Binde, Fritz - Die ausgegossene Liebe Gottes

Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Römer 5,5.

Verlust unserer Liebesfähigkeit Gott und den Menschen gegenüber, Mangel an Liebe, das ist der große Fehlbetrag jedes Menschenlebens. Mangel an Liebe ist das eine durchgängige Kennzeichen unserer von Gott abgefallenen Natur. Keinen deutlicheren Beweis für die Tatsächlichkeit des Sündenfalls und die Verdorbenheit unseres Herzens gibt es als unsere angeborene Unfähigkeit, Gott und den Nächsten so zu lieben, wie wir lieben sollten. Jede wirkliche Selbsterkenntnis beginnt mit der Entdeckung dieser unserer Unfähigkeit. Jede wahre Buße beruht auf dieser peinvollen Einsicht in unseren entsetzlichen Mangel an Liebe. Und selbst wenn wir schon längst diese notwendige Selbsterkenntnis und heilsame Buße erlebt und die ausgegossene Liebe Gottes empfangen haben, bleibt uns dennoch der stete Eindruck von unserem schauerlichen Mangel an Liebe. Ja, je mehr wir uns bemühen, Gott und den Nächsten wahrhaft zu lieben, desto schmerzlicher trifft uns die Erkenntnis unseres Mangels an Liebe.

Als ich vor einem halben Jahrzehnt an der Leiche meiner nahezu 77jährigen Mutter stand, da schrie es in mir auf: Zuwenig geliebt! Und doch hatte ich geliebt. Aber zuwenig! Und wir brauchen nicht erst an den Leichen unserer Lieben zu stehen; schon beim Anblick unserer lebenden Lieben müssen wir uns täglich gestehen: Zuwenig geliebt! Wahrlich, all unser sogenanntes Zukurzkommen in der Nachfolge Gottes und Christi (Eph. 5,1) läßt sich erschütternd bezeichnen mit den drei Worten: Zuwenig geliebt! Oder hat jemand unter uns Gott und Menschen bereits genug oder gar zuviel geliebt? Ach, wohl haben wir übergenug und bereits zuviel geliebt, aber leider nicht Gott und den Nächsten, sondern nur uns selbst, unser abscheuliches, unersättliches selbstsüchtiges Ich! Dem Mangel an fruchtbringender Liebe zu Gott und Menschen steht gegenüber ein allenthalben verwüstender Überfluß an Selbstliebe. Er ist der Giftquell, der seit dem Sündenfall sprudelt und die Menschheit mit dem Unheil und Unflat der Sünde überflutet hat.

So ist die Lebensbeeinträchtigung, die der Loslösung unseres Geschlechts von Gott folgen mußte, Beeinträchtigung unserer Liebesfähigkeit geworden. Unsere ursprüngliche Gottebenbildlichkeit, die in der Lebensgemeinschaft mit Gott bestand, ist verloren. Mensch und Menschheit stehen im Zerr- und Fluchbild der Ichverliebtheit. Also ist unser Verlust an Liebesfähigkeit Verlust an göttlicher Natur.

Darum zielt der biblisch offenbarte Heilsplan Gottes darauf hin, uns Abgewichene aus dem Irrgang der Eigenliebe zurückzubringen, um uns wieder mit der Liebe Gottes zu erfüllen. Denn alle Verheißungen Gottes sind gegeben, damit wir durch ihre Erfüllung wieder göttlicher Natur teilhaftig werden (2 Petr. 1,4).

Dazu allein offenbarte Sich Gott im Alten Bunde. Angesichts der Liebe, Güte und Treue seines Bundesgottes sollte das halsstarrig-eigenliebige Volk Israel zur Gottesliebe erzogen werden. „Du sollst Jehova, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ (5 Mose 6,5), und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Jesus Christus selbst erklärt, daß in diesen beiden Geboten „hanget das ganze Gesetz und die Propheten“ (Matth. 22,37-40). Und dieser hohen Forderung an Israel entsprach die hohe Versicherung Gottes: “Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jer. 31,3.) Aber diese gesetzliche Forderung der Liebe vermochte noch nichts zu vollenden.

Eine höhere Offenbarung des Heils mußte wirksam werden. Jesus Christus erschien als die verkörperte Liebe Gottes auf Erden. Seine Erscheinung sollte den Mangel der Menschen an Liebe offenbaren. Vor Ihm sollten die Verblendeten erkennen, wie Gott ist, und wie sie sein sollten, und wie sie in Wirklichkeit sind. Da sollten sie sehen: so wie dieser unvergleichlich liebt, so ist und liebt Gott, dessen Ebenbild dieser sein muß (Kol. 1,15). Dann sollte jedes sprechen: So wie dieser liebt, so sollte ich lieben. Und dann sollte jedes an die Brust schlagen und ausrufen: O ich Scheusal von gottloser Eigenliebe! Und sollten in Buße und Glauben Ihm bedingungslos nachfolgen. Statt dessen schrie ihre beleidigte und gefährdete Selbsthilfe wie aus einem Munde: Hinweg mit diesem! Denn sie ertrugen die unter ihnen wandelnde Liebe Gottes nicht.

