Bard, Paul - Es wird alles vollendet werden.

Bard, Paul - Es wird alles vollendet werden.

Am Sonntage Quinquagesima.

O Lamm Gottes, unschuldig
Am Stamm des Kreuzes geschlachtet,
Allzeit erfunden geduldig,
Wiewohl du wurdest verachtet:
All Sünd hast du getragen,
Sonst müssten wir verzagen.
Erbarm dich unser, o Jesu! Amen.

Lukas 18, 31-43:

Er nahm aber zu sich die Zwölfe, und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und es wird alles vollendet, das geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet, und geschmäht, und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten, und am dritten Tage wird er wieder auferstehen. Sie aber vernahmen der keines, und die Rede war ihnen verborgen, und wussten nicht, was das gesagt war. Es geschah aber, da er nahezu Jericho kam, saß ein Blinder am Wege und bettelte. Da er aber hörte das Volk, das durchhin ging, forschte er, was das wäre. Da verkündigten sie ihm, Jesus von Nazareth ginge vorüber. Und er rief und sprach: Jesu, du Sohn David, erbarme dich mein! Die aber vorne an gingen, bedrohten ihn, er sollt schweigen. Er aber schrie vielmehr: Du Sohn David, erbarme dich mein! Jesus aber stand stille, und hieß ihn zu sich führen. Da sie ihn aber nahe bei ihn brachten, fragte er ihn und sprach: Was willst du, dass ich dir tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen möge. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend; dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er sehend und folgte ihm nach, und preiste Gott. Und alles Volk, das solches sah, lobte Gott.

Gemeinde Jesu Christi!

Wir stehen auf der Schwelle der Passionszeit. Wie der klagende Ton der Glocken, die sie einläuten, durchtönt das Herrnwort: „seht, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und es wird Alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn“ den Lärm des Tages. Willst du nicht zusehen, lieber Mensch? zusehen, wie das stille Lamm Gottes, beladen mit der Riesenlast der Sünden aller Welt, auch deiner, über Jerusalem nach Gethsemane und Golgatha Seine saure Straße zieht? Oder willst du geschlossenen Auges am Wege stehen?

Von den Jüngern lesen wir: „sie vernahmen der keins, und die Rede war ihnen verborgen, und wussten nicht, was das gesagt war.“ Sie mögen entschuldigt sein. Der hier geweissagte Ausgang stimmte so ganz und gar nicht zu dem Messiasbilde ihrer Gedanken und Sehnsucht. Dornenkranz und Kreuzesschmach erschienen ihnen als das Widerspiel der Herrlichkeit ihres Herrn, der sie warteten, als das Grab ihrer Hoffnung. Aber gilt die rügende Klage: „sie vernahmen der keins“ nicht auch zahllosen Scharen der Christenheit unserer Tage? O der Christenheit, für welche die Passion des Herrn eine Tatsache der Vergangenheit ist und im hellen Licht des deutenden Wortes: „musste nicht Christus solches Alles leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ längst ihre Lösung fand? O der Christenheit, welche ihren Herrn nie anders kannte als am Kreuz und im Schmuck der Krone von Dornen und den Stand Seiner Herrlichkeit erlebte, in welchem Ihm weltkundig gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden? O der Christenheit, die nach Seinem Namen sich nennt, mit Seinem Blut gewaschen ist und Ihm huldigte als ihrem Herrn und König? Ist sie auch zu entschuldigen, wenn das Lamm Gottes unverstanden an ihr vorüberzieht? Ich denke nicht bloß an die rohen Spötter und wüsten Lästerer, nicht bloß an die verbissenen Feinde des Evangeliums, denen das Kreuz ein Ärgernis und eine Torheit ist. Zählen nicht auch die dahin, die mit einigen flüchtigen Regungen der Rührung, mit etlichen schnell geweinten und schnell getrockneten Tränen der Passion des Herrn ihren reichlichen Tribut gezahlt zu haben meinen? Werden sie nicht auch getroffen von dem Wort: „sie wussten nicht, was das gesagt war?“

