Körber, Emil - Siehe, das ist Gottes Lamm! - Das erste Weihnachtsfest auf Bethlehems Fluren.

Körber, Emil - Siehe, das ist Gottes Lamm! - Das erste Weihnachtsfest auf Bethlehems Fluren.

(Christfest 1873.)

Text: Luk. 2, 1-14.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste, und geschah zur Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und Jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, dass er von dem Hause und Geschlecht Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und da sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott, und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

Christus ist geboren! Das ist die Freudenbotschaft, welche ich heute dir, im Herrn geliebte Gemeinde, bringen darf. Der, auf den die Väter hofften, nach dem Könige und Propheten sehnsüchtig ausschauten und mussten doch ihr Sehnen ungestillt mit ins Grab nehmen; der, auf den das ganze Alte Testament durch Weissagung, Vorbild und Gottesdienst wie mit Fingern hindeutete, auf den die ganze Welt und alle Kreatur bewusst und unbewusst wartete: der ist da, ist gekommen, ist erschienen. Gott ist offenbart im Fleisch! Das Wort ward Fleisch, und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Christus ist geboren! Und mit ihm das Heil der Welt. Darum jauchzet ihr Himmel, und du Erde, sei fröhlich; das Meer brause und was darinnen ist, der Erdboden und die darauf wohnen. Die Wasserströme frohlocken, und alle Berge seien fröhlich. Freut euch, ihr Engel Gottes; freut euch, ihr Menschenkinder; freut euch, ihr Sünder; freue dich, Welt; freue dich, Christenheit; freue dich, Gemeinde; freue dich, meine Seele!

Ja, meine Lieben, der Geburtstag unseres Heilands ist ein Freudentag für alle Welt. Wenn dieser Tag nicht gekommen wäre, so wäre wohl schon die ganze Welt in Traurigkeit und Schwermut versunken und im Abgrund der Verzweiflung untergegangen, die Sünde und ihre Frucht, der Tod, hätten die ganze Welt vollends vergiftet und getötet. Aber Christi Geburt hat neues Leben in die todkranke, sterbende Welt gebracht; mit Christus ist das Leben erschienen, das ewige Leben, das Sünde und Tod überwindet. Wo Christus in einem Herzen geboren wird, da ergießen' sich Wasserströme auf das dürre Land der Seele, die Wüste und Einöde steht lustig, das Gefilde des Herzens ist fröhlich und blüht wie die Lilien, blüht und grünt und bringt Frucht des Geistes in aller Lust und Freude. Christus ist geboren! Nun gibt es eine Wiedergeburt des Herzens, eine Wiedergeburt der Menschheit, eine Wiedergeburt der ganzen Kreatur, welche durch die Sünde der Menschen der Eitelkeit unterworfen ist.

Kennen wir diese Wiedergeburt aus Erfahrung? Ist Christus in unserm Herzen geboren? Wenn es nicht dazu bei uns kommt, so nützt uns alle Weihnachtsfeier nichts. Die Weihnachtspredigt, die wir hören, und die Weihnachtslieder, die wir singen, können uns nicht selig machen. Christus muss in unserm Herzen geboren werden. Dazu möge uns allen das heutige Christfest gesegnet sein, wenn wir mit einander betrachten

Das erste Weihnachtsfest auf Bethlehems Fluren:
Und zwar

1. Den Festort und die Festzeit,
II. die Festgabe,
III. den Festprediger und die Festpredigt,
IV. die Festgemeinde und das Festlied.

Treuer Immanuel, werd auch in mir nun geboren!
Komm, o mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren!
Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir,
Der du mich liebend erkoren.

Amen.

I.