Da tat Gott das noch Größere: Die Liebe Gottes beglich am Kreuz der ganzen Menschheit Sündenrechnung. Jesus, die erschienene und verworfene Gottesliebe, gab Sich zum Sühneopfer für die in Sünden blinden Eigenliebigen. Liebe erkennt man sonst am Geben. Aber die Welt erkannte die unaussprechlich große Liebesgabe Gottes nicht und erkennt sie bis heute noch nicht. Bis zur Stunde lästern sie die Gottesliebe und brüsten sich in Selbstliebe. Nur immer wenige sind es, die seit Golgatha ihre schandbare Eigenliebe erkannten und richten ließen. Die alle wissen: „Der Liebe Höh’ ist Golgatha.“ Dort hat die unerbittliche Heiligkeit Gottes die Sünde am Sohne der Liebe gerichtet, um als unermeßliche Liebe Gottes die Sünder an ihr Herz zu ziehen.

Dennoch mußte noch Wesentlicheres geschehen. Wohl wurde am Kreuz unsere Versöhnung mit Gott vollbracht, aber noch nicht unsere Erneuerung durch Gott bewirkt. Es wollte aber die Liebe Gottes nicht nur für unsere Sünden sterben, sondern auch in unseren Herzen leben. Sie wollte nicht nur des Sünders Herz reinigen, sondern es auch bewohnen.

Dazu mußte der Tag der Pfingsten kommen. Und an diesem Tage geschah das Allergrößte. Denn da wurde dieselbe Liebe Gottes, die im Alten Bund erzieherisch gebot, die in Christus Jesus verkörpert vorbildlich erschien, die am Kreuz uns errettend vergab, da wurde diese selbe Liebe Gottes wesentlich in heilig zubereitete Menschenherzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der ihnen an jenem Tage gegeben wurde. Ja, man darf sagen, da wurde um Christi vollgültigen Liebesopfers willen zum ersten male seit Adams Fall einer größeren Anzahl von Menschen wieder wahrhaftiges Wesen und Leben vom wahrhaftigen und lebendigen Gott und damit wieder göttliche Natur zuteil. Wahrhaftig zugeteiltes Wesen aus Gott ist aber eben mitgeteilte Liebe Gottes; denn Gottes Wesen ist ja nichts anderes als heilige Liebe.

Und Gott kann sich uns überhaupt nur wesentlich mitteilen als Liebe; denn wir vermögen Gott überhaupt nur zu empfangen als Liebe. Hören oder lesen wir, Gott sei Geist, so graut uns vor diesem Unfaßbaren. Hören oder lesen wir, Gott sei Licht, so schrecken wir geblendet zurück. Vernehmen wir gar, Gott sei ein verzehrendes Feuer, so fliehen wir in Furcht. Aber wenn uns verkündigt wird, Gott sei Liebe, da fassen wir schließlich ein Herz zu Seinem Herzen und getrauen uns, Ihm zu nahen, daß Er Sich uns als Liebe schenke.

Und wie wunderbar hat gerade der Apostel Paulus, der einstige Verstörer der Gemeinde Christi, durch sein Wort in Römer 5,5 die Pfingsttat Gottes als Liebestat Gottes und den Empfang des Heiligen Geistes als Empfang der Liebe Gottes erkannt und offenbart! O laßt uns doch viel klarer erkennen und inniger bedenken, daß der Heilige Geist der Wiederbringer der Liebe Gottes ist! Laßt uns verstehen, daß die Ausgießung des Heiligen Geistes die Ausgießung der Liebe Gottes in Menschenherzen ist! Laßt uns begreifen lernen, daß Wiedergeburt durch den Heiligen Geist Wiedererlangung des Liebeslebens Gottes ist! Laßt uns wissen, daß Wiedergeburt aus Gott Wiederbefähigung, Gott und die Menschen mit Gottes eigener Liebe zu lieben, ist! Laßt uns daran festhalten, daß mit dem Heiligen Geiste erfüllt werden mit der Liebe Gottes erfüllt werden heißt! Ja, laßt uns es völlig erfassen, daß Geistesfülle nur Liebesfülle sein kann! O wie viel ist das mehr als durch den Heiligen Geist nur Geistesgaben empfangen und besitzen wollen!

Die durch den Heiligen Geist ins Leben gerufene Urgemeinde in Jerusalem lebte als wirkliche Liebesgemeinschaft. Da war der uralt menschliche Verlust an Liebesfähigkeit zum ersten Male innerhalb jener Erstlingsschar von Wiedergeborenen wunderbar gedeckt. Der alte, böse Mangel an Liebe war überströmend gestillt. Wie von der göttlichen Flamme weggesengt war jede selbstsüchtige Eigenliebe. Die Glaubensgemeinde war Ein Herz und Eine Seele. Daß man in anderen Zungen redete, das war ja nur ein äußerliches Erkennungs- und Erfüllungszeichen. Aber daß man die Gottessprache der Liebe in wunderbar klangvoller Echtheit und Schönheit miteinander redete, das war das eigentlich himmlisch Neue. Und es sagte auch nicht einer, daß etwas von seinen Gütern sein Eigentum sei, sondern sie hatten alles gemein (Apostelgeschichte 4,32). Als aber der murrende Ichgeist wieder das Seine suchte, erlosch mit der Geistesherrschaft auch die Liebesherrschaft.

Trotzdem bleibt es wahr: wo irgend seit Pfingsten der Heilige Geist ein Menschenherz wahrhaft mit Leben aus Gott erfüllen und erneuern konnte, da wurde auch die Liebe Gottes in solch ein Herz ausgegossen; denn des Lebens aus Gott teilhaftig werden kann nichts anderes heißen als der Liebe Gottes teilhaftig werden.

Aber warum wissen sich so wenige von denen, die doch behaupten, den Heiligen Geist empfangen zu haben, im Besitz der Liebe Gottes?

