Stockmayer, Otto - Nachgeschriebene Reden - 4.
Mittwoch, Nachmittag den 20. Mai 1897.
Gebet.
HErr, wir haben diese Versammlung in Deine Hände gelegt, unsere Hoffnung, unser Vertrauen, in der bestimmten Erwartung, Dir zu begegnen in dieser Nachmittagsstunde. O, nimm unsere Begegnung von Anfang an in Deine Hand, unser Beten, lass Du uns unsern Mund öffnen oder schweigen; gib Du Freudigkeit und gib Du Stille! Amen!
Luk. 17, Vers 1-10.
Habt acht auf Euch selbst! Nämlich habt acht, dass ihr niemand mit Recht ärgert; es sollen sich an uns ärgern die Kinder dieser Welt, wie sie sich geärgert haben an unserm Heiland. Wir sollen ihnen nicht passen, und wehe uns, wenn die Welt wohl von uns redet, und wenn die ganze Welt mit uns zufrieden ist. Die Propheten haben sie gesteinigt, am HErrn JEsu haben sie sich geärgert und hatten keinen Raum für Ihn. Und heute haben die, die das Völkerglück bestimmen, auch keinen Raum für unsern HErrn. Und uns soll es nicht wundern, wenn wir der Welt nicht passen und es nicht jedermann recht machen können. Aber umso mehr sollen wir achthaben, dass wir nicht schuldig sind, wenn andere sich an uns ärgern, wenn unser Wandel nicht entspricht unserm Zeugnis, wenn wir nicht im Geiste Christi wandeln, reden und denken, oder wenn wir gar argen Gedanken unser Herz öffnen, und die andern müssen es hören. Wir haben etwas gegen sie, und wir stehen nicht in lauterer Liebe gegen sie. Habt acht auf Euch selbst! Und da kommt nun gleich ein Punkt, ein Gebiet, in dem besonders viel gesündigt und Ärgernis gegeben wird, und das ist die Unversöhnlichkeit, die Lieblosigkeit. Wenn ein Bruder sündigt, so sag's ihm, so stelle ihn zu Rede, so verweise es ihm, rede mit ihm! Und wenn er's bereut, und wenn er zur Einsicht kommt, wenn's ihm leid ist, vergib ihm! Aber das Schwere kommt erst im 4. Vers: Wie oft, hat Petrus gefragt, muss ich meinem Bruder vergeben? Wie oft? Und wenn er 7 mal des Tages an dir sündigt und ein siebentes Mal zu dir umkehrt und spricht: Ich bereue es, so sollst du ihm vergeben! Wir haben einen großen Gott und einen reichen Heiland, reich im Herzen, mit einem Herzen von unerschöpflicher Geduld und Liebe; und weil Er dies Herz, weil Er so viel Liebe hat, deswegen kann Er von uns, Seinen Jüngern so viel erwarten, von uns, die wir Seinen Geist haben, dass unsere Liebe unermüdlich sei, und wenn sie sich ermüdet, so merken wir daran, dass es unser Geist und nicht der Geist Christi ist. Da kannst du wirklich messen, ob du Christi Geist und Sinn hast, und du weißt ganz gut, dass, wenn du zu Ihm kommst, Er nicht ist wie die Pharisäer, die einem Lasten aufladen und möchten sie selbst mit keinem Finger anrühren; wenn Er von uns Jüngern etwas fordern kann, so ist es, weil Sein Liebesmaß und Vergebungsmaß unbegrenzt ist. Musst du also bekennen, dass du noch nicht recht mit deinem Heiland stehst, (es sind vielleicht manche unter uns, denen das gilt), so kannst du aus dieser Forderung unseres HErrn es ermessen, wie weit Seine Vergebungsgnade geht. Wenn du zu einem solchen Heiland nicht zurückkehrst und Ihm sagst: „es ist mir leid“, dass ich bisher nachgelassen habe, ohne zu wissen, wem ich gehöre, nicht mehr rechten Boden unter den Füßen hatte und nicht wusste, ob ich zu Dir halten sollte, und sagst, ich schäme mich, ich bereue, so vergibt dir der HErr. Hast du's