Das erste Weihnachtsfest auf Bethlehems Fluren ist das schönste. Es strahlt und leuchtet wie eine helle Sonne, von der all unsre Weihnachtsfeste, Weihnachtspredigten, Weihnachtslieder, Weihnachtsgaben und Freuden das Licht und den Schein, Wärme, Leben und Weihe empfangen. Der Festort ist freilich klein und gering. Nicht Rom, die Stadt der Weltherrschaft, nicht Athen, die Stadt der Weisheit, Wissenschaft, Kunst und Bildung, nicht Jerusalem, die Stadt der Könige, Propheten und Priester, die Stadt des Tempels und der schönen Gottesdienste Jehovas, sondern Bethlehem hat Gott erwählt. „Du Bethlehem-Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ Also spricht des Herrn Mund durch den Propheten Micha; und also hat es sich buchstäblich erfüllt; und zur Erfüllung musste ohne sein Wissen und Wollen ein stolzer Kaiser auf dem Throne beitragen mit der Schatzung seines großen Weltreiches. Sich, Seele, das sind Gottes Wege! O wer ist wie unser Gott, der sich so hoch gesetzt hat, und sieht auf das Niedrige im Himmel und auf Erden? Du wohnest in der Höhe und im Heiligtum, und bei denen, so zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass du erquickest den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. Ja, das sind Gottes Wege; sie führen hinab in die Niedrigkeit und Tiefe. Aber mein Weg und dein Weg, wohin führt der? In die Höhe, in die eitle, stolze Höhe der Welt! Unser natürliches Herz trachtet nach Ehrenkränzen, Würden und Kronen. O Brüder und Schwestern, lasst uns klein, ganz klein werden, dass unser Herz ein Bethlehem sei, in dem Christus geboren wird. - Nun hat freilich im kleinen Bethlehem schon im 4ten Jahrhundert die Liebe und Verehrung der Christen durch die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins, eine prachtvolle Kirche gebaut, deren Schiff vier Reihen von je 12 Marmorsäulen tragen; 15 Stufen führen zu beiden Seiten hinab zur Grotte der Geburt Jesu, die mit Marmorplatten bedeckt und von 32 silbernen Lampen erhellt ist. Wer wollte diese Liebe, womit die Christen auch äußerlich ihren Heiland verehren, tadeln? Nein, jene prachtvolle Bethlehemskirche soll uns vielmehr ein Bild sein für das innere, geistliche Leben. Wo nämlich ein Herz in Demut ein kleines Bethlehem geworden ist, da baut Gott der Herr selbst einen herrlichen Tempel, den Tempel des Geistes, mit den Säulen des Glaubens, die kostbarer sind als jene Marmorsäulen der Kaiserin Helena, und mit dem Hochaltar der Liebe, die nimmer aufhört, die in Gott selig ruht, wirkt und arbeitet zur Ehre Christi und zum Heil der Brüder, so lange es Tag ist. Auch brennt und leuchtet in diesem Tempel die Lampe des Geistes Tag und Nacht und gibt wohl einen helleren Schein und ein freundlicheres Licht, als jene 32 silbernen Leuchter. O Christen, möchte doch unser aller Herz ein kleines Bethlehem werden, in dem Gott der Herr den Tempel des Geistes baut. Bethlehem mit seinem Stall und seiner Krippe soll uns beständig predigen:

Hinab, mein Herz, hinab! So wird Gott in dir wohnen.
Die Demut lohnet er mit goldnen Himmelskronen;
Im Demutstale liegt des Heilgen Geistes Gab,
Drum wohl dem, der sie sucht: hinab, mein Herz, hinab!

Bethlehem ist der Festort des ersten Weihnachtsfestes.

Und welches ist die Festzeit? „Es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ Nacht war es, als das Licht der Welt auf unsrer armen Erde erglänzte und in dieses irdische Leben hereingeboren wurde. Diese Nacht ist ein Zeichen und Bild von der Nacht der Sünde und des Verderbens, die auf der Erde lag. Finsternis bedeckte das Erdreich und Dunkel die Völker. Aber nun heißt es: das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über die da sitzen im Schatten des Todes, scheint es helle. In der Nacht wird das Licht der Welt geboren, das Licht, das alle Nacht der Sünde, des Unglücks und des Todes vertreibt.

