Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXII. Gabe und Opfer.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - XXII. Gabe und Opfer.

Ich weiß es, teure Brüder, warum so viele unsrer Christen bei aller ihrer Gläubigkeit doch keinen rechten Frieden haben. Worin ihr unbefestigtes, klagbares, lahmes und furchtsames Wesen seinen vornehmsten Grund hat, mir ist es wohl bewusst. „Christus hat Frieden gemacht durch sein Blut,“ spricht Paulus Kolosser 1, 20; aber dieses Blut, wie oft sie auch davon reden, oder reden hören, ist ihnen seiner überschwänglichen Wirkung nach noch unbekannt; oder es gebricht ihnen an der Fähigkeit, für sich selbst davon Gebrauch zu machen. Die Seelen unsrer meisten Christen gleichen, zumal wenn Not an Mann geht, und etwa ein Glockenhall der nahen Ewigkeit an ihr Ohr schlägt, dem immer bewegten, ruhelosen Meere, über dessen Oberfläche die Sonne einige erwärmende Strahlen wohl verbreitet, aber bis auf dessen innersten Grund, wo es nächtig, kalt und wüste bleibt, sie nicht hinabreicht. So streift auch über jene das Licht der Christus-Erkenntnis hin: obenhin berührend, aber nicht durch dringend. Möge unsre heutige Betrachtung dazu gesegnet werden, uns Allen das Werk des großen Bürgen recht gründlich zu verklären, und seinen Heilswirkungen bis in die verborgensten Tiefen unseres Wesens Bahn zu machen. Wir beten darum. Spreche der Herr dazu sein Amen!

Matthäus 26, 55 u. 56, Markus 14, 48 u. 49, Lukas 22, 52 u. 53.

Zu der Stunde aber sprach Jesus zu den Scharen, und zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels, und den Ältesten, die über ihn gekommen waren: Ihr seid ausgegangen, als zu einem Mörder, mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Bin ich doch täglich bei euch gesessen und habe gelehrt im Tempel, und ihr habt keine Hand an mich gelegt und mich nicht gegriffen. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. Und das ist Alles geschehen, dass erfüllt würden die Schriften der Propheten. Da verließen ihn alle Jünger und flohen. Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut, und die Jünglinge griffen ihn. Er aber ließ die Leinwand fahren, und floh bloß von ihnen.

Über den verlesenen Abschnitt gehört als deutende Aufschrift das Wort des Apostels Epheser 5, 2: „Christus hat uns geliebt, und sich selber für uns dargegeben zur Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen Geruch.“ Dieser Ausspruch dient uns als Schlüssel zu der heutigen Geschichte, und führt geradewegs zu deren eigentlichem Kern und innerstem Gehalte. Leite uns darum das Apostelwort auch bei unsrer ferneren Betrachtung. Wir werden uns so vor der Gefahr gesichert sehen, von der Hauptsache abzuschweifen, und über den Nebendingen das Wesentlichere außer Acht zu lassen. Lasst uns denn anschauen, wie in unserm Auftritte der Bürge sich für uns hingibt: einmal als Gabe, und sodann als Opfer.

Ströme der Friedensquell, vor dem wir weilen, reichlich sein Lebenswasser aus, und gebe der Herr uns Glauben, dass wir schöpfen und ewig genesen!

1.

