Bengel, Johann Albrecht - Das Blut Jesu Christi

I. Das Blut Jesu Christi ist während seines Leidens und nach seinem Tod aufs reichlichste vergossen worden.

Bei den Opfern des Alten Testaments wurde ein Blutvergießen verlangt; das Blut mußte ganz vergossen werden, so daß nichts in den Adern und Gefäßen der Körper zurückbleiben durfte. Dies ist auchbei der einzigen Aufopferung geschehen, die im Neuen Testament erwähnt wird. Eine vollständige Vergießung des allerkostbarsten Blutes ist damals geschehen: im Garten durch den Schweiß, im Richthaus durch die Geißelung, am Kreuz durch die Nägel und nach dem Tod durch den Speer. So ist Christus völlig getötet worden nach dem Fleisch (1. Pet. 3, 18). Daß von der ganzen Masse des Blutes auch nur ein Tropfen in dem allerheiligsten Leibe zurückgeblieben sei, wird schwerlich jemand sagen können, der die Worte des 22. Psalms, Vers 15 und 16, recht überlegt:

„Wie Wasser bin ich ausgeschüttet … Wie eine Scherbe ist vertrocknet meine Kraft, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und in den Staub des Todes hast du mich gelegt.“

In Wahrheit ist das Lamm Gottes geschlachtet worden. Es ist nicht der eine Teil seines Blutes vergossen worden, der andere aber unvergossen geblieben; sondern wie der ganze Leib dahingegeben, so ist auch das ganze Blut vergossen worden (Matth. 26, 28). Das Vergießen des Blutes und der Tod Christi stehen zwar der Zeit nach nebeneinander, jedoch ist jenes nicht die Ursache von diesem. Er hat wahrhaftig sein Blut und sein Leben gelassen, aber nicht durch natürliche Ursachen, die bei denen, die sonst eines gewaltsamen Todes sterben, den Tod bewirken. Dies bringt der Vorzug seiner Person mit sich.

II. Auf die einmal geschehene Vergießung seines Blutes ist der Zustand erfolgt, in dem es ein vergossenes Blut war.

Das wirkliche Vergießen des Blutes ging vor sich, als es vergossen wurde. Als Zustand des vergossenen Blutes bezeichnen wir jedes Dasein des Blutes außerhalb des Leibes des Herrn, es sei nur kurz oder lang.

III. Dieses Blut ist auch in dem Zustand, da es als vergossen anzusehen ist, von aller Verwesung frei.

„Nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold sind wir losgekauft, sondern mit dem teuren Blut Christi, als eines Lammes ohne Fehl und Flecken“ (1. Pet. 1, 18 .19). Die Kostbarkeit dieses Blutes schließt die Verwesung aus. Dies bleibt gewiß und unleugbar, und keineswegs können wir die ungeziemenden Meinungen einiger (Ausleger) über das vergossene Blut des Herrn billigen.

IV. Man kann nicht behaupten, daß das vergossene Blut hernach wieder in die Adern des heiligen Leibes aufgefaßt worden sei.

Die menschliche Vernunft faßt nur, was dem natürlichen Leben gemäß ist. Daher gründen wir uns allein auf die Schrift. Diese erwähnt gar häufig die Blutvergießung und den Tod Jesu Christi, und nicht weniger preist sie seine Auferstehung und sein immerwährendes Leben. Aber von dem wieder in den Leib aufgenommenen Blut gibt sie keine ausdrückliche Nachricht, auch kann diese Auffassung durch keine Folgerung aus der Schrift hergeleitet werden. Es wäre mindestens ein übereilter Schluß zu sagen: „Das Blut Christi ist nicht verwest, folglich ist es wieder in die Adern zurückgekommen“. Wenn die drei Tage über, da Jesus unter den Toten war, der Leib ohne Blut und das Blut außerhalb des Leibes unverwest geblieben sind, so bleibt noch vielmehr nach überstandenem Tod jedes von beiden ohne das andere unverwest. Laßt uns hören, was die Schrift an die Hand gibt!

