Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXIII. Christus vor Hannas.
„Ich hielt nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, und zwar den Gekreuzigten.“ So der Apostel 1 Korinth. 2, 2. Er bezeichnet hiermit das vorherrschende Thema aller seiner Predigten, und zugleich die Methode, Art und Weise seines Zeugens.
Unter den Krieg führenden Mächten ist's in neuerer Zeit mehr und mehr Grundsatz geworden, in „Massen zu handeln“, d. h. kleinere Nebengefechte möglichst zu vermeiden, und die Kräfte zusammenzuhalten, bis sich Gelegenheit bietet, im Großen vorzugehen, die ganze Heeresmacht auf einem Punkte zu entfalten, und, Volk gegen Volk, in wenigen imposanten Operationen die ganze Sache zur Entscheidung zu bringen. Wir in unsern geistigen Kriegen sollten ähnlich verfahren, in jeder Predigt den Donner des groben Geschützes vernehmen lassen, und in Massen, d. i. mit der Gesamtheit der großen Haupt- und Grundartikel des Evangeliums, unsere Schlachten schlagen, indem doch nur diese es sind, welche die Welt überwinden, den Satan daniederlegen, die Starken bewältigen, und immer Entscheidung zu Wege bringen.
Wenn aber irgendwo, so muss dieser Grundsatz da zur Anwendung kommen, wo wir ausschließlich von jenen Fundamentalwahrheiten des Christentums umgeben sind: bei der Betrachtung der Passionsgeschichte. Die Aufgabe jeder Passionspredigt steht darin, der Gemeine aufs Neue das große unerschöpfliche Geheimnis unserer Vollendung in dem blutigen Mittler vor Augen zu malen; und wie könnte es schwer werden, dieselbe zu lösen, da uns in jedem einzelnen Abschnitte der Leidensgeschichte jenes hochherrliche Zentraldogma von selbst, und immer wieder neu beleuchtet, entgegentritt. So gilt denn auch für unsere heutige Erwägung jene goldene Regel. Wir müssen aufs Neue davon reden, wie wir durch das Werk des Bürgen von Sünde, Teufel, Tod, Gericht und Hölle auf ewig erlöst sind; und wer dessen sich nicht freut, dass diese Wunderweise abermals sich vor ihm auftut, dem können wir nicht helfen, sondern ihn nur als einen Menschen beklagen, dem sein wahres Bedürfnis noch nicht aufgegangen ist. Unbekümmert um seinen Geschmack, gehen wir festen Schrittes unsere Straße vorwärts, und sprechen heute wie gestern, und morgen wie heute mit dem Apostel: „Wir halten dafür, (zumal in dieser heiligen Zeit) nichts unter euch zu wissen, als allein Jesum Christum, und zwar den Gekreuzigten.“
Johannes 18, 12-13, 19-23.
Die Schar aber und der Oberhauptmann und die Diener der Juden nahmen Jesum, und banden ihn. Und führten ihn aufs Erste zu Hannas; denn er war der Schwager Kaipha, welcher des Jahres Hoherpriester war. Der Hohepriester fragte Jesum um seine Jünger und um seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei öffentlich geredet vor der Welt. Ich habe allezeit gelehrt in der Schule und im Tempel, da alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich darum? Frage die darum, die es gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe; siehe, die selbigen wissen, was ich gesagt habe. Als er aber solches redete, gab der Diener einer, der dabei stand, Jesu einen Backenstreich, und sprach: Antwortest du so dem Hohenpriester? Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es übel sei; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?
Das tumultuarische Verfahren gegen Jesum lenkt jetzt, soweit die wüste Aufgeregtheit der Gemüter es zulässt, in die Bahn eines geregelteren Rechtsstreites ein. Wir sehen den Herrn heute zuerst gebunden einem Vorverhöre unterworfen; sodann aufs herrlichste in eigener Person seine Sache führen; und endlich überschwänglich gerechtfertigt von dannen ziehen. In diesen drei geschichtlichen Momenten habt ihr die Anhaltpunkte für unsere heutige Betrachtung, welche der Gott aller Gnade mit seinem Segen begleiten wolle.
1.
