Schlatter, Adolf - Der Hebräerbrief - Kap. 13, 1-25. - letzten Mahnungen.

Der Brief hält uns noch mit einigen großen Strichen vor, was ein christlicher Wandel ist. Voran tritt die Bruderliebe, welche in der in Jesu Namen vereinigten Gemeinde ihre Stätte hat. Die Gemeinsamkeit des christlichen Glaubens und Hoffens stiftet ein Band unvergleichlicher Art, das allen anderen Lebensbeziehungen übergeordnet werden muss und darf. Dieselbe bringt uns in eine Berührung miteinander, welche in den innersten Kern unserer Persönlichkeit hineinreicht und unsere tiefsten und heiligsten Interessen betrifft. Darum hat dieser Verkehr Raum für eine volle und kräftige Liebe, wie sie im natürlichen Verhältnis zwischen Brüdern ihre Stelle hat. Bleibt sie aus, so kann die Ursache nur darin liegen, dass wir Gott und Christum gering schätzen. Der ersten Gemeinde überwog das Bekenntnis zu Christo alle anderen Rücksichten; deshalb muss der Brief nicht mahnen, dass die Bruderliebe in ihr entstehen, wohl aber dass sie bleiben soll. Denn die Störungen und Schwierigkeiten, welche unseren Verkehr miteinander durchziehen, gefährden sie. Sie braucht aber an denselben nicht zu scheitern und zu sinken, sondern hat in ihrer Willigkeit, die Last der anderen zu tragen, die Macht, welche allen diesen Hemmungen überlegen ist.

Auch die beiden angereihten Weisungen, V. 2 und 3, entspringen der Verbindung, in welche die christliche Gemeinde ihre Glieder setzt. Die ersten Gemeinden pflegten einen lebhaften persönlichen Verkehr untereinander und ihre Glieder suchten sich gegenseitig auf. So gab es mancherlei Anlass zur Gastlichkeit. Und der Brief erinnert daran, dass wir hierbei nicht nur geben, sondern leicht auch großes empfangen können. Gott braucht ja nicht nur die Engel als seine Boten, sondern verwendet auch Menschen in seinem Dienst, und legt uns oft durch sie große Gaben nah. Besonderer Liebe bedürfen auch diejenigen Glieder der Gemeinde, über die Verfolgung ergeht. Da muss sich das Band der Gemeinschaft bewähren, und der Brief macht zur Stärkung unserer Liebe auch die natürliche Empfindung in uns rege, welche bedenkt, dass ähnliches Leiden auch uns treffen kann.

Aus den natürlichen Lebensverhältnissen hebt der Brief zwei Dinge hervor, die beiden wichtigsten, die unser gesamtes Wesen und Leben aufs tiefste beeinflussen, die Ehe und das Geld, V. 4-6. Eine ehrenhafte Ehe, die weder das Weib noch den Mann herabwürdigt und innerhalb wie außerhalb des ehelichen Verkehrs von allen Unreinheiten abgesondert ist, und eine vom begehrlichen Haschen nach Geld gelöste Genügsamkeit, die sich im Vertrauen auf Gott der Sorgen und Ängstlichkeiten entledigt und einen starken Mut gewinnt, das gibt einer christlichen Lebensführung ihr Gepräge.

Wie groß zeichnen uns schon diese wenigen Worte den Christenlauf! Vornean der weite reiche Kreis der Gemeinde Christi, in die wir in brüderlicher Liebe eingewurzelt sind, im eignen Haus die ehrenhafte Ehe und die edle, nicht liederliche, sondern wahrhaft glaubensstarke Sorglosigkeit: das sind drei große Güter; sie zieren den Mann.

Die Männer, welche die Gemeinde leiteten, sind bereits durch den Tod abgerufen worden, V. 7. Wir dürfen hier wohl in erster Linie an die Apostel denken und an die ihnen als Gehilfen verbundenen Männer, die mit ihnen die Gründungsarbeit in der Kirche getan haben. Ihr Ende steht als ein Wahrzeichen da, auf das die Leser ihren Blick gerichtet haben sollen. Die Stelle wird daran denken, dass manche unter ihnen ihr Leben geopfert haben um Christi willen. So treten auch sie zu der Reihe der Zeugen hinzu, die uns den Glaubensweg vorzeichnen. Von ihren dahingegangenen Führern steigt der Blick zu ihrem einen großen Haupt und Hirten Jesus empor. Apostel und Lehrer sterben, Christus bleibt. Ihn haben sie mit dem Tode derselben nicht verloren. Bei ihm finden sie auch fernerhin dieselbe Leitung und Begabung wie bisher.

