Münkel, Karneades Konrad - Am zweiten Adventssonntage.
Röm. 15, 1- 13.
Wir, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen, und nicht Gefallen an uns selber haben. Es stelle sich aber ein jeglicher unter uns also, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung. Denn auch Christus nicht an ihm selber Gefallen hatte, sondern wie geschrieben steht: Die Schmach derer, die dich schmähen, sind über mich gefallen. Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben; auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben. Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einerlei gesinnt seid unter einander nach Jesu Christ. Auf dass ihr einmütig mit einem Munde lobt Gott und den Vater unsers Herrn Jesu Christi. Darum nehmet euch unter einander aus, gleich wie euch Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe. Ich sage aber, dass Jesus Christus sei ein Diener gewesen der Beschneidung um der Wahrheit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißung, den Vätern geschehen. Dass die Heiden aber Gott loben, um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich loben unter den Heiden, und deinem Namen singen. Und abermals spricht er: Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk. Und abermals: Lobet den Herrn alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker. Und abermals spricht Jesaja: Es wird sein die Wurzel Jesse, und der auferstehen wird zu herrschen über die Heiden, auf den werden die Heiden hoffen. Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Friede im Glauben, dass ihr völlige Hoffnung habt durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Es ist diese Epistel auf den Advent verordnet, weil darin gehandelt wird von der Hoffnung, die wir haben zu Christo, dass wir auf ihn hoffen zur Seligkeit. Da sind denn auch allerlei schöne Sprüche aus den Psalmen und Propheten angeführt, darin Christus als der Heiland nicht bloß der Juden, sondern auch der Heiden gepriesen wird, und heißet daselbst die Wurzel Jesse, darum dass er herkommt nach dem Fleische aus dem Hause Jesses, welcher war der Vater Davids. Also dieses Reich Christi auf dem ganzen Erdboden und diese Hoffnung zu ihm, unserem gnädigen Könige, das ist es, was unsere Epistel handelt. Doch hat der hl. Apostel davon eine Anwendung gemacht, und gezeigt, wie eine Gemeinde von Christen sich halten muss, wenn sie der Herr Jesus in sein ewiges Reich aufnehmen und in seiner Gnade behalten soll. Soll er uns aufnehmen, so müssen wir uns untereinander aufnehmen; und das Stück ist gewiss von den Hauptstücken eins, und wird zu wiederholten Malen in der Heilige Schrift gelehrt und getrieben. Darum betrachten wir das Wort:
Nehmt euch unter einander auf!
1) Das ist Gottes Gebot;
2) das dient zu eurem Heile und Gottes Ehre;
3) das fördert den Lauf des Wortes Gottes.
I.
Das ist Gottes Gebot. Denn so schreibt Paulus: „Wir, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen, und nicht Gefallen an uns selber haben.“ In der Gemeinde Gottes werden immer zweierlei Klassen von Menschen sein, Starke und Schwache. Nun sind freilich alle Christen in diesem Leben mit Schwachheit umgeben, und Paulus selbst sagt deshalb von sich: „Ich will mich am liebsten meiner Schwachheit rühmen;“ setzt aber doch hinzu: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Also sind doch immer einige, welche man, vergleichsweise gegen andere gehalten, stark nennen kann, wiewohl auch sie vor Gott schwach sind. Um deswillen unterscheidet die Heilige Schrift auch sonst zwischen Geistlichen und Fleischlichen, zwischen Kindern und Vollkommenen; was auf denselben Unterschied zwischen Starken und Schwachen hinausläuft. Wer sind denn die Starken? Es bildet sich mancher ein, stark zu sein, und ist schwach wie ein Kind. Wir können aber gar nicht irre gehen, wenn wir uns nur an das halten, was hier der Apostel lehrt. Starke sind solche, die Schultern haben, und eine ziemliche, bisweilen auch recht große Last tragen können, ohne unter der Last zu verzagen oder sie wegzuwerfen. Es ist aber diese Last von ganz eigener Art. Denn zwar legt uns Gott mancherlei Lasten auf, z. B. unsere tägliche Arbeit, unsere tägliche Not und Plage. Jedoch wenn wir diese Lasten nicht tragen wollen, so müssen wir sie doch tragen, und Gott legt sie uns so auf, dass wir sie nicht wegwerfen können, wir seien stark oder schwach. Dagegen diese Last, von der Paulus schreibt, kannst du aufnehmen oder wegwerfen, du kannst viel oder wenig davon tragen; denn obschon sie dir Gott geboten hat, so zwingt er sie dir doch nicht auf, weil er deinen freien Gehorsam daran prüfen will. Diese Last ist die Gebrechlichkeit der Schwachen, wie der Apostel sagt: Wir sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen.