schon manchmal gesagt, ist es aber trotzdem nicht anders geworden, so darfst du wieder kommen, 7 mal am gleichen Tage. verlangt der HErr, dass wir wieder kommen. Und wenn du sagst, es ist zu viel, Er glaubt nicht an Deine Reue, so miss an Ihm, was Er von uns verlangt, was Er dir bietet, dass du 7 mal wiederkommst, bis du bei Ihm das Geheimnis gefunden hast, bei Ihm zu bleiben, und dass es dir ernst geworden ist; dass du hast Mutwillen mit Ihm getrieben. Mutwillen treibt, wer in Gottesversammlungen hineinkommt und sich hinsetzt, und das Wort des Lebens anhört und geht und bleibt, wie Er ist, wie einer, der in den Spiegel geschaut und sein natürliches Antlitz gesehen. Man treibt mit dem Worte Gottes seinen Mutwillen. Man häuft schwere Verantwortung auf sich, und man verhärtet sein Herz, wenn man das tut. Ist vielleicht etwas, das dich ärgert an deinem Heiland, was dir nicht passt, dann sag's, dann suche einen Heiland; dann gehe hinaus in die Welt, ewig verloren, wenn dir der Heiland nicht passt. Es gibt keinen andern. Hast du das erkannt, dann tue 2 mal Buße und sage, das und das habe dich geärgert, und schäme dich, dass dir der Heiland, den der ewige Gott gegeben, nicht recht sei, dass du nach irdischen Dingen geschaut und daran festgehalten hast; das tust du nicht, wenn dir Gott unsern Heiland zum Führer gibt. Wenn du dich an dem Stein des Anstoßes geärgert, und du wärst lieber in den Abgrund gegangen, so tue 2 mal Buße. Geh' zu JEsu! Aber diesmal musst du wissen, was du tust. Du merkst, wie gefährlich es ist, mit dem HErrn, mit dem Heil, mit Seiner Seligkeit, mit dem Worte Gottes leichtsinnig umzugehen. Und hast du nun endlich Ihm alles ausgeliefert, endlich ehrlich zu Ihm gestanden und ehrlich mit Ihm gehandelt, ja, dann weiß ich, dass Er dir deine Lasten abnimmt. Wie Er verlangt von uns, wir sollen den Bruder nicht fortschicken 7 mal, so schickt Er dich auch nicht fort, wenn du mit Ihm auf den Grund deines Jammers gehst und vor Ihm ausbreitest, was in deinen Gebeten, in deinen Reden zu andern, an Eitelkeit, unseelischem Wesen sich hereingeschlichen hat. Wenn du Ihm allen Jammer, den groben und feinen sagst, dann weiß ich, dass Er dich nicht fortschickt; dann nimmt Er dir deine Last ab. Und was tut Er dann? Wer sich ganz Ihm ausgeliefert hat, von dem nimmt Er Beschlag; Er wirft ihn nicht hinaus, Er lässt ihn herein: Er hat ja angeklopft an dein Herz, ehe du an Seine Tür angeklopft hast; Er nimmt dir deinen Jammer ab, und nachdem Er dich gewaschen in Seinem Blut, gibt Er dir einen andern Geist, einen andern Sinn, ein anderes Herz, Seinen Geist, Seinen Sinn, Sein Herz. Und haben wir wieder Christi Sinn, so brauchen wir nicht mehr zu fragen, wie weit wir gehen müssen in der Vergebung, wie lange wir Geduld haben müssen mit andern; da hat man einfach Christi Sinn, und soweit Seine Geduld reicht, soweit reicht sie auch in uns, wenn wir unser Herz Ihm öffnen, wenn die Liebe Gottes und mit ihr die Geduld Gottes, und das Erbarmen, und die Langmut Gottes in unser Herz ausgegossen ist. Und meint ihr, Gott könne Seine Liebe in uns ausgießen, ohne dass nicht zugleich herzliches Erbarmen ausgegossen würde für alle die Armen, die sich gegen uns versündigen und verkehrt verhalten? Da sollen wir nicht Langmut haben, wo Er mit uns Langmut gehabt hat? Wenn Er uns nur Seinen Geist