Die bewaffnete Schar hat mit ihrem Verfahren gegen Jesum Ernst gemacht. Die Elf, dies gewahrend, sind zur Rechten und zur Linken davon gestoben. Ein Jüngling, gleichfalls der kleinen Herde angehörig, vernahm, in der Nachbarschaft wohnend, was draußen sich ereigne, und war, von heiliger Entrüstung gegen die Meuterer aufgestachelt, geradeswegs von seinem Lager im leichten Nachtgewande zur Stätte der Freveltat hinausgeeilt. Kaum aber von den Söldnern bemerkt, wurde auch er gefasst, und entging nur dadurch den Banden, und wahrscheinlich gar dem Tode, dass er unter Zurücklassung seiner Leinwand nackt davonfloh. Einer der Evangelisten erzählt uns diesen kleinen Zug, unverkennbar, um dadurch die Flucht der Jünger als eine auch schon durch die brennendste Gefahr gebotene zu bezeichnen, und zu entschuldigen. Schaut nun, in welcher Lage uns heute der Herr begegnet! Umgeben von einem Walde von Speeren und gezückten Schwertern, muss er sich's gefallen lassen, dass ihm ein Trupp roher Waffenknechte im Namen der öffentlichen Justiz wie einem eingefangenen Straßenräuber den Strick um die Hände legt. Denkt, um die Hände, die nur zum Heilen und Helfen, zum Wohltun und Erretten sich ausgestreckt, und nie etwas verbrachen, man müsste ihnen denn als Verbrechen anrechnen wollen, dass sie der Menschheit ihre Wunden aufdeckten, um heilend sie zu verbinden, die Babelbauten des Wahns zerstörten, um an deren Stelle den Tempel der Wahrheit aufzurichten, und die Altäre falscher Götter zertrümmerten, um dem des allein wahren Gottes Raum zu schaffen. -
Jesus gebunden! Welch' ein Anblick! Dass dies auf Erden möglich war, macht alle anderweitigen Zeugnisse für das Verderben der Welt und die Versöhnungsbedürftigkeit derselben überflüssig. Wie manches prophetische Vorbild des alten Bundes findet in dem gebundenen Jesus seine Verwirklichung! Fragt ihr nach dem Gegenbilde Isaaks, wie er von seinem Vater Abraham als Lamm für den Brandopferaltar gebunden ward; oder nach demjenigen jenes Widders auf Moria, der in die Dornenhecke sich verwickeln musste, weil er es war, den Gott für das Opfermesser gezeichnet hatte; oder nach dem der heiligen Bundeslade, da sie in die Hände der Philister gefallen war, jedoch nur, um die Götzen der letzteren vom Thron zu stürzen; oder nach dem des Sohnes Jakobs, des in Ägypten verhafteten und eingekerkerten, dessen Weg durch die Missetäterbande zu Purpur und Ehrenkronen sich hindurchwand; oder nach dem der Osterlämmer, welche, ehe sie zur Sühnung der Gemeine geschlachtet wurden, an die Schwellen des Tempels festgebunden zu werden pflegten; oder endlich nach dem des Richters Simson, des gebundenen, der aber der Bande Delilas spottete, und im Triumph aus dem Philisterkampf hervorging: Diese Schatten und Vorbilder alle fanden in dem gebundenen Jesus, als in ihrem tatsächlichen Ur- und Gegenbilde, ihre erschöpfende Erfüllung. Jesus gebunden! Dürfen wir unsern Augen trauen? Die Allmacht in Fesseln! Der Schöpfer aller Dinge in einem Strick, den die Kreatur ihm angelegt! Der Herr der Welt ein Arrestant seiner sterblichen Untertanen! -
Freilich, wie viel leichter wäre es Ihm gewesen, diese Seile zu zerreißen, als einst dem Sohn Manoahs! Aber er zerreißt sie nicht, sondern lässt sie wie ein Ohnmächtiger und Überwundener sich gefallen. Dieses sein leidendes Verhalten muss ja eine große und erhabene Absicht zum Grunde haben. Und freilich ist dem so. Die eben erwähnten Vorbilder haben schon auf dieselbe hingedeutet.
