Spurgeon, Charles Haddon - Der Glaube
Was ist Glaube? Wie können wir ihn erhalten?
„Aus Gnaden seid Ihr selig geworden durch den Glauben.“ Eph. 2, 8.
Ich gedenke hauptsächlich bei dem Ausdruck zu verweilen: „Durch den Glauben.“ Ich bitte indes, zu allererst auf den Grundquell unserer Seligkeit sorgfältig zu achten, welcher liegt in Gottes Gnade. „Aus Gnaden seid ihr selig geworden.“ - Weil Gott gnädig ist, erlangen sündige Menschen Vergebung, werden bekehrt, gereinigt, gerettet. - Nichts ist in ihnen oder kann jemals in ihnen sein, auf Grund dessen sie gerettet werden möchten; dies kann nur geschehen auf Grund der unergründlichen Liebe, Güte und Barmherzigkeit, Erbarmung, Langmut und Gnade Gottes. Lasst uns denn einen Augenblick dabei verweilen. Sieh den reinen Strom des Lebenswassers, welcher von dem Throne Gottes und des Lammes fließt. Welch ein Abgrund ist die Gnade Gottes! Wer kann ihn ergründen? Gleich den andern göttlichen Eigenschaften ist sie unergründlich. Gott ist voll Liebe, denn Gott ist die Liebe; Gott ist voll Güte und selbst der Name „Gott“ ist nur eine Umlautung von „gut“. Unbegrenzte Liebe und Güte machen das wahre Wesen Gottes aus. Weil seine Gnade ewig währet, werden die Menschen nicht vernichtet; weil sein Erbarmen kein Ende hat, werden Sünder zu ihm gebracht und erlangen Vergebung. Ich bitte, dies ganz fest im Auge zu behalten; denn sonst möchtet ihr in den Irrtum geraten, dass ihr euer Augenmerk so sehr auf den Glauben, der doch nur ein Kanal des Heils ist, richtet, dass ihr darüber die Gnade, die ja Ursprung und Quelle sogar des Glaubens selbst ist, vergesst. - Glauben ist das Werk der Gnade Gottes in uns. Niemand kann sagen, dass Jesus der Herr sei ohne durch den Heiligen Geist. „Niemand kommt zu mir,“ sagte Christus, „es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat.“ So ist der Glaube, welcher zu Christo führt, erst Folge Gnade ist die erste und letzte des göttlichen Ziehens; bewegende Kraft zur Seligkeit, und der Glaube, so wichtig er ist, ist doch nur ein wichtiger Teil der Maschinerie, welche die Gnade gebraucht. „Wir werden gerettet durch den Glauben, aber aus Gnaden.“ Lasst forttönen jene Worte, wie mit der Posaune des Erzengels: „Aus Gnaden seid ihr selig geworden.“
Der Glaube nimmt gleichsam die Stelle eines Kanals oder einer Röhrenleitung ein. Die Gnade ist die Quelle und der Strom, der Glaube ist die Wasserleitung, durch die der Gnadenstrom fließt, um durstige Menschenkinder zu erquicken. Es entsteht ein großer Schade, wenn eine Röhrenleitung einstürzt. Es ist ein trauriger Anblick, um Rom herum die vielen prachtvollen Röhrenleitungen zu sehen, welche der Stadt kein Wasser mehr zuführen, weil die Bogen zerbrochen und die wunderbaren Bauwerke in Trümmer zerfallen sind. - Die Röhrenleitung muss ganz erhalten werden, um den Strom zu fassen, und ebenso muss der Glaube echt und gesund sein, in der rechten Weise zu Gott hinaufführen und in der rechten Weise zu uns herniederkommen, damit er ein brauchbarer Kanal zum Heile unserer Seele sei. Doch erinnere ich noch einmal daran, dass der Glaube der Kanal, die Röhrenleitung, und nicht die Quelle ist, und wir dürfen ihn nicht so betrachten, dass wir ihn über die göttliche Quelle aller Segnungen setzen, die allein in der Gnade Gottes liegt. Ihr werdet niemals aus eurem Glauben einen Christen zustande bringen; noch dürft ihr vom Glauben so denken, als ob er die selbständige Quelle eures Heiles wäre. Unser Leben liegt in dem Sehen auf Jesum, nicht im Sehen auf unsern Glauben. Durch den Glauben werden alle Dinge unmöglich; doch liegt die Kraft nicht in dem Glauben, sondern vielmehr in Gott, auf dem der Glaube ruht. Um im andern Bilde zu reden, ist die große, bewegende Kraft, die Gnade Gottes, gleichsam die Lokomotive, während der Glaube nur die Kette ist, welche die Seele mit dieser wirksamen Gnade verbindet; die Glaubensgerechtigkeit ist nicht die moralische Vortrefflichkeit des Glaubens, sondern die Gerechtigkeit Jesu Christi, welche der Glaube ergreift, sich zueignet. Der Friede in der Seele kommt nicht her von der Betrachtung unsers eignen Glaubens, sondern er kommt in uns von ihm, der unser Friede ist, von ihm, dessen Gewand der Glaube anrührt, - und Kraftwirkung kommt aus ihm in die Seele.
Indessen ist es eine wichtige Sache, dass wir gut nach dem Kanal sehen, und daher wollen wir in dieser Stunde unter dem Beistande des Heiligen Geistes diesen ins Auge fassen. Was ist Glaube? Warum ist der Glaube erwählt zum Kanal des Segens? Wie kann der Glaube erlangt und gestärkt werden?
I.
Was ist der Glaube? Was ist das für ein Glaube, in Hinsicht dessen gesagt wird: „Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben?“ Es gibt viele Beschreibungen von Glauben, aber fast nach jeder Erklärung, die mir begegnet ist, habe ich ihn beinahe noch weniger verstanden, als bevor ich sie las. Der Neger sagte, als er das Kapitel las, dass er es verwirren würde, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er es tat, obgleich er meinte es zu erklären. So können auch wir meine Brüder, den Glauben so lange erklären, bis niemand ihn versteht. Ich hoffe mich dieses Fehlers nicht schuldig zu machen. Glaube ist das einfachste von allem und vielleicht gerade wegen seiner Einfachheit am schwierigsten zu erklären.
