstützen und fügte hinzu: „Wir haben euer Begehren vernommen wie auch das Daherrauschen eurer Drohungen und den lauten Lärm eurer höchst unschicklichen Aufforderungen. Glaubt ihr, daß wir das Getöse eurer Macht fürchten? Weit gefehlt! Ihr sollt uns immer als dieselben entschlossenen Leute finden. Wo ihr euch drei Tage noch in hiesiger Gegend blicken laßt, so sollt ihr zu eurem Schrecken erfahren, was es heißt, es zu wagen, den Löwen Diabolus zu wecken, wenn er in seiner Menschen-Seele schläft.“

Der jetzige Syndikus der Stadt, Vergiß-Gutes, schloß dann: „Unsre Edlen haben, wie ihr soeben vernommen, mit sehr milden, höflichen und freundlichen Worten eine Antwort gegeben auf eure rauhen und Zorn erweckenden Reden. Sie haben euch überdies die Erlaubnis gegeben, im Frieden wegzuziehen. Zwar hätten wir auch einen Ausfall machen und euch die Schärfe unserer Schwerter fühlen lassen können; allein wie wir selbst Frieden, Ruhe und Gemächlichkeit lieben, so wollen wir andern auch kein Böses zufügen. Darum nehmt euren Vorteil wahr und macht, daß ihr fortkommt!“

Sieg des Unglaubens

Hierauf erhob die Stadt Menschen-Seele ein großes Freudengeschrei, als wenn durch Diabolus und seine Bande ein großer Sieg über die Heerführer errungen wäre. Sie läuteten alle Glocken, wußten sich in ihrer Freude kaum zu fassen und tanzten auf dem Wall (1. Kor. 10, 7; Jes. 5, 11-16).

Auch Diabolus kehrte nun wieder nach seinem Schloß zurück, und der Oberbürgermeister und der Syndikus begaben sich jeder an seinen Platz. Doch Herr Wille richtete nun seine ganz besondere Sorgfalt auf die Bewachung der Tore, besetzte sie mit doppelten Posten und ließ sie auch durch doppelte Riegel, Schlösser und Balken verwahren. Vor allem war es das Ohrtor, das er stark besetzte, weil die Kriegsmacht des Königs es auf dieses Ohr am meisten abgesehen hatte (Röm. 10, 17). Er machte einen gewissen Herrn Vorurteil zum Wachtmeister an diesem Tor, einen zornigen und moralisch verkommenen Mann, dem er auch noch sechzehn Mann zur Verfügung stellte, die man „taube Leute“ hieß. Das waren denn freilich auch solche, die sich für diesen Dienst sehr gut eigneten, da sie sich weder an die Worte der Heerführer noch auch an die ihrer Soldaten kehrten.

6. Kapitel

Nach der Aufforderung an die Stadt gehen die Heerführer zum Angriff über.

Die Heerführer des königlichen Heeres hatten aus den trotzigen Antworten der Großen der Stadt sowie aus deren ganzem Gebaren so viel entnommen, daß Menschen-Seele entschlossen ist, einen Kampf zu wagen. Da es ihnen nicht möglich war, mit den früheren besseren Beamten der Stadt in irgendwelche Verbindung zu treten, so blieb auch ihnen nichts anderes übrig, als die Bürger in offener Feldschlacht zu empfangen und es auf eine Entscheidung durch Waffengewalt ankommen zu lassen. So, wie von Diabolus das Ohrtor besonders stark befestigt war, verstärkten sie die Kolonne, die dagegen anzurücken bestimmt war, in wirklich furchtbarer Weise; denn das war ihnen klar: Konnte man hier nicht eindringen, so würde man überhaupt nichts gegen die Stadt ausrichten (Röm. 10, 13-17). Nachdem nun auch jeder andern Heeresabteilung ihr passender Platz in der Kampflinie angewiesen war, wurde das Losungswort ausgegeben: „Ihr müsset von neuem geboren werden.“ (Joh. 3, 3. Ohne die neue Geburt kein erfolgreicher Sieg über das Reich des Teufels.) Das Zeichen zum Angriff wurde durch Trompetenstoß gegeben, was die in der Stadt mit Tumult, Drohung und wildem Kriegsgeschrei erwiderten, und so begann denn der Kampf.

Standhaftigkeit und Besonnenheit der Diener Gottes am Wort

Die Städter hatten aber zwei große Geschütze auf dem Turm über dem Ohrtor aufgepflanzt und nannten das eine Hochmut, das andere Eigensinn. Auf diese setzten sie großes Vertrauen, weil sie im Schloß vom Gießer des Diabolus namens Aufgeblasen gegossen worden waren und sich in jeder Hinsicht als gefährliche schwere Artillerie erwiesen. Doch die königlichen Befehlshaber waren so umsichtig und wachsam, daß keiner getroffen wurde, wenn ihnen auch zuweilen eine Kugel am Ohr vorbeipfiff. Überhaupt kämpfte das königliche Heer mit der höchsten Tapferkeit und unter unausgesetzter Kraftanstrengung. Die Feldhauptleute des Königs hatten verschiedene Schleudern oder Wurfmaschinen und zwei oder drei Mauerbrecher mit sich gebracht. Ohne Aufhören ließen sie diese gegen die Mauern der Stadt, besonders gegen das Ohrtor, spielen, um dort Eingang zu gewinnen (2. Tim. 4, 2). Allein Menschen-Seele hielt so hartnäckig aus und schlug unter der angefachten Wut des Diabolus, durch die Widersetzlichkeit des Herrn Wille, den Trotz des alten Bürgermeisters Unglaube und des Syndikus Vergiß-Gutes alle Angriffe so entschieden ab, daß die großen Anstrengungen und Kosten für diesen Sommerfeldzug auf Seiten des Königs fast ganz verloren und der Vorteil sich auf die Seite von Menschen-Seele zu neigen schien. Unter diesen Umständen traten am Ende, zumal da es Winter wurde, die Generäle des Königs einen gut geordneten Rückzug an und verschanzten sich in ihren Winterquartieren. Wir müssen aber über diesen ganzen Feldzug noch Näheres berichten.

Menschen-Vernunft und Menschenweisheit tut es nicht.

