Binde, Fritz - Die glückselige Bettelarmut im Geiste.

Glückselig die Bettelarmen im Geiste,
denn ihrer ist das Himmelreich!
Glückselig die Trauernden,
denn sie werden getröstet werden!
Glückselig die Sanftmütigen,
denn sie werden das Land ererben!
Glückselig die Hungernden und Dürstenden nach der Gerechtigkeit;
Denn sie werden gesättigt werden!
Glückselig die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!
Glückselig die Reinen im Herzen,
denn sie werden Gott schauen!
Glückselig die Friedensstifter,
denn sie werden Söhne Gottes heißen!
Glückselig die Verfolgten wegen Gerechtigkeit,
denn ihrer ist das Himmelsreich!

Matth. 5,3-10.

Bleibendes Glück unserer Seele als himmlische Gottseligkeit ist der Sinn des Himmelreichs und der Zweck aller irdischen Gottesarbeit an uns. Was hindert uns, diese bleibende Glückseligkeit zu empfangen? Nichts als unser irrseliges Verbleiben im selbstherrlichen Reiche unseres Eigenwillens. Dem sicheren Glück der Gottseligkeit steht hindernd gegenüber das zweifelhafte Glück der Ichseligkeit. Darum können nur die den Glücksreichtum der Gottseligkeit gewinnen, die den Scheinreichtum der Ichseligkeit preisgeben. Die Reichen im eigenen Geiste müssen zu Bettlern im Geiste Gottes werden. An Stelle der selbstgefälligen Ichbejahung muß die Gott wohlgefällige Jesusbejahung treten. Aus Geistreichen in sich selbst will der Heilige Geist Bettelarme im Geiste Gottes machen. Ihrer ist das Himmelreich.

Wer sind diese Glückseligen?

  • Es sind die Schwachen in sich selbst, die unaufhörlich Kraft aus der Höhe erflehen müssen.
  • Es sind die Unmündigen in sich selbst, die als ewig Unselbständige unbedingt der himmlischen Weisheit bedürfen.
  • Es sind die Einfältigen in sich selbst, die unbegrenzt Gott in Christus glauben und vertrauen.
  • Zu Söhnen Gottes geworden, werden sie aufs neue wie die Kinder, die allezeit nach ihres Vaters Angesicht schauen müssen.

Nichts ist dem Menschen fremder als dies. Selbständigkeit Gott gegenüber ist das Wesen seines Abfalls von Gott. Starksein in sich selbst scheint ihm der einzige Sinn seiner Gottebenbildlichkeit. Mündig in sich selbst zu werden und auf die eigene Weisheit zu bauen, gilt ihm als Ziel aller Aufklärung. Jeder Einfalt des gläubigen Vertrauens recht vielfältige Zweifel im Verstande entgegenzusetzen, dünkt ihm Ausdruck seiner Kultur- und Ichreise. Wahrlich, der erste Satz einer Glückseligpreisung des Menschen nach Menschenweisheit würde lauten: Glückselig die Reichen im Geiste; denn ihrer ist die ganze Welt!

Nichts ist dem Menschen grausiger als jene Blöße und Leere, die die Bettelarmut im Geiste bezeichnet. Dieses Grauen hat der Mensch adamitisch ererbt. Es entspricht der tatsächlichen fürchterlichen Verarmung unseres Geschlechtes seit seiner Loslösung von Gott. Solange es der Mensch wagt, seine eigene Größe neben der Größe Gottes aufzurichten, will sein ichstolzes Streben die entstandene Blöße zu decken und die qualvolle Leere zu füllen suchen. Nur nicht vor sich selbst und vor Gott und Menschen zum Lumpen werden! Das ist der allgemeinste Grundsatz alles menschlichen Betragens. Es gibt keine schnellere Tat des Menschen als die, seinen Eigenwert zu retten. Viel weniger schnell sucht er Leben und Eigentum zu retten. Die ichverliebte Ichgröße will nimmermehr sich selbst preisgeben. Die menschliche Moral nennt das “Selbstachtung”; es ist aber nur die geläufige Verachtung der alleinigen Größe Gottes. Der Standesdünkel reckt sich, der Gelehrtendünkel bläht sich, der Gelddünkel überhebt sich, der Tugenddünkel spreizt sich, der Demutsdünkel spiegelt sich. So sind sie alle viel zu groß und zu breit, zu reich und zu stolz im eigenen Geiste, als daß sie in Wahrheit Bettler im Geiste werden und ein anderes Himmelreich begehren könnten als das ihres selbstherrlichen Eigenwillens. Und so bleiben sie um ihres vermeintlichen Geistesreichtums und Ichglücks willen im Banne ihrer inneren Unglückseligkeit; denn nie wird ihrer das Himmelreich. Eingeschlossen in ihre Ichseligkeit, haben sie sich selbst ausgeschlossen von der Gottseligkeit. Wohl aber gilt ihnen: Unglückselig die Reichen im Ichgeiste; denn ihrer ist die Qual auf Erden!

Aber selbst im Kinde Gottes bleibt noch ein Grauen vor den Untiefen der Bettelarmut im Geiste. Nur wenige wollen wirklich in Einfalt das Schwache und Törichte Gottes werden. Wohl nennen wir uns gerne schwach, wenn es sich darum handelt, den Willen Gottes zu tun, aber wie geradezu unbändig stark können wir im Trotz des Eigenwillens sein! Wohl haben wir uns mit unserer Bekehrung eine gewisse Entmündigung durch Gott unseren Vater und Jesus unseren Herrn gefallen lassen, aber versuchen wir nicht tausendfach ein gewisses Reich der ichherrlichen Selbständigkeit gegenüber der Herrschaft des Reiches Gottes zu behaupten und zu retten? Wohl preisen wir auch unsere Einfalt in Christus (2. Kor. 11,3), aber wie oft wird unser gläubiges Vertrauen noch verdorben durch die Einmischung unserer zweifelnden Vernunftschlüsse? Ganz schrecklich ist unser angeborenes Widerstreben, will uns der Heilige Geist tiefer und völliger von uns selbst entleeren. Ganz unheimlich wird uns vor solch drohender Verarmung. Wieviel Schätze glaubt man da noch gegen Gottes Eingriff verteidigen zu müssen. Ganz bettelarme Abhängigkeit von unserem Vater im Himmel erfüllt uns bezeichnenderweise mit Bangigkeit, ja mit Entsetzen. Völlige Gottesherrschaft in unserem Leben scheint uns unerträglich. Unsere restlose Entleerung von jeder Selbstherrlichkeit kommt uns vor wie der beklagenswerteste Verlust und wie schauerliche Verödung. Es schwindelt uns vor der Ausrottung jeder Ichseligkeit. So tief wirkt der Abfall von Gott in uns nach. So hoch haben wir unsere eigene Größe neben der Größe Gottes aufgerichtet. So voll sind wir noch der Lust an uns selbst im vermeintlichen Reichtum des eigenen Geistes. Wir geben zu arm und hilfsbedürftig geworden zu sein, aber als buchstäbliche Nichtskönner und Habenichts wollen wir uns doch noch nicht einschätzen. Wohl betteln wir notgedrungen bei Gott für unsere Bedürfnisse, aber als dauernd Bettelarme im Geiste und im Fleische möchten wir doch nicht gelten, vielmehr suchen wir, beladen mit Gottes Gaben, als Reiche in uns vor uns und vor den Menschen zu erscheinen. O welch ein verteufelt hoffärtiges Geschlecht sind wir doch! Und eben dieses Laster der Ichseligkeit verlängert unsere Unseligkeit. Nur weil wir noch immer den Kopf so hoch tragen und die Schultern so stolz wiegen, scheint uns noch so oft Christi Joch so rauh und Christi Last so zentnerschwer. Nur weil wir noch so irrselig tief im scheinbaren Himmelreiche unseres Eigenwillens drinsitzen, ist noch so wenig Glückseligkeit des Himmelreichs Christi in Erfüllung des Willens Gottes unser Teil geworden.