Nein, nicht die Übermacht der Häscher schlägt Ihn in Banden. Was Ihn hier zum Arrestanten macht, ist der Ratschluss des ewigen Vaters, dem er in freiester Entscheidung sich unterzieht; die Liebe zu seinem Volk, dessen Rettung und Erlösung ihm über Alles geht, und sein Eifer um die Vollbringung des übernommenen großen Werkes, welchem auch der Eintritt in diese Erniedrigungsstufe wesentlich beigehörte. Es deuten die sichtbaren Bande, die ihn umfangen, auf schauerlichere unsichtbare, in welche er sich jetzt hineinbegeben hat. Jene schatten nur nach Außen hin die entsetzlichere Gefangenschaft ab, die Er in der Gewalt der finsteren Mächte erleidet. Eine Bindung des großen Bürgen in Folge eines Haftbefehls des richterlichen Gottes bezeichnen sie. Steht Christus hier doch an seines Volkes Stelle, dessen Sünden tragend; und darum gebührt Ihm dasselbe auch, was uns: Schmach, Überweisung an die Rotten der Hölle, Entziehung der Freiheit, und was des mehr ist. Ward aber Er an unserer Statt gebunden, so sind, wie sich von selbst versteht, wir frei. Nahm Er stellvertretend unsere Fesseln um seine Hände, so gehören wir nicht mehr zu denen, die in Banden der Finsternis zum Tage des Gerichts behalten werden. Keine Kette des Fluches bindet dann uns mehr. Unsere Arrestantenschaft in den Eisen des Gesetzes und des Satans hat ein Ende. Wir sind entlassen und auf freien Fuß gesetzt, und haben eine Inhaftnahme von Seiten des ewigen Gerichtshofs nicht mehr zu befürchten. In was für Stricke wir auch noch geraten können; andauernd geraten wir nicht mehr in sie hinein. Seien es Stricke der finsteren Gewalten, oder der Sünde, oder der Welt, oder des Todes gar: hart können sie die Glieder unsres inneren Menschen drücken; aber halten können sie uns nicht mehr, das ist unmöglich. War Petrus jämmerlich in Satans Strick hineingeraten: um des gebundenen Jesu willen, konnte ihn Gott darin nicht stecken lassen. Kam es mit David dahin, dass er ganz ein Spielball der Sünde ward: der Augenblick blieb nicht aus, da er wieder jauchzen durfte: „Du Herr zogst mich aus tiefem Schlamm, und setztest meine Füße auf einen Felsen!“ Schlugen über Hiob alle Anfechtungen zusammen wie Meereswogen: in den Schlusskapiteln seiner Geschichte lesen wir die Worte: „Und der Herr wandte das Gefängnis Hiobs.“ Musste Paulus sich, so lange er lebte, das Geleit des Satansengels, der ihn mit Fäusten schlug, gefallen lassen. Eines war er sich doch bewusst: dass er nicht für immer in diese Gesellschaft gebannt sei, und seine „Beilage“ ihm bewahrt bleibe. Lag dem armen Lazarus so zu sagen Jahre lang der Tod auf dem siechen mit Wunden bedeckten Leibe: endlich kamen doch die Engel, und trugen den für immer Genesenen in Abrahams Schoß. Ja endlich, endlich! - Tröstet euch des, ihr armen Sünder, die ihr gläubig wurdet! - Sagt, was für Bande sind es, die euch drücken?
Die eisigen der geistlichen Dürre? Oder die feuerflammenden innerer Anfechtungen? Oder die der Trübsal, vielleicht des Siechtums und der Armut; oder die eures widerhaarigen Fleisches; oder der Sorge und des Zweifels Bande? - Wisst, endlich springen und lösen sich alle. Nur vorübergehend können euch Bande noch berühren, nicht bleibend mehr; und soweit nur können sie euch noch beschweren, als es zu eurem Heil und Frieden dient. Zuletzt muss Alles, was Kette, Strick und Fessel heißt, auf immer von euch weichen; ich sage: es muss, weil Christus die Banden trug, die für euch gewunden und geschmiedet waren; und weil eins von Beidem, die Gerechtigkeit Gottes oder seines Sohnes Verdienst darüber zu Grunde gehen würde, falls ihr in irgendeiner Beschwernis, Haft und ‚Fesseln andauernd solltet liegen bleiben.