V. Zur Zeit der Auffahrt Christi ist das Blut, das vom Leibe abgesondert war, in den Himmel eingebracht worden.

Der Eingang des Priesters des Neuen Testamentes in das wahre Heiligtum war die Himmelfahrt. Es ist zwar beim Tod Jesu Christi der Vorhang des irdischen Tempels zerrissen worden, wodurch auch der Himmel als das wahre Heiligtum eröffnet wurde; aber der Eingang selbst ist durch die Himmelfahrt geschehen. Am dritten Tag nach dem Tod war die Auferstehung; am vierzigsten Tag nach der Auferstehung war die Himmelfahrt. Es ist aber Christus durch sein eignes Blut in das Heilige eingegangen (nicht nur nach der Vergießung und kraft der Vergießung seines Blutes, auch nicht mit dem wieder in den Leib aufgenommenen Blut, sondern durch das Blut); folglich hat dieser Priester sein eignes Blut als vom Leib abgesondert in das Heiligtum hineingetragen. Daher beschuldigt man den mit Recht der Vermessenheit, der glaubt, daß die Teilchen des Fleisches Christi, die an der Geißel, an den Nägeln und an der Dornenkrone hängen geblieben und die vergossenen Blutströpflein durch ein Wunder auf Erden aufbehalten und im heiligen Abendmahl vervielfältigt würden. Zur Zeit des Eingangs oder der Himmelfahrt hatte Christus ein vom Leib abgesondertes Blut. Der Leib war ohne Blut, aber dennoch nicht entseelt, sondern lebendig. Wenn das Blut im Leib gewesen wäre, so hätte es nicht dem Vorbild des Priesters im Alten Testament entsprochen, der mit dem Blut der Tiere in das Heiligtum einging (Heb. 9, 7. 25 und vor allem Heb. 9, 12, wo sich die Wörtlein >durch< eben mit diesem Nachdruck aufeinander beziehen). Daß man bei der Ähnlichkeit des Vorbildes und des Gegenbildes bleiben müsse, erkannte Witsius in seiner Dissertation „Vom Priestertum Aarons und Christi“, wo er von der Stelle Heb. 13, 11 handelt. Er erklärt das Blut Christi für die Seele Christi, und das ohne Grund; denn es wird wie beim Vorbild so auch beim Gegenbild im eigentlichen Sinn so genanntes Blut angezeigt. Es hat auch Sibrandus Lubbertus eine ziemlich matte Erklärung in seinem zweiten Buch gegen die Socinianer „Von Jesus Christus, dem Heiland“, wo er sagt: „Gleichwie der levitische Priester mit dem Blut des geschlachteten Opfers für sich und für das Volk im levitischen Heiligtum erschien, so erscheint Christus nicht eben mit seinem materiellen vergossenen Blut, sondern nach der Kraft und Wirkung seines für uns vergossenen Blutes für uns im Himmel“.

Der Apostel redet aber nicht von der Kraft und Wirkung des Blutes, sondern von dem eignen Blut Christi, durch das der Eingang in das Heilige geschehen sei. Auch nennt er es nicht ein materielles Blut, sondern das Blut dessen, der durch den ewigen Geist sich selbst untadelig Gott geopfert hat. Diesen apostolischen Nachdruck haben hin und wieder treffliche Ausleger in ihren Reden nachgeahmt. Chrysostomus in seiner 33. Predigt über Hebräer 13: „Der eigentliche Hergang des Leidens war von außen, von außen, sage ich; aber in den Himmel ist das Blut hineingetragen worden. So siehst du denn, daß wir jenes Blutes teilhaftig sind, das in das Heilige, in das wahre Heilige nämlich, hineingetragen wurde, jenes Opfers, das allein der Hohepriester zu genießen hatte“. Konrad Pellican sagt über Hebräer 9: „Christus hat den Wert seines Blutes für uns, die wir erlöst sein sollten, Gott dem Vater in den Himmel hineingebracht“. Joh. Calvin spricht über Hebräer 10: „Das Blut der Tiere konnte, da es sogleich in die Fäulnis überging, seine Kraft nicht lange behalten; aber das Blut Christi, das von keiner Fäulnis angegriffen wird, sondern allezeit in reiner Farbe fließt, wird uns bis ans Ende der Welt hinreichend sein. Es ist kein Wunder, daß die geschlachteten Tieropfer keine lebendigmachende Kraft hatten, da sie selbst tot waren; Christus aber, der von dem Tode auferstanden ist, damit er uns das Leben mitteile, ergießt sein eignes (Leben) in uns. Dies ist eine immerwährende Zueignung des Mittels zum Leben in der Art, daß vor dem Angesicht des Vaters das Blut Christi zu aller Zeit träufelt, gewissermaßen um Himmel und Erde zu befeuchten“. Und über Kapitel 13: „Christus hat sein Blut in das himmlische Heiligtum eingetragen, um die Sünden der Welt zu versühnen“. Wiederum: „Der Apostel scheint (Hebräer 13, 20) meines Erachtens damit anzudeuten, Christus sei so von den Toten auferstanden, daß sein Tod gleichwohl nicht abgeschafft sei, sondern eine ewige Wirkung behalte, als wollte er sagen, Gott hat seinen Sohn auferweckt, aber so, daß das Blut, das er einmal im Tod vergossen hat, zur Bestätigung des ewigen Bundes, nach der Auferstehung fortdauert und seine Frucht bringt, als ob es immerfort flösse“. Hurinio über Hebräer 13: „Christus hat sein eignes Blut in das Allerheiligste eingetragen“.

