Quandt, Johannes Paul - Adventspredigt.
Joh. Quandt, Pfarrer im Haag, Holland.
Spr. Sal. 8, 1-11.
Ein neues Kirchenjahr ist angebrochen, damit für alle Welt, auch für euch und mich ein neues Gnadenjahr. An seiner Eingangspforte steht eine hohe himmlische Gestalt Weisheit Gottes nennt sie das Alte, Sohn Gottes nennt sie das Neue Testament. Die Arme weit ausbreitend nach aller Welt, auch nach euch und mir, göttliche Freundlichkeit und Leutseligkeit in ihren Augen hebt diese Gestalt an zu reden, nicht mit Menschen- und Engel-Zungen, sondern mit der Sprache Gottes des Allerhöchsten, ein Bote, der das Evangelium des himmlischen Vaters den fried- und freudlosen, vom Vater verirrten Kindern bringen will. Tut Herz und Ohren auf, werdet stille und lauscht:
Ruft nicht die Weisheit und die Klugheit lässt sich hören?
Noch immer gliedern sich die Menschenkinder in zwei lange Reihen, die der Weisen und die der Toren. Weise sind alle die, die dem Rufe der göttlichen Weisheit willig Folge gegeben haben und von ganzem Herzen sprechen können: Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingebornen Sohn, meinen Herrn. Alle übrigen sind im Sinne der Schrift Einfältige (Alberne, wie Luther gedolmetscht hat) und Toren, mögen sie immerhin dem Urteile der Welt und ihrer eigenen Meinung nach klug und weise, verständig und gebildet sein. Diesen vornehmlich gilt der Ruf der Weisheit, sie vor allen werden eingeladen, der himmlischen Stimme zu horchen und zu gehorchen: „Merkt ihr Albernen, den Witz, und ihr Toren, nehmet es zu Herzen!“ Sind solche Menschenkinder hier unter uns?
Dass sie draußen, außerhalb der Mauern der Kirchen zu Tausenden und Zehntausenden sitzen, ist keine Frage. Die Mehrzahl der Erdenbewohner - es ist traurig zu sagen - steht in der Reihe der Toren. Entweder sagen sie: „es ist kein Gott!“ oder sie beten falsche Götter an, oder sie beten den wahren Gott in falscher Weise, nicht im Geiste und in der Wahrheit an. In ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht. Sie sind nicht nur töricht, sondern auch im tiefsten Grund unglückliche Leute. Aber sind solche Menschenkinder auch unter uns?
Nun, eine Zuhörerschaft wie diese setzt sich aus sehr verschiedenen Elementen zusammen. Wenn jeder einzelne gefragt würde: warum bist du eigentlich heute in diese Kirche gekommen? so würden wir sonderbare Antworten erhalten. Hier würde ein junger Mensch eingestehen: ich kam, weil meine Eltern mich schickten oder mitnahmen; was mich selber betrifft, so wäre ich viel lieber daheim geblieben oder hätte mich mit meinen Genossen vergnügt! Dort erwidert ein Anderer: ich kam, weil die Gemeinde mich unterstützt und mein Fernbleiben von den Ältesten und den Armenpflegern bemerkt werden könnte - wie oft begründen mir Unterstützung-Suchende ihr Gesuch damit, sie gingen jeden Sonntag zur Kirche! Ein Dritter sagt: ich gehe aus alter guter Gewohnheit zur Kirche, ich tue, was meine Eltern und Großeltern auch schon getan haben. Ein Vierter kommt aus Rücksicht auf den Prediger; der Mann besucht ihn öfters, und er will sich erkenntlich zeigen; er macht dem Prediger seinen Gegenbesuch in der Kirche! Ein Fünfter will hier seine Kenntnisse im Deutschen vermehren; ein Sechster hat Langeweile zu Hause und erwartet hier eine Abwechslung; ein Siebenter ist ganz zufällig, durch irgendwelche Umstände heute hierher geraten. Dann freilich auch, Gott sei Dank, viele, die wirklich aus geistlichem Hunger und Durste hierhergekommen sind, die schon zu den Weisen gehören. Aber sind sie immer weise? Haben sie wirklich jeden Sonntag denselben Hunger und Durst nach göttlicher Speise und himmlischem Trank? Schwerlich, soweit ich die Menschen und mich selber kenne. Nun, wenn wir uns denn bei näherer Prüfung schließlich alle zu den Einfältigen und Toren rechnen müssen unbeschadet unsres irdischen Wissens und Könnens, so gilt auch uns allen die Frage des Spruchbuchs: Ruft nicht die Weisheit und die Klugheit lässt sich hören? So ruft die Fleisch gewordene Weisheit Gottes, Jesus Christus uns allen heute am ersten Sonntage im neuen Kirchen-Jahre. Aus welchem Grunde immer du heute hierhergekommen bist, bleibe dahingestellt und ist am Ende gleich. Jedenfalls bist du an einem Orte gegenwärtig, da Christus anwesend ist, seine Hände nach dir ausstreckt und dich dringend bittet: Lass mich dir, du Menschenkind, den Weg zeigen, auf dem du hier unten auf Erden ein glücklicher Mensch, und wenn deine Pilgrimschaft zu Ende ist, ein ewig glücklicher Mensch werden kannst. Dieser Weg, sagt Christus, bin ich selbst.
