Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - Das erste Wort der gekreuzigten Liebe.

Quandt, Emil - Gethsemane und Golgatha - Das erste Wort der gekreuzigten Liebe.

Tröstend tat so mancher Mund
Mir des Himmels Wonnen kund,
Aber deine sieben Worte
öffnen mir des Himmels Pforte,
Die du sprachst so bleich und wund,
Dort am Kreuz, holdsel'ger Mund.

Ev. Luk. 23, 32-39.

Es wurden aber auch hingeführt zween andere Nebeltäter, dass sie mit ihm abgetan würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und sie teilten seine Kleider, und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu. Und die Obersten samt ihnen spotteten seiner und sprachen: „Er hat anderen geholfen, er helfe ihm selber, ist er Christ, der Auserwählte Gottes.“ Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig, Und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber.“ Es war auch oben über ihm geschrieben die Überschrift mit griechischen und lateinischen und hebräischen Buchstaben: „Dies ist der Juden König.“ Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns.“

Nach Golgatha ruft uns dieser Text. Golgatha! Es ist ein kleiner unscheinbarer Hügel im Morgenland, und er wird nicht mitgezählt, wenn die Berge dieser Erde aufgezählt werden; aber sie müssen sich alle vor ihm neigen, die stolzen Berge vor dem kleinen Hügel, der hohe Ararat und der erhabene Sinai, sie müssen sich neigen vor dem niedrigen Golgatha. Golgatha! Es ist ein kahler, sandiger Gipfel, keine Wälderkronen zieren ihn, keine Alpenbäche entsprudeln ihm, aber mit bleicher Herrlichkeit überstrahlt er weit den zederreichen Libanon und den Hermon, von dem die Gewässer des Jordan herniederrieseln ins Tal. Golgatha! Es ist ein Berg ohne Naturschönheiten und ohne Schmuck der Kunst von Menschenhand; es ist ein Berg, der sogar durch seine Gestalt - er hat die Gestalt eines Schädels und heißt darum auch Schädelstätte - den Betrachter unangenehm berührt, aber nie sind auf einen Berg so viel Lieder gedichtet in allen Sprachen der Welt, als auf den Hügel Golgatha, und der auf ihn das schönste Lied gedichtet, der Graf von Zinzendorf, sagt von ihm:

Ich bin durch viele Zeiten,
Wohl gar durch Ewigkeiten
In meinem Sinn gereist,
Doch wo ich hingekommen,
Nichts hat mir's Herz genommen,
Als Golgatha; Gott sei gepreist!

Golgatha! Wer hat den kleinen Hügel so groß gemacht? Wer hat den kahlen Gipfel mit solcher Majestät bekleidet? Wer hat den Berg ohne Gestalt und Schöne so anziehend, so preisenswert gemacht?

Das hat jenes wunderbare Wesen getan, meine Lieben, das vor nun bald 1900 Jahren vom Himmel auf die Erde kam und nach einem dreiunddreißigjährigen Erdenleben wieder zum Himmel fuhr, das, ein Mensch wie wir und doch so ganz anders als wir, ohne Sünde war und doch aller Sünder Sünde trug. Jener Fremdling in unserem Fleisch und Blut hat es getan, jener Sohn der Jungfrau, von keinem Manne erzeugt, der seiner eigenen Mutter Heiland war, jener erhabene Prophet, dessen Worte als geflügelte Worte des ewigen Lebens durch die Weltgeschichte tönen, jener hochgeborene König, der statt einer silbernen Wiege eine Krippe, statt eines Thrones ein Kreuz hatte, statt eines goldenen Diadems eine Dornenfrone trug, jener geheimnisvolle Hohepriester, der zugleich das vollkommene Opfer war. Jesus Christus, der Sohn des Hochgelobten und des Menschen Sohn, Jesus Christus, in dem Gott und die Menschheit in Einem vereinet, Jesus Christus, der Retter der verlorenen Welt, der Mittler zwischen Gott und Menschen, der Herzog der Seligkeit, Jesus Christus hat den kleinen Hügel Golgatha so groß, so majestätisch, so magnetisch gemacht durch sein teures Blut. liebe Gemeinde, dein guter Hirte starb auf Golgatha! werte Christenheit, dein Heiland starb auf Golgatha! Menschheit der Erde, dein Erlöser starb auf Golgatha! Um des Todes Jesu Christi willen ist Golgatha so groß, so majestätisch, so magnetisch.