VI. Das Blut Jesu Christi bleibt immer ein vergossenes Blut.

Wenn irgend einmal das Blut Jesu Christi hätte können oder sollen in seinen Leib wieder zurückkommen, so konnte und mußte es im Augenblick der Auferstehung, nicht aber erst hernach geschehen. Aus dem vorigen Satz geht hervor, daß dies vor der Himmelfahrt nicht geschehen ist, mithin ist es nicht bei der Auferstehung geschehen. Überhaupt ist keine Zeit ausfindig zu machen, die wir für jene Aufnahme (des Blutes) nachweisen könnten. Der Zustand des vergossenen Blutes ist ein immerwährender. Jesus selber ist im Himmel, und sein Leib, auch sein Blut, ist im Himmel; aber um deswillen ist nunmehr sein Blut nicht im Leibe. Ich möchte das Gesicht, Offenbarung 1, 14, von der weißen Farbe des Hauptes Jesu Christi, als wenn sie die Abwesenheit des Blutes anzeigte, nicht hierauf beziehen; denn die Farbe bezieht sich auf die schneeweißen Haupthaare, wogegen das Angesicht in Vers 16 mit der in ihrer Macht leuchtenden Sonne verglichen wird. Auch berufen wir uns nicht wie Augustinus auf das, was Lukas 24, 39 vorkommt; denn das Blut, wenn es auch schon im Körper ist, läßt sich weniger fühlen und sehen, als das Fleisch und die Gebeine. Es gibt noch andere Merkmale des vom Leib abgesonderten Blutes. Die Heilige Schrift stellt den Leib und das Blut nicht nur beim Leiden und Tod des Herrn, sondern auch bei dem zum Gedächtnis seines Todes eingesetzten Abendmahl als voneinander geschieden vor. Man erwäge Hebräer 13, 9-14; 10, 10. 29; 1. Korinther 11, 24 ff. Der Ausdruck in der biblischen Verkündigung richtet sich nach der wahren Beschaffenheit der Sache selbst. Darum wird der Leib und das Blut Christi mit so genauer Unterscheidung betrachtet, weil in der Sache selbst ein Unterschied oder eine Scheidung stattfindet. Demnach befindet sich noch jetzt das Blut als vergossenes Blut im Himmel vor den Augen Gottes. Noch jetzt redet es für uns. Noch jetzt ist es ein Blut der Besprengung (1. Pet. 1, 2). Das Blut Abels, das die Erde mit offenem Munde aus der Hand Kains eingeschluckt hatte, schrie, als es vom Leib abgesondert war. Das Blut Jesu Christi, das ebenfalls abgesondert ist, redet im Himmel mächtiger und gütiger. Eben um dieser Ursache willen wird das Blut der Besprengung in der vorliegenden Stelle (Heb. 12, 24) neben Jesus besonders bezeugt, wie auch in Kapitel 10, 19. 21 der Eingang des Heiligtums im Blut Jesu und eben dieser große Priester selbst besonders gepriesen wird, auch Kapitel 13, 12 das Blut Jesu abgesondert und nicht in Verbindung mit dem Leib (vgl. Vers 111) betrachtet und endlich Kapitel 13, 20 selbst von der Auferweckung des großen Hirten der Schafe gesagt wird, daß sie durch das Blut des ewigen Testaments geschehen sei. Man vergleiche des ehrwürdigen Rieger „Historie der Böhmischen Brüder“, wo sich aus den von Herrn Kanzler Pfaff entdeckten Spuren ein sehr weites Feld alter und neuer Meinungen auf solche Weise vor uns eröffnet, daß diese von jenem geschickt vorgetragene Meinung sich durch alle Schwierigkeiten, die den übrigen entgegenstehen, von selber durchschlägt. Das vergossene Blut selbst, nicht nur die Vergießung des Blutes, ist der Preis der ewigen Erlösung. Dieser Preis, der Gott dargebracht worden ist, bleibt dargebracht, ohne in den Leib des Erlösers wieder zurückgegeben zu werden. Die Erlösung ist ewig. Die Gültigkeit des Lösegeldes ist ebenfalls ewig, nicht anders, als ob der Erlöser täglich für uns am Kreuz hängend seinen Geist aufgäbe. In seinem Tod war eine unauflösliche Kraft des Lebens; in seinem Leben ist eine immerwährende Gültigkeit des Todes. Selbst der Tod des Herrn hat die Schwachheit seines Lebens in der Welt verschlungen, da er des Blutes und des Fleisches teilhaftig geworden war, damit er sterben könnte (2, 14). So führt eben dieser Tod als der Übergang zum herrlichen Leben sogleich etwas mit sich, das dem herrlichen Leben gemäß war (1. Tim. 3, 16). Die Verkündigung des Todes des Herrn umfaßt demnach eine Erinnerung an ihn im Ganzen, auch an sein Begräbnis und seine Auferstehung (mit der jener genau verbunden wird, 1. Kor. 15, 4), an die Himmelfahrt und an das Sitzen zur Rechten Gottes, bis daß er kommt (1. Kor. 11, 26). Der große Hirte der Schafe ist von den Toten ausgeführt worden; aber das Testament, durch dessen Blut er ausgeführt wurde, ist ewig (Heb. 13, 20). Hieraus wird deutlich, mit welch besonderer Art Johannes das Lamm beschrieben hat, das er selber als geschlachtetes Lamm in seinem Leben und in seiner Herrlichkeit gesehen hat.