In dieser Versammlung sind eine ganze Anzahl junger Menschen, ja selbst Kinder haben sich eingestellt. Ihr Jungen, ruft die Weisheit und die Klugheit lässt sich hören? Ja, Christus ruft gerade euch junge Leute. Er weiß, dass eure Herzen meist noch empfänglicher sind als die Herzen der Älteren, denn die Sorgen und Mühen des Lebens hat eure Herzen noch nicht hart gemacht. Ihr träumt noch süße Kinder- und Jugendträume und ahnt noch nicht, wie grausam die nüchterne Wirklichkeit euch enttäuschen wird. Ihr baut noch auf Menschen - ach, die besten unter ihnen werden vor euch ins Grab sinken; Vater und Mutter werden ihre treuen Augen schließen und euch einsam und verwaist lassen. Aber hier steht einer am Wege, der euch noch lieber hat als Vater und Mutter, und der unsterblich ist, der noch lebt, wenn ihr selber einst sterben müsst, Christus Jesus. Ihr baut auf eure Gaben, auf eure Anlagen und Fähigkeiten, vielleicht auf das Erbe, das eurer wartet; ach, ihr werdet sehr enttäuscht werden. Es ist sehr fraglich, ob ihr eure schönen Fähigkeiten im Leben wirklich werdet verwerten können:
Manchen hab' ich so gekannt,
Nach den Wolken ging sein Streben,
Tief im Staube von der Hand
In den Mund doch musst' er leben 1)
und was irdisches Erbteil betrifft, so kann es leicht in alle Winde zerstreut werden. Aber hier steht einer am Wege, der, wenn ihr schwach werdet, mit übermenschlicher Kraft euch zur Seite stehen will, der seine Kraft euch mitteilen will. Die Knaben werden müde und matt und die Jünglinge fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Ihr baut vielleicht auch auf eure Gesundheit, ach, die kann euch bald im Stiche lassen, ihr könnt vor der Zeit kränkliche, arbeitsunfähige Leute werden. Aber hier steht einer am Wege, der heilen kann, wo die Ärzte keinen Nat mehr wissen, und Stärke schenken, wo keine Medizin mehr fruchten will. Auf, ergebt euch Christo Jesu, ergebt euch ihm heute noch und ohne Zögern. Sucht ihr Wahrheit: nur Wahrheit spricht sein Mund aus, vor Bösem scheuen sich seine Lippen; sucht ihr Silber und Gold, seine Einsicht ist lieber als feines Gold; sucht ihr Perlen, seine Weisheit ist besser als Perlen. Jesus Christus ist ganz und gar der Mann für die jungen Leute. Wohlan, lasst ihn nicht vergeblich rufen! Werft euch vertrauensvoll in seine Arme, die er so weit ausbreitet. Der an seiner Brust lag beim Abendmahl, war ein Jüngling, Johannes der Evangelist, und die, der er die schönsten Geheimnisse des Himmelreichs dolmetschte, war eine Jungfrau, die bethanische Maria, und die er am freundlichsten geherzt und gesegnet hat, das waren Kinder und Unmündige. Christus Jesus kommt zu den jungen Leuten; ihr lieben jungen Leute kommt zu Christus Jesus.
Doch die weitaus meisten in dieser Zuhörerschar gehören zu den Menschen, die am Mittag wandern. Der Frauen sind wie gewöhnlich mehr als der Männer. Ihr habt die Jugendträume ausgeträumt, Freunde, ihr habt Lust und Leid des Lebens reichlich ausgekostet. Ihr seid durch tiefe Wasser gegangen und seid durch Wüsten gezogen manche Fata Morgana ist euch in der Luft zergangen. Viele von euch haben Tränenbrot gegessen; beinahe alle habt ihr dunkle Blätter in eurem Lebensbuche angehäuft, die ihr nur ungern aufschlagt vor euch selber, bange, dass ein menschliches Auge darin lesen möchte. Aber ihr habt noch nicht mit dem Leben abgeschlossen; nein, ihr steht noch mitten im Wirken und Schaffen, ja dieser und jener arbeitet ohne Ruh und Rast, der Schweiß tropft von der Stirne. Liebe Freunde, wie fühlt ihr euch? Seid ihr tief innen glückliche Menschen? O, ihr habt auch Rosen auf dem Wege, an deren Duft ihr euch labt; auf etwa hundert Dornen kommt auch wohl ein Röslein. Du hast schönes, trautes Glück in deinen vier Wänden, ein liebes Weib, ein herziges, wohlgeratenes Kind gewiss, das sind Rosen am Dornstrauche! Du hast dein tägliches Brot, keine Nahrungssorgen, darfst dir dann und wann eine Erholung gönnen, bist leidlich gesund gewiss, das sind Rosen am Dornstrauche! Du hast sehr viel Mühe und Arbeit, aber du siehst auch schöne Erfolge; du hast Liebe, Vertrauen und Achtung bei den Menschen gewiss, das sind Rosen am Dornstrauche! Aber sage an, mein Bruder, meine Schwester, wie steht's mit dem Glück? Trübt dir keine böse Erinnerung dein Glück? Hast du keine Sorgen für später? Fürchtest du dich nicht vor dem Tode, wenn auch nicht vor deinem eigenen Tode, so doch vor dem Tode deiner Lieben? Wenn du zu den nachdenklichen Leuten gehörst - hast du schon die Auflösung für die Rätsel des Lebens gefunden oder bist du wenigstens daran, sie zu finden? Ruft nicht die Wahrheit und die Liebe Freunde, der Mann ohne Klugheit lässt sich hören? Desgleichen, der Mann, dessen Krone aus Dornen gewunden war, streckt euch heute die Hand entgegen. Nicht ein ferner Gott, der himmlisch heiter wie die Götter der Hellenen auf Weinen und Klagen der Sterblichen hernieder lächelt, oder der drohend fremd das Schuldbuch unsres Lebens durchforscht, sondern euer Bruder tritt euch entgegen, ein Mensch gleich euch, nur vom Himmel stammend und zum Himmel heimgekehrt, wohin er euch nachziehen möchte. Er kennt das Leben, wie ihr es kennt. Er hat gelebt, geliebt, gelitten. Was hat man ihm angetan! Wie ist er verkannt, gekränkt, verfolgt worden! Man hat ihn, den freundlichen Wohltäter, in den Tod gejagt! Es müsste kein Gott im Himmel gewesen sein, wenn dieser Heilige Gottes nicht auferstanden wäre! Man müsste an Gott verzweifeln, wenn er den Herrlichsten von allen der Verwesung zum Raube hätte werden lassen. Das war unmöglich; so ist er denn auferstanden von den Toten, lebet und regieret in Ewigkeit. Aber es leidet den Dorngekrönten nicht auf seinem königlichen Throne, es zieht ihn magnetisch hinunter zu allen denen, die gleich ihm an Haupt und Händen und Füßen von Dornen zerrissen sind. Er hat ein Herz für sie sollten sie denn kein Herz für ihn haben? Wirst du denn deinen Bruder abweisen, der dir helfen kann und will? Was hier gepredigt wird, ist nicht Theologie, sondern Evangelium, ist fröhliche, herzerfreuende Kunde. Du ernster Mann, gereift unter tausend bitteren Erfahrungen, lass deine paar Bedenken beiseite, die wie der Schnee an der Sonne schmelzen, sobald du mit Jesu persönlich in Berührung gekommen bist; weigere dich, ich bitte dich, nun nicht länger, die Hand des besten, treuesten, himmlischen Freundes anzunehmen! Kommt, ihr Frauen, und huldigt ihm. Nie, so lange er über diese Erde schritt, hat ein Weib dem Herrn gewehrt; selbst auf seinem Todesgange begleiten ihn Frauen und das heidnische Weib des Richters warnt den Ungerechten. Ist hier eine Frau, die Jesu ins Angesicht sagen will: Ich mag nichts von dir wissen, geh' du von mir? Zur Ehre des weiblichen Geschlechts halte ich das für unmöglich. Vielleicht hat es euch bisher nur an der Anleitung gefehlt. Aber hier ist die Anleitung: Die Weisheit Gottes selber, der Herr selber klopft in dieser Stunde an eure Herzen: lass mich ein! Warum da noch einen Augenblick zögern? O, ihr Leute im Mittage des Lebens, dieser Jesus Christus ist ganz und gar der Mann für euch! Er stillt all euer Sehnen und beschwichtigt alle eure Sorgen. Er vergibt alle und jede Sünde. Er eröffnet den köstlichsten Ausblick auf ein Leben ohne Sorgen und Sünden in der Ewigkeit, wo vor Gottes Thron die Weisheit spielen wird, dem Heiligen auf höchstem Throne zum Entzücken. Den er ansah tief in seinen Sünden und mit einem Blicke tiefsten Erbarmens zum Weinen brachte das war ein Mann in reifen Jahren, Simon Petrus. Der er am meisten zu vergeben hatte und auf ihre Beichte wahrhaft königlich vergab, war eine Frau Maria Magdalena. Er ist kein anderer wie er vordem war. Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit. Christus Jesus kommt zu den Männern und Frauen; meine Brüder und Schwestern, wir wollen zu Jesu kommen.
Auch graue und weiße Häupter sehen zu dieser Kanzel auf. Mir geziemt die größte Bescheidenheit, wenn ich zu ihnen rede, denn ich sehe in ihnen Väter und Mütter. Aber nicht ich bin es, der zu ihnen redet, ich bin nur Botschafter an Christi Statt. Nun, eure Reise nähert sich dem Ende. Manche von euch haben schon Feierabend gemacht und der Abendsonne die Fenster aufgetan, bei etlichen scheint ins Gemach bereits der silberne Abendstern. Seid ihr weise? Wäret ihr's noch nicht, nun so hat Gott euch heute hierher gebracht, um euch zu fragen: Ruft nicht die Weisheit und die Klugheit lässt sich hören? Ihr habt wenig Zeit, aber noch ist's Zeit. Es ist Adventszeit, noch einmal kommt der Herr. Mag's am schwersten sein, ihn in alten Tagen zu ergreifen, unmöglich ist's nicht. Lasst nicht den Abendstern untergehen, ehe ihr glaubt, dass der helle Morgenstern Christus Jesus euch aufgehen wird über Sarg und Grab. Über das Christkind neigten sich die Weihnachtsgestalten des alten Simeon, der greisen Hanna. Christus liebt die alten Leute und nimmt das Wort des Propheten auf: Ja, ich will euch tragen bis in das Alter und bis ihr grau werdet; ich will es Tun, ich will heben und tragen und erretten. Ich fordere mit der Ehrfurcht, die dem grauen Haare geziemt, an der Schwelle des neuen Kirchenjahrs die Alten auf: Kommt zu Christo Jesu, ehe euer Tag sich neigt!
Ist in der Einladung Jesu Christi, der Weisheit Gottes, jemand vergessen? Nein, Christus hat keinen vergessen, hier ist kein einziger, dem er nicht zuruft: Komm zu mir, wie ich zu dir. Nimm auf dich mein Joch und lerne von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so wirst du Ruhe finden für deine Seele. Alle ohne Ausnahme will mein Herr Jesus Christus glücklich und selig machen. Wer wird sich nun heute zu ihm selber ausmachen? Wer wird in stiller Abendstunde oder Nachtstunde, der Predigt sich erinnernd, stammeln und seufzen: Ich will dein sein, sei du mein?
Ich schaue auf das Kreuz meines Herrn und Heilandes, des Adventskönigs, der zum Hohenpriester im Allerheiligsten geworden ist und zum Osterfürsten erhöht ist, und bekenne mit dem Sänger:
„Seh' ich dein Kreuz den Klugen auf der Erden
Zum Ärgernis und eine Torheit werden,
So sei's doch mir, trotz allen frechen Spottes,
Die Weisheit Gottes!“ 2)
Amen.