Auberlen, Karl August - Das Geheimnis Gottes in Christo – II. Am Karfreitag.
Matth. 27, 33-44.
Und da sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das ist verdeutschet Schädelstätte, gaben sie ihm Essig zu trinken, mit Galle vermischt; und da er es schmeckte, wollte er's nicht trinken. Da sie ihn aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, auf dass erfüllt würde, das gesagt ist durch den Propheten: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen. Und sie saßen allda und hüteten sein. Und oben zu seinem Haupte hefteten sie die Ursache seines Todes beschrieben, nämlich: Dies ist Jesus, der Juden König. Und da wurden zwei Mörder mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorüber gingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel Gottes zerbrichst und baust ihn in dreien Tagen, hilf dir selber; bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz! Desgleichen auch die Hohenpriester spotteten seiner samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben. Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, gelüstet es ihn; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren.
Golgatha - Geliebte in dem Herrn, ist euch dieses Wort auch schon zu Herzen gegangen? Es nennt einen Ort der Schande und Schmach, den Hinrichtungsplatz für Verbrecher; und doch ist dieser Ort der größte und wichtigste, den es auf unserer ganzen Erde gibt. Wohl dem, dessen Herz an dieser Stätte nicht fremd ist, der schon oft im Geiste daselbst gestanden, daselbst seine Knie gebeugt hat! All unsere Mühe und Arbeit, unsere Sorgen und Geschäfte, unsere Freuden und Wünsche sind eitel und verderblich, wenn sie uns nicht zur Ruhe kommen lassen auf dem Hügel von Golgatha; aller Menschenwitz und alle Menschenweisheit, alle Wissenschaft und Kunst ist nichts und muss an jenem großen Tage im Feuer verbrennen, wenn sie uns nicht zur Ruhe kommen lässt auf dem Hügel von Golgatha; unser ganzes bisheriges Leben hat seine Bestimmung noch nicht erreicht, hat noch nicht das erlösende Wort für alle seine Rätsel gefunden, wenn es uns nicht hingeführt hat auf den Hügel von Golgatha unter das Kreuz unseres großen, hochgelobten Herrn und Heilandes Jesu Christi. Es hat ein treuer Zeuge der evangelischen Wahrheit gesagt, und dabei bleibt es, so lang die Welt steht:
Ich bin durch manche Zeiten,
Wohl gar durch Ewigkeiten
In meinem Geist gereist:
Nichts hat mir s'Herz genommen,
Als da ich angekommen
Auf Golgatha: Gott sei gepreist!
So lasst uns denn, Geliebte, in dieser Stunde an der Hand unseres Textes einen Gang nach Golgatha tun.
Wir richten daselbst unsere Blicke billig 1) vor Allem auf den Herrn selbst, sodann aber auch 2) auf das, was an ihm geschieht.
1.
Auf der Höhe von Golgatha wurden die Sünden der ganzen Welt gebüßt. An unserer Statt hing Jesus am Kreuze, für uns ist er ein Fluch geworden. Und wahrlich, seine Schultern sind ja stark genug, um die Sündenlast der ganzen Menschheit zu tragen. Denn der Herr ist es, der am Kreuze hängt, der ewige Gottessohn, der Erstgeborene vor aller Kreatur, der, durch welchen und in welchem alle Dinge sind, in welchem Alles, was da lebet, sein Dasein und Bestehen hat. Was Er tut, ist daher im Namen des ganzen Weltalls getan, dessen Haupt er ist (Kol. 1, 14-20). Weil sich aber die Welt von ihm, ihrem ursprünglichen Haupt, losgerissen hat und durch die Sünde ins Fleischeswesen versunken ist, so ist auch er von seiner heiligen Höhe herab ins Fleisch gekommen, hat die irdische Menschennatur an sich genommen und ist, wie Paulus schreibt, der andere Adam worden, in welchem nun auch das gefallene Menschengeschlecht wieder zusammengefasst ist (1 Kor. 15, 45. 47. Röm. 5, 12-21). So als der Erstgeborene vor aller Kreatur und als der zweite Adam ist er das lebendige Haupt der ganzen Welt, Gott sieht uns Menschen nur in ihm an; ist Er gestorben, so sind alle gestorben (2 Kor. 5, 14). Es ist das Weltgericht, Geliebte, das auf Golgatha vollzogen wurde (Joh. 12, 31), und wer daher im Glauben mit dem für uns gerichteten Jesus eins wird, der kommt nicht mehr in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen (Joh. 5, 24).
