Bengel, Johann Albrecht - Lebensregeln

Bengel, Johann Albrecht - Lebensregeln

1 Böse Gerüchte

Man hüte sich vor der Schuld; wegen eines unbegründeten bösen Gerüchts darf man sich keine Sorge machen. Es gibt immer wieder etwas anderes, womit die Leute sich zu schaffen machen und worüber sie das Vorige vergessen. Was man auf geschickte Art verhüten oder auch verbessern kann, das tue man; aber das weitere lasse man sich nicht anfechten.

2 Gegen übertriebene Heiligung

Unter anderm ist auch dies eine Ursache, warum ich äußerlich keine besondere Strenge in der Heiligung an mir blicken lasse: damit nämlich, wenn einer von ungefähr etwas in Worten oder Gebärden versehen 1) sollte, das Ärgernis nicht gar so groß sein möge.

3 Klugheit

Es braucht nicht viel: Die Hauptsache der Klugheit im Umgang besteht darin, das, was man nicht kann, sein eignes Unvermögen zu verbergen und zu bedecken; wenn man etwas nicht auszuführen oder durchzubringen vermag, sich's nicht merken zu lassen, daß man gern möchte; froh zu sein, wenn einem nicht viel befohlen ist, weil man auch das wenige, das befohlen ist, nicht genugsam fördern kann. Wer für klug will angesehen sein, darf nur fein an sich halten, besonnen urteilen und sich nicht übereilen.

4 Rat an einen Beamten

Habe keine unrechte Sache im Verborgenen und verteidige die Ehre Gottes in der Öffentlichkeit, so wirst du wohl bestehen.

5 Gelassenes Handeln

Man läßt bei allen Gelegenheiten sein Licht leuchten durch sorgfältigen Wandel und durch Mildtätigkeit; aber das immer betriebsame Wesen ist unnötig. Wenn ich ein Bäumlein hätte und ich immer daran schnipfeln und darum umgraben wollte, so würde es doch nicht besser und fruchtbarer werden. Wir sollen nicht große Pläne im voraus machen, sondern klein anfangen, damit wir nicht infolge des nachher Geschehenen nachlassen und beigeben müssen; man kann immer wieder zugeben.

6 Geradezu

Es scheint oft ein Rat anfangs hart; wenn man aber dem Rat folgt, so ist man hernach froh, wenn man einmal durch den Bach ist. Es ist überhaupt am besten, wenn man gerade, aufrichtig und der Wahrheit gemäß zugeht.

7 Hören und Reden

Ich halte viel auf das Sprüchlein: Ein jeglicher Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden (Jak. 1, 19).

Es ist freilich bequemer, ohne Zaum einherzugehen als im Zaum zu stehen; aber dies ist nützlicher. Wenn man gar alles heraussagt und nicht an sich halten kann, so verliert man ganz seinen Kredit, weil man auf eins so wenig als aufs andere achtet. Es ist dies eine große Schmach für einen Menschen.

Wenn man Leute, die etwas sein wollen, genugsam ausreden läßt, und es ist in ihrer Rede etwas Kohniges (Unsauberes) vorhanden, so kommt's zuletzt von selbst heraus, und da hat man sie kennengelernt.

Im Umgang mit andern soll man nur das Übermaß, das Allzuviele, welches vom Übel ist, vermeiden, das heißt alles, was stark in die Augen fällt und was Aufsehen erregen kann. Man soll andere fein genug reden lassen, hernach seine Stimme auch abgeben und am Bösen keinen Anteil nehmen. So kommt man durch.

8 Von der Wahl des Umgangs

Ich habe mich noch allezeit wohl dabei befunden, daß ich bei meinem Umgang und bei meinem Briefwechsel die schwer bewaffneten Soldaten, das heißt die hohen und vornehmen Doktoren, habe fahren lassen und mich zu meinen Schülern gehalten und mit ihnen fortgemacht habe.

9 Einsamkeit

Ich habe die Einsamkeit als einen Schutz, durch den man von dem Gewühl des Lebens befreit ist und Muße hat, die Begegnung mit Gott zu pflegen. Man käme sonst um mehr als ein Mannesalter, ohne zu wissen wie und wohin.

Man kann, wenn man durch den Umgang mit andern guten Seelen so wohl gefüttert ist, nicht leicht innewerden, wie es einem im Verhältnis zu Gott selbst und allein zumute sein möchte. Es heißt immer nur: Man muß mit vollen Segeln fahren; es treibt eins immer das andre auf.

10 Bestrafung

Man sieht mich manchmal für stumm an; aber ich habe doch schon manchem die Wahrheit gesagt. Nur tue ich's gern im Verborgenen, wenn ich einen allein vor mir habe. Die bewußt gesuchten Bestrafungen, durch die man besonders vor andern auf jemand eindringt, erregen oft nur Bitterkeit. Etwas anderes ist es, wenn einem ein besonderer göttlicher Trieb den Mund öffnet. Wenn man dann einen allein straft, so geschieht es oft, obwohl es im Anfang beißt und wehtut, daß man hernach erkennt, wie gut es gemeint gewesen ist. Das brüderliche Bestrafen wird meist durch die Eigenliebe oder durch die Schüchternheit behindert, aber auch dadurch, daß man den Balken an sich selbst nicht sieht.

