Bacon, Francis - Von der Einheit in der Religion.

Bacon, Francis - Von der Einheit in der Religion.

Da die Religion das vornehmste Band der menschlichen Gesellschaft ist, so ist es ein glücklicher Zustand, wenn sie selbst von dem starken Bande der Einigkeit fest umschlungen wird. Die Zwistigkeiten und Spaltungen wegen der Religion waren den Heiden unbekannte Übel. Die Ursache war die, dass die Religion der Heiden mehr in Gebräuchen und Festlichkeiten als in irgend einem unwandelbaren Glauben bestand; denn man mag sich denken, was für eine Art von Glauben der ihrige war, wenn sie als oberste Lehrer und Väter ihrer Kirche die Dichter anerkannten. Allein der wahre Gott hat dieses Merkmal, dass er ein eifersüchtiger Gott ist; deswegen wird auch seine Verehrung und Religion keinen Zusatz oder Gefährten dulden. Wir wollen daher einige Worte in Betreff der Einheit der Kirche sagen; und zwar, welches die Früchte davon, welches ihre Grenzen, und welches die Mittel dazu sind.

Der Früchte der Einheit (nächst Gottes Wohlgefallen, das Alles in Allem ist) sind zwei; die eine für Diejenigen, welche außerhalb der Kirche stehen, die andere für Diejenigen, welche darinnen sind. Bezüglich der Ersteren, so ist es unleugbar, dass Ketzerei und Abtrünnigkeit die größten aller Ärgernisse sind; ja grösser als Sittenverderbnis: denn wie im physischen Körper eine Wunde oder Trennung des Fleisches schlimmer ist als verdorbene Säfte, so ist es auch im geistlichen; so dass Nichts so sehr die Menschen von der Kirche abhält und daraus vertreibt als der Bruch der Einheit. Und wenn es sich daher jemals ereignet, dass Einer sagt: „Ecce in deserto“1), und ein Anderer: „Ecce in penetralibus“2), das heißt, wenn die Einen Christum in den Heiligtümern der Ketzer, Andere ihn in dem bloßen Äußern einer Kirche suchen, dann täte es Not, dass jener Ruf den Menschen unaufhörlich in den Ohren klänge: „nolite exire“ - „geht nicht hinaus“. Der Belehrer der Heiden (dessen eigentümlicher Beruf ihn bewog, sich vor den Andern draußen besonders zu hüten) sagte: „Wenn ein Ungläubiger hereinkäme, und hörte euch mit verschiedenen Zungen reden, wird er nicht sagen, dass ihr toll seid ?“3) und fürwahr, es ist kaum besser: wenn Atheisten und Frevler von so vielen Misshelligkeiten und widersprechenden Meinungen in der Religion hören, so muss sie das der Kirche abwendig machen, und sie veranlassen, sich auf den Stuhl der Spötter zu setzen“4). Dies ist zwar ein seichtes Wort, um als Bekräftigung einer so ernsten Sache angezogen zu werden, dennoch drückt es die Lächerlichkeit gut aus. Es gibt einen Meister der Spötterei, welcher in seinem Kataloge einer erdichteten Büchersammlung einem Buche diesen Titel vorsetzt: „Der Maurentanz der Ketzer“5), denn in der Tat hat jede Sekte eine eigene Stellung oder Drehung für sich, welche bei weltlich Gesinnten und ruchlosen Krittlern, die heilige Dinge gern herabsetzen, nur Gelächter erzeugen kann.

Was die Früchte für Diejenigen betrifft, welche in ihrem Schoße leben, so ist es der Friede, welcher unendliche Segnungen gewährt: er befestigt den Glauben, erweckt Mildtätigkeit; der äußere Kirchenfriede wandelt sich in Gewissensfrieden um, und lenkt die Beschäftigung des Schreibens und Lesens von Streitfragen auf Abhandlungen über Demut und Frömmigkeit.