Gewiss, Geliebte, die Passion unseres Herrn hat eine das Menschenherz bis in die Tiefen rührende, ergreifende, erschütternde Gewalt. Mehr als irgendein Geschehnis der Geschichte. Sie ist die Tragödie ohne Gleichen. Wohin immer du siehst, ob nach Gethsemane, wo der Angstruf des mit dem Tode Ringenden die Nacht durchzittert, ob in Caiphas Palast, wo der rohe Faustschlag Ihm ins Antlitz fährt, ob in das Richthaus des römischen Prokurators, wo die wüste Soldateska ihren Mutwillen mit Ihm treibt oder an das Kreuz, wo die ganze Hölle losgelassen erscheint, um die Qualen des von Gott und Menschen Verlassenen mit schneidendem Hohn ins Unermessliche zu steigern keine der Stationen Seines Leidens lässt dich ohne tiefste Bewegung des Herzens. Wer von uns hätte das nicht erfahren! Von jener Stunde an, da wir diese Geschichte ohne Gleichen zum ersten Mal vernahmen von den Lippen etwa einer geliebten Mutter mit angehaltenem Atem, mit blutendem Herzen, mit nassen Augen lauschten wir ihr! - bis heute, wo die Passionszeit sie wieder anhebt an uns vorüberzuführen - nie konnten wir unbewegt an ihr vorüber.

Aber, Geliebte, soll, darf denn die Rührung, das Ergriffensein, die Erschütterung des Gemüts, ihre einzige Frucht sein? Den Weibern Jerusalems, welche Ihn zum Tode geleiten, gilt sein verweisendes Wort: „ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch und über eure Kinder!“ An bewegten, ergriffenen Herzen hat es dem Herrn nie gefehlt. Aber an ihnen hat Er nicht genug. Dazu ist der Preis doch zu hoch, den er zahlte, dazu das Blut zu kostbar, welches dort floss, um nur die Empfindungen der Rührung und Teilnahme zu erzielen. Und wenn sich dir beim Anblick des leidenden Herrn das Herz umkehrte, damit hast du den Ertrag der Passion nicht gewonnen. Deshalb kannst du doch verloren gehen. Ganz ein Anderes will der Herr mit Seiner Passion. Viel, viel mehr will Er von dir. Fragst du noch, was? Wandeln, wandeln will Er dein Herz das ist das Ziel der Passionsverkündigung. Wandeln dein Herz, dass es tüchtig werde für die Welt der Zukunft, deren Genosse du werden sollst! Zwar, der ganze Zuschnitt deines Lebens zielt auf diese Wandlung deines Herzens. Auf sie hat Gott es mit Allem abgesehen, was Er an dir tut und dir schickt. Von der kleinsten Beunruhigung deines Gemüts an bis zum herzbrechenden Leid hin, von der unscheinbarsten Freude bis zum herzschwellenden Jubel zielt Alles dahin, deine Ohren zu öffnen für den Ton des Evangeliums, das dich begleitet von der Geburt bis zum Grabe, deine Augen zu erschließen für die majestätische holdselige Gestalt deines Herrn, der hart an deiner Seite geht, um die Wandlung deines Herzens, an der Alles gelegen ist, zu beschaffen. Aber die Mitte des Evangeliums ist die Geschichte der Passion Jesu Christi. Und mit der Bezeugung dieser Passion steht Gott auf der Höhe Seiner Arbeit am Menschenherzen. Sie ist das eigentlich spezifische Heilmittel fürs Herz. Darin liegt die Verantwortlichkeit der Passionsbetrachtung. Wo sie versagt, ist da noch Hoffnung auf Genesung?

Aber sie kann, mehr als alles Andre, das Herz wandeln. Sie hat Gottes Herz gewandelt: den Grimm Seines Zorns in die Glut Seiner Liebe. Sie kann auch dein Herz wandeln: seine Sicherheit in Scham und Grauen, seine Furcht in fröhliche Zuversicht, seine Eiseskälte in Feuersglut - das soll sie, das kann sie: ein beschämtes, ein festes, ein brennendes Herz dir schenken. Nur wo sie das erzielt, hat sie die Frucht gezeitigt, auf die sie es absah.

