Binde, Fritz – Scheinleben

Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot.
Offenbarung 3,1

Scheinleben, nur den Namen haben, daß man lebe, in Wirklichkeit aber ist man tot, welch ein Betrug!

Wie fürchten doch die Menschen den Scheintod, warum fürchten sie denn nicht vielmehr das Scheinleben? Denn der Scheintod ist eine seltene Ausnahme, aber das Scheinleben ist die allgemeine Regel. Der Scheintod kann nur wenige Stunden währen und endet mit dem wirklichen Tod des Leibes, aber das Scheinleben währt meistens ein ganzes Menschenleben lang und endet dann mit dem geistlichen Tod der Seele. Denn der Scheintod betrifft nur den Tod des Leibes, aber das Scheinleben betrifft den Tod der Seele. Die Furcht vor dem Scheintod ist die Furcht vor dem Erwachen in Sarg und Grab, aber die Furcht vor dem Scheinleben sollte sein die Furcht vor dem Erwachen aus dem Totsein in Sünden und Übertretungen vor dem heiligen Gott, die Furcht vor einem leeren, verfehlten, vergeblichen Leben und die Furcht vor dem Gerichte Gottes über solch ein verlorenes Leben. Um den Folgen des Scheintodes zu entgehen, lassen viele ihren Leib verbrennen; aber was kannst du tun, um den Folgen des Scheinlebens zu entgehen, wenn deine Seele brennen muß in dem Feuer, das nie verlischt? Ach, wieviel größer sollte der Schrecken der Menschen vor dem Scheinleben als vor dem Scheintod sein! Aber vor dem Scheinleben graut den allermeisten nicht im geringsten, eben weil sie in diesem Scheinleben so tot sind, daß sie den Mangel an wahrem Leben gar nicht wahrzunehmen vermögen. Sie meinen, Leben zu haben, und wissen nicht, daß ihr Leben Tod ist.

Wenn die Menschen ihren eigenen Gedanken nachhängen, die Glieder ihres Leibes nach ihrem Willen gebrauchen, ihren Trieben, Lüsten und Begierden frönen und einer auskömmlichen Hantierung nachgehen können, so nennen sie das ihr Leben. Es ist ihr aus der Selbstsucht geborenes, vom Eigenwillen beherrschtes, durch die Sünde entwertetes, für Gott unbrauchbares Ichleben. Wie reich und anmaßend sich solches geschäftige Ichleben auch gebärden mag, es ist und bleibt eitles, nichtiges Scheinleben. Ja, leeres Scheinleben ist jedes Menschenleben, das nicht die Wirklichkeit und den Willen des lebendigen Gottes, sondern nur den Eigendünkel des menschlichen Ichgeistes zum Inhalt hat. Es ist nicht das Leben, wie es sein soll. Es ist nicht das Leben in Übereinstimmung mit seinem Urheber. Es ist nicht das Leben, in dem Gott lebt!

Graut dir vor solchem eitlen, fruchtlosen Scheinleben und willst du wirkliches Leben, das allein diesen Namen verdient, erkennen und empfangen, so erkenne und empfange das Leben Jesu Christi. Mit der Erkenntnis seines Lebens beginnt die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Da wird Schein von Wirklichkeit, Lüge von Wahrheit, Sündiges vom Heiligen, Menschliches vom Göttlichen geschieden. In Jesu Christi Leben blendet kein eitler hohler Schein, täuscht und betrügt kein selbstgefälliger Ichgeist; denn in seinem Leben waltet nicht eine Spur von Selbstsucht. In Jesu Christi Leben herrscht und handelt allein Gott. Darum ist Jesu Christi Leben das allein unentwertete, vollgültige, wahrhaftige Leben, das Leben, das allein vor Gott taugte, und das allein uns helfen und retten kann, wenn wir herauskommen wollen aus unserem gottlosen und darum wertlosen Scheinleben.

Denn Jesu Christi wahrhaftiges, vollgültiges Leben taugte allein, um als ausreichendes Lösegeld zur Bezahlung unserer Sündenschuld hingegeben zu werden, damit der Frevel unseres gottlosen Scheinlebens getilgt und wir mit Gott versöhnt zum wahren Leben aus und mit Gott zurückgebracht werden könnten. Zum Kreuz auf Golgatha müssen wir uns wenden, wenn wir vom Scheinleben genesen wollen. Dort am Kreuz ist unser Scheinleben entlarvt, gerichtet und geheilt worden. Dort fließt uns Gottes Leben und Liebe im für uns alle dahingegebenen Gottessohne zu. Dort kannst du dein leeres Scheinleben mit dem Reichtum der Gnade Gottes in Christus Jesus füllen und in wirkliches göttliches Leben verwandeln lassen.

Da muß aber aufs erste die menschliche Scheinweisheit entlarvt, gerichtet und geheilt werden. Denn das leere Scheinleben ist aufgebläht von einem dünkelhaften Scheinwissen und ist betrogen von allerlei Scheinwahrheit.

Scheinweisheit ist jede Weisheit, die nicht aus der Furcht Gottes stammt; denn die Furcht des Herrn ist aller wahren Weisheit Anfang (Ps. 111,10). Scheinweisheit ist jede von der Erkenntnis Gottes in Christus Jesus losgelöste Menschenweisheit. Es kann niemand wahrhaft weise sein, der Gott nicht fürchtet und ihn in Christus Jesus nicht zu erkennen und ihm nicht zu dienen sucht. Denn Christus Jesus ist uns von Gott zur Weisheit gemacht (1. Kor. 1,30), in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis (Kol. 2,3), darum muß jede Weisheit, die nicht aus diesen himmlischen Schätzen von oben her gespeist ist, leere Scheinweisheit sein, die niemand wahrhaft weise machen kann.