Als die königlichen Generäle vom Hof des Königs abmarschiert waren, stießen sie auf ihrem Zug gegen die Stadt Menschen-Seele zufällig auf drei junge Burschen, die bei ihnen Dienst nehmen wollten. Es waren schmucke junge Leute und dem Anschein nach voll von Mut und Geschick. Ihre Namen waren: Überlieferung (Tradition), Menschenweisheit und Menschliche-Erfindung. Die Feldherren erläuterten ihnen den Zweck ihres Zuges und baten sie, sich bei ihrem Anerbieten ja nicht zu übereilen. Aber die jungen Leute erklärten, sie hätten sich die Sache schon längst vorher reiflich überlegt. Als sie hörten, daß ein Feldzug bevorsteht, wären sie gleich entschlossen gewesen, daran teilzunehmen. Sie schienen mutige Leute zu sein. So nahm sie Hauptmann Boanerges in seine Heeresabteilung auf, und sie zogen mit hinaus in den Kampf. Bei einem der schärfsten Rückzugsgeplänkel trug es sich aber zu, daß eine Abteilung der Leute des Herrn Wille aus der Stadt herausbrach, in den Nachtrab des Hauptmanns Boanerges eindrang, bei der sich zufällig diese drei jungen Leute befanden, sie zu Gefangenen machte und sie mit sich in die Stadt davonführte. Nicht lange lagen sie in Ha. , da sprach es sich in allen Straßen der Stadt herum, die Leute des Herrn Wille hätten drei Vornehme aus dem Lager Schaddais gefangen genommen. Schließlich drang diese Nachricht auch bis in die Burg des Diabolus. Dieser ließ sogleich die Gefangenen zu sich führen und fragte sie, wer sie wären, woher sie kämen und was sie im Lager Schaddais zu schaffen gehabt hätten. Sie gaben darauf Bescheid und wurden wieder ins Gefängnis zurückgeführt. Nach einigen Tagen ließ sie aber Diabolus wieder vor sich bringen und fragte sie, ob sie geneigt wären, unter ihm gegen ihre früheren Befehlshaber Dienste zu nehmen. Ohne vieles Bedenken erklärten sie ihm: „Es ist eigentlich nicht so ausschließlich die Religion als vielmehr der Wurf des Glücks mit seinen Gaben, womit wir uns durchs Leben zu schlagen suchen. Wenn daher Eure Herrlichkeit die Gnade haben will, für unser weiteres Fortkommen zu sorgen, so würden wir willig in Euren Dienst treten.“

(Vernunft geh, wie sie will, der Satan kann sie drehen; hilft Gottes Geist dir nicht, so ist's um dich geschehen.) Nun gab es aber in der Stadt Menschen-Seele einen viel geltenden, regsamen Hauptmann mit Namen Allesgleich. Zu dem schickte Diabolus diese drei mit einem eigenhändig geschriebenen Brief folgenden Inhalts: „Allesgleich, mein Liebling! Diese drei Männer, die dir diesen Brief überbringen, haben den Wunsch, mir in dem gegenwärtigen Krieg zu dienen. Ich weiß sie aber unter keine bessere Leitung zu stellen, als wenn ich sie dir übergebe. Nimm sie daher in deine Kompanie auf und verwende sie, wenn es die Not erfordert, gegen Schaddai und seine Krieger. Leb wohl.“ Gern stellte sie der Hauptmann Allesgleich ein, ja machte auch zwei von ihnen zu Feldwebeln und den Herrn Menschliche-Erfindung zu seinem Fahnenträger. Das Belagerungsheer gewann aber auch manchen nicht unbedeutenden Vorteil über die Stadt. So schossen sie zum Beispiel das Dach auf dem Haus des neuen Oberbürgermeisters Unglaube völlig zusammen, und dadurch wurde dessen eigentliches Tun und Treiben den Blicken aller viel mehr offenbar. (Wodurch freilich der Unglaube innerlich in seinem Wesen noch nicht aufgehoben wird.) So hätten sie auch Herrn Wille fast mit einem Wurfgeschoß erledigt, doch er erholte sich bald wieder. Unter den Ratsherren aber richteten sie ein großes Blutbad an, denn mit einem einzigen Schuß streckten sie sechs von ihnen nieder, nämlich Herrn Flucher, Herrn Hurer, Herrn Wut, Herrn Lügenmund, Herrn Trunkenheit und Herrn Betrug. Es gelang ihnen auch, die zwei Geschütze, die auf dem Turm über dem Ohrtor standen, aus ihren Lafetten zu heben und ohne Umstände in den Schmutz hinabzustürzen. (Mit Eigensinn und Hochmut wird auch andern Sünden die Spitze abgebrochen.)

Bei anhaltender kräftiger Predigt des göttlichen Wortes können die Sünder nicht mehr in sicherer Ruhe bleiben. Anfang der Buße.

Wenn nun auch die Feldherren des Königs ihre Winterquartiere bezogen hatten, vergaßen sie dabei doch nicht ihren König, gaben den Kampf nicht auf, beunruhigten fortwährend die Stadt und taten ihr bei Gelegenheit großen Abbruch. Und dieses Verfahren war überaus zweckdienlich. Denn jetzt konnte sich Menschen- Seele nicht mehr so sicher in Schlaf einwiegen wie zuvor, auch war es ihr nicht mehr möglich, sich wie in früherer Zeit mit Ruhe und Sorglosigkeit ihren Schwelgereien und Ausschweifungen zu überlassen. Jeden Augenblick mußte sie einen Angriff vom feindlichen Heer erwarten. Und die Überfälle kamen so oft, so heftig, bald hier, bald dort, daß ihre Seele fast matt wurde bis zum Tode. Die Sturmglocke ertönte so häufig und rief sie so oft auf die Lärmplätze, und das gerade, als die Nächte am längsten, das Wetter am kältesten und die Jahreszeit am unfreundlichsten war, daß dieser Winter für Menschen-Seele alle früheren an tausendfachem Ungemach weit übertraf. Zuweilen klangen von draußen her die hellen Posaunentöne herein, ja zuweilen wirbelten die Schleudermaschinen große Steine in die Stadt. Manchmal rannten in finsterer Mitternachtsstunde wohl zehntausend Krieger vom Heer des Königs um die Stadt, erhoben ein Feldgeschrei und riefen sie zum Kampf heraus. Dann wieder wurden manche in der Stadt verwundet, und ihr klägliches Geschrei und Todesröcheln erfüllte die Häuser. Der Schrecken war so allgemein und so groß, daß etwas Außerordentliches geschah: Selbst Diabolus wurde in diesen Tagen in seiner Ruhe und Standhaftigkeit erschüttert!

7. Kapitel

Ein Lichtstrahl will in Menschen-Seele fallen. Diabolus sucht ihn zu dämpfen. Es entsteht ein Kampf, dessen Ausgang erkennen läßt, daß noch eine andere Hilfe kommen muß.

