Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - VII. Der Segen christlicher Gemeinschaft.
K. 2, 18 -23.
Jesu, holder Freund, vereine Deine Dir geweih'te Schar,
Dass sie sich so herzlich eine, wie's Dein letzter Wille war.
Ja verbinde in der Wahrheit, die Du selbst im Wesen bist,
Alles, was mit Deiner Klarheit in der Tat erleuchtet ist. Amen!
Die liebe Ruth war vom Acker des Boas mit dem reichen Gewinn der Tagesarbeit des Abends heimgekehrt in die Stadt Bethlehem. Wo ging sie anders hin, als in das Häuschen der Naemi? Dort war sie zu Hause, die alte Schwiegermutter war daheimgeblieben, dem Geschäfte des Ährenlesens konnte sie nicht mehr sich unterziehen, dafür war sie zu alt. Wie wird sie sich über die Heimkehr ihrer lieben Schwiegertochter gefreut haben; und nun, die Ruth hat gewiss auch kein böses Gesicht gemacht. Konnte sie doch so viel Gutes erzählen; und damit wartet sie auch nicht lange. Kaum hatte sie die Last von ihren Schultern genommen, so berichtet sie mit freudestrahlendem Gesicht, wie es ihr so gut gegangen hatte. Naemi, ganz erstaunt, erkundigt sich näher, auf wessen Acker sie Ähren gelesen. Ruth gab erwünschte Auskunft. Bei dem Namen Boas kommen ihr ganz besondere Gedanken. Sie erinnert sich, dass dieser Mann schon früher, vor ihrem Auszug nach Moab ihrer Familie Gutes erwiesen hatte, sie Misstrauen sich, jetzt zu hören, dass derselbe in seiner Freundlichkeit sich gleich geblieben, also noch der Alte sei. Was ist das für ein Blitz, der plötzlich, bei dem Anblick der Ruth, dieser jungen Witwe ihre Gedanken durchzuckt? „Der Mann gehört uns zu, er ist unser Erbe“ (Goël1))! Noch denkt sie - ist dieser angesehene Boas unverehelicht, er gehört zu unseren nächsten Blutsverwandten, ist er auch mein Sohn nicht, so ist doch nach jüdischer Sitte auch auf ihn das Gesetz der Leviratsehe anwendbar. (5 Mos. 25, 5.) Wird nicht dieser Boas bestimmt sein, das Feld an sich zu kaufen, das ich früher aus Not verkaufen musste, und zugleich meine verwitwete Schwiegertochter zu ehelichen? Zwar man kann ihn nicht zwingen, aber es ist ja kein Ding der Unmöglichkeit, dass er dazu bereit ist. Übrigens Naemi ist klug; sie spricht nicht sogleich sich darüber gegen Ruth aus, sondern hört dieser stille zu, wie sie von der erfahrenen Freundlichkeit des Boas immer mehr erzählt. Diese Mitteilungen bestärken die Naemi in ihrer Hoffnung. Sie gibt ihrer Schwiegertochter den guten Rat, sich auch ferner zu den Mägden des Boas zu halten und auf dessen Acker Ähren zu lesen; sie werde dann nicht in die verdrießliche Lage kommen, dass ihr auf einem anderen Acker ein hartherziger Besitzer das Armenrecht versage. Einen tieferen Grund sprach sie noch nicht aus, wir erraten ihn aber. Naemi wünschte, dass Boas und Ruth sich näher kennen lernten. Die willige Ruth folgte dem Rat der erfahrenen, wohlmeinenden Schwiegermutter. Wir erwarteten es von ihr nicht anders. Sie hielt Ähren lesend während der Gersten und Weizen - Ernte auf dem Felde des Boas aus, und hielt sich in der Ruhezeit still und eingezogen bei der alten Naemi.
Wie die Beiden so friedlich bei einander gewohnt haben; und wie gesegnet war auch ihr Beisammensein! Wir müssen des Schriftworts gedenken: „wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen.“ Es ist uns heute ein Einblick vergönnt in ein recht glückliches, zufriedenes Familienleben, wie man es nicht in allen Häusern sieht, wie ich es aber allen Häusern, in denen Hader und Unfrieden wohnt, von ganzem Herzen wünsche.