Glaubt dies! Es ist heilige, tiefbegründete Wahrheit. Glaubt's; und schon mitten in der Gebundenheit jauchzt in diesem Glauben: „Der Strick ist zerrissen und wir sind frei!“ Was ihr aber tut, bindet ihr Jesum nicht! Ihr bindet Ihn, wenn ihr misstrauisch bald hier, bald da seinen Arm zu kurz wähnt, als dass Er euch retten könnte. Ihr bindet Ihn, wenn ihr der Meinung Raum gebt, einem Sünder, der so schwer verschuldet sei, wie ihr, sei er weder befähigt, noch geneigt zu helfen. Ihr bindet Ihn, wenn ihr denkt, es müsse erst eurerseits dies und das geleistet sein, ehe er euch retten könne, Durch solchen Wahn verkerkert ihr Ihn und seine Gnade in Bedingungen und in Klauseln, die Gott nicht gesetzt hat. Ihr bindet Ihn, wenn ihr Ihm nicht zutraut, dass er auch da lieben und sich erbarmen könne, wo nichts als Armseligkeit ihm entgegentritt. Und wenn ihr Ihn in Verdacht nehmt, dass er nur den Treuen und Heiligen treu sei, nicht aber den Gebrechlichen, und die Darreichung seiner Gnadengaben und Gnadenhilfen von dem Maße unserer Würdigkeit abhängig mache, dann bindet ihr den Herrn Jesum, legt, freilich in eurer Vorstellung nur, seinen freien Händen Fesseln an, und beschränkt Ihn, und zäunt Ihn in einer Weise ein, die als unwahr und unevangelisch schlechthin zu verdammen ist. Nein, bindet Ihn so nicht. Wollt ihr Ihn aber binden, bindet ihn mit den goldenen Ketten seiner Verheißungsworte zu eurem Heil. Sprecht zu Ihm: „Du hast gesagt, dies wollest du in Gnaden tun, und das - gedenke daran!“ In solcher Weise lässt Er sich so gern von armen Sündern binden. So banden Ihn alle seine Heiligen in ihren Ängsten, Bedrängnissen und Nöten, und es ist kein Exempel vorhanden, dass er diese Bande je zerrissen hätte.
2.
Seht, dort ziehen sie triumphierend mit ihrem Gebundenen hin. Zu Hannas führen sie ihn zuerst, dem früheren Hohenpriester, dem Schwiegervater des Kaiphas, einem Sünder von hundert Jahren. Warum zu dem zuerst? Vielleicht schon, um dem alten Herrn, der geäußert haben mochte, dass auch er den Schwärmer aus Nazareth einmal zu sehen wünsche, eine Artigkeit zu erzeigen. Doch scheint die Vorführung auch nicht ohne vorher getroffene geheime Verabredung zwischen ihm und seinem Schwiegersohne stattgefunden zu haben, und er, der alte Sadduzäer, war bei dem ganzen Handel mit Jesu wohl stärker beteiligt, als es nach Außen hin den Anschein hatte. Das Vorverhör, das nun beginnt, wurde unbezweifelt von ihm und nicht von Kaiphas eingeleitet. Schon der formlosere Gang, den es nimmt, stellt dies außer Frage. Was in den evangelischen Berichten Dieser Annahme scheinbar widerspricht, verliert alle Bedeutung, sobald man sich, wozu Grund genug vorhanden ist, den Hannas als mit seinem Schwiegersohne in einem, dem hohenpriesterlichen, Palaste zusammenwohnend vorstellt.
So steht denn der Herr vor den Schranken seines ersten Richters, eines jener jämmerlichen Menschen, deren leider! auch unter uns nicht wenige angetroffen werden, und welche, zwiefach erstorben, der Wahrheit Gottes entfremdet, und im Alltäglichsten gesättigt, nichts Höheres mehr an sich kommen lassen, sondern das Erhabenste im besten Falle nur wie ein Schauspiel behandeln, und in ihrer vollendeten Abgestumpftheit für alles Überirdische das Brandmal des Fluches schon sichtlich an der Stirn tragen. Gewiss gehörte es nicht zu den geringsten Leiden des Heiligen in Israel, in die Hände so erbärmlicher und von jedem edleren Gehalt entleerter Wichte sich überantwortet zu sehen. Und schaut nur, wie jener graue Sünder sich gegen