Die ganze Tätigkeit, in der wir heute den Hohenpriester treffen, ist Hingabe. Er überantwortet sich und lässt mit sich machen; und dieser Umstand ist für uns von größter und heilsamster Bedeutung. Seine Lage ist herzergreifend. Denkt euch, es wäre, was vielleicht wirklich geschehen ist, gleich nach dem Vorgange am Ölberg ein Bote nach Jerusalem geeilt, und hätte der Mutter Maria gemeldet, was eben draußen vor dem Tore ihrem Sohne widerfahre. Die Arme, was würde sie empfunden haben! „Wie“, würde sie weinend ausgerufen haben, „dies meinem Kinde? Der beste unter den Söhnen der Erde in solcher Stellung? Der Heilige, der die Liebe selber war, wie ein Verbrecher überfallen? Der Wohltäter der Menschheit, ihr zartfühlender, holdseliger Heiland, mit dieser unerhörten Schmach bedeckt, und in den Händen, ja, in den Banden der Henkersknechte?!“ Gewiss würde der bestürzten Mutter gewesen sein, als träume ihr nur von so schauerlichen Dingen. Und hätte sie dann die Bestätigung der erschütternden Botschaft empfangen, könnt ihr euch Anderes denken, als dass sie nun den letzten Rest ihrer Fassung würde verloren und bis zum Tode betrübt in Tränen zerflossen sein? So, von Mariens Standpunkte aus, müsst ihr den Vorgang am Ölberge ins Auge fassen, um das Entsetzliche desselben seinem ganzen Gewicht und Umfange nach zu empfinden. Und um es noch lebhafter euch zu veranschaulichen, stellet euch vor, mit welchen Augen erst die heiligen Engel die Gefangennahme Jesu mögen angesehen haben; sie, denen die Knechtsgestalt des Heilandes kein Hindernis war, um jeden Augenblick der ganzen Hoheit und Würde dieses Erniedrigten sich bewusst zu bleiben, und die, wo er ging und stand, den Herrn der Herrlichkeit und den König der Könige in Ihm erblickten, an dessen Throne sie selbst nur mit verhülltem Angesichte zu erscheinen wagten. Vergegenwärtigt euch, wenn ihr's vermögt, was diese empfinden mochten, als sie in jenem Momente aus den Wolken herniederschauten, den Hocherhabenen wie einen der ärgsten Übeltäter polizeilich umzingelt, den Fürsten des Himmels mit Schwertern und Stangen in Haft genommen, den Richter der Welt wie einen Mörder in Fesseln geschlagen, und dann ihn unter der Bedeckung eines Haufens roher Büttel und Schergen, von Lästerungen und Flüchen umdröhnt, zum Verhöre schleppen sahen. Mag da nicht ein Schrei des Entsetzens durch den Himmel gegangen, und jenen heiligen Wesen der Gedanke gekommen sein, es sei nun das Sündenmaß der Menschheit voll, und der Tag der Rache für die gottlose Erde angebrochen? -

Wir, Geliebte, können's über seiner menschlichen Gebärde so leicht vergessen, wen in dem Erniedrigten aus Nazareth wir vor uns haben. Nur je und dann blitzt's uns einmal lebhafter durchs Bewusstsein, wer Er sei. Aber dann erstarrt uns auch das Herz vor Entsetzen, und wir können nur staunend und stumm die Hände über unser Haupt zusammen schlagen. Wie schrecklich aber auch immer die Lage am Ölberg sein mag, der Heiland lässt dieses himmelschreiende Verfahren sich ruhig gefallen. Er überliefert sich selbst; und wem? Ihr seht's: der bewaffneten Rotte, den Hauptleuten und Häschern. Aber noch eine andre Übergabe ist's, deren wir hier Zeugen sind: eine verschleierte und unsichtbare. Und diese ist für uns von noch ungleich größerem Belange, als diejenige, die in unsern sinnlichen Gesichtskreis fällt. Christus stellt sich hier zugleich seinem Vater dar; und fragt ihr: wie und als was er sich dem Vater übergebe, so antworte ich unter Hindeutung auf Eph. 5: zuvörderst als eine „Gabe“, und zwar als eine solche, die den Vater unbezweifelt zufrieden stellen wird. Wie soll ich die Herrlichkeit dieser Gabe würdig preisen? Seht einen Menschen, der tatsächlich als ein solcher erwiesen ist, wider den die ganze Hölle losgelassen werden könne, ohne dass es ihr gelinge, auch nur mit einem Stäublein seine Unschuld zu beflecken. Einen Heiligen seht, der in den glühendsten Tiegeln schmachtete, ohne dass die Schmelzung auch nur die leiseste Spur eines unreinen Bestandteils zu Tage förderte. Seht einen Treuen, dem Versuchungsstürme, in denen die Engelwelt nicht bestanden wäre, nur dazu dienten, desto schneller seinen Gehorsam der höchsten Vollendungsstufe zuzuführen. Einen Mann der Bewährung seht, der das Schifflein seiner Willigkeit und Gottergebung unversehrt durch Strudel der Anfechtung hindurchzusteuern wusste, die geeignet gewesen wären, den heiligsten Seraph in einen murrenden Rebellen zu verwandeln. Seht einen Gehorsamen, der im Stande der empfindlichsten inneren Beraubung dennoch in der Liebe seines Vaters verharrte, und, obwohl des Vaters Herz sich von ihm abgewandt zu haben schien, es nach wie vor für seine Speise und seinen Trank erachtete, Dessen Willen zu vollbringen, der ihn sandte; und einen Helden, der in einer Lage, wo ihm vor Angst der helle Blutschweiß von der Stirne troff, nichtsdestoweniger, ob mit verschmachtender Zunge auch, von Grund der Seele darum flehen konnte, dass, nicht was er, sondern ausschließlich, was der Ewige wolle und über ihn beschlossen habe, geschehen möge. Dieser blendend reine, überschwänglich erprobte, wie Gold bewährte, unwandelbar heilige Mensch ist die Gabe, welche Christus in seiner eigenen Person dem Vater darbringt.