Auf Golgatha wollen wir miteinander sieben Passionsfeiern feiern, Gott gebe seinen milden Segen dazu, dass in der himmlischen Luft, die auf Golgatha weht, die kranken Herzen gesund und die schwachen Herzen gestärkt werden mögen. Wir können ja auf Golgatha keine Gänge machen mit dem lieben Heiland in ein Zöllnerhaus oder in ein Hochzeitshaus; der Heiland geht nicht mehr auf Golgatha, sie haben ihm die Füße ans Kreuz geheftet. Wir können ja auf Golgatha nicht auf die Wunder seiner Hände sehen, wie er sie segnend ausbreitet über die Kinder, oder sie heilend an das Auge des Blinden, an das Ohr der Tauben legt; der Heiland bewegt seine Hände nicht mehr auf Golgatha, sie haben ihm die Hände ans Kreuz genagelt. Aber wir können und wir wollen auf die Worte seiner Lippen achten, die er sterbend am Kreuze spricht; seine Lippen haben sie nicht kreuzigen können, seine Lippen bewegen sich auch am Kreuze, sieben goldene Worte sprach die gekreuzigte Liebe auf Golgatha; diesen sieben Worten wollen wir in unseren sieben Passionsfeiern andächtig lauschen, heute in der ersten Passionsfeier dem ersten Wort am Kreuz, wie es in unserem Texte steht: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Das erste Wort der gekreuzigten Liebe betrachten wir heute, wie es ist

1) ein Wort heiliger Hoheit,
2) ein Wort erfinderischer Liebe,
3) ein Wort erschütternden Ernstes.

Rede du, Herr, von deinem Kreuz herab zu deiner Gemeinde und schenke uns deinen Heiligen Geist zum Auslegen und zum Einlegen. Amen.

1.

Eine unsägliche Rohheit in Personen, Taten und Worten tritt uns auf Golgatha entgegen. Zwischen zwei Mördern war Christus nach Golgatha geführt, um mit ihnen „abgetan“ zu werden, und zwischen den zwei Mördern wurde er auch „abgetan“, langsam, grausam, grässlich abgetan“. Er wurde ans Kreuz geschlagen o für uns hat das Wort Kreuz ja einen schönen, milden, frommen Klang aber vor 1800 Jahren war das Kreuz nichts weniger als etwas Schönes, damals war es der Pfahl der Schande, Folter und Galgen zugleich. Das Altertum war schauerlich erfinderisch in martervollen Todesstrafen, die Kreuzigung war die martervollste und die gemeinste Todesstrafe, in der römischen Komödie wird sie als die Todesstrafe für Sklaven bezeichnet. Römische, heidnische Soldaten vollstrecken die schauerliche Exekution an Jesus Christus und setzen sich dann lachend und höhnend unter sein Kreuz, teilen sich unter den Augen des Sterbenden in seine Kleider, die sie ihm ausgezogen haben und treiben mit seinem Leibrock ein Glücksspiel. Der jüdische Pöbel umsteht zu Tausenden den Hinrichtungsplatz und weidet sich herzlos und frech an der Pein des Gekreuzigten. Auch die Obersten, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, haben sich die Wollust nicht versagen mögen, bei Anheftung ihres Opfers ans Kreuz zugegen zu sein, und haben die Henker ihm Nägel in Hände und Füße getrieben, so setzen sie das höllische Werk fort und treiben ihm Nägel in die Seele, indem sie mit Hohngelächter rufen: Er hat Andren geholfen, er helfe doch nun sich selber, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes! Dieses Witzwort findet sein Echo bei den Soldaten, sie stehen auf von ihrem Würfelspiel und reichen ihm in einer gewissen Entfernung Essig zum Spott, als wenn sie sagen wollten: „Verwandle ihn doch in Wein, wenn du ein Wundertäter bist.“ Selbst der eine von den mitgekreuzigten Verbrechern kann sich des Witzelns und Spottens nicht enthalten, es gibt ja gemeine Seelen, die bis ans Ende gemein bleiben; er lästert den Herrn und spricht: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!“ So häuft sich um das Kreuz des Herrn Rohheit auf Rohheit, es ist auf Golgatha wie dunkle, dunkle Mitternacht.