O, wie ist doch gerade die heutige Welt voll von dieser von der Furcht und der Erkenntnis Gottes losgelösten Scheinweisheit! Wie hält sich doch jedes in sich selbst für weise und glaubt einer Weisheit Gottes von oben her nicht mehr zu bedürfen! Im Gegenteil, diese hohle menschliche Scheinweisheit maßt sich noch an, die Weisheit Gottes, die in Christus Jesus uns geschenkt ist, berichtigen und ergänzen zu wollen. Wie hoch dünkt sich diese listige Scheinweisheit erhaben über die Offenbarung Gottes im Bibelbuche, ja über Gott und Christus selbst! Aber eben diese Scheinweisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott (1. Kor. 3,19). Denn Gott packt diese Pseudoweisen in ihrer Schlauheit und kennt die Gedanken dieser Scheinweisen, daß sie eitel sind. Und er hat den Unmündigen, Einfältigen und Törichten in der Welt seine Weisheit geoffenbart und geschenkt, um durch dies Törichte Gottes die stolze Weisheit dieser Welt zu beschämen, nämlich als Scheinweisheit zuschanden zu machen (Matth. 11,25; 1. Kor. 1,27). Wenn alle irdische, sinnliche, dämonische Scheinweisheit, die wider die Wahrheit lügt (Jak. 3,15), in ihrer weltlichen oder auch frommen Rechthaberei längst als Betrug gerichtet worden ist, dann wird die unveränderliche Gottesweisheit, die in Christus Jesus erschienen ist, um so ewigkeitsmächtiger erstrahlen.

Ebenso wird das menschliche Scheinwissen gerichtet werden, und es ist schon alle Tage gerichtet. „Wissen, was Gott will“, sagt Pascal, „ist die einzig wahre Wissenschaft.“ Ach, wie eitel ist alles menschliche Wissen, ohne diese einzig wahre Wissenschaft! Während des Weltkrieges im Jahre 1915 schrieb der Alldeutsche Rohrbach in seinem Buche „Der deutsche Gedanke in der Welt“, die Deutschen glaubten nur noch an eine Dreieinigkeit, diese heiße: die deutsche Arbeit, das deutsche Wissen, die deutsche Rüstung. Wie hat Gott diesen lästerlichen Dünkel gerichtet! O aufgeblähtes, selbstherrliches, ruhmrediges „deutsches Wissen“, das nichts mehr von Gott wissen wollte, in welche Unwissenheit bist du verwandelt worden! All dieses stolze Wissen, so richtig es an sich war, erwies sich dennoch als leeres Scheinwissen, weil ihm das erlösende Wissen vom Wesen und Willen und von den Wegen Gottes fehlte. Es hatte nicht Christus zur Weisheit, sondern vergötterte den deutschen Menschenverstand und die deutsche Klugheit. Darum mußte es als törichte Unwissenheit beschämt und zuschanden gemacht werden. Und so wird es zuletzt jedem menschlichen Scheinwissen auf Erden ergehen.

„Wissen ist Macht“ und „Bildung macht frei“ jubelt die falsche Aufklärung. Ja, aber Wissen ist keine Macht, auf die Dauer ohne Gott leben zu können, und Bildung macht nicht im geringsten frei vom Betrug und von der Schuld im Knechtsdienst der Sünde. Heute fängt der Teufel mit nichts mehr Seelen, als mit dem lockenden, hochnäsigen Wissensdünkel. Das Pharisäertum von heute ist hauptsächlich Bildungs-Pharisäertum. Sich ein reiches Wissen zu erwerben, um den Gebildeten zugezählt zu werden, das ist heute das irrselige eitle Streben beider Geschlechter. Ohne Zaudern opfert man dem menschlichen Wissen den göttlichen biblischen Glauben, den göttlichen biblischen Christus, ja den biblischen Gott selbst. Keine größere Schande gibt es für den modernen Bildungs-Pharisäer als die, für unwissenschaftlich und ungebildet gehalten zu werden. So hat der Satan in ein Scheinleben des Wissensdünkels hineingelockt, das seine Opfer fester umstrickt als die dicksten Ban-de gröbster Sünden. Man glaubt sein Lebensgebäude auf den vermeintlichen Felsengrund neuester wissenschaftlicher Erfahrungen aufgebaut zu haben, man hält sich für reich in dem Besitz sogenannter gesicherter Wissensergebnisse, und weiß nicht, daß man auf Flugsand gebaut hat und jämmerlich arm ist; denn man weiß und besitzt ja nichts von Gott in Christus und liegt versklavt und gefangen in einem eitlen, dünkelhaften Scheinleben.

Zu diesem Scheinleben gehört die Anschaffung von immer neuen Büchern, die man unbedingt gelesen haben muß, wie es heißt. In Wirklichkeit hat man die wenigsten davon gelesen und die allerwenigsten verstanden. Aber man prunkt und protzt mit bunten Bücherschätzen, um ein reiches Wissen vorzuspiegeln, das einen berechtige, mitsprechen zu können. Und in Wirklichkeit weiß man nichts Gewisses von Gott noch vom Zweck des Lebens und Wesen der eigenen Seele; denn man verschmäht hochnäsig das allein sichere Wissen des Glaubens, das uns die Offenbarung Gottes im Bibelbuche bietet. Aber wenn man Gottes Wort auch lesen würde, so würde man es ja doch nicht verstehen, des voreingenommenen Wissensdünkels wegen.