Betrachtet Ihn, den Herrlichen, wie er dort am Fuße des Ölbergs vor uns steht. Er weiß, auch das sei seines Vaters Rat, dass er nicht allein der Schmach einer öffentlichen Gefangennahme, sondern auch noch weiterhin dem ganzen Schicksal eines gemeinen Delinquenten und Auswürflings der Menschheit sich unterziehe. Wie macht aber solch' Bewusstsein Ihn so willig, auch in diese Tiefen hinabzusteigen, und unweigerlich den Händen der Sünder sich zu überlassen. Hört ihn reden zu seinen Feinden. Mit der Majestät, der Freiheit und erhabenen Ruhe eines Mannes, der, weit entfernt, von demjenigen, was ihn trifft, überwältigt zu sein, vielmehr selbst die Bahn sich vorzeichnet, die er wandele, und der in Gemäßheit des väterlichen Rates selbst seine Geschicke ordnet, beginnt er zu den „Scharen“, und namentlich zu den „Oberen“ derselben, zu den „Hohenpriestern“, (d. i. zu den Männern, welche diese hohe Würde einmal bekleideten,) zu den „Hauptleuten“ der jüdischen Tempelwache, und zu den „Ältesten“, (den Beisitzern des Synedriums,) welche sich sämtlich, in der Hitze ihrer Feindschaft gegen Jesum, mit der Absicht, die Häscherrotte durch ihre Gegenwart zu ermutigen, mit hinausbegeben hatten: „Ihr seid ausgegangen, als zu einem Mörder, mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Bin ich doch täglich bei euch gesessen, und habe gelehrt im Tempel, und ihr habt keine Hand an mich gelegt und mich nicht gegriffen!“ -

Was will der Herr mit diesen Worten? Zuvörderst sollen dieselben nicht bloß denen, die sie zunächst vernahmen, sondern der ganzen Welt zu einem erneuerten Zeugnis dienen, dass Er als ein Schuldloser zur Schlachtbank geführt worden sei, und der böse Schein, den Petri Schwertstreich auf Ihn und seinen Anhang werfen konnte, sich nur als leerer Schein erwiesen habe; und sodann sollen sie jeden Zweifel darüber zerstreuen, dass keine Macht der Erde Ihn würde haben überwältigen können, wenn Er nicht, da seine Stunde gekommen war, in freier Unterwerfung unter den väterlichen Ratschluss sich selbst dahingegeben hätte. Nicht anrühren durften Ihn die Feinde, solange er das Werk seines Lehramts nicht vollendet hatte. Auch hatten sie nichts an Ihm zu entdecken vermocht, wodurch sie in den Stand gesetzt gewesen wären, Ihm den Prozess zu machen. Jetzt wird den Widersachern die unsichtbare Schranke weggezogen. „Dies“, fährt der Heiland zur tiefsten Beschämung seiner Feinde fort, „ist eure Stunde“, und fügt das schauerliche Wort hinzu: „und die Macht der Finsternis“. „Dem Satan“, will er sagen, „dem ihr dient, wird durch einen Akt göttlicher Regierung die Kette verlängert, und der Hölle, als deren Waffenträger ihr euch kenntlich macht, der Kappzaum abgenommen, auf dass sie nach Belieben mit mir schalte.“ So der Herr. Welch' eine Fassung und übermenschliche Ruhe in diesen Worten! Mit solcher rückhaltlosen Willigkeit gibt er sich der schmachvollsten Behandlung preis. Auch nicht die leiseste Regung irgendeines unmutigen oder rachedrohenden Affektes taucht den gottvergessenen Buben gegenüber in seinem Innern auf. Seine Seele verharrt vielmehr in einem Gleichmut und einer Fassung, als wären es nicht Henkersknechte, die mit Stricken ihn umgeben, sondern Anhänger und Freunde, die ihm Kränze winden wollten.