Was ist Glaube? Er besteht aus drei Stücken: Kenntnis, Fürwahrhalten und Vertrauen. Kenntnis kommt zuerst. Katholische Theologen halten dafür, dass ein Mensch glauben kann, was er nicht weiß. Vielleicht kann das ein Katholik, ich nicht. „Wie sollten sie glauben, von dem sie nichts gehört haben?“ Ich muss von einer Tatsache unterrichtet sein, ehe ich sie irgend glauben kann. Ich glaube dies, ich glaube das, aber ich kann nicht sagen, dass ich viele Dinge glaube, von denen ich nie gehört habe. „Glaube kommt aus der Predigt;“ wir müssen erst hören, damit wir wissen, was geglaubt werden soll. „Darum hoffen auf dich, die deinen Namen kennen.“ Ein Maß des Erkennens gehört wesentlich zum Glauben, daher die Wichtigkeit, Erkenntnis zu bekommen. „Neigt eure Ohren und kommt zu mir, hört, so wird eure Seele leben,“ war das Wort des alten Propheten, und es ist noch das Wort des Evangeliums. Sucht in der Schrift und lernt was der Heilige Geist über Christum und sein Heil lehrt. Sucht Gott zu erkennen, dass er ist, und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein wird. Möge er euch geben den Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Sucht das Evangelium kennen zu lernen, zu erkennen, was die frohe Botschaft ist von freier Vergebung, von einem neuen Herzen, von Aufnahme in die Gotteskindschaft und von unzähligen anderen Segnungen. Lerne Gott erkennen, sein Evangelium, und vor allem, lerne erkennen, Jesum Christum, Gottes Sohn, den Heiland, der Menschen vereinigt mit uns durch seine menschliche Natur und vereinigt mit Gott, göttlichen Wesens, und daher fähig als Mittler zwischen Gott und den Menschen zu dienen, seine Hand auf beide zu legen, das Verbindungsglied zu sein zwischen dem Sünder und dem Richter der ganzen Welt. Trachte immer mehr von Christo zu erkennen. Nachdem Paulus mehr als 20 Jahre bekehrt war, sagte er den Philippern, dass er Christum zu erkennen trachte, denn dies ist der Mittelpunkt der Scheibe, auf die der Glaube zielt; das ist der Punkt, auf den sich der seligmachende Glaube besonders richtet, dass „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“. Erkenne, dass er ward ein Fluch für uns, denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jedermann, der am Holze hängt.“ Dringe tief hinein in die Lehre vom stellvertretenden Werk Christi, denn hierin liegt der süßeste Trost für die schuldbeladenen Menschenkinder seit Gott ihn für uns zur Sünde machte, dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Glaube fängt also mit Erkenntnis an, daher die Wichtigkeit, in der göttlichen Wahrheit unterwiesen zu sein; denn Christum zu erkennen, ist ewiges Leben.
Dann geht das Herz weiter zu glauben, dass diese Dinge wahr sind. Die Seele glaubt, dass ein Gott ist, und dass er auf das Geschrei aufrichtiger Herzen hört; dass das Evangelium von Gott ist, und dass die Rechtfertigung durch den Glauben die große Wahrheit ist, welche Gott in diesen letzten Tagen deutlicher denn zuvor durch seinen Geist geoffenbart hat. Dann glaubt das Herz, dass Jesus wahrhaftig und in Wahrheit unser Gott und Heiland sei, der Versöhner der Menschen, Prophet, Priester und König seines Volks. Teure Zuhörer, es ist mein Gebet, dass ihr alle einmal dahin kommen möchtet. Kommt dazu, fest zu glauben, dass „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, uns von aller Sünde reinigt,“ dass sein Opfer ein völliges ist, und alles vollgültig von Gott angenommen ist an der Menschen Statt, so dass der, welcher an Jesum glaubt, nicht verdammt wird.
Nun ist noch ein Stück erforderlich, um den Glauben völlig darzustellen, das ist das Vertrauen. Überlasst euch dem barmherzigen Gott; setzt eure Hoffnung auf das gnadenreiche Evangelium, vertraut eure Seele dem gekreuzigten und auferstandenen Heilande; wascht eure Sünden ab in dem versöhnenden Blute; nehmt seine vollkommene Gerechtigkeit an: und alles ist in Ordnung. Vertrauen ist das Herzblut des Glaubens; es gibt keinen selig machenden Glauben ohne dies.
Die Puritaner pflegten den Glauben durch das Wort „Sich-lehnen“ auszudrücken. Ihr versteht, was das bedeutet. Ihr seht mich auf dieses Geländer gelehnt, mit meinem ganzen Gewicht darauf gelehnt; ebenso lehnt euch auf Christum. Es würde noch eine bessere Verdeutlichung sein, wenn ich in der Lage wäre, mich in meiner ganzen Länge auszustrecken, und meine ganze Person auf einem Felsen ruhte, indem sie flach darauf läge. Falle flach auf Christum. Wirf dich auf ihn, ruhe in ihm, überlass dich ihm. Wenn du das getan, hast du heilbringenden Glauben bewährt.
Glauben ist nicht etwas Blindes, denn Glaube fängt mit Erkenntnis an. Er ist nichts bloß Ideenhaftes, denn der Glauben glaubt Tatsachen, deren er gewiss ist. Er ist kein unpraktisches, träumerisches Ding, denn der Glaube vertraut und stützt sein Geschick auf die Wahrheit der Offenbarung. Der Glaube wagt sein Alles auf die Wahrheit Gottes hin. Es ist nicht gerade ein schönklingender Vers, aber der Dichter gebraucht ihn, und er gibt meine Gedanken wieder:
„Wag's auf ihn, o wag' es völlig,
Lass kein andres Trauen ein.“
Das ist der Weg, zu beschreiben, was Glauben ist. Ich möchte wissen, ob ich's schon verwirrt habe?
Lasst es mich von einer andern Seite versuchen. Glauben heißt: überzeugt sein, dass Christus das sei, was von ihm geschrieben ist, dass er sei, dass er tun wird, was er verheißen hat zu tun, und dies von ihm erwarten. Die Schrift spricht von Jesu Christo, dass er Gott sei, Gott im Fleisch, vollkommen in seinem Wesen, dass er gemacht sei zum Sündopfer an unserer Statt; dass er an seinem eigenen Leibe die Sünde auf das Holz getragen habe. Die Schrift spricht von ihm als dem, der der Übertretung gewehrt, die Sünde zugesiegelt und die ewige Gerechtigkeit gebracht hat. Die Schrift sagt uns ferner, dass er auferstanden ist, dass er immerdar lebt und bittet für uns; dass er in die Herrlichkeit gefahren ist und den Himmel zum Besten seines Volkes in Besitz genommen hat und dass er bald wiederkommen wird, zu richten die Welt in Gerechtigkeit und sein Volk in Wahrheit. Wir glauben aufs zuversichtlichste, dass es gerade so ist; denn dies ist das Zeugnis Gottes, des Vaters, als er sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören.“ Dies wird auch von Gott dem Heiligen Geist bezeugt; denn der Geist hat von Christo gezeugt, beides durchs Wort und durch sein Wirken an den Menschenherzen. - Diesem Zeugnis können wir vertrauen, dass es wahr ist.