gibt, dann mögen die andern uns ärgern, soviel sie wollen. Wir haben in Ihm und durch Ihn Macht, wir haben die Liebe Gottes, die Er mit Seinem Geist in uns ausgegossen hat. Durch Ihn erkennen wir, wieviel wir an Ihm gefehlt haben, was wir Faules und Unlauteres an unserem Christenwandel mit herumgeschleppt haben, was nicht ins Licht taugt, und was andere ärgert, es bekennend und erkennend in aller Stille vor Ihm und, wenn es sein muss, auch vor Menschen; dann bekommt Er Raum, dann nimmt Er diesen Raum in Beschlag, und die Sünde und das eigene Wesen und die natürliche Art verlassen uns. Da wird Raum durch Neue und Buße, und bei wem Raum geworden ist für den HErrn, bei dem ist Raum geworden für die Liebe JEsu und Gottes; dann fängt man an zu merken, was wahrer Glaube ist; denn der sucht nicht in sich selbst, fragt nicht, wie weit vermag ich dem Bruder zu vergeben, der immer wieder kommt. Die Apostel dachten, das ist zu viel verlangt, das geht zu weit, 3 mal, 4 mal zu verzeihen; und als ihnen JEsus sagte, 7 mal zu verzeihen am gleichen Tage, auch da meinten sie, das sei zu viel. Man muss nicht vergessen, die Apostel waren Leute, wie wir, Bekehrte, die alles verlassen hatten; aber es war noch kein Pfingsten da; der HErr war noch nicht gestorben; das Samenkorn war noch nicht in die Erde gesenkt; Er war allein, es war kein Mensch auf der Erde außer JEsu, der so lieben konnte wie Er, der Seinen Geist hatte.
Es war noch kein Heiliger Geist da; der Gottmensch war noch nicht da. JEsus musste erst vollendet werden, ehe Er Seinen Geist, den Geist des Geopferten, des Auferstandenen, des gen Himmel Gefahrenen, vom Himmel herab auf die kommen lassen konnte, die sich dem HErrn ganz übergeben hatten. Wer heute, wer von Pfingsten an sich dem HErrn ganz übergibt, auf den kommt der Pfingstgeist, dem werden nicht nur die Sünden vergeben, der bekommt die Gabe des Heiligen Geistes; dann kann er lieben, wie JEsus geliebt hat; er bekommt JEsu Art, dann wird JEsus in ihm geboren, und wächst in ihm und bekommt Gestalt bis ins volle Mannesalter hinein. Das war damals nicht möglich; da konnten die armen Jünger am Vorabend des Todesganges Christi sich miteinander streiten am heiligen Abendmahlstisch, wer der größte unter ihnen wäre u. dergl. Jedermann weiß, dass die Liebe erst im Glauben kommt, dass der Glaube erst durch die Liebe tätig ist; wo kein Glaube ist, ist keine Liebe. Nun rechnen sie nicht, wie wir gerechnet. Ganz einfach, wenn Du so viel von uns verlangst, dann gib uns erst so viel. Es heißt: Mehre den Glauben, nicht, stärke den Glauben, gib uns, mache uns eine Zulage, lege uns Glauben zu! Das ist vielleicht die wörtliche Übersetzung; mit andern Worten: Mehre uns den Glauben, dann haben wir mehr Liebe; gib uns so viel Glauben, dass unsere Liebe zum 7maligen Vergeben reicht! Wenn der HErr je eine Bitte seiner Jünger abgeschlagen hat, so ist es diese: Sie haben gebetet um mehr Glauben, nicht um Stärkung des Glaubens; der HErr aber sprach zu ihnen: „Wenn Ihr Glauben habt, so groß wie dieses Senfkorn, so könnt Ihr Berge damit versetzen,“ und es ist ganz verkehrt, wenn Ihr meint, Ihr müsstet erst mehr Glauben haben, um das tun zu können, was Ich von Euch erwarte. Es ist Unglaube, mehr Glauben haben zu wollen, wenn der HErr etwas von uns erwartet, und so drehen sich unsere Versammlungen