Wird sie's tun bei dir, Menschenkind? - Du stehst wieder an der Schwelle der Passionszeit. Wirst du, wenn du sie durchliest, den Schatz eines beschämten, festen, brennenden Herzens ihr danken? Nur, wenn du sie in rechter Beleuchtung siehst, nur, wenn du ihr Gewicht würdigst. Willst du's nicht? nicht folgen seinem Rufe: „seht!“, nicht bitten mit dem Blinden am Wege: „Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein!“? Er erschließt die Bedeutung Seiner Passion:

Es wird Alles vollendet werden - das ist der Schlüssel zu ihrem Verständnis.

„Es wird Alles vollendet werden“ nicht zufällig, nicht unerwartet geschieht, was in Gethsemane und Golgatha geschieht, nicht zweifelhaft ist sein Erfolg. Vielmehr es ist Reifung einer fürchterlichen Saat, Ausführung ewiger Gedanken Gottes und hat die Bürgschaft seines Gelingens in der Geduld Jesu Christi. Es musste so kommen, es sollte so kommen und es musste gelingen - in dem Licht will die Passion des Herrn gesehen sein. Es muss so kommen das gründet in der Natur der Sünde, es soll so kommen das lag im Heilsrat Gottes, und es wird gelingen dafür bürgte die Kraft der Geduld Jesu Christi. So will die Passion gewürdigt sein als

1. ein Werk der Sünde der Welt und des Argen,
2. ein Werk des Heilsrates Gottes und
3. der Geduld Jesu Christi.

1.

Die Passion des Herrn ein Werk der Sünde der Menschen und des Argen, ja eine notwendige Frucht der Sünde - so will sie zuerst gewürdigt sein. Geliebte! wir sind gewohnt, die Passion des Herrn als Bezahlung für unsere Sünde anzusehen. Das ist sie auch, ja das ist ihre vornehmste Bedeutung und darauf steht all unser Trost im Leben und Sterben. Aber sie ist nicht bloß das. Nicht bloß eine Bezahlung für unsere Sünde. Auch ein Werk, eine Frucht unserer Sünde. Nicht bloß für uns hat Er gelitten. Auch durch uns. Wir, die Welt, haben Ihn ans Kreuz gebracht. Lasst euch die Rede nicht befremden, Geliebte! Wohl, wir waren nicht dabei, als Israel und Rom, Judas und Petrus, Caiphas und Pilatus sich an Ihm vergriffen, Ihn ans Kreuz schlugen. Wir sind durch fast 19 Jahrhunderte von der Zeit, durch weite Fernen von dem Schauplatz, da es geschah, geschieden, ja, wir sind empört, dass es geschah und verurteilen, die es taten, als Übeltäter. Aber ist wirklich der Kreis der Widersacher, der Mörder Jesu Christi mit Judas und Caiphas und Pilatus und den Kriegsknechten geschlossen? Reicht die Verantwortlichkeit, die Mitschuld, die Mitverhaftung für jene Untat, die schwärzeste auf den Blättern der Geschichte, nicht über jene dunklen Gestalten hinaus? Es war nicht zufällig, sondern sichtlich von Gott gefügt, dass Israel und Rom, Juden und Heiden miteinander, und zwar beide in obrigkeitlicher Vertretung, den Herrn ans Kreuz brachten. Dass nicht einzelne Bösewichter nur, dass die Welt die Tat vollführte, für sie verantwortlich ist, sollte damit kund werden. Und ist sie's nicht? Sind nicht auch wir es? Wenn du auch in den Tagen Seines Fleisches dich nicht an Ihm vergriffest, tust du Ihm auch jetzt, da Er bei dir ist alle Tage, nichts zu Leide? Und wenn wir auch Seine Feinde von damals verabscheuen, haben wir nichts, gar nichts mit ihnen gemein? und wenn nicht mit dem Tun ihrer Hände, auch nicht mit den Gedanken, den Regungen, dem Schlage ihres Herzens, aus der seine Verwerfung, seine Verurteilung, sein Tod geboren wurde? Wirklich nicht?

