Werner, Ludwig - Das Testamentswort des Herrn von der h. Mission.

Werner, Ludwig - Das Testamentswort des Herrn von der h. Mission.

Missionsfestpredigt in der Pfingstwoche über Matth. 28, 18-20

von Werner, Generalsuperintendent in Kassel.

Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, erfüll mit deiner Gnaden Gut deiner Gläubigen Herz, Mut und Sinn, dein brünstig Lieb entzünd‘ in ihn. Herr, durch deines Lichtes Glanz zu dem Glauben versammelt hast das Volk aus alter Welt Zungen; das sei dir, Herr, zu Lob gesungen. Halleluja, Halleluja.

Geliebte in dem Herrn! Vom Feste der Pfingsten, vom Feste des Heiligen Geistes, der Jesum in den Herzen der Jünger verklärte und ihre Zungen löste, dass sie als seine Zeugen die großen Taten Gottes in mancherlei Sprachen verkündigten, kommen wir zum Fest der Mission. Das Feuer, das in den Herzen der Jünger entzündet war, ist hinausgesprüht in alle Lande. „In alle Lande ist ausgegangen ihr Schall und ihre Rede bis an der Welt Ende.“ Was damals in Jerusalem vorbildlich geschah, als Parther und Meder und Elamiter, Mesopotamier, Judäer und Kappadokier, die von Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und von den Enden der Libyen bei Kyrene die Tat der Erlösung in ihren Sprachen verkündigen hörten, ist in ganz anderem Maße erfüllt. In allen Zungen und Sprachen des Erdballs wird das Evangelium gepredigt, und von allen Völkern sind sie in die Kirche Gottes hereingezogen, und beugen ihre Knie im Namen Jesu. Aber ist der Befehl des Herrn vollendet, so dass wir nur noch warteten auf die Zukunft unsers Herrn Christi? Wenn wir unsere Blicke hingehen lassen über die Länder der Erde, über die Gestade der Ozeane und die weiten Kontinente und die Welt der Inseln, nach Nord und Süd, nach Ost und West, von vielen Völkern sind kaum die Erstlinge eingegangen und die große Menge harrt noch der Botschaft des Heils. Die Zeit eilt. Wir wissen nicht, wie nahe die Wiederkunft des Herrn ist, aber es mehren sich die Zeichen, die uns auf das Wort weisen: „Das Evangelium vom Reich muss gepredigt werden allen Völkern, und dann wird das Ende kommen.“ Die Wege zu der Heidenwelt sind gebahnt, die Türen werden aufgetan, die Völker sind nahe gerückt, wie man es vor wenig Jahrzehnten kaum ahnte. Der Herr treibt zu wirken, so lange es Tag ist. Die Christenheit muss wuchern mit ihren Pfunden, ehe der Herr kommt. Und viele in der Christenheit haben diese Forderung verstanden. Im Gehorsam gegen das Wort des scheidenden Christus: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur,“ sind die Boden des Evangeliums ausgezogen in alle Teile der Erde. Aus dieser Erkenntnis und diesem Gehorsam, ist auch das Werk der Mission unserer lutherischen Kirche hervorgegangen, das hier in Leipzig seinen Mittelpunkt hat, und zu dem uns zu stärken und mit neuem Eifer zu erfüllen, wir heute hier versammelt sind. Im Glauben darf ich diese Versammlung ansehen, dass das Wort des Herrn, sein Gebot und seine Verheißung in ihr lebendig ist, und wenn wir nun doch das alte Befehls- und Verheißungswort unsers Herrn, auf dem alles Missionswerk von Beginn beruht, in dem er selbst dieses Werk der Mission als Aufgabe der Kirche für die Zeit von seiner Auffahrt bis zu seiner Wiederkunft bestimmt und festgeordnet hat, uns heute wieder zur Betrachtung vorlegen, so kann es nicht so gemeint sein, als sollte uns Neues gebracht werden, sondern so, dass wir am alten Wort unseren Glauben aufs neue stärken, unseren Eifer entzünden, unsere Hoffnung verjüngen möchten. So lasst uns denn miteinander hören

das Testamentswort des Herrn von der heiligen Mission zur Stärkung unsers Glaubens:

1. an den, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden;
2. an die Sendung und Ausrüstung, die er uns gegeben hat;
3. an die Verheißung, die er uns hinterlassen hat.