Ja der Herr konnte für uns eintreten; dass er es aber auch wollte, das ist das Werk seiner unaussprechlichen Liebe zu uns. Man muss etwas von der Liebe verstehen und geschmeckt haben, wenn man in die göttlichen Tiefen der Versöhnung einen Blick wagen will, von jenem seligsten und heiligsten Geheimnis, wodurch zwei Personen eine werden und noch tiefer und voller an einander sich hingeben, als wenn sie in eins zusammenflössen, von jenem Geheimnis, wonach die Gläubigen sagen können, dass der Herr ihnen näher sei, als sie sich selbst. Wie man aber immer das Beste, Tiefste und Reellste nicht in irdische Worte fassen, sondern nur im innersten Lebensgrund empfinden kann, so sind auch für das Geheimnis der Liebe alle Worte zu schlecht; und darum geht insbesondere, wie Paulus bezeugt, die höchste Liebe, die es gibt, die Liebe Christi zu den Sündern, über alle Erkenntnis weit hinaus (Eph. 3, 19); man kann sie nur mit Loben und Danken im innersten Herzen erfahren und weiß dann, dass sie das Gewisseste und Seligste ist, was es gibt. Auf dieser Liebe Christi ruht unser Heil, mit ihr hat er die ganze Sünderwelt umfasst und ist so eins mit ihr geworden, dass unsere Schuld ihm sein eigenes Herz abdrückte; in Kraft dieser Liebe hat er die Sünderwelt an sich herangenommen, wie die Mutter ihr Kindlein an den Busen nimmt (Röm. 15, 7), und hat zu ihr gesprochen: Alles was dein ist, das ist mein, und Alles, was mein ist, das ist dein; mein sei eure Sünde, euer sei meine Gerechtigkeit (2 Kor. 5, 21). Weil er aber wusste, dass solches nach des Vaters gerechtem Rate nicht geschehen konnte ohne eine Büßung unserer Sünde: so ist er freiwillig für uns in den Opfertod gegangen und hat die Schuld der Sünden getilgt und ihren Bann gelöst.
Und so haben wir denn nun Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum, die ganze Welt ist jetzt eine versöhnte Welt; das Opfer für alle Sünden ist gebracht, und du darfst nur eintreten in den Genuss des erworbenen Gutes.