Was hat denn Judas aus seinem Jünger zu seinem Verräter gewandelt? war's nicht sein Unmut über den Anspruch des Herrn an sein ganzes ungeteiltes Herz? was hat Petrus in die Tiefe der Verleugnung seines Meisters stürzen lassen? nicht das Missfallen an der Leidensgestalt Seines Herrn und die Weigerung, den gleichen Weg zu gehen? Was hat Israel, seine Obersten voran, so aufgebracht wider Jesum von Nazareth? nicht der Zorn über seine Aberkennung der eigenen Güte und Tugend? was hat Pilatum zum ungerechtesten Richter der Welt gemacht, da er den einzig Sündlosen für einen todeswürdigen, gemeinen Verbrecher erklärt? war's nicht die Furcht vor der Gefährdung des Genusses seiner Lust und Ehre und die Verstimmung über die Kühnheit des Angeklagten, ihm sein Gewissen zu wecken?

Wenn du ihre Taten nicht mittatest, hast du auch an dieser Gesinnung, an diesem Schlag des Herzens, aus dem jene Taten geboren wurden, kein Teil? auch damit nichts gemein? kannst du, darfst du, wagst du es auf diesen Sinn deines Herzens gesehen, neben ihnen die Hände zu waschen mit dem Pilatusbekenntnis: „ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten“? Hast du wirklich nicht wie Judas mit dem Herrn gehandelt um das halbe Herz und die Hälfte dir vorbehalten wollen zum weiteren Dienst der Sünde neben der Nachfolge Jesu Christi? bist nie unmutig gewesen über seinen „unbescheidenen“ Anspruch, das ganze Herz zu haben? Hast du nie, wie Petrus, Missfallen gehabt an der niedrigen verachteten Gestalt des Herrn und Scheu, mit Ihm zu leiden? Hat es dich nie verdrossen, wie Israel, wenn der Herr dir alle eigene Güte, allen eigenen Ruhm aberkannte und dein Heil ausschließlich auf Seine Gnade gründete? Hast du nie die Nachfolge Jesu Christi deiner Ehre, deiner Lust zum Opfer gebracht, wie Pilatus, und ihm gezürnt, wenn er mit dem Schlag deines Gewissens dich im Dienst der Sünde störte. Wenn denn aber nicht die Tat, sondern der Sinn die Regung des Herzens über den Wert oder Unwert, über die Verhaftung des Menschen entscheidet und wenn du's nicht leugnen willst und kannst, dass der Sinn, die Regung, der Schlag des Herzens, aus dem jene Untaten geboren wurden, auch im eigenen Busen sich finden, und wenn denn der Herr nicht bloß damals während Seines sichtbaren Wandels im Fleisch von diesen Sünden zu leiden hatte, vielmehr der uns nahe und gegenwärtige bis heute unter ihnen leidet wer hat den Mut, seine Mitverhaftung, seine Mitschuld an den entsetzlichen Taten Seiner Passion zu leugnen? Dann sind jene Widersacher des Herrn nicht einzelne Übeltäter nur, sondern die Repräsentanten unseres Geschlechts, dann haben nicht sie nur, nicht Judas, Petrus, Caiphas, Pilatus nur an dem Herrn sich vergriffen, vielmehr, so gewiss als die Welt ihren Sinn teilt und dasselbe Herz im Busen trägt, das gleiche unentschiedene, feige, eitle, genusssüchtige Herz, die Welt, die ganze Welt Ihm das Leid getan, welches Ihm schließlich das Herz brach am Kreuze. Dann ist die Passion Jesu Christi das Werk der Sünde der Menschen, aller Menschen.

Ja, die notwendige Frucht der Sünde.