Antwort. Weil es meistens am Glauben fehlt. Denn die Liebe Gottes als Leben aus Gott wird nur im Glauben empfangen.

Was denkst du, wenn du Römer 5,5 liesest oder über dies Apostelwort hörest? Nicht wahr, dein erster Gedanke ist der Zweifelsgedanke: Das gilt doch nicht mir; denn ich spüre und fühle doch nichts von einer in mich ausgegossenen Liebe Gottes. Und dein zweiter Gedanke ist der seelische Wunsch: Ach, wenn ich das doch auch hätte! Und dabei bleibt es. O Jammer der Unwissenheit und des Kleinglaubens! Denn zu gleicher Zeit rühmst du dich, auch bekehrt und wiedergeboren zu sein und den Heiligen Geist zu haben. Ständest du aber im lebendigen, schriftgemäßen Glauben, so müßtest du dir doch sagen: Habe ich den Heiligen Geist empfangen, ohne welchen ja niemand Jesus wahrhaft Herr nennen kann (1 Kor. 12,3), so habe ich durch ihn Leben aus Gott empfangen. Und habe ich durch ihn Leben aus Gott empfangen, so habe ich durch ihn auch die Liebe Gottes in mein Herz ausgegossen bekommen; denn das Leben aus Gott besteht ja in der Liebe Gottes. Sofern du so dächtest, würdest du im Glauben recht urteilen. Und würdest du dann weiter schließen: Also trage ich die Liebe Gottes in meinem Herzen, mit der ich nun Gott und Menschen zu lieben vermag, und die mir zugleich eine Bürgschaft für die Erfüllung meiner Glaubenshoffnung ist (denn das ist der eigentliche Sinn von Römer 5,5), so würdest du damit beginnen, nun wirklich deines Glaubens zu leben. Siehe, das ist der Glaube, der sich nicht auf Selbstweisheit und Gefühl, sondern allein auf Gottes Wort stützt und allein deshalb auch durch Liebe wirksam zu sein vermag (Gal. 5,6).

In einer meiner Sprechstunden klagte ein älteres Fräulein, seine hochbetagte Mutter der widerlichen Altersgewohnheiten wegen nicht mehr recht lieben zu können. Ihre ganze Natur lehne sich gegen der Mutter Gebaren auf; sie fühle nichts als Abneigung, ja Ekel, bekannte sie mit Tränen. Da wies ich die Betrübte auf Römer 5,5 hin. „Haben Sie den Heiligen Geist empfangen?“ fragte ich. „Das glaube ich doch,“ war die Antwort. „Was hat dann der Heilige Geist in Ihr Herz ausgegossen?“ „Die Liebe Gottes,“ antwortete sie zaghaft, aber doch glaubensgehorsam. „Gut, so gehen Sie heim und lieben Sie im Glauben Ihre Mutter mit der Liebe Gottes!“ riet ich. Am Ende der Woche brachte sie mir leuchtenden Auges die Meldung: „Ich wollte Ihnen nur sagen, es geht jetzt. Vielen Dank!“

Zuerst aber befähigt uns die in unser Herz ausgegossene Liebe Gottes, Gott selbst recht zu lieben. Denn Gott kann nur mit seiner eigenen Liebe recht geliebt werden. Vorher lieben wir Gott nur eigenliebig, das heißt: wir lieben ihn um unseretwillen, aber nicht um Seiner Selbst willen. Unsere Selbstliebe macht Gott zu ihrem Interessenträger. Er soll tun, was wir begehren. Tut er das, so lieben wir ihn höchlichst; versagt er uns die Erhörung, so versagt und versiecht unsere Gottesliebe. Weiter bringt es unser unerneuertes, von blinder Ichliebe erfülltes Herz nicht. Ganz anders aber ein in biblischer Buße zerschlagenes, im schriftgemäßen Glauben gereinigtes, durch den Heiligen Geist erneuertes und mit der Liebe Gottes erfülltes Herz. Mit dem Liebesleben Gottes hat es den Willen Gottes aufgenommen. Durch den Glauben wohnen Gott und Christus durch den Heiligen Geist in einem solchen Herzen (Joh. 14,23; Eph. 3,17). Der Wille Gottes ist des neuen Lebens innerliches Geistesgesetz (Römer 8,2). Die Liebe Gottes im Herzen ist die Trägerin und Erfüllerin dieses inwendigen Gesetzes. Sie vereint mit Gott. Sie ist Gott, sie ist Christus in uns (Kol. 1,27; 3,3; Joh. 14,20). Sie macht uns zu einem Geist mit Gott (1 Kor. 6,17). Sie befähigt uns, durch und für Gott zu leben. Damit befähigt sie uns, Gott um Seiner selbst willen zu lieben. Wer es im Glauben erfaßt hat, der faßt es. Hier ist die immerwährende Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit (Joh. 4,24). Hier ist die ununterbrochene Verherrlichung Gottes und das Ende jeder menschlichen Selbstherrlichkeit.