O meine Lieben, ein Jeder, der ehrlich und aufrichtig gegen sich selbst ist, muss ja wissen, dass wir uns nicht selbst von unsern Sünden zu helfen vermögen. Und doch ist es um sie eine so ernste Sache, dass wir sie uns auch nicht selbst vergeben können, dass einem Jeden, der ein Gewissen und darin auch nur eine Ahnung von Gottes Heiligkeit hat, seine Schuld immer und immer wieder zu schaffen macht, mag er sich auch noch so oft darüber hinwegsetzen. Wir tragen unsere Last oft Jahre lang in uns herum und mühen und ringen mit unsern Idealen uns ab; aber wenn es auch lange Zeiten der Ruhe oder vielmehr der Gleichgültigkeit gibt, so kommen eben doch immer wieder Stunden, wo wir spüren, dass der wahre Friede uns fehlt. Und das wird nicht anders, bis uns die selige Wahrheit im Herzen aufgeht, dass es nicht an unserem Wollen oder Laufen liegt, sondern an Gottes Erbarmen (Röm. 9, 16). Da erkennen wir dann, dass vor allem die Sündenlast, die drückende Schuld im Gewissen von uns genommen sein muss dass wir entsündigt sein müssen, ehe es zu irgendetwas Gutem bei uns kommen kann. Und wenn uns nun verkündigt wird, dass der erbarmungsreiche Gott Christum schon dargestellt hat als ein Sühnopfer für unsere Sünden, und dass dieser Christus die Sündenschulden von aller Welt weggenommen hat, dass das Heil in ihm schon bereitet ist, und wir nur aus seiner Fülle schöpfen dürfen Gnade um Gnade: o, da wendet Alles in uns sich um, da fällt ein Himmelslicht von oben in unsere Seele, da rauscht es wie göttlicher Lebensodem durch unser erstorbenes Herz, und es geht eine ganz neue Welt voll Frieden und Freude vor uns und in uns auf. Wir können nur staunen und loben und anbeten über dieser großen Sache und, zu den Füßen des Gekreuzigten, sagen: nicht wir, Herr, nicht wir, sondern du bist's, du allein; du hast Gerechtigkeit und Leben! O wie waren wir so blind, dass wir nicht schon lange in deinem Lichte das Licht gesehen haben, den Frieden in deinem Angesichte und das Leben in deinem Tode! Es wird uns dann auch gezeigt, wie gerade nur durch einen solchen Weg des Heils, wo wir Alles bloß zu nehmen und Nichts selbst zu machen haben, die Wurzel der Sünde in uns, die Selbstsucht, das eigene Ich gebrochen und vernichtet werden kann. Und dazu eben ist das Kreuz Christi besonders angetan.
Denn wie wir gesehen haben, dass der Herr es ist, der am Kreuze hängt: so müssen wir nun unsere Blicke auch darauf richten, dass das Kreuz es ist, an welchem der Herr hängt. Schon der Ort, an welchem wir Jesum unser Heil auswirken sehen, ist in dieser Hinsicht von der größten Bedeutung. An der Stätte, wo sonst nur gemeine Verbrecher hingerichtet zu werden pflegten, da musste er für unsere Sünden büßen im Angesicht aller Welt. Und in welcher Gesellschaft finden wir da unsern Herrn? Eingeschlossen von zwei Mördern, deren einer zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken gekreuzigt wurde, so dass es ganz buchstäblich an ihm in Erfüllung ging: er ist unter die Übeltäter gerechnet.
Ihn selbst aber erblicken wir ebenfalls am Kreuze; eine der schmachvollsten Todesarten muss es sein, welcher er an unserer Statt sich unterzieht. An diesen drei zusammengehörigen Umständen, dass Jesus auf dem Hinrichtungsplatz, dass er mitten zwischen Mördern, dass er am Holz der Schande und des Fluchs gestorben ist, da können wir sehen, was wir mit unsern Sünden verdient haben.
Und wehe uns, Geliebte, wenn wir etwas von der Schmach und dem Ärgernis des Kreuzes Christi hinwegtun, wenn wir es mit hohen und schönen Worten menschlicher Weisheit schmücken und ausputzen wollten; dadurch würde ja gerade seine Kraft zunichte (1 Kor. 1, 17. 2, 1. 2). Wehe den Predigern der Versöhnung, wenn sie nicht sich selbst und allen ihren Zuhörern vorhielten: stehe da, auf diese Schädelstätte und an dieses Kreuz hast du hingehört, das ist die Schande, die nicht Jesus, sondern die wir, die du und ich verdient haben. Ja, meine Lieben, die Gnade Gottes, die sich auf Golgatha gegen uns erwiesen hat, ist unaussprechlich groß; aber es ist etwas an ihr, das muss uns durch Mark und Bein gehen, sonst kann sie uns nichts helfen; wir müssen uns von ganzem Herzen zu armen, fluchwürdigen Sündern machen lassen, sonst können wir ja keinen Teil haben an dem, der ein Fluch für uns geworden ist; sonst verschmähen wir seine Gemeinschaft gerade da, wo er Heil und Leben uns erworben hat. Es wäre keine gotteswürdige Gnade und keine heilige Liebe, welche die Sünde nur verdeckte und vergäße, statt sie nach Recht und Gerechtigkeit abzutun. Nein, der Stachel derselben muss uns zuvor recht ins Herz eindringen, wir müssen die Wunden, die sie uns geschlagen hat, mit bitterem Schmerz empfinden; dann erst können sie geheilt werden. Und dazu eben ist das Kreuz Christi als Kreuz uns gegeben.