Was ist denn das innerste Wesen, der Herzschlag der Sünde? St. Paulus sagt: die Sünde ist Feindschaft wider Gott. So ist es. Zwar, wir empfinden sie nicht immer so. Wir erfahren sie zunächst nur als Widerwille gegen das Gesetz, die Ordnung, den Willen Gottes. Aber wenn doch Gesetz, Ordnung, Wille Gottes nicht etwas Willkürliches ist, sondern der Niederschlag Seines Wesens, wenn Er in Gesetz, Wille, Ordnung Seine Gegenwart hat, ist dann nicht die Sünde Widerwille, Feindschaft wider Ihn selbst? Ihm gram sein, das ist der Sünde innerstes Wesen, ihm als dem Hindernis der Befriedigung des eigenen Willens, der eigenen Lust. Ihn aus dem Mittel zu tun, Ihn zu beseitigen, Ihn zu töten - dass, so sage ich! - dahin zielt die Sünde. Was Wunder, dass, als Gott Fleisch wurde, als Er in die Hände der Menschen sich gab, die Welt sich an Ihm vergriff und Ihn ans Krenz schlug! An dem Mensch gewordenen Gott fand die Sünde das eigentliche Ziel ihres Hasses und schäumte ihren Grimm an Ihm aus, da sie ihn erwürgte. Darum war die Passion des Herrn nicht Sein zufälliges Erlebnis, vielmehr die notwendige Frucht der Sünde, die wesentlich Gottesfeindschaft ist. Es musste so kommen. In dem Morde Jesu Christi zeigte die Sünde ihr wahres Gesicht und vollendete sie sich. „Es wird alles vollendet werden.“ So will die Passion zuerst verstanden sein. Dann aber freilich steht sie in ganz anderer Beleuchtung. Dann sehen wir nicht voll Unwillen und Entrüstung nur auf Judas und Petrus und Caiphas und Pilatus, vielmehr voll Schrecken, dass wir dasselbe Herz mit ihnen im Busen tragen, dann ruht unser Auge auf der Leidensgestalt des Herrn nicht bloß voll Rührung und Teilnahme, sondern voll Scham, dass wir Ihm mit jenen Leides taten, dann sieht uns das bleiche Antlitz vom Kreuz her nicht bloß klagend, sondern verklagend an und die geschlossenen Lippen noch gewinnen die Sprache auch gegen dich und mich: „mir hast du Mühe gemacht in deinen Sünden und hast mir Arbeit gemacht in deinen Missetaten“, dann, meine ich, müsste vor dem Kreuz auf Golgatha die brennende Scham uns das Herz füllen zum Bekenntnis Davids: „an dir allein habe ich gesündigt“, wir müssten mit Petrus unsere bitteren Tränen weinen und mit der Kirche Gottes ergriffen beten: „ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget das Elend, das dich schläget, und das betrübte Marterheer“.

Aber neben die Scham muss das Grauen vor der Sünde treten, wenn wir die Passion erkennen als ein Werk des Argen. Die Passion des Herrn nicht ein Werk der Menschen nur, auch des Argen; nicht der Erde nur, auch der Hölle. So will sie weiter gewürdigt sein.

Geliebte, kein Geschehnis der Welt trägt so deutlich die Züge satanischer Tücke, als die Passion Jesu Christi. Hier hat die Sünde ihre Maske abgeworfen und zeigt ihr diabolisches Gesicht. So lehrt uns auch die Schrift die Passion des Herrn verstehen als ein Ringen des Herrn mit dem Argen.

Zwar nicht bloß die Passion. Vielmehr das ganze Leben des Herrn will in diesem Licht gewürdigt sein. Gleich im Anfang seines Werkes tritt der Satan Ihn an. Ihr kennt die Geschichte der Versuchung in der Wüste. Dann freilich - lesen wir - „weicht er von ihm eine Zeit lang“, eben bis an die Zeit der Passion, wo er aufs Neue ihn antritt. Aber auch in der Zwischenzeit zwischen jener Wüstenversuchung und dieser Passion richtet er unablässig, freilich, maskiert durch Menschen, seine Anläufe wider Ihn. In dem Worte der Ungeduld seiner Mutter in Cana, sie haben nicht Wein“, in dem Rate Petri, nicht nach Jerusalem ins Leid zu gehen, in den Versuchungen und Lästerungen der Obersten Israels, in dem Begehr des Volkes, Ihn zum König zu machen, in dem tobenden Ungestüm des Meeres, in dem Zuruf der Besessenen, in dem Kleinglauben Seiner Jünger - wir ersehen es aus den Antworten, dem Verhalten des Herrn naht er Ihm versuchend und hat der Herr sich seiner zu erwehren.