Ja, Christus der Herr, der Aufgang aus der Höhe, vertreibt die Nacht der Sünde, und macht die, so an ihn glauben, zu Kindern des Lichts, zu einem Licht im Herrn. Wer mir nachfolgt, spricht Jesus, der wird nicht in Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. Ihr seid allzumal

Kinder des Lichts und Kinder des Tags ruft der Apostel den Christen in Thessalonich zu wir sind nicht von der Nacht, noch von der Finsternis. Mein Freund, hat das Licht der Welt auch dich aus deiner Sündennacht ans helle Licht des Tages gebracht? Oder hast du die Finsternis mehr lieb als das Licht? Liebst, hegst und pflegst du deine Sünde noch? so kannst du nicht fröhlich Weihnacht feiern, und fällst zuletzt der ewigen Nacht der Verdammnis anheim. Lass dich erleuchten heute vom ewigen Licht, ich bitte dich im Namen des neugeborenen Heilands, der nach deiner Seligkeit dürstet, und lass einen hellen Schein von der Weihnachtssonne in dein durch die Sünde verdunkeltes Herz fallen, werde durch Buße und Glauben an den Heiland ein Kind des Lichts; dann kommst du einst in das Land des Lichts, wo keine Nacht und Dunkelheit mehr ist und die Sonne nimmer untergeht. Christus vertreibt die Nacht der Sünde.

Und auch die Nacht des Unglücks. Wohl treffen Leiden und Trübsal aller Art den Christen, Anfechtung von innen und außen überfällt ihn, Sturm und Wetter schlägt über seinem Haupte zusammen. Aber das Alles ist für den Christen, der wirklich ein Kind des Lichtes ist, kein Unglück, sondern es dient zu seinem Besten; denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen, zum Heil, zur ewigen Seligkeit und Herrlichkeit. Darum lasst uns der schwermütigen Trauer den Abschied geben, lasst uns nicht mehr klagen und murren, zagen und verzagen, sondern vielmehr glauben an das Licht der Welt, das mit seinen sanften Strahlen des himmlischen Trostes und ewigen Friedens auch die Unglücksnacht erhellt. Ja auch die Nacht des Todes. Denn das Grab ist durch Christum ein stilles Schlafgemach des Leibes geworden, während die Seele von den Engeln ins Paradies getragen wird. O heilige Nacht, gesegnete Nacht, unvergessliche Nacht, in der mein Heiland geboren wurde und die Sonne der Gerechtigkeit auf Erden erglänzte! Sei mir gegrüßt, freundlich gegrüßt, du Freudennacht! Du vertreibst alle Finsternis und Dunkelheit, und hast den Tag gebracht, der kein Ende mehr nimmt.

Dies ist die Nacht, da mir erschienen
Des großen Gottes Freundlichkeit;
Das Kind, dem alle Engel dienen,
Bringt Licht in meine Dunkelheit;
Und dieses Welt- und Himmelslicht
Weicht hunderttausend Sonnen nicht.

Nachdem wir den Festort und die Festzeit betrachtet haben, wenden wir unsere Blicke

II.

zur Festgabe des ersten Weihnachtsfestes. Die Festgabe ist das teure Jesuskind, Christus der Herr, geboren in der Stadt Davids. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab. Mit dieser Gabe hat der Vater im Himmel der armen, unter der Last der Sünde und Schuld seufzenden und beinahe sterbenden Welt ein Geschenk gemacht, im Vergleich zu dem alle Weihnachtsgeschenke der Christenheit, alle Kleinodien und Edelsteine der Welt, alle Schätze Himmels und der Erde, ja die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung nichts ist als Staub und Asche. Und wie hat der Vater dieses Festgeschenk der Welt gegeben? Die Antwort ist zu lesen im 7. Verse unseres Textes: „Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ O meine Freunde, nach jedem Worte dieses Verses sollten wir stille stehen, in tiefer Demut und Anbetung niederfallen und die Knie beugen, das Haupt verhüllen, loben und danken, singen und jubilieren! Gott ist im Fleische! wie soll ich würdig von diesem gottseligen Geheimnisse reden? Vater im Himmel, salbe mich mit deinem Geiste und reinige mein Herz und meine Lippen mit der brennenden Kohle des himmlischen Altars, dass ich die Menschwerdung deines eingebornen Sohnes der Gemeinde in Lauterkeit und Einfalt verkündigen kann. Der Eingeborne des Vaters wird der Erstgeborne einer Jungfrau! Der wird als Mensch geboren, in dem und durch den und zu dem alle Dinge geschaffen sind im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und Unsichtbare, die Throne und Herrschaften und Fürstentümer und Gewalten. Der wird als Mensch geboren, von dem Johannes sagt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, das gemacht ist. Der wird als Mensch geboren, durch den alle Geburt der ganzen Schöpfung zu Stande kam. Geboren wurde er. Nicht so wurde er ein Mensch, dass er, was ja auch möglich gewesen wäre, auf wunderbare Weise die Gestalt eines vollkommenen Mannes annahm; nein, er wurde geboren als ein Kind, wie sonst ein zartes, hilfloses, schwaches Kind, geboren auf dem Wege der Natur, doch ohne Sünde, und durchlief alle Altersstufen bis zum Mannesalter, machte die natürliche und geistige Entwicklung durch als Gottmensch.

