Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - I. Der Auszug aus Kanaan.
Ruth 1, 1-5.
Herr, gib Gnade! lass es gründlich uns erkennen, dass in Dir allein Heil und Leben, außer Dir aber, im Sündendienste Unheil und Verderben ist. Amen!
Es war zu den Zeiten der Richter Thola und Eli, in der zweiten Periode der Richterzeit, etwa 1150 Jahre vor Christo. Noch wusste das Volk Gottes Israel von keinem anderen Könige als Jehovah, aber noch dauerten die Kriege mit den Urbewohnern Kanaans und den heidnischen Nachbarvölkern fort. Die Philister und damals namentlich die Midianiter machten den Juden viel zu schaffen. Des Besitzes des von Josua verteilten heiligen Landes wurden sie noch nicht recht froh, denn oft ließ sie der Herr um ihrer Abgötterei willen seine züchtigende Hand fühlen und den Nachbarvölkern unterliegen. Damals waren sie namentlich beständigen Raubzügen der Midianiter und Amalekiter ausgesetzt. Ihre Saaten wurden zertreten, ihre Viehherden wurden gestohlen, ihre Früchte ernteten Andere. Das hatte eine zehnjährige Teuerung zur Folge, welche Reiche und Arme hart drückte, doch auch viele ins bußfertige Gebet um Rettung aus der Not trieb.
In dieser Zeit lebte zu Bethlehem, einem kleinen jüdischen Städtchen - der Ort hatte auch den Beinamen Ephrata und ist uns wohlbekannt ein Mann, namens Elimelech mit seinem Weibe Naemi. Sie hatten zwei Söhne, Mahlon und Chil-Jon. Deren Geschichte wird uns heute beschäftigen. In der teuren, bedrängten Zeit fühlten sie sich in Bethlehem nicht mehr wohl. Immer den Midianitischen Raubzügen, wohl gar der Gefahr des Hungertodes ausgesetzt zu sein, nein, das wurde ihnen zu viel.
Der Notstand war nicht mehr zu ertragen. Ob Naemi und Elimelech zu den Stillen des Landes gehörten, die in dieser Notzeit betend die Hände zum Herrn erhoben: es steht nicht geschrieben, das aber wird von ihnen gemeldet, dass sie sich aufmachten, Haus, Hof, Heimat verließen und in die Fremde wanderten. Dein schwerer Entschluss, o eine törichte Tat; o Elimelech, wärest du in Bethlehem geblieben!
Ihr Weg ging wahrscheinlich bei Gilgal her über den Jordan und dann südöstlich weiter. Wohl mochten sie an die wunderbare Führung des Volkes unter Josua denken, wie der Herr das Gewässer des Jordans geteilt hatte zum trockenen Durchmarsch. Auf diesem Rückwege aus dem gelobten Lande heraus teilte sich vor ihnen das Wasser nicht. Es war, als riefe es dem Elimelech zu: kehre zurück, bleibe in Bethlehem! Doch sie ziehen ihre Straße weiter und bleiben im Lande der Moabiter, denn hier schien es ihnen gut sein, hier mangelte es doch an Brot nicht.
Und diese Moabiter, was waren das für Leute? Zum Volke Gottes gehörten sie nicht. Zwar waren sie Abkömmlinge des begnadigten Lot, zwar waren sie von Mose, dem Manne Gottes, um Lots, ihres Stammvaters willen auf dem Wüstenzuge verschont worden, auch mochten noch manche fromme Erinnerungen im Munde des Volkes leben; aber die Moabiter waren eben Heiden, Götzendiener geworden, dazu Israels abgesagte Feinde, und das war für Elimelech und die Seinen keine gute Umgebung.
Die Geschichte ihres Aufenthalts in Moab ist kurz. Gutes gibt's von da nicht zu berichten. Ihr Los war nicht auf das Liebliche gefallen, und daran waren sie selber schuld. Sie hätten in Bethlehem bleiben sollen. Wir erhalten lauter Todesnachrichten. Elimelech starb. Nun war Naemi eine Witwe in fremdem Lande. Ihr mögt es euch vorstellen, wie ihr da um das Herz war. Doch sie hatte noch zwei Söhne, kräftige Stützen, noch ging es ihr besser, als nachmals der Witwe zu Nain. Es ging auch eine Zeit lang äußerlich ganz gut. Mahlon und Chil-Jon waren erwachsen, sie nahmen Weiber, gründeten Familien - und ihre Weiber waren Moabiterinnen! So geht es in der Fremde. Gesetzlich erlaubt waren solche Mischehen nicht. Es steht zu vermuten, dass Elimelechs Söhne den frommen Sinn des erwählten Bundesvolkes, dessen geborene Glieder sie waren, nicht bewahrt, das Gesetz Jehovahs nicht zur Richtschnur genommen hatten. Sie waren in Moab moabitisch geworden. Wir wollen nicht lieblos richten, beachten aber, wie der Herr in Seiner göttlichen Weise gerichtet hat. Großmutter ist die Naemi in Moab nicht geworden; der dem Bundesvolke verheißene Kindersegen blieb aus. Arpa und Ruth, die beiden Schwiegertöchter der Naemi, waren kinderlos, und bald, schon nach zehn Jahren, Witwen. Mahlon und Chil-Jon starben beide, so jung, in Moab. Da war denn die alte Naemi ganz verlassen, da gab es viele Klagen und Tränen, die Not war recht groß. Arme Naemi, wie magst du dich unwohl fühlen in Moab mit seinen Leichenhügeln, wie muss es heimwärts dich ziehen nach Kanaan zurück! Naemi, eile wieder zur alten Heimat!