Die Liebe Gottes in dir befähigt dich aber auch, wahrhaft alle Menschen zu lieben. Denn auch die Menschen können nur mit der Liebe Gottes recht geliebt werden. Vorher liebst du sie nur eigenliebig. Das heißt: du liebst sie um deinetwillen, soweit sie zu dir gehören, oder soweit sie dich lieben oder dir nützen oder gefallen. Diesen gehört deine Zuneigung, den Mißfälligen deine Abneigung, und die anderen sind dir gleichgültig. Weiter bringt es die angeborene Menschenliebe mitsamt ihren großrednerischen Idealen praktisch nicht. Aber die mit deiner Wiedergeburt erlangte Liebe Gottes befähigt dich, die Menschen zu lieben, wie Gott sie liebt, nämlich bedingungslos. Du liebst sie dann weder mehr um deinet- noch um ihretwillen, sondern du liebst sie um Gottes willen. Weil Gott alle Menschen in Christus Jesus liebt, und weil diese Seine Liebe durch den Glauben in dir wohnt, deshalb vermagst du mit der Liebe Gottes im Herzen auch zu lieben, wie Gott in Christus liebt. Nun stößest du niemanden mehr von dir; denn das wäre wider die Liebe Gottes. Nun hängst du dich aber auch an keinen Menschen mehr; denn das wäre Abgötterei und ebenfalls wider die Liebe Gottes. Aber nun ist dir auch kein Mensch mehr gleichgültig; denn auch das wäre wider die Liebe Gottes. So ist in der Liebe Gottes jeder Mensch dein Nächster und zugleich dein Fernster; denn du hast es zuerst und zuletzt gar nicht mit den Menschen, sondern immer nur mit Gott selbst zu tun. Und gleichwie du Gott immer mehr nur um Seinetwillen liebst, so liebst du auch immer mehr die Menschen nur um Seinetwillen. O wie löst solches Lieben in der Liebe Gottes, Christi und des Heiligen Geistes von aller Willkür der natürlichen Menschenliebe und Menschenlaune! Aber solches Lieben gelingt dir nur in unausgesetzter wachsamer und betender Bestätigung des guten Glaubenskampfes, nämlich in steter Selbstverleugnung unterm Kreuz.

So wirst du, drittens, durch die in dein Herz ausgegossene Liebe Gottes auch befähigt werden, sogar deine Feinde zu lieben. Denn die Liebe Gottes war ja stets Feindesliebe. Er hat uns geliebt, da wir noch Seine Feinde waren (Römer 5,10). Er selbst aber war nie unser Feind. Lebt Seine Liebe als göttliche Natur in uns, so äußert sie sich mühelos überströmend als Feindesliebe; denn eben dies ist ihre Art und Stärke.

Damit kommen wir zu einem zweiten Schriftwort. Es steht Evangelium Johannis, Kapitel 15, Vers 9:

Gleichwie mich der Vater liebte, so liebte auch ich euch. Bleibet in meiner Liebe!

Der Herr offenbart hier den Jüngern den Stärkegrad Seiner Liebe zu ihnen. Er liebte sie mit der Liebe, mit der der Vater Ihn liebte. Welch weittragendes, unausforschlich reiches Wort!

Wir wissen ja, daß in Christus Jesus die volle Liebe Gottes auf die Erde gebracht wurde. Ja, das Herz Gottes, dessen Wesen Liebe ist, schüttete sich durch Christus in unser Herz aus. Aber hier sagt der Herr, daß dies die Liebe war und ist, mit der der Vater Ihn liebte. Und eben da liegt das reiche Geheimnis. Denn mit welch unbeschreiblich reicher Liebe mußte sich der Sohn der Liebe vom Vater geliebt wissen! Und wie keusch hat der Sohn diesen Liebeszufluß vom Vater her gehütet! Heiliges Schweigen versiegelte das Liebesverhältnis des Vaters zum Sohne im Herzen Jesu. Es wird mit zum Offenbarwerden der Herrlichkeit des Königreiches Christi und Gottes gehören, daß wir dereinst auch die Liebe werden erkennen dürfen, mit der der Vater Seinen einziggeborenen Geliebten geliebt hat.

Indes ist es merkwürdig, daß Gott selbst in ganz außerordentlich wunderbarer Weise Sich über Seine Liebe zum Sohne der Liebe vor Menschen geäußert hat. Denn währenddem Jesus auf Erden vom Vater im Himmel redete, redete der Vater vom Himmel her über den Sohn. Als Jesus, unter das Gesetz getan, Sich mit den Sündern zusammenschloß, um die Taufe zur Buße im Jordan wie jeder Sünder zu empfangen, konnte Gott, man möchte sagen, nicht mehr schweigen, Er mußte dem Ohre des Täufers bezeugen: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Ebenso sollten die drei dem Herrn am nächsten stehenden Jünger Jesu auf dem Berge der Verklärung, wo Jesus Sich mit dem Gericht über die Sünde am Kreuz zusammenschloß, es hören: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; höret auf ihn!“ Und als Jesus Sich mit dem Sold der Sünde, nämlich mit Tod und Grab, zusammenschloß, und dazu die Verherrlichung des Namens Seines Vaters erbat, galt die Stimme vom Himmel her allen Jüngern (Joh. 12,24-30). So bezeugte der Vater vom Himmel her, man möchte sagen: öffentlich Seine Liebe zu Seinem gehorsamen Sohne.

Und mit ebendieser Liebe liebte nun Jesus die Jünger, die der Vater Ihm gegeben hatte. O demütigendes und zugleich erhebendes Geheimnis! Denn daß Gott Seinen einziggehorsamen Sohn mit unermeßlicher Liebe lieben mußte, verstehen wir ohne weiteres. Aber daß diese unermeßlich reiche und wohlverdiente Liebe nun durch Jesus auf diese unergiebige, fehlbare, ganz und gar unzulängliche Jüngerschar übertragen wurde, welch überströmender Ausfluß der Liebe! Ja, mit dieser Ihm vom Vater zufließenden Liebesfülle liebte der Herr diese beinahe unerträglich unverständige Jüngerschar bis ans Ende und ohne Ende!