Aber wir beschränken unsern Blick auf das Familienleben nicht. Das liebliche Zusammenleben der alten und jungen Witwe, ihre gegenseitige Unterstützung durch Rat und Tat gewährt uns einen weiteren Ausblick. Meine Freunde! ich lade euch ein, im Zusammenhang unserer bisherigen Anwendungen der Geschichte Ruths auf das christliche Leben heute nach Anleitung des vorgesetzten Abschnitts den Segen christlicher Gemeinschaft zu betrachten.
Dass doch das, was hierüber gesagt werden wird, mit eurer Aller Erfahrungen stimmte! Es wird nicht der Fall sein. Viele haben derartige Erfahrungen noch nicht gemacht. Möchte dann wenigstens in ihnen der Wunsch erweckt werden, sie zu machen, und sei die Anweisung darüber, wie sie gemacht werden können, nicht vergeblich. Ihr aber, die ihr aus Erfahrung den christlichen Gemeinschaftssegen kennt, werdet desselben recht froh, haltet ihn, lasst euch diese Freude vollkommener werden, indem ihr die darauf bezüglichen Weisungen recht benutzet. Dazu segne der Herr auch unser jetziges Zusammensein!
Worin besteht denn aber der von den Gläubigen so gepriesene, dagegen den Unbekehrten ganz unbegreifliche Segen christlicher Gemeinschaft? Sie bietet den Einsamen eine Zuflucht, den Hungrigen eine Mahlzeit, den Gesegneten fröhlichen Herzensaustausch, den Unerfahrenen Unterweisung und immerdar ein erquickliches Zusammensein.
Ja es ist so, den Einsamen bietet sie eine Zuflucht. Ruth kam in das Haus der Naemi. Wo sollte sie auch anders hingehen, die geborene Heidin, die in der Stadt fremd war? Der Naemi Haus war auch ihr Haus, an ihrem Herde war sie auch daheim. Beide gehörten unzertrennlich zusammen. War das Tagewerk vollendet, so fand Ruth, die sonst Einsame, bei der Naemi eine Zufluchtsstätte. Auch war die Ruth eine rechtschaffene, sittsame, keusche Witwe. Sie lief nicht Abends auf der Straße herum, hielt sich nicht lange an öffentlichen Plätzen auf, und mied die Gesellschaften der Vergnügungslustigen, welche die Freude am verkehrten Orte und in verkehrter Weise suchen; wäre gewiss, wenn es deren damals gegeben hätte, nicht in Spinnstuben gegangen, und hätte sich von Niemanden dahin locken lassen. Hatte sie doch eine bessere Gesellschaft an der alten Naemi, die vertauscht sie mit keiner anderen.
Geselligkeit ist den Menschen Bedürfnis. Jeder sucht dieses Bedürfnis nach der Neigung seines Herzens da zu befriedigen, wo er sich wohl fühlt. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Wo kann es bekehrten Christen wohler sein, als in christlicher Gemeinschaft, im Zusammensein mit Gleichgesinnten? Da sind sie daheim. Ein seliges Gefühl, dieses Daheimsein! Wollet ihr es haben, die ihr den Herrn lieb habt, und wollt ihr es recht genießen in der Einsamkeit dieses Weltlebens, in welchem sich das christliche Gemüt nie recht wohl und daheim fühlen kann, wohlan so sorget dafür, betet darum, dass der Herr bei euch sei als liebster Gast. Sorgt und betet darum, dass vornehmlich euer Haus eine christliche Herberge sei. „O selig Haus, wo man Dich aufgenommen, Dich teurer Seelenfreund, Herr Jesu Christ! wo unter allen Gästen, die da kommen, Du der gefeiertste, der liebste bist.“ Selig das Haus, in welchem Mann und Weib und Kinder vereinigt sind in Jesu Liebe, in dem auch Knechte und Mägde teilhaben an dem Segen der Hausandacht! In solchem Hause wohnt der Friede Gettes, es ist ein Vorhof des Himmels, ein Bethel. Ach wie wenige Häuser verhältnismäßig sind selige Häuser, weil ihnen der Segen christlicher Gemeinschaft abgeht. Darum ist es so häufig dem Einen und Anderen, bald den Alten, bald den Kindern, daheim nicht wohl, es fehlt das rechte Bindemittel, das die Hausgenossen vereinigt, sie suchen draußen, was ihnen das Haus nicht bietet. Sie fühlen's, es fehlt zu Hause etwas, und doch wollen sie sich's nicht sagen lassen, was ihnen fehlt. Darüber wäre noch so Vieles zu sagen, zu klagen, zu raten. Veranschaulicht euch doch den Frieden, das stille Glück im Hause der Naemi, in welchem freilich außer ihr und der Ruth noch ein dritter wohnte: der Geist der Frömmigkeit, der Gottesliebe, während in den Häusern der Weltkinder die Geister der Unzufriedenheit, des Argwohns, und viele ihrer Genossen hausen und regieren.
