Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - Einleitung.
Das Büchlein Ruth ist ein Anhang zu dem alttestamentlichen Geschichtsbuch der Richter, und steht in der Bibel zwischen diesem und dem ersten Buche Samuels. Der Verfasser des Büchleins ist nicht genannt. Genug für uns, dass es unter den Büchern steht, von denen gesagt ist: „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit.“ Auch die Zeit, in welcher es geschrieben ist, wissen wir nicht genau, Ohne Namensunterschrift und Jahreszahl ist es eingefügt in den Kanon der heiligen Schriften, und das Raten, ob es lang oder kurz vor Davids Thronbesteigung, ob es von Eli, oder Samuel, oder gar David selbst geschrieben worden; überlassen wir Andern. Genug für uns: „Was zuvor geschrieben ist, ist uns zur Lehre geschrieben.“ Die folgende Auslegung wird dartun, dass der schöne, ansprechende, reichhaltige Inhalt des Büchleins recht lehrreich für uns ist.
Wir wenden uns, ehe wir auf die Erklärung des Einzelnen eingehen, zu dem Inhalt des Büchleins überhaupt mit einem allgemeinen Überblick. Es ist eine einzig schöne Familiengeschichte, welche in demselben erzählt wird. Ein Bethlehemiter, Elimelech mit Namen, verlässt mit seinem Weibe und zwei Söhnen wegen Teuerung sein Vaterland. Im Gebiet der Moabiter, in dem er sich niedergelassen hatte, stirbt er, und seine zwei Söhne, welche moabitische Weiber genommen hatten, sterben auch, kinderlos. Naemi, die Witwe Elimelechs, zieht nach Bethlehem zurück, und mit ihr die gleichfalls verwitwete Schwiegertochter Ruth, die von ihr nicht lassen wollte. Arm ernährt sich und die Schwiegermutter die Ruth durch Ährenlesen, bis der getreue Gott den Boas der Ruth als Ehemann, und der alten Naemi als versorgenden Schwiegersohn zuführt. Ruth ward die Großmutter Isais, des Vaters Davids, und steht, obwohl von Geburt eine Heidin, im Geschlechtsregister Jesu, unsers hochgelobten Heilands, um anzuzeigen, dass Er dem Fleische nach nicht bloß von den Juden, sondern auch von den Heiden herkomme, und auch der Heiden Messias sei.
Aber ich denke, der Heilige Geist hat uns in diesem Büchlein nicht bloß ein schönes Bild frommen Familienlebens erwecklich darstellen, auch nicht bloß die teilweise heidnische Abstammung unseres Heilands zum Troste nachweisen wollen; es mag auch in der Geschichte unserer Ruth eine vorbildliche Weissagung auf den Entwicklungsgang des christlichen Lebens enthalten sein. Wie das A. T. im Ganzen eine Weissagung auf den neuen Bund ist, so denke ich auch dieses Büchlein insbesondere. Wir wollen es darauf hin ansehen, wenigstens den christlichen Lebensgang mit dem Verlauf dieser Familiengeschichte vergleichen.
Der Herr aber segne diese Betrachtungen, und Sein Heiliger Geist leite uns in alle Wahrheit!