VII. Dies haben auch die alten Kirchenlehrer erkannt.

Mit großer Übereinstimmung haben sie dafür gehalten, daß der Leib des Herrn ohne Blut oder auch ein blutleerer Körper sei.

VIII. Die persönliche Vereinigung und der Zustand des vergossenen Blutes vertragen sich ganz gut miteinander.

Sie hoben einander nicht auf während der drei Tage des Todes (Christi); sie werden daher noch viel weniger nach Ablauf der drei Tage jemals gegeneinander sein. Diese Ansicht läßt weder von dem Nestorianischen noch von dem Eutychianischen Irrtum das mindeste aufkommen.

IX. Die Auferstehung und das verherrlichte Leben Jesu Christi heben den Zustand des vergossenen Blutes nicht auf.

Sollte jemand dafür halten, es sei auch nach dem Seitenstich ein wenig vom Blut im Leib des Heilands zurückgeblieben, so könnte es nach natürlichen Gründen umso weniger nötig scheinen, daß das vergossene Blut wieder in den Körper zurückgebracht worden wäre. Allein es ist in der Tat alles Blut vergossen und dennoch nicht wieder zurückgebracht worden. Das natürliche oder seelische Leben hängt zwar vom Blut und dessen Umlauf ab und wird durchs Brot erhalten; das Wort Gottes aber nährt die Leiber der Heiligen ohne Brot. Man sehe darüber Mose (2. Mose 24, 18; 34, 28), ebenso Elia (1. Kön. 19, 8), vor allem aber Jesus Christus (Matth. 4, 2 .4)! Schon an seiner geziemenden Kleidung (Joh. 19, 23) ist zu erkennen, daß seine ganze Lebensweise die Reinigkeit aller Sterblichen weit übertroffen hat. Wenn nun die Kraft Gottes dies auf Erden zu leisten vermag, wieviel mehr wird es weiter geschehen im Himmel (Matth. 22, 29). Das Leben in der Herrlichkeit hat keinen Umlauf des Geblüts nötig; es ist ganz und gar aus Gott (Röm. 6, 4. 10; 1. Kor. 6, 13; 15, 44. 50). Unser Leib und unser Blut ist der Verwesung unterworfen. Was nun mit unsrem Blut vorgehen wird, weiß ich nicht (wir achten selber im natürlichen Leben einen sehr starken Blutverlust, wenn er nicht zum Tode führt, weniger als die Verstümmelung eines Fingers oder eines Gelenkes); den Leib aber wird der Heiland seinem verherrlichten Leib gleichförmig machen. „Wir halten für erwiesen, daß der Streit (Michaels, Off. Joh. 12) nicht sogleich nach der Himmelfahrt zu Ende gebracht worden wäre, wenn nicht das hineingebrachte Blut des Lammes das Anklagerecht des Drachen geschwächt hätte“ (siehe auch Hedinger: Neues Testament über Heb., 9, 24; 10, 14). Die Öffnung in der Seite, die bei einem natürlichen Körper eine tödliche Wunde wäre, ist ein immerwährendes Denkmal und ein Schmuck des verherrlichten Lebens. Das Wort „girim“, das bei Hesekiel 37, 6. 8 im Grundtext vorkommt, bedeutet nicht „Adern“, sondern Nerven und Muskeln.

