Rubanowitsch, Israel Johannes - Liebe in Tat und Wahrheit - Der Richtgeist.
Matth. 7, 1-5. 1. Joh. 2, 10; 3, 23.
Da ist eine Gesellschaft beisammen, und wie es eben gewöhnlich geht, wo so viele Leute sind, da gibt es immer etwas zu sprechen. Da wird nun von einem jungen Manne erzählt, der sehr ausgelassen sei, der seiner Mutter viel Kummer und Schmerzen bereite, jetzt im Gefängnis sich befinde und eine schwere Strafe gewärtige. Die eine dieser Frauen (es sind aber oft auch Männer!) schüttelt den Kopf, die andere zuckt die Achseln, eine dritte macht diese und jene bemitleidende Bemerkung über ihn. Aber eine in dieser Menge den andern Gästen Unbekannte ist ganz stille; das Blut steigt ihr bis an die Haarwurzeln, ihre Augen füllen sich mit Tränen und kaum ist sie imstande, sich mit Gewalt des Schluchzens zu enthalten. Das fällt nun doch auf. Man fragt sie: Was fehlt Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl? Kann man etwas für Sie tun? Soll man Ihnen Wasser bringen? Soll man vielleicht das Fenster öffnen? Aber sie lehnt alle diese Anträge dankbar ab, indem sie mit zitternder Stimme sagt: „Nein, das ist es nicht, ich danke Ihnen!“ Sa, was ist denn eigentlich mit dieser Person? Sie ist die Schwester des jungen Mannes, über welchen soeben geurteilt und geredet wurde. Alle andern hatten ja nur ihre mitleidigen Bemerkungen über ihn laut werden lassen; sie haben ja die Wahrheit erzählt; es war alles Rührung. Sie selbst hat den Bruder oft gewarnt, und manchmal schon hat sie ihrem bekümmerten Herzen Luft gemacht ihren Freundinnen gegenüber; aber da, wo man über seine Fehler zu Gericht sitzt und spricht, da, wo Freunde es tun, da fühlt das Menschenkind eben doch die Blutsverwandtschaft und deswegen kann sie nur weinen!
Könnt ihr das verstehen? Sie ist genauso mangelhaft und fehlerhaft wie die andern, die hier sitzen, aber bei dieser Unterhaltung kann sie nicht mitmachen, denn es handelt sich eben um ihren Bruder.
Genau so muss es jeder Schwester, jedem Bruder gehen, wenn die Gotteskindschaft nichts Eingebildetes ist; wenn wir wirklich zusammen eine Familie bilden, denselben Geist besitzen und den gleichen Vater haben und wenn wir in Wahrheit mit Ewigkeitsbanden verbunden sind. Steht es in Wirklichkeit so mit uns, dann können wir nicht gut anhören, wie andere Leute über unsere Brüder und Schwestern richten. Was ist überhaupt Richten? Richten heißt nicht etwa, eine Unwahrheit erzählen oder etwas ausdichten und einem andern anhängen. Das ist nicht Richten, sondern Lügen. Richten heißt: Irgendeine Tat, die jemand getan, zu besprechen und sie so sein lassen, wie sie ist; kurz, davon reden und es die andern wissen zu lassen, was der Bruder und die Schwester getan hat, und zwar lässt man es die andern so wissen, dass es Ungerechtigkeiten und Verkehrtheiten sind, deren sich der Bruder oder die Schwester schuldig gemacht haben soll.
Das wird häufig verwechselt bei Gotteskindern, indem sie sprechen: „Ich habe ja nichts Unwahres gesagt!“ Das fehlte gerade noch es ist ohnedies schlimm genug, wenn du mit kaltem, gleichgültigem Herzen richten und reden kannst über die Fehler deiner Brüder und Schwestern. Es ist traurig genug, wenn du mit hartem Herzen zuhören kannst, wie man über Brüder und Schwestern spricht und wie sie sich versündigt haben sollen.
Sieh, das zeigt gerade, wie locker das Band zwischen dir und deinem Bruder oder deiner Schwester ist! Oder bist du etwa fehlerlos? Bist du von der Stunde der Erleuchtung an, da Gott dir in die Seele geblickt, dem Geiste immer treu gefolgt? Hast du dich ihm gegenüber gar nie verfehlt? Sind noch keine schweren Vergehen bei dir vorgekommen? Denk einmal zurück! Wie wäre es dir zu Mute gewesen, wenn du gewusst hättest, dort bei dem Bruder Johannes wird über mich gesprochen. Sage mir, wie wäre es dir wohl zu Mute? Ist denn der Bruder Hans noch nie böse gewesen? Hat wohl die Schwester Marie noch nie geschwätzt? Seid ihr alle wirklich frei davon? Und wenn dann der Bruder oder die Schwester angegriffen wird, ist man noch imstande zu sagen: „Ich habe ja nichts Unwahres gesagt!“ - Schäme dich bis in deine Seele hinein! Sei versichert, die Welt wird nächstens auch von dir etwas ganz Wahres zu erzählen und zu sprechen haben, und zwar genau dasselbe, was du von andern erzählt hast.
Nun möchten vielleicht manche von euch fragen: Darf man sich denn überhaupt kein Urteil bilden über die Fehler der Brüder und Schwestern? Muss man denn zu sauer süß, zu schwarz weiß und zu Nacht Licht sagen? O nein, gewiss nicht! Darin besteht die Liebe Gottes nicht, dass man die Dinge anders ansieht, als sie in Wirklichkeit sind. Je mehr wir mit unserem Leben für Gott ganz ernst machen, je mehr sehen wir auch, was Licht ist. Es soll uns nicht einfallen, dass wir die Fehler der Brüder und Schwestern bemänteln und sie anders nennen, als sie in Wirklichkeit sind. Wehe uns, wenn das geschieht!
Aber ich frage dich, was hilft es dem Bruder, der gefehlt hat, wenn der Bruder Hans dem Peter erzählt, was der andere getan? Seid ihr dadurch näher zum Herrn gekommen, wenn ihr die Fehler der Brüder und Schwestern besprochen habt? Was hilft es überhaupt dem gefallenen Bruder, wenn du einem dritten sagst, er sei gefallen? Kommt er dadurch aus dem Kot? Wird es ihm damit leichter? Wem wird überhaupt genützt? Welches ist der tiefste Grund, warum du über die Fehler deiner Brüder und Schwestern sprichst? Ist es deine Barmherzigkeit, die du für den fehlenden Bruder hegst, suchst du ihn dadurch zu schonen? Ist es dein Bestreben, zu verhüten, dass er nicht in der Leute Mund komme? Suchst du das zu bezwecken? Du magst deinen Grund nennen, wie du willst, aus der Finsternis ist er stets! Mag es nur reine Geschwätzigkeit sein, weil man seine Zunge nicht in Ruhe lassen kann, mag es Rachgier oder Herzenskälte sein, das ist ganz gleich. Alle diese Dinge kommen aus der Hölle und sind von Satan gewirkt.
Und fragst du nun, ob du dir denn kein Urteil bilden darfst, so möchte ich dir sagen: Meine liebe Schwester, mein lieber Bruder, wohl darfst du dir ein Urteil erlauben; aber das Urteil, das du dir gebildet hast, brauchst du nicht dem Bruder oder der Schwester mitzuteilen. Ja, es ist dir wohl erlaubt, dir ein Urteil zu bilden. Warum hat es denn Gott zugelassen, dass du sehen konntest, wie dieser Bruder und jene Schwester sich versündigt haben? Nur aus dem einen Grunde, dass du wachst, dass du betest. Gerade darum und nicht, um darüber zu sprechen und zu urteilen.
Seht, gefallene und befleckte Gotteskinder sind aufgehobene Finger Gottes für uns und wer sie nicht beachtet, der wird selbst zu einem aufgehobenen Finger für andere. Darf man denn unter keinen Umständen über die Fehler seiner Brüder und Schwestern sprechen? Sprechen darf man unter keinen Umständen davon, aber weißt du irgendwo ein treues Priesterherz, eine treue Priesterseele, die durchdrungen und erfüllt ist von der Liebe Jesu, so gehe hin und klage es derselben, damit sie für den Bruder oder die Schwester einstehe, auf dass ihnen geholfen werde.
Warum sagt ihr, wenn ihr die Fehler und Sünden eurer Brüder besprecht: „Wir wollen ja nicht richten!“ Prüft euch einmal! Macht doch keine Worte, damit ihr eure Falschheit bedeckt. Da sagt man dann noch bei solchen Gelegenheiten: „Es ist sehr traurig, dass dieser und jener so ist“, „ich bedaure es sehr“, „Gott sei's geklagt“; ja da ist man sogar noch imstande, eine traurige Miene zu machen, während man doch im Herzen tot ist und kalt wie Eis. „Es ist sehr traurig“ - bist du wirklich einmal traurig gewesen, als du über den Bruder und die Schwester gesprochen hast? Ich zweifle sehr daran.
Da wart ihr beisammen und habt über die Fehler des Bruders oder der Schwester gesprochen und die Folge davon war, dass ihr zwanzigmal geredet, aber kein einziges Mal für den Bruder oder die Schwester gebetet habt. Und wenn es vielleicht auch einmal geschehen ist, wie kalt wart ihr doch dabei! Wo war die Inbrunst? Sie konnte gar nicht da sein; denn ihr habt nicht teilgenommen am Leiden des Bruders. Das Volk Gottes hat sich daran gewöhnt, mit der Sünde leichtfertig umzugehen. Man fühlt keine Reue und Buße über seine eigenen Fehler, kann man da umso besser für die Fehler der andern beten?!
Wenn du gar keinen Menschen kennst, der fähig wäre, die Sache vor den Herrn zu bringen, dann muss es für dich ewiges Geheimnis bleiben, dass der Bruder oder die Schwester gefehlt hat. Die Leute brauchen es nicht zu wissen; kein Mensch wird dadurch gefördert und du entziehst dich dem göttlichen Lichte.
Doch nun noch eine andere Frage: Darf man denn, wenn man einen Bruder oder eine Schwester fehlen sieht, sie nicht zurechtweisen und sie aufmerksam machen? Ja wohl, aber so, wie es der Heilige Geist vorschreibt Gal. 6, 1: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geiste der Sanftmut, indem du auf dich selbst siehst, auf dass du nicht auch versucht werdest.“ Seht, hier ist wieder das Nämliche, was ich euch schon gesagt habe. Es ist ein aufgehobener Finger Gottes. Wenn du in Ruhe, ohne Aufregung und mit sanftmütigem Herzen deinem Bruder oder deiner Schwester sagen kannst, dass er oder sie gefehlt hat, dann tue es nur. Das heißt aber noch lange nicht sanftmütig, wenn du nur mit süßem Tone und freundlicher Miene etwas zu ihm sagst. Auch darfst du in deinem Herzen ihm gegenüber keine Stellung einnehmen, als wärest du über ihm, oder als wärest du besser als er; ebenso wenig darf der leiseste Schimmer von Hochmut oder Zorn über den Bruder in deinem Herzen vorhanden sein. Steht es aber in deinem Herzen nicht so, dann möchte ich dir sagen: Bitte, „kehre vor deiner eigenen Türe“! Du wirst genug Schmutz und Unrat dort finden.
Ja, wir dürfen unsere Brüder und Schwestern wohl aufmerksam machen auf solche Dinge, die sie selbst nicht sehen, doch nur unter der Bedingung, dass es im Sinn und Geist Jesu Christi geschieht. Und noch eine Frage: Hast du, während du zehn-, zwanzig-, fünfzig oder sogar hundertmal über die Fehler deiner Brüder und Schwestern gesprochen, ihnen selbst auch nur einmal gesagt, was du andern von ihnen erzählt hast? Nicht wahr, das fällt dir schwer? Und am Ende steckst du gerade in demselben Fehler, wie der andere! Deswegen gehst du auch nicht zu jenem Bruder und zu jener Schwester hin, sondern du gehst damit lieber anderswohin. Was ist das für eine Art? Eine satanische. Der Teufel macht es ebenso. Er verleumdet auch immer. Gehe jetzt in die Stille und prüfe dich vor Gott. Lass dir vom Herrn die Rechnungen zeigen und die Fehler vorweisen, die du in diesem Stück gemacht hast. O, die Schuld ist groß! Und solange diese Schuld nicht getilgt ist, so lange kann auch keine Rede sein von einem normalen Wachstum in Christo und von einem inneren Frieden, sondern es ist alles Täuschung Selbstbetrug. Euer Herz ist faul!
Das innerste Wesen des Christen ist Liebe, ebenso wie auch das Wesen Gottes Liebe ist. Das Christentum ist Liebe und Kraft. Der Wurm aber, der alles geistliche Leben zerfrisst, heißt: Richtgeist - Lieblosigkeit. Wo dieser Wurm, dieser Richtgeist sich eingenistet hat, da muss der Heilige Geist weichen. Je älter der Richtgeist bei euch geworden ist, desto hartnäckiger werdet ihr in diesem Tun. Daraus könnt ihr deutlich sehen, wie weit ihr gekommen seid und wie es bei euch steht. Das, was vor Gott ein Gräuel ist, das ist bis heute bei euch gepflegt worden. Ihr habt sogar noch die Frechheit besessen, solche Dinge zu bemänteln.
Ich muss noch ein Wort hinzufügen! Jedes Wort, das ihr sprecht, ist ein Samenkorn. Nichts ist so fruchtbar wie die Rede, nichts fasst so Wurzel wie ein Wort. Da kommt eine Schwester und sagt zu der andern: Du, hör einmal, ich möchte dir im Vertrauen etwas sagen; der und der hat das gesagt, aber bitte, sage es niemand. Sie verspricht ihr, reinen Mund zu halten. Doch sie hat eben auch eine Freundin und macht sich keine Gewissensbisse, wenn sie derselben die Sache ebenfalls erzählt, natürlich ganz. im Vertrauen! Diese erzählt es dann einer andern Vertrauten und so geht es fort bis ins hundertfache hinein, bis die ganze Umgebung damit betraut worden ist. Wer hat die ganze Geschichte auf dem Gewissen? Derjenige, der das erste Wort erzählt hat. Dieses Wort wuchert fort bis ins Unendliche. Gott allein kann das Feld übersehen, welches du vergiftet hast.
O wenn es Gott gelingen sollte, euch die ganze Tragweite dieser Schuld zu zeigen und vor Augen zu führen, ihr würdet morgen wahrhaftig anders hier sitzen! Prüfe dich in allem Ernst vor Gott, wie du bis jetzt gehandelt hast, und frage dich, was du nun ferner tun sollst. Flehe zum Herrn, er möge dir die richtige Antwort geben. Amen.