Das ist der Anfang unseres Büchleins: eine bewegliche, traurige Auszugsgeschichte. Irre ich nicht, ihr ahnt schon ihre Beziehung auf eure Lebensgeschichte, ihr stellt schon im Stillen einen Vergleich an, die ihr Ähnliches erlebt habt.
Ja die Geschichte der Naemi ist unsere Geschichte, wenigstens bis dahin. Wollte Gott, sie wäre es auch in dem Folgenden! Wir sehen an diesem Vorgang, der sich vor 3000 Jahren ereignete, etwas abgebildet, was sich noch täglich in der Christenheit ereignet, was sich leider auch mit uns ereignete, nämlich unsern Rückfall aus der Taufgnade, unser Verlassen Kanaans.
Auch ich, ich war in Bethlehem geboren und meine Heimat war das liebe Kanaan. Die heilige Taufe hat mich eingegründet in den Gnadenbund und mich hineingepflanzt in Gottes Erbteil. Der Bund mit Christo, dem für mich gestorbenen und auferstandenen Lebensfürsten, der ist mein Bethlehem, mein „Brothaus,“ meine Heimat, und dort, ihr Lieben! seid auch ihr zu Hause, nicht durch Natur - sondern durch geistliches Gnadenrecht. Ach dass wir diese Behausung nie verlassen hätten!
Und was hatten wir in diesem Bethlehem einen guten Namen! Der Name Elimelechs und seiner Hausgenossen soll uns daran erinnern. Zu ihrer Zeit wurde den Namen größere Bedeutung beigelegt, als gegenwärtig. Elimelech heißt: „mein Gott ist König.“ So war auch über uns gesprochen worden in der heiligen Taufe: „dein Gott ist König und du bist eines großen Königs Kind und Erbe.“ Naemi heißt die „Lustige, Fröhliche,“ und lustig, fröhlich dürfen auch wir sein als Glieder am Leibe des Herrn, als Erwählte in Seiner Gemeinschaft. Im Städtchen Bethlehem gilt etwas der Name Mahlon, zu Deutsch „Sänger,“ da heißt es: „singt und spielt dem Herrn in euren Herzen,“ da zeigt der Name Chil-Jon, „vollkommen,“ den Beruf der Kinder Gottes an, vollkommen zu werden, wie der ist, der sie berufen hat. Trägt nun auch Niemand unter uns einen dieser bedeutungsvollen Namen, so wollen wir doch die in der heiligen Taufe uns beigelegten Namen nicht verachten, sondern deren Bedeutung soll uns ein Sporn sein, das zu werden, was sie besagen und ein ernstes Fragezeichen, ein aufgehobener Finger in jeder Versuchung zum Bösen. Ihr Jungfrauen und Frauen, die ihr die schönen Namen Maria, Elisabeth u. A. tragt, denkt an euere frommen Vorgängerinnen im Besitz dieser Namen, nehmt euch die Demut der hochbegnadigten Maria, die Frömmigkeit der Elisabeth, der Mutter Johannis des Täufers, die ernste Buße der Magdalena zum Vorbild. Ihr Jünglinge und Männer, haltet etwas auf eure Namen. Sind sie auch nicht alle aus der biblischen Geschichte entnommen, sie haben doch alle ihre Bedeutung. Häufig ist der Vorname Johannes. Werdet ihr Johannes, Jünger der Liebe, ganz in Jesum versenkt. Ein Daniel denke fleißig an den großen Propheten, der unter den Heiden seinem Glauben treu blieb, auch in der Löwengrube; ein Jakob an den Bruder des Herrn, Jakobus, dessen Knie dickhäutig geworden waren vom Beten; ein Peter an den Felsenjünger Petrus, der bittere Tränen über seine Verleugnung Jesu geweint hat und hernach ein gute Antwort gab auf Jesu Frage „hast du mich lieb?“ Ein Gottfried bewahre sich den Frieden Gottes, der über alle Vernunft ist; ein Christian wisse, dass die ersten Christen von den Heiden in Antiochien mit dem Schmähnamen Christiani belegt worden sind und rechne sich die Schmach Christi zur Ehre an. Welchen besonderen Namen wir aber auch führen mögen, lasst uns unsern gemeinsamen Christennamen hoch und teuer halten.