1.

Jesus steht unter seinen Jüngern und sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Es ist derselbe Jesus, der gesagt hat: Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte; der in Gethsemane im Staube lag und gebunden vor Pilatus stand. Er hat schon früher gesagt: „Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater;“ und als er am letzten Abend den Schurz um sich gürtete, den Jüngern die Füße zu waschen, heißt es: „da wusste Jesus, dass ihm der Vater hatte alles in seine Hände gegeben.“ Aber nun sieh ihm ins Auge: Er ist der, dessen Auge im Tode brach auf Golgatha und der nun lebt im auferstandenen Leibe. Ihn kennt das Reich der Toten, ihn kennen die finsteren Mächte als den, der in ihren Palast gebrochen und ihnen den Raub genommen. Ihn kennen die Engel im Himmel und stimmen ihre Harfen, ihn zu empfangen, wenn er heimkommt am Tage der Auffahrt. Er steht wie einer unter seinen Brüdern auf dem Berge Galiläas, aber er sieht die Menschenkinder, die über den Erdkreis hin wohnen, und für sie alle hat er sein Leben gegeben, sie erworben und gewonnen; über alle darf er sagen: sie sind mein! Er sieht hinauf zum Thron des Vaters und weiß, dass er ihn bald einnehmen wird, um die Zügel der Welt-Regierung zu führen, bis alle Lande sind Gottes und seines Christus geworden. Das ist der Mann, der sagen darf: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Aber wenn ihm alle Gewalt gegeben ist, warum übt er sie nicht aus? Und wenn er sie gebraucht, warum lässt er sie nicht sehen und tritt hervor als der Herr aller Dinge und führt sein Reich endlich zum Ziel?

Meine Lieben, er hat vor Pilatus gestanden und gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt, meine Diener würden darob kämpfen,“ und heute noch ist es so, nicht mit weltlichen Waffen führt er seine Kämpfe, erringt er seine Siege. Wer in der Welt Macht und Gewalt hat, der macht sie geltend. Die sichtbaren Mächte suchen einander zu überflügeln und zu unterdrücken, und die Mächtigen glauben dann, den Lauf der Welt zu bestimmen. Aber hinter ihnen steht einer, der gewaltiger ist als sie alle, ihm müssen sie dienen, ob sie es auch nicht wissen wollen, wie einst Augustus auf seinem Thron, wie Kaiphas im Hohen Rat, wie Pilatus auf seinem Richtersitz. Er führt Gewalt nicht weltlicher Weise, sondern geistlicher Weise. Seinen Lichtstrahl sendet er in die finsteren Menschenseelen und lässt sie das Zeugnis seiner Wahrheit hören, und wer aus der Wahrheit ist, hört seine Stimme. Mit seiner Liebe wirbt er um ein hartes Menschenherz, und seine Liebe ist stark wie der Tod und nimmt auch die Starken zum Raube. Und wenn eine Seele sich ihm ergeben hat hat, so erkennt sie, wie er als der Herr schon von Anfang ihre Wege geleitet, wie seine Hand alles zu ihrem Heile gewandt; Glück und Unglück, Lieb und Leid, Sturm und Sonnenschein haben ihm dienen müssen, und hintennach ruft sie im Blick auf ihr Leben bewundernd, anbetend aus: Es ist der Herr!

Und wie beim einzelnen Menschen, so in der Geschichte der Völker und der Jahrhunderte. Er führt seine Gewalt geistlich und seine Hand ist verborgen. Nur hie und da greift er sichtbar hinein, dass erschreckt ausschauen aller Welt Ende. Meist ist sein Weg unerkannt, und wie bei Mose auf dem Horeb heißt es: Ihr könnt mein Angesicht nicht sehen, aber hintennach sollt ihr mich sehen.