Auch die Mahnung des 9. Verses mag noch aus der Erinnerung an den Tod ihrer Lehrer und Vorbilder hervorgegangen sein. Mancherlei geistige Einflüsse, irreleitende Lehren machen sich in der Gemeinde geltend, und der Schutz, den der erleuchtete Blick der apostolischen Männer ihnen gegen dieselben darbot, fehlt ihnen nun. Sie müssen sich derselben nun selbst erwehren und allein sich zurechtfinden im Gewoge der Gedanken, das in die Gemeinde aus dem Juden- und Heidentum hereinströmen und mit dem Evangelium sich mischen will. Sie haben achtsam darüber zu wachen, auf was für Gedanken sie horchen. Der Brief nennt jene Lehren bunt und fremd. Beide Eigenschaften geben ihnen Reiz und lockende Kraft; beide zeigen aber zugleich ihre Nichtigkeit und Gefährlichkeit. Die bunte Mannigfaltigkeit jener Gedanken gibt ihnen den Schein des Reichtums und der Tiefe und fesselt die Neugier, als fände sich hier eine erstaunliche Weisheit. Zugleich gibt ihnen ihr fremdartiger Charakter den Reiz der Neuheit. Aber gerade der Unterschied dieser Lehren von dem ihnen gegebenen und wohlbekannten Wort, das in seiner schlichten Einfalt bis zur Wurzel des Geistes dringt, zeigt ihnen auch, dass sie von diesen Gedanken nichts zu erwarten haben und durch sie von ihrem Wege abgelenkt werden. Ihr Urteil wäre bereits verkehrt, wenn sie das apostolische Wort deshalb verachteten, weil es ihnen eine längst bekannte und kindlich einfache Sache scheint.

Der Brief nennt ihnen ein anderes Ziel. Statt allerlei wunderlichen Lehren nachzuhängen und träumerische Systeme aufzubauen, haben sie das für eine große Gabe und einen köstlichen Gewinn zu achten, wenn das Herz an der Gnade fest wird. Jene schwankenden Gedanken, die doch nur lockere, lose Meinungen und trübe Vermutungen bleiben, geben uns keinen Halt, ziehen uns vielmehr von dem weg, was uns hält und trägt, und erzeugen nur ein schwankendes, gespaltenes Herz. Fest ist Gottes Gnade, die in ihrer Vollkommenheit unerschütterlich steht, und sie ist das Einzige, was auch uns Festigkeit verleiht und uns zum Stehen bringt.

Der Brief wird bei den mancherlei Lehren, vor denen er warnt, zunächst an jüdische Grübeleien über Gott und die himmlischen Dinge denken. Darum setzt er nun auch der Gnade die Speisen entgegen. Wenn ein Jüdischer Mann fromm sein wollte, so machte er sich viel Arbeit mit Vorschriften über das, was man essen dürfe, und je höher er in die himmlische Region empordringen wollte, um so eifriger gab er sich mit solchen Speiseordnungen ab. Das ist eitle Mühe und erzeugt wohl hochmütige Einbildung, aber kein festes Herz. Das Herz bedarf einer anderen Speise, damit es gesund werde. Es nährt sich an der Liebe und Güte, die uns Gott in Christo erwiesen hat.

Die Erinnerung an den jüdischen Sauerteig, der noch in der Gemeinde gärt, führt zur Mahnung: scheidet euch vom ungläubigen Israel, V. 9-16. Es wird uns dabei die Erfüllung, welche der Opferdienst Israels in Christo gefunden hat, noch nach einer neuen Seite gezeigt. Bisher wurde das Opfer betrachtet, wie sein Blut Gott dargebracht und vor sein Angesicht ins Heiligtum getragen wird, und wie es auf die Gemeinde gesprengt wird ihr zur Heiligung. Es gehört aber zum Opfer noch ein weiterer Akt: das Opfermahl. Vom Altare empfängt der Priester und das Volk die Speise, die sie nun am geheiligten Ort als Gottes Tischgenossen essen dürfen. Auch in dieser Hinsicht ist das Opfer ein Gleichnis und Schattenriss für das, was Christus an uns tut. Auch wir haben einen Altar, der uns nährt. Wir wurden ja soeben auf die Gnade hingewiesen, wie sie als festmachende Kraft ins Herz eingeht. Diese Gnade ist uns aber auf einem Altar erworben, nämlich in Christi Tod. An dieser heiligen Speisung gibt der Gottesdienst nach der alten Weise des Gesetzes keinen Teil. Um dieselbe zu empfangen, muss man zum Mittler des Neuen Bundes und zu seinem Blut hinzugetreten sein. Israel achtet dagegen dasselbe für gemein. So weiß es nichts von der speisenden, nährenden Kraft, die Jesu Tod besiegt, nichts davon, dass wir nach dem Wort des Herrn sein Fleisch als die rechte Speise essen und sein Blut als den rechten Trank trinken dürfen. Diesen Mangel ersetzt ihm sein Gottesdienst nicht. Sie dienen mit demselben wohl der Hütte, doch nicht Gott. Mag also Israel die Gemeinde Christi als Abtrünnige von seinem Altar ausschließen, nicht die an Christus Glaubenden, sondern das ungläubige Israel ist vom rechten Altar und der wahrhaftigen Kommunion ausgeschlossen und abgesperrt.