Dass die christlichen Namen so bedeutungslos im Allgemeinen genommen werden, woran liegt das? Eben daran, dass in Moab diese Namen nichts mehr gelten. Die Welt achtet sie nicht. Aber, teure Brüder und Schwestern! Kanaan ist unsere Heimat, Bethlehem unser geistlicher Geburtsort. Der Ort, in welchem Jesus, der Weltheiland, Fleisch geworden, als Kind geboren ist; das Land, in welchem Jehovah durch Zeichen und Wunder dem Volke Israel sich als „seinen Gott“ offenbart hatte; das heilige Land, in welchem der Heiland sein Blut vergossen, seine Apostel, mit dem Heiligen Geist erfüllt, die christliche Kirche gestiftet haben - ist uns nicht bloß ein Symbol des Reiches Gottes überhaupt und seiner sichtbaren Darstellung, der Kirche, sondern auch ein Sinnbild unseres Gnadenstandes, unserer Aufnahme in den heiligen Gnadenbund. Welche Fülle der Gnade ist uns darin dargeboten! Da ist Gott unser Vater, der Sohn Gottes unser Erlöser, der Heilige Geist unser Tröster. Wer wird so töricht sein, diese geistliche Heimat zu verlassen?
Und doch war auch Jakob ausgezogen aus seinem Vaterhause zu Laban. Doch hat auch Elimelech mit Weib und Kind Bethlehem verlassen und ist nach Moab gewandert. Die Teuerung trieb ihn in die Fremde. Ach ja die Teuerung, selten wirkliche, meist eingebildete Teuerung ist für so viele Seelen der Treiber aus dem Gnadenstande heraus, hinein in die arge Welt. Viel mehr noch, als gegenwärtig ist vor Jahrzehnten an vielen Orten in der Christenheit mit Recht geklagt worden über Notstand und teure Zeit. Das Wort Gottes war teuer im Lande. Die grüne Weide der Heilsverkündigung war dürre geworden; die Quelle des lebendigen Wassers, des Trostes: „deine Sünden sind dir vergeben,“ schien versiegt; das Brot des Lebens mit tödlichem Mutterkorn aufklärerischer Menschenweisheit vermischmascht und geistliche Hungersnot dauerte Jahrzehnte lang. Das war die Zeit, die unserer Viele durchlebt haben, eine Zeit, da es in Bethlehem nicht lieblich war. Die räuberischen Midianiterhorden verirrter Weltweisen und Vernunftprediger, abgesagte Feinde des Kreuzes Christi, waren eingefallen, haben mancher Seele ihren Glaubenstrost, ihre Glaubensstärkung aus Gottes Wort genommen. Wir dürfen's ja rühmen, diese teure Zeit ist im Verschwinden. Fast allerwärts wird wieder Christus gepredigt und durch die Tätigkeit der Kirche und freier christlicher Vereine für die geistliche Erbauung des Volkes reichlich gesorgt. Dennoch sind die Spuren der Teuerung noch nicht ganz verschwunden. Sind wir auch, wie einst die Korinther, reich an aller Lehre und in aller Erkenntnis, so könnte doch der Apostel Paulus an die Christenheit der Gegenwart nicht schreiben: „ihr habt keinen Mangel an irgendeiner Gabe.“ Denn wo sind die Zeichen der weltüberwindenden Gotteskraft des Glaubens, wo sind die Gaben, Wunder zu tun, in Zungen zu reden, Kranke zu heilen? Sie sind fast wie verschwunden, nur hin und wieder treten sie zum Vorschein. Aber auch abgesehen von diesem Teuerungsanzeichen der ganzen Christenheit: wie häufig werden die Klagen einzelner Seelen gehört über dürre Zeiten, innere Armut und Leere, dass kein Verheißungswort haften, der Friede Gottes nicht bleiben will! Dennoch verlässt wegen solcher Teuerung ein Kind Gottes sein Bethlehem nicht, es bleibt auch in trüber Zeit im Gnadenstand, neuer Segensmitteilungen des Herrn gewärtig und darum bittend.