Der Glaube ist auch überzeugt, dass Christus tun wird, was er versprochen hat; dass, wenn er verheißen hat, niemand hinauszustoßen, der zu ihm kommt, es gewiss ist, dass er uns nicht hinausstößt, wenn wir zu ihm kommen. Der Glaube hält auch für wahr, dass, wenn Jesus sagt: „Das Wasser, welches ich ihm geben werde, soll in ihm werden ein Brunnen des lebendigen Wassers, der in das ewige Leben fließt,“ dieses wahr sein muss, und wenn wir das lebendige Wasser von Christo haben, wird es bei uns bleiben und wird in uns aufquellen in Strömen heiligen Lebens. Was auch immer Christus verheißen hat zu tun, das wird er tun, und wir müssen dies so glauben, dass wir Vergebung, Rechtfertigung, Bewährung und ewige Herrlichkeit von seinen Händen erwarten, gemäß dem, was er versprochen hat.
Dann kommt der nächst notwendige Schritt. Jesus ist, was von ihm gesagt ist, dass er sei; Jesus wird tun, was er sagt, dass er tun will; darum müssen wir, jeder einzelne, ihm vertrauen, indem wir sagen; „Er wird mir sein, was er sagt, dass er sei, und er wird mir tun, was er zu tun verheißen hat; ich überlasse mich seinen Händen, ihm, welcher verordnet ist zu retten, dass er mich retten möge. Ich stütze mich auf sein Versprechen, dass er tun wird, wie er gesagt hat.“ Dies ist ein seligmachender Glaube, und der, welcher ihn hat, hat ewiges Leben. Welcher Art seine Gefahren und Beschwerden, wie auch seine Dunkelheiten und Betrübnisse, seine Schwachheiten und Sünden sein mögen: wer an Christum glaubt, ist nicht verdammt und wird niemals in die Verdammnis kommen. Möchte diese Erklärung von einigem Nutzen sein. Ich vertraue, dass sie durch den Geist Gottes ihre Anwendung finden wird.
Nun dachte ich aber, da es ein sehr heißer Morgen ist, dass ich euch besser eine Anzahl von verbildlichenden Beispielen gäbe, damit nicht jemand geneigt sein sollte einzuschlafen. Sollte jemand schläfrig sein, so möge sein nächster Nachbar ihn ein wenig wie durch Zufall in die Seite stoßen; denn es wäre gut, hier wachend zu sein, schon deswegen, weil wir ein solches Thema betrachten. Die Beispiele, welche ich anwende, sind bekannt, und vielleicht kann ich eine oder zwei neue geben.
Der Glaube hat verschiedene Stufen nach dem Maß der Kenntnis oder aus anderem Grunde. Manchmal ist der Glaube wenig mehr als ein einfaches An-Christo-hangen, ein Gefühl der Abhängigkeit und ein Wollen, so abhängig zu sein. Wenn du drunten an der Seeküste, wo wir alle wohl zu sein wünschten, wärst, so würdest du die Tellermuschel an dem Felsen stecken sehen. Du gehst leisen Schrittes auf dem Felsen mit deinem Spazierstock und triffst die Muschel mit einem raschen Hieb, und sie kommt herab. Versuch es ebenso mit der nächsten Muschel. Du hast ihr eine Warnung gegeben, sie hörte den Schlag, mit dem du ihre Nachbarin trafst, und sie hält sich mit ihrer ganzen Macht. Du wirst sie nimmer herunter bekommen, du nicht! Schlage und schlage wieder! du könntest ebenso bald den Felsen zerbrechen. Unsre kleine Freundin, die Muschel, weiß nicht viel, aber sie klebt an; sie kann uns nicht viel darüber sagen, an was sie anklebt, sie ist nicht vertraut mit der geologischen Formation des Felsens, aber sie klebt an. Sie hat etwas gefunden, daran zu kleben, das ist ihr kleines Stück Wissenschaft, und sie benutzt das, indem sie sich an den Felsen ihres Heils anklammert; es ist das Leben der Tellermuschel, anzukleben. Tausende vom Volke Gottes haben nicht mehr Glauben denn diesen. Sie wissen genug, um sich an Jesum anzuklammern, mit ihrem ganzen Herzen und Seele, und dies ist genug. Jesus Christus ist ihnen ein Heiland, stark und mächtig und gleich einem Felsen unbeweglich und unerschütterlich: sie kleben an ihm, und dieses Ankleben errettet sie.
Gott gibt seinem Volke den Hang und die Neigung sich anzuklammern. Siehe die Zuckererbse, welche in deinem Garten wächst. Vielleicht ist sie herunter auf den Kiesweg gefallen. Nichte sie auf gegen den Lorbeerbaum oder das Gitter, oder stelle ein Reis dabei und sie hält gleich fest, weil kleine Haken daran sind, bereit, alles festzuhalten, was ihnen in den Weg kommt: sie sollte aufwärts wachsen, und darum ist sie mit Ranken versehen. Jedes Kind Gottes hat seine Ranken an sich, Gedanken und Wünsche und Hoffnungen, mit welchen es sich an Christum und seine Verheißung anklammert. Obgleich dies eine sehr einfache Art des Glaubens ist, so ist es doch eine sehr vollständige und wirksame Art desselben, und in der Tat, es ist das Herz alles Glaubens und das, zu dem wir oft hingetrieben werden, wenn wir in tiefer Unruhe sind oder wenn unser Herz irgendwie betrübt ist, wenn wir krank oder gedrückten Geistes sind. Wir können uns anklammern, wenn wir sonst nichts vermögen, und das ist gerade die Seele des Glaubens. O, armes Herz, wenn du noch nicht so viel weißt vom Evangelium, als wir dir zu wissen wünschen möchten, klammere dich an das, was du weißt. Wenn du noch einem Lamm ähnlich bist, welches ein wenig in dem Lebensstrom watet, und nicht gleich dem Leviathan, welcher die mächtige Tiefe bis auf den Grund durchwühlt, trinke dennoch; denn trinken und nicht untertauchen ist, was dich retten wird. So klammere dich denn an, klebe an Jesu: denn das ist Glauben.
