Binde, Fritz - Wie wird man ein Kind Gottes

„Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, daß wir Kinder Gottes heißen sollen.“
1. Joh. 3,1

Die erste Antwort auf die Frage: „Wie wird man ein Kind Gottes?“ liegt schon in der Frage selbst: Wie wird man ein Kind Gottes? Mithin lautet die erste Antwort: Man ist noch kein Kind Gottes von Natur aus, man muß erst eins werden.

Vielen Menschenkindern ist diese Antwort eine recht ärgerliche. Sofern sie überhaupt noch mit Gott rechnen, meinen sie, es seien doch alle Menschen ohne weiteres Kinder Gottes. Es fehlt ihnen eben die biblische Gottes- und Selbsterkenntnis. Wohl sind nach der Heiligen Schrift alle Menschen Geschöpfe Gottes; denn in ihm leben, weben und sind sie, das heißt, sie haben ihr natürliches Leben aus und in ihm: nimmt er ihren Odem weg, so vergehen sie und werden wieder zu Staub (Apg. 17,28; Psalm 104,29). Aber ins bewußte Kindschaftsverhältnis zu Gott ist damit noch kein Mensch eingetreten, obgleich sie Gott wohl tasten und finden möchten, da er ja nicht ferne von einem jeglichen unter uns ist.

Im Eisenbahnzug las ich einst mein Neues Testament. Mir gegenüber saß ein junger Mann und beobachtete mich. „Sie lesen im Neuen Testament?“ begann er, „ich habe früher einmal darin gelesen, aber jetzt nicht mehr!“ „Da ging es Ihnen ja gerade umgekehrt wie mir, ich las früher nicht darin, aber jetzt“, antwortete ich, „wer ist wohl besser daran?“ – „Zweifellos ich!“ triumphierte er, „denn als ich noch darin las, quälte ich mich damit ab, ein Kind Gottes werden zu wollen, jetzt aber weiß ich, daß alle Menschen Kinder Gottes sind!“ – „So?“ entgegnete ich, „dann haben Sie aber Ihr Neues Testament schlecht gelesen! Haben Sie denn nie gelesen, was Evangelium Johannes 8,42-47 steht?“ – „Was steht denn da?“ fragte er. Da las ich ihm vor: „Jesus sprach zu ihnen (den Pharisäern): Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr mich lieben, denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; denn ich bin auch nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr seid von dem Vater dem Teufel her, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang an; und er steht nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus dem Seinen heraus; denn er ist ein Lügner und ihr Vater. Weil ich aber die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. Wer von euch überführt mich einer Sünde? Wenn ich Wahrheit rede, warum glaubet ihr mir nicht? Wer von Gott her ist, der hört die Worte Gottes; darum höret ihr nicht, weil ihr nicht von Gott her seid!“

Wie bezeugt da Jesus Christus, der eingeborene und einziggehorsame Sohn Gottes, so unerbittlich deutlich, daß nicht alle Menschen Kinder Gottes sind. Ja, wie offenbart er so eindringlich und folgenschwer, daß es zweierlei Väter und zweierlei Kinder in der Welt gibt, nämlich Gott und den Teufel, und demgemäß Kinder Gottes und Kinder des Teufels. Die Jesus lieben und glauben, weil sie sein Wort hören und verstehen, die haben mit ihm denselben Vater. Die aber sein Wort nicht hören und verstehen können, weil sie nur sich selbst lieben und an sich selbst glauben, die haben noch den Widersacher Gottes zum Vater; denn ihr Geist ist jesusfeindlich und damit gottfeindlich. Diese sind nicht aus Gott.

Welch äußerlich fromme Leute waren doch die Pharisäer! Sie versäumten wohl keinen Gottesdienst, beteten öffentlich, gaben Almosen und ließen es vorher ausposaunen, fasteten zweimal in der Woche und verzehnteten alles, was sie hatten. Und doch bezeichnete sie Jesus als ausgesprochene Kinder des Teufels, die mit all ihrem religiösen Tun nur dem Vater der Lüge dienten. Welch ein unerhörtes Urteil! Und doch sprach es der König der Wahrheit. Denn die Pharisäer waren ehrliebend. Alles, was sie taten, taten sie, um dabei von den Menschen gesehen zu werden. Ihr Gottesdienst war also im Grunde nur selbstsüchtiger Ichdienst; denn sie meinten bei alledem gar nicht Gott, sondern suchten sich selbst. In religiöser Beziehung Aufsehen erregen, um Ansehen und Ehre bei den Menschen zu gewinnen, das war der eigentliche Zweck ihres Tuns. Auch waren die Pharisäer geldliebend. Unbarmherzig fraßen sie der Witwen Häuser, wenn sie nur Geld und Besitz an sich bringen konnten. So ging also ihr eigentliches Trachten auf irdische Ehren und Güter, wozu sie das Gesetz Moses unerträglich verschärften, um die Leute darin zu fangen und sich dienstbar zu machen. Wie mußte sich da ihre Ehr- und Geldliebe durch das Auftreten Jesu bedroht und geschädigt sehen. Darum zeigte sich jetzt ihre wahre Natur. Selbstsüchtiger, blinder Neid machte sie zu Feinden und Mördern des erschienenen Gottessohnes, zu Werkzeugen des Teufels, dessen Begierden sie tun wollten. Also waren sie äußerlich eifrig religiös und innerlich leibhaftige Kinder des Teufels.