Die Völker ringen untereinander, sie steigen auf in ihrer Macht, in ihrer Kultur und Bildung und fallen wieder dahin; aber durch alle Wirrnis geht der stille Fußtritt eines Unsichtbaren, und unter dem Wechsel der Reiche wächst ein einiges Reich Tag und Nacht, das Reich, dessen König spricht: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Wenn seine Zeit kommt, lässt er den Völkern die Sonne des Evangeliums scheinen und seine Liebe kann dann auch das Eis tausendjähriger Sündenknechtschaft schmelzen und die festen Burgen Satans brechen. Aber er kann warten in großer Geduld und erst hintennach darf man anbetend sprechen: „Es ist der Herr!“ So überblickt Paulus die Wunderwege Gottes mit den Völkern und ruft: „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege. Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge!“

Er lässt es zu, dass man ihm widerstrebt. „Was toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich! Die Könige im Lande lehnen sich auf, und die Herren ratschlagen wider den Herrn und seinen Gesalbten.“ Ja, die er jahrhundertelang mit Gnade gesegnet, möchten sein Joch abschütteln, wie wir es in unseren Tagen sehen, um die eigenen Fleischeswege zu gehen. Wie oft hat man schon seine Überwindung verkündigt und triumphiert, es sei aus mit der Herrschaft des Gekreuzigten und seiner Gemeinde, und ein Reich von unten soll das Reich von oben ersetzen. Aber es ist eben das Zeichen der Macht, dass er seine Feinde nicht sofort zerbricht und vernichtet, sondern noch um sie mit Langmut und großer Liebe wirbt. Doch zuletzt kommt er und es gibt nur die Entscheidung: entweder sich von ihm überwinden zu lassen durch die Macht seiner Liebe, oder von ihm zerbrochen zu werden und seinem Gericht zu verfallen als seine Feinde. An wie vielen, die erst widerstrebten, ist das Wort wahr geworden: „Er wird die Starken zum Raube haben,“ und er hat ihre Dienste angenommen zu seines Namens Ehre, und ihre Namen leuchten in des Himmels Glanz. Die sich aber ihm nicht beugen wollten, sind dahingefahren wie Spreu, und ihre Werke sind zu Trümmern geworden. O, zage nicht, wenn du die Feinde stürmen siehst wider sein Reich! Er hat andere Feinde zu seinen Füßen, gegen die auch alle Feinde unserer Zeit geringe sind. Lasst uns unser Haupt emporheben zu ihm und anbeten im Glauben: Ja, Herr, dir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Und wir zweifeln nicht, dass am Ende werden sich alle Knie dir beugen und alle Zungen bekennen, dass du der Herr bist zur Ehre Gottes des Vaters!

Diese Gewissheit im Glauben ist die Grundlage alles unsers Missionswerkes. „Darum,“ spricht der Herr, „darum geht hin in alle Welt und macht alle Völker zu meinen Jüngern!“ Daraufhin sagen auch wir: Ach Herr, nimm unsere Schwachheit in deinen Dienst und gebrauche uns als deine armen Werkzeuge und lass in uns wirken deine Kraft und Macht! Und wenn alle Reiche der Welt dahinfallen und dein Reich hervorbricht in Herrlichkeit, dann lass auch uns stehen unter denen, die dir Lob singen: Alle Reiche sind unsers Gottes und seines Christus worden! Halleluja!

2.

„Darum geht hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern,“ „geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“

Wer hätte sonst solchen Befehl geben können, als der sagen darf: „Mir ist gegeben alle Gewalt.“ Der Herr setzt keine Grenze, weder der Entfernung, noch des Klimas, weder der Rasse, noch der Bildung, weder der Religion, noch der Abstammung. Kein Volk ist zu roh, es soll die Liebe Christi seinen Kindern in die Herzen scheinen. Keins ist so gebildet, es muss die Wahrheit, die da selig macht, zu seinen Füßen empfangen. Alle, die nun in ihrer Gottesferne verlorene Wege gehen, sollen zu ihm heimkommen und bei ihm Frieden finden; denn es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen sie sollen selig werden. Wer aber den Namen des Herrn anruft, der soll selig werden. Wie aber sollen sie anrufen, an den sie nicht glauben? Wie aber sollen sie glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie aber sollen sie hören ohne Predigt? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie geschrieben steht: Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! Ja, was ihre Seelen selig macht, sollen wir ihnen bringen als seine Zeugen in Wort und Werk, in Lieb und Leid, in Leben und Sterben. Hingehen sollen die Boten, hingehen zu ihnen und unter ihnen Zeugen sein bis an das Ende der Erde. So sind die Apostel hingegangen in alle Lande, darum konnte Paulus nicht ruhen, er fühlte sich Schuldner, beides der Griechen und Ungriechen. Mochten sie ihn einen Lotterbuben schelten, er predigte ihnen das Evangelium. Mochte er in der Kette vor Festus stehen, und Festus meinen, er rase, er wünschte nichts Sehnlicheres, als dass alle so würden, wie er. Und als das erste Jahrhundert verflossen war, überzog ein Netz von Gemeinden das ganze römische Reich; wohl eine Million Christen, wenig gegen die Menge der Heiden, und doch welche Frucht! Und als das Heidentum im Römerreich dahinsank und auch das Reich gefallen war, gab es neue Arbeit an den deutschen Stämmen. Und es ist gegangen, wie in jenem Kloster in dem Hochgebirge; wer gerettet ist aus Sturm und Schnee, muss läuten, ob nicht andere, die in Gefahr schweben, auch des Glöckleins Ton vernehmen. Wie eine große Kette schließt sich Stamm an Stamm, die einander hinbringen zu Jesu, bis nach fast tausendjähriger Arbeit durch alle Lande Europas das Zeichen des Kreuzes aufgerichtet war und sich die Knie im Namen Jesu beugten.