Wie es so geht, wurden in den Tagen der Not und Bedrängnis allerlei Gedanken in Menschen-Seele laut. Einige Bürger sagten: „Solch ein Leben ist nicht auszuhalten.“ Andere erwiderten: „Ein wenig Geduld! Es wird bald vorüber sein.“ Ein Dritter aber sprach: „Laßt uns zu unserm König Schaddai zurückkehren und damit all diesem Jammer ein Ende machen.“ Und ein Vierter fragte bedenklich: „Wird er uns auch wieder in Gnaden annehmen?“ Dazu kam, daß jetzt auch der alte Syndikus, der bei dem Einzug des Diabolus in die Stadt sein Amt verloren hatte, seine Stimme wieder laut erhob, und seine Worte fielen wie Donnerschläge. Mitten durch das betäubende Geschrei der Soldaten und das Jauchzen der Feldherren wurden sie gehört, und nichts setzte die Stadt so in Schrecken wie diese Donnerstimme. (Die Schrecken des Gewissens.) Alles gewann für Menschen-Seele ein anderes Ansehen. Die Dinge, die ihr sonst eine Quelle unerschöpflichen Genusses schienen, genügten ihr nicht mehr. Auf ihre früheren Ergötzlichkeiten war es wie ein Mehltau gefallen; ihre Lebensblüten waren wie durch einen giftigen Hauch versengt. Dunkle Wolken lagerten um die Stirn der Menschen. Todesgedanken erfüllten das Herz. Die Schrecken der Ewigkeit umdüsterten den Blick. Was hätte Menschen-Seele dafür gegeben, wenn sie nur Frieden gefunden hätte! Aber was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse! (Mark. 8, 37).

Neue Gnade wird durch die Predigt des Evangeliums den unbußfertigen Sündern angeboten.

Die Getreuen Schaddais jammerte diese Not (Jer. 9, 1). Wie gerne hätten sie der armen verkommenen Menschen-Seele die ersehnte Hilfe gebracht! Obgleich es tief im Winter war, sandte Boanerges seine Leute durch Sturm und Schnee zur Stadt Menschen-Seele und ließ sie beschwören, die Tore zu öffnen und bei ihrem König Gnade zu suchen. Und gewiß hätte die Stadt sich schon längst ergeben, wären nicht die heilsamsten Absichten durch den hartnäckigen Widerstand des alten Unglaube und durch den heillosen Wankelmut und die Flatterhaftigkeit des Herrn Wille vereitelt worden. Und da auch Diabolus anfing dazwischen zu stören und zu wüten, so konnte es natürlich nicht zum einmütigen Beschluß der Übergabe kommen. Und die Folgen davon waren neue Sorgen und Befürchtungen, neue unabsehbare Not. (Ps. 7, 13. 14. Willst du dich bekehren, so bekehre dich recht!)

Doch wir müssen über den Verlauf dieser Verhandlungen etwas eingehender berichten.

Es war besonders der oft schon genannte bewährte Trompeter des Feldherrn Boanerges, der zu der geängstigten Stadt geschickt wurde. Er erschien dreimal vor ihren Toren, und dreimal richtete er eine feierliche Aufforderung im Namen des Feldherrn an sie, mit der Übergabe nicht länger zu zögern. Die erste war voll Güte und Freundlichkeit. Es konnte Menschen-Seele freilich nicht erspart werden, daß ihr der schreckliche Abfall, die schändliche Verräterei wieder mit Ernst vorgehalten wurde, aber darauf folgte die Zusicherung bereitwilliger Gnade und völliger Vergebung für alle Reuigen und Bußfertigen. Als das erste Anerbieten aber keinen entscheidenden Erfolg zeigte, stieß der Trompeter bei der zweiten Aufforderung schon heftiger in die Posaune und kündigte den Säumigen mit kurzen Worten den festen Entschluß der Feldherren an: „Entweder wir nehmen Menschen-Seele oder lassen unsere Gebeine vor der Stadt.“ Und die dritte Aufforderung bezeichnete der Trompeter im schärfsten Ton als die letzte, die er der Stadt vor ihrem herannahenden Verderben zu überbringen hat. Und damit ging er in das Lager zurück.

Besonders die letzte Erklärung rief denn doch eine solche Bestürzung in der Stadt hervor, daß die Bewohner augenblicklich eine Versammlung beriefen, in der endlich beschlossen wurde: Herr Wille sollte sich auf das Ohrtor hinaufbegeben und durch Trompetenstöße die königlichen Befehlshaber im Lager zu einer Unterredung einladen. Diese wurde gern bewilligt, und die Feldherren zogen in ihrem Harnisch heran, jeder mit seinen zehntausend Mann. Wie sehr aber wurden ihre Erwartungen getäuscht, als Menschen-Seele, statt ihre Übergabe ohne weiteres zu erklären, eine Menge Bedingungen stellte, die nicht geringes Befremden erregen mußten. Es waren hauptsächlich folgende:

  1. Es soll der gegenwärtige Herr Oberbürgermeister Unglaube, Herr Vergiß-Gutes nebst ihrem wackeren Herrn Wille unter Schaddai Gouverneur der Stadt, der Burg und der Tore von Menschen- Seele bleiben.
  2. Es soll niemand, der jetzt unter ihrem großen Riesen Diabolus dient, durch Schaddai aus seinem Haus, seiner Freistätte, verdrängt werden.
  3. Allen Bewohnern der Stadt Menschen- Seele soll der Besitz und Genuß der Rechte, Privilegien und Freiheiten, die sie nun schon so lange unter der Regierung ihres Königs Diabolus genossen hatten, aufs Neue zugesichert werden.
  4. Kein neues Gesetz, kein neuer Beamter und Richter sollte irgendwelche Macht und Gewalt über sie haben, wenn sie nicht ihre Zustimmung dazu geben.

„Dieses sind unsere Vorschläge“, sagten sie, „und nur auf diese Bedingungen können wir uns eurem König unterwerfen.“ Der Welt rein ab und Christus an, so ist die Sache recht getan. Als die königlichen Feldherren dieses schamlose Anerbieten der Stadt Menschen-Seele vernommen, richteten sie durch ihren Feldoberst Boanerges folgende Worte an die Stadt: „O ihr Einwohner der Stadt Menschen-Seele! Als der Stoß eurer Trompete in meine Ohren drang, der uns zu einer Verhandlung mit euch einlud, schlug mir vor Freude das Herz, und als ihr euch gar geneigt erklärtet, euch unserm König und Herrn unterwerfen zu wollen, da durchströmte mich doppelte Freude. Als ich aber eure trügerischen Bedingungen vernahm, durch die ihr nur euren Bund mit dem Teufel sichern wollt, da verwandelte sich meine Freud ein unbegrenzten Schmerz, und meine aufglimmende Hoffnung auf eure Umkehr ist zuschanden geworden. Ich sehe, daß der alte Bube Sicherheit, dieser Erzfeind von Menschen-Seele, jene stolzen Bedingungen aufgesetzt hat, die ihr uns als Grundlage für eine Übereinkunft vorschlagt; allein es will sich für einen, der erklärt, im Dienst Schaddais zu stehen, nicht geziemen, auch nur darauf zu hören. Wir verachten und verwerfen daher einmütig und mit dem höchsten Abscheu solche Vorschläge als den Ausfluß der größten Gottlosigkeit. Doch, Menschen- Seele, wenn ihr euch uns oder vielmehr dem König, unserm Herrn, von ganzem Herzen übergeben wollt und es ihm überlassen, die Bedingungen zu stellen, unter denen ihr Gnade und Vergebung empfangen sollt, so versichere ich euch, sie werden derart sein, daß sie nur auf euer wahres Wohl abzielen, und wir wollen euch freundlich die Hand reichen. Könnt und wollt ihr das aber nicht, dann stehen die Sachen, wie sie zuvor standen, und wir werden dann wissen, was wir zu tun haben.“

Der Unglaube will die Bekehrung verhindern und preist seine Macht.