Keiner lebte bettelärmer als Jesus, der Sohn Gottes. Keiner ging abhängiger von unserem Vater im Himmel über diese Erde als Er, der Erstgeborene unter vielen Brüdern. Keiner handelte unselbständiger als Er. Wer vermag Seine Bettelarmut im Geiste auszudenken, wenn er vor Menschen bekennt: ”Ich kann nichts aus mir selber tun! Nur was Er bittend vom Vater als Rede empfing, sagte Er, und nur, was Er den Vater tun sah, tat Er (Joh. 8,28.29). Er hatte weder eigene Worte noch eigene Werke. Deshalb suchte Er auch keine eigene Ehre. In seinem ganzen Leben ist nichts Eitles zu finden, weil Er weder Eigenes besitzen noch geben wollte. So unsagbar arm konnte Er nur gehen, weil Er so unsagbar genug an Seinem Vater hatte. Der Wille und das Reich des Vaters waren ihm die einzige Wirklichkeit, in der Er lebte. So war Er nicht von der Welt und konnte darum in der Welt als ärmster Fremdling wandeln. In dieser Niedrigkeit Seiner Bettelarmut im Geiste besaß Er das höchste Einssein mit dem Vater. Aber nie war dieses Einssein mit dem Vater eine billige Selbstverständlichkeit, sondern es blieb Ergebnis Seiner Selbstentleerung. Denn sehr wohl hätte Er auch Worte aus sich selber reden, sowie Taten aus sich selber tun und seine Ehre suchen können. Daß er dies nie tat, läßt die Tiefe Seiner Bettelarmut im Geiste ahnen, in der Er lebte und wirkte. Und nur so gefiel es der ganzen Fülle der Gottheit, in Ihm zu wohnen. Und hätte Er in solch gottgewollter Selbstentleerung nicht Gefallen an sich selber haben dürfen? Aber Er gefiel sich nicht (Röm. 15,3). Kein Hintergrund zur geheimen Selbstbespiegelung war vorhanden. Welch eine tatsächliche bodenlose Selbstentleerung! In Gethsemane wurde diese Bettelarmut im Geiste unter Blutschweiß erneuert. Auf Gabbatha wurde ihre Ohnmacht mit Dornen gekrönt und mit Speichelwürfen und Schlägen verhöhnt. Auf Golgatha ward sie durch die Schmach eines Verbrechertodes besiegelt. Bettelärmer ist nie einer gestorben.

So gelang die Vollbringung des Gotteswerkes der Menschheitserlösung nur durch des Gotteslammes unvergleichliche Bettelarmut im Geiste.

Seitdem haben die Menschen Gelegenheit, vor Seinem Bilde und in Seinem Geiste zu Bettlern im Geiste zu werden, um durch Ihn das Himmelreich zu empfangen. glückselig die Erkennenden und Empfangenden! Ihnen ist der Odem der Selbstgefälligkeit vor Seiner bettelarmen Niedrigkeit ausgegangen. Sie sind unter Seiner Anführung aus der so trügerisch reich ausgestatteten Hölle ihrer Selbstherrlichkeit ausgegangen, um fortan außerhalb des Lagers der menschlichen Eitelkeit Seine Schmach zu teilen. Verarmt in sich selbst sind die durch Ihn und mit Ihm reich geworden in Seinem Geist und in der Herrlichkeit Seines Reiches, das nicht von dieser Welt ist. Entleert in sich selbst, haben sie durch und mit Ihm die Fülle der Gottheit, die in Ihm wohnt, als unerschöpflich reiches Gnadengut empfangen. Ihrer ist das Himmelreich.

Worin besteht ihre Glückseligkeit?

Sie sind glückselig, weil sie nicht mehr auf sich selbst angewiesen sind. Sie haben sich durch Jesus an Gott verloren. Sie brauchen nicht mehr durch und für ihr armseliges Ich zu leben. Sie haben ihre fluchbeladene Selbständigkeit aufgegeben. Sie sind in die gesegnete Abhängigkeit von Christus getreten. Sie sind nicht mehr allein in der Welt. Ihre Gemeinschaft ist mit Gott dem Vater und dem Sohne im Heiligen Geist. Sie wissen sich in Christus erwählt, errettet und ewig gesegnet und geborgen. Der Inhalt ihres neuen Lebens heißt Christus. Er ist das ewige Glück ihrer Seele geworden.

Sie sind glückselig, weil sie nicht mehr von sich selber enttäuscht werden können; denn sie haben den Glauben an ihr eigenes Können und Vermögen aufgegeben. Sie suchen keine Kraft mehr bei sich selbst. Als das Schwache Gottes leben sie Augenblick um Augenblick von der Kraft aus der Höhe. Im Besitz des bitteren aber heilsamen Wissens, daß in ihnen, das ist in ihrem Fleische, nichts Gutes wohnt, haben sie alle Selbstverbesserungs- und Selbstveredelungsversuche drangegeben. Vom Geiste Gottes überführt, überwunden und entwaffnet, sind sie, kampfunfähig in sich selbst, Gefangene Christi geworden. Nun hat Er sie in Seinen Dienst genommen und speist sie mit Seiner Kraft. Stark zu werden in Ihm und für Ihn in der Macht Seiner Stärke, das ist das Glück ihrer Seele, in dem sie alles vermögen durch Den, Der sie kräftigt zu jedem gottgewollten Wandel und Werk.