Doch mitten durch diese dunkle Nacht leuchtet ein lichter Strahl und dieser Strahl kommt von dem gekreuzigten Jesus. Mitten durch all' die Menschen und Taten und Worte der Rohheit tönt sein erstes Kreuzeswort, das Wort heiliger Hoheit: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Der Sohn Gottes zu sein und der Heiland der Menschen, hatte Jesus Christus allezeit behauptet, so lange er umhergewandert war im jüdischen Lande, predigend und heilend. Wenige hatten es geglaubt, die paar Jünger und die paar Frauen, die Anderen hatten gesagt: „Er ist ein Schwärmer, er ist von Sinnen,“ und noch Andere hatten gesagt: „Er ist ein Betrüger, er macht sich selbst zu Gottes Sohn.“ Nun, wäre er ein Schwärmer gewesen, die Kreuzigung mit ihren namenlosen Qualen hätte ihn wohl aufwecken müssen aus aller Träumerei; wäre er ein Betrüger gewesen, die grässliche Wirklichkeit von Golgatha hätte dem Betruge wohl ein Ende gemacht. Ein Schwärmer hätte nur an sich gedacht am Kreuz, ein Betrüger hätte Widerruf getan am Kreuz oder seine Peiniger verflucht. Aber Jesus Christus, immer klar und immer wahr, besiegelt sterbend die Hoheit, die er im Leben behauptete. Sein erster Gedanke am Kreuz ist der Gedanke, der immer sein erster war, der Gedanke an seinen Vater im Himmel, sein zweiter Gedanke ist der Gedanke, der immer sein zweiter war, der Gedanke an die Sünder, die der Vergebung bedürfen, und so, während die Rohheit ihn umtobt und die Kreuzespein durch seine Glieder zuckt und von der bleichen dorngekrönten Stirn ein Blutstropfen nach dem anderen zur Erde niederrinnt, öffnen sich seine Lippen zu dem erhabenen Gebet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ So kann ein Schwärmer nicht beten, so kann ein Betrüger nicht sprechen; wer so beten kann am Kreuz und im Dornenkranz, wer so beten kann unter Blut und Todesschweiß, wer so beten kann unter Mördern und Spöttern, der muss der Sohn Gottes, der muss der Heiland der Menschen sein, und wenn er es auch nie von sich ausgesagt hätte. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Das erste Wort des Gekreuzigten ist ein Wort heiliger Hoheit und darum ein Wort, das uns die Knie beugt und die Herzen, dass wir, hingenommen von dieser Majestät in Niedrigkeit, rufen mit bebender Lippe: „O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet!“

2.