Damit wir nun davon einen richtigen Begriff haben, so merken wir uns erst, wer die Schwachen sind. Das sind nicht die Verkehrten, welche alle ihre Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit mit der gemeinen Rede zudecken: Wir sind schwache Menschen; und dabei wissentlich in Sünden wider Gottes Wort leben, ohne sie zu bekämpfen. Sondern es sind solche, die an Christum glauben, und mit Ernst danach trachten, rechte Christen nach Gottes Wort zu werden. Bei denen finden sich oftmals große Gebrechen, und wenn du genau zusehen willst, so wirst du nicht einen, auch dich selber nicht, ganz davon frei finden. Zum Teil liegen diese Gebrechen in der Lehre und Erkenntnis, zum Teil liegen sie im Leben und Wandel.
Es gibt manche Christen, die nicht einmal in den Hauptstücken der Lehre richtige, gesunde Begriffe haben, und deshalb leicht in starke Irrtümer geraten, und wunderliche Dinge vorbringen. Stehen die nun nicht auf ihrem Sinne, und wollen sie aus Gottes Wort Lehre annehmen; so muss man sie nicht zu den Irrgläubigen, sondern zu den Schwachen zählen. Verteidigen sie aber ihre Irrtümer hartnäckig, nachdem sie genugsam belehrt sind, und streuen dieselben aus, so lass sie fahren! Wiederum gibt es Christen, die bisweilen harte Anstöße geben; sie sind heftig, schwatzhast, unzuverlässig, eigennützig, hart und dergleichen, je nachdem ihr alter Adam seine angeborene Tücke hat. Wenn die sich strafen lassen, ihr Unrecht bereuen und gern bessern wollen; so soll man ihnen auch grobe und häufige Verstöße nicht so auslegen, als wenn sie keine Christen wären. Verteidigen sie aber ihr Unrecht und sperren sich wider die Wahrheit, so lass sie fahren!
Willst du nun solche schwache Menschen weit wegwerfen, nur heilige Leute ohne Anstöße passieren lassen und mit ihnen zu tun haben; so bist du selbst noch recht schwach und tust am besten, dich in den Himmel versetzen zu lassen, wo du nur mit starken, heiligen Menschen zu tun hast; oder, da das nicht geht, dir einen einsamen Ort in der Wüste auszusuchen, wo du mit niemand zu tun hast. Besiehe dich doch selbst nur, wer du bist, da kannst du an dir ganz unerträgliche Dinge finden; Lieber, warum wirfst du dich denn nicht weg, oder warum läufst du nicht vor dir weg? Warum willst du gelinde gegen dich selbst und scharf gegen andere sein? Aber gerade die, welche den Mund voll Klagen nehmen über das, was sie von andern leiden müssen, gerade die sind recht gründlich schwach und mit Gebrechen reichlich beladen.
Wollen wir weiter sehen, woher die Klagen über die unerträglichen Gebrechen anderer kommen, so liegt ihr rechter Quell in der Eigenliebe, welche blind ist gegen die eigenen Gebrechen, und empfindlich gegen fremde Gebrechen. Wir halten hoch von uns, und sehen auf andere herab, können wohl endlich das wahre Christentum nirgends anders entdecken als bei uns. Das ist der größte Feind, den wir bei uns haben, der macht es mit uns wie die Raubvögel, die ihrer Beute erst die beiden Augen aushacken, damit sie ihnen nicht wieder entlaufen kann. Darum sollen wir nicht Gefallen an uns selber haben. Denn es wird niemand seines Bruders Gebrechen tragen, dem Gott nicht ein herzliches Missfallen an ihm selber ins Herz gegeben hat, dass er klein und zunichte geworden ist, sein eignes Elend fühlt, und bei den Gebrechen des Bruders immer an seine eigenen nicht geringen Gebrechen schmerzhaft erinnert wird. Da erst lernt man, was es mit Gottes Gebot auf sich hat, dass man erstlich keinen Schwachen, auch nicht den Schwächsten, von seiner Liebe und Gemeinschaft ausschließt, oder ihm mit harten, spöttischen, wegwerfenden Worten den Stuhl vor die Türe setzt; ferner, dass man sich so stellt, dass man dem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung.