Neue Weltteile öffneten sich im Westen und Osten, und wie Pioniere sind die Boten des Glaubens hingegangen nach Indien und China, nach Westindien und Amerika, nach Grönland und Afrika, von der römischen Kirche, von der lutherischen Kirche, von der Brüdergemeinde, der kleinen Gemeinde mit der brennenden Liebe, die auch da nicht erkaltete, als auf der übrigen Kirche bleiern die Macht des Unglaubens lastete. Da ist die neue Zeit angebrochen. Der Herr hat seinen Geist wieder wehen lassen durch die Kirche, als er ihren Dienst in neuer Kraft begehrte für die neugeöffneten Länder aller Welt. Bald nachdem Cook von der Inselwelt der Südsee die Kunde nach Europa brachte, lichtete auch vor nun bald hundert Jahren (10. August 1796) das erste Missionsschiff mit dem frommen Kapitän Wilson und 29 christlichen Sendboten an Bord bei London die Anker, um der Sonne entgegen zu segeln. Vom Mast wehte die rote Flagge mit drei silbernen Tauben, den Ölzweig des Friedens tragend. Und wie viele Boten sind seitdem hinausgegangen nach allen Ländern der Erde. Es wetteifern die Länder der Christenheit und in ihnen die kirchlichen Gemeinschaften, und soweit man des Herrn Namen kennt, versteht man auch seinen Befehl, der keine Einschränkung duldet, weiß man es, dass die schnellen Schiffe und die Eisenbahnen und die Drähte der Telegraphen, die die Welt umspannen, nicht nur für Kaufleute und weltliche Zwecke da sind, sondern dass der Herr ruft: „Geht hin in alle Welt! und predigt das Evangelium aller Kreatur!“ Evangelium ist's, was sie bringen sollen: „Macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe!“ Das ist die ganze Ausrüstung, das sind die Kampfesmittel, die er ihnen in die Hand gibt.

Die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes ist das erste. Es ist die Zusammenfassung aller Gnadenfülle, die über die Heiden ausgegossen werden soll, wie eine duftende Narde. Was im Worte des Evangeliums ihnen verkündigt wird, das soll ihnen in der Taufe von Gott selbst versiegelt werden. Alle, die dem Wort gehorsam sind, sollen hineingetauft werden in den Namen des Vaters, der uns im Sohn geliebt und seinen Sohn für uns gegeben, dass wir in ihm seine Kinder würden; in den Namen des Sohnes, der uns erlöst, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels mit seinem heiligen teuren Blute, und in den Namen des Heiligen Geistes, der unser Herz erneuert in das Ebenbild unsers Gottes und uns mit Kräften des neuen Lebens erfüllt. Diese Gnade Gottes, des Dreieinigen, den Heiden in ihrer Fülle zu bringen, wie wir sie selig empfangen haben, das ist das Höchste, was uns der Herr gebietet. Die Gnade Gottes ist Grund und Anfang alles Gotteswerkes an uns, und aus ihr wächst, was geschaffen wird zur Ehre Gottes in der Höhe.