Eine andre Gestalt des Glaubens ist die, in welcher ein Mann sich auf einen andern verlässt, in der Erkenntnis von dessen Überlegenheit, und er ihm folgt. Ich glaube nicht, dass die Muschel schon viel von dem Felsen weiß, aber in dieser weiteren Glaubensstufe ist mehr Erkenntnis vorhanden. Ein blinder Mann traut sich seinem Führer an, weil er weiß, dass sein Freund sehen kann, und vertrauensvoll geht er, wohin sein Leiter ihn führt. Wenn der arme Mann blind geboren ist, weiß er nicht, was Gesicht ist; aber er weiß, dass es so etwas wie Gesicht gibt, und dass sein Freund dieses besitzt, und deshalb legt er gerne seine Hand in die Hand des Sehenden und folgt seiner Führung. Dies ist ein so gutes Bild des Glaubens als es sein kann. Wir wissen, dass Jesus Verdienst, Segen und Gewalt besitzt, welche wir nicht besitzen, und deshalb vertrauen wir uns ihm fröhlich an, und er täuscht niemals unser Zutrauen.
Jeder Knabe, welcher zur Schule geht, hat Glauben auszuüben, indem er lernt. Sein Lehrer unterrichtet ihn in der Geographie und belehrt ihn über die Gestalt der Erde und das Dasein verschiedener großer Städte und Reiche. Der Knabe weiß selbst nicht, dass dies wahr ist, er glaubt nur seinem Lehrer und den Büchern, welche ihm gegeben sind. Das ist es, was ihr Christo gegenüber zu tun habt, wenn ihr selig werden wollt; ihr müsst es eben erkennen, weil er es euch sagt, und glauben, weil er euch versichert, dass es so sei; ihr müsst euch ihm anvertrauen, weil er euch verheißt, dass die Seligkeit das Ende sein wird. Fast alles, was ihr und ich wissen, ist uns durch den Glauben überkommen. Eine wissenschaftliche Entdeckung ist gemacht worden, und wir sind dessen gewiss. Auf welchen Grund hin glauben wir das? Auf die Autorität gewisser Gelehrter, deren Ruf begründet ist. Wir haben nie ihre Experimente gemacht oder gesehen, aber wir glauben ihrem Zeugnis. Gerade so sollt ihr es in Bezug auf Christum machen: weil er euch gewisse Wahrheiten lehrt, müsst ihr seine Schüler sein, seinen Worten glauben und auch ihm vertrauen. Er ist euch unendlich überlegen und stellt sich eurem Vertrauen dar als euer Herr und Meister. Wenn ihr ihn und seine Worte aufnehmt, werdet ihr selig werden.
Eine andere und höhere Art des Glaubens ist die, welche aus der Liebe heraus wächst. Warum vertraut ein Knabe seinem Vater? Du und ich wissen ein wenig mehr über seinen Vater als er, und wir vertrauen ihm nicht ganz so einfältig; aber der Grund, warum das Kind seinem Vater vertraut, ist, weil es ihn liebt. Glückselig und glücklich sind die, welche einen süßen Glauben an Jesum, vereinigt mit tiefer Herzenszuneigung zu ihm haben. Sie sind erfreut durch seine Person und beglückt durch Seine Sendung, sie werden dahingetragen von der Güte, die er kundgetan hat, und nun können sie nicht anders, als ihm vertrauen, weil sie ihn so sehr bewundern, verehren und lieben. Es ist hart, Zweifel in eine Person zu setzen, die man liebt. Wenn man zuletzt dazu gezwungen wird, dann kommt die schmerzvolle Leidenschaft der Eifersucht, welche ist stark wie der Tod und grausam wie das Grab; aber bis es zu solch einem Brechen des Herzens kommt, ist die Liebe nur Vertrauen und Hingebung.
Die Art und Weise des liebenden Vertrauens zu dem Heiland mag folgendermaßen verständlich gemacht werden. Eine Dame ist die Frau des berühmtesten Arztes des Tages. Sie wird von einer gefährlichen Krankheit ergriffen und wird durch ihre Gewalt niedergeworfen; doch ist sie außerordentlich still und ruhig, denn ihr Gemahl hat diese Krankheit zu seinem speziellen Studium gemacht und hat Tausende ähnlich Leidende geheilt. Sie ist nicht im geringsten bekümmert, denn sie fühlt sich vollständig sicher in den Händen eines so Teuren, in dem Geschicklichkeit und Liebe sich im höchsten Maße vereinigen. Ihr Glaube ist vernünftig und natürlich; ihr Gemahl verdient ihn in jeder Hinsicht. Dies ist die Art des Glaubens, welche der Glücklichste der Gläubigen zu Christo hat. Es gibt keinen Arzt, der ihm gleich sei, keiner kann so retten, wie er es kann; wir lieben ihn und er liebt uns; daher übergeben wir uns seinen Händen, nehmen an, was er vorschreibt und tun, was er immer gebietet. Wir fühlen, dass nichts verkehrt angeordnet werden kann, so lange er der Leiter unserer Angelegenheiten ist, denn er liebt uns zu sehr, als dass er uns umkommen ließe, noch leidet er, dass wir uns unnütze Sorge machen.
Der Glaube verwirklicht auch die Gegenwart des lebendigen Gottes und Heilands, und so erzeugt er in der Seele eine Stille und Ruhe gleich der, welche bei einem kleinen Kinde zu sehen war zur Zeit eines Sturmes. Seine Mutter war beunruhigt, aber das liebe Mädchen war vergnügt; es schlug in die Hände vor Entzücken. Es stand am Fenster als die Blitzstrahlen heftig zuckten, und rief in kindlichem Tone! „Sieh, Mama! wie schön! wie schön!“ Die Mutter sagte: „Mein Liebling komm herein, der Blitz ist schrecklich;“ aber sie bat, ihr zu erlauben, hinauszuschauen und das liebliche Licht zu sehen, welches Gott über den ganzen Himmel mache; denn sie war dessen gewiss, dass Gott seinem kleinen Kinde keinen Schaden zufügen würde. „Aber höre den schrecklichen Donner,“ sagte die Mutter. „Sagtest du nicht, Mama, dass Gott durch den Donner spräche?“ „Ja,“ sagte die zitternde Mutter. „O,“ sagte der Liebling, „wie schön ist es, ihn zu hören. Er spricht sehr laut, aber ich denke, dass er wünscht, die tauben Leute möchten auf ihn hören. Ist es nicht so, Mama?“ So kam sie sprechend herunter; sie war so froh wie ein Vogel, denn Gott war ihr wirklich, und sie vertraute ihm. Ihr war der Blitz das schöne Licht Gottes und der Donner Gottes wundervolle Stimme, und sie war glücklich. Ich wage zu sagen, ihre Mutter wusste viel von den Gesetzen der Natur und der Kraft der Elektrizität, und wenig war der Trost, welchen ihre Wissenschaft brachte. Des Kindes Wissen war weniger glänzend, aber es war viel gewisser und wertvoller. Wir sind heutzutage so verbildet, dass wir zu stolz sind, um selbst durch augenscheinliche Wahrheiten getröstet zu werden, und es vorziehen, uns mit fraglichen Theorien elend zu machen. Hoot sang eine sehr geistreiche Wahrheit, wenn er scherzhaft sagte:
Ich denke noch, ich denke noch
Des dunklen Fichtenhains;
Dem Kind erschien er so schlank und hoch,
Mit dem Himmel an Höhe fast eins.