Freilich nichts geht unserer Natur schwerer und härter ein, als dieses Geheimnis der Gottseligkeit. Wir lassen uns Vieles am Christentum gerne gefallen, wir bewundern Christum und wollen seine Lehre annehmen; denn seine ganze, hohe und holde Erscheinung redet an unser Herz, und seine Worte bezeugen sich unsrem Gewissen als Lebensworte: aber das Kreuz ist uns nicht nur ein Geheimnis, sondern wohl auch ein Ärgernis und eine Torheit. Und doch, Geliebte, kennt der Apostel Jesum Christum nur als den Gekreuzigten und seine Lehre ist nichts Anderes, als das Wort vom Kreuz; und wenn uns das noch Ärgernis und Torheit ist, so verhalten wir uns zu Christo noch nicht wirklich als Christen, sondern nur als Juden oder Heiden (1 Kor. 1, 23. 2, 2). Versuchen wir es aber einmal mit dieser bitteren Arznei, dann spüren wir ja bald auch ihre heilsame Kraft und erfahren, dass das, was Gott in Christo auf Golgatha zum Heil der Menschen veranstaltet hat, mit unseren eigenen Bedürfnissen aufs Tiefste zusammenstimmt. Denn die eigentliche Sündenwurzel in uns ist doch unser Stolz und Hochmut; das selbst Gott gleich sein wollen ist es, wodurch die alte Schlange noch heute die Menschenherzen in ihrem Trug gefangen hält. Tritt uns nun aber in dem, der ein Fluch für uns geworden ist, unsere wahre Gestalt entgegen, und lernen wir durch Gottes Gnade erkennen, dass wir, statt Gott gleich zu sein, vielmehr wahrhaftig nichts Anderes verdient haben, als solche Schmach und solchen Fluch: o, dann bricht der Stolz und Hochmut unserer Herzen entzwei, dann wird Trug und Bann der Sünde von uns genommen, und unsere Seele wird frei und atmet auf in Gott. Wir erkennen dann die Wahrheit, Geliebte, die Wahrheit zunächst über uns selbst, und die Wahrheit macht immer frei (Joh. 8, 32). Wir erkennen aber auch immer heller, dass Gott in seiner Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit gerade diesen Weg zu unserem Heil einschlagen, dass Christus also leiden musste (Luk. 24, 26. 46), wenn uns sollte geholfen werden. Wir lernen von Herzen Ja und Amen sagen zu diesen großen, gotteswürdigen Veranstaltungen und können ihn nur bewundernd preisen, dass er uns einen solchen Weg des Heils eröffnet hat; mit demütigem Danke ergreift nun das zerbrochene Herz die dargebotene Gnade. O, was ist es doch ein köstliches Ding um eine solche befreite, gelöste Seele, die ihre Gerechtigkeit vom Kreuze herab zu empfangen bereit ist! Da erst ist nun Raum geschafft dem Geiste Gottes, da sind die stolzen Höhen des natürlichen Wesens abgetragen, da wird man in sich selbst leer und klein, dass jetzt Gott mit seinen Himmelsgaben uns füllen kann. Da ist auch die rechte Lust und die rechte Kraft vorhanden, der Sünde wirklich abzusterben, wobei nun wieder der gekreuzigte Christus das A und das O für uns ist.
2.