Dann folgt, wenn Gottes Gnade Grund gefasst, die selige Unterweisung in allem, was der Herr geboten hat, dass ein Leben des Dankes aufblühe in den Seelen derer, die ihm gerettet sind, in dem Wandel derer, die seinen Namen tragen. Was aber ist's in Kürze, das er geboten hat? „Ein neues Gebot gebe ich euch, spricht der Herr, dass ihr euch untereinander liebet, gleichwie ich euch geliebt habe;“ denn „die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung“. Liebe der Brüder, aus der Liebe Jesu geboren, Leben in der Nachfolge Jesu, das sich selbst verleugnet und im heiligen Opfersinn sagt: „Herr, nimm mich hin, dass ich dein sei und dir diene bis in den Tod!“ Aus der Liebe entspringt dann heilige Zucht, und ist irgendeine Tugend, ist irgendein Lob, sie. sprießen aus diesem einen Grund. Darüber soll die Unterweisung, die Erziehung die Kinder Gottes lehren.

Das allein ist's gewesen, was der Herr den Aposteln mitgab, und sie haben nicht mehr begehrt. So verkündigt Petrus am Pfingstfest die Gnade Gottes in Christo, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, den sie verworfen; und die sich taufen lassen zur Vergebung der Sünden, empfangen die Gaben des Heiligen Geistes und bleiben beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet, in der heiligen Zucht des Herrn. So hielt Paulus, der gelehrte Mann, sich nicht dafür, dass er etwas wüsste, ohne Christum, den Gekreuzigten. Mochten die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen, er predigte den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit; aber denen die da glaubten, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Die aber sich taufen ließen auf den Namen des Herrn Jesu, unterwies er in Freud und Leid, unter Gebet und Tränen, in unendlicher Geduld den Weg der Nachfolge Christi als die Kinder Gottes, wie wir es in seinen Briefen sehen.

Das ist die Regel des Herrn, und die soll es auch bleiben zu unserer Zeit. Ich weiß es, man gibt uns allerlei Ratschläge, wie besser und erfolgreicher die Mission zu treiben sei. Man will das Ora et labora umwenden, um zuerst die Heiden zu fleißigen Arbeitern zu erziehen, ehe sie zu Betern erzogen werden, ohne uns zu sagen, wie die Frucht ohne die Wurzel wachsen soll. Man will die Heiden erst auf höhere Stufen der Kultur und allgemeiner Erkenntnis gehoben sehen, ehe ihnen die christlichen Begriffe zugemutet werden. Aber wir trachten nicht vor allem nach Mitteilung von Kenntnis und Wissen, sondern nach Erleuchtung und Wandlung des Herzens. Man will die Mission auch wohl mit Politik und Handel ineinander mengen, und bald Vaterlandsliebe, bald Handelsvorteile sollen der Mission die Wege weisen. Aber wir wollen nicht das, was der Heiden ist, fürs Erdenreich, sondern sie selbst fürs Gottesreich; wir trachten nicht nach den Gütern der Heiden für uns, sondern dass wir ihnen Güter bringen, die die Verheißung dieses und jenes Lebens haben. Wir lieben unser Vaterland, aber in der Mission dienen wir einem andern Reich und verwirren nicht Christentum und Welt. Wir unterschätzen nicht den Wert der Bildung und freuen uns besonders, wenn der Herr Starke zum Raube nimmt und die Weisen vor ihm zu Kindern werden, aber wir wissen auch, dass nicht die weltliche Wissenschaft dem Geiste Gottes die Herzen ausschließt und freuen uns mit dem Herrn, dass er das, was den Weisen verborgen ist, den Unmündigen offenbart und es oft nach der Regel geht: Nicht viel Hohe, nicht viel Edle, nicht viel Weise nach dem Fleisch, sondern was gering ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.

Und Gott sei Lob und Dank, wir haben reichlich Beweise, dass die alten Mittel der Gnade noch kräftig sind wie einst und ihre Kraft beweisen an Edlen und Unedlen, an Gebildeten und Einfältigen. Wie mancher gelehrte Hindu hat doch in dem törichten Wort vom Kreuz erst Friede gefunden und wie mancher Paria hat bei ihm die hohe Würde der Kinder Gottes empfangen. Die Neger Afrikas und die Eskimos in den Eiswüsten Grönlands geben tausendstimmiges Zeugnis: Es ist in keinem andern Heil, aber in ihm, der gekreuzigt und auferstanden ist, der unsere Seele liebt, ist Heil und Seligkeit, und jeder selig sterbende Heidenchrist ist ein Zeuge von der Macht seiner Gnade. Ja, Geliebte, wir vor allem in unserer lieben lutherischen Kirche haben Ursache, Gott zu preisen, dass wir die Heiden keinen andern Weg führen, noch sie anders weisen dürfen nach dem Wort des Herrn, als den unsere Kirche licht und klar gewiesen hat, und suchen durch Taufe und Wort Jünger zu sammeln, gleichwie er uns selig gemacht hat nach seiner Gnade: Der Weg der Gnade ist auch der Heiden alleiniger Weg des Heils. Allein aus Gnaden selig! Das ist das Panier auch unserer Mission!