Aber dürfen wir uns über jene Pharisäer erheben? Sind wir nicht von Natur aus geradeso wie sie? Äußerlich religiös, innerlich durchtrieben selbstsüchtig, ehrliebend, geldliebend, neidisch, ichherrlich, christusfeindlich? Als Paulus nach Athen kam, fand er auch diese heidnischen weisen und kunstliebenden Griechen überaus religiös, und doch verwarfen sie ihn mit seiner Heilsbotschaft von Jesus Christus ganz ähnlich wie die religiösen Juden Christus verwarfen. Das Menschenherz ist überall und allezeit das gleiche. Auch seine Religiosität ist noch eine Form seiner Selbstsucht; denn auch mit religiösen Reden und Gebärden sucht der Mensch sein geliebtes Ich zu erhöhen. Was hilft da alle Beschönigung! Wir sind alle von Natur aus geborene und geschworene Gottes- und Christusfeinde, und in Wahrheit ist jeder Mensch genau in dem Maße gottfeindlich als er selbstverliebt ist. Oder tun wir etwa von Natur aus den Willen Gottes lieber als den Eigenwillen? Liegt nicht in uns allen ein angeborener Widerwille und Widerstand gegen die Christus- und Gottesherrschaft über uns?

Jene Pharisäer wollten als Kinder des Teufels die Begierden ihres Vaters, des Vaters der Lüge, tun. Welche Begierden sind es denn, die wir von Natur aus tun möchten? Sind es nicht die uns angeborenen Begierden der Fleischeslust, Augenlust und prahlerischen Hoffart, der Ehrsucht, Habsucht und Genußsucht, die uns treiben und knechten? Sind diese Begierden von Gott oder von der Welt, von Christus oder von Belial? O, wir wissen es, sie sind nicht von Gott, sondern von der Welt (1. Joh. 2,16), nämlich vom „Fürsten dieser Welt“, vom Widersacher Gottes, dem Teufel. Und so gewiß wir uns lieber selbst als Gott suchen, so gewiß tun wir zehntausendmal lieber diese Begierden des Teufels als einmal den Willen Gottes. Denn die Selbstsucht des Menschen ist der Anfang und das Wesen der Sünde. Mit der Aufrichtung der menschlichen Ichgröße und der Selbstbehauptung des Menschen Gott gegenüber verlor der Mensch den Geist der Gotteskindschaft und begann die Macht der Teufelsherrschaft über ihn. Seitdem sind wir ein abgewichenes und abgefallenes Geschlecht, nämlich Kinder oder Söhne des Bösen (Matth. 13,38), Kinder dieser Weltzeit (Luk. 16,8; 20,34), oder gar ein Sohn der Hölle (Matth. 23, 15), Kinder des Teufels (Joh. 8,44; Apg. 13,10; l. Joh. 3,10), Kinder des Ungehorsams, des Zornes und des Verderbens (Eph. 2,2 u. 5,6; Kol. 3,6; Eph. 2,3; 2. Thess. 2,3).

Wie unerträglich hart klingen diese Bezeichnungen aus dem Neuen Testament in die Ohren der Kinder dieser Weltzeit, und doch, je mehr man sich gegen ihre Härte und Schärfe empört, desto mehr erweist sich nur ihre Wahrheit. O, wie haßt das pharisäische Menschenherz solche unerbittliche Unterscheidungen! Schnell sucht es die göttlich gezogene Grenzlinie zu verrücken, zu verwischen oder gar ganz auszulöschen.

Aber die göttlichen Unterscheidungslinien in der Heiligen Schrift sind unzerstörbar wie das Wort Gottes selbst, ja unwandelbar wie Gott selbst. Darum, ob wir empfindsam traurig oder aufgebracht grob trotzen, es bleibt dabei und all unser Schmollen und Grollen gegen Gottes Wort und der ganze Zustand dieser im Argen, das heißt in der Gewalt des Bösen liegenden Welt (1. Joh. 5,19), beweisen es: Wir sind keine Kinder Gottes von Natur aus, sondern müssen erst welche werden.

Deshalb, kostbare, in Christus geliebte Seele, sehnst du dich nach der Gewißheit der Gotteskindschaft, so beuge dich zuerst unter die schmerzliche, aber heilsame Gewißheit, daß du nicht ohne weiteres im Stande der Gotteskindschaft bist: Wahrlich, ich wüßte nicht, was grundlegender für die Erlangung der Gotteskindschaft sein könnte, als das Erkennen und Erleben der demütigenden Gewißheit: Ich bin von Natur aus noch kein Kind Gottes, sondern muß erst eins werden!

Sodann höre die zweite Antwort auf unsere Frage: Wie wird man ein Kind Gottes? Sie lautet: Man wird kein Kind Gottes durch eigene Anstrengungen oder auf Grund eigener Leistungen.

Niemand ist durch seine Bemühungen ein Kind seiner irdischen Eltern geworden. Ebensowenig kann ein Mensch durch seine eigenen Bemühungen ein Kind Gottes werden. Man wird kein Kind Gottes durch eigene Anstrengungen oder auf Grund eigener Leistungen. Niemand ist durch seine Bemühungen ein Kind seiner irdischen Eltern geworden. Ebensowenig kann ein Mensch durch seine eigenen Bemühungen ein Kind Gottes werden.