Sie sind glückselig, weil sie sich nicht mehr selber zu führen brauchen. Sie suchen keine Weisheit mehr bei sich selbst. Als das Törichte Gottes gehen sie unmündig an der Hand ihres himmlischen Vaters, hören sie willig auf die Stimme des guten Hirten, lassen sie sich leiten vom Heiligen Geist. So sind sie der Angst und der Lust der Welt entnommen, dem Betrug und Verderben der Sünde entflohen und dem Zorne künftiger Gottesgerichte entronnen. Immer geringer zu werden in ihren Augen, um sich immer sicherer und herrlicher, bedingungsloser und abhängiger der himmlischen Führung zu überlassen, damit der Wille Gottes durch sie geschehe, das ist das große Glück ihrer Seele.

Sie sind glückselig, weil sie alles, was ihnen widerfährt, kindlich und einfältig aus ihres Vaters Hand nehmen und in dieselbe treue Hand zurücklegen können. Sie brauchen sich nicht mehr in der Menge vieler Wege und vielfältigen unseligen Zweifel zu zerarbeiten. Sie haben solch selige Erfahrungen von der Güte ihres Gottes und der Treue ihres Heilandes gemacht, daß sie alle unkindlichen Sorgen und Bedenken fahren lassen mußten. So wurde ihre Lebensführung wunderbar vereinfacht und entlastet. Sie wissen, was sie wissen sollen, und haben, was sie brauchen müssen. Ihr Denken und Handeln ist göttlich gradlinig und durchsichtig geworden. In der zunehmenden Einfalt gegen Christus lernten sie alles immer klarer schauen und leichter tun. Sie haben das Eitle und Vergängliche preisgegeben und das Himmlische und Ewige gewonnen. Daß sie ihrem Gott und Herrn aufs Wort hin unbegrenzt zu glauben und zu vertrauen vermögen, das ist die Genesung und das bleibende Glück ihrer Seele.

Aber diese Glückseligkeit bleibt nur, solange man ein Bettler im Geiste bleibt. Wenige sind in einer gründlichen Bekehrung und biblischen Buße bettelarm geworden, noch viel wenigere sind es nachher geblieben. Nur auf der wachsamen Hut gegen jede Spur von Ichseligkeit bliebt uns die Gottseligkeit. Nur solange wir nichts von uns, aber alles von Jesus erwarten, bleiben wir glückselig Besitzende. Sobald wir irgendwie wieder sicher und reich in uns zu werden beginnen, verfliegt die himmlische Glückseligkeit und setzt die irdische Unseligkeit bald danach wieder ein. Im Augenblick, wo wir im Einspruch gegen uns selbst ermatten, Christus praktisch aus- und uns selber einschalten, das Seine lassen und das Unsere suchen, rufen wir die Qual unserer Seele von neuem herbei. Jeder erneute Versuch, die alte Selbständigkeit wieder zu gewinnen, bringt das alte Elend wieder. Jeder eigenwillige Schritt führt ins Unheil zurück. Nur das unaufhörliche bettelarme Danken, Seufzen, Flehen, ja Schreien im Geiste in Schwachheit, Unmündigkeit und Einfalt hält uns stark, weise und froh. Nur auf der Bettlerstufe schmeckt uns das Gnadenbrot süß. Nur auf dieser Stufe verlieren wir mit dem Rest von Stolz auch den Rest von Furcht vor einem solchen Leben in steter selbsterniedrigender Abhängigkeit. Da allein lernen wir verstehen, daß die Schwachheit eines Bettelarmen im Geiste nicht Unbrauchbarkeit, sondern Voraussetzung für jede Tauglichkeit für Gott ist. Hier nur erfahren wir, wie die Unmündigkeit der Bettelarmen im Geiste nicht kindische Dummheit, sondern Grundbedingung für den Empfang und Besitz göttlicher Weisheit ist und bliebt; allein da begreifen wir, daß die Einfalt der Bettelarmen im Geiste nicht plumpe Beschränktheit ist, sondern reifste Beschränkung auf das eine Notwendige hin, mit dem uns alles gegeben ist, was den Geist wirklich erleuchtet und die Seele ewig stillt. Dann weiß man auch, daß das Bettlertum im Geiste kein eigenwilliges Kunststücklein und Versuchsspiel ist, sondern nur als bleibende Wende unseres Lebens zur Erlösung gerät. Und so sieht man auch ein, daß die Bettelarmut im Geiste allen nottut, den Hohen und Niedrigen, den Gebildeten und Ungebildeten; denn der Ichdünkel des Professors und der der Kuhmagd sind vor Gott wesensgleich und ein unterschiedsloses Hindernis für den Empfang des Himmelsreichs, das in Christus Jesus allen nahegekommen ist, damit jede Menschenseele bleibend glückselig werden.

Dem entspricht die nächste Seligpreisung:
Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden!

Die Glückseligkeit der Inhaber des Himmelsreichs ist kein übermütiges Jauchzen, sondern sie ist so ernst wie ihre Bettelarmut, die sie nur in Leiden und Schmerzen erleben konnten. Ihre Glückseligkeit wurde aus der göttlichen Traurigkeit geboren, nämlich aus der schamvollen Betrübnis über die lachende Selbstherrlichkeit, in der man einstmals zu leben wagte, und die nun in immer bußbereite Selbstverwerfung verwandelt worden ist. Ja, die stete Traurigkeit der Kinder Gottes über ihr angeborenes gottfeindliches Wesen, das immer wieder als selbstsüchtige Lust herrschend werden möchte, ist und bleibt die Voraussetzung für ihre bleibende Glückseligkeit. Denn nur solange sie traurig über sich selber bleiben, bleiben sie fröhlich im Herrn. Nur in der strengen Zucht geistlicher Betrübnis über das eigene Wesen vermögen sie ihr Selbst zu verneinen und jedem Zierrat der Selbstgefälligkeit in Gedanken, Wort und Tat zu entsagen. Nur die Trauer über ihr Fleisch erhält ihnen den Trost des Geistes, um dessentwillen sie glückselig gepriesen werden. Dieser stete Gegensatz ist bleibendes göttliches Reichsgesetz, solange ein Kind Gottes inmitten des irdischen Verderbens atmet. Denn obwohl Christi Reichsordnung, der Frohbotschaft entsprechend, in Gestalt einer Seligpreisung gegeben wurde, so hat es doch nie eine Bußpredigt mit gellenderem innerem Weheruf gegeben als eben die sogenannte Bergpredigt, die mit den Seligpreisungen beginnt und mit dem Wort vom “großen Fall” endet. Kein Wunder, daß das Volk damals am Schluß dieser Predigt sich über Jesu Lehre “entsetzte” (Matth. 7,28). Es bewies damit mehr Verständnis für diese ichstürzende Gottesrede als unsere heutigen Pharisäer und Schriftgelehrten, die die Bergpredigt zu einer gefälligen Moralpredigt für ichverliebte fromme Selbstentfaltung erniedrigt haben. Ja, wehe dem Menschen, der angesichts dieser Seligpreisung es wagt, wieder an sich selber froh zu werden! Ja, wehe dem irrseligen Lachen der in sich selbst Reichen; denn es wird in ewige Trostlosigkeit verwandelt werden! Aber glückselig die Trauernden über sich selbst, die im Gericht über ihre Selbstherrlichkeit den Willen Gottes über sich erleiden; denn sie werden überschwenglichen Trost durch Christus haben! (2. Kor. 1,5.)