Jemand wegwerfen, ist eine geringe Kunst, aber jemand tragen, den alle wegwerfen, weil er ihnen zu lästig ist, ihn zurechtweisen, mit Liebe gewinnen, mit Geduld seine Besserung abwarten, hundertmale dieselben Anstöße hinnehmen, und Jahre lang damit fortfahren, sage mir, wo findest du die Kunst, hast du sie schon gelernt, oder hast du schon damit angefangen? Siehe, die Kunst wäre leicht, wenn nicht die Kunst so schwer wäre, seine Eigenliebe zu überwinden. Täusche dich doch nicht darüber, als wäre die Last der Gebrechlichkeiten deines Bruders zu groß, als wäre er ein Mensch, mit dem sich gar nicht auskommen ließe. Meine nicht, nun könnt es dir niemand verdenken, dass du ihn fahren ließest, weil er's doch gar zu arg machte. Kann jemand eine gute Erbschaft tun, oder ein gut Stück Geld verdienen; so lässt er sich noch viel mehr gefallen, als du tragen musst, und nimmt, die größten Demütigungen in den Kauf. Ei, seht doch, wie stark der Eigennutz die Menschen zum Tragen macht! Hast du denn nicht etwas Liebe zu Christo, dass sie dich stark mache? Denn auch Christus nicht Gefallen an ihm selber hatte, schreibt der Apostel; sondern, wie geschrieben steht: „die Schmach derer, die dich schmähen, sind über mich gefallen.“ Gleichwie nun Christus, um die Welt zu retten, sich von den Schmähern Gottes mit der Schmach des Kreuzes hat beladen lassen; so lass dir's auch nur gefallen, dass deine selbstgefällige Eigenliebe mit etlichen Kreuzesnägeln durchbohrt wird! Denn vielleicht wird der Schwache, den du in Liebe trägst, deine Liebe wenig erkennen, vielleicht wird er deinen Belehrungen nicht alsobald williges Gehör leihen oder gar gegen dich herausfahren, und lose Reden hinter deinem Rücken fallen lassen. Der Baum fällt nicht auf Einen Streich. Vielleicht wirst du von deinen Bemühungen bei andern Spott ernten, oder man wird dich schmähen, dass du mit solchen Menschen zu tun hast, die bei der Welt übel angeschrieben sind. Denn die Welt versteht nur das Handwerk über die Gebrechen zu Gerichte zu sitzen, aber nicht sie zu tragen und zu heilen. O, Geliebte, wie gerne machen wir es so, dass wir uns nur die bequemen, die angenehmen, die glatten Leute aussuchen, von denen wir Ehre, gute Unterhaltung und Genuss haben können; hingegen den Gebrechlichen aus dem Wege gehen, wenn sie zumal öffentliche Anstöße geben, aus Furcht, man möchte uns mit ihnen in Einen Topf werfen. Ist das die suchende duldende Liebe Christi, welcher die Pharisäer vorwarfen, oder besser gesagt, wider Wissen und Willen nachrühmten: „Dieser nimmt die Sünder an, und isst mit ihnen?“
Können wir so dem Nächsten gefallen zum Guten, zur Besserung, wenn wir grade denen aus dem Wege gehen, welche dessen am meisten bedürfen? Erkennt doch, dass der Herr spricht: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Wie können wir salzen, wenn wir das Ungesalzene wegwerfen, und denen ein Salz sein wollen, die Salz genug haben? Erkennt, dass dies des Herrn heiliges Gebot ist, und dass wir nimmermehr in der Nachfolge Christi bleiben können, wenn wir ihm nicht auf seinem Hauptwege folgen wollen, da er nicht Gefallen an sich selber hatte, sondern die bußfertigen Zöllner und Sünder aussuchte und mit ihnen aß, um sie zu retten. Wir selbst wären nimmermehr in Gottes Reich, wenn er es mit uns gemacht hätte, wie wir es so gern mit andern machen. Aber weil dies sein heiliges Gebot ist, zu tragen, so setzt er uns auch immer dahin, wo wir zu tragen finden, damit einer dem andern Handreichung tue zur Besserung der Gemeinde Gottes. Wer sich dem entzieht, der entzieht sich seinem Berufe und wird dem Gebote ungehorsam; der ist nicht schwach, sondern verkehrt, der ist, wie der Herr spricht, ein Salz, das da dumm geworden ist, zu nichts hinfort nütze, denn dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.