Aber in der Passionsgeschichte steigert sich der Kampf mit dem Satan zum blutigen Ringen. Der Herr selbst versteht sie so, wenn Er sie einläutet mit dem Wort: „es kommt der Fürst dieser Welt“, wenn er Judas einen „Teufel“ nennt, und Johannes berichtet, dass nach dem Bissen, den der Herr dem Verräter gab, „der Satan in ihn fuhr“. In Gethsemane aber haben wir unwillkürlich die Empfindung, dass die grause Macht der Finsternis ihre Kreise um Ihn zieht; die Kriegsknechte, die ihn fangen wollen, nennt Er selbst die Macht der Finsternis“; ans dem wilden Spott, der die entsetzliche Misshandlung begleitet in Kaiphas und Pilati Palast, hören wir das Hohnlachen der Hölle, und die kränkenden Worte Israels unter dem Kreuz: „bist du Christus, so steige herab vom Kreuz“ verraten den Versucher in der Wüste. So ist das ganze Leben, vollends die Passion Jesu Christi, ein Ringen mit dem Argen, ein Ringen wider seinen immer wiederholten Versuch, Ihm das Leiden zu verleiden, oder auch nur eine Regung des Unwillens Ihm zu erpressen.

Das aber, meine ich, muss uns mit Grauen erfüllen, dass die Sünde uns in die Hände der entsetzlichen Macht bringt, die uns in die Tiefe zieht, dass wir mit jeder Sünde aufhören, unsre eigenen Herren zu sein, dass wir mit ihr in den Bereich einer dämonischen Gewalt geraten, die uns drängt, wohin wir nicht wollen das soll uns das Grauen vor der Sünde wecken zum Entschluss: „wie sollt' ich ein solch Übel tun und wider Gott sündigen!“, freilich auch den brennenden Dank gegen den, der, stärker als Satan, in heißem Kampf seine Macht zerstörte und seine Ketten brach.

Denn Gott sei gepriesen, nicht ein Werk menschlicher Sünde, satanischer Tücke nur ist die Passion Jesu Christi, auch

2.