Ihnen gehört auch die folgende Seligpreisung:
Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land ererben!

Nur die Bettelarmen im Geiste, die in steter, schamvoller Trauer über sich selber einhergehen, vermögen auch die wahrhaft Sanftmütigen zu sein. Warum ist denn der Mensch grobmütig, anstatt sanftmütig zu sein? Weil sich jeder groß und reich in sich selber dünkt und in ichverlebter Freude etwas zu wissen und zu können glaubt. Nun will er sich auch anderen gegenüber so geltend machen. Darum muß er in selbstbewußtem Auftreten seine Mitmenschen anfahren. Oder er muß in grober Gegenrede zu beweisen suchen, daß er auch noch da und nicht im Geringsten gewillt ist, sich etwas gefallen zu lassen. Grobmut ist und bleibt das plumpe Rüstzeug der menschlichen Selbstherrlichkeit. Solange der Mensch für sich selber sucht, muß er auch für sich selber herrschsüchtig, aufgeregt, gereizt und beleidigt streiten. Erst wenn er vor dem Bilde Jesu durch den Geist Christi zur Selbsterkenntnis, Selbstbeschämung und Selbstverwerfung gekommen ist, sich aufgegeben und Christus angenommen hat, vermag er sanftmütig zu werden. Bettelarm in sich und tieftraurig über sich, ist er ein wahrhaft “Entrüsteter” geworden, der keine Schutz- und Trutzwaffen für sein Ich mehr braucht. Er kann und will nichts mehr im Selbstvertrauen machen. Er hat sich und alle seine Angelegenheiten Jesus übergeben. Nun kann er zurücktreten, abtreten, hinter Jesus verschwinden, Ihm tatsächlich in allen Dingen den Vorrang lassen und sprechen: Herr, mach Du es! Du hast Weisheit! Du hast Kraft! Gib mir beides! Laß mich nur in Dir erscheinen! In Dir geborgen! In Dir verborgen! Eingehüllt in die göttliche Vollmacht Deiner Sanft- und Demut! Laß mich so durch Dich wirken, wie Du durch den Vater wirktest! Und sollte ich gegen irgendwen zwei Stricke zusammenflechten müssen, so laß es in heiliger Gottergebenheit und nimmermehr in Selbstherrlichkeit geschehen! Und habe Dank, daß Dir immer und überall der Sieg gehört! Wer so durch Jesus mit den Menschen verkehren lernt, wird sanftmütig. Und wie ist doch diese Sanftmut unvergleichlich anders geartet, als jene ichkluge, äußerliche Selbstbeherrschung des auch in seinen Tugenden noch selbstherrlichen, ungläubigen Kulturmenschen! Und nur diese bettelarme Sanftmut ist es, die Jesus glückselig preist; denn sie wird das Land ererben. Welch eine Torheit scheint dies der Weltweisheit, die da lebt und lehrt: Stemme dich! Recke dich! Gebrauche deine Ellenbogen! Mache dich geltend! Setze dich durch! Greif zu! Hau zu! Tritt zu! Denn nur so kannst du zu Besitz und Macht gelangen! Aber die Grobmütigen und Gewalttätigen haben keine Zukunft. Nie wird Gewalt ihres Besitzes sicher. Stets muß sich Selbstsucht gegen Selbstsucht wappnen. So im Leben der Völker wie im Leben der Familien und Einzelnen. Unglückselig die in Grobmut Herrschenden; denn sie werden alles verlieren! Wenn die Groben sich heiser geschrieen haben, die Jähzornigen erschöpft sind, die Gewalttätigen leer ausgehen, werden die Sanftmütigen glückselige Erben sein. Ihrer Bettelarmut wird alle Tage ein unberaubbarer Besitz verbleiben. Und ihnen, den Zurücktretenden, wird einmal die Herrschaft in Christi Friedensreich und danach die ewige Gottesstadt auf der Neuen Erde gehören.

Ihnen gilt auch die nächste Seligpreisung:
Glückselig die Hungernden und Dürstenden nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden!

Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit ist eine besondere Form der Bettelarmut im Geiste. Zur Bettelarmut gehört der bittere Mangel an eigener Gerechtigkeit, die vor Gott gelten könnte. Die strotzende Fülle von Selbstgerechtigkeit, in der man früher lebte, ist vor dem einen Gerechten am Kreuz jäh oder allmählig in nichts zusammengesunken. An ihre Stelle ist eine schmerzliche Leere getreten, die eine Art geistliches Hunger- und Durstgefühl erzeugt hat. Es ist das Hungern und Dürsten der Bettler im Geiste. Früher waren sie satt in sich selbst, jetzt quält sie die Leere in sich selbst. Sie bereitet ihnen mehr Pein, als jemals leibliches Hunger- und Durstgefühl bereiten können. Sie darben im Lande der Menschen nach wirklich sättigender Gerechtigkeit, aber niemand gibt sie ihnen; denn niemand besitzt sie. Sie haben sich an diesen und jenen Bürgern des Landes, an diese und jene Parteirichtung und Weltanschauung gehangen, aber am Ende gingen sie immer leer aus. Nicht in sich noch um sich irgendwelche vor Gott zulängliche Gerechtigkeit! Welch Verhungern und Verschmachten in dürrer Wüste!

Nun soll die Pein ihres Hungerns und Dürstens nach der Gerechtigkeit in Glückseligkeit verwandelt werden, denn sie sollen satt werden! Die Qual ihrer Leere trieb sie endlich endgültig zu Dem hin, der ihnen zugerufen: ”Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten” (Joh. 6,35). Nun sehen sie den himmlischen Speisemeister recht, von dem Paulus, der ehemalige Pharisäer, schreiben mußte: ”Den, der Sünde nicht kannte, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm” (2. Kor. 5,21). Das also ist ihre glückseligmachende Sättigung: Gott schenkte ihnen, den Bettelarmen an Gerechtigkeit, Seine eigene Gerechtigkeit in dem einzig Gerechten, der für die Ungerechten starb. Nichts, nichts konnte ihren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit stillen, als die Liebeshand Gottes, die des eigenen Sohnes nicht geschont, sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat, damit uns durch Ihn jeder Hunger und Durst des Geistes nach der göttlich zureichenden Gerechtigkeit gestillt werde.