II.
Das dient zu eurem Heile und zu Gottes Ehre. Wenn nun auch die Last groß ist, gleichwie uns kleine Lasten oft schon groß dünken, so sollen wir doch wissen, dass wir nicht vergeblich und auch nicht alleine tragen. Von Christo steht im Alten Testamente geschrieben, dass er die Schmach der Schmäher Gottes uns zur Seligkeit getragen hat. „Was aber zuvor geschrieben ist, sagt Paulus, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.“ Wir sollen daraus die Lehre ziehen, dass wir nicht besser sind als Christus, und keinen bequemeren Weg suchen sollen, als den er gegangen ist. Übrigens aber sollen wir bei unserem Lasttragen in dieser Welt nicht bloß die Last, sondern auch die Hoffnung ansehen, dass alle Last in Lust verwandelt wird. Das ist entweder die Lust, dass wir die Last nicht vergeblich, sondern zum Segen des Nächsten getragen haben, „sintemal ihr wisst, schreibt Paulus, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.“ Oder wenn denn auch alle Arbeit an dem Nächsten vergeblich zu sein schiene, so bleibt uns doch wenigstens die Eine Lust, dass wir mit unserem Lasttragen ein teures Unterpfand der Gnade Gottes in den Händen haben. Zu beiden hilft und fördert die Geduld und der Trost aus der Heiligen Schrift.
Denn wenn wir unserem Nächsten in seiner Schwachheit dienen, und ein Gehilfe des Heiles werden wollen, so ist uns vor allen Dingen Geduld nötig. Wir wissen es ja an uns selber, wie schwer das Werk unsrer Besserung ist, und wie oft die oftmals bereuten Gebrechen wiederkehren. Lasst uns dasselbe bei den Gebrechen des Nächsten bedenken, und nicht vergessen, dass uns vielleicht leicht sein kann abzulegen, was dem Nächsten schwer wird. Denn obwohl wir alle der gleichen Sünde unterworfen sind, so hat doch diese Sünde in dem einen nicht dieselbe Gestalt, wie in dem andern. Der eine ist mehr zum Zorne geneigt, der andere zur Schwatzhaftigkeit; der eine kann das Geld nicht halten, der andere nicht aus den Fingern los werden. Steckt nun eine solche üble Neigung tiefer in Fleisch und Blut, so hält der Kampf wider sie gewaltig hart; entweder wird sie erst spät überwunden, oder sie wird nur mit den Jahren geschwächt und an ihren groben Ausbrüchen gehindert. Da heißt es wohl: Geduld tut euch not; aber Ungeduld verdirbt alles. Süß aber ist es, aus Gottes Wort zu wissen, dass niemand trägt, ohne dass er getragen wird. Trägst du deines Nächsten Last, so trägt der Herr deine Last; und arbeitest du an deinem Nächsten, so arbeitet der Herr an dir. Siehe, du hast den Nächsten nicht weggeworfen, sondern schließt ihn in deine tragende Liebe ein; nun mög' es dir an deinem Nächsten gelingen oder nicht, dein Herr flicht dir die schöne Krone der Hoffnung um dein Haupt, dass er dich auch nicht weggeworfen, sondern in seine tragende Liebe eingeschlossen hat. Gleichwie er dich jetzt aufgenommen hat in seine Gnade, so wird er dich einst aufnehmen in seine Herrlichkeit, wenn er kommt. Also erfüllt uns die tragende Liebe mit Trost auf den Tag der Erscheinung Christi.