Es war ein kindlich Wähnen nur,
Dahin ist Wahn und Freud',
Denn ferner ist mir der Himmel ja
Als zur glücklichen Jugendzeit.
Was mich selbst anlangt, so möchte ich wenigstens lieber wieder ein Kind sein, als über die Maßen weise werden.
Glaube ist: ein Kind sein Christo gegenüber, und an ihn glauben, als an eine wirkliche und gegenwärtige Person, eben in diesem Augenblicke uns nahe, und bereit, uns zu segnen. Es mag das eine kindliche Einbildung scheinen, aber zu solcher Kindlichkeit müssen wir alle kommen, wenn wir anders im Herrn glücklich sein wollen. Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Der Glaube nimmt Christum bei seinem Worte, wie ein Kind seinem Vater glaubt und sich ihm in aller Einfalt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anvertraut. Gott gebe uns solchen Glauben!
Eine feste Art des Glaubens ist die, welche aus einer festgewordenen Erkenntnis erwächst. Derselbe ist eine Frucht des Wachstums in der Gnade; es ist dies der Glaube, welcher Christo glaubt, weil er ihn kennt, und ihm vertraut, weil er ihn als unwandelbar treu erprobt hat. Dieser Glaube sucht nicht erst Zeichen und Wunder, sondern er glaubt tapfer zu. Blick hin auf den Glauben des Schiffskapitäns, ich habe ihn oft bewundert. Er löst sein Kabel und dampft ab, von der Küste weg. Tage, Wochen, ja Monate lang sieht er weder Segel noch Küste, dennoch fährt er Tag und Nacht weiter, ohne Furcht, bis er sich eines Morgens gerade gegenüber dem gewünschten Hafen befindet, nach welchem er hinsteuerte. Wie hat er seinen Weg über die bodenlose Tiefe gefunden? Er hat vertraut auf seinen Kompass, auf seinen Schiffskalender, auf sein Fernrohr und die Himmelskörper, und ihrer Führung folgend hat er, ohne die Küste vor Augen zu haben, doch so genau gesteuert, dass er auch nicht der geringsten Wendung bedarf, um in den Hafen zu gelangen. Es ist eine wunderbare Sache, dieses Segeln ohne Sehen. Geistlich betrachtet, ist es eine gesegnete Sache, die Küste des Sehens zu verlassen und zu sagen: Fahrt wohl, innere Gefühle, erhebende Aussichten, Zeichen, Wunder usf. ich glaube an Gott, und ich steure geraden Wegs dem Himmel zu. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“; solchen wird zuletzt ein reichlicher Eingang dargereicht werden und eine sichere Reise auf dem Wege.
Dies ist der Glaube, welcher es leicht macht, unsere Seele mit all ihren Ewigkeitsanliegen der Bewahrung des Heilandes zu überlassen. Ein Mann geht zur Bank und legt sein Geld dort nieder mit einem gewissen Maß von Vertrauen; aber ein Anderer hat die Rechnungen der Bank eingesehen, ist hinter der Szene gewesen und hat sich vergewissert, dass die Bank einen bedeutenden Reservefonds gut angelegter Kapitalien besitzt. Jetzt legt er sein Geld mit dem Gefühl größtmöglicher Sicherheit an; er weiß, und er ist in seinem Glauben fest gegründet, und so überlässt er sein Alles freudig der Bank. Gerade so sind wir, die wir Christum kennen, froh, unser ganzes Sein in seine Hände gelegt zu sehen, weil wir wissen, dass er selbst bis ans Ende uns zu bewahren im Stande ist.
Gott gebe uns mehr und mehr von dem sichern Vertrauen auf Jesum, bis dass es zu einem unerschütterlichen Glauben kommt, in dem wir niemals zweifeln, sondern glauben ohne zu fragen. Sieh' auf den Landmann; er arbeitet mit dem Pflug in den Wintermonaten, wenn kein Laub auf dem Baum ist, noch ein Vogel, der, ihn zu erheitern, singt, und, nachdem er gepflügt hat, nimmt er das Korn, von welchem er vielleicht wenig genug hat, von dem Speicher, und streut es in die Furchen, sicher, dass es wieder herauskommen wird. Weil er schon fünfzig Mal die Ernte gesehen hat, so schaut er noch nach der nächsten aus, und im Glauben streut er das köstliche Korn aus. Allem Anschein nach ist es das Allerungereimteste, das ein sterblicher Mensch je getan hat, gutes Korn wegzuwerfen und in den Boden zu vergraben. Wenn ihr nie von dem Erfolge dieses Tuns gesehen oder gehört hättet, so würde es euch als pure Verschwendung und nicht als Sache der Wirtschaftlichkeit erscheinen; dennoch hat der Landmann kein Bedenken, er verlangt sogar danach, seine Saat auswerfen zu dürfen; im Glauben sehnt er sogar schönes Wetter herbei, um sein Korn zu begraben; und wenn du ihm sagst, dass er im Begriffe stehe, etwas Unsinniges zu tun, so lächelt er über deine Unwissenheit und sagt dir, dass es so zur Ernte komme. Dies ist ein schönes Bild des Glaubens, welcher aus der Erfahrung herauswächst: Sie hilft uns in einer Weise zu handeln, die dem Augenscheine gerade entgegengesetzt ist, sie lockt uns an, unser Alles der Bewahrung Christi zu überlassen, indem wir unsre Hoffnungen, unser eigenes Leben in dem freudigen Vertrauen mit ihm begraben, dass, wenn wir mit ihm gestorben sind, wir auch mit ihm leben werden. Jesus Christus, welcher vom Tode auferstanden ist, wird uns durch seinen Tod zu einem neuen Leben auferwecken und uns eine Ernte von Freude und Frieden geben.