Der alle Ding erhält allein,
der ist ein Kindlein worden klein
den aller Welt Kreis nie beschloss,
der liegt in Mariens Schoß.

„Und sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Und doch ist er der Eingeborne des Vaters, der die Himmel ausspannt wie ein Tuch, der die Sterne auf ihren endlosen Bahnen leitet, das Meer und die Enden der Erde wie mit einer Spanne umfasst. O meine Lieben, die Gedanken vergehen mir, nicht weil dieses Geheimnis der Menschwerdung Gottes mir als Unvernunft und Torheit erscheint, sondern es geht über mein schwaches, menschliches Verständnis, ich muss mein Angesicht verhüllen wie jene Seraphim im oberen Heiligtum vor der Herrlichkeit Jehovas, mein Geist steht vor Ehrfurcht still. Aber mein Herz wird entzündet in heißer, inniger Liebe zu dem, der mich armen, sündigen, von Gottes heiligem Gesetz verfluchten und verdammten Menschen also geliebt hat, dass er ein Kind geworden ist. O wie soll ich dir danken, mein großer Gott, du Mensch gewordener Heiland, du liebenswürdige, ewige Liebe? Ja, nicht kritisieren, grübeln und den Kopf zerbrechen, sondern anbeten und danken ist unsre Aufgabe bei der Krippe des Jesuskindes. Unsre Liebe soll entzündet werden zu dem, der uns so hoch geliebt hat; unser Herz soll entbrennen in dankbarer Gegenliebe, dass wir freudig Leib und Seele ihm opfern. Auch kann und soll uns die Krippe des Heilands besonders eine Schule der Demut werden. Der Hochmut ist unser gefährlichster Gegner, der Hochmut hat den Satan zu Fall gebracht, der Hochmut hat unsre ersten Eltern in die Sünde und ins Elend gestürzt. Ihr werdet sein wie Gott,“ flüsterte die Schlange. Das hat gezündet; und noch brennt dieses Sündenfeuer des Hochmuts in eines jeden Menschen Brust. Nun ist Gott geworden wie wir, ein Mensch, ein Kind, und hat sich erniedrigt bis zum Stall und zur Krippe. Sollte nicht durch dieses heilige Liebesfeuer des demütigen Kindes in der Krippe das unheilige Sündenfeuer unsres Hochmuts verzehrt werden? Sollte nicht beim Stall und bei der Krippe Jesu alle Eitelkeit und Kleiderpracht, aller Adel- und Geldstolz, aller Wissens- und Weisheitsdünkel, alle Selbsterhöhung und Selbstvergötterung uns gründlich vergehen? O Schande und Schmach über unsern elenden, jämmerlichen Hochmut!