Die Scheidung zwischen der Gemeinde Christi und demjenigen Israel, das beim alten Heiligtum verbleibt, ist Jesu eignes Werk und die Folge und Frucht seines Tods. Mit kühner Hand flicht der Brief einen Reichtum von Bildern und Gedanken ineinander. Der Leib der Sündopfer wird draußen vor dem Lager verbrannt; so litt auch Jesus draußen vor dem Tor. Damals als Jesus aus Jerusalem hinausgeführt wurde und draußen vor dem Tore der Stadt am Kreuze starb, wurde das alte Israel und sein Gottesdienst beseitigt und abgebrochen. Dass Jesus aus der Gemeinde Israels ausgestoßen zur Stadt hinausgehen musste, das hat nicht nur die menschliche Sünde und Willkür bewirkt, sondern das war Gottes Ordnung und Weg. Er hat Jesus von Israel geschieden und aus seiner Mitte hinausgeführt. In Wahrheit war nicht Jesus der Ausgestoßene, sondern Jerusalem wurde durch seinen Ausgang vom Reiche Gottes ausgeschlossen und die alte Hütte Gottes durch einen neuen Altar ersetzt.

Dieser Ausgang Jesu aus Jerusalem gehört zu seinem priesterlichen Beruf. Dieser führte ihn in jene Leidenstiefe hinab, in der er sein Blut Gott zum Opfer bringen und ein wahres Israel. schaffen sollte, das durch seinen Tod geheiligt ist. Darum erläutert der Brief den Gang Jesu durch die alte Opferordnung, welche vorschreibt, dass der Leib der Tiere, deren Blut ins Allerheiligste kam, aus dem Lager hinausgeschafft und draußen dem Feuer übergeben werde. So musste sich auch Jesus aus der Gemeinschaft des Volks ausstoßen und vom Feuer des Leidens verzehren lassen. So ward sein Blut zum Opfer, das vor Gott im Allerheiligsten wohlgefällig ist.

Wo wollt ihr euch nun hinstellen? fragt der Brief. Wollt ihr bei Israel zurückbleiben, nachdem Jesus aus demselben ausgegangen ist? Geht ihm nach vors Lager hinaus! Das heißt: scheidet euch von der ungläubigen Judenschaft; ertragt es willig, dass euch euer Volk die Türe weist, und euch nicht mehr zu seinen Gliedern zählt. Allerdings warf dieser Ausgang Schmach auf sie. Sie zogen aus als die Abgefallenen, als die Verächter des Gesetzes und die Verräter an ihren Brüdern und an ihrem Gott. Es war aber die Schmach Christi, die sie damit trugen, dieselbe Schmach, die Christus selber trug. Das wandelt sie in Ehre um.

Sie können sich nicht besinnen, ob sie bleiben oder ausziehen wollen. Denn das, was sie preisgeben, ist gering. Was immer sie hier auf Erden verlassen müssen, das ist keine bleibende Stadt. Das alte Jerusalem wars nicht. In der Heimat, die ihnen verloren geht, konnten sie doch nicht für immer heimisch sein. Die künftige Stadt ist die bleibende, und diese suchen sie ja. Nach ihr steht ihr Verlangen. Wir finden sie durch Christum. Wenn sie aber nach der zukünftigen Stadt begehren, dann ist ihre Wahl getroffen; dann haben sie im Glauben die Kraft, Jesu nachzugehen auch auf dem Weg der Schmach, auf dem er sie aus Israel ausführt. Dann geben sie alles auf, nur Jesum nicht.