3.

Der Herr ist im Begriff, von den Jüngern zu scheiden, doch nicht, um ihnen ferne zu sein, nein, um nun erst recht nahe zu sein an jedem Ort und zu jeder Stunde. Einen großen Weg hat er ihnen eben vorgezeichnet, aber er geht mit ihnen. Das ist seine große Verheißung: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

Als Israel durch die Wüste zog, zog der Herr vor ihnen her, des Tages in der Wolkensäule, des Nachts in der Feuersäule, dass er ihnen leuchtete Tag und Nacht; und als Pharao ihnen nachjagte, sagte Moses: Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein (2. Mos. 13, 21; 14, 14). Als aber Moses gestorben war und nun das schwere Amt auf eines Geringeren Schultern, auf Josua, gelegt wurde, sagte ihm der Herr: „Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen; sei nur getrost und sehr freudig und lass das Buch des Gesetzes nicht von deinem Munde kommen!“ Sollte der Herr im neuen Bund Geringeres gewähren? Was wäre die Kirche von Anfang an gewesen und was aus ihr geworden, wenn der Herr sein Wort nicht erfüllt hätte: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage,“ wenn er nicht im Wort und Sakrament gegenwärtig gewesen wäre, wenn er nicht in der heiligen Absolution seiner Diener selbst die Sünden vergäbe und nicht Taufe und Abendmahl die sichtbaren Pfänder seiner Gegenwart wären wie Wolken- und Feuersäule?

Gerade das ist das Kleinod unsers Glaubens, für das allezeit unsere lutherische Kirche besonders eingetreten ist und gestritten hat, dass ihr an diesem Troste nichts verloren ginge: Der Herr ist mit uns und will sich finden lassen in den Mitteln seiner Gnade, und sich uns dargeben in Wort und Taufe und Nachtmahl; er, der Herr selbst, wahrer Gott und Mensch, wohnt unter uns nach Geist und Leib und kehrt in uns, seines Leibes Gliedern, seiner Herrlichkeit armen Tempeln, geheimnisvoll ein.

Wenn aber in irgendeinem Werke seiner Kirche dieser Trost empfunden werden soll, so doch vor allem in dem, bei dessen Anordnung er diese Verheißung gegeben hat, im Werk der heiligen Mission.

In dieser getrosten Zuversicht sind die Apostel hinausgegangen, und wenn in großem Zagen Paulus das Werk in Korinth beginnen sollte, so trat der Herr des Nachts zu ihm im Gesicht und sagte: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht, denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden, denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt. Und hat je ein wirklicher Bote des Herrn anders hinausgehen wollen, oder hätten wir je einen senden wollen ohne diese Gewissheit: der Herr ist mit dir und wird seine Hand über dir halten, er wird dich tragen auf Adlers Flügeln und wird in deinem Wort und Werk sein, und er selbst wird allezeit durch dich tun, wozu er dich sendet?

Und ist das nicht bewährt? Und ist's nicht heute noch sichtbar vor unseren Augen? Wenn ich das große Missionsfeld übersehe, das in diesem Jahrhundert bearbeitet ist, ist der Herr nicht sichtbar in seinem Werke? Haben nicht alle Veteranen auf diesem Felde voll Staunen sagen müssen: Der Herr hat Großes an uns getan, und wer uns das vor Jahrzehnten gesagt hätte, es werde heute also sein, wir hätten's nicht geglaubt.