Sollte aber der Strom der Liebe Gottes, der dann am Tage der Pfingsten dreitausend Herzen füllte, nachdem Jesu Herz für uns geblutet und zur Rechten der Kraft erhöht ist, sollte dieser Liebeslebensstrom mittlerweile an himmlischer Stärke verloren haben? Nimmermehr! Wiederum dürfen wir sagen: Gleichwie Jesus jene ersten Jünger liebte, so liebte und liebt Er auch alle die, die durch das Wort jener Jünger seither gläubig geworden sind, und dazu gehören auch du und ich. Darum sprich es jetzt anbetend, danküberströmt nach: Gott liebt mich, mich, mit der Liebe, mit der Er Jesus liebt! Jesus liebt mich, mich, mit der Liebe, mit der Ihn der Vater liebte und liebt!

Und wenn du jetzt nur ein klein wenig von der Tragweite dieser Worte im Glauben erfaßt hast, so hast du genug erfaßt, um nie mehr auf dieser Erde ganz unglücklich sein zu können. Denn ungemindert, ungeschmälert ist dir sicher der endlose Zufluß der ausgegossenen Liebe Gottes in dein glaubenstätiges Herz hinein. Überfließendes Leben sollst du in diesem Liebesstrome haben.

Dazu spricht Jesus weiter:

“Bleibet in meiner Liebe!“

Eigentlich ist der Sinn der Heilsbotschaft nur der: Kommet, ihr Menschenkinder, zu meiner Liebe! Und der Sinn der Nachfolgung Christi ist: Bleibet, ihr Gotteskinder, in meiner Liebe!

So wie der Vogel sein Lebenselement in der Luft hat und der Fisch im Wasser, so sollen die Kinder Gottes ihr Leben haben in der Liebe Christi. Diese Liebe will sein ihre Zufluchtsstätte, ihre Schutzstätte, ihre Bleibestätte, ihre Nährstätte, ihre ewige Friedens- und Ruhestätte. So wie die innere Heimatlosigkeit Jesu auf Erden Ihn nur von der Liebe des Vaters leben ließ, so sollten die Seinen, wenn auch sie nun diese innere Heimatlosigkeit auf Erden immer leidvoller zu spüren bekämen, ihren Lebensboden und Lebensodem in Seiner Liebe haben. Sehet, meine Liebe bleibt euch, darum bleibet nun in meiner Liebe! Das ist der Trost und die Ermahnung in des Meisters Abschiedsreden. Und beides gilt allen, deren Leben die Liebe Christi geworden ist. Nicht nur immer wieder einkehren, nein, einwurzeln sollen sie in diese Liebe. Ihre ganze Lebenskraft und Lebensfülle sollen sie aus Seiner Liebesfülle ziehen. Alle Schönheit und jeder Süßgeruch Seiner Liebe soll ihrem Bleiben in dieser Liebe entsteigen. Und jede Frucht des Geistes soll dem blutgedüngten Boden dieser Liebe entsprießen.

Doch wie bleiben die Jünger Jesu in des Meisters Liebe? “Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben; gleichwie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und in Seiner Liebe bleibe,“ lautet des Herrn Erklärung (Vers 10). Aber welches sind die Gebote Seiner Liebe? Ach, keine anderen als Selbstverleugnung und Kreuztragen in Seiner Nachfolgung! Unser Leben lassen für Ihn! Gleichwie auch Seines Vaters Gebote für Ihn nichts anderes enthielten als: Sein Leben zu lassen für uns! Im Gehorsam bis zum Tode am Kreuz erfüllte Er des Vaters Gebote und blieb damit in des Vaters Liebe. Und in der Hingabe unseres Lebens für Ihn in der Kreuzesnachfolgung erfüllen wir Seine Gebote und bleiben in Seiner Liebe.

Solches Bleiben in Seiner Liebe bedeutet für unseren alltäglichen Lebensgang: Augenblick um Augenblick unsere Eigenliebe überwinden lassen durch die Macht und Kraft Seiner Liebe. Belebt und beherrscht durch Christi Liebe sei jeder Gedanke, jede Gemütsbewegung, jede Rede, jede Tat. Ein Verlassen der Liebe Christi bedeutet jeder Gedanke, jede Gemütsbewegung, jede Rede und Tat, die der Liebesgesinnung Jesu widersprechen. Jeder Eigendünkel der Selbstweisheit, in dem wir weiser sein wollen als die Liebe Gottes und die Führung unseres Lebens wieder selbst zu übernehmen suchen, ist ein Verlassen der Liebe Christi. Jede Eitelkeit der Selbstgerechtigkeit, in der wir wieder Wohlgefallen an uns selber finden und unsere Ehre, statt die Ehre und den Ruhm der Liebe Gottes, suchen, ist ein Verlassen der Liebe Christi. Jeder Eigennutz der Selbstsucht, in dem wir für zeitliche Güter sorgen oder fürchten und dabei verlieren das ewige Wohlsein in der Liebe Gottes, ist ein Verlassen der Liebe Christi. Jeder Eigenwille der Selbstbehauptung, in dem wir in Kreuzes- und Leidensscheu unser Leben zu retten suchen, anstatt es an die Liebe Gottes zu verlieren, ist ein Verlassen der Liebe Christi. Kurz: jede Einbuße an Demut, welch letztere ja nichts anderes ist als der in der Kraft der Liebe Christi uns geschenkte Mut, wider uns selbst zu streiten, ist ein Verlassen der Liebe Christi.

