Schnaufer, Gottlieb Friedrich - Der Ruf des Auferstandenen: Friede sei mit euch!

Schnaufer, Gottlieb Friedrich - Der Ruf des Auferstandenen: Friede sei mit euch!

Predigt am Sonntag nach Ostern über Joh. 20. 19 - 23, von Gottlieb Friedrich Schnaufer, Pfarrverweser in Hohentwiel, Königr. Württemberg.

Unser heutiges Evangelium ruft uns die festlichen Tage nochmals in Erinnerung, welche wir zum Gedächtnisse des Todes und der Auferstehung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi vor Kurzem gefeiert haben. Unser Text sagt: „Am Abend aber desselbigen Sabbats“, nämlich an eben dem Tage, an welchem, laut dem Berichte des Johannes, Maria Magdalena, Simon, Petrus und Johannes am Grabe des Herrn sich eingefunden hatten, da waren die Jünger versammelt bei verschlossenen Türen, und zwar nicht etwa, um ungestört der Freude über einzelne Nachrichten von der Auferstehung Jesu sich zu überlassen, sondern, wie es weiter heißt, aus Furcht vor den Juden. Aus Furcht, denn noch immer waren sie ungewiss, welche Wendung ihre Lage und die Sache ihres großen Meisters nehmen werde; sie schwebten zwischen Zweifel und Glauben, zwischen Furcht und Hoffnung, und dieser Zwiespalt in ihrem Innern, so wie der gewaltige Eindruck, den die Begebenheiten der letzten Tage auf sie gemacht hatten, zerriss ihre Herzen und bereitete ihnen Kummer und Unruhe. Aber siehe da, mitten in dieser düsteren Stimmung ihres Gemütes trat, gleich einem hell leuchtenden Lichte, ihr Herr und Meister persönlich unter sie mit seinem ermunternden Gruße: „Friede sei mit euch!“ Geliebte Zuhörer! war das nicht für die verwundeten Herzen der Jünger ein köstlicher Balsam, gerade jetzt aus dem Munde ihres geliebten Herrn selbst die tröstliche Ermunterung zu hören: „Friede sei mit euch!“ Und dieser Friedensgruß, meine Andächtigen, galt er bloß den Jüngern, bedurften bloß sie des Friedens, den Christus gibt? Nein, auch uns gilt er, auch wir, obgleich es Manche vielleicht nicht glauben wollen, bedürfen seiner, und darum tritt heute, wie sonst allezeit, in die Gemächer bekümmerter Seelen der Heiland im Geiste auch in unsere Versammlung herein mit der Botschaft: „Friede sei mit euch!“

Lasst uns daher diesen Gruß einen Gegenstand unserer heutigen Erbauung sein, wenn wir betrachten

den Ruf des Auferstandenen: „Friede sei mit euch!“ als einen Ruf auch an uns.

Wir vergegenwärtigen uns denselben

1. nach seinem Inhalte, und
2. nach seinem Segen.

Jesu, du Herzog der Friedensheerscharen,
Du König von Salem, ach zeuch uns nach dir,
Dass wir den Friedensbund treulich bewahren,
Im Wege des Friedens dir folgen allhier!
Ach, lass uns doch deinen Geist kräftig regieren,
Uns dir nach im Frieden zum Vater zu führen! Amen. 1)

I.