Gib alles in die Hand Christi und du wirst es wiedererhalten mit reichlichen Zinsen. Möchten wir doch einen Glauben bekommen, so dass wir, wie wir keinen starken Zweifel an dem Auf- und Untergang der Sonne haben, wir auch nimmer zweifeln an des Herrn Wirken für uns in jeder Stunde der Not. Wir haben schon unserm Herrn vertraut und sind nie zu Schanden geworden, darum lasst uns fortfahren, uns immer mehr einfältig auf ihn zu verlassen; denn nie wird unser Glaube an ihn in Gefahr kommen, über die Grenzen seines Helfenkönnens hinauszureichen. Habt Glauben an Gott, und dann hört Jesum sagen: „Ihr glaubt an Gott, so glaubt auch an mich.“1)
II.
Soweit habe ich mein Bestes getan, um zu erklären, was Glaube ist. Nun werden wir untersuchen, warum der Glaube zum Kanal unsres Heils erwählt ist. - „Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben.“ Es ziemt uns, in der Beantwortung solch einer Frage bescheiden zu sein, denn Gottes Wege kann man nicht immer verstehen; aber insoweit wir davon sagen können, ist der Glaube zum Kanal der Gnade erwählt worden, weil im Glauben etwas ist, das von Natur dazu geeignet scheint, als Empfänger zu dienen. Stellt euch vor, ich. gebe gerade einem armen Manne ein Almosen. Ich lege es in seine Hand warum? Nun wohl, es würde schwerlich geschickt sein, es in sein Ohr oder auf seinen Fuß zu legen; die Hand scheint zum Annehmen geschaffen zu sein. So ist der Glaube an dem inwendigen Menschen geschaffen, der Empfänger innerer Gaben zu sein: er ist die Hand des Menschen und darin besteht eben seine Tauglichkeit, als Empfänger der Gnade zu dienen. Lasst mich dies möglichst deutlich ausdrücken. Der Glaube, welcher Christum empfängt, ist ein eben so einfacher Akt, als wenn euer Kind von euch einen Apfel bekommt, weil ihr ihm den Apfel hingehalten und ihm denselben zu geben versprochen habt, wenn es käme, um ihn zu nehmen. Der Glaube und das Empfangen bezieht sich hier nur auf einen Apfel, aber es ist ganz genau derselbe Akt, wie bei dem Glauben, welcher die ewige Seligkeit erlangt; und was des Kindes Hand dem Apfel, das ist euer Glaube dem vollkommenen Heile Christi gegenüber. Des Kindes Hand macht nicht den Apfel, noch verändert sie den Apfel, sie nimmt ihn nur an; und der Glaube wird von Gott erwählt, Empfänger des Heils zu sein, weil er sich nicht anmaßt, die Seligkeit zu machen, noch zu derselben etwas beizutragen, sondern weil er sie nur empfängt.
Der Glaube ist ohne Zweifel weiter darum erwählt, weil er Gott alle Ehre gibt. Weil es Glaube ist, so bleibt es aus Gnaden, und es ist aus Gnaden, auf dass sich niemand rühme; denn Gott kann keinen Hochmut dulden. Paulus sagt: „Nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme.“ Die Hand, welche eine Liebesgabe empfängt, darf nicht sagen: „Mir gebührt der Dank, weil ich die Gabe annehme;“ das würde töricht sein. Wenn die Hand Brot zum Munde führt, darf sie nicht sagen zum Leibe: „Danke mir, denn ich füttere dich.“ Es ist ein sehr einfaches Werk, das die Hand tut, wiewohl ein sehr notwendiges; aber nie beansprucht sie für das, was sie tut, Ruhm. So hat Gott den Glauben erwählt, die unaussprechliche Gabe der Gnade zu empfangen, weil er für sich selbst keinen Ruhm nehmen kann, sondern den gnädigen Gott allein anzubeten hat, der der Geber alles Guten ist. Alsdann erwählt Gott den Glauben als den Kanal zur Seligkeit, weil er ein sicherer Weg ist, die Menschen mit Gott zusammenzubringen. Wenn der Mensch auf Gott vertraut, so ist sogleich ein Punkt der Vereinigung zwischen ihnen da, und diese Vereinigung verbürgt Segen. Der Glaube rettet uns, weil er uns dazu bringt, uns an Gott anzuklammern, und so bringt er uns in Verbindung mit ihm. Ich habe schon früher einmal folgendes Bild gebraucht, aber ich muss es wiederholen, weil ich mir kein besseres denken kann. Man erzählte mir, dass vor Jahren oberhalb des Niagarafalles ein Bot umgeschlagen war, und zwei Menschen trieben schon dem Abgrund zu, als es einigen Leuten am Ufer gelang, ihnen ein Seil zuzuwerfen. Beide ergriffen dieses Seil; einer von ihnen hielt es fest, und wurde glücklich ans Ufer gezogen, aber der andere welcher einen größeren Block auf sich zuschwimmen sah, ließ das Seil unvorsichtiger Weise los und hielt sich an den Holzblock fest, denn der schien doch größer als das Tau und augenscheinlich geeigneter, sich daran anzuklammern. Aber ach der Klotz mit dem Mann darauf trieb geraden Weges dem Abgrunde zu, weil keine Verbindung zwischen dem Klotz und dem Ufer bestand. Die Größe des Blockes war nicht rettend für den, welcher ihn ergriff; es bedurfte einer Verbindung mit dem Ufer, um die Rettung zu bewerkstelligen. So, wenn ein Mensch seinen Werken traut, oder die Mittel des Heils den Besuch der Gottesdienste, den Gebrauch der Sakramente oder irgendetwas der Art zum Grunde des Heils macht und darauf seine Seligkeit baut, dann wird er nicht gerettet werden, weil so keine Verbindung zwischen ihm und Christo besteht; aber der Glaube, ob er wohl nur einer dünnen Kordel gleich zu sein scheint, ruht in der Hand des großen Gottes auf der Userseite; eine unendliche Macht zieht an der Verbindungsleine, und so zieht sie den Menschen vom Verderben weg. O, wie etwas Herrliches ist es doch, um den Glauben, weil er uns mit Gott vereinigt!