um sich selbst, die jahraus jahrein bitten, mehre uns den Glauben, und sie wissen nicht, dass sie Gott betrügen und einen Heiden, der hereinkommt, furchtbar ärgern würden, wenn er erst merkt, dass sie erst um Vertrauen und Glauben beten müssen jahraus, jahrein; dann sagen die Heiden: Uns sind unsere Götter ebenso lieb, wir haben Vertrauen und Glauben zu ihnen; Ihr aber müsst erst darum beten. darum seid dankbar, dass wir einen Gott und Heiland haben, dem wir voll und ganz vertrauen können. Das wären mir schreckliche Frauen, die zusammen kommen und zu ihren Männern kein Vertrauen haben. Wir haben Frauen genug, die haben Vertrauen zu ihren Männern, und wir hätten kein Vertrauen zu unserm Heiland? Ich sag's noch einmal: Alle die Sachen, die der HErr zu Seinen Jüngern sagt von Seinem Tod, Seiner Bergpredigt, Abschiedsrede (Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben rc.), sie haben alle etwas Prophetisches für die Zeit vor Pfingsten. Der HErr war damals noch nicht der Weinstock; die Jünger waren noch nicht reif im vollen Sinne des Wortes. Der HErr hat ihnen viel mitgeteilt, sie standen unter der reinigenden Kraft Seines Wortes, ihr seid jetzt frei um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe; aber das Blut, das in JEsu zirkulierte, der Geist, das Leben, das pulsierte, waren noch nicht das Leben der Jünger; und so ist die eigentliche Bedeutung des Gleichnisses, dass in den Reben nichts anderes zirkulierte, als im Weinstock. Das war noch nicht der Fall. Der HErr war noch allein; das Weizenkorn bleibt allein, solang es nicht erstirbt. Das Lieben Christi, sowie es in Ihm war, in Ihm erschienen war, das Wort Gottes, des Vaters Gnade und Wille, alles, was von göttlicher Liebe in Ihm zirkulierte, („Wer Mich sieht, sieht den Vater“,) alles das konnte sich Seinen Jüngern nicht mitteilen, solange Er nicht gestorben war, solange das Weizenkorn nicht in die Erde gesenkt war. So war auch dieses Wort wie viele andere ein Hinweis auf die Pfingstzeit: Ich bin der Weinstock und Ihr seid die Reben! Aber wir leben in der Pfingstzeit, und wenn wir das Leben eines anderen Lebens leben, als JEsu Christi, so betrügen, bestehlen wir unsern Gott. Vor dem Tode Christi waren die Jünger noch nicht eingedrungen in den Neuen Bund. Der neue Bund war geschlossen auf Grund des vergossenen Blutes des Leibes Christi, da ist ein neuer Bund geschlossen worden. Und worin besteht dieser neue Bund, und was ist der Unterschied des Neuen Bundes vom alten? Ich will's Euch sagen, vergesst es nie in Eurem Leben! Im Alten Bund, da stand Gott in Seiner Heiligkeit dem Menschen gegenüber, fordernd, was der Mensch nicht geben konnte. Der Mensch sollte wissen, dass er Gott Gehorsam schuldig ist. Der Mensch sagt: ja, wir wollen gehorchen, aber er gehorchte nicht. Hebr. 8: Im Neuen Bund da steht Gott nicht mehr von außen dem Menschen gegenüber mit dem Donner des Sinai, im Neuen Bund richtet Gott im Herzen Sein Gesetz auf. Da schafft Er in uns, was Er im Alten Bund vergebens gefordert hatte, und was die Sünde noch mehr und den Widerstand des Fleisches gereizt und geoffenbart hatte. Was von größerer Sünde in uns verborgen war, das kam heraus. Im Neuen Bund da geht eine neue Welt auf, da nimmt Gott die, die nicht gehorchen konnten, und bei denen alle Forderungen Seiner Heiligkeit die Sünde, den