O, wie glückselig macht diese Sättigung mit Gerechtigkeit vom Himmel her! Aus der Gnadenfülle der Gottheit in Jesus Christus leben! Sich nur noch vom allgenugsamen Wesen des Gesalbten Gottes nähren!

“Wer Dich hat,
Ist still und satt.”

Entwöhnt den irrseligen Bestrebungen des Geistes und der Seele, nur noch ein Begehren pflegen: Jesus!

“Was ich mehr
Als Dich begehr,
Kann mein Seligsein nur hindern
Und den Frieden mindern.”

Das ist die tiefste Stillung unserer Seele: Ihre glückseligmachende Sättigung mit dem Fleische und Blute des Gotteslammes, mit dem Geist und Leben des Lebensfürsten.

Aber wunderbar! Diese glückseligmachende Sättigung bleibt nur, solange das bettelarme Hungern und Dürsten nach Ihm bleibt. nur solange ich leer an eigener Gerechtigkeit die Qual des Hungerns und Dürstens nach Seiner Gerechtigkeit wie ein stetes Leibgrimmen in mir trage, füllt die glückselige Sättigung mit Ihm meine Seele aus. Sobald das schmerzliche Hungern und Dürsten aufhört, hört die glückselige Sättigung auf. Nur im Begehren nach Ihm liegt die Sättigung durch Ihn. Wehe mir, wenn ich wie ein Pharisäer je wiederum satt würde an meinem eigenen Bilde! Wehe mir, wenn ich wie ein Laodizäer satt würde der Sättigung durch die Gnade! Wehe mir, wenn ich als ein irgendwie Übersättigter die hungernde und dürstende Bettelarmut verlöre! Wehe jeder satten Selbstgenüge! Wehe jedem ichtrunkenen Berauschtsein! Wehe jeder scheinbaren Nüchternheit, die nichts bedarf als sich selbst! Wehe den Lauen, in deren Eingeweiden kein Hungern und Dürsten mehr brennt! Unglückselig alles satte Behagen; denn es wird in feurige Pein verwandelt werden, und keine nasse Fingerspitze wird die Qual mindern! Unglückselig alle, die da einen Vorrat zu haben glauben auf viele Jahre; denn in dieser Nacht wird ihre Seele von ihnen gefordert werden, und was wird es sein, das sie erarbeitet haben? Ja, unglückselig jede ichkluge Vorsicht, die vom Schatz des eigenen Wesens zu leben trachtet, anstatt vom Blutopfer der Liebe Gottes auf Golgatha!

Hören wollen wir die harte Rede des scharfen Gegensatzes mit bebendem Herzen:

  • Nur in der ewigen Ungenüge an uns haben wir die volle Genüge in Ihm.
  • Nur zerfallen mit uns, werden wir auferbaut in Ihm.
  • Nur getrennt von uns, bleiben wir vereint mit Ihm.
  • Nur im bettelarmen, zehrenden Darben auf dem Trümmerhaufen des Reiches unserer eigenen pharisäischen Gerechtigkeit empfangen wir die glückselige Sättigung mit der Gerechtigkeit des Reiches Gottes.

Dieser unerbittlichen Gottesordnung entspricht die folgende Seligpreisung:
Glückselig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!

Die von sich selber voll sind, sind auch voll von Unbarmherzigkeit. Wären der Priester und der Levit Bettler im Geiste gewesen, so wären sie nimmermehr an dem unter die Mörder Gefallenen vorübergegangen. Aber so wußten sie gar nicht, was Barmherzigkeit ist; denn sie selber hatten nie welche nötig gehabt. Nur die Bettelarmen im Geiste, als die Traurigen über sich selbst und Sanftmütigen gegenüber den Menschen und allezeit Hungernden und Dürstenden nach der Gerechtigkeit, können auch die wirklich Barmherzigen sein. Nur sie wissen, was Barmherzigkeit ist; denn sie leben ja Augenblick um Augenblick aus dem ewigen Erbarmen Gottes, das alles Denken übersteigt, aber ihr ganzes Herz erfüllt. Nur wer bettelarm in sich selbst zum Kreuze Christi gekommen ist, wo sich das ewige Erbarmen Gottes zu verlorenen Sündern neigt, kennt das Wesen der Barmherzigkeit, um es wieder- und weitergeben zu können. Nur die betrübt und gedemütigt hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, können auch anderen die Gerechtigkeit Gottes als tätige Barmherzigkeit nahebringen. Sie allein verstehen, wie denen zumute ist, die der Barmherzigkeit bedürfen.

Da ist kein vornehmes Herablassen mehr, das durch häufiges Gutestun den Eigenwert steigern und die Selbstherrlichkeit erhöhen möchte. Von solcher pharisäischen Barmherzigkeit ist ja die Welt voll, und wie liegt diese heuchlerische Welt dabei im Argen! Jene Pharisäer ließen vor sich herposaunen, wenn sie Almosen gaben, die heutigen Pharisäer lassen meist hinter sich herposaunen, wenn sie ihre Gabe in irgendeinen Gotteskasten haben fallen lassen. Und die geriebenste Art dieser pharisäischen Barmherzigkeitsübung ist die, stillschweigend das Gute, wie man sagt, um des Guten willen oder gar um Gottes Willen zu tun, sich aber dabei durch die geheime Erhöhung des Selbstbewußtseins mit innerlichem Ruhme vor sich selbst zu belohnen. Die aber wahrhaft Bettelarme im Geiste sind, meinen, wenn sie Barmherzigkeit üben, nur den Ruhm der Barmherzigkeit Gottes. Denn obgleich sie vor Gott nur im irdischen Bettlergewande zu erscheinen wagen, so sollen sie vor Menschen doch im Himmelskleide göttlicher Erbarmung einhergehen, wie Paulus schreibt: ”Ziehet nun an, als die Auserwählten Gottes, Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen…” (Kol. 3,12). Gleichwie auch ihres Meisters irdisches Bettlergewand sich ins reiche Himmelskleid göttlicher Erbarmungen verwandelte, wenn ER in Niedrigkeit umherzog und doch allenthalben so überreich wohltat (Ap.-Gesch. 10,38), damit sie glauben sollten, daß der Vater Ihn gesandt habe.