Denn fassen wir jetzt auch noch ins Auge, was an ihm geschieht, so nehmen wir wahr, wie er eben der Sünde in allen Gestalten gestorben ist. Es sind im Leiden Christi alle einzelnen Züge von der größten Bedeutung; darum ist auch die Passionsgeschichte so unerschöpflich reich, und ein Christ, der sich gläubig in dieselbe versenkt, wird, so oft die Karwoche wiederkehrt, jedes Jahr neue Gnadenwunder darin entdecken. Und doch ist all unser Wissen nur Stückwerk; wenn aber einmal das Stückwerk aufhören und das Vollkommene kommen wird, dann werden wir es erst in klarer Anschauung erkennen, wie das Leiden und Sterben Christi auch darin von weltumfassender Bedeutung war, dass alle Sündenwurzeln in demselben zusammengefasst und ertötet sind, dass dadurch auf allen Lebensgebieten, welche durch die Sünde vergiftet wurden, der Tod des alten und die Geburt des neuen Wesens zu Stande kam.
Auch unser Text bietet in dieser Beziehung einige höchst merkwürdige Züge dar. Bei der Kreuzigung, heißt es, gaben sie ihm Essig zu trinken mit Galle vermischt, und da er's schmeckte, wollte er's nicht trinken. Man pflegte nämlich den Missetätern aus Mitleid einen betäubenden Trank zu reichen, damit sie die langen Qualen am Kreuz nicht mehr spüren sollten; Jesus aber sollte und wollte den heißen Kampf mit vollem Bewusstsein durchkämpfen, darum wies er den Trank zurück und zog es vor, zu den Qualen des Kreuzes hin auch noch die des Hungers und Durstes zu tragen. Sodann teilten die Kriegsknechte nach vollbrachter Kreuzigung vor seinen Augen seine Kleider unter sich aus. Des Menschen Sohn hatte nicht gehabt, da er sein Haupt hinlege, seine Kleider waren seine einzige Habe auf Erden; nun wird ihm auch diese vollends genommen. So ist er nicht nur alles irdischen Guts, sondern auch der einfachsten und notwendigsten Lebensbedürfnisse, der Nahrung und Kleidung beraubt; in völliger Armut und Ausgezogenheit hängt er zwischen Himmel und Erde da. Seht, welch ein Mensch!
Während aber unser Herr so um unsertwillen gehungert und gedürstet hat, wie steht es in seiner Christenheit! O wie Viele beschweren da ihre Herzen mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung (Luk. 21, 34), oft gerade an den ihm geheiligten Tagen am meisten! Und wo es auch nicht zu groben Sünden kommt, wie macht man oft das Essen und Trinken zur Hauptsache, wie steht man darauf und legt einen Wert darauf, wie sucht und findet das Fleisch seine Weide dabei! wie überschreitet man oft im fleischlichen Genuss das rechte Maß! Und die Kleider, die doch in der Heiligen Schrift das besondere Bild des Veraltenden und Vergänglichen sind, ach, wie viele Christenseelen hängen sich daran und finden in dem Nichtigsten ihren eitlen Stolz! Und das irdische Gut überhaupt, wie liegt es als ein Höllenbann auf tausend Herzen, der sie hinunterzieht in den Staub und nicht aufschauen lässt in Gottes Vaterherz hinein! O, was sind wir doch für törichte, kurzsichtige Menschen, dass wir an solche Dinge unsere Herzen hängen können! Es zeigt das doch recht deutlich, wie tief wir von dem ursprünglichen Adel unserer Natur herabgekommen sind: von Sachen, von hinfälligen, äußeren Gegenständen, die wir in freiem, königlichem Sinne handhaben und beherrschen sollten, lassen wir unsern unsterblichen, aus Gott stammenden Geist fesseln und knechten! Aber das sind die Bande der Finsternis, durch welche Satan unsre Seelen gefangen hält und niederzieht, dass sie nicht aufwachen können zum Licht und Leben Gottes. Diese Satansstricke hat Christus am Kreuze zerrissen; er ist den Dingen dieser Welt abgestorben und hat uns dadurch die Kraft gewonnen, durchzubrechen, durchzubrechen durch alle Bande, womit der Arge in schmählicher Sündenknechtschaft uns bannen will. Und wer etwas von der Lebensmacht des Kreuzes und Blutes Christi verspürt hat, dem ist es ein Anliegen, in Seiner Macht alle Netze und Stricke dieser armen Welt immer völliger zu zerreißen und in der reinen, freien Gottesluft zu leben, die allein das unserem unsterblichen Geist wahrhaft entsprechende Element ist.