Wie anders ein lebendiger Christ, der von diesem Scheinleben genesen ist! Das Wissen, das er aus dem biblischen Glauben empfangen hat, ist so erlösend einfach, so unveränderlich dauernd, so für die Ewigkeit ausreichend sicher. Es ist und bleibt göttlich unabhängig von allem Gedankentaumel der menschlichen Zeit- und Tagesmeinung im unerlösten Scheinleben. Wem sich Gott in Christus aus seinem Wort hat offenbaren können, der weiß, wer Gott ist und was Gott will, der ist ein Wissender im höchsten Sinne des Wortes geworden; denn er hat denken gelernt, wie Gott denkt: Gottes Gedanken sind seine Gedanken geworden. Ein solcher Mensch Gottes mag viel Wissen dieser Welt nicht wissen, eins aber weiß er wohl, nämlich daß er blind war und sehend geworden ist (Joh. 9,25); er weiß, was ihm von Gott gegeben worden ist (1. Kor. 2,12); er weiß, daß ihn Gott hat wissen lassen das Geheimnis seines Willens (Eph. 1,9); er weiß, an wen er glaubt (2. Tim. 1,12); er weiß, daß in ihm, in seinem Fleische nichts Gutes wohnt (Röm. 7,18); er weiß, daß er mit Christus gekreuzigt ist und der Sünde nicht mehr dienen muß (Röm. 6,6); er weiß, daß er vom Tode zum Leben gelangt ist (Joh. 3,14); er weiß, wie er Christus und den Aposteln nachfolgen soll (2. Thess. 3,7); er weiß, daß ihn Gott vom Tode auferwecken und mit Christus herrlich darstellen wird (2. Kor. 4,14); er weiß, daß er dann einen himmlischen Leib tragen wird (2. Kor. 5,1); ja, er weiß, daß er einst Christus gleich sein wird (1. Joh. 3,2); und er weiß, daß ihn nichts von Gottes Liebe in Christus Jesus, seinem Herrn, zu scheiden vermag. Welch ein erlösendes Wissen! Es ist das volle Gegenteil von allem unerlösenden Scheinwissen. Ja, solchem gottgeschenkten Wissen gegenüber ist alles mühsam erarbeitete, reiche menschliche Wissen schließlich nur ein armes Nichtwissen.

Ebenso verhält es sich mit der Scheinwahrheit. Unsere Zeit scheint außerordentlich wahrheitshungrig. Nichts fürchtet sie scheinbar mehr als den Irrtum. Rücksichtslos ist man bereit, jede bisherige Wahrheit preiszugeben, sobald sie Irrtum geworden zu sein scheint. Man sagt, man wolle die volle, ganze Wahrheit um jeden Preis.

Und gerade hinter diesem scheinbar leidenschaftlichen Wahrheitssuchen verbirgt sich die kranke moderne Zweifelsucht, die mit der Wahrheit nur ihr Scheinspiel treibt. Es ist die elende Sucht, alles und jedes in Frage zu stellen, aus dem Einfachsten ein verwickeltes „Problem“ zu machen, das man großrednerisch meistern und lösen muß. Diese blinde Problemsucht ist die eigentliche Geisteskrankheit unserer Zeit, die keine Kraft zum einfachen, einheitlichen Schauen und geschlossenen Denken mehr hat. Scheinbar wiederum hat man nie so großzügig geschaut und gedacht wie heute, jedoch in Wirklichkeit hat man alles nur zerdacht und nichts wirklich Einheitliches als Wahrheit gewonnen. Im scheinbaren Wahrheitssuchen hat man alle Wahrheit aufgelöst und verloren. In Wirklichkeit ist diesem Geschlechte von heute nur eins wahr, nämlich daß man nicht mehr weiß, was Wahrheit ist. Es ist der verödete, zwiespältige, Zweifelskranke, lahme, unselige Pilatusgeist, der in elender, scheinbarer Überlegenheit spricht: Was ist Wahrheit?

So muß man sein Scheinleben in lauter Scheinwahrheiten führen. Scheinwahrheiten sind halbe, Viertels- und Achtelswahrheiten, denen man den Anschein von ganzen, vollen, erlösenden Wahrheiten geben möchte; aber eben das gelingt nicht. Schlage irgendein heutiges Weisheitsbuch auf, und du findest zweifellos irgendwelche Wahrheiten darin. Höre in irgendeine Gegenwartsrede hinein, und sicher klingt irgendeine Wahrheit heraus. Aber es sind Teilwahrheiten, und die wirklich kraftvolle, erlösende Hälfte fehlt. Das kommt daher, man besitzt nur noch Bruchstücke der Wahrheit, die immer noch mehr zertrümmert, zermürbt und aufgerieben werden, bis man bald nichts mehr hat als Sand und Kunststein. Nun muß man mit Sand auf Sand bauen. Welcher Scheingrund, welche Scheingröße! So ist man genötigt, von einem Wust von losen, brüchigen Meinungen zu leben, von denen man hofft, die vielgerühmte Entwicklung werde sie einmal zur ganzen befreienden Wahrheit aufhäufen, der Wind der Zeit werde die Sandmenge einmal zum prächtigen Tempel formen. Grundloser, bezüglicher Scheintrost!

Wie anders wieder der lebendige Christ! Er lebt nicht von Zeit- und Zeitungswahrheiten. Er weiß im Glauben: Das Wort der Heiligen Schrift ist die Wahrheit, an der das kranke Menschenherz von jedem Irrgang und Scheinleben genesen kann. Es ist die unveränderliche und unteilbare Wahrheit, in der sich Gott zeitüberdauernd geoffenbart hat. Nie richtet sich diese Wahrheit nach den Menschen, sondern die Menschen müssen sich nach ihr richten. Und an dieser Gotteswahrheit mißt der Christ jede sogenannte menschliche Wahrheit. Was da mit der Heiligen Schrift nicht übereinstimmt, ist und bleibt irreführende Scheinwahrheit, und was nur teilweise mit ihr übereinstimmt, ist nur Teilwahrheit, aber nicht mehr.