X. Der Zustand des vergossenen Blutes gibt eine ungemein starke Bestätigung für das Abendmahl unter beiderlei Gestalt.

Die Verteidiger des Abendmahls unter einerlei Gestalt haben keinen scheinbareren Vorwand als den, daß der Leib nicht ohne Blut sei. Nun aber wird beim heiligen Abendmahl der Leib und das Blut des Herrn mit der genauesten Unterscheidung dargestellt. Zuerst sagt er: „Das ist mein Leib!“ hernach: „Das ist mein Blut!“ Mithin wird der Leib nicht unter dem Blut gereicht, sondern für sich, und das Blut wird nicht unter dem Leib gereicht, sondern auch für sich. Lightfoot bezieht sich in seinen Chron. Alten Testamentes hier auf 1. Mose 9, 4. Sehr treffend aber schreibt Dannhauer: „Die himmlische Sache bei dem heiligen Trank (im Abendmahl) ist das Blut Jesu Christi, das für die Jünger und für viele vergossen worden ist und, weil es unverweslich ist, auch jetzt noch existiert (1. Pet. 1, 19), das Christus in das nicht mit Händen gemachte Heiligtum hereingetragen hat und das dennoch ebendasselbe ist, das unter den Leiden vergossen worden ist. Man hat sich dabei nicht in das müßige Schulgezänk über die Reliquien des Blutes Christi und von der Wiederaufnahme desselben einzulassen.“ Beim Tod des Herrn wurde das Blut vom Leib getrennt. So bringt es denn die Verkündigung seines Todes mit sich, daß das gesegnete Brot zur Erinnerung an den Herrn gegessen und der gesegnete Kelch ebenfalls zur Erinnerung an den Herrn getrunken wird (1. Kor. 11, 24. 25). Ein sehr tiefsinniges theologisches Urteil hat Thomas Bromley in seinen zehn Traktätchen über die verschiedene Art, den Leib und das Blut Christi zu genießen.

XI. Diese Darstellung stärkt in trefflicher Weise unsren Glauben.

Bromley schreibt in seiner „Eröffnung des Paradieses“: „Im Heiligtum wird das Blut des ewigen Bundes gesprengt, welches durch den Herrn Jesus nach seiner Himmelfahrt einmal auf besondere Weise geschehen ist nach der Schriftstelle Hebräer 9, 12: >Er ist durch sein eigen Blut einmal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden. Dies wird aber auch jetzt noch zu gewissen Zeiten durch den großen Hohenpriester fortgesetzt, um den durch die Sünde gereizten Zorn Gottes zu besänftigen. Daher wird es ein Blut der Besprengung genannt um seines Gebrauchs willen, der im Himmel und in dem Gewissen der Heiligen auf Erden fortgesetzt wird“ (Heb. 9,14). Das mögen die beurteilen, die ein geistliches Urteil haben. Allerdings genießen die Gläubigen bei aller Übung des Glaubens, hauptsächlich aber beim heiligen Abendmahl, die kräftigen Wirkungen des Blutes Jesu gerade so, als ob sie sich in dem nämlichen Augenblick befänden, da sein Blut vergossen worden ist.