Der Glaube wird sodann erwählt, weil er der Triebfeder alles Tuns so nahe kommt. Ich möchte wissen, ob ich Unrecht habe, wenn ich sage, dass wir nie etwas tun, außer durch Glauben irgendwelcher Art. Wenn ich über diese Plattform2) gehe, so ist es, weil ich glaube, dass meine Beine mich tragen werden. Ein Mann isst, weil er an die Notwendigkeit der Nahrung glaubt, Kolumbus entdeckte Amerika, weil er glaubte, dass jenseits des Ozeans ein anderer Erdteil wäre: manche andere große Tat ist gleichfalls aus dem Glauben herausgeboren worden, denn der Glaube wirkt Wunder. Alltägliche Dinge entstehen auf demselben Grunde; Glaube in seiner natürlichen Form ist eine überall hervortretende Triebkraft. Gott gibt unserm Glauben das Heil, weil er damit an die Triebfeder all unsrer Bewegungen und verborgenen Taten herankommt. Er hat sozusagen von der elektrischen Batterie Besitz genommen, und nun kann er den heiligen Strom der Gnade in jeden Teil unsrer Natur hineinleiten. Wenn wir an Christum glauben, und das Herz in Gottes Besitz gekommen ist, dann sind wir von der Sünde errettet und sind zur Buße, zur Heiligung, zum Eifer, zum Gebet, zur Übergabe und jedem andern Gnadenwerk geneigt.
Der Glaube hat ferner die Kraft, durch Liebe wirksam zu sein; er ist der verborgene Herd der Liebesbewegungen und zieht das Herz zu Gott hin. Der Glaube ist eine Tat des Verständnisses, aber er entspringt auch aus dem Herzen. „Mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit“3); und aus dem Grunde gibt Gott dem Glauben das Heil, weil er zunächst der Liebe wohnt, und mit derselben auch sehr nahe verwandt ist, und Liebe ist, wie ihr wisst, das, was die Seele reinigt. Liebe zu Gott ist Gehorsam, Liebe ist Heiligkeit; Gott und den Nächsten zu lieben heißt, in das Bild Christi umgestaltet zu sein, und dies ist Seligkeit.
Noch mehr, Glaube schafft Friede und Freude; der, welcher ihn hat, bleibt und ist ruhig, heiter und voll Freude; dies ist ein Vorschmack des Himmels. Gott gibt alle heimlichen Gaben dem Glauben, weil der Glaube in uns eben das Leben und den Geist bringt, welche auf ewig offenbar werden sollen in der oberen und besseren Welt. Ich bin über diese Punkte kürzer hinweggegangen, um euch nicht an einem Tage zu ermüden, denn wie willig der Geist auch sein mag, das Fleisch ist schwach.
III.
Wir schließen mit dem dritten Punkte: Wie können wir den Glauben erhalten, und wie kann er wachsen? Eine sehr ernste Frage ist das für manche. Sie sagen, sie wünschten zu glauben, aber sie können nicht. Viel Törichtes wird über diesen Gegenstand gesprochen. Lasst uns praktisch sein in der Behandlung desselben. „Was muss ich tun, um zu glauben?“ Der kürzeste Weg ist eben: zu glauben, und wenn der Heilige Geist dich ehrlich und offen gemacht hat, so wirst du glauben, sobald die Wahrheit vor dich hintritt. Wie dem auch sei, der Befehl des Evangeliums ist klar: „Glaube an den Herrn Jesum Christum und du wirst selig.“
Wenn du aber noch weiter eine Schwierigkeit hast, so bringe sie ins Gebet vor Gott. Sage dem großen Vater genau, was es ist, das dich bekümmert, und bitte ihn, durch seinen Heiligen Geist die Frage zu lösen. Wenn ich eine Stelle in einem Buche nicht fassen kann, so bin ich froh, wenn ich den Verfasser fragen kann, was er gemeint habe; und wenn er ein wahrer Mann ist, wird mir seine Erklärung genügen. Viel mehr noch wird die göttliche Erklärung das Herz des wahren Suchers zufrieden stellen. Der Herr ist willig, selbst zu belehren; geh' zu ihm und siehe, ob es nicht so ist.
Aber weiter, wenn der Glaube schwer zu sein scheint, so ist es möglich, dass Gott der Heilige Geist euch instand setzen wird, zu glauben, wenn ihr sehr häufig und ernstlich hört, was euch zu glauben befohlen wird. Wir glauben viele Dinge, weil wir sie so oft gehört haben. Findet ihr das nicht so im gewöhnlichen Leben, dass, wenn ihr etwas fünfzig Mal hört, ihr zuletzt dahin kommt, es zu glauben? Einige Menschen sind auf diesem Wege dazu gekommen, etwas Falsches zu glauben: so sollte es mich nicht wundern, dass Gott oft diese Methode segnet, um Glauben zu wirken inbetreff dessen, was wahr ist; denn es stehet geschrieben: „Der Glaube kommt aus der Predigt.“4) Wenn ich ernstlich und aufmerksam das Evangelium höre, so wird es geschehen, dass ich durch die gesegnete Wirkung des Heil. Geistes auf mein Herz eines Tages auch die gehörte Botschaft innerlich im Glauben annehmen werde und also aus dem Hören ein Glauben wird.