Nun sind aber gerade die Teilwahrheiten die irreführendsten. Macht nicht jede Wahrheitssucherei ihre Anleihe bei der Bibel? Sucht nicht nahezu jede Scheinwahrheit vom Wahrheitsgehalt der Bibel zu leben? Ja, immer ist der verlockende Glanz irgendwelcher Scheinwahrheit nur geborgter oder gestohlener Abglanz vom Bibellichte. Und welche Falschmünzerei wird da mit dem Bibelgute getrieben! Wie wird die Bibel gegen die Bibel mißbraucht! Wie sucht doch jede Satanslüge mit der Kraft des Gotteswortes auf die Beine und an den Mann zu kommen! Und je mehr sich eine Lüge in Bibelwahrheit einkleidet, desto gefährlicher ist sie als Scheinwahrheit. Da ist die geriebenste und schlimmste Täuschung die, die neunzig Prozent Wahrheit enthält. So ist also gerade die beträchtlichste Teilwahrheit die gefährlichste Scheinwahrheit. Ach, wie wenige Menschen haben diese Wahrheit erkannt! Ihrer Blindheit entspricht ihr Scheinleben. So glauben sie jedem frommen und unfrommen Betrug, wenn er nur mit Bibelsprüchen wirtschaftet, aber Gottes Wort selbst und Gott kennen sie nicht. Da gilt:

Und fragst du: Was ist Wahrheit?
Weil du im Zweifel bist.
So bitte den um Klarheit,
Der selbst die Wahrheit ist.

Eine weitere Seite des Scheinlebens ist die Scheintugend. Den Tugendschein lieben ja alle. So zum Beispiel sagt niemand, er wolle die Lüge. Redet und schreibt nicht alles im Namen der Wahrheit? Ja, rühmen sich nicht alle, Feinde der Lüge zu sein? Streiten nicht alle, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen? Wollen nicht alle die Lüge aus der Welt schaffen? Und dabei lügt man tagaus, tagein in Rede und Schrift, mit Worten, mit Gebärden und Handlungen, mit Kleidern und Möbeln und allerlei Zierat und Scheingerät. Denn die selbstsüchtige Eigenliebe, diese Urheberin alles Scheinlebens, lebt ja von der Lüge. Lüge ist Schein, und Schein ist Lüge. So ist die Lüge der scheinsüchtigen Eigenliebe Brot und Kleid. Soviel Selbstsucht, soviel Lüge; denn alle Selbstsucht will und muß scheinen. Ihr Ziel ist die Ichgröße in jeder Form und um jeden Preis. Darum muß die Lüge ihre Münze, ihr Brot und ihr Tugendmantel sein. Ohne Lüge ist die eitle Selbstsucht beschäftigungslos. Sie ist ja Gottes Gegnerin; denn sie ist aus der Lüge geboren. So belügt sie sich und andere mit der eigenen Größe, mit der sie wider die Größe Gottes streitet. Diese selbstsüchtige Auflehnung und Aufrichtung der Ichgröße wider die Größe Gottes ist die eigentliche Ursünde unseres Geschlechts und lebt von Natur aus in jedem Menschen. Und solange diese falsche Größe nicht durch biblische Buße, Bekehrung und Neugeburt des Menschen gestürzt und entthront ist, so lange bleiben alle Tugenden Scheintugenden, weil die Eitelkeit der Selbstsucht bewußt oder unbewußt in ihnen lügt.

So lügt der Mensch aus Ehrgeiz, Eigennutz, Genußsucht, Bequemlichkeit, Übertreibungssucht, Eitelkeit, Furcht, Not, Gewohnheit und Berufsgründen.

„Ich bin stets ein Freund der Wahrheit gewesen!“ rühmte sich einer gegen mich. – „Aber Sie sind doch Geschäftsreisender, und da lügen Sie nie?“ – „Ja, das ist ganz etwas anderes! Da lüge ich geschäftsmäßig. Da wird die Not sogar zur Tugend!“ – Scheintugend im Scheinleben!

O, wie triumphiert der Teufel, der Vater der Lüge (Joh. 8,44), in den Seinen, die sein Dasein verneinen, sich ihrer Tugenden rühmen und im Wesen ihres Vaters, nämlich in der Lüge leben!

Der lebendige Christ aber kann nicht mehr in der Lüge leben. Er ist aus der Wahrheit und besteht in der Wahrheit. Er braucht aber auch nicht mehr zu lügen; denn er braucht sein Ich nicht mehr durch irgendwelche Lüge zu empfehlen und zu sichern. Er sucht und fürchtet nicht mehr für sich, sondern lebt im Glauben durch und für Christus. Wo die Selbstsucht wegfällt, da fällt auch die Lüge weg. Dabei liegt der Maßstab, jede Unwahrhaftigkeit zu ermessen, durchaus nicht in Moral und Gewissen –beide sind ganz unzulänglich –, sondern im Geiste und in der Gesinnung Jesu Christi, der durch den Glauben im Herzen der Wiedergeborenen wohnt.

Zur Scheintugend gehört aber auch die Scheingüte. So wie niemand sagt, er wolle die Lüge, so sagt auch niemand, er wolle das Böse. Nein, jedes rühmt sich, es wolle nur das Gute, ja sogar das Allerbeste. Alle rechtfertigen sich damit, gegen das Ungute und Böse streiten zu müssen, damit das Gute zum Siege gelange. Und dabei ist und bleibt das Ungute und Böse überall das Überwiegende und Herrschende in der Welt. Also stimmt es doch nicht mit der eigenen Güte, an die jedes so selbstbewußt glaubt; denn sonst sähe es doch anders auf Erden aus. Ach, man glaubt vieles gut zu meinen, aber man ist eben nicht wirklich gut! Und vieles ist nicht gut, was man vielleicht gut meinen mag. Und wie vieles meint man böse und nennt es gut.