Dass doch diese Liebe mehr unter uns zur Herrschaft käme! Seht, was ferner daran hängt: „Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, schreibt Paulus, dass ihr einerlei gesinnt seid unter einander nach Jesu Christ, auf dass ihr einmütig mit Einem Munde lobt Gott und den Vater unsers Herrn Jesu Christi.“ Nach dem Vorbilde Jesu Christi soll die Gemeinde rechter Christen in diesem Sinne einig sein, dass niemand Gefallen an sich selber hat, sondern jeder darauf denkt, dass er dem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung, indem er seine Gebrechen trägt. Nur wenn so die Gemeinde in geduldiger Liebe eins ist, kann sie auch wie Ein Mann vor Gott stehen, und ihn einmütig mit Einem Munde loben, dass er sie durch Christum aufgenommen hat.
Die tragende Liebe soll also nicht bloß unsre Hoffnung auf Christum nähren und mehren, sie soll insbesondere und hauptsächlich zu Gottes Lobe dienen. Denn das Ende der Wege Gottes ist Gottes Lob und Ehre, dass alle Welt der Herrlichkeit des Herrn voll werde. Wo sein Lob nicht regiert, da weicht er. Wo regiert aber sein Lob? Allein da regiert es, wo die höchste seiner herrlichen Tugenden, seine Freundlichkeit gegen die Sünder und seine schonende, geduldige Liebe erkannt und gepriesen wird. Wer Gott loben kann, von Herzen loben, der kann auch von Gottes reichen Gnadenerweisungen sagen. Aber kannst du Gott den Vater loben für seine Geduld und erbarmende Liebe, wenn du die Kinder Gottes wegwirfst; kannst du ihn preisen, dass er deine Schwachheit trägt, wenn du den schwachen Bruder nicht tragen willst? Kannst du zugleich Gott loben, und Gottes Gefäße und Eigentum verachten? Siehst du nicht ein, dass dein Lob Gottes Heuchelei und verdeckte Lästerung ist? Ja freilich, du lobst dennoch. Gott, aber das Lob ist auch danach; und Gott lässt sein Urteil davon im Propheten Jesaia hören, da er spricht: „Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber mit seinem Herzen ist es ferne von mir.“ Frage dich, ob du wohl sprechen kannst: „das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken, und deinem Namen lobsingen, du Höchster.“ Je weniger von dieser tragenden Liebe in einer Gemeinde ist, je mehr man in blinder Selbstgefälligkeit über des Nächsten Gebrechen zu Gerichte sitzt; desto frostiger wird auch das geistliche Leben, desto unerquicklicher die Gemeinschaft und die Gottesdienste. Wie sollte das auch anders sein! Gottes Ehre wird daselbst verdunkelt, das Seufzen der Schwachen und Elenden über unsere Härtigkeit tritt als ein Verkläger täglich vor Gottes Thron hin; wie sollten von Gottes Throne die fröhlichen, frischen Wasser auf unser Herz noch ferner herniederfließen, uns zu erquicken und voll Trostes zu machen?
Von solchen Menschen spricht der Herr: „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße. Wo aber nicht, werde ich dir bald kommen, und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße tust.“ „Darum nehmet euch unter einander auf, spricht der Apostel, gleich wie euch Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe,“ dass er Gottes Ehre an euch wiederbrächte, die durch die Sünde verdunkelt war. Was uns wiederfahren ist, indem uns Christus nicht als Schwache, sondern als Verkehrte aufgenommen hat, das sollen wir umso mehr andern erweisen, die nicht Verkehrte sondern Schwache sind, damit Gott an uns gepriesen werde; sonst wird uns Christus nicht als Schwache sondern als Verkehrte behandeln, wenn er kommen wird.
III.