Die Festgabe ist das Kind in der Krippe. Hören wir nun

III.

den Festprediger und seine Festpredigt. „Und siehe, des Herrn Engel trat zu den Hirten, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend.“ Der Festprediger auf Bethlehems Fluren ist ein überirdischer, himmlischer Geist, der Engel des Herrn, ein hoher Engelfürst. Wie tröstlich, stärkend und herzerhebend ist das für jeden evangelischen Prediger! Er soll und darf wissen, dass, was sein schwacher, sterblicher Mund predigt, vor ihm des Herrn Engel verkündigt, ja die ganze Menge der himmlischen Heerscharen besungen hat. Wer wollte nun da sich noch schämen des Evangeliums von Christo, und nicht vielmehr freudig seinen Mund auftun und dem Unglauben und Halbglauben zum Trotz die Predigt von Christus in die Welt hineinrufen? Ja wir verkündigen ein englisches, himmlisches, göttliches Evangelium!

Und was hat nun der Engel des Herrn gepredigt? Fürchtet euch nicht!“ so beginnt die Predigt des Engels. O was ist das für eine trostreiche, selige Predigt mitten in einer Welt voll Angst und Furcht des Todes, voll Traurigkeit und Herzeleid. Nun heißt es beim Aufgang der Sonne des Neuen Bundes: Fürchtet euch nicht! Wer Christo angehört, braucht sich nicht zu fürchten; nicht vor seiner Sündenschuld, denn sie ist getilgt; nicht vor dem Tode, denn sein Stachel ist abgebrochen; nicht vor der Hölle und Verdammnis, denn sie ist für ihn nicht vorhanden, sondern er ist erlöst und ein Erbe der Seligkeit und Herrlichkeit. Wir haben nicht einen knechtischen Geist empfangen, spricht Paulus, dass wir uns abermals fürchten müssten; sondern wir haben einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! Furcht ist nicht in der Liebe, bezeugt Johannes, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus. Nur eine Furcht soll der Christ haben, die heilige Ehrfurcht vor Gott, die sich scheut Sünde zu tun und die Sünde flieht wie eine Schlange. In dieser Furcht Gottes wird aber alle Menschen-, Welt- und Todesfurcht begraben. So darf und kann der Christ furchtlos und sorglos durch diese Welt gehen. Statt Furcht, Angst und Pein wird ihm in Christo große Freude zu Teil; denn ihm ist ja ein Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr. Die Weltfreude, meine Lieben, ist eine kleine Freude, ja, im Licht der Wahrheit betrachtet, gar keine Freude; sie rauscht und braust vorüber, und das Herz ist nachher so öde und leer wie vorher. Aber die Freude im Herrn ist eine große Freude. Sie dehnt sich weit aus über alle Welt; kein Volk, kein Land, kein Haus, kein Herz, auch das Herz des ärmsten, fündigsten Menschen nicht, ist davon ausgeschlossen, wenn es sich nicht selbst ausschließt durch Unbußfertigkeit und Unglauben. Und wie in die Weite so geht die große Freude Christi auch in die Tiefe, indem sie das Herz wahrhaft befriedigt. Was Geld und Gut, Reichtum und Ehre, Wollust und gute Tage dir nimmer geben können, weil dein Herz für die Ewigkeit geschaffen ist, das gibt dir voll und ganz. Jesus Christus, der Heiland der Welt; er gibt das Glück des Herzens, die Ruhe in Gott, die Freude im Herrn. Und diese Freude ist groß, sie wächst und wird immer größer, je mehr du in Christum dich hineinlebst und eine Rebe an Ihm, dem Weinstock, wirst. Und endlich wird es heißen: Gehe ein zu deines Herrn Freude! Ewige Freude wird über ihrem Haupte sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird weg müssen. Freund, vergiss die Festpredigt des Engels nicht; nimm sie zu Herzen, und ruhe nicht, bis du ihre Wahrheit an deinem Herzen erfahren hast. Nun lasst uns endlich betrachten

IV.

die Festgemeinde und das Festlied. Jeder Prediger hat für seine Predigt eine Gemeinde von Zuhörern.