Das Leben aus und mit Gott, das unserem Geschlechte im ersten Adam verloren gegangen ist, das kann sich kein Sterblicher in eigener Kraft zurückerobern. Lebensbeschränkung ist und bleibt der Fluch und die Strafe des Sündenfalls. Wohl hat Gott dem gefallenen Menschen Raum und Kräfte gelassen, innerhalb der Grenzen seiner Lebensbeschränkung sich zu entfalten und auf Erden zu herrschen, aber über diese Grenzen, denen seine gefallene Natur entspricht, kommt der Mensch nie und nimmer durch sich selbst hinaus. Keinerlei Kulturfortschritt bringt die Menschheit aus ihrer gefallenen Natur heraus. Der Mensch bleibt wesentlich derselbe Mensch, mag er es in Wissen, Bildung, Kunst und Technik noch so weit gebracht haben und noch bringen. Keinerlei Kulturleistungen vermögen uns zu Gott zurückzubringen. Denn keinerlei Kultur vermag die Sünde unseres Geschlechts, dieses allgemeine Kennzeichen unseres Falls, zu vermindern oder gar auszurotten. Mögen die Menschen auffliegen wie die Adler und sich ihr Nest zu machen suchen zwischen den Sternen, dennoch wird sie Gott wieder hinabstürzen in den Bannkreis ihrer sündigen Natur, der sie nicht entfliehen können.

Auch keine religiöse Entfaltung der Menschennatur hebt den Fluch des Sündenfalls auf und trägt uns jene Wesenserneuerung ein, die das Kennzeichen der Gotteskindschaft ist. Wie in allen Dingen so kann es der Mensch auch in religiösem Wissen und Tun erstaunlich weit bringen, aber er kann es nicht zu einem neuen Herzen bringen, sondern bleibt innerlich der alte Ichmensch, der immer wieder von sich selbst ausgeht und zu sich selbst zurückkehrt, das heißt nur die Früchte seines eigenen Wesens zeitigt. Mag er noch so viel laufen, hören, singen, beten, weinen, opfern, seufzen, forschen, ringen, er bleibt im Grunde der alte Mensch, der er stets im Banne seiner Selbstweisheit, Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit war.

Nie bin ich einem nur religiösen Menschen begegnet, der unter der Leitung und dem Zeugnis des Geistes Gottes „den Geist der Kind- oder Sohnschaft“ (Röm. 8,14–17) gehabt hat. Sie wurden alle nur von ihrem eigenen Geist geleitet. So suchten sie „Gott“ mit ihrer Vernunft oder mit ihrem Gefühl entweder als eine Denk- oder Gefühlsnotwendigkeit, nannten ihn auch wohl im Sinne des Schöpfers ganz geläufig „Vater“, aber eine Erkenntnis der Vater- und Kindschaft im Sinne von 1. Joh. 2,14 fand ich da nie. Sie waren alle nur Leute, die von Gott nur mit ihren Ohren gehört hatten und mit ihrem Munde von ihm redeten. Und eben dieses Hören und Reden weiter zu pflegen, war ihnen „Religion“. In eben diesem Sinne lasen sie auch die Bibel nur mit dem Spürsinn ihrer Vernunft oder mit dem Tastsinn ihres Gefühls, wobei sie wohl zu allerlei Denkergebnissen und Gefühlserlebnissen, aber zu keinem Leben aus Gott in der Kraft Gottes gekommen waren. Darum war auch nicht einer von ihnen zum Frieden mit Gott durch den Glauben an Christus Jesus gelangt. Alles war menschliches Wähnen und Meinen geblieben. So redeten sie auch in idealer Hindeutung von der Gotteskindschaft, aber niemand besaß diese Kindschaft.

Und alles reiche religiöse Wissen und eifrige religiöse und sozialethische Tun änderte an dieser Tatsache nichts. Frage deshalb einen nur religiösen Menschen, ob er habe, was er suche. Wenn er ehrlich ist, muß er gestehen, das Beste fehle ihm stets noch.

Ich habe immer nur anbetend staunen müssen, wie genau nach dem Geistesgesetz des Lebens in Christus Jesus (Röm. 8,1) Gott durch den Heiligen Geist wirkt. Denn niemals bezeugt der Heilige Geist einem Menschen die Gotteskindschaft, solange dieser Mensch sich noch durch eigene Anstrengungen und Leistungen zum Gotteskinde zu machen versucht.

Darum, in Christus Jesus geliebtes Menschenkind, willst du ein Gotteskind werden, so halte ein in deinen Bemühungen und stehe gebeugt still vor der zweiten Tatsache: keinerlei religiöse Erziehung oder Gewohnheit, keinerlei religiöses Studium oder Wissen, keinerlei religiöse Betätigung oder Berufsarbeit macht dich zum Kind Gottes.

Ach, wie viele täuschen sich da, aber der Geist Gottes täuscht niemanden. Deshalb verlaß dich nicht länger auf deine gewiß ehrenwerte christliche Erziehung und Unterweisung; oft knüpft Gott an beidem an, oft aber auch nicht. Verlaß dich auch nicht länger auf deine christliche Betätigung in Vereinen, Gemeinden, Sonntagsschulen, Gesangchören, Ämtern und Ehrenämtern. Sondern höre jetzt die dritte Antwort auf unsere Frage: Wie wird man ein Kind Gottes? Sie lautet: Man wird ein Kind Gottes nur durch Wiedergeburt, nämlich durch Empfang eines ganz neuen Lebens aus Gott.