Trotz, die Fleischeslust mehrten, da nimmt Er die, wenn sie sich erst unter das Gesetz gebeugt haben, auf. Wie kann Er das? Der HErr JEsus nimmt sie an Sein Kreuz und macht aus ihnen Seine Mitgekreuzigten durch den Glauben. Er nimmt die sich gegen Gott empörende Natur an Sein Kreuz hinauf und in Sein Grab hinunter; Er bringt ein neues Auferstehungsleben mit dem Heiligen Geist, wo dann Sein Geist in den Gerichteten, in den ins Grab gelegten Seinen Sinn schafft, Der sie vollbringen lässt, was Gottes Wort und Gesetz vergebens von ihnen gefordert hat. Geh' zu JEsu, meine nicht, du kennst den Widerstand deines Fleisches und die Zähigkeit deiner eitlen Gedanken und deine Lust und Sinnlichkeit; meine nicht, du könntest den Widerstand des Fleisches überwinden, gehe an das Kreuz, gehe unter das Kreuz, stelle dich unter den Schatten des vergossenen Blutes, und der HErr nimmt dich auf und vergibt dir und bricht dir die Macht des Fleisches und der Sünde und der Bande, die dich mit der Sinnenwelt verknüpfen mit deinem eigenen Fleisch und der Vergangenheit! Er löst dich, Er macht dich frei, und du wirst ein Tempel des Heiligen Gottes und eine Wohnstätte des lebendigen Gottes, du wirst im vollen Sinne des Wortes eine Rebe am Weinstock. Was heißt das? Wenn du in eine Rebe hineinschneidest und in den Weinstock, so ist es durchaus derselbe Saft, der aus der Rebe und dem Weinstock herauskommt, du magst hineinschneiden, wo du willst, nie ein anderer Saft als der, der sich aus dem Weinstock in die Reben ergossen hat; das bedeutet das Gleichnis Joh. 15. Und wer noch sein eigenes Leben lebt, noch ein bisschen Unliebe und Unversöhnlichkeit hat, der tue heute Buße, und lasse Seinem HErrn keine Ruhe, bis Er ihn gewaschen hat von dieser bösen, alten, argen Natur! Wo Er sich mit einem bisschen Anstrich von Gottes Geist und Wesen begnügt, da ist es ein Zwitterleben. Es wird nicht anders, weil du den Weg nicht gehst, den evangelischen Weg der Buße, des Glaubens, des Kreuzes mit JEsu Christo, dem Auferstandenen. Wenn also der HErr Seinen Jüngern sagt Vers 4: Wenn jemand 7 mal des Tages an dir sündigt und 7 mal zu dir umkehrt und spricht, ich bereue es, so sollst du ihm vergeben! Das hat Er ihnen vor allem gesagt, dass sie erkennen die Tiefe ihrer gefallenen Natur, die Sündhaftigkeit ihrer Lieblosigkeit, ihre Härte und Unbarmherzigkeit und damit der Boden vorbereitet werde für später. Erst lässt Gott uns zusammenbrechen und dann gibt Er uns Seinen Geist, aber da, da kann man nicht nachhelfen, sondern man muss erst in allem bankrott machen. Und wer bankrott und vor Seinem Gott zuschanden geworden ist, der betet nicht um mehr Glauben, der fängt endlich an zu glauben. Er vertraut Seinem Heiland von dem Augenblick an, wo er ein Kind Gottes ist. Ich will aber noch weiter zurückgehen. Wenn du ein Kind Gottes werden willst, so vertraue deinem Heiland jetzt und begnüge dich nicht mit der Bitte um Glauben. Sieh dir deinen Heiland an, anstatt dein ungläubiges arges Herz anzusehen! Das tust du, wenn du um Glauben bittest; du gibst dich mit deinem ungläubigen Herzen ab, und da kommt es nie zum Glauben. Fange an, deinen Heiland anzusehen, bete wie Salomo um ein hörendes Herz, und wenn du um ein hörendes Herz bittest, dann tue dein Herz auf! Nahet Euch zu Gott, und der HErr wird sich zu Euch nahen! Wir haben einen