Was aber trägt uns das aus, dass Jesus so rein und vollendet heilig dem Vater sich dargibt? - Das Allergrößte und Segensreichste, Brüder, das ein Gedanke zu erreichen fähig ist. Hört, es spricht in Seinem Gesetze Jehova: „Ihr sollt nicht leer vor mir erscheinen.“ Erwägt, dass, wenn wir den Himmel erben wollen, wir dasjenige nicht entbehren können, dem die Seligkeit als Preis verheißen wird. Wir besitzen dasselbe nun, und die Tage des Grämens und Schämens haben für uns ein Ende. Wir dürfen jetzt getrost dem Vater unter die Augen treten, und brauchen nicht mehr zu besorgen, Ungebührliches Ihm zuzumuten, wenn wir das Begehren an Ihn stellen, dass er uns liebe, und seines Hauses Pforte vor uns öffne. Was haben wir aber Verdienstliches vor Ihm aufzuweisen? Genug, Geliebte; ja mehr, als die Engel haben. Nichts zwar besitzen wir in uns selbst. In den Rechnungsbüchern unsers Lebens erblicken wir Ausfälle nur und Schulden. Aber wir brauchen, Gottlob! auch Eigenes nicht zu haben; ja, es wird uns untersagt, auf dergleichen zu trauen und zu trotzen. Ein außer uns Vorhandenes wird uns vorgehalten, darauf wir uns berufen sollen; und das ist die lebendige Gabe, von der wir reden: Christus mit der ganzen Fülle seines an unsrer Statt geleisteten Gehorsams. Darf Der sich sehen lassen, so wir nicht minder; ist Er des Himmels würdig, so sind wir's gleichfalls. Denn was Er geglaubt, geliebt, gehorcht und wohlgetan hat, das Alles ward den Seinen gut geschrieben. Durch „Eines Ungehorsam“, sagt die Schrift, „sind wir Sünder, durch Eines Gehorsam sind wir heilig und gerecht geworden.“ In Christo gibt es keine Übertreter mehr vor Gott, sondern eitel Fleckenlose, Unsträfliche und Reine. Welch' seliges Geheimnis! Vermögt ihr's noch nicht zu glauben, so gönnt ihm wenigstens eine Stätte in eurem Gedächtnis. Es dürfte die Stunde kommen, da ihr's gebrauchen könntet; denn wie es zuletzt auch den vermeintlich heiligsten und frömmsten Christen zu ergehen pflegt, haben wir schon oft mit Augen angeschaut. Was immer sie bei Leibes Leben Verdienstliches und Probehaltiges zu besitzen wähnten, davon bleibt, wenn das Licht der nahen Ewigkeit und des hereinbrechenden Gerichts seine durchdringenden Strahlen auf ihr Leben wirft, ihnen nichts. Ihr Tugendglanz erlischt, ihr Gold wird hässlich, und selbst was sie als Guthaben in ihren Büchern zu lesen vermeinten, erweist sich als Schuld und Ausfall. Was nun beginnen? Wie in der Eile die Gerechtigkeit zusammenweben, von der man schon aus dem Katechismus weiß, dass Gott sie fordere, und ohne sie Niemand ins Himmelreich zugelassen werde? Was nun all den Verklägern entgegengehalten, die ihren Mund wider uns auftun: dem Gesetze, dem Satan, und dem eigenen Gewissen mit seinem „Du bist der Mann des Todes“? Fürwahr, wenn uns da die Verzweiflung nicht erfassen soll, so muss außer uns etwas uns geboten sein, das wir als Grund unseres Anspruchs an die Seligkeit vor Gott bringen können; und da bietet sich uns denn jene lebendige „Gabe“, die überschwänglich hinreicht, uns Gott zu empfehlen. In deren Besitze haben wir vor unsern Verklägern nicht mehr zu verstummen. Wir erfüllten in unserm Bürgen Christus die Bedingungen, an welche das Himmelserbe geknüpft ward. Wer will uns hinfort beschuldigen? Wer uns verdammen? Wir jauchzen mit Paulus: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum.“

2.

Doch nicht als „Gabe“ nur, sondern auch als „Opfer“ erscheint der Herr in unsrer Geschichte. Unsre Sünden sind ihm zugerechnet, und Er erduldet an seiner heiligen Menschheit, was jene wert sind. Lasst darum den heiligen Gottessohn in Ihm für einen Augenblick jetzt zurücktreten, und betrachtet Ihn als den großen allgemeinen Sünder, der Er durch Zurechnung und Stellvertretung ist. Alsbald erscheint dann die Unbill, die Ihm widerfährt, als Recht, die Misshandlung, die er erleidet, als Ihm gebührend.