Ein wesentlich Neues soll nach Gottes biblisch geoffenbartem Heilsplan in der Menschheit und auch in dir werden. Der alten unheilvollen adamitischen Entwicklung unseres Geschlechts wurde durch die Person und das Werk Jesu Christi eine neue heilvolle Entwicklung entgegengestellt. Einen Neuen Bund machte Gott mit den Menschen, den Bund im Blute des Gotteslammes, das der Welt Sünde hinwegnehmen sollte. Neues Leben sollte die Menschheit in dem erschienenen Lebensbringer empfangen. Durch den für uns alle dahingegebenen eingeborenen Gottessohn, der sein sündloses, unentwertetes Leben als Lösegeld an Stelle vieler zur Bezahlung unserer Sündenschuld in den Tod gab, wurde uns der Neue Weg zu Gottes Lebensfülle zurückgebahnt. Dem Erstgeborenen der Brüder anhangend und nachfolgend, können nun alle Menschen zum Vater in den Himmel gelangen und Kinder Gottes werden, indem sie um Christi Todes willen ganz neues Leben aus Gott durch den Heiligen Geist empfangen. Seitdem gilt vor Gott nichts als eine Neue Schöpfung in Christus Jesus, und wer in Christus ist, ist eine Neue Schöpfung (Gal. 6,15; 2. Kor. 5,17).

Aber wenn dies Neue in dir werden soll, mußt du das Alte als abgetan und vergangen ansehen lernen. Das Alte ist dein adamitisches Selbst- und Sündenleben in der Gewalt Satans, unter der Obrigkeit der Finsternis, unter dem Gesetz der Sünde und des Todes, unter dem Fluche des Gesetzes vom Sinai und unter den Satzungen der Menschen. Das Alte bist du selbst in deiner von Gott losgelösten eigenwilligen, unfruchtbaren Ichheit. Von allem diesen fluchvollen Alten hat uns der Gottessohn durch seinen Tod losgekauft, damit wir durch ihn die Sohnesstellung empfingen (Gal. 4,5). Da mußt du also dein altes Selbst als mit Christus gekreuzigt, gestorben und begraben erschauen lernen, damit du danach das Wiedergeburtsleben zu erkennen und zu erlangen vermagst, das uns durch die Auferstehung Christi nach der Barmherzigkeit Gottes (l. Petr. 1, 3) geschenkt ist. Denn das Wort vom Kreuzestod und die Kunde von der Auferstehung Christi bilden zusammen die Heilsbotschaft, durch deren Gotteskraft du von neuem geboren werden sollst (1 Kor. 1,18; Apg. 2,32). Wie nun dein Herz die Gotteskraft dieser Heilsbotschaft aufnimmt, so nimmst du bereits Geist und Leben aus Gott auf; denn eben Gottes lebendiges und bleibendes Wort ist der unvergängliche Same, durch dessen Aufnahme in unser Herz wir wiedergeboren werden (1. Petr. 1,23).

So geht es also bei der Wiedergeburt zu einem neuen Leben aus Gott ähnlich wie bei der fleischlichen Geburt eines Menschen zum natürlichen Leben, nämlich es muß vorher eine Empfängnis und Befruchtung eintreten. Denn alle die aus Gott gezeugt und geboren worden sind, sind zwar nicht aus dem Geblüt noch aus Fleisches- und Manneswillen zum neuen Leben gezeugt, aber sie sind durch den Samen des Gotteswortes in der Gotteskraft der Heilsbotschaft aus Gott als Kinder Gottes gezeugt (Joh. 1,13).

Darum, teures Menschenkind, willst du ein Gotteskind durch die Wiedergeburt werden, so kommt es vor allen Dingen darauf an, daß du zu Gottes Stunde Gottes Wort mit recht beschaffenem Herzen aufnimmst. Das recht beschaffene Herz ist ein gläubiges, nämlich ein recht hörendes und recht verstehendes Herz (Matth. 13,23). Und Gottes Stunde ist eben die Stunde, wo dir Gott solchen Glauben durch den Geist der Gnade schenken will. Das ist deine Gnadenstunde. Ich weiß nicht, wieviel solcher Gnadenstunden dir Gott zugedacht hat, aber darüber sollst du auch nicht grübeln, sondern dich gerade jetzt den Geist- und Lebenskräften des Wortes Gottes überlassen, um in ihnen das Wiedergeburtsleben als ewiges Leben aus Gott zu ergreifen.

Dies Erlangen göttlichen Lebens in gläubiger Hingabe und Hinnahme ist ein unbeschreibliches Geheimnis. Es ist dieser geistliche Zeugungsakt ein unenthüllbarer Akt der Liebe Gottes in Christus Jesus mit deiner Seele. Leben Christi als Leben Gottes senkt sich durch den Heiligen Geist in dein gläubig geöffnetes Herze in einer Weise ein, die über alles Denken und Verstehen geht.

Hat Gottes Liebe dir dies Leben schenken können, so weißt du nur das eine, nämlich, daß dies Wunder durch Glauben (Gal. 3,26) geschah, und daß dir der Glaube aus Gnaden gerade dann zuteil wurde, als du ihn um jeden Preis, überwältigt von Gottes Liebe zu dir, dem elenden Sünder, wünschtest und erbatest, und dann weißt du auch, was Glauben heißt, nämlich über alles Verstehen und Fühlen hinaus Gott in seinem Wort recht geben, ihm auf sein Wort hin bedingungslos vertrauen und sich damit den Einwirkungen seines Geistes und Lebens rückhaltslos übergeben und überlassen.