Geliebte in Jesu Christo! Es ist ein Gruß des Friedens, mit dem der liebe Heiland heute seine versammelten Gläubigen begrüßt; eines Friedens, den die Welt nicht gibt und nicht geben kann, der nicht von unten, sondern von oben her stammt; ein Friede, in den alles Glück, Heil und Seligkeit eingeschlossen ist. Von diesem Frieden, den Gottes Kinder genießen, ist der Friede der Weltkinder seiner Natur nach verschieden. Die Welt heißt das Frieden, wenn Völker sich nicht bekriegen, wenn Untertanen gegen ihre Fürsten sich nicht auslehnen, wenn Bürger nicht gegen Bürger kämpfen, wenn Nachbaren nicht miteinander im Zwiste leben, wenn Familiengenossen einträchtig beieinander wohnen, wenn durch Gesetze die Unordnung verhütet und durch die öffentliche Gewalt der wilde Ausbruch frevelhafter Anschläge niedergehalten wird, wenn so Jeder ruhig und ungestört seinem Berufe leben kann. Das Alles ist zwar sehr schätzbar und löblich; aber wenn es nur äußere Ordnung, und nicht auf das sichere, feste Fundament des wahren Friedens, der vornehmlich innerlich durch den Geist Gottes gewirkt wird, gebaut ist, so ist es nur ein Scheinfriede, der jenem Hause gleicht, das nur auf den Sand gebaut ist, wo oft ein geringer Anstoß genügt, das lose Bauwerk des Friedens zu zerstören und an seine Stelle Zügellosigkeit, Kampf und Verwirrung zu setzen. Daran seht ihr, dass solcher Friede noch nicht der wahre und darum auch kein bleibender ist, und dass dieser äußere Friede seine Gewähr nur in dem Frieden hat, den Gott allein geben kann, im Frieden der Seele, den wir erlangen in der Kindschaft Gottes durch Jesum Christum, unseren Versöhner und Friedefürsten. Und das ist der göttliche Friede gegenüber vom weltlichen Frieden. Dieser göttliche Friede ist aber hinwiederum nicht zu verwechseln mit jener selbstgemachten Ruhe des Herzens, die in manchen Fällen vielleicht besser eine Betäubung und Verstockung genannt werden mag, wo das Gewissen wenigstens eine Zeit lang zum Schweigen gebracht wird durch mancherlei verkehrte und verwerfliche Mittel. So sucht der Eine, um die verurteilende Stimme in seinem Innern zu beschwichtigen, mit starken Getränken sich zu betäuben, er stürzt sich in das wilde Getümmel der Weltfreuden und in allerlei sündliche Lustbarkeiten, die Schwelgerei wird sein Grab; ein Anderer zieht in ferne Länder, um dort die verlorene Ruhe zu finden, allein was er sucht, das findet er nicht, denn ins neue Land ist ja der alte Mensch der Sünde mit ihm gegangen; ein Dritter zeigt sich gleichgültig und kalt gegen Alles, was seinen verderbten Zustand ihm aufdecken könnte, er lehnt den Glauben an Unsterblichkeit und Vergeltung von sich ab, und hält die Verstockung für Frieden; ein Vierter hält es mit dem Manne im Evangelium, er sammelt sich viele Güter und spricht sodann: liebe Seele, habe nun Ruhe, iss und trinke und habe guten Mut, dieser setzt seinen Himmel in des Lebens Gemächlichkeit; ein Fünfter zieht sich von der Welt in die Einsamkeit zurück, und glaubt da, unangefochten von andern Menschen, eine Stätte des Friedens zu finden; ein Sechster endlich zerreißt mit eigener Hand den Faden seines Lebens, er sucht im Tode seine Ruhe, und bedenkt nicht, dass er da hinfährt, wo sein nagender Wurm nicht stirbt und sein Feuer nicht verlöscht. Und das, meine Andächtigen, sollten die rechten Wege sein, den Frieden zu erlangen? Mitnichten! Seht, so jagen die Kinder dieser Welt nach dem Schatten eines Friedens, der ihnen wieder entwischt, sobald sie ihn ergriffen zu haben meinen. Und warum? weil sie, außer der Gemeinschaft mit Christo stehend, mit ihrem Herzen selbst Frieden schließen wollen. Nicht also die Kinder Gottes, die Jünger und Jüngerinnen des Herrn, der den Seinen das Vermächtnis verbriefte: „Meinen Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht gebe ich, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht, und fürchte sich nicht.“ Vor diesem Frieden weicht alle Furcht, alle Zwietracht und aller Kummer. Es ist der Friede, der höher ist denn alle Vernunft, und besteht darin, dass unsere, durch die Sünde verursachte Getrenntheit von Gott aufgehoben wird, dass wir durch die Versöhnungsgnade Vergebung der Sünden erlangen, und in das liebliche, vertrauliche Kindesverhältnis zu Gott, unserem Vater in Christo Jesu, versetzt werden. Und dass aus der Versöhnung durch Christum allein der wahre Friede komme, das erhellt deutlich aus unserem Texte, indem der Heiland gleichzeitig, als er den Friedensgruß sprach, den Jüngern seine Hände und seine Seite zeigte, womit er sagen wollte: Seht, meine lieben Jünger, von euch für tot gehalten, stehe ich nun leibhaftig als der Lebendige vor euch, und meine Nägelmale und Seitenwunden, Wunden, die mir den herbsten Schmerz verursachten, sind jetzt verklärt und eine reiche Quelle des Friedens für euch geworden. So, Geliebte, ist in dem gekreuzigten, aber siegreich auferstandenen Heiland Friede, göttlicher Friede für uns. Dieser Friede ist die Spitze und Fülle des uns in Christo gewordenen Heiles, er ist unser Himmel, unsere Seligkeit. Aber nochmals spricht der Herr: „Friede sei mit euch!“ womit er seine Jünger zu Friedensboten weiht, welche die Friedensbotschaft hinaustragen sollten unter die Völker, daher er das weitere Wort anreiht: „Gleich wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Und da er das sagte, blies er sie an, und spricht zu ihnen: „Nehmt hin den Heiligen Geist; welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Damit erhielten die Apostel die Vollmacht, in der Kraft des Heiligen Geistes anzukündigen, dass das große Erlassjahr der Vergebung mit dem Versöhnungstode Christi angebrochen sei, und dass dadurch Friede kommen soll in die Herzen der um ihrer Sünden willen Gebeugten und Beängstigten; denn für alle Bußfertigen sind Christi Wunden eine Zufluchtsstätte des Friedens. Aber dieser Friede in Jesu Christo, wie er hier schon ein Eigentum der Gläubigen ist, kommt erst drüben in der Ewigkeit, wo wir über allen Wechsel erhaben sind, zu seiner Vollendung; dort, wo irdische Drangsale und der Kampf des Geistes mit dem Fleische uns nicht mehr beugen, wo abgewischt sein werden alle Tränen von unseren Augen. Das, meine Zuhörer, ist der göttliche Friede, den der Heiland in seinem Friedensgruße heute auch uns wünscht und geben will. Und nachdem wir den Inhalt dieses Grußes vernommen haben, so fragen wir noch:

II.