Aber nicht bloß den Dingen, sondern auch den Menschen dieser Welt ist der Herr an seinem Kreuze abgestorben, nicht bloß der Fleischeslust und der Augenlust, sondern auch dem hoffärtigen Leben und der Weltehre. Die Vorübergehenden lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe; desgleichen auch die Hohenpriester spotteten sein samt den Schriftgelehrten und Ältesten; ja selbst die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn. Die Schmach ist zu allen Zeiten ein Kennzeichen Christi und seiner Sache gewesen, dagegen die Ehre dieser Welt ein Haupthindernis, ihm völlig anzugehören.
Wenn wir redlich gegen uns selbst sind, wie oft finden wir da schon im gewöhnlichen Leben, dass wir bei dem, was wir tun, unwillkürlich auf Andere sehen und ihnen zu gefallen trachten; im Lob und Beifall der Menschen sucht und findet das natürliche Ich seine Weide, Tadel oder gar Spott vermag es nicht zu ertragen. Wenn wir aber so nur für die Menschen leben, so werden wir in unserem Inwendigen an sie gebunden; wir lernen nicht auf den lebendigen Gott schauen, leben nicht aus ihm heraus und leben uns nicht in ihn hinein; und wenn wir ihn nicht vor Augen und im Herzen haben, so stirbt unser Herz ab und verliert die Empfänglichkeit für das Ewige. Darum hat der Herr solches mit dem ernst eindringenden Wort gestraft: Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmt, und die Ehre, die von Gott allein ist, sucht ihr nicht! (Joh. 5, 44.) Noch viel verderblicher ist es aber, wenn man in religiösen Dingen nach dem Urteil und Beifall der Welt sich richten will. O, in mancher Seele hat der Geist von oben schon einen Lebensfunken entzündet gehabt, und sie ist wieder zurückgeworfen worden in den Tod und die Finsternis, weil sie nicht die Kraft hatte, durchzubrechen durch bisherige Freundschaften und Gesellschaften, durch das Lächeln und den Spott weltlicher Umgebung. Mancher, in dem wirklich ein Geisteslicht brennt, kann nicht vorwärts kommen auf dem Wege des Lebens, weil ein Bann auf ihm liegt von Weltehre und Menschenrücksichten dieser oder jener Art. Ja, Geliebte, wie die Dinge dieser Welt, so kann der Feind unsrer Seelen auch die Menschen dieser Welt als Werkzeuge brauchen, wodurch er uns zurückhält von unserem Heil und unserer Seligkeit. Und o wie viele, viele Werkzeuge stehen ihm da zu Gebot! Aber auch die Ketten der Finsternis, welche er auf diesem Wege den Menschen anlegt, hat Christus am Kreuze zerrissen, indem er den Spott und Hohn der Welt getragen und dadurch allen redlichen Seelen, denen es ein Ernst ist mit der Wahrheit, die Kraft und Freudigkeit erworben hat, um seinetwillen auch Schmach zu tragen, so dass sie gerade darin die Gemeinschaft seiner Leiden erkennen. Denn die Feindschaft der Welt wider Christum ist etwas, das ganz notwendig zu seinem Reich gehört. Darum ist sie denn auch von Anfang an durch die Weissagung bezeugt. Auch jene Spötter unter seinem Kreuz haben mit ihren Lästerworten nur die Weissagung des alten Bundes erfüllt (Ps. 22, 7 ff. 69, 8 ff.). Und wenn heute die Feindschaft wider den Herrn und der Abfall von seiner Wahrheit unter neuen Formen hervortritt: so wissen wir, dass auch darin nur wieder die Weissagung, die Weissagung des neuen Bundes sich erfüllt. Wie kann denn die Schrift gebrochen werden? Es muss ja also kommen. So, Geliebte, herrschet der Herr mitten unter seinen Feinden (Ps. 110, 2), und indem sie ihm zu schaden meinen, müssen sie unwillkürlich seiner Sache Zeugnis geben.