XII. Die ganze Sache ist wert, von den Liebhabern Christi noch viel genauer erwogen zu werden.

Was der selige Andreas Adam Hochsteuer in seinem Versuch über den Eingang des Hohenpriesters in das Allerheiligste geschrieben hat, kann mit der vorliegenden Betrachtung verglichen werden: „Wir zweifeln nicht, daß der Leser aus der Abhandlung über diese so schwere und auch von großen Auslegern mit Stillschweigen übergangenen Materie merken wird, wieviel für unser Nachforschen noch übrig bleibe, und wird die Bemühung, die wir zur Untersuchung der verborgenen Wahrheit angewandt haben, zur Ehre des Heilands nützen.“ Ich bekenne, daß ich meine Betrachtung noch wenig ausgearbeitet finde. Bei einer solchen Sache sind wenige dahin zu bringen, daß sie aushalten und zu ihrer Erwägung sich die erforderliche Zeit und Muße nehmen. Wer aber nicht sogleich wieder abspringt, wird aus dem, was anfangs befremdlich war, hernach Süßigkeit und Wachstum seines Glaubens empfinden. Ich will jedoch niemand etwas aufdrängen; nur bitte ich verständige Männer, daß sie sich die Mühe machen, die ganze Sache nicht mit dem Maßstab menschlicher, sondern göttlicher Gesinnung gewissenhaft zu untersuchen. Es geht dabei nicht um fleischliche Neugier, sondern um das Verlangen nach Erkenntnis des Erlösers, soweit es ihm selber belieben wird, seine Herrlichkeit durch die Strahlen des apostolischen Zeugnisses den Seinen zu offenbaren.

In den Auslegungen über die Heilige Schrift und in den christlichen Lehrbüchern wird man über diese Sache nicht leicht eine ausführliche Abhandlung oder auch nur eine kurze Belehrung antreffen. Dies hat vermutlich folgende Ursachen:

1. In der Lehre von den Gnadenwirkungen sagt man: die wirkende Ursache ist der heilige Geist. Das ist nun wohl richtig; aber die Erwähnung Christi und seines Verdienstes geschieht nur bei der Frage nach der äußerlichen, bewegenden Ursache. Daher kommt es denn, daß weder an dem einen noch an dem andern Ort die kräftige Wirkung Christi und seines Blutes in Betracht gezogen wird.

2. Eine eigentliche Betrachtung des Blutes Christi wird selten angestellt, und viele wenden sich sogleich zu einer verblümten Bedeutung, da sie unter dem Wort >Blut< entweder das ganze Verdienst Christi oder sein Leben, seine Seele verstehen.

3. In Erbauungsschriften richtet man sein Augenmerk lieber sogleich auf die heiligen und seligen Früchte als auf die Beschaffenheit der Wirkungen selbst, aus denen diese Früchte entstehen.

Man lese zum Beispiel die Schrift eines Ungenannten, die den Titel trägt: „Die reinigende Kraft des Blutes Jesu Christi“ (Prenzlau, 1745). Was mich betrifft, so bin ich schon in meiner Jugend mit Begierde dem Gedanken einer gründlichen Untersuchung über das Verhältnis des Verdienstes Christi zu unserem Heil umgegangen. Trotz vielem Überlegen ist es aber doch niemals zu einem eigenen Aufsatz über diese Sache gekommen. Der Herr Jesus verleihe uns um seinetwillen einen erwünschten Strahl seines Lichtes! Amen.

1. Durch das Blut Christi widerfährt uns eine zweifache Wohltat, nämlich a) die Erlösung von der Schuld der Sünde und b) die Mitteilung neuer Lebenskräfte, die sich dann in guten Werken äußern. Jene heißt die Rechtfertigung durch das Blut Jesu Christi. Diese erlangt, wer das Fleisch Christi ißt und sein Blut trinkt (Joh. 6).

2. Weil aber das Blut Christi ein Blut der Besprengung ist, so fragt es sich, ob dieses Blut den Gläubigen als eigentliches Blut auf beide Weisen, wie oben erwähnt, oder nur auf die erste Weise zugute komme.

3. Im Alten Testament waren viele Besprengungen; man mag nun auf die Personen sehen, die die Besprengung vollzogen, oder auf die Materie, mit der die Besprengung geschah, oder auf die Menschen und Sachen, für die und an denen die Besprengung vollzogen wurde, oder zuletzt auf den Zweck der Besprengung zur Einweihung, Heiligung usw. Eine Besprengung geschah bei Aaron und seinen Söhnen (2. Mose 19, 21 und 3. Mose 8, 23 ff) und bei dem ganzen Volk (2. Mose 24, 8), beide gleich im Anfang zur Einweihung und mithin, wenn man so sagen will, ein für allemal. Bei den Aussätzigen gab es auch eine Art von Einweihung zum Umgang mit anderen Israeliten, von denen sie eine Zeitlang abgesondert waren. Die Besprengung neben dem Altar war immer etwas Besonderes. Die Israeliten aber wurden ihrerseits durch das Essen der Opfer in der Gemeinschaft mit Gott erhalten.