Wahrlich, zu solchem gottgeschenkten Glauben gelangt sein, das heißt eine biblische Buße und Bekehrung erlebt haben. Da hat man den unerhört scharfen Ausspruch Jesu, mit dem er Nikodemus, dem Meister in Israel, in jener Nacht jedes Kompliment und jede Weisheit abschnitt, nämlich das Wort: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“, (Joh. 3, 1–11), recht verstanden. Da wundert es einen nicht mehr, daß der Mensch von neuem geboren werden muß, weil er sonst das Reich Gottes nicht einmal sehen, wieviel weniger hineinkommen kann. Da hat man die reinigende Kraft des Wassers, sowohl als Wasserbad in Christi Wort (Eph. 5,26; Tit. 3,5), als auch als Sinnbild des Sühneblutes Christi zur Vergebung der Sünden, erlebt. Da ist man vom himmlischen Wehen des Geistes erfaßt worden und hat seine neugebärende Kraft erfahren. Nun weiß man was es heißt, aus Wasser und Geist geboren werden.

Das erfahren alle, die vor Jesu Christi Wesen und Wort in gottgeschenkter Buße zur Einsicht gelangten, daß sie in sich selbst kein göttliches Leben haben (Joh. 6,53), sondern tot waren in ihren Übertretungen und Sünden (Eph. 2,1), alle, die zu Gottes Stunde den Ruf zur Umkehr, als Ruf zum neuen Leben beachtet und befolgt haben. Alle diese haben sich in williger Selbstverleugnung von sich selbst abgekehrt und Gott in Christus zugekehrt, um von ihm das Wasser des Lebens zu erbitten und zu empfangen. Denn alle diese haben Jesus Christus als ihr neues Leben an- und aufgenommen und wissen: „Wie viele ihn aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (Joh. 1,12).

Alle diese schauen vor dem Kreuz auf Golgatha zum Himmel empor und wagen es, als gereinigte und gerettete Sünder zum heiligen Gott „Abba, lieber Vater“ zu sagen (Röm. 8,15). Sie sind es, die jubeln können: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir Kinder Gottes heißen sollen!“ Und nun frage dich, in Christus geliebtes Menschenkind, nachdem du diese dreifache Antwort auf unsere Frage: Wie wird man ein Kind Gottes? vernommen hast, wie es mit dir steht, ob du in biblischer Buße, Umkehr und Selbstpreisgabe diese Lebenserneuerung und mit ihr die Gotteskindschaft empfangen hast oder noch nicht, um dir aber zur rechten Klarheit zu verhelfen, laß dir jetzt noch fünf Kennzeichen der Kinder Gottes nennen, an denen du prüfen kannst, wohin du gehörst.

Das erste Kennzeichen ist dieses: Ein Kind Gottes kann nicht mehr ohne Gott in Christus leben.

Ein Weltkind lebt für Ehre, Besitz, Genüsse, Beruf, Ideale und Menschen; in dem allen sucht und hat es sein sogenanntes Leben. Verliert es diesen Lebensinhalt, so ist ihm sein Leben kein Leben mehr. Aber ein Kind Gottes kann alle Ehre vor Menschen, allen irdischen Besitz, alle weltlichen Genüsse und jede Genußfähigkeit samt seiner Gesundheit und Arbeitskraft, ja alle seine Lieben verlieren, ohne daß sein Leben inhaltslos wird und aufhört Leben zu sein; denn in alledem hatte es gar nicht sein wirkliches Leben mehr, sondern sein wirkliches Leben ist Christus geworden, und Christus als Leben bleibt ihm, wenn alles Irdische bricht und schwindet. Könnte man aber einem Gotteskinde Christus nehmen, so hätte es tatsächlich kein Leben mehr; denn eben ohne Christus kann es nicht leben.

So ist also das gottgeschenkte Bewußtsein: Christus ist mein unverlierbares, ewiges Leben das erste Siegel der aus Gott Geborenen. Ist dir, liebe Seele, dies göttliche Siegel eingeprägt? Bliebe dir Jesus, wenn du alles verlörest?

Wenn du hierauf mit „Ja“ antworten kannst, dann ist dir in Ihm bereits Leben aus Gott geschenkt worden, wie unzulänglich die Darstellung und Auswirkung dieses Lebens auch noch sein mag. Gott ist in Christus zu dir, du bist in Christus zu Gott gekommen. Du weißt Christus dir und dich Ihm gegeben. Siehe, der Vater hat auch in dir seinen Sohn geoffenbart (Gal. 1,16), und der Sohn hat auch dir den Namen des Vaters geoffenbart (Joh. 17,26). Du gehörst zu den Kindern, die den Vater kennen (1. Joh. 2,14); denn Gott hat auch in dein Herz den Geist seines Sohnes entsandt, so daß du laut rufen darfst: Abba, Vater! (Gal. 4,6).

Und hat dir nicht gerade dein so vielfaches Abweichen und Abirren von Jesus, aus dem dich der gute Hirte allemal mit Freuden wieder heim zur Herde brachte (Luk. 13,4–6), aufs schmerzlichste und doch trostreichste bewiesen, daß du eben doch nicht mehr ohne Gott in Christus leben kannst?

Siehe, so bist du also trotz alledem aus Gott gezeugt: Seine Liebe hat dir im eingeborenen Sohne neues Leben schenken können (1. Joh. 4,9). Zuversichtlich darfst du wissen: Ich bin ein Kind Gottes (1. Joh. 3, 2).

Allerdings handelt es sich nun darum, daß Christus, dein Leben, in dir volle Gestalt gewinne (Gal. 4,19), damit du wirklich durch ihn stark werdest, allem abzusagen (Luk. 14,33; Eph. 6,10; Kol. 2,6), weil du in ihm nicht nur Leben, sondern überfließendes Leben haben sollst (Joh. 10,11).