Auch sind es die Wenigsten, welche sich durch solche wirkliche Teuerung beirren lassen, dagegen verlassen die Meisten - nur ganz Wenige machen eine Ausnahme - wegen eingebildeter Teuerung, aus fleischlichem Gelüste den Gnadenstand, und wiederholen an sich die Auszugsgeschichte des verlorenen Sohnes, der sein Erbteil verschleuderte mit Prassen. Im Vaterhause ist es ihnen zu einförmig, die christliche Zucht behagt ihnen nicht. Da sollen sie nicht in Saus und Braus leben, nicht fluchen, nicht saufen, nicht tollen dürfen. Ihr Streben, ihre Begierde zielt auf Moab und es ist leider wahr, wir gewahren an uns es deutlich, uns Allen, die wir in Sünden empfangen und geboren sind, ist eine natürliche, mächtige Reiselust nach Moab angeboren. Ich sehe die Meisten den Weg wandeln, der mir wohl bekannt ist, ich sehe Groß und Klein, Alt und Jung, Vornehm und Gering auf diesem breiten Wege pilgern in munterer Gesellschaft und möchte ihnen zurufen: Halt, bedenkt doch, wohin ihr geht, bewahrt euch vor den traurigen Erlebnissen in Moab!
Elimelech zog mit seiner Familie nach Moab. Die die Taufgnade preisgeben, gewinnen die Welt lieb. Man kann eigentlich nicht sagen, wo sie liegt, sie ist eben überall, wo das Bundesleben mit dem dreieinigen Gotte verschmähet wird. Man kann auch nicht sagen, dass die Welt überall der Erinnerungen an göttliche Gnade bar sei. In Moab mochte noch Mancher von Lot und von seinem Glauben erzählen. Auch die Welt hat eine gewisse fromme Außenseite. Fromme Überlieferungen werden nicht ganz verachtet, man muss nur nicht gar zu fromm sein wollen. Gute Sprüche und Lieder werden auch noch geschätzt, sie dürfen nur nicht gar zu viel von Jesus handeln und bei Leibe nennt den Weltkindern nicht den Teufel, das können sie und das kann der Fürst dieser Welt nicht ausstehen. Gute Werke, Ehrbarkeit und öffentliche Wohltätigkeit, sogar Feindesliebe haben auch in der Welt einen guten Klang, man muss nur von der menschlichen Verderbtheit und Sünde, von der völligen Verdienstlosigkeit und dem rein waschenden Blute Christi schweigen. Gründlich besehen ist jedoch die Welt ihrem innersten Wesen nach Finsternis, Jesu feindlich, trotz aller täuschenden Außenseiten, und die Götter, denen Weihrauch gestreut wird, sind der Mammon, die Fleischeslust, die Ehre, der Bauch, und der Oberste aller Götter ist das liebe Ich.
Wir gedenken der Zeit, da wir Welt waren. Was hatten wir damals für Frucht? Deren wir uns jetzt schämen, denn das Ende unseres Weltlebens ist der Tod. Es geht immer weiter vom Heiland weg. Das Herz gewinnt die Dinge dieser Welt lieb und lässt sich immer tiefer mit der Welt ein, gleichwie die beiden Söhne Elimelechs heidnische Weiber nahmen. Die Eine hieß Arpa, d. h. „die Hartnäckige,“ die andere Ruth, d. h. „die Blöde.“ Solcher Art sind die Ehehälften der Weltkinder, die aus der Taufgnade gefallen sind. Hartnäckiges Widerstreben den Mahnungen des verklagenden Gewissens, blöde Geistesaugen, welche von der Herrlichkeit des Gnadenstandes nichts mehr sehen: das sind die Kennzeichen der Gottentfremdeten. Elimelech stirbt. Ach, im Weltleben hört das königliche Regiment meines Gottes über mein Herz auf. Ich wähne frei zu sein im Sündendienste! Die Gnade geht verloren, das geistliche Leben versiegt. Mahlon stirbt. Der fröhliche Gesang und Preis der Erbarmung verstummt, andere Lieder jetzt erklingen. Chil. Jon stirbt. Mit dem Nachjagen der Vollkommenheit hat es ein Ende. Die Freude der Welt endet im Jammer und wirkt den Tod. O dass es Alle erkennten! dass sie gleich dem verlorenen Sohne ihr Elend empfänden! dass wir wie Naemi unsere Verluste betrauerten und Heimweh fühlten, Heimweh aus der Welt heraus in das heiligen Land, in den verlorenen Gnadenstand! Heiliger Geist wirke in uns solches Heimweh; barmherziger Gott und Vater, der du nicht willst den Tod der Sünder, sondern ihre Bekehrung, ziehe uns zum Sohne! O Jesu, Lamm Gottes, für uns geschlachtet, o Jesu, erschienen, die Sünder selig zu machen, o Jesu, du guter Hirte, der du den verlorenen Schafen nachgehst: errette uns aus der argen Welt, erbarme dich unser. Amen.