O wie gut ist es da, daß der Herr nicht gesagt hat: Bleibet in eurer Liebe zu mir! Denn auf unsere Liebe ist ganz und gar kein Verlaß. Sie ist brüchig, unsicher, untreu, unbeständig und allezeit unzulänglich. Nicht einen Augenblick möchte ich meiner Liebe zu Jesus trauen, obgleich ich ganz gewiß weiß, daß ich Ihn mehr als alles auf Erden und im Himmel liebe. Nie und nimmermehr könnte ich meinen Geist durch meine Liebe zu Ihm speisen und sättigen, tränken und erhalten. Auf keine Weise käme ich zur Ruhe, wenn ich in meiner Liebe zu Ihm Ruhe finden wollte. Darum rühme ich dankerfüllt, daß Er gesagt hat: Bleibet in meiner Liebe! Nicht meine Liebe umschließt Ihn, sondern Seine Liebe umschließt mich. Ich kann nicht Ihn in mich bergen, aber Er birgt mich in Sich. Meine Liebe ist nicht in Sein Herz ausgeflossen, aber Seine Liebe ist in mein Herz ausgegossen. Und, ach, welch ein kümmerliches Gefäß ist mein Herz, trotz seiner Erneuerung durch die Liebe Gottes! Und doch quillt Sein Herz über gegenüber meinem Herzen, so daß ich oft meine, mein Herz müsse bersten unter dem Zufluß Seiner Liebe. Und wenn dabei Sein Liebesleben in mir selbst wieder ein Quell geworden ist, der ins ewige Leben quillt und springt (Joh. 4,14), so kann ich nur preisen: Herr, das ist die sprudelnde Kraft deiner eigenen Liebe, aber nicht der meinen!

So können wir denn nichts anderes tun, als uns der Kraft und Macht Seiner Liebe glaubenswillig überlassen, damit wir durch sie in ihr bleiben. Und mehr erwartet der Herr auch nicht. Er selbst in Seiner unveränderlichen, unermüdlichen Liebe wird uns weiter unserer eitlen, bösen Selbstliebe entlocken und entreißen, bis unser Herz sich ganz zu Seinem Herzen hinübergefunden hat. Ja, Er selbst in Seiner unermeßlichen Liebe wird nicht ruhen, bis Er unsere Seele so von allem und jedem, was nicht Er selbst ist, losgelöst haben wird, daß ihres Bleibens nirgends mehr sein kann als in Seiner Liebe. O wie winkt sie freundlich, diese lächelnde Ruhe in Seiner Liebe!

Liebe, dir ergeb’ ich mich,
Dein zu bleiben ewiglich.

Das führt uns zu einem dritten Schriftwort. Wir finden es 1. Johannes 4,18:

Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibet die Furcht aus; denn die Furcht denkt an Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht zur Vollendung gekommen in der Liebe.

Eben dieses Wort offenbart uns die befreiende Wirkung der Liebe Gottes, nämlich sie treibt die Furcht aus unserem Herzen aus.

Knechtische, peinvolle Furcht und Liebe Gottes sind solch ein Gegensatz und schließen sich so einander aus, daß, wo die eine ist, die andere nicht sein kann. Knechtische Furcht ist nicht in der Liebe, die Gott in unser Herz ausgießt. Wohl aber ist diese knechtische, peinvolle Furcht zuvor in unserem der Liebe Gottes ermangelnden Herzen. Und zwar wohnt sie stets als Doppelfurcht in uns. Es ist erstens die Furcht des bösen Gewissens, als Furcht vor Strafe, und, zweitens, die Furcht fürs geliebte Ich, als Furcht vor Verlust. Und nur die in unser Herz ausgegossene Liebe Gottes vermag diese peinvolle Doppelfurcht auszutreiben.

Ohne Furcht des bösen Gewissens käme kein Mensch zu Gott. Sowohl das Gesetz vom Sinai als das Gesetz, das geschrieben steht in unserem Herzen, sind da, diese Furcht in uns zu erzeugen. Sie ist so alt wie der Sündenfall und steigert sich bis zur Qual des bösen Gewissens (Hebr. 10,22) in dem Maße, wie der Mensch unter der Lichtswirkung des Heiligen Geistes zur Erkenntnis seiner Sünden aufwacht. Und was der Mensch auch beginnen mag, los wird er diese Furcht weder durch sein Denken noch durch sein Tun. Nur die Heilsbotschaft von der Liebe Gottes, die am Kreuz unsere Sündenschuld getilgt hat, erlöst von dieser Furcht. Und fließt dann diese vergebende und neugebärende Liebe Gottes ins gerettete Sünderherz hinein, so treibt sie die Furcht des bösen Gewissens in dem Maße hinaus, wie das Herz in Glaubenswilligkeit sich dieser Liebe ergibt. Je vollkommener du diese Liebe, die für dich Gericht und Strafe trug, erkennst und empfängst, desto weniger wirst du noch an Strafe denken und von knechtischer Gewissensfurcht gepeinigt sein können. wohl aber wird dich mit der Liebe Gottes zugleich auch jene kindliche Ehrfurcht erfüllen, die in heilig bebender Wachsamkeit und Achtsamkeit das Wollen und Vollbringen der Liebe Gottes in dir begleitet und mitbewirkt (Phil. 2,12.13). Die aber nie aus der Gewissensfurcht vor Gericht und Strafe herauskommen, das sind die, die nie aus ihrer eitlen Selbstgerechtigkeit herausgekommen sind. Weil sie immer noch auf ihr eigenes Tun hoffen, anstatt sich der alles vollbringenden Liebe Gottes zu überlassen, deswegen müssen sie auch noch immer für ihr unzulängliches Tun knechtisch fürchten und zittern. Wie du dich der Liebe überlässest, so verläßt dich die Furcht. Kinder der Liebe Gottees sollen wissen, daß das Wort „Strafe“ im Sinne von zu fürchtender Qual und Pein niemals im Neuen Testament ihnen gelten soll; es bezieht sich auf die Verlorenen (Matth. 25,46; 1. Joh. 4,18). Wohl aber gilt den Kindern der Liebe Gottes ein anderes Wort, das Rüge, Zurechtweisung, Überführung bedeutet.