Da schrie der alte Unglaube, der Oberbürgermeister, aus vollem Hals: „Ei, sagt mir doch, würde nicht der, der seinen Feinden einmal entronnen ist, höchst töricht handeln, wenn er ihnen sein gutes Schwert wieder in die Hand gibt, zumal er nicht einmal weiß, wer sie sind? Ich meinesteils werde mich auf so unsichere und maßlose Bedingungen niemals ergeben. Kennen wir denn die ganze Denk- und Handlungsweise ihres Königs? Es sagen einige: er würde gleich im Zorn gegen seine Untertanen entbrennen, wenn sie auch nur zufälligerweise ein Haar breit von seinen Vorschriften abweichen. Andere behaupten sogar, er fordert von ihnen viel mehr, als sie je leisten können. Darum, liebe Menschen-Seele, überlege es wohl, was du bei diesem Handel aufs Spiel setzt. Übergebt ihr euch einmal, so ergebt ihr euch einem andern und werdet dann nicht mehr eure eigenen Herren sein. Und übergebt ihr euch selbst blindlings und unbedingt seiner Macht, so ist es vollends eine Torheit; denn er kann mit euch machen, was er will. Wißt ihr denn, ob dieser König euch nicht alle dem Untergang weihen und aus seinem eigenen Land ein neues Volk hierher senden wird, damit es diese Stadt bewohnt?“

Diese Rede des Oberbürgermeisters vernichtete geradezu alle Hoffnungen auf einen gütlichen Vergleich. Daher kehrten denn auch die Feldherren stehenden Fußes zu ihren Laufgräben, ihren Zelten und Leuten zurück. Der Oberbürgermeister aber begab sich in die Burg zu seinem König. Diabolus hatte auch schon ängstlich auf seine Rückkehr gewartet, denn er hatte vernommen, daß die Verhandlungen schon weit fortgeschritten wären. Als daher der Oberbürgermeister in das Staatszimmer eingetreten war, empfing ihn Diabolus sehr freundlich mit den Worten: „Willkommen, verehrter Herr! Wie sind die Sachen heute zwischen euch abgelaufen? „ Herr Unglaube machte eine tiefe Verbeugung und erstattete mit vieler Selbstgefälligkeit einen ausführlichen Bericht, besonders über seine Reden. Das war eine frohe Kunde für Diabolus, und hocherfreut sprach er zu ihm: „Mein Herr Oberbürgermeister, mein treuer Unglaube! Mehr als zehnmal habe ich bereits deine Treue erprobt und noch nie etwas Falsches an dir entdeckt. Ich verspreche dir daher, sobald wir nur erst einmal diese Widerwärtigkeit hinter uns haben, ich will dich zu einem hohen Ehrenposten erheben, zu einem Ehrenamt, das das eines Oberbürgermeisters in Menschen-Seele weit übertrifft. Als mein erster Minister sollst du der Nächste nach mir sein. Alle Völker sollen unter deine Hand getan werden, ja du sollst sie so in der Gewalt haben, daß sie dir nicht widerstehen können (Eph. 2, 2). Auch sollen die von unseren Gefolgsleuten, die dir unterstellt sind, größere Freiheit erhalten.“ Nach diesen Worten trat der Oberbürgermeister aus dem Empfangszimmer des Diabolus mit einem Gefühl restloser Befriedigung. Daher ging er mit stolzen Schriften hinab in seine Wohnung und weidete sich an überspannten Hoffnungen seiner zukünftigen Größe und Allmacht.

Der gute Rat des Verstandes und des Gewissens

Jetzt war er aber doch noch nicht am Ziel. Denn während er im Schloß seines Fürsten die vermeintliche Siegesnachricht verkündigte, hatten der frühere Bürgermeister, Herr Verstand, und der ehemalige Syndikus, Herr Gewissen, erfahren, was am Ohrtor vorgefallen war. (Man hatte sie von jener Verhandlung ausgeschlossen, weil man fürchtete, sie möchten zugunsten der belagernden Feldherren Unruhe in der Stadt anrichten.) Das erfüllte sie mit tiefem Kummer.

Sie traten alsbald mit einigen der Vornehmsten der Stadt zu einer Beratung zusammen, und es wurde ihnen nicht schwer, auch diese davon zu überzeugen, wie berechtigt die Forderungen der Generäle waren und welche schlimmen Folgen daraus entstehen könnten, wenn man der Rede des alten Unglaube Folge leistet. Er habe ja die Bevollmächtigten des Königs geradezu der Unwahrheit und Verräterei bezichtigt; ja, den König selbst griff er aufs Frechste an, indem er sagte, er gehe damit um, die Stadt der völligen Vernichtung preiszugeben; obwohl der König immer aufs Neue beteuerte, er wolle ihr, wenn sie sich unterwirft, nichts als Gnade erweisen.

Erkenntnis der Wahrheit und heilsame Bekümmernis um der Seelen Seligkeit

Solche Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Nach und nach kam alles Volk zu der Überzeugung, der alte Unglaube habe es schändlich hintergangen und könne es noch an den Rand des Verderbens bringen. Erst traten Einzelne zusammen, dann sammelten sich an allen Plätzen und Straßenecken ganze Haufen. Ein dumpfes Murmeln ging durch Menschen-Seele, bald aber brach es laut hervor, man rief: „O die tapferen Feldherren Schaddais! Wollte Gott, wir wären unter der Herrschaft dieser Edlen und ständen unter dem Zepter ihres Königs selbst!“

Der alte Unglaube tritt in Kampf mit dem erleuchteten Verstand und dem erwachten Gewissen.