4. Im Neuen Testament gibt es eine Besprengung, die durch das Blut Christi geschieht. Weil dies die einzige Besprengung ist und alle levitischen Einrichtungen auf Christus zielen, so müssen alle levitischen Besprengungen nur Schattenbilder dieser einen Besprengung gewesen sein; daher wird in der Tat das Blut Christi wegen seiner geistlichen Vortrefflichkeit gepriesen nicht nur im Vergleich mit dem Blut der Ochsen und Böcke, sondern auch im Vergleich mit der Asche der Kuh in Verbindung mit der leiblichen Besprengung zur Reinigung der Unreinen (Heb. 9, 13).

5. Es wird die Besprengung des Blutes 1. Petrus 1, 2 und wiederum das Blut der Besprengung in unserer vorliegenden Stelle (Heb. 12, 24) erwähnt. Auch heißt es, daß wir an den Herzen besprengt und durch diese Besprengung vom bösen Gewissen befreit seien, dadurch wir ein wahrhaftige“ Herz in Völligkeit des Glaubens haben. Mehr wird über die Besprengung im Neuen Testament nicht mitgeteilt; aber Jesaja weissagt (52,15): „Also wird er (Christus, der große Diener Jehovas) viele Nationen besprengen, daß auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten usw.“ Da werden wir (auf einmal) sehen, wer der ist, der besprengt, wer die sind, die besprengt werden, wie jene Besprengung eine Folge seiner Leiden ist und daß daraus der Gehorsam des Glaubens entsteht, wie auch Petrus die Besprengung des Blutes Christi mit dem Gehorsam verbindet.

6. Die levitischen Besprengungen reinigten nicht auf natürliche, sondern auf moralische Weise; denn

a) es wurde nicht etwa die Hand oder sonst ein bestimmter Teil des menschlichen Körpers, der in besonderer Weise befleckt worden war, oder gar der ganze Leib besprengt, sondern die Besprengung geschah im allgemeinen, mochte dabei das Blut oder Wasser der Besprengung hinfallen, wo es wollte.

b) Die Besprengung hatte eine Ähnlichkeit mit dem Blut des Osterlammes (2. Mose 12, 7. 13), das nicht über die Körper, sondern über die Türschwellen ausgegossen wurde und doch den Israeliten zum Vorteil gereichte.

c) Nach der Besprengung mußte der Besprengte erst seinen Leib und seine Kleider waschen; mithin hatte die Besprengung eine moralische und das Waschen eine natürliche Wirkung.

7. Mit diesem Waschen stimmt im Neuen Testament das Waschen überein, das dem reinen Wasser, dem Heiligen Geist, zugeschrieben wird (1. Kor. 6, 11; Heb. 10, 23), aber auch dem Blut Christi. „Er hat uns gewaschen von unsern Sünden mit seinem Blut“ (Off. 1, 5) und: „Sie haben ihre Kleider gewaschen und hell gemacht im Blut des Lammes“ (Off. 7, 14).

8. Die Besprengung aber hat eine moralische Kraft. Dorscheus sagt: „Jene Besprengung geschieht nicht anders als nur durch die Mitteilung der verdienstlichen Kraft oder vielmehr der erworbenen Genugtuung und Erlösung Jesu Christi“.

9. Jene Stelle in Johannes 6 von dem Essen des Fleisches Christi und von dem Trinken seines Blutes hat eine große Bedeutung. Man muß aber die Worte nicht allzu weit ausdehnen; denn Jesus hat sich dort (wie er es gegen harte Widersacher je und je zu tun pflegte) einer besonderen verblümten Redeweise bedient, wie er sie seinen Jüngern gegenüber weder vorher noch nachher jemals gebraucht hat. Der Ausdruck „wahrhaftig“ in Vers 55 ist aus Johannes 15,1 zu erläutern: „Ich bin der wahrhaftige Weinstock“. Es bleibt aber trotzdem etwas Gleichnishaftes selbst in dem Wort, das die Beschaffenheit des Weinstocks anzeigen soll. In jenem Ausspruch: „Mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise“ usw. steht „wahrhaftig“ nicht mit dem Wort „Speise“, sondern mit der Versicherung „es ist“ in Verbindung, so daß die Sache gegen den Widerspruch behauptet wird. Am Anfang und am Ende des Gespräches wird das Essen des Fleisches Christi und das Trinken seines Blutes (wie Joh. 3 die neue Geburt) mit dem Begriff vom Glauben gleichgestellt. Durch solche Vorstellungen wird verhütet, daß jemand den Glauben zu gering und zu leicht nimmt, und durch die Ausdrücke vom Glauben werden wir belehrt, daß die Vorstellungen nicht gar zuviel Schwierigkeit haben.