den Herrn der Herrlichkeit spreizt und aufbläht, obwohl er nicht einmal mehr wirklicher Hoherpriester ist, und selbst, als er es noch war, nur einen luftigen Schatten des wahrhaftigen Hohenpriesters abgab, welcher, Priester und König zugleich, jetzt in der Person des gebundenen Nazareners vor ihm steht. Jesus nimmt indes alle die Demütigungen, die ihm widerfahren, gelassen hin; und wir wissen ja, aus welchem Grunde er dies tut. Kennen wir doch seine geheimnisvolle Stellung, in der er nicht bloß vermittelst seines eigenen Exempels uns bedeuten will, dass sein Reich nicht von dieser Welt, und somit auch die Ehre gar etwas Anderes sei, als was die Welt mit diesem Namen zu bezeichnen pflege; sondern die er zugleich als der für uns einstehende und haftende Bürge einnimmt, welchem es vor Allem geziemte, dem ewigen Vater die hohen Tugenden einer vollendeten Selbstverleugnung und Hingebung an unserer Statt, und im Gegensatze zu unserer gottlosen Selbsterhebung, darzustellen. Es zieht der Glaube im Schifflein sinnigen Betrachtens über alle jene Erniedrigungsstätten wie über dunkle Meeresfluten hin, und wo er die unvergleichlichen Tugenden des schwer geprüften Dulders heraufschimmern sieht, erschaut er in denselben Perlen, die für ihn in diesen nächtigen Tiefen glänzen. Er wirft das Zueignungsnetz nach ihnen aus, zählt sie zu den Stücken seines Hochzeitsschmuckes, und geht so, „wie ein Bräutigam geziert“, aus der Passionsgeschichte wieder hervor, und unter klarster Anschauung dessen, was, Gerechtfertigt sein „aus Gnaden“ heiße, stimmt er ein in das vorausgenommene Jubellied des alten Sehers: „Ich freue mich in dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rocke der Gerechtigkeit mich gekleidet.“
Hannas schreitet mit dem Verhöre fort, und fragt den Herrn um seine Jünger und um seine Lehre. Er hofft, dass die Aussage Jesu ihn in den Stand setzen werde, gegen jene als gegen eine politisch gefährliche Meutererbande, gegen diese aber als gegen eine gottlose Ketzerei die Anklage zu erheben. Er vermisst sich, in seiner Frage den als ein verkapptes Sektenhaupt und als einen Geheimbündler zu behandeln, der doch so offen, wie niemals Einer, mit seiner Sache heraustrat, und überall am hellen Tage wandelte. Aber die Welt verfährt heute noch, wie damals Hannas. Weil sie nicht anerkennen will, dass wir die allgemein gültige, ewige Gotteswahrheit wirklich haben, stempelt sie diese, sich selbst belügend, zu einer Winkelansicht, und uns zu einer Sekte. Dass sich die Gläubigen mit Betonung „die Christen“ nennen, ist der Welt unerträglich. Sie erklärt dieselben vielmehr für eine in barocken Privatansichten befangene geheime Körperschaft, und unterlässt es nicht, bald diesen, bald jenen Schimpftitel ihnen anzuhängen. Wie unverhohlen wir nun auch unsere Sache von den Dächern predigen, und wie gründlich wir beweisen mögen, dass wir nichts Anderes glauben und bekennen, als was je und je die ganze christliche Kirche vor und mit uns glaubte und bekannte, und worauf die edelsten und herrlichsten Menschen aller Zeiten freudig und selig gelebt hätten und gestorben seien: die Welt beharrt doch dabei, und wenn sie sich's auch absichtlich weiß machen sollte, dass unser Glaube nichts als eine Winkelreligion, und wir nur befangene Fanatiker seien. Sie bemüht sich, durch diese erzwungene Verdächtigung mit guter Manier die Wahrheit mit ihren Spießen und Nägeln von sich fern zu halten, und ihrem gottvergessenen und fleischlichen Treiben wenigstens einen Schein von Berechtigung zu leihen.