ein Werk ewiger Gedanken Gottes. Nicht bloß: es musste so kommen, vielmehr: es sollte auch so kommen: die Passion war auch der Wille, das Werk des lebendigen Gottes. Das bezeugt uns die Schrift auf allen Blättern. Nicht die Welt, der Satan nur waren die Verursacher Seiner Passion, Gott selber. Darum heißt der Herr das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trug. Darum bekennt der Herr im Gebet: „dein Wille geschehe“, darum versichert er dem stolzen Römer: „du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre“. Es war der Wille Gottes, dass Sein Kind diesen Weg ging: „Geh hin, mein Kind, und nimm dich an der Kinder, die ich ausgetan zur Straf und Zornesruten: Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß; du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.“ Hinter der Sünde der Menschen, hinter der Tücke Satans steht die Hand Gottes, die durch Menschenhand und Satanstücke den Herrn tödlich traf. Du weißt die Lösung des Rätsels: „also hat Gott die Welt geliebt“. „Darum preist Gott seine Liebe gegen uns damit, dass Christus für uns starb.“ Die Passion Jesu Christi war die Schale des Gerichtes Gottes über unsere Sünde, welche Er über Ihn ergoss. Die Sünde der Menschen, der Hass Satans galt dem menschgewordenen Gott. Das Gericht Gottes galt dem Repräsentanten unsers Geschlechts, dem Menschensohn. Und weil die Frucht der Sünde zugleich den Vertreter der Menschenwelt traf, so war sie Bezahlung für ihre Tat. So kam es, dass die dunkelste Tat der Sünde zugleich ihre Sühne war, weil sie gottgemeint doch den Täter traf in dem Repräsentanten der Menschenwelt, den Menschensohn Jesus Christus. Der gottgemeinte Hass wurde zum Gericht über die Menschenwelt. Und warum eine solche Flut des Leides? warum musste Gottes Hand so fürchterlich sein eigenes Kind treffen? Du kennst die Antwort. Um die verlegte Heiligkeit Gottes zu sühnen. Welch eine Erkenntnis, Geliebte! Es will uns schwer in den Sinn, dass es dieses furchtbaren Opfers bedurfte. Wir fragen immer wieder: war's denn nötig, war's denn unerlässlich, dass dieser Preis zur Erlösung unsers Geschlechts gezahlt wurde? stand es nicht bei Ihm, die Sünde zu erlassen ohne diesen Preis? Die Antwort magst du in Gethsemane suchen. Auf die Frage, „ists nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe“, gibt Er selber die Antwort: „ich trinke ihn denn, es geschehe dein Wille!“, die Antwort: „es ist nicht möglich“; es gibt keinen anderen Weg der Erlösung. Magst du es begreifen oder nicht, Gott selbst hats bezeugt: nur um den Preis des Blutes Jesu Christi konnte unser Heil beschafft werden. So unergründlich auch das Wesen Gottes uns sein mag, das Eine ist unwidersprechlich: der Art ist es, dass ohne diesen Preis du nicht erlöst wurdest. Des sei du gewiss. Eine Erkenntnis gleich erschütternd und tröstlich. Erschütternd welch ein verzehrend Fener muss Gott sein, dass nur des Sohnes Blut es löschen konnte! „Wer glaubt es, dass Er so zürnt!“ Aber, wenn du's siehst, zitterst du nicht vor dem lebendigen Gott, in dessen Hände zu fallen schrecklich ist? Tröstlich - denn der gezahlte Preis reicht zur Tilgung all deiner Sünde, auch wenn sie „blutrot“ ist und zum Himmel schreit. Erschrocken vor der Glut Seines Zornes, aber getrost über dem Gewicht der Sühne - so sollst du unter dem Kreuze deines Herrn stehen und festen, fröhlichen Herzens bekennen: „Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!“ Das soll die Frucht der Erkenntnis sein, dass die Passion das Werk nicht bloß der Sünde der Welt, nicht bloß der Tücke des Argen, auch die Vollendung des ewigen Heilsrats Gottes ist. Und auch

3.

darin lag die Kraft der Geduld Jesu Christi des Gelingens.

Auf das Bestimmteste und wiederholt versichert der Herr, dass die Passion nicht bloß Sein Widerfahrnis, auch Seine Tat sei. Nicht wider Willen, sondern mit Willen leidet, stirbt Er. Nicht weil Er soll nur, auch weil Er will. „Niemand nimmt mein Leben von mir, ich lasse es von mir selber.“ In Gethsemane bekennt Er: „es geschehe dein Wille“ und wehrt Seinem Jünger den Gebrauch des Schwertes mit der Erklärung Seiner Willigkeit.

Das ist von unermesslicher Bedeutung, Geliebte! Denn in der Willigkeit des Herrn gründet die Sühnkraft Seiner Passion. Leid allein sühnt nicht, nur willig getragenes Leid. Diese Willigkeit zu bewahren, auf ihr zu beharren - darin stand Sein Sieg, wie in dem unablässigen Versuch, Ihm die Willigkeit zu verleiden, die wesentliche Versuchung Satans von der Versuchung in der Wüste an bis zu Seinem Scheiden am Kreuz.

