Arndt, Friedrich - 43. Andachten zum Johannesevangelium

Arndt, Friedrich - 43. Andachten zum Johannesevangelium

Joh. 1,19

Hier ist mein Herz, Herr Jesu Christ,
Du bist mein Licht und Leben!
Ach, mach' es, wie Du selber bist,
Ich will Dir's ganz ergeben.

Die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie Johannes fragten: Wer bist Du?

Die Frage des heutigen Evangeliums: “ Wer bist du?“ ist offenbar die wichtigste an uns selbst, die wahre Advents- und Rüstfrage auf Weihnachten. Johannes, der größte Mensch unter allen, die vom Weibe geboren, antwortet: „Ich bin nicht Christus, ich bin nicht werth, Ihm die Schuhriemen aufzulösen, ich bin nur die Stimme des Predigers in der Wüste. Er ist das Wort, ich bin nur die Stimme des Worts. Er ist der Erlöser, ich bin nur ein armer Sünder. Er ist von oben her, ich bin von unten. Er muß wachsen, ich muß abnehmen.“ Ist das nicht auch unser Bekenntniß, wenn wir wahrhaft uns selbst prüfen? Und kommt uns dies Bekenntniß nicht lebendig zum Bewußtsein, wenn wir uns gegen Christum halten? Wie Feuer und Wasser, wie innere Reinigung von den Schlacken und äußere Reinigung vom Schmutz sich unterscheiden: so unterscheidet sich Sein Werk von unserm Werk. Wir können nur erquicken, Er aber heilt. Und wie Gott und Mensch, der Heilige und der Sünder, der Ewige und der Sterbliche sich unterscheiden, so unterscheidet sich Christi Person und unsere Person. Er ist der Ewige, der nach Johannes kam und doch vor ihm gewesen ist, der da war, ehe Abraham war, der als das Wort unbekannt das Licht und Leben der Menschen war in der alten Zeit, der von Ewigkeit her bei Gott war und Gott war; Er ist der Heilige, den die Cherubim und Engel allein würdig loben, - und wir sind befleckte Sünder, Kinder der Finsterniß und des Verderbens, unfähig Ihm den geringsten Dienst zu leisten, ja nicht werth, daß Er uns Festtage beschert und in unseren Herzen seine Wohnung aufschlagen will. Wir sind nicht Christus, nicht unsere Selbsterlöser: aber Gottlob! - wir kennen Ihn, der mitten unter uns getreten ist, kennen seine Person, den Zweck seiner Ankunft, seine Erlösung und Erhöhung. Wie das die größte Niedrigkeit für den Menschen ist, Christum nicht zu kennen, und Sünde, Weltsinn, Leichtsinn nicht so tief erniedrigt, als solche Unwissenheit: so ist das unsere wahrhafte Erhöhung und Beseligung, von Ihm zu wissen und mit Ihm in Gemeinschaft zu stehen; ja, das der wahre Adel und die höchste Würde unserer Natur. Und haben wir Ihn erst erkannt, so ist unseres Lebens Aufgabe auch klar und nahe, es ist die, Ihm den Weg zu bereiten, sowohl zu uns als zu Andern! Und zwar durch Buße, Glauben und völlige Hingebung. Haben wir das gethan und thun wir das heute und morgen immer gründlicher: dann brich an, heilige Nacht; dann singet ihr Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ und du, Gemeinde: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“

Mit Ernst, ihr Menschenkinder,
das Herz in euch bestellt,
damit das Heil der Sünder,
der große Wunderheld,
den Gott aus Gnad' allein
der Welt zum Licht und Leben
gesendet und gegeben,
bei Allen kehre ein.

Bereitet doch fein tüchtig
den Weg dem großen Gast,
macht seine Steige richtig,
laßt Alles, was Er haßt;
macht alle Bahnen recht,
das Thal laßt sein erhöhet;
macht niedrig, was hoch stehet,
was krumm ist, gleich und schlecht!

Ein Herz, das Demuth übet,
bei Gott am Höchsten steht;
ein Herz, das Hochmuth liebet,
mit Angst zu Grunde geht;
ein Herz, das richtig ist
und folget Gottes Leiten,
das kann sich recht bereiten,
zu dem kommt Jesus Christ.

Ach, mache Du mich Armen
in dieser Gnadenzeit
aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit!
Zieh' in mein Herz hinein
vom Stall und von der Krippen,
so werden Herz und Lippen
Dir ewig dankbar sein.

Joh. 1,19-36.

Auch an dich ergehen die zwei wichtigen Fragen: wer bist du? wer ist Christus? sei es, daß Menschen oder der Teufel oder Gott selber dich fragt. Was willst du antworten? Entweder bist du ohne Christus, dann ist dein Zustand der Zustand ohne Gnade, außerhalb des Gnadenstandes, der Zustand eines todten und verlornen Menschen, der so lange bleibt, so lange du dich nicht zu Christo bekehrst und die drei Schritte der Abkehr von der Sünde, der Umkehr zu dem einzigen Heiland, und der Einkehr in seine versöhnende, vergebende und heilende Gnade nicht thust. Oder aber, du hast diese drei Schritte gethan und stehest durch Sinnesänderung und Glauben in einer persönlichen Herzensverbindung mit Christo, und bist durch die Wiedergeburt in Ihn eingepflanzt: wer bist du dann? Dann bist du Einer von denen, welche der Mund des Herrn also anredet: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibet und ich in ihm, der bringet so viele Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts thun.“ Da ist dann ein fester Grund in dir gelegt, der da besteht und dieses Siegel hat: „Der Herr kennet die Seinen;“ und das andere: „Es trete ab von der Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennet.“ Dieses Doppelsiegel ist das doppelte Kennzeichen, aber auch die doppelte Bestätigung, daß du fest in Christo gegründet bist. Es besteht darin: 1) daß dich der Herr durch den zueignenden Glauben als sein Eigenthum anerkennt und dir die Gewißheit schenkt, daß du sein bist und Er dein ist, 2) daß du aber auch von aller wissentlichen Ungerechtigkeit abtretest, welche Ungerechtigkeit in der Lehre Irrlehre heißt, im Wandel aber ein Irrweg ist. Daran erkenne dich als fest in Gott gegründet. Dann wirst du aber auch von dir immer demüthiger, von Christo immer höher denken und zeugen; du immer mehr Nichts, Er dir immer mehr Alles werden. O Herr Jesu, laß mich alle Selbsterhöhung fliehen und in Geduld warten, bis Du mich selbst, wenn es Dir gefällig ist, suchen, erhöhen und in Deine ewigen Hütten einführen wirst. Amen.

Joh. 1,37-51.