Wie ist aber der Segen christlicher Gemeinschaft zu erlangen? Eine Naemi muss da sein, eine christlich geförderte, tüchtige Persönlichkeit ist dazu nötig, welche den Mittelpunkt und Anziehungspunkt bildet. Dorthin zieht es die Ruths; daselbst finden sich die suchenden Seelen zusammen; da bildet sich ohne viel äußeres Formenwesen - was gar nicht nötig ist, und auf das man kein Gewicht legen soll - eine christliche Gemeinschaft, ein Kirchlein, nicht neben oder gar außerhalb der gesamten Kirche, - nein, das taugt nichts - sondern lebendig in dieselbe eingegliedert. Wären es auch nur zwei oder drei Personen, welche so zusammenkommen des Abends nach der Arbeit des Tages, mag es innerhalb der Familie sein, oder so, dass auch aus andern Familien Glieder teilnehmen, verlasst euch darauf, des Herrn Verheißung wird sich bewähren: „Wo Zwei oder Drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Da müssen sich Christen ja wohl fühlen, da sind sie daheim, da finden die Einsamen eine Zuflucht und die Hungrigen eine Mahlzeit.
Die Ruth war satt geworden, Boas hatte sie nicht hungrig fortgehen lassen von seinem Acker. Wir hörten, dass er ihr geröstete Ähren so reichlich vorgelegt hatte, dass sie davon übrig behielt. Die alte Naemi aber - wer weiß, ob sie an diesem Tage schon etwas bekommen hat; sie hat vielleicht die Ruth abgewartet und mag recht hungrig gewesen sein. Gute Naemi, altes Mütterchen, sei zufrieden, deine sorgsame Tochter hat an dich gedacht und hat dir etwas mitgebracht. Sie zog hervor und gab ihr das Mitgebrachte, und das schmeckt der Naemi jetzt recht gut. Die Liebe würzte die Speise.
Wer unter denen, die in christlicher Gemeinschaft daheim sind, etwas empfangen hat, bringt von seiner empfangenen Gabe auch den Andern etwas mit, und dieses Mitteilen ist etwas recht freudiges. In christlicher Gemeinschaft sorgen die Verbundenen für einander, und zwar nicht bloß durch geistliche Mitteilung, sondern auch durch solche, welche sich barmherzig, hilfreich auf das leibliche Leben und Wohlergehen erstreckt. So taten auch die ersten Christen, Einer teilte dem Andern mit, wie Jedermann not war. Das ist eine falsche Geistlichkeit, wenn das christliche Leben sich nicht auch in leiblicher Hilfsleistung bewährt, sei es durch Geldunterstützung in der Not, oder durch Darreichung von Brot an die Hungrigen, von Kleidung an die Nackten, durch Besuchen der Kranken und Gefangenen, - lauter Dinge, an welchen der Herr die Seinigen erkennt, in denen sich die herzliche, brüderliche Liebe bezeugt. Wer soll denn auch benötigten, christlichen Brüdern und Schwestern helfen, wenn nicht die Glaubensgenossen? Die Welt lässt es bleiben; ihre Kinder üben wohl auch Wohltätigkeit und zwar recht großartig, offenbar, und die Zeitungen posaunen es aus, damit nur Jedermann es auch wisse; aber die Welt sorgt nur für das, was ihr gehört, sie ist wohltätig zu weltlichen