So preist das vom Himmel gekommene Erbarmen die bettelarmen Barmherzigen glückselig, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Es gibt viele “Gläubige”, denen Glückseligkeit mangelt. Sie sind noch zu reich und zu groß in sich selbst. Vor allen Dingen fehlt ihrem Glaubensleben der göttliche Ausweis tätiger Barmherzigkeit. Ihr ganzes Wesen ist frömmelnde Selbstsucht. Kein Wunder, daß sie über mangelnde Glückseligkeit jammern müssen. Bis über die Ohren stecken sie im ichverengten, anspruchsvollen Ehrgeiz oder im erbarmungslosen kalten Geldgeiz. Wie einen Raub möchten sie auch das göttliche Erbarmen an sich reißen, um darin glückselig zu sein, ohne selbst barmherzig zu sein. Gott sei Dank, daß es ihnen nie gelingen kann! Unglückselig, die harten und verschlossenen Herzens sind; denn kein Erbarmen Gottes geht in sie hinein! Nichts bedauerlicheres als solche hartherzige, selbstsüchtige “Fromme”! Ich habe es wiederholt erlegt, daß solche aus Krankheit und Schwermut herauskamen und ihre Angehörigen sich bekehrten, sobald sie zu Bettelarmen im Geiste und damit zu Barmherzigen geworden waren, die nun Barmherzigkeit empfangen konnten. Gilt es dir, du unglückseliges Gotteskind, so gehe hin und tue desgleichen! Im rechten Kommen zu Jesus hast du dann Barmherzigkeit empfangen, in der rechten Nachfolge Jesu gibst du die empfangene Barmherzigkeit wieder und weiter, und neue Barmherzigkeit wird dir, dem Glückseligen, folgen dein Leben lang.

Das führt zur nächsten, reichsten Seligpreisung:
Glückselig die Reinen im Herzen; denn sie werden Gott schauen!

Denn mit dieser Seligpreisung erhebt sich die Rede Jesu zu ihrer höchsten Höhe. Des Meisters Aussprüche folgen ja nicht zusammenhanglos aufeinander, sondern ergeben sich folgerichtig auseinander. So wie nur der Bettelarmut im Geiste die rechte Trauer über uns selbst entquillt, so fließt aus dieser steten göttlichen Betrübnis die rechte Sanftmut den Menschen gegenüber. Solche leidende, duldende Sanftmut aber gebiert ein brennendes Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit, das sich auswirken muß in tätiger Barmherzigkeit. Und solche Barmherzigkeit, die Barmherzigkeit empfängt, dient der Läuterung unseres Wesens und Reinigung unseres Herzens bis zur Klarheit der Gottesschau.

Es gibt eine Reinigung unseres Herzens schon durch das willige Hören der Worte Jesu. Sie bewirken eine Klärung unserer Gedankenwelt und Läuterung unserer Gefühlswelt. “Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.” (Joh. 15,3; Eph. 5,26.) Eine gründlichere Reinigung unseres Herzens ist die Reinigung durch das Blut Jesu. Es brachte uns die Vergebung unserer Sünden durch Gott (Matth. 26,28; 2. Kor. 5,19-21), als Reinigung unseres Gewissens von den toten Werken (Hebr. 9,14). Der bußfertigen Annahme dieser Reinigung durch das Blut Christi entspricht die Reinigung unseres Herzens durch den Glauben (Ap.-Gesch. 15,9). Die Heilige Schrift redet aber auch noch von einer dritten Art von Reinigung, die wir, nachdem wir gläubig geworden sind, selbst zu besorgen haben. Es ist die fortlaufende Reinigung von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes zur Vollendung unseres Geheiligtseins in der Furcht Gottes (2. Kor. 7,1) und zur Verwirklichung der Hoffnung auf unsere Gleichgestaltung mit Christus (1. Joh. 3,3) (Siehe Die Bibelstunde: “Unsere Umwandlung in das Bild Christi.” Das ist die Reinigung, deren wir bedürfen, um als Reine im Herzen in Glückseligkeit Gott schauen zu können.

Es ist diese Reinigung gleichbedeutend mit dem Wandel im lichte und im Geiste, wovon der Herr und die Apostel so dringlich reden (Joh. 8,12; 11,9 und 10; 12,35 und 36; Gal. 5,16 und 25, Eph. 5,8-14; 1. Joh. 1,7). Und sie besteht darin, jeden Gedanken, jedes Wort, jede Tat, die nicht mit dem Geiste und der Gesinnung Christi übereinstimmen, im Lichte des Wortes und Angesichtes Christi als Befleckung belichten und richten zu lassen, um im Blute Christi Reinigung zu empfangen. Eben dazu gehört der bleibende Wandel im Licht; denn in der Finsternis sieht man keine Flecken. Wer das Licht scheut und diese fortlaufende Reinigung von jeder geschehenen Befleckung versäumt, betrübt den Heiligen Geist, der uns stets vor jeder Befleckung zu warnen und nach geschehener Befleckung zu überführen sucht (Eph. 4,30). Wer dies tut, bekommt aber auch trübe Augen des Herzens (Eph. 1,18), durch die kein Licht mehr eindringen kann. Denn die sich anhäufenden Befleckungen bedecken und verdüstern unsere Herzensaugen, wie Staub und Schmutz Fensterscheiben bedecken und blind machen. Kein Licht vermag sie mehr voll zu durchdringen, sondern offenbart nur ihren hindernden Schmutz. So sind die ungereinigten Herzensaugen, wie soll man durch sie Gott schauen können?

Also ist es nötig, Augenblick um Augenblick in wachsamer Glaubensbetätigung die Herzensaugen sauber zu halten, damit der Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesichte Christi (2. Kor. 4,6) in unsere Herzen hinein- und auch wieder herauszuleuchten vermag. Und je mehr wir so, im Lichte vorwärtsschreitend, diese fortlaufende Selbstreinigung unseres Herzens treulich besorgen, desto mehr werden wir bei zunehmenderer Lichtshelle befähigt werden, immer mehr auch die kleinsten und noch kleineren Befleckungen wahrzunehmen, um uns auch von ihnen zu reinigen. Und genau in dem Maße wie dies geschieht, werden wir immer klarer, immer glückseliger Gott zu schauen vermögen. Gott aber wird dabei immer gestaltklarer, getreu den Zügen des Bildes Christi, in uns zu schauen sein. Denn nicht nur werden wir uns in solchem Lichtswandel von jeder Befleckung reinigen lernen, sondern wir werden bei immer reichlicherer Lichtshelle auch immer besser Befleckungen vermeiden lernen. Alles aber, was im Lichte offenbar wird, wird in Licht verwandelt (Eph. 5,13). So werden wir im Lichte selbst zu Licht.