Wie wird uns derselbe zum Segen? Die reichen Schatzkammern himmlischer Güter hat uns die ewige Liebe aufgeschlossen, und dennoch gehen so viele Christen dieser Segnungen verlustig, weil sie nicht mit gläubigem Heilsverlangen dieselben ergreifen. In den Jüngern war dieses Heilsverlangen, in ihnen war ein Zug des Vaters zum Sohne; darum waren sie für den Frieden, den er ihnen brachte, empfänglich. Daran wollen wir etwas lernen. Wir wollen die Glaubenshand nach dem Gottesfrieden ausstrecken. Und das geschieht, wenn wir Christo uns zu eigen hingeben, ihn erfassen im Glauben und in ihm erfunden werden. Wir dürfen nicht mehr uns selbst leben, sondern dem, der für uns gestorben und auferstanden ist; wir müssen bitten und flehen um seinen Geist, denn wo Christi Geist ist, da ist auch Christus; bitten und flehen, dass er unsere Herzen zu seiner Werk- und Wohnstätte bereite, und wenn wir dann ihn haben, dann haben wir auch den göttlichen Frieden mit allen seinen Segnungen. Darum werde uns heute der Friedensgruß unseres lieben Heilandes zur Weck- und Mahnstimme; denn er lässt einen Jeden unter uns in seine Wundmale schauen, und sagt ihm zugleich, stehe, diese hast du mir mit deinen Sünden verursacht, ja mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden, und hast mir Mühe gemacht in deinen Missetaten. Ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht. Sollte das den schlafenden Sünder nicht wecken und ihn gemahnen, dass er in sein sündezerrüttetes Herz einen prüfenden Blick tut und der Unruhe seines Gewissens gewahr wird? Wie vieler Hader, Neid, Hass und Ungestüm ist in dir, und das ist die Ursache, warum du auch äußerlich so viel Unfrieden hast, deine innerliche Entzweiung, die Geteiltheit deines Herzens zwischen Gott und der Welt wird so häufig der Anlass zur äußeren Entzweiung, zum Zwist und Zank mit deinen Nebenmenschen, an denen der innere Unmut so vielfältig sich auslässt. Da darf man denn nimmer fragen: woher die vielen Ehestreitigkeiten, woher der Unfriede zwischen Eltern und Kindern, unter Geschwistern und Nachbaren? Lies nur in deinem Herzen, wo die Antwort mit großen Buchstaben geschrieben steht, und lass den Heiland freundlich ernst hinein rufen: „Friede sei mit dir!“ Du sollst Friede haben in dir selbst, und der Friede soll „mit“ dir, er soll dein Begleiter sein, damit überall, wo du bist, der Friede seine Segnungen ausstreue, indem du mit deinem Friedenssinne die Fackel des Streites allenthalben, wo du ihr begegnest, auslöschest mit kräftiger Hand. Denn dahin zielt ja das Werk Gottes unter den Menschenkindern, dass die gewaltigen Kämpfe auf Erden sich auslösen in Sieg und Frieden, dass, wie einst, ehe die Sünde in die Welt gekommen ist, wiederum der selige Gottesfriede als ein Segensstrom das Land bedecke und alle Völker sich legen zu den Füßen Jesu Christi, des Friedenskönigs. Bis dahin werden freilich die Wogen der Trübsale noch manchmal hoch gehen und die Flammen des Krieges empor lodern; aber die Kinder Gottes werden sie nimmermehr verschlingen, sie sind mitten unter Stürmen so ruhig wie ihr im Schifflein schlafender Herr; denn sein Ruf ist ihnen auch ein Wort des Trostes:

„Friede sei mit euch!“ und endlich, wie den Jüngern, welche froh wurden, da sie den Herrn sahen und seinen Gruß vernahmen, noch ein Wort zur Freude, wo der Weltmensch unter inneren und äußeren Kämpfen verzweiflungsvoll danieder liegt; da steht ein Gotteskind ungebeugt und heiteren Blickes nach oben; mit dem Frieden im Herzen steht er freudigen Mutes - über dem Missgeschicke des Pilgerlebens, und selbst der Tod kann ihm denselben nicht rauben, ja, der Gottesfriede wird seinem sterbenden Antlitze noch das Siegel der Verklärung ausdrücken.

So ringe, wer als Palmenträger ins selige Heimatland einziehen will, nach dem Frieden, den uns Christus erstritten. Unseres Heilandes Zuruf erfreue uns im Leben und erquicke uns im Sterben: „Friede sei mit euch!“ Amen.

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