Ebenso treibt die vollkommen in unser Herz ausgegossene Liebe Gottes die Furcht fürs geliebte Ich, als Furcht vor Verlust, aus. Diese Furcht stammt ganz aus der Selbstsucht: soviel Suchen fürs geliebte Ich, so viel Fürchten fürs geliebte Ich. Diese Furcht ist der Fluch der Selbstsucht. Es ist die Furcht, geschädigt, benachteiligt, beraubt, verkannt, versäumt, vergessen, verlassen, verschmäht zu werden. Es ist die Furcht, zu kurz oder zur Erringung eines Vorteils zu spät zu kommen. Es ist die Furcht der Scheelsucht, der Mißgunst, des Neides, des Bangens ums Eigene, der hetzenden und lähmenden Sorge, der steten Angst vor Leid und Gefahr, Krankheit und Tod, Menschen, Teufel und Gott. Überall, wo sich das selbstsüchtige Ich zum Mittelpunkt macht, muß es nach allen Seiten hin für sich fürchten.

Diese Furcht ist auch die Ursache alles Mißtrauens gegen Gott, also die Quelle jedes zweifelnden Kleinglaubens und praktischen Unglaubens. Denn die Selbstsucht fürchtet auch immer, bei Gott zu kurz zu kommen. Darum kann sie nicht loslassen, nicht preisgeben, nicht einfältig und aufrichtig vertrauen. So hilft denn gegen diese böse Furcht nichts als ihre Überwältigung und Ausreibung durch die Liebe Gottes. In dem Maße, wie der Mensch Gott als die wesentliche Liebe erkennt und empfängt, hört seine Selbstliebe auf, Mittelpunkt zu sein, und wird verschlungen von der Liebe Gottes. Immer mehr erkennt der Mensch: Gott ist Liebe und kann nichts als lieben. Diese Liebe liebt und versorgt mich unendlich mehr und besser, als ich mich selber lieben und versorgen kann, darum überlasse ich mich fortan furchtlos dieser Liebe.

Ich will, anstatt an mich zu denken,
Ins Meer der Liebe mich versenken.

Vollkommene Liebe ist vollkommene Selbstlosigkeit, und vollkommene Selbstlosigkeit ist vollkommen Furchtlosigkeit. Soviel ich mich noch fürchte, so viel bin ich noch nicht zur Vollendung gekommen in der Liebe. Und genau so viel fehlt mir am Glauben und an der Hoffnung und am Frieden und an der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn eben diese Furchtlosigkeit ist die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat (Gal. 5,1). Darum lauteten die Ermunterungs- und Erziehungsrufe Seiner Liebe an die Seinen: “Fürchtet euch nicht!“ – Seid getrost!“ – „Seid guten Mutes!“ Und welch eine Furchtlosigkeit als große Kraft und Freimütigkeit beseelte die Seinen, nachdem ihre Herzen die Ausgießung des Heiligen Geistes als Erfüllung mit der Liebe Gottes erfahren hatten! Urplötzlich wußten sie sich frei von Menschenfurcht; denn die Kraft der empfangenen Liebe Gottes hatte ihre Selbstliebe überwunden und damit jede selbstische Furcht ausgetrieben. Da dachte niemand mehr an feige Furcht hinter verschlossenen Türen; denn jeder wußte sich nun sicher in der Liebe Christi und die Liebe Christi sicher in sich (Joh. 14,20).

O wie unvollendet in der Liebe Gottes stehen die meisten Kinder Gottes heute da! Beinahe überall feige Furcht fürs geliebte Ich, erbärmliche Menschenknechtschaft und jammervolles Klagen, wie schwer man’s habe! Ja, warum hat man es denn so schwer? Weil sich die Eigenliebe vor dem Kreuz fürchtet! Weil sich der Eigenwille gegen den Liebeswillen Gottes sträubt und wehrt! Weil man das Joch Christi nicht aufnehmen und die Last Christi nicht tragen will. Denn was ist denn das Joch Christi? Nichts als die sanfte Führung durch Seine Liebe! Und was ist denn die Last Christ? Nichts als das Ertragen Seiner Liebe! Rühmen und preisen will ich diese Liebe und bekennen: Nie hat diese Liebe es mir schwer machen wollen oder schwer gemacht! Schwer gemacht habe ich es mir allezeit nur selbst durch den Rest von Eigenliebe, den ich als törichtes Fürchten für mein Ich noch unaufgelöst von der Liebe Gottes mit mir herumtrug! Und so geht es allen. Soweit ihre Eigenliebe noch das Ihre sucht, so weit werden sie noch elend geknechtet von irgendwelcher Furcht. O was wären wir, wenn wir in der Liebe Gottes zur Vollendung kämen!

Das führt uns zum letzten Schriftwort, Römer 8,35:

Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Trübsal oder Bedrängnis oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?