Zwecken. Aber um von Anderem ganz zu schweigen - die Missionare in der Heidenwelt, welche dort das Reich Gottes bauen, lässt sie darben; hinge es von ihr ab, die müssten verhungern. Meine Lieben! Es gehören wohl wenige Reiche zur kleinen Herde des guten Hirten, aber sind sie auch meist arm, sie haben doch für Ärmere ein Scherflein übrig, sei es ein Brot, oder ein Kleidungsstück, oder einen Tag Zeit, um einem benötigten Bruder Hilfe zu leisten in der Arbeit. Auch für die Bedürfnisse des Reiches Gottes haben sie etwas übrig, wären es auch nur Pfennige und Groschen, gleichsam geröstete Ähren für die armen Naemis, für die Mission, für Rettungshäuser, für den Gustav-Adolph-Verein oder andere christliche Vereinstätigkeiten. Ist die Liebe Gottes ausgegossen in die Herzen, so geben sie auch freudig dem Herrn, der das größte Opfer für sie dargebracht hat am Kreuze; sie geben, was sie von Ihm empfangen haben, welcher spricht: „Gold und Silber sind mein,“ und freuen sich, Werkzeuge Seiner rettenden Liebe sein zu dürfen. Auch darin also bewährt sich der Segen christlicher Gemeinschaft; sie bietet gleichsam den Hungrigen eine Mahlzeit. Ihr könnt daraus entnehmen, ob ihr christliche Gemeinschaft untereinander habt.
Freilich, diese Mahlzeit wird allein gewürzt durch das Salz des Glaubens und den Duft der brüderlichen Liebe. Wo lassen Christen es bei leiblichen Hilfsleistungen bewenden? Hauptsache ist immer die Mitteilung geistlicher Gaben. So bietet die christliche Gemeinschaft den Gesegneten fröhlichen Herzensaustausch, wie uns dieses wiederum das Zusammensein der Naemi und Ruth veranschaulicht. Naemi fragt die Ruth: wo bist du gewesen, wer ist es, der dich so reich beschenkt hat? gesegnet sei der Mann! und Ruth erzählt von der Freundlichkeit des Boas. Geht es denn in christlicher Gemeinschaft nicht auch so? Kaum ist man zusammengekommen, so kommt auch das Gespräch auf die Erlebnisse des Tages, auf die gesammelten Erfahrungen der Gnade, und die Herzen sprechen dankbar in gemeinsamem Gesang und Gebet: gesegnet, gelobt sei der Herr, der uns segnet! Es wechseln Frage und Antwort - nicht über weltliche Sachen, sondern über die wichtigsten Angelegenheiten des Reiches Gottes im Großen und Kleinen, und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Befehl wird ausgerichtet: „verkündige den Deinen, wie große Dinge der Herr an dir getan und sich deiner erbarmt hat.“
Es ist ein Unterschied unter denjenigen, welche eine christliche Gemeinschaft bilden, nicht bloß im Alter, auch in den Erfahrungen. Nicht Alle sind gleich gefördert in der Erkenntnis, auch kann Einer von reicherem Segen rühmen, den er empfangen und geschmeckt hat, als der Andere. Immer aber ist Segen da, wenn man anders im Namen des Herrn sich versammelt, immer wird doch Einer, oder es werden Etliche da sein, welche, gleich der Ruth, erzählen, Bekenntnisse ablegen, Andere aufmuntern können.