Wem das jedoch zu wenig dünkt, dem möchte ich zunächst hinzufügen: Erwäge doch das Zeugnis anderer. Die Samariter glaubten, was ihnen das Weib von Jesu mitteilte. Bei vielen von uns erwächst unser Glaube aus dem Zeugnis anderer. Ich glaube dass es solch ein Land wie Japan gibt; ich sah es nie, und doch glaube ich, dass es ein solches Land gibt, weil andere dort gewesen sind. Ich glaube dass ich sterben werde; ich bin niemals gestorben, aber sehr viele, die ich einst gekannt habe, sind gestorben, und ich habe die Überzeugung, dass ich auch sterben werde; das Zeugnis der vielen überzeugt mich von dieser Tatsache. So hört denn doch auch auf die, welche euch sagen, wie sie errettet wurden, wie sie Vergebung erlangten, wie sie neue Menschen geworden sind. Wenn du nur hören willst, so wirst du finden, dass schon einer, der gerade war wie du, gerettet wurde. Wenn du ein Dieb gewesen bist, so wirst du finden, dass schon ein Dieb sich gefreut hat, seine Sünden in Christi Blut abzuwaschen. Du, der du unkeusch in deinem Leben warst, wirst finden, dass Leute, welche in dieselbe Sünde gefallen waren, gereinigt und erneuert worden sind. Wenn du in Verzweiflung bist, du brauchst nur unter das Volk Gottes zu gehen und ein wenig nachzufragen, und solche, die in derselben Verzweiflung wie du gewesen sind, werden dir sagen, wie sie gerettet wurden. Wenn du dem einen nach dem anderen, unter denen, welche das Wort Gottes erprobt haben, zuhörst, wird dich der Heilige Geist dazu leiten, zu glauben. Habt ihr nicht von dem Afrikaner gehört, welchem von einen Missionar erzählt wurde, dass das Wasser manchmal so hart würde, dass man darauf gehen könnte? Er erklärte, dass er vieles glaube, was der Missionar ihm erzählt hätte, aber das würde er nie glauben. Als er nach England kam, ereignete es sich, dass er an einem Wintertage den Fluss zugefroren sah, aber er wollte sich nicht darauf wagen. Er wusste, dass es ein Fluss war, und war gewiss, dass er ertrinken würde, wenn er auf ihn ginge. Man konnte ihn nicht dazu bringen, über das Eis zu gehen, bis sein Freund darauf ging; nun war er davon überzeugt und getraute sich auch selbst dorthin, wohin andere sich gewagt hatten. Gerade so, wenn du andere glauben siehst und ihre Freude und ihren Frieden gewahr wirst, dann wirst du leicht zum Glauben geführt werden. Es ist dies einer der Wege, auf denen Gott uns zum Glauben verhilft.
Noch eine bessere Art ist diese: fasse doch die Autorität ins Auge, auf die hin dir zu glauben befohlen wird, und dies wird dir große Hülfe sein. Es ist nicht meine Autorität, solche möchtet ihr wohl verwerfen. Es ist auch nicht die des Papstes, welche ihr wohl ebenfalls verwerfen dürftet. Sondern es wird euch befohlen, auf Gottes Autorität selbst hin zu glauben. Er gebietet euch, an Jesum Christum zu glauben. und ihr dürft euch nicht weigern, eurem Schöpfer zu gehorchen. Der Werkführer eines gewissen Eisenwerks im Norden hatte oft das Evangelium gehört, aber er war beunruhigt durch die Furcht, er möchte nicht zu Christo kommen dürfen. Sein guter Herr sandte eines Tages eine Karte zu den Hütten: „Kommt sogleich nach der Arbeit zu meinem Hause! Der Werkführer erschien an seines Herren Türe. Derselbe kam heraus und sagte etwas grob: „Was wollt ihr, Johann, dass ihr mich zu dieser Stunde stört?“ Die Arbeit ist getan, was habt ihr hier zu suchen?“ „Herr“, sagte er, „ich bekam eine Karte von euch, die mir sagte, dass ich nach der Arbeit herkommen solle.“ „Meint ihr denn, dass, weil ihr bloß eine Karte von mir erhalten habt, ihr zu meinem Haus kommen und mich nach den Geschäftsstunden herausrufen dürftet?“ „Freilich, Herr“, erwiderte der Werkmeister, aber ich verstehe euch nicht, es scheint mir doch, dass, wenn ihr nach mir schickt, ich ein Recht habe zu kommen.“ „Kommt herein, Johann“, sagte der Herr, „ich habe eine andere Botschaft, die ich euch vorzulesen wünsche“, und er setzte sich und las diese Worte: „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ „Glaubt ihr nach solch einer Botschaft von Christo noch, dass ihr Unrecht tun könntet, zu ihm zu gehen?“ Der arme Mann sah auf einmal seinen Irrtum ein und glaubte, weil er wusste, dass er einen guten Bürgen und eine gute Autorität hatte, woraufhin er glauben konnte. So hast du, liebe Seele, eine gute Autorität dafür, dass du zu Christo kommen darfst, denn der Herr selbst bittet dich, ihm zu vertrauen.
Wenn dich dies nicht zur Ruhe bringt, so denke doch einmal darüber nach, was es ist, das du zu glauben hast, - dass nämlich der Herr Jesus Christus an dem Ort und Platz und Stelle der Menschen gelitten hat, und dass er alle zu retten imstande ist, welche an ihn glauben. Nun, das ist doch die herrlichste Tatsache, die jemals den Menschen zu glauben mitgeteilt worden ist; die folgenreichste, die tröstendste, die göttlichste Wahrheit, welche je dem Menschen sich dargeboten hat. Ich rate euch, mehr daran zu denken und die Gnade und Liebe zu erforschen, welche in ihr sich offenbart. Lest die vier Evangelisten, studiert Pauli Briefe, und dann seht, ob die Botschaft nicht so glaubwürdig ist, dass ihr fast gezwungen seid, sie zu glauben.
Wenn dies nicht hilft, so denkt nach über die Person Jesu Christi, denkt, wer er ist, und was er tat, wo er jetzt ist, und was er jetzt ist; denkt oft und gründlich darüber nach. Wenn er, gerade so einer wie er, euch bittet, ihm zu vertrauen, dann wird euer Herz sicherlich überzeugt werden; denn wie könnt ihr Zweifel in ihn setzen?
Wenn keins von diesen Dingen zum Ziele führt, dann ist mit dir überhaupt etwas nicht in Ordnung, und mein letztes Wort ist: „Unterwirf dich Gott!“ Möchte doch Gottes Geist deine Feindschaft hinwegnehmen, und dich unterwürfig machen. Du bist ein Rebell, ein stolzer Rebell, und das ist es, warum du nicht deinem Gott glaubst. Gib deinen Widerstand auf; strecke deine Waffen; ergib dich deinem König; unterwirf dich auf Gnade und Ungnade. Ich glaube dass noch nie eine Seele ihre Hände in Selbstverlorenheit aufhob und schrie: „Herr, ich ergebe mich!“ ohne dass es ihr leicht wurde zu glauben, ehe es lange währte. Weil ihr noch im Streit mit Gott steht, und noch euren eigenen Willen haben und eure eigenen Wege gehen wollt, deshalb könnt ihr nicht glauben. „Wie könnt ihr glauben“, sagte Christus, „so ihr Ehre voneinander sucht?“ Hochmut selbst erzeugt Unglauben. Unterwirf dich, o Mensch. Ergib dich deinem Gott, und du wirst selig deinem Heilande glauben. Gott segne euch um Christi willen und bringe euch eben in diesem Augenblicke dazu, an den Herrn Jesum zu glauben. Amen.