Als Herr Oberbürgermeister Unglaube von dem Aufruhr hörte, der in Menschen-Seele entstanden war, kam er eilend hinab, um das Volk zu stillen, und wähnte in seiner Selbstgefälligkeit, die Bewegung allein dadurch dämpfen zu können, daß er seine breite Stirn zeigte und sein Auge Feuer sprühen ließ. Allein als ihn das Volk sah, stürmte es auf ihn ein und hätte ihm ohne Zweifel auch ein Leid getan, wenn er sich nicht so schnell als möglich in sein Haus geflüchtet hätte. Aber auch dahin verfolgte ihn die aufgeregte Menge und machte einen Angriff auf das Haus in der Absicht, es ihm über den Kopf zu stürzen. Aber das Haus spottete durch seine Festigkeit ihrer Angriffe, und dadurch bekam denn auch Herr Unglaube wieder Mut, von einem Fenster aus seine beliebten Reden und Disputationen zu beginnen. „Woher denn“, rief er, „all dieser Lärm heute?“ Aber Herr Verstand fiel ihm gleich ins Wort und sagte: „Du fragst noch? Wer anders ist denn schuld daran als du und dein Sippschaft? Warum zogt ihr Herrn Gewissen und mich nicht in den Rat? Warum legtet ihr den Hauptleuten solche Friedensbedingungen vor, die sie gar nicht annehmen konnten, ohne ihren König zu verraten? Eine Frechheit war's zu verlangen, daß Menschen-Seele ganz nach ihrem Gefallen und ihrer Lust in aller Sünde und Gottlosigkeit unter Schaddai fortleben sollte. Das hieß doch nichts anderes als: In Wirklichkeit bleibt Diabolus hier König, und Schaddai mag derweil ein elender Scheinkönig sein! Warum verdarbst du, als uns die Hauptleute im Namen ihres Königs Wohlwollen und Gnade verhießen und die Stadt schon bereit war, den Frieden anzunehmen, alles wieder durch deine unzeitigen, Gott losen und verführerischen Reden?“ Da schrie Unglaube wieder, und noch lauter als zuvor (denn das Schreien war seine beste Waffe): „Verrat! Verrat! Zu den Waffen! Zu euren Waffen, ihr alle, die ihr euch als treue Freunde zu Diabolus in Menschen-Seele halten wollt!“ Aber ruhig erwiderte Verstand: „Stelle dich noch so ungehalten, mache was du willst, es bleibt doch dabei, du hast die Hauptleute des erhabenen und gütigen Schaddai schändlich behandelt! „ Unglaube: „Was das für ein Geschwätz ist! Was ich sagte, das sagte ich für die rechtmäßige Regierung unseres Fürsten und zur Beruhigung der Stadt, die du heute durch deine gesetzwidrigen Handlungen in Aufruhr bringst!“

Jetzt trat auch der alte Syndikus Herr Gewissen herzu und sagte: „Ganz ungeziemend ist solche Erwiderung auf das, was Herr Verstand gesprochen hat. Er hat die Wahrheit gesagt. Du aber bist ein Feind von Menschen-Seele. Laß ab von deiner frechen, vermessenen Sprache, durch die du nicht allein die königlichen Hauptleute aufs Höchste beleidigt hast, sondern auch Menschen-Seele in Gefahr und Unglück bringst! Hättest du dich in die Bedingungen gefügt wie wir, so wäre der Trompetenschall und Kriegslärm längst um Menschen-Seele her verstummt. Deine Torheit und Frechheit ist's, daß wir noch lange den ersehnten Frieden entbehren.“ „Ich schwöre dir zu“, rief Unglaube in seiner gewohnten Weise wieder, „ich werde diese deine Botschaft vor Diabolus bringen, und da soll dir eine Antwort werden, wie du sie nicht wünschst. Mittlerweile werden wir festhalten, das Beste der Stadt zu suchen, und dich nicht erst um Rat fragen.“

Verstand aber erwiderte: „Höre die Wahrheit! Dein Fürst wie ihr alle habt gar kein Recht in der Stadt Menschen-Seele. Ihr seid nicht in ihr geboren. Mit List und Gewalt seid ihr eingedrungen, verräterische Fremdlinge. In unabsehbare Not habt ihr uns gebracht, und wer steht uns dafür, daß, wenn diese Not aufs Höchste gestiegen, ihr uns treulos verlassen und allein für euch sorgen werdet! Ihr würdet es sogar fertig bringen, unsere Stadt in Brand zu stecken, im Rauch euch auf einmal unsichtbar zu machen, durch das Feuer euch zu eurer Flucht leuchten zu lassen und uns in unserem Unglück noch grausam zu verspotten.“ Darauf wußte Unglaube nun wieder nichts anderes zu entgegnen als nichts sagende und ohnmächtige, aber desto wütendere Drohungen.

Nach hartnäckigem Kampf scheint doch das Böse wieder die Oberhand zu gewinnen.

Während diese Herren so harte Worte miteinander wechselten, stiegen Herr Wille, Herr Vorurteil und der alte Sicherheit von den Wällen und Toren der Stadt hernieder, mit ihnen auch noch einige Ratsherren und Bürger, um die Ursache dieses Lärms zu erfahren. Da entstand nun aber ein solches Durcheinanderreden, daß man nichts deutlich vernehmen konnte und schließlich „Ruhe!“ geboten werden mußte. Diese Gelegenheit benutzte aber der alte Fuchs Unglaube und sagte: „Es stehen hier ein paar mürrische, verdrießliche Geister (verdrießliche Leute müssen die Gläubigen immer heißen), die, als eine Frucht ihrer bösen Laune und, wie ich befürchte, auf den Rat eines gewissen Herrn Mißvergnügen, heute diesen Lärm und Au. auf gegen mich zusammentrommeln, ja es sogar versucht haben, die Stadt zum offenen Aufruhr gegen unsern Fürsten zu verleiten.“ Bei diesen Worten standen alle anwesenden Diabolianer auf, um die Wahrheit dieser Aussage zu bekräftigen. Als nun aber die Anhänger des Herrn Verstand und Gewissen bemerkten, daß diese beiden leicht den kürzeren ziehen würden, weil der Haufe auf der andern Seite immer mehr anschwoll, kamen sie zu Hilfe, und so standen sich beide Seiten in ziemlicher Anzahl gegenüber. Da wollten nun die, die es mit dem Herrn Unglaube hielten, man solle die beiden alten Herren augenblicklich ergreifen und ins Gefängnis abführen, was jedoch die andere Partei verhinderte. Beide Teile erhoben und rühmten jetzt die Ihren. Die Diabolianer den alten Unglauben, den Vergiß-Gutes, die neu erwählten Ratsherren und ihren großen Diabolus; und die andere Partei Schaddai, seine Gesetze und Hauptleute, ihre Milde und Barmherzigkeit und ihre Friedensvorschläge. Endlich kam es von Worten zu Tätlichkeiten, und von beiden Seiten gab es harte Stöße. Der ehrwürdige alte Herr Gewissen wurde von einem Diabolianer namens Übertretung zweimal zu Boden geschlagen; und der Herr Verstand würde gar erschossen worden sein, hätte der, der ihn aufs Korn nahm, besser gezielt. Aber auch auf der andern Seite ging's nicht ohne Verlust ab. Einem gewissen Diabolianer namens Brausekopf wurde von einem Herrn Gemütlich, einem Anhänger des Herrn Wille, das Gehirn eingeschlagen. Und es war ein komischer Anblick, wie der alte Vorurteil so derbe Genickstöße bekam, daß er endlich in den Schmutz niedertaumelte. Denn obgleich er einige Zeit vorher zum Hauptmann über eine Kompanie von Diabolianern, zum großen Nachteil der bessern Städter, befördert worden war, so bekamen sie ihn jetzt doch unter ihre Füße, und einige von den Leuten des Herrn Verstand zerbrachen ihm seine Krone. (Wenn man die schlimmen Folgen der Sünde erfährt, schwinden die bösen Vorurteile.) Auch Herr Allesgleich hatte sich munter und kräftig mit in diesen Streit gemischt; doch beide Seiten waren gegen ihn, da er keinem Treue bewies. Gleichsam zum Lohn für sein bisheriges zweideutiges Benehmen wurde ihm ein Bein gebrochen, und der, der es tat, hätte lieber gesehen, es wäre sein Genick gewesen. Sehr auffallend war aber allen das Benehmen des Herrn Wille während des ganzen Vorgangs; denn er blieb ganz gleichgültig. Er neigte sich weder entschieden auf die eine noch auf die andere Seite. Man bemerkte nur, daß ein wohlgefälliges Lächeln seinen Mund umspielte, als er sah, wie der alte Vorurteil im Schmutz umhergezogen wurde. Dasselbe war auch der Fall, als Herr Allesgleich an ihm vorüberhinkte, und er schien gar keinen Anteil an dessen Unglück zu nehmen. Leider gewannen aber die Diabolianer am Ende doch die Oberhand, so daß Diabolus die Herren Verstand und Gewissen in seine Gewalt bekam und sie als die Rädelsführer ins Gefängnis werfen ließ. Und damit war die Ruhe in der Stadt wiederhergestellt. Diabolus glaubte sich alle Härte gegen die beiden Gefangenen erlauben zu dürfen, ja er ging sogar mit dem Plan um, sie ganz aus dem Weg zu räumen. Nur hinderte ihn noch das Kriegsgetümmel daran, das an allen Toren von neuem sich hören ließ. Doch davon müssen wir jetzt Näheres berichten.