Der Zuruf: geht ihm nach vors Lager hinaus! berief die Leser zu einem schweren Gang. Er schnitt einem jeden jüdischen Manne tief und schmerzlich ins Herz. Allein deshalb wird ihr Leben nicht voll Klage. Nein, Christus überwiegt alles, was sie um seinetwillen preisgeben, so reichlich und überschwänglich, dass sie durch ihn zu einem beständigen Lob Gottes bereitet sind, V. 15. Wie sollen sie Gottes Namen nicht preisen im Blick auf die zukünftige Stadt, deren Bürger sie schon geworden sind? Das ist ihr Opfer, welches dem Opfer Christi als Antwort zu entsprechen hat. Und noch etwas anderes gibt es, als die Frucht der Lippen, was sie als heiliges Opfer üben dürfen: Mitteilen und Wohltun bleibt ihr Gottesdienst.

Die Mahnung richtet sich nun wieder auf die inneren Verhältnisse der Gemeinde selbst. Den Männern, welche dieselbe jetzt leiten, sind sie Unterordnung und Nachgiebigkeit schuldig, V. 17. Alle Ordnung der ersten Gemeinde war auf Freiheit erbaut. Es gab da keine der staatlichen Einrichtung nachgebildete Polizei und Amtsgewalt. Da wurde die Gemeindeleitung freilich unmöglich, wenn jeder störrisch und eigensinnig bei seiner Meinung blieb. Gebt ihnen nach, sagt der Brief, auch wenn es nicht nach eurem Sinne geht. Er erinnert an die Schwere ihres Diensts. Sie stehen ja nicht ihres Vergnügens oder ihrer Ehre wegen an der Spitze der Gemeinde. Ihre Arbeit ist ein harter Wachtdienst, der Ruh und Rast vertreibt und den Schlaf bricht, euch zu gut, und es liegt eine ernste Verantwortlichkeit auf ihnen. Es wartet ihrer eine große Rechenschaft. Macht ihnen, mahnt der Brief, ihren Dienst nicht durch Eigensinn noch schwerer. Das brächte euch keinen Gewinn.

Ihren Lehrern schließt der Verfasser des Briefs sich selber an und für sich bittet er um ihre Fürbitte, V. 18. 19. Rechtschaffenes Gebet bedarf jedoch der Zuversicht, die in der Gewissheit ruht, dass wir nach Gottes Sinn und Willen beten. Darum sagt er ihnen, dass er ein gutes Gewissen habe, weil er unter allen löblich wandeln wolle. Das macht, dass er sie um ihre Fürbitte ersuchen darf, und dass sie mit Zuversicht für ihn Gottes Gnade und Gabe erbitten dürfen.

Er schließt den Brief mit einem segnenden Wort, V. 20. 21, auf welches er nur noch einige persönliche Mitteilungen folgen lässt. Gott handelt an uns als der Gott des Friedens, der uns in den Frieden stellt, und dazu hat er den Schafen einen großen Hirten gegeben, der die Herde Gottes leitet und pflegt. Mit dem Hirten breitet sich der Friede über die Herde aus. Hirte ist uns Jesus dadurch geworden, dass Gott ihn aus den Toten emporgeführt hat. Mit seiner Auferstehung ist er zum Haupt und Herrn seiner Gemeinde gemacht, der ihr alle Gabe Gottes darreichen kann. Und die Auferweckung Jesu ist wiederum die erste Frucht und Folge der versöhnenden Kraft seines Bluts und der Bundesstiftung, die in Jesu Tod für uns bereitet ist. Auf diesen Grund baut der Verfasser seine Fürbitte; darin hat sie ihre Gewissheit und Zuversicht. Was soll ihnen Gott nun geben? Er bittet, dass er sie in allem Guten zurüste, damit sie seinen Willen tun. Dass wir Gottes Willen tun, das ist die große Gabe, auf die unser Verlangen und Bitten zuvörderst gerichtet sein muss. Damit kommt Christi Werk für uns zu seinem Ziel. Wir werden aber Gottes Willen nicht tun, wenn uns nicht Gott selbst dazu zurüstet; und zwar haben wir nach allem Guten zu trachten, so dass kein Makel und Schaden in unserem Leben übrig bleibt. Solche Zuversicht dürfen wir zu Gott haben; denn es ist Gott, der das ihm wohlgefällige in uns schafft. Solche Zubereitung zu allem Guten wird uns durch Christus zuteil, und deshalb bringt ihm der Brief ewiges Lob.

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