Der Zusammenhang zwischen der Bettelarmut im Geiste und der fortschreitenden Reinigung unseres Herzens im Lichte ist einleuchtend. Der willige Wandel im Licht macht uns in uns selbst immer ärmer. Immer mehr erkennen wir da unsere angeborene finstere Natur und ihre grenzenlos zahlreichen unreinen Aeußerungen. So werden wir in unseren eigenen Augen immer unreiner in uns selbst und folglich immer bettelärmer. Das vermehrt aber unsere Traurigkeit über uns selbst, diese aber bändigt uns zur Sanftmut. In dieser aber steigert sich unser Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit. Das aber leitet uns hin zum Dienste der Barmherzigkeit. Und gerade in diesem Dienste wird unser Herz von den Schandflecken der Selbstsucht und dem ganzen beschmutzenden Laster der Ichseligkeit gereinigt. So allein lernen wir Gott schauen. Nur die Bettler im Geiste wohnen vor seinem Angesichte. Nur sie sind es, die nicht ruhen, bis sie reich, froh, sanft, satt, gerecht, barmherzig und rein geworden sind vor Seinem Throne und nach seinem Bilde in Christus Jesus. Wehe aber den Reichen in sich selbst, denn sie bleiben die Unreinen in sich selbst! Unglückselig, die mit beflecktem, hoffärtigem Herzen Gott gleich werden wollen; denn nie wird ihr Fuß ein Perlentor der Gottesstadt berühren! Gott teilt Seinen Stuhl und Seine Herrlichkeit nur mit den Bettlern!

Und seht nur, was Er ihnen alle Tage schon gibt! Als Bettelarme im Geiste empfangen sie rundweg das Himmelreich. Es ist das Reich der Gottesherrschaft als Bereich der Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus im Heiligen Geiste. Als Trauernde empfangen sie die Tröstungen dieses Reiches. Als Sanftmütige werden sie das Erdreich besitzen; also haben sie schon Himmel und Erde zugeteilt bekommen. Als Hungernde und Dürstende werden sie Gottes eigene Gerechtigkeit zu ihrer Sättigung bekommen. Als Barmherzige werden sie die Fülle der göttlichen Barmherzigkeit erlangen. Und als die Reinen im Herzen wird ihr leuchtendes Herzensauge Ihn selbst, Gott, schauen. Wahrlich, um solchen Gnadengutes einer bleibenden Glückseligkeit willen können sie als “Entwöhnte” an Jesu Brust (Psalm 131) auf jedes Obst der Seele (Offbg. 18,14) verzichten, das in den fluchbeladenen Lustgärten dieser Welt gewachsen ist! Und wie es reich beschenkten Bettlern geziemt, kommen sie aus dem Danken gar nicht mehr heraus.

Die folgende Seligpreisung drückt das Ergebnis dieses Reichseins in Gott aus:
”Glückselig die Friedensstifter; denn sie werden Söhne Gottes heißen!”

Der Gott, den das erleuchtete Bettlerauge der Reinen im Herzen schaut, ist der Gott des Friedens (1. Thess. 5,23; Hebr. 13,20). Er ist in Christus ihr Vater. Aus ihm haben sie Leben und Wesen. So sind sie als Söhne Seines Lichtes und Geistes Söhne des Friedens geworden. An dieser Eigenschaft erkennt man ihre Abstammung. Um ihrer Friedfertigkeit willen werden sie Söhne Gottes genannt werden. Diese Ernennung birgt für sie eine neue Glückseligkeit. Sie dürfen das innerste Wesen ihres Vaters auf Erden offenbar machen; sie dürfen als Söhne Gottes und Seines Reiches Friedensstifter auf dieser friedlosen Erde sein. Gerade darin erweisen sie sich als Inhaber des Himmelreichs und Träger seiner Glückseligkeit.

Was ist denn die Ursache alles Streitens und Kriegens auf Erden? Nichts als der Mensch in der Ichgröße seiner Selbstherrlichkeit. Solange jeder eigenwillig sich selber lebt, solange muß auch jeder gegen Gott und Menschen streiten und kriegen. Solange einer seiner Größe neben der Größe Gottes aufzurichten und gegen Gott und Menschen zu behaupten sucht, solange muß er auch ein friedloser Kämpfer für eigene Ehre, eigenes Ansehen und eigenen Ruhm sein. Solange du das Deine suchst, mußt du auch das Deine verteidigen, und solange quält dich der Unfriede des Suchens und Fürchtens für dich. Und solange bleibst du ein Friedensstörer auf Erden, von dem es heißen muß: Unglückselig die Friedensstörer; denn sie werden als Söhne dieser Welt erkannt werden! Ihr Herz ist voll Dünkel, Ehrsucht, Habsucht, Neid, Haß, Rache, Unruhe, Sorge, Qual und Pein. Wo sie gehen und stehen, schäumen sie den Unfrieden ihres Herzens aus. überall wollen sie ichtrotzig ihrem Dünkel und ihrer Gier Thron und Land erobern. Ihr anmaßendes und begehrliches Ich zur Geltung und zum Ausleben zu bringen, ist der einzige Trieb und das armselige Glück ihres Daseins. So ist die Erde voll des Streitens und Kriegens, voll der Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit, voll des Blutvergießens; denn jeder nur vom Weibe Geborene trägt fein oder grob diese fluchvolle adamitische Kriegsart in und an sich.

Da sollen die Söhne Gottes, die vor dem Kreuze Christi in Buße, Belehrung und Neugeburt den Sturz ihrer Ichgröße erlebt haben, ein “Same des Friedens” (Sach. 8,12) auf dieser Erde sein. Ihr Friede, den sie als göttliches Gnadengut im Bettlerherzen tragen, soll auf jedes Haus kommen, in dem sie wohnen oder in das sie eintreten (Matth. 10,13). Als ”Boten des Friedens” (Jes. 52,7) sollen sie die Friedenskunde von Jesus, dem Friedensfürsten, durch jede Stunde ihres Lebens tragen, damit die, die den ”Weg des Friedens” (Luk. 1,79; Röm. 3,17) nicht kennen, ihn finden durch sie. Soviel an ihnen ist, leben sie mit allen Menschen in Frieden (Röm. 12,18); denn sie suchen nicht das Ihre, sondern das, was Jesu Christi ist (Phil. 2,21); denn sie lieben ihre Feinde, sie segnen, die ihnen fluchen, tun wohl denen, die sie hassen, beten für die, die sie beleidigen und verfolgen (Matth. 5,44 u. 45), und um dieser Friedfertigkeit willen werden sie Söhne ihres Vaters heißen; darin besteht ihre Glückseligkeit.