Nur hütet euch vor Redseligkeit, sagt nicht mehr aus, als ihr wirklich wisst und habt. Wenn ihr zusammenkommt, so machet es wie Ruth und Naemi. Die unterhielten sich nicht über andere Leute, sprachen auch nicht über die Diener des Boas, sondern ihr ganzes Gespräch handelte von Boas. Also sei es auch allein der Herr Jesus, von dem ihr euch unterhaltet. Ihm allein gebührt die Ehre. Unterwinde sich auch nicht Jedermann, Lehrer zu sein, die Bibel auslegen zu können, und streitet euch nicht miteinander über das Verständnis der Heiligen Schrift, sondern teilt euch einander mit, was ihr aus der Bibel, etwa aus einer bestimmten Stelle für euch herausnehmt und welche Erfahrung von der seligmachenden Gotteskraft des Wortes ihr gemacht habt. So denke ich, müsste es in christlichen Versammlungen hergehen; indem sie den Gesegneten Gelegenheit geben zum fröhlichen Herzensaustausch, werden sie für Jeden zum Segen; sie bieten dann auch den Unerfahrenen Unterweisung.
Mit Naemi verglichen war Ruth noch jung und unerfahren. Naemi unterweist sie, wie ihr es gehört habt. Die Unterweisung, welche sie gibt, hat recht viel Vorbildliches für uns, und gibt einen Wink, wie es auch in christlicher Gemeinschaft gehalten werden soll. Christliches Zusammensein sollte stets etwas Erziehendes haben. Es ist nicht wohlgetan, wenn erfahrene, bewährte Christen, welche sich zu gemeinsamer Erbauung vereinigen, diejenigen ausschließen, welche ihnen an christlicher Erkenntnis und Erfahrung nachstehen. Das wäre lieblos gehandelt, gar nicht nach dem Sinne des Herrn. Jeder suchenden Seele muss der Zutritt erlaubt sein. Erfahrene Christen sollen den jüngeren zu erziehenden Naemis werden; wie das? nun, das gerade deutet unser Text an. Naemi rühmt die Liebe des Boas als eines alten Bekannten, und erzählte der Ruth von der früheren Zeit, wie Boas schon vor ihrem Auszuge nach Moab ihrer Familie Gutes erwiesen habe. Also machet auch ihr, die ihr es könnt, Mitteilungen von der Treue eures Gottes und Heilands, rühmet die Gnade, die Er schon in der heiligen Taufe und in der Erziehung der Kinder beweiset, erzählt aus eigener Lebenserfahrung, wie ihr in diesem und jenem Falle die besondere Freundlichkeit des Herrn, besondere Gebetserhörungen, besonderen Segen aus der Betrachtung seines Wortes, besondere Aushilfe oder Schutz erlebtet; erzählt, wie Er als guter Hirte euch in der Irre nachging, wie Er euch geliebt hat, ehe ihr ihn liebtet. Das Alles dient zur Erbauung und vermehrt und verstärkt die Anhänglichkeit auch der noch Unerfahrenen an den Heiland. Es stünde schlimm, wenn ihr nicht aus Erfahrung die Treue des Herrn rühmen könntet.
Man kann freilich nicht fortwährend von eignen Erfahrungen reden; auch ist die Gefahr der Redseligkeit zu vermeiden. Wohl, so benutzt auch fremde Erfahrungen, um euch an ihnen zu demütigen, zu erheben, zu stärken. Stoff genug bieten die zahlreichen christlichen Erbauungsschriften aus älterer und neuester Zeit. Auch diese können eine Naemi sein, welche die alte und stets neue Gnade des Herrn rühmen.
Wie Naemi die altbewährte Freundlichkeit des Boas rühmte, so fügte sie auch das Wort hinzu: „Der Mann gehört uns zu, und ist unser Goël,“ d. h. Erlöser. - Christus gehört seinen Erlösten zu, die Er als guter Hirte herausgeführt hat aus der Finsternis ins Licht; Er ist ihr Goël, ihr Loskäufer, ihr Erlöser, der sich bräutlich mit ihnen vereinigen will, und das ist erfahrenen Christen wohl bekannt. Aber sie behalten das nicht für sich, sondern sagen es auch den Unerfahrenen. Auch das ist wieder eine Obliegenheit christlicher Gemeinschaft. Ihr erfahrenen Christen, sagt es auch den Anderen, dass Jesus auch ihr Heiland ist, legt ihnen persönlich das Heil in Christo, das Gnadenrecht an seine Gemeinschaft recht nahe, damit sie keinen andern Bund schließen, sondern immer lebendiger in das Bundesleben mit dem Heiland sich hineinleben. Gerade darin erkenne ich den Beruf christlicher Gemeinschaften, der Kirchlein in der Kirche, die kirchliche Mitteilung des lebendigen Christus, das dort verkündigte Wort nun auch den Einzelnen nahe zu bringen, das Allgemeine, das Allen dargeboten wurde, nun auch im Besonderen den Einzelnen ans Herz zu legen.