Deswegen prüfe dich jetzt auch nach dem zweiten Kennzeichen; es heißt: Ein Kind Gottes kann nicht mehr ohne Gottes Wort und Gebet zu Gott, seinem Vater, im Namen Jesu leben.

Ein Kind dieser Weltzeit lebt von Zeitung und Weltweisheit. Hat es beides, so glaubt es seinen Geist befriedigt. Täglich ist es hingenommen von den Händeln und Bildern dieser sichtbaren Welt. Die Bibel ist ihm ein fremdes Buch. Und hört man daraus oder liest man darin, so widert einen der fremde Geist dieses Buches nur an, so daß man sich mit Gleichgültigkeit oder eingebildeter Überlegenheit gegen ihn wehrt. Oder aber man mißbraucht Gottes Wort zur Stützung menschlicher Gedankengebäude oder achtet es noch als ehrwürdiges Kult- und Trostbuch.

Wie anders ein Kind Gottes! Die ganze Welt kann es lassen, aber seine Bibel nicht. Es ist ihm ja das einzige Buch in der Welt, das ihm neues Leben zu überbringen vermochte. Der Odem des lebendigen Gottes hauchte es aus diesem Buche an. Christus, der Urheber, Erretter und Herr seines Lebens, trat aus diesem Buche heraus in sein Leben hinein. Dies Buch ist der Keim- und Nährboden für seine Seele. Denn aus den ewigen Lebensworten dieses Buches weiß es sich gezeugt; aus ihnen nährt es sich, mit ihnen wehrt es sich. Es ist ihm untrügliches Licht und unentbehrliche Kraft für die Pilgerreise im fremden, finstern Erdenland. Alle Bücher dieser Welt kann es missen, aber ohne seine Bibel als Gottes Wort kann das Kind Gottes nicht leben.

Der Götze Bibel muß weg!“ rief ein blinder Tor aus. Das wäre ja, als wenn ein irrsinniger Schiffskapitän geböte: Der Götze Kompaß muß über Bord!“ antwortete ein Gotteskind.

So sind alle neugeborenen Kindlein Gottes begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch des Wortes Gottes, auf daß sie durch dieselbe wachsen zum Heil (1. Petr. 2,2). Lieber wollen sie die irdische Speise für den sterblichen Leib als die himmlische Speise für die unsterbliche Seele entbehren: denn sie wissen, daß ihnen aus der Heiligen Schrift unerschöpfliches ewiges Leben entgegenquillt (Joh. 5,39). Täglich neigen sie sich dem Worte der Wahrheit und des Lebens, um sich vom Geiste ihres Vaters und von der holdseligen Stimme ihres Meisters und guten Hirten durch den Heiligen Geist leiten und weiden zu lassen. Und wunderbar redet das aufgenommene Wort Tag und Nacht in ihnen weiter und läutert sie zu göttlichem Denken, Handeln und Wandeln.

Und so lernen Kinder Gottes aus dem Worte Gottes heraus auch zu Gott im Namen Jesu beten.

Kinder dieser Weltzeit beten ja auch. Aber sie beten in knechtischer Gewohnheit oder aus plötzlicher Angst und Furcht. Ihr Gebet ist das selbstbewußt tönende des Pharisäers oder der Notschrei des bedrängten Fleisches, das sich nicht mehr anders zu helfen weiß, nun soll Gott wieder einmal helfen. So ist es ein angelerntes oder unweises eigenwilliges Beten, voll menschlicher Blindheit und Torheit, ohne Geist und Wahrheit von oben.

Aber die aus Gott geboren und in der Wahrheit des Wortes geheiligt sind (Joh. 17,17), lernen durch den Beistand des Heiligen Geistes, der die Heiligen in ihrer Schwachheit vertritt, beten, wie sich’s gebührt nach dem Sinnen des Geistes und wie es Gott angemessen ist (Röm. 8, 26-27). Wie ein neugeborenes Kind schreien kann und reden lernt, so vermag ein Kind Gottes zu seufzen und beten zu lernen im Geiste. Da wird das Gebet geradezu der Lebensbeweis und Lebensausdruck des Kindes Gottes. Es betet mit Worten und mit Schweigen, nämlich mit der steten Neigung seines Herzens zu Gott, zu jeder Gebetszeit und allezeit. Ja, die Glück- und Gottseligkeit eines Kindes Gottes ist eigentlich Gebetsseligkeit; denn sie besteht ja in der allzeitigen anbetenden, dankenden und bittenden kindlichen Abhängigkeit von seinem himmlischen Vater im Namen Jesu.

So ist also das geistgeleitete Hören auf Gottes Wort und das geisterfüllte Beten zu Gott das zweite Siegel der aus Gott Geborenen. Ist dir, liebe Seele, auch dies Doppelsiegel eingeprägt? Ist dir ein Leben ohne Bibel und Gebet undenkbar geworden?

Wenn ja, dann freue dich als ein Kind Gottes, mag dein Bibellesen auch noch lückenhaft und oft verständnisleer und dein Beten trocken, matt und scheinbar fruchtlos sein. Lies und bete nur ohne Rücksicht auf Verstehen und Fühlen im Glauben weiter; sicherlich wird dir dein Vater geben, was dir in Christus Jesus zugedacht ist.

Nun prüfe dich am dritten Kennzeichen; es ist dies: Ein Kind Gottes kann nicht ohne Verbindung mit dem Volke Gottes leben.