Ein schauerliches Bild tritt vor meine Seele, und ich meine, o Mensch, du solltest es kennen. Einen Mörder sehe ich; denn es steht geschrieben: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ Ich gewahre einen Räuber, einen zweifach verschuldeten: an Gott, dem er durch Unglauben und Hochmut seine Ehre nahm; an dem Nächsten, an dessen Güter er durch Neid oder Verleumdung die Hand gelegt. So lastet der Fluch des Gesetzes auf seinem Haupte, und der Bann Gottes hängt an seiner Ferse. Schreckliches steht dem Unglückseligen bevor: ein Überfall zunächst in einer finsteren Stunde, eine furchtbare Verhaftung und Gefangennahme. Frei und sicher geht er seinen Weg, und folgt, kein Unheil fürchtend, seines Fleisches Gelüsten; da, ehe er sich's versieht, dröhnt's über seinem Haupte. „Schlagt die Sichel an,“ heißt's, „denn der Halm ist reif.“ Grausige Wesen, das eine schauerlicher als das andre, setzen sich in Bewegung. Der Tag hat sich geneigt, die Nacht ist für den armen Menschen herbeigekommen. Das Dunkel der Todesstunde brach für ihn herein. Was ereignet sich nun um ihn her? In welcher Lage befindet sich der Bedauernswerte? Sind es Engel der Rache, die ihn umgeben? Sind es Dämonen und Geister des Abgrunds? Hört er von Schwertern sich umklirrt? Umrasseln ihn Ketten und Banden? Ja, ja, er findet sich in fremder Gewalt. Umringt, ertappt, gefangen fühlt er sich. Er kann nicht mehr, wie und wohin er will. Eine entsetzliche Wache nahm ihn zwischen sich, und eine eiserne Nötigung bezeichnet ihm die Straße, die er wandern muss. Solange er auf Erden wallte, war es vielleicht nur die schmeichlerische Stimme des Beifalls und des Lobes, die zu seinem Ohre drang. Jetzt schlug die Stunde seiner Verkläger, und von allen Seiten donnert das: „Du bist der Mann!“ erschütternd ihm entgegen. Bisher widerfuhr ihm Seitens der Abgrundsmächte des Leides so wenig, dass er das Dasein derselben für ein Märlein erachten zu dürfen meinte. Jetzt brechen sie aus ihren Hinterhalten hervor, und in der Gewalt des Teufels lernt er den Teufel glauben. Denn dieser eben und seine Rotten sind es, die ihn inmitten seiner Sicherheit überfallen haben, um mit Ketten der Finsternis ihn zu binden, und unter wilden Flüchen den Sträubenden dahin zu schleppen, wo sie für jenen brennenden Tag ihn zu sparen gedenken, an dem der Weltenrichter selbst das letzte Urteil sprechen, und jenes Schauerwort erschallen lassen wird: „Hinweg von mir, Verfluchte, ins ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“ Seht, Freunde, dies grauenvolle Bild tritt eben vor meine Seele; und es ist kein leeres Erzeugnis der Phantasie, sondern birgt realen Gehalt in sich und tiefe Wahrheit. Denn in diesem Bilde, o Mensch, erschaust du dich selbst, und gewahrst darin deinen Zustand von Natur, den Fluch, der auf dir lastet, die Zukunft, die dein harrt, das düstere Schicksal, dem du entgegengehst.

Nun aber zurückgeblickt in unsre Textgeschichte. Was stellt sich da uns dar? Ein Gemälde, Zug für Zug demjenigen ähnlich, das soeben an unserm Geist vorüberging. Wie auffallend dies, wie wunderbar! Siehe am Fuße des Ölbergs einen Mann, der dem Anscheine nach gleichfalls nichts Besseres, als ein Räuber und ein Mörder ist. Zur nächtlichen Stunde wird er im Auftrage der Obrigkeit mit Lanzen und Schwertern überfallen, von einer Häscherschar umzingelt, und schonungslos seiner Freiheit beraubt und in Haft genommen. Und wie hören wir den Gefangenen reden? „Jetzt“, ruft er aus, „ist eure Stunde.“ „Ihr Feinde“, will er sagen, „habt freies Spiel jetzt wider mich. Fallt über mich her, verklagt mich, macht mich zu Schanden, schleppt mich zum Blutgerüste; jetzt bin ich euer!“ Und wie spricht er weiter? „Jetzt ist die Macht der Finsternis.“ „Der Hölle“, - Dies ist dieses Wortes Sinn, - „ward nun freier Spielraum wider mich gegönnt. Jetzt steht's ihr zu, mit mir zu machen, was ihr beliebt: denn hinfort bin ich durch richterliches Verhängnis ihrer Gewalt anheimgegeben.“