Auf diese Weise hat der leutselige Sohn Gottes seine fünf ersten Jünger an sich gezogen und gesammelt. Mit solchen fünf Erstlingen hat die Kirche Christi begonnen, die sich nun über fünf Welttheile verbreitet! – Nur einem Einzigen hat er ein Gebot gegeben, nämlich dem Philippus das Gebot: „folge mir nach,“ und wahrscheinlich klang es in dem sehnenden Herzen Philippi nicht wie ein Gebot, sondern wie eine freundliche Einladung und Erlaubniß, fast wie das freundliche Wort dem Johannes und Andreas geklungen haben mag: „Kommet und sehet!“ Petrus aber bekam die Verheißung: „Du sollst Fels heißen!“ und Nathanael: „Du wirst noch Größeres denn das sehen!“ Auch seine Bergpredigt fing Jesus mit acht Seligkeits-Verheißungen, und nicht mit einer Dornenkrone von 66 Pflichten an. Verheißungen wecken Glaubenskräfte und bannen die Muthlosigkeit, die Verdrossenheit und Trägheit. – Gemeiniglich machen zweierlei Worte den tiefsten Eindruck auf uns, und werden auch am besten von uns behalten, die Worte der Bewillkommnung und des Abschieds, die ersten und die letzten Worte aus dem Munde eines theuern Menschen. So ging es auch hier. In der göttlich reinen Seele unseres Erlösers war es nicht bloss ein ungetrübtes Gefühl, sondern auch ein helles Sehen, ein deutliches Kennen, womit Er nicht nur wußte, wer ein Mensch war, sondern auch was er sein und werden sollte und würde. Er kannte und kennt noch immer seine Schafe mit Namen. Und die Jünger haben den Eindruck jener ersten Begegnung nie vergessen; noch nach mehr als 40 Jahren, wo Johannes sein Evangelium schrieb, wußte er genau diese ersten Worte und den Tag und die Stunde, wo sie gesprochen waren. – Dabei behandelte Jesus jeden einzelnen der fünf Jünger anders, je nach seinem besondern Herzen und Charakter. Und noch immer sind es die verschiedensten Weisen, Zeiten, Orte, Anlässe, wie Jesus sich seine Jünger erwählt und erweckt. Wie Jesus der Originellste und Eigenthümlichste, auch der Vielseitigste aller Menschen ist, so kann Er auch nur nach eines Jeglichen Eigenthümlichkeit gefunden werden. Das einzig Gemeinsame bei Allen sind aber die drei Wörtlein: „Komm und siehe!“ Sie begründen das persönliche Verhältniß zu Christo, ohne welches kein lebendiges Christenthum Statt finden mag. Herr, hier bin auch ich: laß mich Deine Herrlichkeit sehen: Amen.

Joh. 2,1-25.

Jesu, wohn’ in meinem Haus,
Weiche nimmermehr daraus;
Wohn’ mit Deiner Gnade drin,
Weil ich sonst verlassen bin.
O du großer Segensmann,
Komm mit Deinem Segen an:
Gib Fried’, Freude, Glück und Heil,
Das sei und bleibe unser Theil.
Gleich wie Hiob und Abraham
Reicher Segen überkam,
Ei, so schütte über mich
Deinen Segen mildiglich.

Jesu, wohn’ in meinem Herzen,
Wenn ich leide Angst und Schmerzen,
Wenn mich drücket Angst und Noth,
So hilf mir, o treuer Gott.
Wenn ich keinen Reichthum habe,
Bleibt mir doch die Himmelsgabe.
Ob ich hier schon Trübsal leide,
Bleibt mir doch die Himmelsfreude.

Das walte der dreieinige, ewige, barmherzige Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Heilige in Israel, außer welchem kein Gott ist. Ach, Vater in der Höhe, Du großer und getreuer Menschenhüter, der weder schläft noch schlummert, Dir befehlen wir auch für diese Nacht unsern Eingang und Ausgang, unsern Leib und Seele, Haus und Hof, Habe und Gut. Hilf Deinem Volk und segne Dein Erbe, weide und erhöhe sie ewiglich. Segne unser armes Haus wie das Haus Obed, Edoms, behüte die Wachenden, erhöre die Betenden, beschirme die Schlafenden. Tritt den Satan unter unsere Füße, und erhalte uns bei dem Einen, daß wir Deinen Namen fürchten, und nimm uns endlich, wenn es Dir gefällt, im wahren Glauben aus der Welt zu Deinen Auserwählten. Amen.

Joh. 3,1-21.

Was Du, o mein Herr Jesu, zu Nicodemus gesagt hast, das geht auch mich und alle, die selig werden wollen, an: ihr müsset von neuem geboren werden. Ich danke Dir, daß Du mich vor so vielen hunderttausend Juden, Türken und Heiden zu der heiligen Taufe hast kommen lassen, da ich aus Wasser und Geist wiedergeboren bin. Aber wie muß ich mich vor Dir beugen und demüthigen wegen des häufigen schändlichen und schädlichen Rückfalls aus dieser Taufgnade, womit ich mich der höllischen Verdammniß schuldig gemacht habe! Vergib mir diese schwere Sünde und wiedergebäre mich von neuem durch eine gründliche Erweckung und wahrhafte Bekehrung, daß ich eine neue Creatur werde und Dir im neuen Wesen des Geistes diene. Laß mich täglich von neuem erkennen, wie viel Du mir geschenkt hast, und wie viel ich verachtet habe, wie Du mich zu einem Kinde Gottes machen wolltest, ich aber lieber ein Knecht der Sünde geworden bin, wie Du mich zum Leben eingeschrieben hattest, ich aber den Tod dafür erwählt habe. Und laß mich dann nicht wieder einschlafen, wenn ich wach geworden bin, sondern verleihe mir die Kraft, mich entschieden von der Sünde loszureißen, ihr den Rücken zu kehren und als ein Kind Gottes meinen Wandel im Himmel zu führen, damit jedermann erkenne, mein Weg geht hinauf nach dem Jerusalem, das droben ist. In Dir laß mich leben, aus Dir meine Kraft ziehen, aus Dir blühen in erneutem Willen, in Dir Früchte der Gerechtigkeit tragen. Vor allem bewahre mich vor künftigem Rückfalle und verleihe Deine Gnade, daß ich je länger je mehr ausziehe den alten Menschen, der durch Lüste in Irrthum sich verderbet, und hingegen anziehe den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit, und mächtig gemacht durch Vergebung der Sünden in Jesu Blut die alte Schlange unter meine Füße trete, bis Alles, Alles, alle meine Gebrechen, auch der letzte Fersenstich wird heil werden und ich völlig ausgeheilt im ewigen, unverletzlichen Leben bei Dir ausruhen werde. Amen.

Joh. 3,22-36.

Ja wohl bist Du der Bräutigam Deiner Gemeinde und auch meiner Seele, denn wie im Morgenlande eine Braut durch den Bräutigam erkauft werden mußte vom Vater der Braut, so hast Du es gethan, der Du Dich selbst für alle gegeben hast zur Erlösung. Du allein konntest es thun; konntest einen Kaufpreis geben, der mehr werth ist als alle Seelen der gefallenen Menschheit. Und Du allein hast sie erkauft mit Deinem Blut und alle Seelen erworben. Dadurch hast Du Dir die Braut rechtmäßig erworben, und wir sind nun Dein in alle Ewigkeit. – Aber Du bist noch mehr, denn Du bist uns nicht nur ein Prophet oder ein Hoherpriester oder ein König unter vielen, die Dir gleich sind, sondern Du bist der Prophet, der Prophet aller Propheten, der Hohepriester aller Hohenpriester, der König aller Könige; Du bist der Herr vom Himmel, Gott geoffenbart im Fleisch. Während alle Knechte Gottes von der Erde sind, und nur von der Erde reden können, und von himmlischen Dingen nichts zu reden wissen, wenn es ihnen nicht von Dem geoffenbart und gezeigt wird, der die alleinige Quelle alles Lichts und Lebens ist, bist Du von oben her, über alle, und hast daher uns gezeuget und geoffenbart, was Du in dem Herzen Gottes, des Vaters, aus dessen Schoß Du zu uns gekommen bist, in unvermittelter, unmittelbarer und selbständiger Anschauung gesehen und gehört hast, und selbst, während Du in sterblicher Natur auf Erden wandelst, bist Du in Deiner unsterblichen Gottesnatur fortwährend im Himmel gewesen, und hast gewußt, was im Himmel vorging. O wie einzig und unvergleichlich stehst Du da unter allen Gotteszeugen und Gottesboten! Wachse denn in uns von Tag zu Tag, und laß uns abnehmen und immer kleiner werden in uns selbst. Setze uns wie ein Siegel auf Dein Herz, und wie ein Siegel auf Deinen Arm. Nähre uns, du, Deines Leibes Heiland, mit Deinem Fleisch und Blut, auf daß auch wir werden, was Du bist, Gottes liebe Kinder, Deine Miterben, Glieder an Deinem Leibe und einst Genossen Deines himmlischen Hochzeitmahles. Amen.

Joh. 4,1-42.

Herr Gott, Du bist ein Geist, und die Dich anbeten, sollen Dich im Geist und in der Wahrheit anbeten. Gib denn, daß ich auch ein wahrhaftiger Anbeter Deiner Gnade und Herrlichkeit sei, und Dich nicht bloss mit den Lippen, sondern auch im Geiste, nicht mit todten, äußeren Gewohnheiten, am wenigsten auf heuchlerische Weise, sondern allezeit in der Wahrheit anbete. Ach, ich kann Dich ja doch nicht täuschen, weil Du der Herzenskündiger bist, der Herzen und Nieren prüft und vor dem unser Inneres offen da liegt wie ein aufgeschlagenes Buch. Menschen sehen, was vor Augen ist, Du aber siehest das Herz an. Du hast ja, Herr Jesu, der Samariterin Alles gesagt, was sie gethan hatte; denn Du weißt, was in dem Menschen ist und bedarfst nicht, daß Jemand Dir Zeugniß gibt von irgend einem Menschen. O sage es auch mir, damit ich mich selbst nicht täusche, mich für einen Christen halte und doch nicht vor Dir als solcher erfunden werde. Erforsche mich und prüfe mich und erfahre, wie ichs meine, und siehe, ob ich auf falschem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Du hast Dich der Samariterin so gnädig angenommen und sie nicht verderben lassen, sondern sie auf dem Wege der Buße zum Glauben an Dich, den wahren Messias und großen Propheten, den Heiland der Welt und den Sohn Gottes geführt: nimm Dich denn auch meiner an; bin ich es auch nicht würdig, ich bin’s doch bedürftig; ich kann ohne Dich nicht leben und nicht sterben, nicht von der Sünde frei und im Guten stark werden. Gib insbesondere, daß ich die Gabe Gottes erkenne und wer der ist, der in seinem Worte mit mir redet und mir lebendiges Wasser geben will: Du bist es ja, o Herr, so bitte ich Dich denn, gib mir lebendiges Wasser, welches mir ein Brunnen des Wassers wird, das in das ewige Leben quillt, auf daß mich nimmermehr dürste. Erquicke mich auch jetzt mit Deinem Frieden, und laß mich unter dem Schatten Deiner Flügel sicher wohnen, sicher schlafen und sicher leben. Amen.

Joh. 4,43-54.

Herr Jesu, Du lebest und regierest in Ewigkeit, so laß denn Deine Herrlichkeit uns offenbar werden, nicht eine vergangene, sondern eine gegenwärtige Herrlichkeit. Segne jede Noth, die uns widerfährt, daß sie uns aus der Welt, aus uns selber heraus und zu Dir hin treibe. Erhöre unser Gebet, auch unser unvollkommenes Nothgebet und lehre uns hinansteigen auf den Gebetsstufen bis zu der höchsten und letzten, da wir Dich anbeten werden in ganz lauterer und heiliger Liebe, in vollkommener Freude an Deiner Schöne! Aber auch ehe wir angelangen, o Herr, an das Ufer der seligen Ewigkeit, da man Dich im Schauen preist, müsse der Anker unseres Lebens fest in Dich eingeschlagen sein, auf daß wir im Frieden dahingleiten mitten über die tobenden Wellen der Welt. Behalte uns im Glauben, im Glauben an Dein Wort, und was Du uns hier schon bescherst an Vorgeschmack der himmlischen Freude vor Deinem Angesicht, das laß uns gereichen zur Stärkung im Glauben, damit wir in dem wahrhaft seligen, friedensvollen Stande erfunden werden: doch zu glauben, auch wo wir nicht sehen! – Und noch Eins, lieber Herr Jesu: ist’s möglich, so gönne uns das glückliche Loos des Königischen von Capernaum, zu glauben mit unserm ganzen Hause und in Wahrheit zu sprechen: „Ich und mein Haus wir wollen dem Herrn dienen.“ Ja, laß uns alle zusammen Dein Eigenthum und Deine Gesegneten sein in Ewigkeit. Willst Du uns gebrauchen zu Werkzeugen der Bekehrung der Unsrigen, so gib uns dazu die Kraft, welche uns mangelt, Ernst, Liebe, Weisheit, Treue, - Alles, Herr, was nur Du kannst geben. Ach, daß wir Dich nur nicht hindern mögen durch unser Thun! Daß doch keiner von den Unsrigen zurückbleibe, keiner durch seinen Unglauben verloren gehe, sondern alle, alle bekehrt und selig werden, daß wir auch einmal dort sagen können: Hier bin ich und die Kinder, die mir der Herr gegeben hat. Wenn einst Dein Haus wird voll sein, voll von Gerechten durch Einen Glauben, dann müsse Niemand fehlen von Allen, für welche und mit welchen zu beten Dein Geist uns hier getrieben hat. Das hilf, Herr Jesu, Amen.

Joh. 5,1-23.

Herr Jesu, Du selbst bist, zur Zeit Deines irdischen Leidens und Sterbens, voller Schmerzen, Angst und Mattigkeit gewesen, und weißt also, wie einem armen, kranken, kraftlosen Menschen zu Muthe sei, daß Du Dich seiner desto leichter erbarmen kannst. Du bist in den Tagen Deines Fleisches recht liebreich mit den Kranken umgegangen, hast ihnen tröstlich zugesprochen, und sie so mit erwünschter Hülfe und Gesundheit erfreuet. Dem Elenden, der bei dem Teich Bethesda 38 Jahre krank und hülflos gelegen, redetest Du freundlich zu, und fragtest: willst du gesund werden? und als er Dir, Herr Jesu, seine Noth klagte, machtest Du ihn mit einem Wort gesund. Liebster Heiland und Erlöser, hieraus lerne ich, daß Du ein allgemeiner Aufseher und Arzt der Kranken seiest. du weißt, wo Jeder von ihnen in seinem Elend seufzt; Du weißt, wie groß die Noth ist, wie lange sie gewährt, was für Pflege und Wartung jeder hat, oder wem es daran fehlt; Du hilfst auch wohl unvermuthet; Du trittst zu, wenn alle Menschen abgetreten sind; Du schaffest Rath, wenn Niemand mehr Rath weiß. Ach laß mich das wohl in meinem Herzen erwägen und zu der Ueberzeugung führen: Du werdest auch auf mich Acht haben, all’ mein Seufzen, Sehnen und Weinen zählen, und wenn mich gleich alle Menschen verließen, so werdest Du doch mich nimmermehr verlassen. Nach langer Geduld, nach 38 Jahren, kam endlich doch Deine Hülfe an jenen elenden, verlassenen Menschen, und zwar damals, als er sie nicht hoffte. So wirst Du denn auch, mein Heiland, wenn die rechte Stunde gekommen ist, mit Deiner Hülfe an mich kommen, vielleicht durch Wege und Mittel, worauf ich und Niemand hat denken können. – O Du forderst von mir Schwachen kein weitläufiges Gebet, keine umständliche Erzählung meiner Noth; es ist schon genug, Dich zum Erbarmen zu bewegen, wenn ich Dich kläglich ansehe und im Stillen zu Dir seufze. Laß mich dieses denn in’s Werk richten; laß mich, wenn ich wegen meiner Schwachheit nicht mehr reden kann, nach Dir seufzen, oder wenn ich auch nicht mehr seufzen kann, nur an Dich denken: so wirst auch Du, mein Jesu, in Gnaden an mich denken, mein Elend gnädig ansehen, mir meine Sünde vergeben, und endlich mich als Dein Kind zum ewigen Leben auf- und annehmen. Amen.

Joh. 5,24-47.

Wenn in irgend einem Kapitel Jesus die Beweise für seine Gottheit wahrhaft häuft, so ist es dieses. Er schreibt sich in demselben zu die Auferweckung der Todten und das Gericht, und verlangt von den Menschen die gleiche Anbetung mit dem Vater. Als Zeugnisse dafür beruft Er sich auf sein eignes, auf Johannis des Täufers, auf seiner Wunder Zeugniß, auf die Stimmen des Vaters und auf die Weissagungen des alten Testaments. Wer diesen Zeugnissen nicht glauben will, von dem gilt noch immer die Anklage des Herrn, daß es ihm nicht um sein eignes ewiges und seliges Leben, sondern um Jesu Tod zu thun ist, daß er nur seine Ehre vor der Welt sucht und nicht die Verherrlichung Christi, daß er lieber falschen Propheten und Irrlehrern glaubt, die ihm schmeicheln, als dem wahren Propheten Gottes, der ihm die Wahrheit sagt, und darum auch nicht zu retten ist, sondern der Anklage und Verdammniß vor Gottes Thron entgegengeht. Furchtbarer Widerspruch! Man hält Jesum für einen guten, tugendhaften Menschen, und doch will man seinen Worten über seine Gottheit nicht glauben? Wo bleibt da noch der Glaube an die Tugend, wenn der Glaube an die Wahrhaftigkeit aufhört? Entweder ich glaube an Jesu Gottheit, dann kann ich auch an seine Tugend glauben, oder ich glaube an Seine Gottheit nicht, dann muß ich auch seine Tugend verwerfen. Es geht mit der Tugend und mit der Gottheit Christi, wie mit den Schriften Mosis und den Aussagen Christi. Wer Mosi glaubt, muß auch an Christum glauben, und wer an Christum nicht glaubt, muß auch Mosen verwerfen und ist weder Jude noch Christ, sondern ein unseliges Mittelding. Wie theuer bekräftigt Jesus mit dieser Erklärung die Wahrheit der Schriften Mosis! Wie bezeugt Er damit so deutlich die Uebereinstimmung des alten und neuen Testaments! Wie schließt Er, was Er in Bethesda begonnen mit der That, im Tempel fortgesetzt mit der außerordentlichen Rede, mit einem ernsten und erschütternden Fragezeichen an Alle! Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. Amen.

Joh. 6,1-40.

Herr Jesu Christe, Du ewiges Wort des Vaters, der Du uns Dein heiliges Evangelium aus dem Schoß Deines himmlischen Vaters geoffenbart hast, ich klage und bekenne Dir von Herzen, daß ich Dein Wort oft gering geachtet, ungern gehört, unfleißig gelernt, nicht von Herzensgrund betrachtet, nicht rechtschaffene Lust und Liebe dazu gehabt; sondern vielmehr die weltliche Eitelkeit demselben vorgezogen habe, da es doch ein theures, werthes Wort ist, der edelste Schatz, die höchste Weisheit, deren Geheimniß auch die Engel zu schauen gelüstet. Ach, vergib mir solche Unachtsamkeit und Verachtung Deines seligmachendes Wortes. Wende von mir ab die schwere Strafe, die Du dräuest: „Weil du mein Wort verworfen hast, will ich dich wieder verwerfen.“ Zünde dagegen in mir an ein heiliges Verlangen und Hunger nach Deinem Worte, als dem Brode vom Himmel und der wahrhaftigen Seelenspeise; und einen brennenden Durst nach ihm, als dem Brunnen und Wasser des Lebens. Ach, ich sehe es wohl ein, warum ich oft bei Dir nur schmale Bissen gefunden habe: der Grund meines Herzens gehört noch zu sehr der Welt an, und ich habe noch nicht völlig gebrochen mit mir selber. O gib mir Kraft, mich völliger zu scheiden von der Welt und von der vergänglichen Lust, damit ich mich fester und immer fester an Dich anschließe. Zeige mir immer klarer meine innere Leere, damit ich desto hungriger werde nach der Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die da bleibet in das ewige Leben. Die Hungrigen füllst Du ja mit Gütern, die Reichen lässest Du leer. Gib, daß ich aus Deinem Worte Dich und mich recht erkenne, mein Elend und Deine Barmherzigkeit, meine Sünde und Deine Gnade, meine Armuth und Deinen Reichthum, meine Schwachheit und Deine Stärke, meine Thorheit und Deine Weisheit, meine Finsterniß und Dein Licht. Ach, Herr, wohl den Menschen, die in Deinem Hause wohnen, die loben Dich immerdar! Wohl dem, den Du erwählest und zu Dir lässest, der hat reichen Trost von Deinem heiligen Tempel. Amen.

Joh. 6,41-71.

Nein, Herr, ich will Dich nicht verlassen; denn Du hast Worte des ewigen Lebens; Du bist das lebendige Brod vom Himmel gekommen; Du hast Dein Fleisch gegeben für das Leben der Welt, und sagst es selber: „Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, d.h. durch den Glauben mit Ihm in die engste Gemeinschaft treten, Ihn in euer Fleisch und Blut verwandeln, so habt ihr kein Leben in euch; wer aber mein Fleisch ißt und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben.“ So unentbehrlich Speise und Trank ist zur Erhaltung meines natürlichen Lebens, so unentbehrlich bist Du mir zur Erlangung des geistlichen und ewigen Lebens; ohne Dich habe ich kein Leben in mir, kann auch keine Frucht bringen, muß sterben. Du allein bist die rechte Speise meiner Seele, in jedem Betracht das Rechte, alles Andere ist es nicht; das rechte Gold, Kleid, Haus, die rechte Augensalbe, Arzenei, Freude, Gerechtigkeit, der rechte Stern, die rechte Sonne. Du erhältst mich nicht nur für eine Zeitlang, sondern für ewig. Du stärkst mich zu den größten Thaten und den schwersten Leiden. Wie das Essen und Trinken mich in eine höchst genaue Verbindung mit Speise und Trank setzt, so daß sie ein Theil meines Wesens wird, so setzt mich der Glaube, besonders im Genusse des heiligen Abendmahls, in die engste Vereinigung mit Dir, macht mich der göttlichen Natur theilhaftig; Du wirst mit allen Deinen Gütern mein, und ich mit allen Sünden und Unglück werde Dein Leib; und in dieser Vereinigung mit Dir kann mir nichts mehr schaden, denn ich werde mit meiner Sünde und Schwachheit von und in der ewigen Gerechtigkeit und Stärke getragen. Und weil ich in Dir bin, kann ich keine so große Sünde haben, die mich könnte verdammen, der Tod kann mich nicht überwältigen und behalten. Darum bleibe es dabei und mache mich immer fester darin: Ich will nun still an Dir kleben, in Dir leben, tausend Welten können gegen Dich nichts gelten. Amen.

Joh. 7,1-30.

Wie der Mensch nicht leben kann ohne Brod und Licht, so kann der Christ nicht leben ohne Dich, o Herr. Wie der Mensch athmen muß, um zu leben, so muß der Christ beten, um geistiger Weise nicht zu sterben. Alles mit Dir, nichts ohne Dich! Das ist des Christen Losung. An Gottes Segen ist Alles gelegen! So spricht er am Morgen. Gott allein die Ehr’! So spricht er am Abend. Mit Dir fängt er an, mit Dir fährt er fort, mit Dir hört er auf. Könnte er dem Schlafe in die Arme sinken, dem Bruder des Todes, ohne seine Seele in die Hand des lebendigen Gottes gestellt zu haben? So bete ich denn auch heute mit Luthers Worten: „Ich danke Dir, mein himmlischer Vater, durch Jesum Christum, Deinen lieben Sohn, daß Du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte Dich, Du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht gehabt habe, und mich diese Nacht gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele, und Alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.“ Herr, erhöre mich! Erhöre mich in der kommenden Nacht der Natur, erhöre mich in jeder künftigen Nacht meines Geistes und Herzens. Du bist ja das Licht der Welt, das alle Finsterniß bannt; Du schläfst und schlummerst nie, und vor Deinem Auge muß selbst die Finsterniß Licht sein. Laß mich denn allezeit inne werden und erfahren, daß Du, Herr Christe, von Gott bist, und Deine Lehre von Gott ist, und darum die siegende Wahrheit über alle Lüge und Bosheit. Ach, Erfahrung ist ja die Lehrerin und die eigentliche Schule der wahren Erkenntniß, welche gegen das gelehrteste Wissen ganz so sich verhält, wie der Selbstgenuß köstlicher Feigen und Trauben gegen das Anschauen eines von der größten Meisterhand gemachten Fruchtbildes. Wer Dich nicht bloss aus den Zeugnissen der heiligen Schrift kennt, sondern selbst in Deiner Kur war und Deine verordneten Mittel brauchte, Dich anrührte und gesund wurde, der schmeckt und sieht, wie freundlich Du bist, und weß das Herz voll ist, strömt der Mund über. Hilf auch mir immer mehr zu solcher seligen Erfahrung. Amen.

Joh. 7,31-53.

Ob Jesus wohl an irgend einem Abend sich niedergelegt hat, ohne zu beten? Heißt es doch von Ihm: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß Er ging auf einen Berg zu beten, und Er blieb über Nacht in dem Gebet zu Gott.“ (Luc. 6,12.) Auf seine Stimme will ich hören, nach seinem Bilde will ich mich bilden. In der Stile des Abend und durch das Schweigen der Nacht will ich vernehmen das Wort meines Erlösers: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr thut, wie ich gethan habe! Ich habe mich zurückgezogen in meine verborgene Kammer, und überdecke die Ereignisse des vergangenen Tages. Wie bald und wie schnell ist ein Tag dahin! Es wird Morgen, Mittag und Abend, ich weiß nicht wie. Pfeilschnell eilen an mir vorüber die geflügelten Stunden. So war es auch heute. Ach manchem meiner Brüder mag wohl der Tag, der mir so schnell vergangen ist, langsam traurig dahingeschlichen sein! Wenn man traurig ist und Leide trägt, so dehnen sich die Minuten zu Stunden aus. Nicht nur die Uhr des Ungeduldigen, auch die Uhr des Weinenden geht nimmer zu früh. Er möchte gern vorwärts schieben den Zeiger der langsam schleichenden Zeit, und es währet so lange, bis es will Abend werden, und wenn es nun endlich unter Seufzern und Thränen Abend geworden ist, so will kein Ende nehmen die Nacht. Tröste euch Gott, ihr armen Leidenden, und Sein heiliger Engel erquicke euch durch einen liebenden Traum! Herr, mein Gott, wer bin ich, und was ist mein Haus, daß Du mich bis hierher gebracht hast? Kein Hiobsbote ist über die Schwelle meines Hauses getreten. Du hast mich gnädig behütet, und Deine Hand war mit mir, während Du heimgesucht hast, im Laufe dieses Tages, so manches Haus mit Trübsal und Noth! In meinen Dank mischt sich die Bitte:

Laß auch morgen mit den Meinen
Keinen Unfall mich beweinen!

Ach, mich ängstigt der Gedanke, daß abermals ein Tag vergangen ist, der sich hingestellt hat vor Deinen Richterstuhl, Allheiliger, und mein Ankläger ist, weil ich nicht rein geblieben bin von Sünde. Vergib mir meine Schuld, bevor ich mich schlafen lege und laß mich einschlafen mit dem Bewußtsein: Du bist ein Vater, in Christo Jesu mein versöhnter Vater!

Streiche meiner Sünden Fluch,
Herr, aus Deinem Richterbuch!

Laß niemals das Wort Christi an mir wahr werden, das Er zu den Pharisäern sprach: „Ihr werdet mich suchen, und nicht finden, und wo ich bin, da könnet ihr nicht hinkommen“, sondern hilf mir, daß ich allezeit fest an Ihn glaube und von meinem Leibe Ströme des lebendigen Wassers fließen.

Gott sei mir Sünder gnädig! Mit diesem Seufzer werfe ich mich in die Arme des Schlafes, zuvor aber an Dein Vaterherz, mein Erbarmer! Die Nacht ist dunkel; aber Du bist mein Licht. Der Schlaf ist ein Bruder des Todes; aber Du bist der Vater des Lebens. Wie hülflos liege ich da, wenn ich schlafe!

Das Auge sieht nicht, und das Ohr hört nicht, und in Bewußtlosigkeit ist versunken die unsterbliche Seele, gefangen und umstrickt von den Banden der Sinne. Geheimnißvoll schlägt fort das Herz in meiner Brust, aber ich fühle die Pulse nicht klopfen. Ich liege unter dem Bettuche, und mit geschlossenen Augen im Bett, wie einst im Sarge. Dir, mein Gott und Vater, befehle ich meine unsterbliche Seele! Die Seele in Gott, und Gott in der Seele! Wer so schläft, der schläft wohl! Amen.

Joh. 8,1-30.

Ein furchtbares, drohendes Wort ist das Wort: “Wo ich hingehe, da könnet ihr nicht hinkommen!“ In der That, die können es auch nicht, die von unten her sind, von dieser Welt; denn Er ist nicht von dieser Welt, sondern von oben her, und dieser Unterschied des Ursprungs wie des Wesens, der allerdings eine Zeitlang äußerlich verschwinden kann, - wie ja der Heiland, als Er jene Worte sprach, sich in Gestalt, Geberde und Gewand nicht von den Andern unterschied – ist so durchgreifend, daß er jedenfalls am Ende in seiner ganzen Schärfe offenbar werden muß. Wo die Wege so durchaus andere, ja entgegengesetzte sind, wie die Wege Christi und die Wege der Welt, wie könnten sie zum gleichen Ziele führen? Die Kinder der Welt können mit ihrem ganzen irdischen Sinn und Treiben nicht in den Himmel kommen, wenn sie auch wollten; aber sie wollen auch nicht. Zwar sagt Christus: „ihr werdet mich suchen,“ aber Er setzt hinzu: „und in eurer Sünde sterben.“ So gibt es also ein Suchen, das mit keinem Finden belohnt wird; ein Fragen nach dem Herrn, dem der Herr nicht antwortet. So begehren die thörichten Jungfrauen auch noch Einlaß, aber die Thür ist und bleibt verschlossen. So sucht der reiche Mann in der Qual der Hölle auch nach Hülfe, aber die Kluft zwischen ihm und Abraham ist und bleibt befestigt. Es gibt ein falsches Suchen, hinter welchem sich immer noch ein Herz verbirgt, das Ihn nicht sucht, das Ihm fremd und ferne ist. Dieses Suchen ist ein bloss durch die äußere Noth oder die Angst des Todes erzeugtes, kein lebendiges Suchen nach Frieden und Versöhnung mit Gott, und darum ein fruchtloses. Herr, bewahre mich vor diesem falschen Suchen, damit ich nicht auch einmal, unversöhnt, in meiner Sünde sterbe, und laß mich Dich allezeit aufrichtig suchen, in bußfertiger Demuth, in verlangendem Glauben, damit Du allein mein Leben seist und Sterben einst mein Gewinn werde, die völlige Liebe zu Dir alle Furcht austreibe und mich nichts scheiden könne von Dir und Deinem Reiche. Amen.

Joh. 8,31-59.

Welche Mühe gibt sich in diesen Worten der Herr, die Juden ihres Irrthums zu überführen! Wie läßt Er sich herab, die Sehnsucht nach dem wahren Leben bei ihnen zu wecken! Wie langmüthig und geduldig versucht Er immer von neuem, ihren Sinn für dasselbe aufzuschließen! Doch es scheitert all’ sein Wohlmeinen und seine Sorgsamkeit an der Verkehrtheit der Hörer. Sie wollen die Wahrheit nicht, sondern Bestätigung für ihre Ansichten, und sind im voraus darüber entschieden, was sie zu glauben haben. Wo sie prüfen sollten, da sind sie absprechend und voll Hohn. So sehr empören sie sich gegen des Herrn Wort, daß sie wutherhitzt Steine aufraffen, Ihm den Tod zu geben. – Noch sollten sie nicht triumphieren, noch entzog sich Jesus ihren Händen. Ihr späteres Triumphgeschrei aber war ihre Schmach und wurde Angstgeschrei zu der Zeit des Elends, die Jesus als Folge davon, daß sie Ihn verworfen, vorhergesagt hatte. Da mochten viele enttäuscht werden, die auf ihren Unglauben so sicher getrotzt hatten. Denn es ist eine große Selbsttäuschung, wenn der Mensch nicht an Jesum glaubt. Schon deshalb, weil er, wie die Pharisäer, durch seinen Unglauben seine Ehre sucht und gerade dadurch sich verunehrt; weil er ferner, wie sie, diesen Glauben Aberglauben, Samariterglauben, Schwärmerei eines Besessenen schilt, und dadurch sich selbst dem schnödesten Aberglauben immer mehr Preis gibt: denn vom Unglauben zum Aberglauben ist nur ein Schritt, und Einem muß der Mensch vertrauen: ist es die Wahrheit nicht, so ist es die Lüge, das Sinnliche und Zeitliche, die Naturanbetung, der Götzendienst mit eigenem Verdienst, die Gespensterfurcht, vor allem der eisigste und teuflischste Aberglaube, der Aberglaube an sich selbst. Endlich täuscht sich der Unglaube auch darin, daß er den Glauben an Christum mit einem freien Lebensgenusse unverträglich hält, und gerade dadurch des wahren Lebens sich beraubt und dem ewigen Tode verfällt. Herr, gib uns Glauben, so haben wir Alles, was wir bedürfen. Bewahre uns vor Sorgen und Lüsten, d.h. vor Weltsinn, zu welchen beiden bösen Dingen es so viel Versuchung gibt durch die Noth und durch die lockenden Zerstreuungen auch in dieser Zeit; denn beide vertreiben das höhere Sinnen und die Glaubensfähigkeit, und machen, daß es mit unserm Glaubensleben nicht vorwärts geht. Amen.

Joh. 9.

Gnädiger und barmherziger Gott, ich komme an diesem Tage vor Dein heiliges Angesicht mit Loben und Danken, daß Du mich die vergangenen sechs Tage so gnädiglich erhalten und die Arbeit meiner Hände so reichlich gesegnet hast. Du hast meinen Eingang und Ausgang bewahret, auf meinen Wegen mich behütet und mir an Leib und Seele viel Gutes erwiesen. Dafür lobe und preise ich Dich von Grund meines Herzens. Gehet nun weg, ihr irdischen Geschäfte; weichet von mir, ihr Sorgen; jetzt baue ich in meinem Herzen Gott einen Tempel auf. Es soll ein Bethaus werden, darin ich meinem Gott allein dienen will. O der unaussprechlichen Liebe, welche den Menschen einen Ruhetag von aller ihrer Arbeit bestimmt hat! Diese Ruhe erinnert uns an die Ruhe im Paradiese, da wir ohne Noth und Mühe allezeit Gott zu dienen und zu loben wären beschäftigt gewesen. Diese Ruhe ist ein Bild der künftigen Himmelsruhe! denn es ist den Kindern Gottes noch eine vollkommene Ruhe vorhanden und verheißen, welche in dem ewigen Leben angehen wird; da werden sie von aller Arbeit, von Leiden, Schmerzen und Sünden befreit sein. Ach, gnädiger Gott, laß mich den bevorstehenden Sonntag in Deiner Furcht und in Deiner Gnade hinbringen. Gib mir Deinen heiligen Geist, daß ich den ganzen Tag Dir aufopfere und zu Deinem Dienste anwende. Wecke mich früh auf zum Lob, zum Gebet und zum Gesang bei dem Gottesdienste. Erhalte mein Herz in steter Andacht, damit keine irdische Sorgen in dasselbe einschleichen. Wenn Dein Wort gepredigt wird, so öffne mir das Herz, daß ich darauf achten, solches in mein Herz fassen und als einen theuern Schatz darin bewahren möge, damit das gepredigte und gehörte Wort mich ändere, heilige, bekehre und zu einem neuen Menschen, wie den Blindgebornen, mache, auf daß ich, wie an Jahren, also an den inwendigen Menschen im Glauben und Frömmigkeit wachsen und eine neue Kreatur, ja, ein lebendiges Glied an dem Leibe meines Jesu werden möge. So laß mich einen Sabbath nach dem andern feiern, bis Du mich in die ewige Himmelsruhe zu dem ewigen Sabbath durch Jesum, meinen einigen Erlöser und Seligmacher, einführen wirst. Amen.

Joh. 10.

Ich habe heute wiederum Dein Wort im Heiligthum gehört, und jetzt eben eine köstliche Rede Deines Mundes über Dich selbst und Dein Verhältniß zu mir gelesen. Es ist der Sonntag des Worts und seiner Aufnahme oder Verwerfung. Wie werde ich Dir würdig danken, Herr, mein Gott, für Dein heiliges Wort? – Ich habe Dein Wort lieb; denn es hat mich gelehret, Dich lieben, Herr Jesu, als den guten Hirten meiner Seele. Dein Wort ist stärker als die Welt. Es schützt mich, wenn sie droht; es warnt mich, wenn sie lockt; es heilt mich, wenn sie mich verwundet. Dein Wort ist stärker als der Tod. Es erweckt aus den Gräbern die Leichname und macht sie lebendig, daß sie aufstehen und gehen und wandeln im Lande der Lebendigen. Dein Wort ist stärker als die Hölle. Es zerschmettert ihren arm und nimmt ihr ihren Raub und entfesselt ihre Gefangenen. Dein Wort ist der Lebensodem meiner Seele. Dein Wort ist das Brod, das mich nährt, und der Wein, der mich erquickt. Dein Wort ist mein Licht am Tage, und meine Leuchte in der Nacht. Dein Wort ist mein Freudenspiel, wenn ich fröhlich einhergehe; mein Trost, wenn mich Trübsale umringen; mein Stab in der Hand, wenn meine Füße gleiten. Dein Wort ist meine Freistatt in den Nöthen; meine Wehr im Streite, damit ich kämpfe und siege; meine Arznei, wenn ich krank daniederliege; mein Schatten, wenn ich schmachte nach Kühlung; meine Quelle, wenn ich Durst leide in der Wüste. Jede neue Geschichte ist eine neue Belebung meines Glaubens, daß Du Deinen Schafen das ewige Leben gibst und sie nimmermehr umkommen, Niemand sie Dir aus Deiner Hand reißen soll. Dein Wort ist das Siegel des Bundes zwischen meiner Seele und Dir; meine Vollmacht, wenn ich bete vor Dir; mein Wegweiser auf dem Wege zum Himmelreich; mein Schlüssel zur engen Pforte in’s Heiligthum. Dein Wort ist mein Gedanke, wenn ich denke; mein Wort, wenn ich rede; mein Lehrer, wenn ich lerne; mein Traum, wenn ich träume. Dein Wort soll in meinem Munde sein, wenn meine Adern starren und meine Augen sich schließen. Dein Wort soll mein Herz Dir vorhalten, wenn ich erwachen werde nach Deinem Bilde. Amen.

Joh. 11,1-44.

Welch eine That! Nie ist ein ähnliches Wunder auf Erden verrichtet worden. Und welch ein Wort: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet im Glauben an mich, der wird nimmermehr sterben!“ Nie hat ein Mensch, so lange die Welt steht, ein so großes, außerordentliches Wort von sich gesagt. Nie hat Einer es von sich sagen können. Es hat freilich nicht an stolzen Menschen gefehlt, die manchmal ein großes Wort von sich gesagt haben, wie Nebucadnezar; aber die Strafe und Demüthigung für solche Erhebung ist niemals ausgeblieben. Der Demüthigste unter allen Menschen und der Heiligste, der konnte und durfte das große Wort aussprechen: Ich bin die Auferstehung und das Leben, und wurde, nachdem Er durch Leiden des Todes vollendet war, erhöhet über alle Namen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und ist Ihm gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, und Er wird kommen, um einst zu richten die Lebendigen und die Todten. Je mehr man in seinen Worten sucht, desto mehr findet man darin. Jesus sagt nicht: Ich bin der Todtenerwecker und der Lebenbringer; auch nicht: Ich bin der Auferstehende und der Lebendige; sondern: Ich bin diejenige, einzige Person, auf deren Persönlichkeit alle Auferstehung allein beruht, ich bin die Ursache aller Auferstehung und die Quelle alles Lebens. Die Gotteskraft aber, wodurch der Mensch einen persönlichen Antheil an der Person und dem Geiste Jesu Christi erhält und sein Leben ganz erneuert wird, ist der Glaube an Ihn, d.h. die göttlich gewirkte und vom Menschen ergriffene Gewissheit, daß Jesus mit dem ganzen Verdienst seiner erlösenden Hingebung dem gläubigen und bußfertigen Menschenherzen zur ewigen Seligkeit aus Gnaden geschenkt ist. Wer den Sohn hat, der hat darum das Leben, und dieses Leben ist stärker als der natürliche Tod, es überdauert ihn ewiglich, und fällt dem ewigen Tode nicht anheim. Du fragst, lieber Herr: „glaubst du das?“ – Herr, ja, ich glaube! Amen.

Joh. 11,45-57.

So rückte denn die entscheidende Zeit immer näher herbei. Alles vereinigte sich, sie vorzubereiten: der Hohepriester weissagte, und musste, obwohl zum Fluchen bereit, wie einst Bileam, an der Schwelle des neuen Bundes über das ächte Israel den Segen aussprechen, indem er die Weissagungen des Gesetzes und der Propheten vom Versöhnungstode des Lammes Gottes bestätigte; der hohe Rath ließ den Befehl ausgehen, daß diejenigen, die da wüssten, wo Jesus wäre, es anzeigen sollten, damit sie Ihn greifen könnten: - kam Jesus zu Ostern nach Jerusalem, es warum Ihn geschehen. Und Jesus kam frei und öffentlich. Er stand unter dem allmächtigen Schutze seines Vaters. Er war getrost und fürchtete sich nicht: was konnten Ihm Menschen thun? Sind wir nicht auch in der Nachfolge Jesu und unter seinen Schirmen vor der Wuth und dem Stürmen aller Feinde frei? Ist Gott für dich, was kann dir schaden, ob sich dir Alles widersetzt? Bist du bei deinem Gott in Gnaden, so bleibst du stets unverletzt. Wer Gott nur hat, hat immer Schutz, er bietet Welt und Teufel Trutz. – Jesus kam nach Jerusalem; denn nach des Vaters ewigem Rathschluß sollte Er sterben, und nach seiner eignen Liebe zu den Menschen wollte Er für sie sterben, zu ihrer Versöhnung und Beseligung. Unter den entfernten Heiden sahe sein allwissendes Auge bereits eine große Anzahl, die durch den Glauben an den Namen seines eingeborenen Sohnes seine Kinder werden sollten. Diese werden schon zum voraus Kinder Gottes hier genannt, so wie der Erlöser solche gleichfalls Joh. 10,16. schon zum voraus seine Schafe nannte, noch ehe sie herzugeführt waren. Sie sollten durch den Tod des Sohnes Gottes zu einer Heerde gesammelt werden, hier in der Zeit durch die Einigkeit ihres Glaubens, und dort in der Ewigkeit, wo sie die vollkommene Gemeinde der vollendeten Gerechten ausmachen werden. O meine Seele, preise deinen Erlöser, und verkündige seinen Tod, daß auch du kraft desselben als ein verlornes und verirrtes Schaf zu seiner Heerde gesammelt bist, und laß dich durch keinen Verführer von diesem einigen Grunde deines Heils abwendig machen! Amen.

Joh. 12,1-11.

Lebendiger Heiland, gekreuzigter Erlöser, dem Andenken an Dein Leiden Deinen Tod, Deine Auferstehung ist die gegenwärtige Zeit des Kirchenjahres gewidmet. Ach wir haben schon Fastenzeiten genug in unserm Leben gefeiert, in denen wir kein Haar besser geworden sind, als wir vorher gewesen; ja, in denen wir wohl noch viel schlimmer geworden sind und das Wort von Deinem Kreuze uns ein Geruch des Todes zum Tode geworden ist, während es uns hätte ein Geruch des Lebens zum Leben werden können. O treuer Heiland, so gib nun, daß die heilige Zeit, die wir jetzt vor uns haben, recht sorgfältig von uns möge ausgekauft werden, daß wir an dem heutigen Tage den rechten Bund vor Deinem Angesicht machen, diese sieben Passions-Wochen keinen Tag hingehen zu lassen, da wir nicht etwas von unserer Zeit zur Betrachtung Deines Leidens anwenden, darin wir uns nicht in eine stille Erwägung Deiner herzlichen Liebe einlassen, die Dich für uns in den Tod und in die Schmach gedrängt hat. Gib, o Herr, daß das Evangelium von Deinem Leiden und Tode uns nicht möge vergeblich verkündigt werden, sondern daß es uns zu unserm Heil gepredigt werde. Segne aber die Predigt von Deinem Leiden nicht nur an uns, sondern überall, wo sie in der Christenheit verkündigt wird. Laß Dein Leiden allen denen, welche es betrachten, ein Geruch des Lebens zum Leben werden, zur Stärkung ihres Glaubens und ihres blöden und verzagten Gewissens. Stärke Deine Knechte, und rüste sie aus mit Kraft und Weisheit, Dein Leiden recht zu verkündigen. Laß um Deines Blutes willen alle Zuhörer theilhaftig werden der Früchte Deines Leidens und Todes. Erbarme Dich aller Kranken, elenden, Armen, aller Sterbenden, aller unschuldig Verfolgten und Gefangenen. Gib einem jeden, der zu Dir in dieser Noth schreiet, Gnade, und laß kein Gebet unerhört, keine Thräne umsonst vergossen werden, welche aus einer wahren Erkenntniß und aus einem lebendigen Gefühl der Sünde herfließt; sondern siehe allesamt gnädig an und erhöre, was ein Jeder in seiner Noth von Dir bittet, erhöre, was auch ich in dieser gesegneten Zeit, in diesen Tagen des Heils von Dir erflehen werde, um Deines Leidens, Deines Todes und Deiner Auferstehung willen. Amen.

Joh. 12,20-50.

Wie großen Dank bin ich Dir schuldig, Herr Jesu, daß Du die Strafen meiner Sünden auf Dich nahmst, und Hunger, Durst, Kälte, Ermüdungen, Verläumdungen, Verfolgungen, Schmerzen, Armuth, Banden, Geißeln, Dornenstiche, ja, den bittersten Kreuzestod ertragen wolltest! Wie groß ist die Flamme Deiner Liebe, die Dich getrieben hat, für den verachtungswürdigsten und undankbarsten Knecht Dich selbst freiwillig in jenes Meer der Leiden zu versenken! Deine Unschuld und Gerechtigkeit machte Dich von allen Leiden frei; aber Deine unermeßliche und unaussprechliche Liebe stellt Dich an unsrer statt als Schuldner und Angeklagten dar. Ich hatte übertreten: Di thust genug; ich hatte geraubt: Du bezahlst; ich hatte gesündigt: Du leidest. O gütigster Jesu, ich erkenne die Herzlichkeit Deiner Erbarmung und die Gluth Deiner Liebe an. Du scheinst mich mehr zu lieben als Dich, da Du Dich selbst für mich dahingibst. Was hast Du, Gerechtester, mit den Todesgedanken, mit Geißeln und Banden zu thun? Mir gebührte dies Alles; Du aber steigst aus unaussprechlicher Liebe in den Kerker dieser Welt herab, ziehst mein Knechtsgewand an und übernimmst ganz bereitwillig die mir gebührenden Strafen. So viel ich Werkzeuge Deines Leidens ansehe, so viel sehe ich Anzeigen Deiner Liebe gegen mich; denn meine Sünden sind jene Bande, jene Geißeln, jene Dornen, die Dich geschlagen haben, die Du alle aus unaussprechlicher Liebe um meinetwillen erduldet hast. Wer bin ich, daß Du um meinetwillen so viele Jahren dienen wolltest, daß Du um meinetwillen Dich nicht einmal zu sterben weigertest, daß Du um meinetwillen vor dem Holze des Kreuzes nicht schauderst? Ich bin Dir wahrlich eine Blutbraut, um deren willen Du eine so große Menge Blut vergießest. Ich bin Dir, der schönsten Lilie, ein Dorn, der Dich verletzt und sticht. Ich lege Dir eine harte und beschwerliche Last auf, deren Gewicht Dich so sehr drückt, daß Blutstropfen reichlich aus Deinem Leibe fließen. Dir, Herr Jesu, einiger Erlöser und Mittler, will ich um dieser Deiner Liebe willen ewiglich lobsingen. Amen.

Joh. 17.

Mein Heiland, Du leidest unschuldig, schreiest Du denn nicht um Rache über Deine Kreuziger? oder schreiet Dein unschuldiges Blut nicht um Rache? O nein, dieses redet bessere Dinge, denn Abels Blut; es schreiet um Gnade und Barmherzigkeit, wie Dein holdseliger Mund. Du sagtest einst, Du seiest nicht gekommen, daß Du die Welt richtest; das beweisest Du auch noch am Kreuze, und zwar hier im höchsten Grade. Wie Du im hohenpriesterlichen Gebete für Dich, für Deine Jünger und alle, die künftig noch an Dich glauben würden, flehetest, so bittest Du am Kreuze für Deine Feinde, die im tollen Grimme auf Dich zuschlagen. Du begleitest Dein fließendes Blut und dessen unbegreifliches Reden mit der allerlieblichsten und kräftigsten Fürbitte. Gottlob, daß diese Deine Fürbitte gerade für Deine Feinde und Kreuziger geschieht; denn da gehet sie auch mich an, und ich nehme im Glauben auch Theil daran; auch meine Sünden, die Dich gekreuzigt haben, sind dadurch verbeten und vergeben; denn das Lob hattest Du schon längst Deinem Vater beigelegt, daß Er Dich, den Sohn, allezeit erhöre: also bist Du auch hier erhöret worden. O Du sanftmüthiges Lamm, Deine durch diese Fürbitte bewiesene Feindesliebe schmelze doch alles Harte, Rauhe, Unversöhnliche aus meinem Herzen hinweg; sie lasse mir stets diese ganz unschätzbaren Worte in meinen Ohren erschallen, und mich nie satt daran hören.

O Du vollkommner Hoherpriester, wie treulich richtest Du an diesem Deinem Versöhnungstage Dein Amt aus! Du opferst Dich selbst für die Sünde des Volkes, Du betest und verbittest die Sünde des Volkes mit einer Fürbitte, die mit Deinem eignen Versöhnungsblute besprenget ist. Vor den Ohren Deines Vaters wird gewiß jede Silbe Deiner Fürbitte eine viel lieblichere Schelle sein, als die Schellen an Aarons Rock. (2. Mose 28, 33.34.) Du wirfst gleichsam die theuern Worte: „Vater, vergib ihnen!“ als ein wohlriechendes Rauchwerk auf das Feuer Deiner zarten Liebe, und gehest damit in’s Heiligthum. Wie wird dieser angenehme Geruch den häßlichen Gestank meiner Sünden vertreiben! Ich weiß nichts zu sagen, mein nie genug geliebter Heiland, als: Dank, Preis, Lob und Anbetung sei Dir gebracht in alle Ewigkeit! Amen.

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