Diese hehre Frage des Apostels will uns zeigen die hohe Übermacht der Liebe Gottes.

Wenn sich die Liebe Gottes in Christus Jesus durch den Heiligen Geist mit dem Menschenherzen verbindet, wer kann diese Verbindung auflösen? Wer will uns von dem Lieben dieser Liebe scheiden? Sieben gewichtige Worte bringt der Apostel vor unserem Herzensohr zum ernsten Tönen, Worte, deren Inhalt sonst furchtbar scheidend auf Erden wirkt. Und beim Antönen jedes Wortes fragt er sich, fragt er die Nachfolger Jesu: Ist es dies? Könnte es das sein? Darum laßt uns gut aufhorchen und ernste Antwort geben.

Trübsal? Kann sie uns von Christi Liebe scheiden? O viele, viele Kinder Gottes haben schon gemeint, die Größe, Schärfe und Schwere ihrer Trübsal habe sie ganz von der Liebe Christi abgezogen und losgelöst! Ja, nicht nur das, sondern kommt nur ein wenig Trübsal, so meint man gleich, die Liebe Gottes habe sich sogar von uns geschieden. Gleich heißt es: Nein, nun geht es mir so! Nun kann ich nicht mehr an die Liebe Gottes glauben! O schandbare Eigenliebe! Denn gerade weil uns Gott liebt, schickt Er uns Trübsal, nicht daß sie uns von Seiner Liebe scheide, sondern nur noch inniger mit ihr verbinde; denn sie soll unseren Eigenwillen zermürben, damit wir dem Liebeswillen Gottes untertänig werden. Bedrängnis? Das ist gesteigerte Trübsal, innerliche und äußerliche Einengung und Beschwerung. Aber ist es nicht gerade die Liebe Gottes, die uns so in den Rachen der Angst steckt, damit wir um so glaubensstärker schreien und nach der Errettung um so dankbarer sie preisen sollen? Verfolgung? Nicht Scheidung von Christi Liebe, sondern nur Seligkeit, die es nur auf Erden und nicht im Himmel gibt, und die uns nicht vom Himmel trennt, sondern uns das Himmelreich sichert (Matth. 5,10), will sie uns bringen. Hunger? Er tut weh und hat kürzlich Kaiserreiche bezwungen. Wird er die Kinder des Liebesreiches Christi bezwingen? Ist das noch Liebe, die kein Brot mehr gibt? Ja; denn sie will dir das Brot vom Himmel um so reichlicher geben (Joh. 6,48.49). Blöße? Mangelnde Nahrung, mangelnde Bedeckung. Die letzten Lappen am Leibe gehen in Fetzen. Zerreißen da nicht auf die Verheißungen der himmlischen Liebe? Ist solche Entblößung nicht auch Entblößung von Christi Liebe? Nein; denn das glänzende, reine, feine Linnen der Heiligen (Offenbarung 19,8) wird dich einst um so herrlicher kleiden. Gefahr? Deine Widersacher dürfen sich dir mit Übermacht nahen. Keine Sicherheit des Lebens mehr. Sie wollen deinen Tod. Wo ist deines Gottes rettende Liebe? Nun bist du geschieden von ihr; denn nun hat sie sich sicher geschieden von dir. Kein Ausweg zum Leben mehr. Doch! Weit offen steht dir der selige Ausweg zum Himmel, der reichliche Eingang in das ewige Liebesreich deines Herrn und Erretters Jesus Christus. Schwert? Wird der Hieb des Schwertes, der dein Haupt vom Liebe trennen darf, dich von Christi Liebe scheiden können? O du weißt es ja längst: die Trennung deines Hauptes vom irdischen Leibe bringt dir ja nur die ewige und vollkommene Vereinigung mit Christus, deinem Haupte im Himmel.

Siehe, das ist die hohe Übermacht der Liebe Christi in den Herzen der Seinen, die zur Vollendung kommen in dieser Liebe, die die Furcht austreibt!

Und weißt du, was des Apostels Paulus hehre Frage mit den sieben gewichtigen Worten noch im besonderen bedeutet? Siehe, sie bezeichnet die Liebes- und Leidensgeschichte seines eigenen Lebens! Er ist der Mann, den die Liebe Christi von der Trübsal bis zum Schwert führte, und er ließ sich führen. Denn er ist der Mann, über dessen in der Liebe Christi erneuertes Leben dieselbe Liebe die Worte schrieb: „Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen.“ (Apostelgeschichte 9,16.) Und darum ist er der Mann, der schreiben konnte. “Die Liebe duldet alles“ und “Die Liebe höret nimmer auf“ (1. Kor. 13,7.8), und der erhobenen Hauptes über alle Leiden hinaus triumphieren durfte: “Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebet hat!“ (Römer 8,37.) O er überwand durch die in sein Herz ausgegossene Gottesliebe Christi genau so weit, wie er durch diese Liebe sich selbst hatte überwinden lassen! Und auch du und ich werden durch dieselbe Liebe in Furchtlosigkeit genau so weit überwinden, wie wir durch ihre hohe Übermacht uns überwinden ließen.

Und genau in demselben Maße erlangen wir im Heiligen Geiste die unvergleichliche persönliche Freiheit, in hochhin jauchzender Zuversicht mit dem Apostel zu schließen: “Denn Ich bin gewiß (der Apostel schreibt hier nicht mehr „wir“, sondern „ich“), daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Mächte, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Schöpfung uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn.“ (Römer 8,38.39.)

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