„Allzeit erfunden geduldig!“ welch Gewicht liegt in dem kurzen Wort! Das Ergreifendste, Überwältigende in der Passion des Herrn liegt nicht in der Flut des Leidens, das über Ihn dahinbraust, sondern in der Bewahrung der Geduld. Allezeit geduldig! - Auch als Judas Seine Lippen Ihm schändet - geduldig! Auch als Roms Krieger Ihn binden geduldig! Auch als Caiphas und Pilatus Ihn als Gotteslästerer und Rebellen verurteilen und ihr Pöbel Ihn entsetzlich misshandelt geduldig! Auch als sie Ihn ans Kreuz schlagen und bis ins Sterben höhnen, auch als Gott Ihn loslässt geduldig! Ja, was mehr ist, als Er die „Sünde der Welt auf sich nahm“, als Er das böse Gewissen aller Welt zu Seinem eigenen machte, als Er sich verantwortlich wusste für alle Sünde, alle Gräuel, die je und je geschahen und geschehen - geduldig! - Geduldig! - und doch der einzig Reine, der nie Einem Leides, Allen nur Liebes tat, ja der ewige Sohn Gottes, der mit einer flüchtigen Regung Seines Herzens, mit einem Wink Seiner Augen die Welt in Trümmer schlagen konnte doch, doch geduldig!

Woher kam Ihm die Kraft Seiner Geduld? Aus der Glut Seiner Liebe zu der Welt, derselben Welt, die Ihm so Leides tat! „Wo ist größere Lieb erfunden?“ Sollte sie, auch sie, wirklich nicht dein Herz bewältigen, seine Kälte in Feuersglut verwandeln können?

Ich las einmal von einem Jüngling, der fern vom Vaterhause auf Wege der Sünde und Schande geriet. Alle Bitten, Mahnungen, Klagen, Drohungen aus der Heimat versagten. Da ruft ihn die Botschaft der Erkrankung seiner Mutter heim. Er tritt ins Haus, ans Bett der eben Heimgegangenen. Das bleiche, kalte Antlitz bekundet wohl den Frieden, den sie fand, aber auch den tiefen Gram, der das Mutterherz brach. Da, als ihm der letzte Gruß der Verklärten gemeldet wird, dass sie für das verirrte Kind betend und es segnend entschlief, stürzt er, bewältigt von der Kraft der Mutterliebe, die auch durch die Sünde des Kindes, welche sie tötet, nicht gebrochen ist, auf sein Angesicht, es war der Anfang seiner Wandlung zu Heil und Leben.

Ich musste gedenken, wie auch wir, dem Vaterhause entwichen durch die Sünden, ein Jeder von uns seine Straße zieht und der Heimat vergessen; auch taub gegen so viel Gottesrufe, mit denen Er uns herumzuholen sucht. Wird denn, wenn Er dich nach Golgatha führt und dir zeigt, was du mit deiner Sünde angerichtet, dass du Sein Herz Ihm brachst, und dass Er trotz Allem noch sterbend für dich betete und dich segnete, dein Herz hart, kalt genug sein, der Scham, dem Dank sich zu verschließen?

Graf Zinzendorf sah in Utrecht ein Bild des ecce homo: „seht, welch ein Mensch!“ Er sah es lange an, das Antlitz mit den Zügen unermesslichen Leidens, unaussprechlicher Liebe. Es war ihm, als träte es aus dem Rahmen, und der Blick der stillen, wehen, bittenden Augen drang ihm bis in den Grund der Seele. Da fiel sein Blick auf die Überschrift: „Das tat ich für dich! was tust du für mich?“ Es war die Wende seines Lebens. Seine Losung von Stund an: „ich habe nur Eine Passion, das ist Er, nur Er!“ Wie vielen mit ihm ist die Passionsgestalt Jesu Christi die Kraft der Bekehrung, Seiner Nachfolge geworden! Dir nicht? Soll's auch nicht? Auch die stillen, wehen Augen deines Herrn nicht, die von dem Leid, das du ihm tatest, von der Liebe ohne Gleichen reden? Ich möchte, sie verfolgten uns Tag und Nacht, bis vor ihrem Strahl die Eisrinde unseres Herzens schmölze, und wir aus ihnen die Scham, die Zuversicht, die Dankbarkeit gewönnen, die uns mit jenem edlen Jünger seines Herrn bekennen ließen:

„Ich bin durch manche Zeiten,
Wohl auch durch Ewigkeiten
In meinem Geist gereist:
Nichts hat mir's Herz genommen,
Als da ich angekommen
Auf Golgatha! - Gott sei gepreist!“

Amen.

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