11 Geselligkeit

Es ist doch besser, wenn Kinder Gottes zuweilen bei erlaubten Gelegenheiten auch in die Gesellschaft anderer gehen. Es wirkt sich immer aus, wann das, was man im Umgang bezeugt, mit dem übereinkommt, was auf der Kanzel gepredigt wird. Vieles wird untergehen; endlich aber bleibt doch etwas. Wenn es schneit, wird manche Schneelage von der Nässe des Erdbodens verschlungen, endlich aber kommt es doch zu einer Zusammenballung und damit zu einem weißen Überzug.

Wenn man für sich ist, vertieft man sich in seine eignen Gedanken; wenn dagegen Wahrheiten durch den Umgang, durch das Gespräch mit andern, durch Predigen und Unterricht recht abgehobelt werden, dann bekommen sie ein ganz anderes Gesicht und sind erst recht brauchbar. Der Wein muß oft durch das Leder, das heißt durch Schläuche, und die Gedanken müssen durch die Feder, dann kann man sie recht genießen.

Warum haben die Altväter in ihren Einöden so viele Nachstellungen von bösen Geistern gehabt? - Sie hätten dessen überhoben sein können, wenn sie im Umgang mit andern geblieben wären. So aber mußten sie auch etwas haben, wodurch sie geübt wurden. Der Glaube kann im Einsiedlerleben schwerlich zu einer rechten Kraft und Stärke gelangen, weil es ihm an der Übung in Werken der Liebe gegen den Mitmenschen fehlt. Ein freundschaftlicher Umgang und ein Gespräch tut oft mehr als viele Beweisgründe in einer Sache, von der man eben den andern gerne überzeugen wollte.

Wenn man einen Menschen nur merken läßt, daß man ihn für einen Mitmenschen halte, so kann man ihm schon sein Herz abgewinnen.

12 Verhalten im Umgang

Man soll sich im Umgang mit andern nur nicht fremder Sünden teilhaftig machen; sonst aber soll man alle Freundlichkeit und Liebe beweisen.

In gerechter, ehrlicher Sache fürchte ich mich nicht vor einer Abweisung. Man geht oft auf der andern Seite erst hernach in sich und schämt sich, daß man eine abschlägige Antwort gegeben hat.

13 Zurückhaltung

Man muß die Wahrheit nicht aufdrängen und nicht allzu mitteilsam sein. Man verspielt nichts dabei, wenn man ein wenig an sich hält. Es dient vielmehr zur Förderung; man wird begieriger. Der Umgang lediger Personen miteinander ist eben auch unter dem besten Schein verderblich. Eine gewisse Herbheit ist darin gut und dienlich.

14 Das Beisammensein von Christen

Es ist doch betrüblich, daß Leute, die alle vorgeben durch Christus selig zu werden, stundenlang beisammen sein können, und man nicht ein Wort von diesem gemeinschaftlichen Heiland aus ihrem Munde hört. Man sieht vielmehr augenscheinlich, wie sie ganz anders beschäftigt sind.

Wo man nicht dem Heiligen Geist das Regiment läßt, da kann man auch im Umgang mit andern nicht ohne Heuchelei durchkommen. Den Brudertitel muß man nicht zu einem Titel machen, durch den man andere ausschließt und zugleich bezeugt, wer nicht in dieser Verbindung stehe, sei kein Christ. Es bleiben ja noch viele Kinder Gottes, die wir nicht kennen und die sich nicht mit unsrer Verbindung einlassen. Von ihnen können und sollen wir nicht begehren, uns zu trennen oder sie von uns auszuschließen. Man soll andererseits auch nichts dagegen machen, wenn sich andere auf ein Ziel hin verbinden und sich untereinander Brüder nennen. Man lasse einen jeden nach seiner Überzeugung handeln und wolle nicht alles tadeln. In den Hauptsachen sind alle rechtschaffenen Christen eins. In Nebensachen muß es nicht ein jeder nach seinem Kopf haben wollen.

15 Missionsgedanken

Die Nachrichten vom Lauf des Worts und vom Wachstum des Reiches Gottes in den Morgen- und Abendländern erwecken bei allen, die das Heil Gottes lieben, Dank und Lob, doch neben der Freude auch die Sorge, es möchte, wie es an dunklen Orten hell wird, so an hellen aber undankbaren Orten dunkel werden. Unterdessen tun treue Knechte des allgemeinen Herrn nach allem Vermögen unter Gebet das, was er einem jeden in seinem Ort an die Hand gibt.

16 Offenheit

Wie ich gegen jemand gesinnt bin, soll man nicht daraus schließen, wie ich mich gegen ihn von Angesicht zu Angesicht bezeuge, sondern aus dem, wie ich von ihm rede, wenn er nicht anwesend ist und nicht zu vermuten ist, daß man es ihm wieder sagen werde. Lügen soll man nicht; aber es ist dagegen nicht nötig, daß man jedesmal die ganze Wahrheit sage. Dazu gehört Weisheit.

17 Argwohn

Es ist nicht zu glauben, was es für ein System von Verdächtigungen geben kann, wenn man einmal auf etwas gekommen ist. Da kann sich scheinbar alles zusammenreimen, so daß es herauskommt, als könnte es nicht fehlen, und ist doch nichts dahinter.

18 Von Verfolgungen

Wenn eine Verfolgung über viele oder über alle ergeht, die gleichen Sinnes sind, so muß keiner den andern verlassen, sondern alle müssen ausharren. Wo man aber nur einen sucht, der mag und darf entweichen.

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autoren/b/bengel/bengel-lebensregeln.txt · Zuletzt geändert: von aj