Aber was ist denn das Böse? Eben das Böse ist wiederum das Selbstsüchtige, von dem der Mensch nicht durch sich selbst loskommt. Und eben dieses böse, selbstsüchtige Sinnen und Trachten des Menschen von Jugend auf durchzieht alle seine Güte und sein Gutes und verdirbt alles. Dabei ist der innere Sehsinn des Menschen so verblödet, daß der Mensch die böse Selbstsucht in sich gar nicht recht wahrzunehmen vermag oder sie gar nicht als grundböse erkennt. Er rühmt sich, das Gute um des Guten willen zu tun, und doch bewertet er sich stets selbstgefällig nach seiner vermeintlichen Güte und erwartet, auch von anderen so bewertet zu werden. Welche Scheingüte! Denn die böse, eitle Selbstbespiegelung sitzt ja unausrottbar verderblich in ihr!

Das Schwanken des Schnellzuges verursachte einem Kinde auf der Mutter Schoß Erbrechen. Eine gegenübersitzende anscheinend vornehme Dame kam der verlegenen Mutter zu Hilfe. Ein feines Spitzentaschentuch ums andere überreichte sie zur Reinigung des Kindes. Zuletzt reinigte sie ihre eigene verunreinigte kostbare Kleidung. Aber dieses Angesicht! Es strahlte nur so von selbstbewußter, selbstgefälliger Güte! – Idealste Scheingüte im Scheinleben!

Gegen solchen Tugendprunk hilft nur die bußfertige biblische Selbstverurteilung vor Christi Kreuz. Durch sie gelangte der nach dem Gesetz tadellos gewesene Apostel Paulus zu dem Wissen: Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Das ist die gottgeschenkte Einsicht in den Bankrott der angeborenen eigenen Güte. Wer diese Einsicht erlangt hat, mag sich in keiner Scheingüte mehr gefallen. Die selbstverliebte Güte hat vor dem Kreuz Christi ihr Gericht und ihr Todesurteil empfangen.

Verblendeter, selbstgefälliger Mensch des Scheinlebens, hast du dieses Gericht erlebt?

Dem Scheinleben zugehörig ist aber auch die Scheinfreude. Freuen wollen sich alle. Auch möchte man andern Freude machen und niemandem wehe tun. Dabei ist die Welt voll Leid und Jammer. Woher das? Das kommt erstens wiederum daher: man sucht die Freude selbstsüchtig, das heißt, man sucht immer zuerst seine eigene Freude. Ja, man erhebt sogar das Recht und den Anspruch auf Freude. Auch sollen die Menschen uns Freude machen aus Zuvorkommenheit und um ihrer und unserer vermeintlichen Liebenswürdigkeit willen. Ganz in dieser Erwartung redet man von An- stand, Höflichkeit und Liebe. Ja, man fordert sogar voneinander Berücksichtigung, Anerkennung, Ehre, ja sogar Liebe. Wird dieser selbstsüchtige Anspruch auf Freude erfüllt, so fühlt man sich befriedigt und hat Freude; wird die Forderung oder Erwartung nicht erfüllt, so ist man beleidigt, klagt an und jammert. Da nun die Selbstsucht als Selbstliebe naturgemäß immer das Ihre sucht, so berücksichtigt, anerkennt, ehrt, liebt und erfreut sie nur, um dafür wiederum berücksichtigt, anerkannt, geehrt, geliebt und erfreut zu werden. Und so entsteht aus diesem selbstsüchtigen Gebaren in stillschweigender Übereinkunft das verlogene Gaukelspiel leerer Höflichkeits- und äußerlicher Ehrbezeugungen und berechnender Liebesabsichten. Und sich von diesem Gaukelspiel hinnehmen, tragen und wiegen zu lassen, das ist des natürlichen Menschen sogenannte Lebensfreude. Kein Wunder, daß hierbei Enttäuschungen über Enttäuschungen folgen müssen. Denn die Selbstsucht muß ja schließlich immer enttäuschen und wird ja zuletzt immer enttäuscht. So wird Freude immer zu Leid und Leid immer zu Jammer. Und von dem ist die Welt voll.

Aber nicht nur der selbstsüchtige Anspruch auf Freude wirkt schließlich freudezerstörend und gewinnt nur Scheinfreude, sondern auch die Unzulänglichkeit des Gegenstandes der Freude vermag nur Scheinfreude zu schenken. Worüber freut sich denn der natürliche Mensch? Über seine eigene Vortrefflichkeit zuerst, sodann über seine Kleider, seinen Zierat, sein Geld, seinen bunten Besitz, seine Familie, seine Stellung, seinen Erfolg, seine Ehre und sein Ansehen, seine Freundschaften und Beziehungen und über alles, was zum Genußleben gehört. Also freut er sich über lauter Vergängliches, Eitles, Nichtiges. Alles Vergängliche kann aber auch nur eine vergängliche Freude bereiten. Es zerbricht, verdirbt, vergeht und stirbt. Es ist hinfälliges Scheinwesen, flüchtig und zuletzt nichtig, das nie mehr als Scheinfreude gewähren kann, die zuletzt in Herzeleid oder Herzenskälte endet. Wehe dir, Mensch, wenn dir nur Trümmer und Gräber bleiben und du selbst so mitsamt deinen lieben und unlieben Erinnerungen dem Grabe verfällst! Wehe dir, wenn deine Seele keine andere Freude kennenlernte als die Scheinfreude an Geschöpfen und am Geschaffenen! Wehe dir, wenn deine Seele zuletzt erwacht in der grauenhaften Armut ihres hingelebten Scheinlebens!