Was schon Boas der Ruth gesagt hatte, das bestätigt ihr die Naemi, dass sie sich halten solle auf dem Acker des Boas zu dessen Dienern. Auch das steht wiederum der christlichen Gemeinschaft zu, Anleitung und Ermahnung zu geben, dass die erweckten Seelen dem Herrn treu bleiben, sich zur Kirche halten, im Frieden mit den Dienern des Herrn leben, und fleißig im Worte Gottes forschen. Geschieht dies nicht aus irgendwelcher menschlichen Rücksicht, so droht die Gefahr der Sektiererei und des Separatismus. Gerade darin dagegen erzeigen sich christliche Privatversammlungen so segensreich, dass sie recht ernstlich den Seelen bestätigen, was ihnen das Wort Gottes und dessen kirchliche Verkündigung gesagt hat. Vor Allem aber müssen solche Versammlungen selbst kirchlich sein, und ihre Leiter dürfen nicht rechts und links blickend sich irre machen lassen durch die Versprechungen und Verleumdungen von Verführern. Meine Lieben! steht nur recht treu zum Herrn und zu seinem Worte, und seid wachsam und nüchtern. Gerade die Bekehrten sind den feinsten und täuschendsten Versuchungen ausgesetzt. Drum spreche ich im Sinne der Naemi: Es ist am besten, dass ihr euch zu den Dienern des Herrn haltet, auf dass nicht Jemand euch darein rede auf einem anderen Acker.
So bietet rechte christliche Gemeinschaft den Einsamen eine Zuflucht, den Hungrigen eine Mahlzeit, den Gesegneten fröhlichen Herzensaustausch, den Unerfahrenen Unterweisung, und immerdar ein erquickliches Zusammensein, wie wir uns auch das Zusammensein der Ruth und Naemi nach den uns darüber gegebenen kurzen Andeutungen nur als ein liebliches, erquickliches denken können.
Erquicklich wird auch euer Zusammensein, ihr Lieben! sein, wenn ihr euch immer mehr zusammenbildet - nicht zu einer besonderen, abgeschlossenen Gemeinde - sondern als lebendige Glieder am Leibe des Herrn, und darum an der Kirche zur Gemeinschaft der Heiligen, und euch einander dient mit der Gabe, die Jeder empfangen hat. So könnt ihr den christlichen Gemeinschaftssegen haben. Gründlich Bekehrte haben ihn. Da fehlt nie der Ruth die Naemi, und unerkannt vielleicht, aber im brennenden Herzen empfunden ist der Herr Jesus in der Mitte. Wie lieblich ist es, wenn Christen sich in gläubiger Gemeinschaft zusammenfinden! Solche Gemeinschaften bilden eine gewappnete Streiterschar Christi. Solche Gemeinschaften will der Herr haben. Sie werden, je mehr das Reich des Widerchristen sich ausbildet, je größer der Abfall vom Herrn, je herrschender in der Welt der Geist der Zwietracht wird, umso nötiger, um so wirksamer. Sie sind die Pulsadern am Leibe der Gesamtkirche, und an den Pulsschlägen erkennt ein verständiger Arzt die Gesundheit oder Krankheit des Leibes. Sie sind ein Salz und ein Sauerteig und haben den Missionsberuf, den ganzen Teig der unbekehrten Massen zu durchdringen mit den Kräften des Heiligen Geistes. Christliche Gemeinschaften können wir aber nicht machen, der Herr allein kann sie gründen. Wir hören Ihn in seinem hohenpriesterlichen Gebete so dringend beten: „Vater, ich will, dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du hast mich gesandt.“ Hindern wir nur Ihn nicht, geben wir uns willig Ihm hin, dass Sein Geist uns baue zu einer christlichen Gemeinschaft, die Ihm wohlgefällt. Amen!