Spurgeon, Charles H. - Zwei Gastpredigten in Hamburg - Vorwort.
Die beiden folgenden Predigten Spurgeons sind von demselben bei Gelegenheit der Eröffnung der Missions-Kapelle der Baptisten-Gemeinde in Hamburg und der sich daran anschließenden, sonst dreijährigen, diesmal vierjährigen Konferenz der vereinigten Gemeinden getaufter Christen in Deutschland, Dänemark, der Schweiz usw. gehalten worden. Leider war es nicht möglich, sie zu stenographieren, was umso mehr zu bedauern ist, als nach dem Zeugnis eines beständigen Hörers von Spurgeons Predigten in London, der mit ihm nach Hamburg herübergekommen war, wenigstens die erste derselben eine ganz besonders gesegnete gewesen ist, in der sich die herrlichen Gaben des teuren Redners wie in den glücklichsten Momenten auf seiner eignen Kanzel entwickelten.
Bei der zweiten der hier mitgeteilten Predigten war Spurgeon körperlich leidend; außerdem wurde der Fluss der Rede dadurch unterbrochen, dass sie nach jedem größeren Abschnitte sofort im Deutschen wiedergegeben wurde, was Spurgeon selber um der vielen anwesenden Mitglieder der Konferenz willen, die des Englischen nicht mächtig waren, gewünscht hatte. Indessen wenn auch die nachfolgenden Übersetzungen nicht Wort für Wort mit ihren Originalen übereinstimmen, so kommen sie denselben doch sehr nahe, da sie aus mehreren fleißig während der Predigt nachgeschriebenen Manuskripten zusammengesetzt sind. Freilich war der Genuss Derer, die den Prediger verstanden, ein ungleich größerer, da Spurgeons glänzende Gaben, wie schon bemerkt, bei denselben sehr deutlich hervortraten. Diese waren nach dem Urteil des Übersetzers hauptsächlich drei. Zunächst die herrliche Stimme des Redners, so stark und dabei so wohlklingend, dass man ihn in den fernsten Winkeln des Gebäudes nicht nur vollkommen verstehen konnte, sondern ihm auch mit Vergnügen zuhörte - eine Stimme, die auch bei dem längsten Gebrauch keinerlei Anstrengung oder Ermüdung verriet und die bei dem gewaltigen „Komm!“ in der kleinen Erzählung am Schluss der ersten Predigt, wo der Redner sie einmal in ihrer ganzen Kraft gebrauchte, erst recht mit der ganzen Fülle und Pracht einer Orgel erklang. Hierzu kommt nun zweitens die wundervolle Beredsamkeit Spurgeons. Wie ein voller ununterbrochener Strom wogt seine Rede dahin; nie ist er um ein Wort verlegen, stets findet er das zu gleicher Zeit schönste und am besten verständliche; und kommt er erst ins Beschreiben, ja ins Dramatisieren von Personen und Begebenheiten hinein, so strömen ihm die Worte mit einer Leichtigkeit und Fülle zu, wie sie die höchste Kunst nicht besser wählen könnte. Doch alles bisher Genannte ist nur die natürliche Basis, auf welcher sich die eigentümliche Größe Spurgeons als Predigers erhebt, und das ist der Geist des Mannes, die reiche Salbung des Heiligen Geistes, die ihm zu Teil wird, so wie er auf der Kanzel erscheint, und die seine ganze Seele heiligt und durchdringt. So wie er den Prediger in der ersten seiner hier mitgeteilten Reden haben will, so ist er selbst. Ein tiefer, heiliger, um das Seelenheil seiner Zuhörer innig bemühter Ernst leuchtet aus allen Bewegungen, aus jeder Miene hervor, gemildert jedoch und verklärt durch das selige Bewusstsein der Gotteskindschaft, welches aus seinen Blicken leuchtet und ihm die Harmlosigkeit und Unbefangenheit eines glücklichen, fröhlichen Kindes gibt, so dass er bei allem Ernst und aller Feierlichkeit seiner Erscheinung doch von nichts weiter entfernt ist, als von dem widerlichen Kanzelton und allem priesterlichen Gebaren. Nimmt man nun zu dem Allen den durch und durch evangelischen Inhalt und Charakter seiner Predigten, so wird man mit Dank gegen den Geber alles Guten erkennen, dass Spurgeon nach Leib, Seele und Geist ein köstliches Gnadengeschenk Gottes an seine Gemeinde ist, welches er ihr noch lange erhalten und immer mehr zum Segen sein lassen wolle.
Zur Bekräftigung des Gesagten stehe hier ein Auszug aus einem Referat der „Hamburger Reform“ über die Eröffnung der „Missions-Kapelle“ und Spurgeons Predigt in derselben, eines Blattes, dem man durchaus nicht spezifisch christliche Tendenzen nachsagen kann, wo aber nichtsdestoweniger in der Nummer vom 16. August folgendes Urteil über Spurgeon gefällt wird: „Dieser Mann, in London als Kanzelredner hoch berühmt, vereinigt mit einem höchst ansprechenden Äußeren eine Gewandtheit und Beredsamkeit, die in Erstaunen setzen. Wir vernehmen, dass er oft täglich predigt. Er hält sich von jeder Überschwänglichkeit der Gefühle eben so fern, wie von einer trockenen Verstandespredigtweise…
Wir empfehlen Jedem, ihn zu hören. Besonders gefällt auch seine reine und zierliche Aussprache der Worte, die man an englischen Predigern oft genug schwer vermisst.“
Wie wir hören, sind bereits 764 Predigten von Spurgeon im Englischen erschienen, abgesehen von den ca. 200, die außerdem in einer christlichen Zeitschrift veröffentlicht worden sind. Möge denn der reichste Segen des Herrn auf diesen buchstäblich tausendfältigen lauteren Zeugnissen von der seligmachenden Wahrheit ruhen, und möchten auch die beiden hier mitgeteilten ihren Anteil daran empfangen!