Das lahme Knäblein eines sehr reichen Mannes sollte durch allerlei freudebringende Geschenke über sein Elend hinweggetäuscht werden. Ein trillernder Kanarienvogel, aber eines Tages lag er tot im Käfig. Ein schwatzender Papagei, auch er war eines Morgens tot. Ein Schäflein mit blauem Bande und silbernem Glöckchen; es lag zuletzt tot in seinem schönen Stall. Ein kleines Pferd mit Wagen; ganz plötzlich starb es. „Weine nicht länger!“ suchte der Vater sein trauriges Söhnlein zu trösten. „Dein Vater ist reich genug, dir zu schenken, was irgend du willst. Bitte, sage nur, was dir Freude macht, und du wirst es bekommen.“ Da bat der lahme, traurige Knabe seinen reichen Vater mit Tränen: „Vater, dann gib mir etwas, das nicht stirbt!“

Etwas, das wirklich nicht stirbt, das hat nur ein lebendiger Christ. Er hat Christi Geist, Gesinnung und göttlichen Reichtum als ewiges Leben. Christi Freude ist seine Freude geworden (Joh. 17, 13); die kann niemand von ihm nehmen. Es ist die Freude an geistlichen Segnungen und himmlischen Schätzen, die nie vergeht. Es ist die Freude des verborgenen inneren Lebens mit Christus in Gott (Kol. 3,3), die niemand kennt, als der in ihr lebt. Und es ist die Freude an Leiden, Entblößung, Kreuz, Schmach, Verachtung, Verwerfung, kurz die Freude an allem, was der Selbstsucht nicht Freude zu sein scheint. Mensch, wenn du in diese wahrhaftige und bleibende Freude eingehen willst, so mußt du von jeder selbstsüchtigen und eitlen irdischen Freude ausgehen; dann wirst du von jeder betrüblichen Scheinfreude genesen.

Damit würdest du auch geheilt vom Scheinglück. Es geht mit dem Glück wie mit der Wahrhaftigkeit, Güte und Freude. Alle begehren es, aber weil man falsch begehrt, so findet man auch nur ein falsches Glück, nämlich nur Scheinglück. Man erwartet, glücklich zu werden, und verspricht, glücklich zu machen, und man bleibt ein unglückseliger Mensch, und die Welt bleibt eine unglückselige Welt. Warum? Eben wieder darum, weil die Menschen unter Glück befriedigte Selbstsucht verstehen. So suchen sie ihr Glück in Träumereien, Liebschaften, idealen Betätigungen, Verwirklichungen von Lebensplänen, im Gewinn von Besitz und Ansehen und in allen Lebensgenüssen. Es ist das elende Glück der befriedigten Selbstsucht, grob oder fein. Die darin leben, rühmen sich, es zu etwas gebracht und nicht vergeblich gelebt zu haben. Demgemäß wollen sie natürlich auch bewertet sein.

„Wie geht es dem Reinhold?“ fragte ich die Mutter eines Jugendfreundes, die ich nach vielen Jahren wiedertraf. „O, dem geht es gut!“ rühmte sie. „Der sitzt im Stadtrat, hat reich geheiratet, besitzt ein dreistöckiges Haus und eine flottgehende Fabrik und kann sich alles erlauben, was er sich nur wünscht! Ja, der hat’s zu was gebracht!“ – „Zu weiter nichts?“ fuhr es mir heraus. „Ja, ist das denn noch nicht genug?“ rief da die Mutter beleidigt aus, und wie einen Verrückten stieß sie mich von sich. Zwei Jahre später hörte ich, Reinhold sei bei einer üppigen Tafelei am Herzschlag verschieden. Welch ein grausiges Erwachen aus dem Scheinglück mag das für seine Seele gewesen sein!

Ja, all dies Scheinglück muß ja früher oder später mit Entsetzen enden.

Warum gibt es so viele unglückliche Ehen? Weil die allermeisten Ehen auf der selbstsüchtigen Glückserwartung beruhen, die ihre Befriedigung in Besitz und Genuß sucht. Falsches Glückssuchen! Trugvolles Glücksversprechen! Zerstörte Glückshoffnung! Offenbar gewordenes Scheinglück! Qualvoll unbefriedigte Selbstsucht!

Aber soll man die sogenannten glücklichen Ehen, deren Glück eben doch nichts anderes ist als das Scheinglück der befriedigten Selbstsucht, glücklicher nennen? Ach nein, denn auch dieses Glück der billigen Übereinkunft im sinnlichen Behagen, dem jede höhere Weihe fehlt, verdient den Namen nicht.

Oder sollen wir das vielgerühmte Glück der treuen Pflichterfüllung preisen? Ach, ich wage zu sagen, je treuer sich jemand bemüht hat, seine Pflicht, wie man sagt, voll und ganz zu tun, desto weniger wird er sich rühmen, sie wirklich allezeit getan zu haben. Nur in sich selbst unerfahrene und darum noch selbstgerechte Menschen können sich am Scheinglück ihrer Pflichterfüllung genügen lassen.

Aber worin besteht denn das wahre Glück?

Das wahre Glück des Menschen besteht in seiner Übereinstimmung mit seiner göttlichen, ewigen Bestimmung. Diese Bestimmung offenbart uns nur das Wort Gottes. Es sagt uns, daß wir durch und für Jesus Christus geschaffen und bestimmt sind (Kol. 1,16). Als der Sohn Gottes ist Christus Jesus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, dem wir in Bild und Wesen gleichförmig werden sollen (Kol. 1,15: Röm. 8,29; 2. Kor. 3,18). Das allein ist unser Lebenszweck und deshalb unser alleiniges Lebensglück; alles andere ist Scheinwesen, Verfehlung, Verirrung, Verderben. Damit wir dieses Ziel erreichen und dieses Glück erlangen können, dazu gab Jesus an Stelle vieler sein sündloses, vollwertiges Leben als Lösegeld hin zur Vergebung unserer Sünden (Mark. 10,45; 14,24), zur Versöhnung mit Gott (2. Kor. 5,19) und zur Erneuerung unseres Herzens im Glauben durch den Heiligen Geist (Joh. 16,13–15; Apg. 15,9; Röm. 5,5). Innigste Lebensverbindung mit Christus Jesus durch die glaubenstätige Abhängigkeit von Ihm, gleichwie die Rebe vom Weinstock abhängig ist (Joh. 15,1–6), vermittelt uns die Kraft aus der Höhe zu einem göttlichen Wandel in Glückseligkeit, das heißt in Gottseligkeit (2. Petr. 1,3; 1. Tim. 6,6), und zur Umwandlung nach Geist, Seele und Leib in Christi verklärtes Wesen und Bild (1. Thess. 5,23).