Das fördert den Lauf des Wortes Gottes. Abermals hält uns der Apostel Christum vor, ob er uns in die Nachfolge seiner tragenden, barmherzigen Liebe ziehen möchte: „Ich sage aber, dass Jesus Christus sei ein Diener gewesen, der Beschneidung um der Wahrheit Willen Gottes, zu bestätigen die Verheißung den Vätern geschehen; dass die Heiden aber Gott loben um der Barmherzigkeit willen.“ Es hat sich der Herr Jesus nicht bloß Ein Volk herausgesucht, oder einige Leute in diesem Volke, die ihm bequem waren, und wegen ihrer Heiligkeit und Gerechtigkeit gefielen. Zwar wurde er aus Israel geboren, und gehörte zuerst dem Volke Israel. Aber zu Israel ging er nicht ein, um Israels Tugenden willen, sondern um der Wahrheit Willen Gottes, dass er Gottes Verheißungen wahr machte, welche den Vätern Abraham, Isaak, Jakob und David geschehen waren, dass der Trost der Völker und das Licht der Welt sollte aus Israel kommen. Er hat aber die Verheißungen also wahr gemacht, dass er, der Herr des Gesetzes Mosis, ist ein Diener des Gesetzes und dadurch ein Diener der Beschneidung oder der Juden geworden; denn er hat den Fluch auf sich genommen, welchen das Gesetz auf alle Übertreter legt, und den Segen auf uns gelegt, die wir durch ihn des Fluches los geworden sind. Also ist er zwar ein Diener der Juden geworden, aber nicht der Juden allein; denn er hat nicht bloß ihren Fluch, sondern auch der Heiden Fluch getragen, damit die Heiden Gott lobten wegen der Barmherzigkeit, die ihnen wiederfährt, obwohl sie ihnen nicht zugesagt, noch ihren Vätern verheißen ist. Das beweiset denn Paulus mit etlichen Sprüchen aus dem Alten Testamente, in denen geweissagt ist, dass Christus würde unter den Heiden Gottes Lob anrichten, damit auch die Heiden allesamt mit dem Volke Israel Gott ein Lobopfer bringen könnten, nachdem Christus, die Wurzel Jesse, unter ihnen sein Reich gegründet, und sie mit Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit erfüllt hätte. So ernstlich treibt und beweist der Apostel, was der Evangelist Johannes sagt, dass Christus sterben sollte für das Volk, aber nicht für das Volk allein, sondern dass er die zerstreuten Kinder Gottes aus aller Welt zusammenbrächte. Denn das ist Gottes ewiger Ratschluss und die Grundfeste unsrer Hoffnung, dass alle, die zum ewigen Leben verordnet sind, unter Juden, Türken und Heiden, sollen zu Einer Herde unter Einem Hirten zusammengebracht werden. Den hat Christus also ausgeführt, dass er die Schwachheit der Schwachen und den Fluch der Verlorenen getragen, und sich für der Welt Sünde geopfert hat. So, liebe Freunde, ist die christliche Kirche gegründet durch ein Herz, das die Welt umfasste; soll aber die Kirche die Welt umfassen, soll das Wort laufen über den Erdboden, so muss auch Christi Sinn in der Kirche und gläubigen Christenheit regieren. Wenn der Apostel diese Sache so nachdrücklich treibt, so weiß er wohl, wie viel daran liegt; er weiß aber auch, wie viel dem im Wege liegt, dass Gottes Wort keinen freien Lauf haben kann.
Wir leiden an zwei starken Gebrechen. Das erste ist die unglaubliche Engherzigkeit mitten in der Christenheit. Jeder sieht nur auf sich selber und bekümmert sich so wenig um den Lauf des Wortes Gottes und die Schicksale und Kämpfe der Kirche Christi, als wenn das Reich Gottes nicht größer wäre, denn seine geringe Person, oder sein kleines Haus, oder etwa das kleine Häuslein, dazu er sich hält. Kann er sich nur einen guten Taler oder einen guten Tag machen, oder hat er sich etwas aus dem Schlamme herausgearbeitet; so ist ihm die Kirche und Gemeinde Christi auf Erden grade so gleichgültig, als die Händel der Russen und Türken. Und dass man nun gar unter den Heiden die Kirche Christi bauen sollte, ist vielen ganz etwas Übertriebenes und Überflüssiges. Das ist eine recht jüdische Engherzigkeit. Denn eben, was Paulus hier sagt, das gibt er den Juden zu hören, ob sie begreifen wollten, dass auch außer den Juden noch Christen in der Welt seien, die Christus so gut wie sie aufgenommen habe. Lieber, wofür hältst du eigentlich die christliche Kirche? Ist das nur ein Haufen von Leuten, der dich nicht angeht? Ist nicht vielmehr die Kirche deine geistliche Mutter, die dich von neuem geboren hat, die dich genährt hat mit der lauteren Milch des Evangeliums, die für dich gestritten und gelitten hat, dass nach so viel Jahrhunderten die Gnade Gottes in seinem Worte dir bewahrt geblieben ist?