10. Bei dem allem ist klar und gewiß, daß durch das Essen des Fleisches Christi und durch das Trinken seines Blutes oder durch den Glauben die Christen

a) mit Christus innigst vereinigt werden,

b) diese Vereinigung seinem Fleisch, das sie essen, und. seinem Blut, das sie trinken, zu verdanken haben und

c) das Fleisch und Blut eine kräftige und durchdringende Wirkung in ihnen habe und ihnen das ewige Leben bringe.

11. Wo dem Blut Christi sonst die Reinigung von Sünden zugeschrieben wird, ist dies nach der Art des Zusammenhangs entweder moralisch oder natürlich oder beides zugleich gefaßt zu verstehen, so zum Beispiel Hebräer 1, 3; 1. Johannes 1, 7. Dies gilt auch von dem Sieg in Offenbarung 12, 11.

12. Dies alles reicht über die Natur hinaus; es ist daher höchst nötig, daß man sich vor dem süßen Betrug menschlicher Sinne hütet. Wenn sich zum Beispiel eine Kraft des heiligen Geistes in die Seele oder wohl auch in den Leib ergießt, soll man es nicht unterdrücken. Man kommt nicht durch das Gefühl zum Glauben, wiewohl der Glaube je und je etwas nach sich zieht, das man fühlen kann. Auch dies wollen wir ja nicht mit dem Namen „Liebesglut“ oder sonst einer natürlichen Eigenschaft bezeichnen. Was sich ungezwungen ergibt, das wollen wir mit demütigem Dank annehmen und ohne Prahlerei bewahren Es soll sich aber niemand andern zum Vorbild und Muster aufdrängen, noch es andern auf solche Weise nachzumachen suchen. Viele kommen sonst in eine heftige und gewaltsame Betriebsamkeit hinein, daß sie meinen, sie müßten eben dieselben Erfahrungen und Gefühle bei sich selber erzwingen. Bei solchem Bestreben wird die Natur ermüdet, so daß sie sich endlich im Traum durch das beruhigt, was sie selber ohne ihr Wissen ausrichtet.

13. Kurz, das kostbare Blut Christi wird uns bei der Besprengung, bei der Abwaschung, beim Trinken um der persönlichen Vereinigung willen auf eine reelle, jedoch übernatürliche und daher ganz unbegreifliche Weise zugeeignet. Dies (was 1. Joh. 11, 7 vom Blut Jesu Christi gesagt wird) „muß nicht nur vom Verdienst des Blutes Christi, wie er es am Kreuz auf einmal zustandegebracht hat, verstanden werden, sondern Johannes handelt in dieser Stelle davon, daß bei dem Geschäft der Rechtfertigung nicht allein die göttliche Natur in Christus, sondern auch sein Blut auf eine wirksame Art uns von allen Sünden reinige. So ist das Fleisch Christi eine lebendigmachende Speise“ (Konkordienformel Art. 8 Von der Person Christi).

14. Auf gleiche Weise hat unsererseits der Glaube nicht nur eine moralische Kraft, sondern gewissermaßen auch eine natürliche Tätigkeit und Wirkung zu unserer Rechtfertigung und Seligkeit.

15. Mich soll es freuen, wenn durch das, was jetzt gesagt worden ist, Anlaß gegeben wird zur Vermehrung der Liebe und der Erkenntnis unseres Erlösers, der sein Blut an uns gerückt hat. Die Fähigkeit unseres Herzens zu heiligen Geheimnissen wird nicht so sehr durch Übung des Verstandes als durch Wachstum des neuen Menschen erweitert.

16. Jesus vermag auf das völligste selig zu machen, die durch ihn zu Gott hintreten, weil er ja immerdar lebt, um für sie einzukommen.

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