Der Herr tut dem Hohenpriester auf die Frage um seine Lehre Bescheid; denn hier galt es weniger die Ehre seiner Person, als Diejenige seiner Sache zu wahren, welche die Sache Gottes war, und der er darum eine Verantwortung zuschulden glaubte. Zugleich wollte er es für alle Zeiten vollkommen klar gestellt wissen, dass er ausschließlich um seines Zeugnisses von seiner Gottessohnschaft willen verurteilt und gekreuzigt worden sei. „Ich habe,“ spricht er, „frei öffentlich (buchstäblich: mit Parrhesie, das ist mit freudigem Auftun meines Mundes) geredet vor der Welt.“ - Ja, das hatte er. Allem, was er redete, fühlte man die tiefe Sicherheit und die mächtige Überzeugung des Herrn vom Himmel an, der da offenbar machte, was er selbst geschaut und betastet hatte, und nicht, wie die Weisen nach dem Fleisch, darauf erpicht war, seine Sätze mit vielen Argumenten und Beweisgründen gegen etwaige Einwürfe zu verpanzern, sondern wusste, dass, wer aus der Wahrheit sei, seine Stimme hören, und sein Wort als das Wort des lebendigen Gottes erkennen werde. Und er verrechnete sich darin nicht. Noch heute, wo ein Mensch nüchtern wird aus des Satans Strick, und zur Erkenntnis seiner Bedürfnisse gelangt, bedarf er keiner Beweise mehr für die Begründung der Worte Jesu, indem sein Herz sie wie unmittelbar vom Himmel nieder tönen hört, und zwischen den Worten Jesu und den sinnreichsten Menschenworten eine Kluft des Unterschiedes entdeckt, die so ungeheuer ist, dass es ihm unbegreiflich bleibt, wie es dieselbe nicht längst schon erkannte. Der Herr Jesus fährt fort: „Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und in dem Tempel, da alle Juden zusammenkommen.“ - Er hatte es, und Niemand hatte ihm auch nur etwas nachzuweisen vermocht, das dem Worte der Offenbarung im Alten Bunde nicht auf das vollkommenste entsprochen, und mit dem Wesen eines heiligen Gottes nicht im allerschönsten Einklange gestanden hätte. Die Meister in Israel mussten vor seiner Predigt verstummend die Waffen strecken. Was will denn Hannas seiner Lehre? Treffend bemerkt hier ein Ausleger: „Man kann hier an Jesu alle Merkmale eines wahren Lehrers finden: Zuversicht, welche vor der Welt zeugt, beharrliche Fortführung des Zeugnisses zu aller Zeit, Anschluss an bestehende göttliche und menschliche Ordnung.“ - „Nichts,“ spricht der Herr weiter, „redete ich im Verborgenen.“ Nein, auch das Rätselhafte, das Dunkle, das Geheimnisvolle nicht. Vieles davon hat erst im Laufe der Jahrhunderte seine Deutung gefunden. Anderes steht bis zur Stunde noch teilweise verschlossen und versiegelt vor uns, und harrt seiner Entzifferung. Er wusste, dass Solches den Seinen lange ein Rätsel bleiben würde; aber das hinderte ihn nicht, es dennoch auszusprechen. Es war dies ein Zeichen mehr, dass er sich seiner Lehre als einer göttlichen und darum bis an das Ende der Tage bleibenden klar bewusst war. „Was fragst du mich?“ schließt der Herr; „frage die darum, die es gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe; siehe, dieselben wissen, was ich gesagt habe.“ Wie konnte der Herr stärker für die Reinheit und Göttlichkeit seiner Lehre zeugen, als eben dadurch, dass er seinen Richter aufforderte, alle diejenigen, Freunde oder Feinde, die jemals ihn reden gehört, vor seine Schranken laden, und sie fragen zu wollen, ob sie irgendetwas wider ihn auszusagen vermöchten, das eine Anklage begründe. Und noch heute scheut er keine Zeugen, sondern beruft sich vielmehr zu Gunsten seiner Sache nach wie vor auf Alle, die sein Wort hörten und dasselbe annahmen; und diese versiegeln's einmütig aus eigenem Innewerden, und werden's ewig versiegeln, dass Jesu Lehre von Gott sei, und er nicht von sich selber geredet habe.
3.