8. Kapitel

Die königlichen Feldherren beraten sich und bitten Schaddai um Unterstützung. Zur Freude der Armee tritt Immanuel an ihre Spitze.

Als sich die königlichen Befehlshaber wieder vom Ohrtor in ihr Lager zurückgezogen hatten, beriefen sie einen Kriegsrat, um die weiteren Schritte in Erwägung zu ziehen. Da waren nun einige der Meinung, man solle sogleich wieder umkehren und die Stadt mit aller Macht angreifen. Allein der größere Teil meinte doch, man müsse mit Menschen-Seele gerade jetzt glimpflicher umgehen. Offenbar seien etliche auf andere Gedanken gekommen und sehr geneigt, den Frieden anzunehmen. Wenn man jetzt allzu hart gegen sie verführe, so wäre zu befürchten, daß sich ihre Herzen wieder verschließen, was doch ein großer Schaden wäre.

Neue Angebote der Gnade an die verblendeten Sünder

Dem letzten Rat gaben sie sämtlich Beifall, und ein Trompeter wurde mit dem entsprechenden Auftrag abgeschickt. Er eilte zum Ohrtor und stieß in die Posaune. In großer Menge erschienen die Einwohner auf den Wällen der Stadt, und der Bote Schaddais sprach zu ihnen: „Du unbeständige und beklagenswerte Stadt Menschen-Seele! Es schien ja, als wolltest du dich zu uns wenden. Warum hast du dich wieder betören lassen? Warum glaubst du den Lügen des Diabolus mehr als den goldenen Zusicherungen des treuen Schaddai? Wenn er euch seiner mächtigen Hand unterworfen haben wird, denkt ihr, daß das Andenken an diese eure Torheit euch Trost bringen wird? Oder meint ihr gar, daß ihr ihm auf die Länge widerstehen werdet? Ist es etwa Furcht, daß er euch bittet? Oder meint ihr, ihr seid stärker als er? Schaut auf gen Himmel! Könnt ihr die Sonne in ihrem Lauf wenden oder des Mondes Licht auslöschen? Könnt ihr die Sterne zählen oder etwa einen Stern vom Himmel reißen? Vermögt ihr dem Wasser des Meeres zuzurufen, daß es den Abgrund bedeckt? Oder könnt ihr die Herzen ergründen, die Niedrigen erheben und den Gewaltigen vom Thron stürzen und einen Ring ihm an die Nase legen und ein Gebiß ins Maul? (2. Kön. 19, 28). Im Namen dieses erhabenen, über alles mächtigen und gewaltigen Herrn fordere ich euch abermals auf, jeden Widerstand aufzugeben und euch seinen Feldherren zu unterwerfen.“

Der Eindruck dieser Rede war unverkennbar. Bestürzung ergriff viele, und es war nahe daran, daß sie reuig zu ihrem König zurückkehrten. Kaum aber bemerkte dies Diabolus, als er dazwischenfuhr und Menschen-Seele so anredete: „Wenn das, was dieser zudringliche Abgesandte von der Macht und Größe seines Königs gesagt hat, wahr ist, was werdet ihr unter seiner Schreckensregierung zu leiden haben! Obgleich er noch weit von euch weg ist, so zittert ihr schon vor ihm! Wie vertraulich gehe ich, euer Fürst, mit euch um, und ihr spielt mit mir, wie ein Kind mit einer Heuschrecke spielt! Seht doch, in welchem schmählichen Joch die Untertanen Schaddais überall seufzen, keinen Fuß dürfen sie regen, keine Hand bewegen ohne seinen tyrannischen Willen. Unglücklichere Menschen gibt es nicht auf dem ganzen Erdboden. So wird er euch unter die Füße treten. Welche Vorrechte und Freiheiten habe ich euch verliehen! Was hätte ich euch je verwehrt? Was euch gelüstete, ihr durftet es tun! Noch liegt der Würfel in eurer Hand! Laßt euch die edle Freiheit nicht rauben. Ihr habt einen Fürsten, der sie schützen wird. Menschen-Seele, laß nicht von mir, ich lasse nicht von dir!“ (2. Tim. 2, 26).

Die Sünder verzweifeln an der Menge ihrer Sünden und werden darum aufs Neue eine Beute des Satans.

Leider war auch diese bestrickende Rede des Satans nicht ohne Wirkung auf die arme, schwache, unbeständige Menschen-Seele. Wie das Korn im Sieb wurden sie hin- und hergerüttelt zwischen Furcht und Hoffnung, Freude und Bangen. Sie wußten nicht, wie sie aus den Zweifeln herauskommen sollten, und versanken zuletzt in Verzweiflung. So konnte Satan mit ihnen machen, was er wollte. Am Ende ließen sie es wirklich geschehen, daß die Diabolisten den Abgesandten der königlichen Feldherren rundweg erklärten: „Wir sind fest entschlossen, unserem Fürsten unverbrüchlich anzuhangen, und würden eher sterben als uns Schaddai ergeben. Jede weitere Aufforderung ist unnütz und vergeblich.“ Und doch war die Liebe und die Geduld der Feldherren Schaddais noch nicht erschöpft. Sie dachten immer wieder daran, daß sie zur Rettung von Menschen-Seele von ihrem König gesandt sind, und erließen noch einmal eine Aufforderung an die Stadt, aber dringender und ernster als die vorige. Doch im selben Maß wurde Menschen-Seele verstockter, und es ging an ihr in Erfüllung, was geschrieben steht: Wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon (Hos. 11, 2).