Der Weg zu diesem Glück und Ziel beginnt mit einer wirklich biblischen Buße, in der du, teure glücksuchende Seele, endlich einmal dein Scheinleben und Scheinglück erkennst und preisgibst und zu einer wirklich biblischen Bekehrung gelangst, in der du dich abkehrst vom gottfeindlichen Weltwesen, vom Betrug der Sünde und vom selbstsüchtigen Eigenwillen, um dich der heilsamen Gnade Gottes zu übergeben, die dir Vergebung der Sünden, Leben aus Gott und Erneuerung deines Herzens in der Neugeburt schenkt (Mark. 1,15; Apg. 3,19; 17,30; 26,18; 1. Petr. 2,25; 13,3; Joh. 3,3).

Damit du dies allein wahre Glück als Lebensgemeinschaft mit Gott in Christus aber recht suchst und recht erlebst, so sei jetzt auch gewarnt vor jedem frommen Betrug. Denn es gibt auch ein betrügliches religiöses Scheinleben, das schlimmer als jedes andere ist.

Hüte dich vor der widerlichen Scheinfrömmigkeit, die selbstsüchtig und selbstgefällig in frommen Manieren und Gebräuchen lebt und immer einer wahren Buße, Bekehrung und Neugeburt ausgewichen ist. Diese Scheinfrommen haben nie ihr Scheinleben erkannt, gehaßt und preisgegeben. Nie haben sie Gottes Urteil über ihr angeborenes sündiges Wesen erkannt und anerkannt. Nie haben sie ihre Selbstweisheit, Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit aufgegeben. Nie haben sie dem gottfeindlichen Weltwesen entsagt, nie die Abgrundtiefe ihrer Sündhaftigkeit erschaut, nie ihren Eigenwillen brechen lassen. Im Gegenteil, sie möchten der Welt und Gottes Freund sein; sie lieben die Sünde und liebäugeln auch mit dem Himmel; ihr Abgott ist ihr Ich, und daneben schwatzen sie von Gott und seiner Gnade. So prunken sie im religiösen Ichdünkel und wollen bewundert sein in ihrer frommen Rechtschaffenheit. Alles, was sie in ihrer Scheinfrömmigkeit tun, tun sie eben um des Scheines willen. Sie wollen von den Leuten gesehen und für fromm gehalten werden. So ist alles steife, angelernte, gedankenlose Gewohnheit oder dünkelhaftes frommes Gebaren oder bewußte Heuchelei. Nichts ist in ihrem Herzen und Leben als Selbstliebe, Weltliebe, Geldliebe und religiöse Einbildung. Wahrlich, sie haben den Namen, daß sie leben, und sind tot! Ihr selbstgefälliges Glück wird einst in den Gerichten Gottes in Schrecken und Verzweiflung verwandelt werden. Möchtest du zu diesen Betrogenen gehören? Doch sicher nicht.

Hüte dich aber auch vor dem Scheinglauben! Scheinglauben ist jeder Glaube, der nicht als Gottes Werk durch den Heiligen Geist gewirkt (Joh. 6,29), sondern nur Menschenwerk und Menschenmeinung ist. Dazu gehört der leichtzerstörbare Kinderglaube, wenn ihm das göttliche Keimleben fehlt, ferner der billige Gewohnheitsglaube, der kampf- und fruchtlos bleibt, sodann der starre oder zerbrechliche Autoritätsglaube, der nur auf Menschenzeugnis beruht, ebenso der eingedrillte Katechismusglaube, der nur Gedächtnistätigkeit bedeutet, weiterhin der tote Kopfglaube, der nur religiöses Wissen enthält, endlich der selbstgemachte Vernunftglaube, der nur das glaubt, was ihm vernünftig scheint, und der leere Buchstabenglaube, dem die Erfüllung mit Geist und Leben fehlt, aber auch der rechthaberische Bekenntnisglaube, der irgendwie um Menschensatzungen streitet, und der äußerliche Kirchenglaube, der das Gefäß für den Inhalt nimmt, schließlich auch der historische Glaube, der sich mit der Geschichtlichkeit der Person Jesu und vielleicht auch der Heilstatsachen begnügt, doch auch der geschwätzige Wortglaube, der nur frömmelndes Lippenwerk ist, und der genußsüchtige Gefühlsglaube, der nur vom Schaumwerk der Rührseligkeit lebt. All dieser Glaube ist Scheinglaube; denn es fehlt ihm das Siegel des göttlichen Ursprungs und Wesens. Und doch betrügt sich nahezu die halbe Welt mit diesem Scheinglauben! Im biblisch echten Glauben aber lebt Christi Geist und Kraft und erfüllt sich Gottes Wort. Willst du ihn, so gib dich ihm!