Der Herr ist noch im Reden begriffen, da erhebt sich der hohenpriesterlichen Diener einer, und versetzt ihm mit den Worten: „Antwortest du so dem Hohenpriester?“ einen Schlag ins Angesicht. Jetzt mögt ihr erkennen, worauf es abgesehen ist. Mit dieser ersten Misshandlung war das Signal zu hundert nachfolgenden gegeben. Dem Knechte war es nicht entgangen, wie vollständig sein hoher Herr durch die einfache Entgegnung des Verklagten in die Enge getrieben war, und da erbot sich denn als einziges und letztes Mittel, denselben seiner peinlichen Verlegenheit und Beschämung zu entreißen, nur noch jener pöbelhafte Handstreich. Dass der Bube sich denselben erlauben durfte, ja dass er dadurch in der Gunst seines Gebieters nur steigen werde, war ihm bewusst; und so spiegelte sich, wie dies so häufig der Fall ist, in jener Bedientenseele nur die Gesinnung des Hauses, dessen Dienstkleid er trug. Entsetzlich war's, so dem Herrn vom Himmel zu begegnen. Schon um dieser einen Übeltat willen, die nicht auf Rechnung des einzelnen Menschen, sondern auf diejenige unserer verderbten menschlichen Natur kommt, hätte unser Geschlecht, das Geschlecht Adams, verdient, dass die Hölle ihr Maul aufgetan, und dasselbe, wie weiland die Rotte Korah, verschlungen hätte. Doch nicht um unsern Untergang zu beschleunigen, sondern um ihm vorzubeugen, war Jesus gekommen. Seht nur, wie darum auch weder ein Blitz aus den Wolken zuckt, den Frevler zu zerschmettern, noch auch, wie weiland dem Jerobeam, dem frechen Buben in dem Momente die Hand verdorrt, da er sie zum Schlage ausreckt; und wie der so schwer Beleidigte nicht droht, nicht schilt, sondern die Unbilden, die schmerzlicher seine heilige Seele empfinden musste, als sein Leib, nur unter einer dem Nichtswürdigen erteilten sanften Zurechtweisung gelassen hinnimmt, und also auch hier wieder tatsächlich seine Losung wiederholt: „Ich muss bezahlen, das ich nicht geraubt habe!“
„Antwortest du so dem Hohenpriester?“ - Hört doch! Als ob der Herr, der überall, und auch im Verkehr mit den Menschen, wie Keiner wusste, was sich zieme, der der priesterlichen Würde gebührenden Ehrfurcht zu nahe getreten wäre! Aber wie oft verfährt man in ähnlicher Weise auch mit uns, wenn man wider die Wahrheit, die wir den Kindern der Lüge gegenüber vertreten, nicht mehr an kann. Gleich heißen auch wir dann frech, anmaßend, störrisch usw.; und wehe uns vollends, wenn wir gar vor Würdeträgern und Vorgesetzten bei unserm Glauben treu zu verharren, und der Wahrheit nichts vergeben zu wollen, uns vermaßen. Wie spreizt sich dann auch gegen uns der erheuchelte Eifer um die Wahrung der Ehre der Autoritäten, und wie ruft derselbe uns, dem Gelüste nach uns gleichfalls mit Backenstreichen traktierend, sein vornehmes: „Antwortest du also dem Hohenpriester?“ Was bleibt aber auch uns in ähnlicher Lage übrig, als die Entgegnung unsres Meisters uns anzueignen: „Habe ich übel geredet, beweise, dass es übel sei; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“ Wie vernichtend war diese Rede für den Knecht und zugleich für seinen Herrn! Ein Hammerschlag, der den Stachel ihres bösen Gewissens nur noch tiefer in ihr Mark hinein trieb. Der Backenstreich samt dem ihn begleitenden Trotzwort war ja wirklich nur ein klarer Beweis dafür, dass die Elenden sich außer Stande fühlten, dem Herrn beweisbar auch nur irgendetwas anzuhängen. Nur sich selbst schlugen sie ins Gesicht, indem sie durch ihr Verfahren nur offenkundig Zeugnis gaben, wie tief und empfindlich die Wahrheit sie getroffen habe.
So ging denn unser Herr und Meister auf das vollkommenste gerechtfertigt aus diesem ersten Verhör hervor, und allein der Hohepriester und seine Trabanten waren es, die geächtet am Pranger der Schande stehen blieben. In ihrem Lose spiegelt sich dasjenige aller derer, die wider die Sache des Herrn den Schild zu erheben sich vermessen. Seine Sache wird in stillem Siegesgange vermöge ihrer inneren Wahrheit alle Angriffe vernichten. Was auch wider sie geratschlagt und unternommen werden mag, sie wird immer wieder zu seiner Zeit, wie die Sonne aus ihrem Scheitelpunkt auf die an den Fuß der Berge hinabgebannten Nebel, so auf alle Widersprüche und Gegensäge als auf überwundene Mächte in stolzer Ruhe niederschauen. Des getrösten wir uns, und sind's gewiss, und singen darum im Glauben fröhlich:
Dein Reich ist nicht von dieser Welt,
Doch endlich wird es überwinden!
Der Wahrheit bleibt zuletzt das Feld,
Und Lug und Irrtum müssen schwinden
Die Finsternis besteht ja nicht
Vor Deiner Gnadensonne Licht;
Und geht es auch durch Schmach und Leiden,
Für Dich muss sich der Kampf entscheiden!
Und wann der letzte Feind einst fällt,
Dann ist Dein Reich die ganze Welt. Amen.