Hinsichtlich der Grenzen der Einheit, so ist die richtige Feststellung derselben von äußerstem Belang. Es scheint zwei Überschreitungen zu geben: einerseits ist gewissen Eiferern jegliches Wort der Versöhnung verhasst: „Ist es Friede, Jehu? Was gehet dich der Friede an? Wende dich hinter mich“6). Friede ist nicht ihre Sache, sondern Verfolgung und Parteiung. Auf der andern Seite wiederum glauben gewisse Laodiceer7) und gleichgültige Personen, dass sie religiöse Punkte durch Mittelwege, Sich-Verhalten mit beiden Seiten, und spitzfindige Vergleiche schlichten könnten, als ob sie das Schiedsrichteramt zwischen Gott und Menschen übernehmen wollten. Diese beiden Extreme müssen vermieden werden, was dadurch geschehen kann, dass der von unserm Heiland selbst eingesetzte Bund der Christenheit in seinen beiden Gegen-Klauseln gründlich und deutlich ausgelegt werde: „Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns8), und ebenfalls: Wer nicht wider uns ist, der ist mit uns“; das heißt, wenn die Grundlagen und wesentlichsten Punkte der Religion nicht nur vom bloßen Standpunkt des Glaubens, sondern auch der Überzeugung, der Sitte und des Wohlwollens wahrhaft beurteilt und unterschieden würden. Dies mag vielleicht Manchen als eine Plattheit und als etwas bereits Geschehenes erscheinen; allein wenn es mit weniger Parteilichkeit geübt würde, so fände es weit allgemeinere Teilnahme.

Hierzu will ich, meinem unscheinbaren Urteile gemäß, nur diesen Rat geben: Die Menschen sollten sich hüten, Gottes Kirche durch zweierlei Streitigkeiten zu zerreißen; die eine ist, wenn der Inhalt des streitigen Gegenstandes zu geringfügig und unwichtig, und der Hitze und des Kampfes darum nicht wert ist, der durch bloßen Widerspruchsgeist entzündet wurde; denn wie von einem der Väter niedergesetzt ward: „Christi Kleid hatte zwar keine Naht, aber das Gewand der Kirche war von vielen Farben“; worauf er sagte: „In veste varietas sit, scissura non sit“9); denn Einheit und Einförmigkeit sind zweierlei Dinge. Die andere ist, wenn der Stoff der Streitfrage bedeutend ist, indessen zu einer übergroßen Spitzfindigkeit und Dunkelheit hinaufgeschoben wird, so dass daraus eher etwas Scharfsinniges als Wesentliches entsteht. Jemand, der Urteil und Verständigkeit besitzt, wird Unwissende zuweilen streiten hören, und doch bei sich selber wissen, dass die so von einander Abweichenden ganz derselben Meinung huldigen, aber trotzdem niemals zur Übereinstimmung gelangen können; und wann sich jemals eine solche Abweichung des Urteils zwischen Menschen vorfindet, sollten wir da nicht denken, dass Gott dort oben, der die Herzen kennt, wohl beurteilen könne, ob gebrechliche Menschen trotz einiger ihrer Widersprüche Ein und Dasselbe beabsichtigen, und Beide erhören werde? Das Wesen solcher Streitigkeiten ist von St. Paulus vortrefflich gekennzeichnet in der Warnung und Vorschrift, welche er zu diesem Behufe gibt: „Devita profanas vocum novitates, et oppositiones falsi nominis scientiae“10). Die Menschen schaffen sich Widersprüche, welche nicht bestehen, und hängen ihnen neue Ausdrücke an, und zwar solchergestalt, dass, während der Sinn das Wort beherrschen sollte, das Wort in der Tat den Sinn beherrscht. Es gibt aber auch zweierlei falsche Frieden oder Einheiten: erstens, wenn der Friede auf blinder Unwissenheit gegründet ist, denn alle Farben sind sich im Dunkeln gleich; zweitens, wenn er einem unmittelbaren Zugeständnis von Gegensätzen in wesentlichen Grundfragen aufgepfropft wird: denn Wahrheit und Irrtum in solchen Dingen sind wie das Eisen und der Ton der Füße von Nebukadnezars Traumgestalt: sie mögen wohl aneinander haften, aber sich nicht vereinigen11).

In Betreff der Mittel zur Erreichung der Einheit, so muss man sich hüten, im Erstreben oder Befestigen religiöser Einigung die Gesetze der Milde und der menschlichen Gesellschaft zu entstellen und aufzulösen. Es gibt zwei Schwerter unter den Christen, das geistliche und das weltliche, und beide haben ihr bestimmtes Amt und ihren gehörigen Platz in der Aufrechthaltung der Religion: doch lasst uns nicht das dritte Schwert erheben, welches Mahomets Schwert oder ein demselben ähnliches ist, das heißt, Religion durch Kriege zu verbreiten oder durch blutige Verfolgungen die Gewissen zu zwingen12); es sei denn in Fällen offenbaren Ärgernisses, von Lästerungen oder teilweisen Anschlägen gegen den Staat. Noch weniger aber, um Empörungen zu nähren; Verschwörungen und Aufstände zu beschönigen; das Schwert in die Hand des Volkes zu geben, und mehr dergleichen, wenn es zum Umsturz aller Herrschaft führt, welche die Satzung Gottes ist; denn das hieße nur, einen Tisch an dem andern zu zertrümmern, und Menschen als Christen zu betrachten, während man vergisst, dass sie Menschen sind. Da der Dichter Lukretius die Tat Agamemnons beschreibt, der das Opfer seiner eigenen Tochter ertragen konnte, ruft er aus: „Tantum religio potuit suadere malorum!“13)