Wer aus Gott geboren ist, ist in die göttliche Familie hineingeboren worden; zu der gehört er nun so gut wie ein aus dem Fleische geborenes Kind in die irdische Familie gehört. Ein Kind Gottes gehört zu den Kindern Gottes. Und da ist es eben ein Merkmal seiner Geburt aus Gott, daß es alle Kinder Gottes liebt. Unmißverständlich schreibt Johannes: „Wir wissen, daß wir vom Tode zum Leben hinübergegangen sind; denn wir lieben die Brüder“ (1. Joh. 3,14). Ebenso: „Wer da liebt den, der ihn gezeugt hat, der liebt auch den, der von ihm gezeugt ist“ (1. Joh. 5,1). Diese Liebe der Kinder Gottes untereinander ist das augenscheinlichste Kennzeichen der erfahrenen Lebenserneuerung; denn Jesus sagt: „Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh. 13,35).

Das Wesen Gottes ist Liebe. Wer aus Gott gezeugt ist, ist des Wesens Gottes, also seiner Liebe teilhaftig geworden. Die Liebe Gottes ist bei der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist in sein Herz ausgegossen worden (Röm. 5,5). Wiedergeburt ist Wiederbefähigung, göttlich zu lieben. Da wird man befähigt, zu lieben, wie Gott in Christus liebt, nämlich bedingungslos.

Das muß sich zuallererst den Kindern Gottes gegenüber zeigen. Da gilt es, niemanden mehr nach dem Fleische, nämlich nach seiner natürlich angeborenen Unzulänglichkeit oder Anmut kennen (2. Kor. 5,16), sondern alle in Christus sehen und lieben lernen. Da liebt man die Menschen also nicht mehr um ihrer- oder um unsertwillen, sondern wie Gott sie vom Kreuz herab liebt, nämlich um Christi willen. Die Liebe Gottes in dir ist eins mit der Liebe Gottes in deinem Bruder. Diese Einheit in der Liebe Gottes, Christi und des Geistes (Röm. 15,30) ist das Band der Vollkommenheit (Kol. 3,14), das alle Kinder Gottes umschlingt.

Die Betätigung dieser Bruderliebe ohne Ansehen der Person (Phil. 2,2) ist die Probe auf unsere Selbstsucht in der Selbstliebe und ein Kennzeichen unserer Geistesfülle. Wir sind immer nur soweit mit Geist erfüllt, als wir mit Christi Liebe erfüllt sind. Alle Frucht des Geistes, aus dem ein Kind Gottes geboren ist, beginnt mit der Liebe und ergibt sich aus der Liebe (Gal. 5,22).

Siehe, welch ein strahlendes Siegel der aus Gott Geborenen! Ist dir, liebe Seele, dieses Siegel der Liebe ins Herz gedrückt? Vermagst du die Kinder Gottes mit der Liebe Gottes zu lieben?

Wenn ja, o, dann gehörst du zu dieser alles Stückwerk der Erkenntnis übersteigenden göttlichen Liebesgemeinschaft, die alle trennenden Namen auslöscht und als Liebe zu allen Heiligen die Erde umflutet (Kol. 1,4). Dann bitte, liebe Seele, brich dies heilige Siegel der Liebe nie! Glaube nicht an ein Heil durch Lehrsysteme, Rotten und Richtungen, äußere Kirchen und Kirchlein! Vergib und verliere dich nie und nimmer an eine von diesen Parteien! Verliere dich immer und ewig nur an Gott, den ewigen Abgrund der Liebe, selbst! Und ewig neu verliere dich an den ewigen Sohn der Liebe, in dem die Liebe Gottes erschienen ist, Jesus Christus, um des willen alles und durch den alles ist, und der als der Urheber unseres Heils durch Leiden vollendet worden ist und viele Kinder geführt hat zur Herrlichkeit! (Hebr. 2,10).

Und so werde dir das vierte Kennzeichen kund, welches ist: Kein Kind Gottes kann in der Finsternis und Sünde wandeln.

Die Kinder dieser Weltzeit sündigen blindlings und gewohnheitsmäßig. Sie mißbrauchen den Namen Gottes und Jesu, fluchen, lügen, lästern, betrügen, neiden, zürnen, hassen, werden tagtäglich umhergetrieben von ihren selbstsüchtigen, selbstgefälligen Lüsten, und wissen es gar nicht; denn eben dies ist ja ihr Totsein in Übertretungen und Sünden.

Aber wer Wiedergeburtsleben aus Gott erlangt hat, ist aufgewacht und aufgestanden aus dem Sündenschlaf: Er kann nicht mehr blindlings drauflos sündigen.

Das will sagen: Kein Kind Gottes kann länger mehr in der Finsternis wandeln, nämlich in der Sünde sein Lebenselement haben. Als Jesus die Ehebrecherin mit den Worten: „Gehe hin und sündige nicht mehr!“ entlassen hatte, sprach er: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben!“ (Joh. 8,11-12). Sicherlich konnte die Ehebrecherin nie mehr in der Sünde leben; denn sie hatte Jesus erlebt. Das ist auch der Sinn der Worte: „Wer da sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt … Wer Sünde tut, der ist vom Teufel … Wer von Gott gezeugt ist, der tut nicht Sünde, weil sein Same in ihm bleibt; und er kann nicht sündigen, weil er von Gott gezeugt ist. Daran werden offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels“ (1.Joh. 3,6+8-11).