Hohenpriester, dem man nur Seinen Glauben sagen darf, hinzusetzend, ich vertraue Dir, dass Du mich von der letzten Spur von Unglauben erlöst; ich vertraue Dir in allem, du kannst dich nicht anders JEsu nahen, als mit der Erklärung, ich vertraue Dir, HErr JEsu! Dann nimmt Er dich auf. Und hat Er dir Seinen Geist gegeben, dann kannst du gar nicht mehr anders, als Ihm vertrauen. Es gibt viele Männer, die haben kein Misstrauen gegen ihre Frauen und umgekehrt. Viele Frauen haben volles Vertrauen zu ihren Männern, und ich sollte kein volles Ver trauen haben zu meinem Heiland, und ich sollte zu Gott gehen und Ihm sagen, Er müsse mir einen andern Heiland geben, und wenn nicht Den, was für Einen dann? Und wenn nun der HErr kommt, und Sein Geist kommt, und wenn dir der HErr vielleicht heute Nachmittag in den Widerwärtigkeiten deines Lebens Erlösung bringt, was wirst du dann tun? sagen, Herr, mehre uns den Glauben? Nein, du hast Glauben. Der HErr sagt nicht, wenn Ihr Glauben hättet, sondern wenn Ihr welchen habt! Und das spricht Er ihnen nicht ab, dass sie wenigstens einen Glauben haben, so groß wie ein Senfkorn. Und wenn das ist, können sie alles tun, was Gott von ihnen fordert. Wenn sie den Glauben üben, anstatt um mehr Glauben zu beten und den Glauben üben heißt nicht, fragen danach, was wir vermögen, wieweit unser Glaube und unsere Mühe reicht das ist ein heilloses Ding. Glauben üben heißt: „Das, was der HErr von uns verlangt, von Ihm erwarten, dass er es in uns wirke und schaffe“. Und das ist wohlgefällig und das ist Glaube, und wäre es nur ein Senfkorn, ein Anfang, ein erster Anfang vielleicht heute Nachmittag. Dass doch für die Ewigkeit etwas herauskomme von diesen Vor- und Nachmittagen, und nicht alles wieder in den Sand verlaufe, alle Gefühle und Seligkeiten, wenn einer wieder ins tägliche Leben hinein muss! Es geht alles verloren, wenn es nicht zwischen dir und deinem Gott dazu kommt, dass du eine bestimmtere Glaubensstellung einnimmst, eine kindliche Stellung des Vertrauens. Was auch Gott von dir verlangen mag, was für Forderungen auch an dich herantreten mögen, wenn du an 7 mal Menschen, die dich ärgern, vergeben musst, wirst du dann sagen: HErr, mehre mir den Glauben? nein; jetzt erst fange ich an zu merken, wie viel Liebe in meinem Herzen ist. Gott hat den Abraham nicht gleich am ersten Tage nach Morija hinaufgeführt und den Erstgeborenen verlangt. Er verlangt kleine Proben anfangs, und von den im Glauben erprobten, schwerere Proben, wenn du das gemerkt hast, lässt du dich erproben. Aber man verschwatzt alles; man verschleppt alles und man geht um die Schwierigkeiten herum, wenn man mehr Glauben haben möchte. Wer anfängt, Glauben zu üben, der geht dann von Gnade zu Gnade, weil alles, was an ihn herantritt von Forderungen, Nachgiebigkeit, Geduld, alles an ihn herantritt im täglichen Leben, von Übungen in Liebe und Geduld; das alles ist ihm nur ein Unterpfand von dem, was Gott in ihm wirken will. Merkt er das, mein Gott schickt nichts an mich heran, damit ich damit fertig werde, sondern damit ich damit zu Ihm komme und ihn frage: Kannst Du auch damit fertig werden, kannst Du auch das überwinden? Ja, der HErr ist allem gewachsen; Er lässt es immer so werden, dass die Versuchungen ein Ende nehmen. Und wer einmal das Geheimnis des Glaubens gelernt hat, der wird