Was würde er gesagt haben, hätte er von dem Blutbad in Frankreich14), oder der Pulververschwörung in England15) gewusst? Er würde ein siebenmal so eifriger Epikuräer und Atheist gewesen sein, als er war; denn gleichwie das zeitliche Schwert für die Sache der Religion mit äußerster Vorsicht gezogen werden muss, so ist es ebenso unnatürlich, dass es in die Hände des gemeinen Volkes gegeben werde; Solches möge den Wiedertäufern und andern Scheusalen überlassen bleiben. Es war eine große Lästerung, als der Teufel sprach: „Ich will aufsteigen, und dem Höchsten gleich sein“; aber eine größere Lästerung ist es, Gott zu preisen, indem man ihn sagen lässt: „Ich will hinabsteigen, und gleich dem Fürsten der Finsternis sein“; und um wie viel besser ist es, die Sache der Religion zu so grausamen und abscheulichen Handlungen zu entwürdigen, wie Fürstenmorde, Volksmetzeleien und Umsturz von Staaten und Regierungen? Wahrlich, das heißt, den heiligen Geist von dem Bild einer Taube zur Gestalt eines Geiers oder Raben erniedrigen, oder aus dem Nachen einer christlichen Kirche die Flagge eines Mörder- und Seeräuberschiffes herausstecken. Deswegen ist es nötig, dass die Kirche durch Lehren und Vorschriften, Fürsten durch ihr Schwert, und alle Wissenschaften, sowohl christliche wie philosophische, wie mit einem Merkursstab16) jene Handlungen und Meinungen, welche zu deren Stütze gereichen, verdammen und auf ewig zur Hölle senden; was auch zum großen Teil schon geschehen ist. Fürwahr, den Ratschlägen über Religion sollte jener Rat des Apostels vorangesetzt werden: „Ira hominis non implet justitiam Dei“17), und es war eine treffende Bemerkung eines weisen Vaters, und mit nicht geringerer Offenherzigkeit ausgesprochen, dass Diejenigen, welche dem Gewissenszwang anhingen und dazu anfeuerten, gemeiniglich die Verfolgung eigennütziger Zwecke dabei im Auge hatten.

1)
Evangelium Matthäi XXIV, 26: „Siehe, er ist in der Wüste.“
2)
Ebendaselbst: „Siehe, er ist in der Kammer.“
3)
1. Korinther XIV,23.
4)
Psalm I,1
5)
Der morris-dance oder Morisco-dance soll von den Mauren in Spanien abstammen und von Matrosen nach England gebracht worden sein. Seine Haupteigentümlichkeit bestand in dem vielfachen Wechsel der Stellungen und Gebärden. Auch Shakespeare erwähnt seiner im 2. Th. Heinrich VI., Akt III, Sc. 1.
6)
1. Buch Könige, XIX,18.
7)
Vgl. Offenbarung Johannis, III, 14-16
8)
Evangelium Matthäi, XII,30.
9)
Im Gewande sei Farbenwechsel, aber kein Riss.“
10)
1. Timotheus, VI,20: „Meide die ungeistlichen losen Geschwätze, und das Gezänke der falschberühmten Kunst.“
11)
Siehe Daniel, II,31-43.
12)
Bekanntlich verbreitete Mahomet seine Religion unter den besiegten Völkern dadurch, dass er ihnen die Wahl zwischen Koran und Schwert ließ.
13)
Lukretius, I, 101: „Zu solchen Gräueltaten konnte die Religion verleiten.“
14)
In der Bartholomäusnacht, 24. August 1572.
15)
Die von fanatischen Katholiken im Jahre 1605 angezettelte Verschwörung, deren Mitglieder durch den berüchtigten Guy Fawkes das Parlamentsgebäude während einer Sitzung beider Häuser in die Luft sprengen lassen wollten.
16)
Der Mythe nach entbot Merkur mit seinem Stabe, dem caduceus, die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt.
17)
Jakobus, I,20: „Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.“
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