Alle diese Worte wollen nicht sagen, ein Kind Gottes habe nicht Sünde, es sei „sündlos“, sondern sie wollen sagen, ein Kind Gottes könne nicht Sünde tun wie ein Weltkind, das ja eben in Finsternis und Sünde sein Wesen und seinen Wandel hat. Wohl hat ein Kind Gottes, solange es Fleisch hat, noch Sünde (1. Joh. 1,8.10), ist also auch noch fähig zu sündigen, aber es soll und braucht nicht zu sündigen; denn es ist losgekauft und freigemacht vom Gesetz der Sünde und kein Schuldner des Fleisches mehr (Röm. 8,2.12). Wohl wissen, daß man Sünde hat und sie doch nicht tun müssen, das ist ja gerade die Freiheit eines Kindes Gottes. Hat aber ein Kind Gottes aus Mangel an wachsamer, betender Glaubensbetätigung dennoch gesündigt, so bleibt es trotzdem ein Kind Gottes, so gut wie sonst ein Kind trotz seines törichten Ungehorsams ein Kind seiner Eltern bleibt. Denn dürften wir erst Kinder Gottes werden, wenn wir sündlos und fehlerlos geworden sind, so könnten wir nie Kinder Gottes werden. Aber für ein Kind Gottes ist das Tun der Sünde Unnatur und Fremdherrschaft, nämlich ein Werk und Sieg des Teufels, das unsagbar traurig macht. Darum hält es ein Kind Gottes im Tun der Sünde nicht aus, sondern bekennt seine Sünde, daß es schleunigst Vergebung und Reinigung gemäß 1. Joh. 1,9 u. 2,1-2 empfange und des Teufels Werke durch den Sohn Gottes zerstört und die Geschäfte des Leibes durch den Geist getötet werden (1. Joh. 3,8; Röm. 8,13).

„Denn alle, die sich von Gottes Geist leiten lassen, die sind Gottes Kinder“, oder Söhne (Röm. 8,14). Das ist es, warum kein Kind Gottes in der Finsternis und Sünde wandeln kann. Der Geist Gottes, aus dem es wiedergeboren wurde und der seitdem als Heiliger Geist in ihm wohnt, der ist es, durch den es sich jetzt leiten läßt, um Frucht des Geistes durch Christus für Gott zu bringen (Joh. 15,5; Gal. 5,22). Nicht mehr der gottfeindliche Weltgeist oder der selbstherrliche Ichgeist oder der knechtische Geist des äußeren Gesetzes haben die Herrschaft, sondern Gottes Geist leitet das Kind Gottes. Der Geist des Knechtesstandes hat dem Geist des Kindes- oder Sohnesstandes weichen müssen. Und er selbst, der Geist, ist es, der unserem Geiste– eben durch sein Leiten – Zeugnis gibt, daß wir Gottes Kinder sind(Röm. 8,15-16).

„Siehe, welch ein klar und scharf geprägtes Siegel der Gotteskindschaft ist dies doch! Hat es deinem Geiste, o Menschenkind, zum Zeugnis werden können, daß auch du ein Kind Gottes bist?

O, wohl dir, wenn du dich unter der Leitung des Geistes Gottes dem Wandel in der Finsternis und Sünde entführt weißt! Wie frei und froh darfst du dann: Abba, Vater! rufen. Dann gehört dir auch das fünfte Kennzeichen der Wiedergeborenen, nämlich: Jedes Kind Gottes weiß sich Erbe Gottes und Miterbe Christi.

Denn sind wir Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben Christi (Röm. 8,17). O, mit welch einer Freude danken die Kinder Gottes ihrem himmlischen Vater, daß er sie tüchtig gemacht hat zu dem Anteil an dem Erbe der Heiligen im Licht! (Kol. 1,12). Denn seine Barmherzigkeit hat sie durch Jesu Christi Auferstehung wiedergeboren für eine lebendige Hoffnung, nämlich für ein unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, das ihnen aufbewahrt ist in den Himmeln (1. Petr. 1,3-4). Darum trachten sie nicht mehr nach dem, was auf Erden ist, sondern nach dem, was droben ist, wo Christus ist. Denn ihr Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus ihr Leben offenbar wird, dann werden auch sie mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit (Kol. 3,1–4). So haben sie jetzt schon ihr Bürgertum in den Himmeln, woher sie auch als ihren Erretter erwarten den Herrn Jesus Christus, der sie gleichgestalten wird seiner Herrlichkeit (Phil. 3,30.21). Denn es ist noch nicht erschienen, was sie sein werden. Sie wissen aber, wenn er erscheinen wird, daß sie ihm gleich sein werden, denn sie werden ihn sehen, wie er ist (1. Joh. 3,2).

Siehe, diese lebendige Hoffnung ist das himmlisch lichte Siegel aller aus der Auferstehung Christi Wiedergeborenen. Trägst du, o Menschenkind, die vier anderen göttlichen Merkmale in dir, dann ist dir auch dies Ewigkeitssiegel in deine bräutliche Seele eingeprägt. Glückselig, denn du bist Gottes Kind und ein Bürger des ewigen Gottesreiches als ein Sohn der Auferstehung (Luk. 20,36), der einst dem Sohne Gottes und den Engeln gleich sein wird!

Und wenn dir Kennzeichen um Kennzeichen der Wiedergeborenen noch fehlt? Was dann? O, dann komm sündig, arm, leer, aber im Glauben zu Jesus, deinem Erbarmer und Erretter! Er wartet auf dich und schenkt dir die Gotteskindschaft.

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