Aber was ist denn da Geheimnis ihres Friedens? Es ist ihr bettelarmes Ruhen in der Gnade Gottes in Christus Jesus. Es ist ihr glückseliges Ausruhen von sich selber, von jedem eigenwilligen Denken und Wirken. Es ist ihre sekündliche, bettelarme Abhängigkeit von Christus, ihrem Herrn und Haupte. Der Friede Gottes, als Wesen ihres Vaters, bewahrt ihr Herz und ihren Sinn (Phil. 4,7), und der Friede Christi, als Wesen ihres Herrn, regiert in ihren Herzen (Kol. 3,15). Aber sie behalten diesen Frieden nur, solange sie in wachsamer Glaubensbetätigung sich selbst verneinen und Jesus bejahen. Das bedeutet den steten Einspruch gegen jede Selbstgefälligkeit, die stete Preisgabe jeder Selbstherrlichkeit, die stete Abweisung jeder lüsternen, selbstsicheren Begier. Mit einem Wort: So bettelarm im Geiste sie wandeln, so reich leben sie im Frieden. Vielmals bei Tag und Nacht jubeln sie: “Mir ist Erbarmung widerfahren”, seufzen sie: “Ach, mein Herr Jesu, wenn ich dich nicht hätte”, bekennen sie: “Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt.” Aber all dies Jubeln, Seufzen, Bekennen ist wie hehres Säuseln des Geistes durch den stillen Palmenhain ihres Friedens.

So kommen wir zur letzten Seligpreisung:
Glückselig die Verfolgten wegen Gerechtigkeit; denn ihrer ist das Himmelreich!

Am Ende werden die Verfolgten wegen Gerechtigkeit glückselig gepriesen. Und so gehört es sich. Denn Verfolgung ist die letzte, eine große Antwort der in sich selbst reichen, kriegsstarken Weltkinder auf die Bettelarmut im Geiste der friedfertigen Gotteskinder. Warum denn? Nun, weil ihnen auf die Dauer die Bettelarmen im Geiste als unerträgliche Fremdlinge erscheinen müssen. Und das ist kein Wunder. Wer unter den Geistreichen die Bettelarmut im Geiste begehrt, wer unter den Ichverliebten in Trauer über sich selber geht, wer unter den Grobmütigen als Sanftmütiger dasteht, wer unter den Selbstgerechten nach Gottes Gerechtigkeit hungert und dürstet, wer unter den Unbarmherzigen Christi Barmherzigkeit übt, wer unter den Unreinen im Herzen in Herzensreinheit Gott schaut, wer unter den Friedestörern als Friedensstifter und Kind Gottes erscheint, der hat kein Bürgerrecht und findet keinen Platz mehr in dieser Welt. Ihm gilt: Hinweg mit diesem! wie es dem Meister galt! Denn des Gotteskindes Bettelarmut im Geiste straft der Weltkinder Geistreichsein, seine Trauer über sich selbst beleidigt ihre Ichverliebtheit, seine Sanftmut schlägt ihren Grobmut, seine Gerechtigkeit aus Gott empört ihre Selbstgerechtigkeit, seine wahrhaft geistliche Barmherzigkeit ihre pharisäische Unbarmherzigkeit, seine gottschauende Herzensreinheit ihre gottferne Herzensunreinheit, sein Gottesfriede ihren Unfrieden. Das setzt Zwietracht und schließlich Verfolgung. Zunächst im Familienleben, endlich im ganzen Kulturleben. Je mehr die Seligpreisungen Jesu zur Geltung gelangen, desto mehr wird auch die Verfolgung der in Jesus Glückseligen Tatsache werden.

Beides wird gegen das Ende dieses Zeitalters hin schnell heranreifen. Die Scheidung vollzieht sich bereits vor unseren Augen. Hie Menschengeist, hie Gottesgeist. Hie geistreicher Ichdünkel, hie Bettelarmut im Geiste. Hie ich- und kulturseliger Welttaumel, hie gottgemäße Betrübnis zur Buße. Hie stolzer Kraftrausch, hie selbstverneinende Sanftmut. Hie ruhmredige Selbstgerechtigkeit der Einzelnen, der Parteien und der Völker, hie Gottes Gerechtigkeit bei den Hungernden und Dürstenden nach Gott. Hie zunehmende selbstsüchtige Herzensverhärtung trotz zunehmender “Liebes-“ und “Sozialarbeit”, hie stille, wirkliche Barmherzigkeit. Hie Herzensverrohung, hie Selbstreinigung. Hie Selbstverblendung, hie Gottesschau. Hie Krieg, hie Frieden.

Immer mehr wird man Jesu Seligpreisung der Bettelarmut im Geiste als ein Verbrechen gegen die Kultur empfinden. immer mehr wird man die Träger dieser Bettelarmut als Kulturfeinde bezeichnen. Völker, die jetzt widereinander im Kriege liegen, werden sich bald wieder miteinander vertragen. Ihre sogenannten gemeinsamen Kulturinteressen werden sie wieder vereinen. Aber ein Volk wird man je länger desto mehr als den eigentlichen gemeinsamen Feind herausfühlen; es wird das Volk Gottes sein. Wie gegen einen angetanen Schimpf wird man sich gegen ihre Rede vom “Armen Sündertum” auflehnen. Wie eine hochmütige Verachtung des hohen Menschengeistes und seiner großartigen Kulturleistungen wird man die Ablehnung der menschlichen Selbsterlösung durch Kulturentfaltung und die Leugnung eines kommenden Reiches menschlicher Gerechtigkeit auffassen. Wie ein Mann wird man sich zuletzt gegen das Wort vom Kreuz, als gegen das für unsere Sünden vergossene Blut des Gotteslammes empören und den Sohn Gottes mit Füßen treten. Dann wird Gottes Wort vollends zersetzt sein und Gottes Volk Verfolgung preisgegeben werden.

Aber dann wird für die Bettelarmen im Geiste eine Glückseligpreisung anheben, die der ihres Herrn gleichen mag, als Er am Kreuze Seinen Geist in Seines Vaters Hände befahl und die diejenige des Stephanus sein wird, als er den Herrn im Himmel schauend ausrief: “Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!” Denn gewiß wird die Verfolgung am Ende dieses Zeitalters der vom Anfang dieses Zeitalters gleichen. Und wie damals werden die Bettelarmen im Geiste, die nur stark sind, wenn sie schwach sind, in ihrer allergrößten Armut und Schwäche auch wieder das allergrößte Wohlgefallen haben an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten, ja Todesängsten für Christus (2. Kor. 12,10). Denn wie damals werden auch dann wieder die Bettelarmen im Geiste glückselig sein und bleiben, weil weder Verfolgungs- noch Todesnot ihnen das Eine zu entreißen vermag, das sie zuerst und zuletzt glückselig macht, nämlich den Besitz des Himmelreichs. Tief bedeutungsvoll ist es, daß unser Herr die Bettelarmen im Geiste und die Verfolgten wegen Gerechtigkeit in gleicher Weise um des Besitzes des Himmelreichs willen glückselig preist. Das will sagen: Die Bettler im Geiste behalten am Ende als Verfolgte wegen Gerechtigkeit soviel als sie am Anfang hatten; denn ihre Bettelarmut ist nimmermehr arm zu machen: ihrer ist und bleibt das Himmelreich.

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