Das stellt sich endlich recht klar heraus an der Überschrift, welche Pilatus über das Kreuz Christi geheftet, hat. Spöttisch nannte er ihn den König der Juden. Aber wie dort Kaiphas unwillkürlich geweissagt hat, als er verlangte, dass ein Mensch sterbe für das Volk (Joh. 11, 50), so muss auch hier Pilatus unbewusst beides, die Weissagung erfüllen und selbst wieder weissagen. Indem der Fürst der Finsternis einen schadenfrohen Triumph über das vernichtete Gotteswerk in der Welt zu feiern gedenkt durch diese spöttische Überschrift, in welcher nicht weniger Hohn gegen das Volk des alten, als gegen den Mittler des neuen Bundes liegt, hat er eben damit seine ganze Sache verloren. Wenn des Teufels Reich triumphiert, unterliegt es; wenn Gottes Reich unterliegt, triumphiert es. Dieses Wort: der Juden König, reicht um Jahrtausende zurück und reicht wieder auf Jahrtausende hinaus. Die meisten Weissagungen des alten Bundes auf Christum stellen ihn ja dar als König der Juden. Schon dem Abraham wurde verheißen, dass Könige von ihm kommen sollen; Jakob weissagte von dem Zepter, das von Juda nicht entwendet werden soll; Bileam schaute wieder das aus Israel aufkommende Zepter; David zeugt von seinem Sohne, der auf dem heiligen Berg Zion zum König eingesetzt ist; und alle Propheten sagen von dem Herrscher aus dem Stamm Isai, der auf dem Stuhle Davids sitzt ewig. Das alles muss die Überschrift am Kreuz bestätigen. Und so ist Christus noch heute der Juden König, und wenn sie schon heute noch seine Feinde sind, so herrscht er eben auch hier mitten unter seinen Feinden, und wir wissen, dass sie einst ihren König David wieder suchen werden, und dass, wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist, ganz Israel noch selig werden soll (Hos. 3, 5. Röm. 11, 25. 26). Denn so groß ist die Kraft des Versöhnungstodes Jesu, dass er auch für die Abtrünnigsten bis in die fernsten Zeiten hinaus ein freier, offener Born ist wider die Sünde und Unreinigkeit (Sach. 13, 1). Das Blut Christi hat schon Millionen Wunder getan durch alle Jahrhunderte hindurch; aber seine Wirkungen sind noch lange nicht erfüllt, sondern die größten stehen uns noch bevor. Das ist das Göttliche am Christentum, dass es uns jetzt schon so Großes und Seliges gibt, das Größte und Seligste aber uns noch aufbehalten hat auf eine herrliche Zukunft. Der Stamm jedoch, aus dem alle diese Blüten und Früchte erwachsen, ist und bleibt das Kreuz von Golgatha. Auch darum können wir uns den Kreuzesweg wohl gefallen lassen, weil er ein Königsweg ist, der zu einer ewigen und über alle Maße wichtigen Herrlichkeit führt.
So wollen wir denn, meine Brüder, Christum den Gekreuzigten lieben und in unsere Herzen fassen, auf dass auch wir die Kraft seines Blutes lebendig an uns selbst erfahren. Denn in dieser Kraft allein können wir durchbrechen durch alle Bande und alle Hindernisse, welche das Fleisch, die Welt und der Teufel unserer Seligkeit in den Weg legen.
Preis sei dem Blute,
Das durch die Erde wallt;
Denn alles Gute
Ist ohne das nur kalt.
Nichts gilt, als was daher geflossen,
Warum wär' Jesu Blut sonst vergossen?
Amen!