Und siehe, der Mann wird in der Tat gegriffen, wie ein gefährlicher Verbrecher gebunden, unter wüsten Drohungen vor die Schranken des Gerichts geschleppt; und nicht lange wird es währen, so werden wir ihn aus unendlichen Not- und Jammertiefen wimmern hören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ - Seht, ganz dieselbe Stellung und das nämliche Geschick, wie wir's vorhin als das verdiente Los eines jeden Sünders kennen lernten. Und wer ist der Mann am Ölberg, über welchen diese Schrecken sich ergießen? Wer es noch nicht wüsste, würde sagen: „Wer kann er sein, als ein Übertreter ärgster Gattung?“ Und diese Rede hätte allen Grund. Der zur Haft Gebrachte ist ein solcher und doch auch wieder ein Heiliger und Gerechter. Wie dies zusammengehen könne, das deutet uns Paulus in dem bekannten Worte: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm würden die Gerechtigkeit Gottes.“ Vor einem Geheimnisse stehen wir also hier; aber vor einem seligen und herzentzückenden. Ich befinde mich, wenn ich Glauben habe, zu dem Manne am Ölberge in einem eigentümlichen Verhältnis: denn wisst, was dort Grauenhaftes über ihn ergeht, nicht sein Fluch ist es, sondern der meine. Der Heilige und Gerechte unterzieht sich stellvertretend dem Geschicke des Schuldigen und Verdammungswerten, und dieser geht ewig frei und ledig aus, und erbt das Los des heiligen Gottessohnes. Wundervolle, unvergleichlich selige Wahrheit! Alleiniger Schild und Trost im Leben und im Sterben!

O ihr gebenedeiten Seelen, die ihr Christi eigen seid! Wie mag man würdig die Herrlichkeit eures Standes preisen! Heil euch zu dem wunderbaren Tausche, den der Sohn des Ewigen mit euch eingegangen! Glück zu diesem Bürgen und Zahler aller eurer Schulden! Vergesst es nimmer, das nächtliche Bild der Gefangennahme eures Hohenpriesters. Malt's euch mit frischen, hellen Farben an die Wände eurer Kammern. Werdet ihr wieder an den Fluch gemahnt, den ihr durch die Sünde auf euch ludet, so gewöhnt euch, denselben nicht anders mehr anzuschauen, als in diesem geschichtlichen Gemälde, wo ihr ihn nicht mehr auf euch, sondern auf demjenigen lasten seht, in dessen Martern er ewig unterging. Macht euch hinfort nicht Sorgen mehr um leere Schatten. In Ewigkeit wird für euch keine Zeit mehr kommen, da auch ihr zu euern Feinden und Verklägern etwa sprechen müsstet: „Jetzt ist eure Stunde, und die Macht der Finsternis!“ Euer Stellvertreter sprach's ein für alle Mal für euch, und euer wartet hinfort nur noch die Stunde des Triumphes und der Wonne, die nie mehr enden wird. Habt denn Frieden, ihr in Seiner Gerechtigkeit Geheiligten und mit Seinem Opfer ewig Vollendeten. Träumt ferner nicht von Lasten, die eure Schultern nicht mehr drücken, sondern wisst und vergesst es nimmer, dass euer Prozess für alle Ewigkeit gewonnen ist. Seht, dort trägt Christus eure Banden für immer fort; und es liegt euch nun nichts mehr ob, als Den von ganzem Herzen lieb zu haben, und immer inniger zu umfassen, der alle eure Vermaledeiung auf sich nahm, auf dass ihr möchtet ewig jauchzen können: „Jehova Zidkenu!“ d. h. der Herr ist unsre Gerechtigkeit!

O habe Dank für Dein unendlich Lieben,
Das Dich für mich in Not und Tod getrieben,
Dass Du den Zorn, der über mich sollt' kommen,
Auf Dich genommen!

Nur Dir, nur Dir, Lamm Gottes, sei mein Leben
Zum Eigentum auf ewig hingegeben,
Wozu Du mich durch Deine Todeswunden
So hoch verbunden!

Nichts kann und soll hinfort von Dir mich scheiden;
Ich bleibe Dein, bis Du mich dort wirst weiden,
Wo Deine Liebe ewig wird besungen
Mit Engelzungen. - Amen.

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