Laß dich auch warnen vor der Scheinerlösung! Was bietet sich heute nicht alles als Erlöser und Erlösung an! Hüte dich vor den religiösen Gauklern! Scheinerlösung sind ihre ausgeklügelten Lehrsysteme, in deren Maschen sie dich wie in einem Netz zu fangen suchen. Hüte dich vor den rechthaberischen Menschen, die mit Bibelsprüchen wie mit Schachfiguren hantieren, um ihren Gegner matt zu setzen! Nur eine Scheinerlösung bieten dir alle verderblichen Sekten und Rotten, weil sie dich nicht an Jesus, deinen Erlöser, binden, sondern unter ihr Parteijoch knechten wollen. Nichts als Scheinerlösung bringt dir aber auch jede Predigt, in der Christus, der für uns Gekreuzigte, fehlt. Hüte dich vor den blinden Blindenleitern, die nie Bekehrung, Buße und Neugeburt erlebt haben, weil sie nie verlorene Sünder vor Christi Kreuz geworden sind! Scheinerlösung sind ihre Moralpredigten und wissenschaftlichen Kanzelreden. Scheinerlösung bedeutet jede Schönrednerei, die der menschlichen Natur schmeichelt und täuschenden Kulturidealen dient, seien sie nationaler oder internationaler Art. Scheinerlösung birgt jede Religion des Sozialismus, die den Menschen an Bekehrung, Buße und Herzenserneuerung vorbei ein Reich irdischer Gerechtigkeit vorgaukelt, das doch der sündigen, selbstsüchtigen Natur des gefallenen Menschen wegen nie zu erreichen ist. Scheinerlösung bieten dir alle, die Christi Auferstehung und Erhöhung und die mächtigen Wundertaten Gottes nach seinem Wort und schließlich sogar das ewige Leben leugnen. Hüte dich aber auch vor den spiritistischen Totenbeschwörern, die anstatt den lebendigen Gott und sein Wort nichtswürdige Larvengeister befragen! Scheinerlösung ist der Inhalt ihres Geisterparadieses, dämonischer Betrug und Bann für jede gefangene Seele. Ebenso hüte dich vor dem verlockenden Zauber aller theosophischen und anthroposophischen Geheimwissenschaften! Scheinerlösung bedeutet ihr so gefälliges Welterklärungsgemälde, Scheinerlösung die Tiefe und Höhe ihrer Hellseherei, Scheinerlösung ihr wüster Mißbrauch des Bibel-Wortes, Scheinerlösung der Selbsterlösungszauber ihrer grausamen Karmalehre, die sie der Erlösung durch das einmalige Opfer des Gotteslammes am Kreuz, das Gottes Liebe und Barmherzigkeit gab, vorziehen. Nur Scheinerlösung bietet dir auch jede andere Philosophie, jede Wissenschaft, jede Kunst, jeder technische Fortschritt, jede Kulturtat und jedes menschliche Ringen und Tun. Der für die sündige Menschheit gestorbene und auferstandene Christus Gottes ist und bleibt dein einziger Erlöser. In Ihm hast du die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, die Errettung aus aller Satansherrschaft (Eph. 1,7; Kol. 1,13-14). Er allein macht alles neu (Offb. 21,5).

Wer Christus als Herrn und Inhalt seines Lebens gewonnen hat, der ist auch erlöst von aller religiösen Scheinhoffnung. Scheinhoffnung ist jede Hoffnung, die der Mensch setzt auf seine fromme Vortrefflichkeit und religiöse Leistung. Scheinhoffnung bedeutet jedes fromme Wähnen und Meinen, das sich auf wandelbare Gefühle und unklare Sehnsucht, anstatt auf Gottes klares Wort stützt. Scheinhoffnung ist jede irrselige Selbsttäuschung, in der der Mensch gefangen liegt, wenn er sich weismacht, er komme ohne Bekehrung, Buße und Neugeburt dennoch in den Himmel, das heißt in die ewige Gottesgemeinschaft. Denn Scheinhoffnung bedeutet jedes fromme Geschwätz vom sogenannten lieben Gott, der es mit der Sünde nicht so genau nehmen werde, für was sei er denn der „liebe Gott“. Scheinhoffnung ist jeder leichtfertige Trost, es sei noch frühe genug, sich im Alter oder gar erst auf dem Sterbebett zu bekehren, erst müsse man einmal das Leben genießen. Scheinhoffnung ist der betrügliche Wahn, der Tod sei ein Erlöser und ändere unsere Seele, Scheinhoffnung bedeutet auch die Irrlehre, es kämen zuletzt noch alle in den Himmel, da werde man also auch noch dabei sein. Scheinhoffnung enthält die Verdrehung, es komme vor Gott gar nicht auf den Glauben, sondern nur aufs Tun an; als ob der lebendige Glaube vom lebendigen Tun getrennt werden oder der Mensch durch sein irrgläubiges Tun vor Gott gerecht werden könnte! In der Scheinhoffnung befindet sich aber auch die fromme Bosheit, die unbußfertig auf Gnade sündigt und sich zugleich mit dem Blute Christi trösten und sichern will. Ja, in der Scheinhoffnung leben alle dahin, die in frommer Verblendung glauben, große Gaben zu besitzen, große Taten im Reiche Gottes getan zu haben, und haben sich doch nie von ihrem gottwidrigen Eigenwillen lösen lassen (Matth. 7,21–23). Denn von der Scheinhoffnung betrogen sind alle frommen Großhänse, die anstatt umzukehren und wie die Kinder zu werden, die Größten im Himmelreiche werden möchten (Matth. 18,1–4). Und Scheinhoffnung ist das Teil aller Nachlässigen, die als törichte Jungfrauen ihre Erfüllung mit dem nötigen Maß des Heiligen Geistes versäumten (Matth. 25,1–13).

O, in Christus Jesus geliebter Mensch, laß dich aufwecken und aufschrecken aus jeder Art von weltlichem und religiösem Scheinleben, auf daß der König der Wahrheit werde deine einzige und ewige Hoffnung! (1. Tim. 1,1).

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