Auch dem Engel fehlt diese nicht. Es sind die Hirten auf dem Felde, die des Nachts ihre Herde hüteten. Merkwürdig, dass die erste Gemeinde aus Hirten besteht. Viele Fürsten und Könige, Große und Reiche, Gelehrte und Weise, Priester und Leviten schliefen und ruhten in jener Nacht auf ihrem Lager; aber zu keinem von ihnen kam der Engel, sondern zu den Hirten. Für das Evangelium taugen eben Leute, die arm sind, arm am Geist. Den Armen wird das Evangelium gepredigt. Selig sind, die geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr. Darum herunter, o Mensch, von deiner eingebildeten, stolzen Höhe des Wissens! In göttlichen Dingen können wir nichts wissen, als was Gottes Geist uns offenbart; wer aber seinem eigenen Geiste traut und aus sich selbst weise und klug werden und den Weg zum Himmel finden will, der ist nimmermehr tüchtig für die Weihnachtspredigt. Herunter auch von der stolzen Höhe deiner eigenen Gerechtigkeit und Heiligkeit. Wer sich immer gut dünkt wie die Pharisäer, gehört nicht zur Weihnachtsgemeinde. Sünder, arme Sünder müssen wir werden, so arm wie die Hirten, Leute, die sich als Sünder erkennen und fühlen und mit beiden Händen nach dem Sünderheiland greifen. Und dieses Bewusstsein eines armen Sünders muss auch im Stande der Gnade, der Rechtfertigung und Heiligung dich begleiten bis ans Ende. Gottes liebste Kinder gehn als arme Sünder in den Himmel ein. Die hochmütigen Frommen und Heiligen aber, die sich auf ihre Gebete, auf ihre Andacht, auf ihre Almosen, auf ihre Buße und Bekehrung, auf ihren Glauben, ihre Liebe und Hoffnung so viel zu gute tun und mit Verachtung auf die Weltkinder herabsehen, sie sind in den Augen Gottes ein Gräuel, auch wenn sie vom Morgen bis zum Abend an der Krippe des Jesuskindes knien würden. Je größer deine Fortschritte im Christentum sind, desto kleiner, demütiger und bescheidener sollst du werden, den Hirten gleich; an kleinen, demütigen Leuten hat Gott der Herr ein Wohlgefallen, sie bilden seine Festgemeinde.

Zur Festgemeinde der Hirten auf Erden kommt noch die himmlische Gemeinde der Engel, die das Festlied singt. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und an den Menschen ein Wohlgefallen.“ Dieses Festlied kann ich nun freilich nicht mehr erklären, weil die Zeit vorgerückt ist. Aber Eins lasst uns lernen: das Festlied der Engel ist ein Loblied! O Christen, dass wir doch mehr Loblieder singen möchten. Es werden in christlichen Kreisen so viel Klagelieder gesungen auf die gottlose, böse Welt, auf das Elend dieses Lebens und auf den eigenen erbärmlichen Herzenszustand. So soll es nicht sein. Möchte doch ein Freudengeist unter uns einziehen, ein frischer, fröhlicher Geist des Dankens und Lobens für das, was Gott an uns getan hat. Ich meine, wer Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten recht bedenkt und an seinem eigenen Herzen erfährt, der hat wahrlich Grund genug, ein Loblied nach dem andern zu singen, auch wenn er durch viel Trübsal hindurch muss; denn er trägt in sich das ewige Leben. Auch das heilige Abendmahl, das wir heute wieder durch Gottes Gnade feiern dürfen, soll uns eine rechte Trost- und Freudenquelle, eine Quelle des Lobens und Dankens werden. O singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Nehmet die Harfen und greift mächtig in die Saiten. Unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, solch Lob ist lieblich und schön.

Hallelujah! denn uns ist heut
Ein göttlich Kind geboren;
Von ihm kommt unsre Seligkeit,
Wir wären sonst verloren.
Am Himmel hätten wir nicht Teil,
Wenn nicht zu unser Aller Heil
Dies Kind geboren wäre.
Liebster Heiland, Jesus Christ,
Der Du unser Bruder bist,
Dir sei Lob, Preis und Ehre.

Hallelujah im Himmel! Hallelujah auf Erden! Hallelujah in unsrer Gemeinde! Lobe den Herrn, meine Seele!

Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/k/koerber_e/siehe_das_ist_gottes_lamm/koerber_-_gottes_lamm_-_das_erste_weihnachtsfest.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain