Ahlfeld, Johann Friedrich - Der letzte Wille unseres Herrn Jesu Christi.

Ahlfeld, Johann Friedrich - Der letzte Wille unseres Herrn Jesu Christi.

(Himmelfahrt 1848.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Ev. Marci 16, V. 14-20.
Zuletzt, da die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten auferstanden. Und sprach zu ihnen: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammet werden. Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen vertreiben, und so sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es besser mit ihnen werden. Und der Herr, nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel und sitzt zur rechten Hand Gottes. Sie aber gingen aus und predigten an allen Orten; und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen.

In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Ihr habt wohl schon gesehen, wie sich eine Familie um das Sterbebett des Vaters oder der Mutter sammelt, wie sie sich zu den Häupten, zu den Füßen und an die Seite setzen, und auf die letzten Worte, auf den Abschied, auf den Segen lauschen. Wer es noch nicht gesehen hat, der lese, wenn er nach Hause kommt, das 49ste Kapitel im ersten Buch Mose. Da liegt der Erzvater Jakob, 147 Jahre alt, auf seinem Lager. Der Herr steht vor der Tür und will Ende mit ihm machen. Zu den Häupten, zu den Füßen und an den Seiten sitzen oder stehen seine zwölf Söhne. - Das Erste, was ihr da wahrnehmt, ist das, dass die Worte eines solchen Scheidenden so bestimmt gewählt sind, so ganz auf das Eine gehen, das not tut. Auf keiner Tenne, da gedroschen wird, gibt es mehr Spreu und Staub, als in dem Mund. Ach, wenn da jedes Wort ein echtes Korn wäre! In diesen letzten Stunden wird es so. Der kalte Hauch des Todes fegt die Spreu weg. Man hört auf, unnütze Worte zu machen. Jedes Wort klingt schon halb von drüben, wo der Mund wieder in seine Lauterkeit gestellt wird, wo er wieder seine rechte Arbeit vollbringt: Beten, Loben und Danken. Und die Herzen der Hörer sind auch aufs Tiefste erfasst. Wenn sonst die Ermahnungen für ihre Seelen waren wie leichte Holzspäne, die auf der Oberfläche des Wassers bleiben, so sind sie jetzt wie Eisen und Blei, das zu Grunde geht. Die Worte sind scharf, und das Herz ist weich, der alte Panzer des gewöhnlichen Widerspruchs hält nicht gegen, die Wehmut hat ihn geschmolzen. - Daher nimmt man denn von dieser morschen Kanzel, aus diesen Reden ohne schöne Worte oft mehr für Leben und Sterben mit, und man nimmt es tiefer und fester mit, als aus zehn und noch mehr Predigten. - Liebe Christen, heute ist der Scheidetag unseres Herrn und Heilandes. Es ist kein Scheiden in den Tod. Sein Vater hat an ihm den Tod geteilt in die finstere und in die lichte, in die bittere und in die süße Hälfte. Die bittere Hälfte hat er geschmeckt am Karfreitag. Heute bleibt ihm bloß die süße übrig, der Hingang zum Vater. Ja, süß ist dieser Hingang für ihn. Aber für seine Jünger lag dennoch noch eine Bitterkeit darin. Ihr seht es ja, sie können mit ihren Augen nicht los vom Himmel. Ihre Blicke sind wie angenagelt an die Feste, da er aufgehoben ward zusehends, und eine Wolke ihn vor ihren Augen wegnahm. Ein Engel Gottes musste ihnen erst zurufen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr hier und seht gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“ Durch den Blick auf seine Wiederkunft musste er sie erst von seinem Weggang abziehen. - Hat nun dieser Scheidende kein Abschiedswort an seine Jünger, an die Kirche hinterlassen? O ja, da die Elf zu Tische saßen, trat er unter sie und sagte ihnen, was er vor dem Abschied noch auf dem Herzen hatte. Wollte Gott, wir hörten dies so, wir lauschten so auf diese Rede, wie der Christ auf das letzte Wort seines scheidenden Heilandes lauschen soll! Wir fassen diese seine Abschiedsworte zusammen in den Satz:

Der letzte Wille unseres Herrn Jesu Christi.

  1. Glaube an den Auferstandenen.
  2. Baue die Kirche weiter.
  3. Getröste dich der gnädigen Durchhilfe des Herrn.

Herr Jesu Christe, rufe und sammle uns um dich, dass wir hier nicht allein als eine äußere Gemeinde, sondern auch als eine Glaubensgemeinde vor dir stehen. Du hast jenes Testament nicht allein den Elf gegeben, sondern uns Allen. So hilf denn, dass es auch in unsere Herzen falle als der letzte Wille unseres teuersten Freundes. Führe es uns hinein durch den Geist, den du senden wolltest, und den du gesendet hast, der uns in alle Wahrheit leiten soll. Erbarme dich unserer. Mache das Häuflein, das hier vor dir stehet, zu einem echten Jüngerkreis. Amen.

I. Glaube an den Auferstandenen

So hat denn des Herrn Testament drei Abschnitte. Der kurze Inhalt des ersten lautet: Glaube an den Auferstandenen! Wie aber predigt er diesen? Die Elf sitzen zu Tische, da tritt er mitten unter sie. Gleich hebt er an zu strafen. Er schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn auferstanden gesehen hatten. Es will dem natürlichen Menschen hart vorkommen, dass er gleich so hereinfährt und den Tischgenossen die Mahlzeit verdirbt. Hätte er ihnen denn nicht zum Nachtisch das scharfe Wort bei guter Gelegenheit beibringen können, etwa beiläufig eingeschoben in den Lauf des Gesprächs? So möchte es unsere Zeit gern haben, wenn sie überhaupt noch Bußpredigt haben will. Aber das ist nicht des Herrn Art. Der Grundton seiner Predigt ist: Es sei denn, dass ihr von Neuem geboren werdet, so könnt ihr das Reich Gottes nicht sehen. Soll aber der Mensch von Neuem geboren werden, so muss das Alte mit scharfer Hand und in der Wurzel angefasst und ausgereutet werden. Was aber nur so beiläufig gegeben wird wie eine bittere Arznei im süßen Saft, das wird auch so beiläufig wieder vergessen. Ein ehrlicher Kampfer schießt auf seinen Feind nicht aus dem Busch und Schlupfwinkel hervor, sondern er stellt sich Person gegen Person vor das Angesicht. Darum sollst auch du dich freuen, wenn das Strafwort über deine Sünde fest und gerade, ohne Hörner und Ecken auf dein Herz losgeht. Wenn du dasitzt an den Tischen der Lust und Freude, wo du deinen Gott vergessen hast, und der Herr schreckt dich davon auf, so recht mitten heraus, das ist eine gar große Gnade. Du stehst dann schnell und sicher auf. Du fragst in ganz anderem Ernst: „Was muss ich tun, dass ich selig werde?“ als wenn dies Wort der Buße sich wie ein schleichendes Abendlüftchen in dein Herz stiehlt. - „Aber,“ sagst du, „er konnte es ja doch mit demselben Ernst sagen, warum sagt er es denn gleich zuerst?“ Höre, Jesu Christi Weise und der Welt Weise sind zwei verschiedene Weisen. Die Welt gibt das Süße, das Beste, was sie hat, voran. In der Offenbarung Johannis gibt ein Engel dem Johannes ein Buch zu verschlingen. Im Munde war es ihm süß wie Honig, aber danach grimmte es in seinem Leib. Dieses Buch ist so recht ein Bild der Weltfreude. Ja, sie ist erst süß im Mund, danach grimmt sie im Herzen. Der Feind unserer Seelen sitzt am Strom des Lebens und angelt. Er hat einen schönen Köder an seiner Schnur. Den siehst du. Aber den Haken, der drinnen verborgen ist, siehst du nicht. Ihn fühlst du, wenn es zu spät ist. So macht es Christus nimmer. Er ist kein Betrüger. Er gibt lieber das Bittere, die heilsame Arznei, voran, auf dass er hernach in die gesunde Seele seinen Gnadenwein einschütten könne. Überall ist dem Evangelio der Bußruf vorangegangen: „Tut Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden vertilgt werden.“ Keinem Herzen kann das freundliche Evangelium gepredigt werden, wenn ihm nicht zuvor das Gesetz gepredigt ist. Kein Herz kann getröstet und erquickt werden, wenn es nicht zuvor zerschlagen ist. Erst der Hammer Mosis, dann das Kreuz Christi. Darum fängt der Herr an mit Strafen und Schelten, dann tröstet und segnet er. Was schilt er? Ihren Unglauben, ihres Herzens Härtigkeit, dass sie trotz der vielen Botschaften von der Auferstehung nicht an dieselbe glauben wollen. Warum nahm er gerade dieses Lehrstück heraus? Weil es ihm jetzt am nächsten lag. Es war der letzte Unglaube gewesen.

Aber er hatte auch noch einen anderen Grund. Aus dem Glauben an den Auferstandenen ruhte der ganze Fortbestand der Kirche. Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel, so seid ihr noch in euren Sünden, so sind auch die, so in Christo entschlafen sind, verloren. Christus ist auferweckt um unserer Gerechtigkeit willen. Der auferstandene Christus ist Kraft, Vorbild und Feldgeschrei zu unserer eigenen geistlichen und leiblichen Auferstehung. Mit dem sterbenden Christus soll der alte Mensch in uns begraben werden in den Tod. Mit dem auferstandenen sollen wir in einem neuen Leben wandeln. Hat er das Grab dort im Garten Josephs von Arimathia nicht zerbrochen, so zerbricht er auch in uns das Grab nicht. Wer Christum, den in Bethlehem geborenen, den auferstandenen, in das Grab zurück zweifelt, der zweifelt auch den Christus, der in ihm zum Leben durchbrechen will, in den Tod zurück. Und wenn denn der Herr, der Auferstandene, jetzt in unserer Zeit, in unsere Christenheit, in unsere Mitte einträte, was wäre seine erste Arbeit? Die, dass er unsern Unglauben und unsere Herzens Härtigkeit strafte. Er könnte nicht anders. Das ist ja die Grundkrankheit, das ist der große Aussatz dieser Zeit, dass sie nicht glauben an ihn. Derselbe hat um sich gefressen wie ein Krebs. Alle Herzen sind davon ergriffen. Und wer auch glaubt, bei dem fehlt es doch noch weit, dass er sich mit kindlicher Demut unter das ganze Wort Gottes beugt. Es ist hie ein Stücklein und da ein Stücklein, das ihm nicht gefällt. Und wenn du dich auch mit dem Glauben beugst unter das ganze Wort, so fehlt doch noch viel, ehe du dich mit Willen und Wandel darunter beugst. Überall hält sich der alte Mensch noch Lücken offen, wo er mit dem Kopf hindurch will. Ja, er muss auch bei uns mit Strafen und Schelten anfangen. Er kann auch bei uns mit der Klage anfangen, dass wir nicht glauben an den Auferstandenen. Wenn ein Sonnenstrahl früh morgens auf die erste Wolke fällt, dann glaubst du an den Aufgang der Sonne. Jeder Bote nun, der dir die Auferstehung Christi verkündigt hat, ist solcher Sonnenstrahl von der aufgegangenen Sonne der Gerechtigkeit. Endlich hat er hell und leuchtend, lebend und segnend vor allen Jüngern gestanden. Und doch ist unser Glaube daran nur erst ein schwaches Hintasten und Proben mit den Fingern des Geistes, ob es wahr sein könne, und ob es wahr sei. Wir stehen vor seiner Grabespforte zweifelnd, ob wir hineingehen und das leere Grab sehen sollen. Aber immer bleibt im Herzen eine alte dumpfe Stimme zurück: „Er ist wohl tot geblieben.“ Nun, da hat er zu strafen. Und er kann strafen. Denn nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel und sitzt zur rechten Hand Gottes. Er ist eingegangen in sein wahres Königreich. Er ist eingetreten in seine rechte königliche Gewalt. Alle Herzen sind unter seine Füße getan. Er straft Alle, die sich verstockt haben durch Betrug der Sünde. So lass dich durch ihn strafen. -

Still blieben seine Jünger, als er ihnen ihren Unglauben vorrückte. Keiner erhob auch nur ein Wörtlein des Widerspruchs. In die stillen Herzen aber zog die fröhliche Gewissheit ein: Er lebt; er ist es, er steht vor uns. Wie er sie gestraft hatte, straften sie sich selbst. Da hatte seine Strafe die rechte Frucht getragen. Buße und Glauben waren da. Die Schwellen der Kirche waren gelegt. Sie sollen stehen bis an das Ende der Tage. Wo die sind, kann er weiter bauen. Ich glaube, darum rede ich. Er eröffnet das zweite Stück seines Testamentes:

II. Baue seine Kirche weiter.

„Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ Sein erstes Vermächtnis ging auf die innere Habe der Kirche, sein zweites ging auf ihre Arbeit. Doppelt ist die Arbeit der Kirche. Sie soll erhalten, ernähren, festigen und stärken, was sie schon hat; sie soll aber auch weiter bauen, sie soll dazu erwerben. Sie ist auch der Knecht, der mit den empfangenen zehn Pfunden noch zehn andere erwuchern soll. Von dem inneren Bau der Kirche reden wir heute nicht. Der Herr weist uns zu stark auf die Ausbreitung seines Reiches. Sie ist und bleibt eine heilige Pflicht bis zu dem Tag, wo er kommt. Er hat es geboten: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Er hat es geboten, das sollte genug sein.

Aber es liegt auch in der Natur der Sache. Dein Leib wächst. Wenn er aufhört zu wachsen, geht es bald wieder rückwärts mit ihm. Die Kirche ist der Leib Christi. Er soll auch wachsen. Wenn er aufhört zu wachsen, geht es rückwärts mit ihm. Es ist ja das ein Zeugnis, dass kein Leben, kein Trieb mehr in ihm ist. Jeder Baum, jedes Unkraut sucht sich auszubreiten und mehr Boden zu gewinnen. Alle Herbste, wenn der Same reif ist, alle Frühjahre, wenn die Schösslinge aus der Erde gehen, schickt er seine Sendboten aus. Und der Same des Evangeliums sollte nicht weiter gestreut werden? Der Baum des Lebens sollte mit seinen Schösslingen nicht mehr Raum gewinnen wollen? -

Der Geist des Unglaubens, der Geist des Abfalls von Gott, der Geist des Ungehorsams gegen die von Gott verordnete Obrigkeit schreitet vorwärts wie ein fressendes Feuer. Er geht von Land zu Land wie ein verderblicher Heerrauch, wie eine ansteckende Krankheit. Und der Geist des Glaubens, des Gehorsams gegen göttliche und menschliche Obrigkeit, der Geist, der die Seinen fröhlich leben, selig sterben lehrt, der soll still sitzen? Der Herr ruft: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ Wie soll nun Glaube und Taufe hinkommen an die armen Heidenvölker? Sie müssen ihnen gebracht werden, Sie werden aber nicht gebracht, wenn keine Boten kommen. Es kommen aber keine, wenn die Kirche keine sendet. Es gehört zu den rechten Lebenszeichen der Kirche, dass die Mission, dass das Bekehrungswerk unter Juden und Heiden eifrig betrieben wird. Nun ist es wahr, es ist für diese Arbeit in unserm Jahrhundert eine Liebe in unserer Kirche erweckt worden, wie sie ihre drei ersten Jahrhunderte nicht gekannt haben. Aber es ist immer noch ein Geringes. Wie Viele sind unter uns, die sich die Seelen der Heiden noch kein Gebet zum Thron Gottes, noch keinen Pfennig haben kosten lassen! Wie Viele haben im Gegenteil dieses hochnötigen Christenwerks bisher gespottet! Achtest du so das Testament des scheidenden Herrn: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur?“ Haben es die Apostel so geachtet? Paulus ist mit der Botschaft gewandert durch Kleinasien und Griechenland, durch Italien und die Inseln des Mittelmeers. Er ist nicht müde geworden. Das Gebot Christi war hinter ihm wie ein Stachel, gegen den er nicht locken konnte. Der eigene selige Friede war in ihm wie ein Feuer, das ihn beständig vorwärts trieb. Es ist einmal in keinem Andern Heil, ist auch kein anderer Name dem Menschen gegeben, darinnen er könnte selig werden, denn allein der Name unseres Herrn Jesu Christi. -

Wie innig aber danken die Heiden, denen das Evangelium gepredigt ist! Jener Kerkermeister zu Philippi, dem Paulus und Silas Christum gepredigt hatten, wusch diesen seinen Evangelisten die Striemen vom Leibe, die er ihnen vorher geschlagen hatte. Sie hatten ihm die Striemen abgewaschen, die ihm die Sünde geschlagen hatte. Wie sehnen sich die Heiden nach der Botschaft, wenn sie erst einen Geschmack davon empfangen haben! In Südafrika ward einem Stamm Schwarzer das Evangelium verkündigt. Das Wort schlug ein und zündete. Die Bekehrten und Getauften fühlten sich so selig. Da saßen sie denn einst mit den Europäern, die ihre Boten gewesen waren, zusammen und sprachen: „Aber wie konntet ihr an der großen Honigscheibe, die die ganze Welt nähren kann, so lange allein sitzen, ohne uns dazu zu laden, ohne uns davon zu geben?“ Sie verstanden darunter, nach ihrer Weise zu reden, das süße Evangelium von Christo. Die Europäer saßen verlegen da, konnten nicht antworten. Da halfen ihnen ihre Bekehrten über die Verlegenheit weg mit den Worten: „Nun, es ist doch noch gut, dass ihr gekommen seid.“ - Jene Verlegenheit aber fällt nicht allein auf die Boten, sondern auf die ganze Kirche, auch auf uns. - Im südlichen Afrika hatten die Engländer eine Missionsstation auf Morly gegründet. Es war ein Vorposten recht in die Heidenwelt hinein. Da horte ein Heide fern davon, dass im Süden ein Ort gegründet worden, wo kein Krieg mehr sei. In seinem Vaterland hatte es bisher solchen Ort noch nicht gegeben. Er brach mit seinen Kindern auf. Er wollte nach dem Ort, da kein Krieg mehr sei. Aber er musste durch Länder voller Krieg, durch Länder feindlicher Stämme. Die Familie ward zersprengt. Jeder musste allein seinen weitern Weg suchen. Aber Nichts konnte den Alten irre machen. Er wollte nach dem Ort, da kein Krieg mehr sei. Abgezehrt und schwach kam er in Morly an. Da war Friede. Und der Herr schenkte ihm dazu auch bald noch den inwendigen Frieden, zu dem der Glaube führt. Seine Kinder aber sammelten sich aus der Zerstreuung eins nach dem anderen zu ihm. - So greifen die Heiden zu, wenn sie nur erst einen Tropfen aus dem Kelch der ewigen Liebe gekostet haben. Manches Strafwort haben die Missionare von den Alten unter ihnen hören müssen, etwa: „Es war hohe Zeit, dass ihr kamt. Mein Leben war bald dahin.“ Oder Ermunterungen: „Säumet nicht, denn täglich sterben Solche dahin, die Nichts gehört haben von Buße und Glauben.“ Darum muss die Kirche das Werk der Mission treiben. Auch wenn über sie selbst schwere Zeiten kommen, darf es nicht ruhen. Gerade als die Juden den Stephanus zu Tode gesteinigt hatten, wurde die Bekehrung der Heiden recht lebendig betrieben. Die verstreuten Christen predigten hin und her unter den Völkern, z. B. in Samaria, und gewannen dem Herrn viele Seelen. Als Paulus in Rom um das Evangelium gefangen war, da hätte man denken sollen: Nun hat er mit sich selbst genug zu tun, nun wird er wohl Andere das Bekehrungswerk treiben lassen. Nein, er trieb es fort, er ging, von einem Kriegsknecht begleitet, durch die Stadt und predigte den, der die in Sünden Gefangenen frei macht. Und die Sorge trugen um das Heil ihrer Seelen, kamen auch zu ihm ins Gefängnis. Der Herr ist aufgefahren gen Himmel und sitzt zur Rechten Gottes. Er schaut hernieder und schaut und forscht, wie seine Kirche sein Testament halte, das Testament: hinzugehen in alle Welt und das Evangelium aller Kreatur zu predigen. - Doch, könntest du hier klagen, das ist ja ein eigenes Testament. Er straft und treibt zum Glauben, er legt eine saure Arbeit auf. Ist denn nun gar Nichts da, was in diesem Testament vermacht würde? O wohl:

III. Getröste dich seiner gnädigen Durchhilfe.

„Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen vertreiben, und wenn sie etwas Schädliches trinken, wird es ihnen nichts schaden. Auf die Kranken werden sie die Hände legen, und es wird besser mit ihnen werden.“ Wie ein König seinem treuen Diener ein Siegel mit dem königlichen Wappen gibt, dass man daran erkenne, er habe ihn beauftragt, und in seiner Vollmacht stehe er da, so hat der Herr den Aposteln und anderen Jüngern diese großen Taten gegeben als sein königliches Siegel. Er war einhergegangen mit Wundern und Zeichen. Und sie sollten beweisen, dass sie sein waren. Sie haben es getan. „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben,“ heißt es zuerst. Schon die siebzig Jünger, die er ausgesandt hatte, kamen zurück mit dem Siegesruf: „Herr, es sind uns auch die Teufel untertan gewesen!“ „Mit neuen Zungen werden sie reden.“ Bald war der Tag der Pfingsten erfüllt. Da waren sie Alle einmütig beisammen. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel. Sie wurden Alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu reden mit anderen Zungen. „Schlangen sollten sie vertreiben.“ Als der Apostel Paulus nebst seinen Reisegefährten als Schiffbrüchiger auf die Insel Malta kam, machten sich die armen Durchnässten und Durchkälteten ein Feuer an. Als es brannte, raffte Paulus noch Reisig zusammen. Da fuhr ihm eine Otter an die Hand. Die Leute der Insel, da sie sahen das Tier an seiner Hand hangen, sprachen: „Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Rache nicht leben lässt, ob er gleich dem Meer entgangen ist.“ Er aber schlenkerte das Tier ins Feuer. Die Leute warteten nun, dass er schwellen und tot niederfallen sollte. Da ihm aber nichts Ungeheures widerfuhr, entsetzten sie sich und sprachen: „Er ist ein Gott.“ Ein Gott war er nicht, er ging nur im Amt und in der Kraft seines Herrn und Gottes. - Wie endlich die Apostel auf die Kranken die Hände legten, und es besser mit ihnen ward, davon zeugt die Apostelgeschichte an mehr denn einer Stelle. Das war Christi Vermächtnis an seine Jünger. -

Wie aber, sagt ihr, steht es um uns? Hat der Herr für uns solche Gaben nicht mehr? Sind wir Stiefkinder? Müssen wir rufen mit Esau: „Vater, hast du denn keinen Segen für mich?“ Als ewige Schätze liegen diese Güter für die Gemeinde da, wenn es nur nicht an der Hand fehlt, nach denselben zu greifen; und die Hand ist der Glaube. Wir haben erst vor acht Tagen gehört, wie Luther mit Glauben und Gebet den Tod von seinem kranken Freund Myconius wegglaubte und wegbetete. Wenn apostolischer Glaube da ist, sind auch apostolische Taten da, auch in dieser Zeit. An uns fehlt es; nicht an dem Herrn. Die ganze Reihe der Zeichen geht trotz unseres schwachen Glaubens in einem anderen Gebiet beständig durch die Kirche. Wie oft hat der schlichte Glaube mit seinem Beispiel, seinem Frieden Teufel ausgetrieben! Wie Viele haben durch den Glauben mit neuen Zungen reden lernen! Statt zu fluchen, lernten sie beten, loben, danken und segnen. Wie oft hat der schlichte Glaube Schlangen vertrieben! Sie waren da, sie lauerten und wollten ihn umschlingen. Aber sie wagten es zur Stunde nicht, das Kind Gottes anzutasten. Wie oft hat die Welt den Kindern Gottes in ihrem Groll etwas Tödliches zu trinken gegeben und gejubelt: „Nun ist es aus mit ihnen!“ und es war doch nicht aus, und es schadete ihnen doch nicht. Ja, mit starker, gewaltiger Hand trägt der Herr die Seinen! Drum nur getrost und unverzagt, auch der Gnadenteil seines Testaments ist nicht von uns genommen. -

Das letzte Vermächtnis aber hat er nicht mit Worten hinzugefügt. Er hat es mit der Tat in das Firmament und in die Herzen seiner Jünger geschrieben: Da er solches mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel und sitzt zur rechten Hand Gottes. Schreibe dir unter diese Auffahrt Christi zu seinem Vater die Worte: „Und wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich sie Alle zu mir ziehen.“ Und die Worte: „Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.“ Dann verstehst du auch dies vorbildliche Testament. Er wird seine arme Kirche erhöhen. Er wird seine Gläubigen erhöhen. „Folgt mir nach“ - das gilt nicht allein in Kreuz und Tod, es gilt auch hinauf zur Rechten seines himmlischen Vaters. Verscherze diese Erhöhung nicht. Du verscherzt sie, wenn du dein Herz in Sünd' und Erde senkst und zäh an deiner Pilgerstätte hängst. Du erlangst sie, wenn Herz und Wandel stetig droben ist bei dem erhöhten Heiland Jesus Christ. Amen.

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autoren/a/ahlfeld_friedrich/ahlfeld_himmelfahrt.txt · Zuletzt geändert: von aj