gleich, wenn etwas Schweres kommt, bei Ihm damit sein: HErr, solltest Du nicht auch dem gewachsen sein? Hast Du nicht Liebe genug, um solchen Anforderungen zu begegnen? Wird Gott nicht müde und matt, so hat Er auch Kraft genug für den Unvermögenden, und ist Seine Liebe unbegrenzt, so hat Er auch Liebe für die, deren Liebe kurz gewesen ist. Glauben in solchen Fällen heißt: Eine Aufgabe, eine Forderung der Liebe, der versöhnlichen Geduld, nicht mit dem, was in unserm Herzen ist, lösen, sondern gleich damit sich wenden ans heilige Herz; und das ist groß und reich genug. Und da wird Geduld und Liebe in uns erneuert gerade dadurch, dass viel Liebe von uns in Anspruch genommen wird. Soviel von uns in Anspruch genommen wird, soviel gibt Er uns, nicht mehr und nicht weniger. Deswegen, wohl denen, deren Liebe und Geduld und Versöhnlichkeit viel in Anspruch genommen wird. Die haben Gelegenheit, tiefer in das Liebesverhältnis einzugreifen und in den Vorrat der Liebe hineinzugreifen. Das ist ganz anders, als zu beten: Mehre uns den Glauben. Da fange man an, den Glauben zu üben, zu verzweifeln an sich selbst, aus seinem argen Herzen etwas Gutes schöpfen zu wollen. Da schöpfe man aus dem, was im Herzen Christi ist, und so gewiss, wie der Weinstock seinen Saft in die Reben ergießt, so gewiss drängt Jesu Herz in mein Herz gerade so viel Liebe, wie nötig ist. Wenn es heißt: Wenn ihr Glauben habet rc., so denke ich, dürfen wir das anwenden: Redet Ihr nicht von einem Berge; Ihr redet von einem Baum und der Baum hat Wurzeln. Ein Bäumlein hat man bald heraus aus dem Boden. Und uns sind Bäume gewachsen in dem Herzen; da ist die Unversöhnlichkeit wie ein alter Baum, der seine Wurzeln tief, tief, tief eingeschlagen hat. Ein arges, ungläubiges Herz ist doch ein arges liebloses Herz. Wer kein Vertrauen zu Gott hat, hat keine Liebe zu den Menschen; und das sind arge, tiefe Wurzeln, die haben sich eingesenkt. Jetzt fange einmal an, Dich an die Glaubensarbeit zu machen, und suche bei Gott, was nicht in Dir ist! Nicht wahr? das ist Glaube, bei Gott suchen, was nicht bei dir ist und anfangen, gerade für die kleinen täglichen Proben, Gott deine Ohnmacht bekennend, bei Gott zu suchen, was nicht in deinem Herzen zu finden ist. Und dann wird's anders, und dann geht dir eine andere Welt auf, und dann wird dir ein Leben, das dir unerträglich schien, aus dem du hundertmal hättest fliehen mögen aus dieser Welt hinaus; da wird gerade das Leben, das dir unerträglich geworden war, zu einer Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Weil die Anforderungen des Lebens und der Menschen mit ihrer Bosheit an dich, dich nötigten, tief hineinzugreifen in das Herz deines Gottes, in den Reichtum Seiner Erlösung, in das Wort Gottes, bis du da eintreten musst in die Herrlichkeit eines Auferstandenen, das ist etwas anderes, als geschwind mehr Glauben haben wollen. Mehre uns den Glauben? Nein, nein! Wenn Ihr Glauben habt wie ein Senfkorn groß, so glaubt! Übt Euren Glauben, und dann wächst er durch Übungen, aber durch nichts anderes! Wir haben nun die eine Seite betrachtet, das Gebiet der Unversöhnlichkeit, das im Herzen ausgewurzelt werden muss. Wir kommen morgen an ein anderes Gebiet, an das Gebiet des Dienstes von Vers 7 an. Über das erste noch einige Worte: Was von der Unversöhnlichkeit gilt, gilt auch von