Die Diener Gottes fahren in ihrer Arbeit fort, obwohl sie keinen Erfolg sehen, suchen aber eine andere Hilfe und bitten desto inniger zu Gott.

Damit war es klar, daß ein anderer Weg zur Wiedergewinnung von Menschen-Seele eingeschlagen werden mußte. Die Feldherren traten daher zu einer neuen Beratung über die Maßnahmen zusammen, die jetzt zu ergreifen waren. Einer gab diesen, der andere jenen Rat. Endlich aber erhob sich der Feldhauptmann Überzeugung und sprach: „Meine Brüder! Es ist zunächst unbestreitbar unsere Pflicht, den uns von Schaddai erteilten Befehl, die Stadt zu belagern, so lange auszuführen, bis wir sie eingenommen haben. Wir ziehen uns daher nicht zurück, sondern lassen unsere Wurfmaschinen weiter gegen die Mauern der Stadt spielen (Apg. 18, 9), so daß sie Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommt. Dadurch wird wenigstens dem zunehmenden Aufruhr gewehrt; selbst ein Löwe kann durch unausgesetzte Ängstigungen niedergehalten werden. Weil es aber offenbar ist, daß wir allein das Werk nicht zu Ende bringen werden, so wollen wir unsere Lage unserm König Schaddai offen vertrauensvoll schildern und ihn bitten, er möge uns verzeihen, daß wir bis jetzt noch keine bessern Erfolge erzielen konnten. Außerdem wolle er uns neue Hilfstruppen senden und an die Spitze dieser neuen Streitkräfte einen ausgezeichneten Heerführer stellen, der uns mit Rat und Tat beisteht, so daß die gewonnenen Vorteile uns nicht verloren gehen und endlich die völlige Bezwingung der Stadt zustande gebracht wird.“

Diesem Vorschlag des Hauptmanns Überzeugung stimmten alle wie ein Mann zu. Sogleich wurde die vorgeschlagene Bittschrift an Schaddai aufgesetzt, die so lautete: „Allergnädigster, allerheiligster König, Herrscher über die Welt, Bildner und Erbauer der Stadt Menschen-Seele! Allererhabenster Herrscher! Auf deinen Befehl haben wir unser Leben in Gefahr begeben und auf dein Gebot einen Krieg gegen die berühmte Stadt Menschen-Seele unternommen. Als wir vor sie rückten, taten wir nach dem uns gegebenen Befehl und legten ihr zuerst Friedensbedingungen vor. Aber sie verachteten unsern wohlgemeinten Rat, setzten sich leichtsinnig über unsere ernstlichen Vorstellungen hinweg, verschlossen sogar ihre Tore und verweigerten uns hartnäckig den Zutritt zu ihrer Stadt (Sach. 7, 10-13). Ja, sie richteten selbst ihre Kanonen auf uns, machten Ausfälle und fügten uns allen nur möglichen Schaden zu. Doch auch wir haben sie geängstigt mit Lärm und Sturmlauf einmal über das andere und haben ihnen damit vergolten nach Gebühr. Dadurch haben wir bereits manchen Vorteil über die Stadt erreicht. Um nun von diesen Errungenschaften nichts zu verlieren, halten wir die Stadt fortwährend eingeschlossen und werden sie auch ferner in Angst und Aufregung erhalten. Wir beklagen jedoch sehr, daß wir nicht einen wahren Freund in der Stadt haben, der unsere Aufforderungen unterstützt hätte. Kein Einwohner hatte ein Wort für unsern König. Darum bleibt denn auch Menschen- Seele immer noch in einem Zustand der Empörung gegen dich. Und nun, König aller Könige, verzeihe in Gnade, daß wir bis jetzt noch nichts Erheblicheres gegen die Stadt haben ausrichten können; sende uns neue Streitkräfte und stelle einen ausgezeichneten Feldherrn an die Spitze, damit die Stadt unterworfen werde und dich lieben und fürchten möge. Nicht deshalb lassen wir diese alleruntertänigste Bitte vor deinen Thron gelangen, als wollten wir uns den Mühsalen und Beschwerden des Krieges entziehen (Apg. 20, 24), sind wir doch entschlossen, lieber unsere Gebeine vor dem Ort ins Grab legen zu lassen, als ihn aufzugeben, sondern nur, daß die Stadt Menschen-Seele dem Zepter deiner Majestät wieder unterworfen werde. Amen.“

Durch den Sohn Gottes wird die Bitte der Gläubigen vor Gott vertreten und erhört.

Diese Bittschrift wurde eiligst durch die Hand eines zuverlässigen Mannes namens Liebe-zu-Menschen-Seele an den König gesandt. Von diesem wurde sie, wie es auch recht und billig war, zunächst dem Sohn des Königs übergeben. Er las sie und fügte nur noch einige verbessernde Zusätze bei. In dieser Gestalt legte er sie in die Hände seines Vaters nieder und empfahl sie ihm durch seine kräftige Fürsprache.

Der König nahm die Bittschrift mit Wohlgefallen entgegen, da sie von seinem geliebten Sohn so kräftig unterstützt wurde. Mit Wohlgefallen vernahm er auch, daß seine Getreuen Mut und Ausdauer vor Menschen-Seele bewiesen und dadurch auch schon einige Vorteile erlangt hatten. Dann berief er seinen Sohn Immanuel (Jes. 7, 14) zu einer besonderen Besprechung. Der bekundete gleich beim Eintreten seinen willigen Gehorsam und sprach: „Hier bin ich, mein Vater!“ Der König aber erwiderte: „Du kennst so gut wie ich den Zustand der Stadt Menschen-Seele, mein Sohn, und die Beschlüsse, die wir zu ihrer Rettung gefaßt haben (Eph. 1, 4; Jes. 43, 24. 25; 2. Kor. 5, 1921), weißt auch, was du schon getan hast, um sie zu erlösen. Komm nun, mein Sohn, und schick dich selbst zum Krieg an, denn du sollst in das Lager vor der Stadt Menschen- Seele ziehen. Du sollst dort auch Erfolg haben, die Oberhand behalten und die Stadt Menschen-Seele gewinnen.“ Hocherfreut sprach darauf der Sohn: „Deinen Willen tue ich gern, und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen (Ps. 40, 9; Hebr. 10, 7). Dies ist der Tag, nach dem ich mich schon längst sehnte, und das Werk, das ich schon längst auszuführen brannte. Ich will hinziehen und die dem Untergang entgegeneilende Stadt Menschen-Seele von Diabolus und seiner Gewalt erretten (1. Joh. 3, 8). Oft blutete mir mein Herz beim Anblick ihres unbeschreiblichen Jammers. Kein Opfer soll mir für sie zu groß sein. Und mit Freuden danke ich es dir, mein Vater, daß du mich zum Herzog ihrer Seligkeit bestimmt hast (Hebr. 2, 10). Jetzt will ich anfangen alle zu plagen, die ihr zur Plage wurden, und meine Stadt Menschen-Seele erlösen aus ihrer Hand.“

Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Kunde von diesen Worten Immanuels am Hof des Königs, und sie wurden der einzige Gegenstand aller Gespräche. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie besonders alle hohen Hofbeamten von diesem Entschluß des Fürsten begeistert wurden. Der höchste Würdenträger des Königreichs (der Engel Gabriel: Dan. 9, 21-27; Luk. 1, 26-38; 2, 9- 14) eilte gleich herzu und bat den Fürsten dringend, seine Dienste anzunehmen in diesem heiligen Krieg, wo es nichts Geringeres gelte, als Menschen-Seele zu erretten. Und so sprachen alle. Aber die treuen Feldherren vor der Stadt sollten gleich von dem so überaus glücklichen Erfolg ihrer Bittschrift Nachricht erhalten, damit sie keinen Augenblick länger zweifelten. Wie Läufer flogen die Boten Schaddais sogleich hinaus in das Lager. Als die Feldherren im Lager aber hörten, daß der König seinen eigenen Sohn senden wolle und daß Immanuel in heiliger Liebe brenne, den Willen seines Vaters auszuführen, erhoben sie ein Freudengeschrei, daß die Erde bei diesem Schall erbebte und die Berge das Echo wiedergaben. Diabolus' Thron aber wankte. Doch Menschen-Seele wurde von allen diesen Vorgängen wenig berührt, denn die Menschen waren in ihrer fleischlichen Sicherheit und geistigen Blindheit wie betäubt und jagten in ihrem Taumel nur ihren Lüsten nach. Diabolus war ja noch ihr Beherrscher, und er versäumte auch keine Vorsichtsmaßnahme, seine Herrschaft zu sichern. Überall hatte er seine Spione, die ihm Kunde brachten von allem, was vorfiel. Sie berichteten ihm denn auch bald, daß Immanuel in kurzem mit großer Macht über ihn hereinbrechen werde. Das traf ihn wie ein Blitz. Im ganzen Reich gab es nicht einen Mann, den er so gefürchtet hätte wie diesen Prinzen, dessen Hand er ja auch schon schwer gefühlt hatte (1. Mose 3, 15; 1. Joh. 3, 8; Hebr. 2, 14. 15).

Der Sohn Gottes erscheint, die Werke des Teufels zu zerstören und die Gefangenen zu erlösen

Als aber die für Immanuel von seinem Vater festgesetzte Zeit zur Ausführung des großen Liebesrates herangerückt war (Gal. 4, 4. 5), schickte er sich zum Aufbruch gegen Menschen-Seele an. Fünf tapfere Hauptleute samt ihren Scharen standen aber für seinen Wink bereit.

Der Erste war jener weit und breit berühmte Hauptmann Glaube, dem eine rote Fahne übergeben worden war, die Herr Verheißung trug. Als Wappen führte er das heilige Lamm und den goldenen Schild (Joh. 1, 29; Eph. 6, 16). Und unter seinem Befehl standen zehntausend Mann. Der Zweite war der berühmte Hauptmann Gute-Hoffnung mit blauer Fahne. Sein Fahnenträger war Herr Erwartung, und zum Wappen hatte er drei goldene Anker (Hebr. 6, 19).

Auch er, wie jeder der fünf Hauptleute, befehligte zehntausend Mann. Der Dritte war der starke und tapfere Hauptmann Liebe, dessen Fahnenträger Herr Mitleid hieß. Seine Fahne war grün, und in seinem Wappen standen drei nackte Waisen, die an das Herz gedrückt werden (1. Kor. 13). Der Vierte war der liebenswürdige und rüstige Hauptmann Unschuld. Sein Fahnenträger war Herr Arglos. Er hatte eine weiße Fahne und als Wappen drei goldene Tauben (Matth. 10, 16). Der Fünfte war der unerschütterlich treue und von jedem geliebte Hauptmann Geduld. Sein Fahnenträger war Herr Langmut, der trug eine schwarze Fahne, und sein Wappen bildeten drei Pfeile, die durch ein goldenes Herz gehen. Dieses waren die Hauptleute, mit denen sich Immanuel gegen Menschen-Seele in Marsch setzte. Hauptmann Glaube führte den Vor- und Hauptmann Geduld den Nachtrab. Die drei andern bildeten mit ihren Mannschaften den Kern der Armee. Der Prinz selbst aber fuhr in seinem Wagen an der Spitze voran, und alle folgten ihm. Die Trompeten und Posaunen ertönten, und die Fahnen flatterten lustig im Wind. Die Rüstung des Prinzen war von reinem Gold und glänzte wie die Sonne am Himmel. Waffen und Rüstung der Hauptleute strahlten wie die flimmernden Sterne. Aus Liebe zu ihrem König Schaddai und zur Befreiung der Stadt Menschen- Seele zogen vom Hof auch noch einige Freiwillige mit aus. (Die Engel: Ps. 34, 8; Hebr. 1, 14.)

Auf Befehl seines Vaters nahm Immanuel noch 54 Mauerbrecher und 12 Schleudermaschinen mit. (Die Heilige Schrift, sie enthält 66 Bücher.) Jede Maschine dieser Art war auch aus reinem Gold, und auf dem Marsch nach Menschen-Seele führte man sie im Mittelpunkt und Kern der Armee.

So setzten sie ihren Marsch fort, bis sie eine Meile vor der Stadt ankamen. Hier machten sie Halt, bis die schon früher abgesandten Hauptleute hierher kamen. Die erstatteten Immanuel genauen Bericht über die gegenwärtige Kriegslage und vereinigten sich mit ihm. Als nun das neue stattliche Hilfsheer vor dem Lager erschien, erhoben die alten Soldaten dicht unter den Wällen der Stadt solch ein Freudengeschrei, daß Diabolus dadurch von neuem in Schrecken gesetzt wurde. Nun lagerte sich das ganze Heer vor der Stadt, und zwar so, daß jetzt alle Zugänge besetzt wurden und die Stadt, nach welcher Seite hin sie auch immer den Blick wenden mochte, sich überall von dem mächtigen Belagerungsheer umringt sah. Überdies hatte man auch mehrere Höhen gegen die Stadt aufgeworfen; den Berg der Gnade auf der einen, den der Gerechtigkeit auf der andern Seite, auf denen vier große Schleudermaschinen aufgestellt waren. Außerdem sah man noch mehrere kleinere Anhöhen: den Hügel der Wahrheit und der Sündlosigkeit, auf denen noch mehrere Schleudermaschinen sich befanden. Fünf der stärksten Mauerbrecher waren auf dem Berg Aufhorchen angebracht, einem Schanzhügel, der dicht an dem Ohrtor in der Absicht aufgeworfen worden war, um von hier aus vor allem dies Tor zu erbrechen.

autoren/b/bunyan/bunyan-der_heilige_krieg_teil_1.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)