Und wenn auch Zeiten kommen, in denen es ist, als wenn der Herr sich von uns wenden wollte und als ginge es mehr rückwärts als vorwärts, wenn wir, wie im letzten Jahre unserer Mission hier und da Rückfälle sehen und die Frucht vieler Arbeit wieder dahin geht, so weit unsere Augen es sehen, haben wir nicht doch Zeugnis genug, dass der Herr dennoch da ist? Wenn ein armer Heidenchrist fern von der Gemeinde unter den Händen seiner harten Angehörigen, die ihn als einen Unreinen betrachten, geduldig leidet und Glauben hält bis ans Ende und mit dem Bekenntnis seines Erlösers heimfährt, ist da der Herr nicht selbst im Werke und bei ihm gewesen? Haben wir nicht in unseren Tagen Neubekehrte, die um des Herrn willen leiden, Sklaven, die ihre Ketten geduldig tragen und um ihn Schläge erdulden, Bekenner, die sich von den Ihrigen verstoßen lassen, Märtyrer, die auch mit ihrem Blute ihren Glauben besiegelt haben? Und ist da nicht der Herr?

Und ebenso ist es, wenn wir das Wirken unserer Missionare ansehen. Es sind in unseren Tagen Missionswerke begonnen worden mit großen Opfern von Menschenleben, ich denke an die Goldküste, an Kamerun, an Borneo rc. -, und immer wieder haben sich Arbeiter bereitgefunden, in die Lücken einzutreten und gesagt: Sendet mich! Ist da nicht der Herr? Und dürfen wir nicht in unserer Tamulenmission ein Gleiches sehen, eine stille, treue, entsagungsvolle Arbeit, in der es hundertfach erfahren wird: Der Herr ist unter ihr, ist mitten in ihr und lässt seine Nähe täglich gnadenvoll verspüren?

Und wenn eine Zeit ist, wie in jener Nacht bei den Jüngern am See Tiberias, da sie umsonst arbeiteten, wer weiß, ob nicht, wie dort der Fremdling am Ufer rief: „Werft zur Rechten des Schiffes!“ der Herr schon die Stunde bereitet, wo die Netze voll und übervoll werden sollen und es heißen wird, wie dort bei Johannes: „Es ist der Herr!“ Wer weiß, wie der Herr auch seine Knechte erfreuen will, und hat ihnen schon das Mahl bereitet am Ufer, und sie dürfen vor seinen Augen sich freuen, und alle Fragen verstummen vor der einen Freude: Es ist der Herr! Er will da sein in der Entbehrung, er will da sein auch im Segen.

Ich denke, der Bericht wird uns auch heute Zeugnis geben, dass wir Ursache haben, den Herrn zu preisen mit Freude, dass er sein Werk und seine Knechte nicht verlassen hat. Und wir sollen ihn preisen, und unser Mund soll voll Lobes sein, dass unsere Gebete nicht so nach Seufzen und Klagen klingen. Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volke geschieden. Lob und Preis des Herrn wird dann auch unsere Bitte hinauftragen vor seinen Thron. Das beste Lob aber ist die Hingabe des Herzens, nicht karg und geteilt, sondern die ganze Kraft dem Herrn geweiht und der ganze Wille seinem Willen geopfert. Die also vor dem Herrn sagen: Herr, leite du mich! Dein bin ich, all meine Kraft, all mein Leben, all mein Wollen und Tun, mein Alles, was ich ja von dir habe, das sei dein! die können auch mit großem Glaubensmute sagen: Was aber dein ist, das ist mein! und dürfen mit ihm aus Kraft in Kraft, von Sieg zu Sieg gehen. Siehe, ich bin bei euch, spricht der Herr, bis ans Ende der Tage! Zum Ende der Tage geht immer wieder des Herrn Blick, und unser Warten und Hoffen, unser Beten und Arbeiten soll ebenso immer auf dieses Ende gehen. Ihm entgegen, der da kommt in Herrlichkeit, ihm entgegen, der unsers Herzens Liebe und Trost ist, lasst uns arbeiten, lasst uns ringen - kluge Jungfrauen treue Knechte mit brennenden Lampen mit gegürteten Lenden! in freudigem Glauben, in flammender Hoffnung, in tätiger Arbeit! Ihm entgegen gehe alles Tun, auch sonderlich im Werke der Mission, und diesen Geist trage insbesondere eine solche Konferenz, trage die Leitung am Mittelpunkte, wenn über der mühseligen Arbeit der einzelne Missionar den Blick in die Weite verliert. Dem Herrn entgegen, der da ist und der da kommt! Das bleibe die Losung der Mission! Der Herr spricht: Siehe, ich komme bald. Amen. Ja, komm, Herr Jesu! Amen.

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