Hast du nicht in ihr deine geistlichen Brüder und Schwestern, die dir näher sind als dein eigen Fleisch und Blut nach der natürlichen Geburt? So tue doch wenigstens so viel an ihnen, als du an deinem Fleische und Blute tust, ehre doch deine geistliche Mutter nach dem vierten Gebot. Hilf, wo du helfen kannst, bitte, damit das Wort Gottes laufe und gepriesen werde. Oder bist du ein verirrtes Kind, das seine Mutter auf Erden verloren hat und darum auch seinen Vater im Himmel nicht finden kann?
Das zweite Gebrechen ist dem ersten gleich. Es ist die Zertrennung derjenigen, die Ein Leib und Ein Geist sein sollten, dass sie nicht fleißig sind zu halten die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens. Von einem großen Teile gilt, was Jesaja klagt: „Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg.“ Selbst die, welche an Einem Orte und in Einer Nachbarschaft wohnen, gehen kühl neben einander her, als wenn sie sagen wollten: Gehe du deinen Weg, ich gehe meinen Weg; wenn sie nicht gar über einander zu Gerichte sitzen und einer dem andern etwas nachträgt. Das ist dieselbe Engherzigkeit, die wie der Rost an dem eisernen Baue der Kirche frisst, und ein Stück nach dem andern ablöst.
So ist es geschehen, Geliebte, dass die Kirche Christi zertrennt und zerstreut ist. Als ein hoher Baum sollte sie die Welt beschatten, dass die Vögel des Himmels unter ihren Zweigen wohnten; aber hier liegt ein Zweig und da liegt ein Zweig, und ihre Feinde gehen schon damit um, die Axt an die Wurzel zu legen und sie zu verbrennen. Hiermit wird es freilich gute Weile haben, denn Gott ist bei ihr darinnen. Auch hat man wieder angefangen, die Kirche daheim zu bauen und draußen unter den Heiden dem Teufel das Feld streitig zu machen, dass er seinen Raub herausgeben muss. Wollt ihr aber sehen, wie gebrechlich wir noch sind, so seht, wie träge wir daheim das Werk treiben, und wie wenig deshalb draußen geschehen kann! Gottes Ehre ist es, dass sein Wort laufe und gepriesen werde, und das ist das Opfer, das wir ihm bringen sollen. Was tut uns denn not? Das tut uns not, dass wir ernstlich den Feind in unsrer Mitte bekämpfen, damit wir nicht als ein uneiniges, zerstreutes Heer wider den Feind stehen, sondern einmütig mit Einem Munde, Gott loben. Dazu beten wir nach der Weise des Apostels am Schluss unsrer Epistel:
Du Gott der Hoffnung! hast uns Christum verordnet zu unsrer Seligkeit, also dass wir warten auf seine herrliche Erscheinung, da er alle deine Verheißungen erfüllen wird. Weil wir aber mit schweren Feinden allenthalben umgeben sind, die uns zertrennen und müde machen, so wollest du uns im geduldigen Glauben stärken, damit unsre Freude an deiner barmherzigen Liebe wachse, und wir in rechtem Frieden mit einander wandeln, gerne vergeben, gerne tragen, gerne helfen zum Guten, zur Besserung! Mache uns dem Bilde deines Sohnes gleich, dass wir nicht Gefallen an uns selber haben, und stärke uns durch deinen Heiligen Geist, der in uns eine lebendige Hoffnung wirke, dass wir, die wir ihm hier sind nachgefolgt, auch dereinst nachfolgen werden in die Herrlichkeit! Breite aus deines großen Namens Ehre, und lass uns dir Lob opfern einmütig mit Einem Munde; denn du hast große Dinge an uns getan, deren wir keins gedenken können, dass wir dich nicht preisen sollten, so lange wir Odem haben. Gelobt seist du jetzt und in Ewigkeit durch Jesum Christum, unsern und aller Heiden Heiland! Amen!