allen Sünden, die zu einem Baum geworden sind, der seine Wurzeln geschlagen hat tief ins Menschenherz hinein; Sünden aus dem Gebiet des Hochmuts, des Selbstbewusstseins, des Fleisches, der Unreinigkeit und Unlauterkeit. Was auch die Form der Sünde sei, die in den Herzen groß gewachsen sei, und wie ein Baum seine Wurzeln geschlagen hat, jetzt fange einmal an, deinem HErrn zu vertrauen und erinnere dich daran, stracks zum HErrn Jesu zu gehen, Ihn, Deinen HErrn anzuschauen, anstatt dein eigenes Herz anzusehen, und dann siehe dir Sein Kreuz an, und dann tritt an Sein Werk heran, und dann geh' mit deinem Kot und Schmutz, Neid oder Hass, Geiz oder sonstigen Sünden, geh' dann zum Kreuz und dann frage, dein Bibelbuch in der Hand: Herr, durch Deine Wunden sind wir geheilt. Und wenn du im 1. Brief Petri 6 am Schluss nachliest, so geht das auf leibliche Heilung; das sieht man aus Matth. 8, wo Er viele Kranke heilte. Wenn du über Petri 2 am Schluss liest: Durch Seine Wunden sind wir geheilt, so merkst du, dort geht's auf geistliche Heilung. Was auch von Unrat in deinem Herzen sich angehäuft hat, wie bei den Pharisäern, (die waren äußerlich sauber, aber innerlich sah es aus wie Gräber, wie Totengebein), da wäre nichts als Gestank herausgegangen, wenn man in ihr Herz hineingeschaut. Und wäre noch so viel Kot und Unrat in deinem Herzen, gehe 'mal zum Kreuz, rede 'mal mit Deinem Heiland und frage: HErr, hast Du Heilung in Deinen Wunden für Schmutz? Es ist gar nicht so weit her mit meiner Frömmigkeit; ich will einmal auf einen sauberen Boden kommen mit Gott und Menschen. Hast Du nicht Heilung, das Blut Jesu Christi reinigt uns von aller Sünde. Steht doch geschrieben Petri 2: Durch Seine Wunden sind wir geheilt. Also nicht bloß Vergebung, nicht bloß Reinigung, sondern auch Heilung. HErr, ich muss geheilt werden, um dir zu gefallen. Du musst, anstatt um mehr Glauben zu bitten, zum HErrn gehen und sagen, Du wirst jetzt ganz ernst machen, ob Er Dich nicht aufnehmen würde, Du wolltest mit Ihm leiden. Mein Herz dankt Dir für Dein Wort. Geht recht still hinaus und macht, dass Ihr im Laufe des Nachmittags, des Abends und in der Nacht, oder in stiller Stunde die Sache mit Eurem Herzen durchsprecht! Es ist schrecklich, wenn man sich gewöhnt, in Versammlungen zu gehen jahraus, jahrein und keinen Ruck weiter kommt im Leben! Geh' zu Deinem HErrn und halte Ihm vor Sein Wort, und wenn die gleichen Schmerzen wiederkommen und Dir zu schaffen machen, so sag': Ich vertraue Deinem Blut, dass Du auch damit fertig wirst. Es geht einem nicht gleich weg, weil die ganze Natur verderbt ist, aber hüte dich, dass du dir nichts einbildest, dass nicht geistlicher Hochmut, Selbstgefallen, Selbstbespieglung über dich kommt, und dass du nicht gleich gereizt bist, wenn es nicht gleich gelingt; aber vorhalten kann man's Ihm und liegen bleiben vor Ihm und immer wiederkommen zu Ihm. Das wird einen Ruck tun! Aber der HErr tuts anders, als wir gehofft haben. Er führt uns dann erst recht in die Tiefe; der HErr verpflastert nicht; der HErr reißt Wunden erst recht auf, die wir recht schnell geheilt haben möchten. Er geht in die Tiefe; Er macht keine oberflächlichen Werke, Frieden, wo kein Friede ist. Er geht dem Schaden auf den Grund, und wer noch so lange wartet, harrt und bei Ihm bleibt, dessen Glaube wird reich belohnt.