Wie es ein Wort heiliger Hoheit ist, dies erste Kreuzeswort, so ist es auch ein Wort erfinderischer Liebe, und man weiß nicht, was man mehr an diesem Wort bewundern soll, die Hoheit, die es atmet, oder die Liebe, die es offenbart. Die Liebe ist am schönsten geschildert Kor. 13; die Liebe von 1. Korinth. 13 hängt am Kreuze; nun dieses erste Wort am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun,“ bestätigt jene Aussagen Angesichts des Hauptes voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, des Hauptes, zum Spott gebunden mit einer Dornenfron'; unter dem Ertönen seiner Worte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun,“ gewinnt, was 1. Korinth. 13 von der Liebe geschrieben steht, eine unermessliche Länge und Breite und Tiefe und Höhe. Unter Jesu Kreuz muss man das lesen, auf Golgatha da klingt es so unaussprechlich feierlich, dass Einem die Seele wallt und das Auge sich feuchtet: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt Alles, sie glaubt Alles, sie hoffet Alles, sie duldet Alles.“ O betet an die Macht der Liebe, die sich in Jesu offenbart! Die Hohenpriester und Schriftgelehrten brandmarken ihn, den Heiligen Gottes, als einen Gotteslästerer - er betet für sie. Die Israeliten stoßen ihn, den König Israels, aus Israel aus und überantworten ihn in der Heiden Hände er betet für sie. Pontius Pilatus kann keine Schuld an ihm finden und lässt ihn doch geißeln und kreuzigen; er betet für ihn. Die rohen römischen Kriegsknechte behandeln den Wohltäter der Menschheit wie einen verworfenen Übeltäter, reißen ihm die Kleider vom Leibe und hämmern die Nägel durch seine Glieder, er betet für sie. Es wogen und brausen die wilden Wellen des Hasses, des Fanatismus, der Ungerechtigkeit, der Rohheit und Gemeinheit, aber über all' diese tosende Sündflut weht als ein leises sanftes Säuseln der Hauch der Liebe in dem Gebete des Gekreuzigten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Fürwahr, er hat es selbst getan, was er zuvor seinen Jüngern gebot, der gute Heiland, da er sprach: „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“ Aber er hat noch mehr getan, er hat nicht nur Feindesliebe im Allgemeinen geübt, sondern ganz besondere Feindesliebe, erfinderische Liebe. Er begnügt sich nicht damit, ans Kreuz genagelt, für seine Kreuziger zu beten, sondern er entschuldigt seine Mörder auch noch vor seinem Vater und zwar, sollte man es meinen? mit ihrer Verblendung! Sie wissen nicht, was sie tun!“ Diese Begründung der Fürbitte durch Hinweisung auf die Unwissenheit der Feinde liegt einem gewöhnlichen Menschenkinde meilenweit fern; sie konnte nur in einem Herzen entstehen, das größer ist, als unser Herz, nur in einem Heilandsherzen. Wir, wir müssen sagen: Die Hohenpriester und Schriftgelehrten wussten sehr wohl, dass sie einen Unschuldigen der Schuld bezichtigten; das Volk wusste sehr wohl, dass es über seinen Wohltäter das „Kreuzige, kreuzige!“ rief; Pontius Pilatus wusste es ganz gut, dass er einen Gerechten zum Tode verurteilte; und selbst die rohen Kriegsknechte wussten sehr wohl, dass sie Jemand kreuzigten, der nichts des Todes Würdiges verübt hatte. Aber der Heiland sagt mit einem Maß der Liebe, das alles Denken übersteigt: „Sie wissen nicht, was sie tun!“ Ich wage zu erklären: Die Mörder des Gerechten fühlten und wussten zwar, dass sie Sünde taten, aber sie wussten nicht, wie große, wie grässliche Sünde sie verübten, wussten nicht, wie sie mit der Kreuzigung des Sohnes Gottes sich selbst und der ganzen Menschheit ein ewiges Schandmal aufdrückten, ach, meine Lieben, wir gehören einem unglückseligen Geschlechte an, einem Geschlechte das nicht bloß von Gott abgefallen ist, sondern das auch den Sohn Gottes gekreuzigt hat! Ach, man meine doch nicht, dass den Mördern die Kreuzigung von Gott befohlen war, Gott befiehlt keine Sünde, wahrlich, der ewige Gott bedurfte nicht eines Justizmordes, um die Welt zu erlösen. Jesus Christus, allerdings nicht der Christus eines Raphael, wohl aber der Christus der Schrift, der für uns leidende Meister, wäre auch ohne Kreuzigung für uns gestorben; er wäre dem Schmerze über unsere Schmerzen, er wäre der Liebe zu dem heiligen Gott und zu der gefallenen Menschheit, die wie ein maßloses Feuer an dem Marke seines Lebens zehrte, er wäre seinen Mittlerbürden, die ihn wie Mühlsteine belasteten, und den Kränkungen, die ihn durchbohrten wie zweischneidige Schwerter, er wäre dem Allen erlegen, auch ohne dass die Marter am Kreuze seinen heiligen Leib zermalmte. Gott bedurfte nicht des Frevels eines Kaiphas und Pilatus um seinen Sohn für uns sterben zu lassen. Kaiphas und Pilatus und ihre Helfershelfer waren keine Diener Gottes, sondern Frevler wider Gott, aber wie sehr, wie ungeheuer sie frevelten, das wussten sie nicht. „Sie wissen nicht, was sie tun,“ spricht die gekreuzigte Liebe.

Die gekreuzigte Liebe lebt noch heute, denn sie ist auch die auferstandene Liebe, die gen Himmel gefahrene Liebe, und auch über dem Geschlechte auf der Neige des 19. Jahrhunderts, auch über den Kaiphassen und Pilatussen unserer Zeit schwebt vom hohen Himmel her das Wort der erfinderischen Liebe: „Sie wissen nicht, was sie tun.“ Denn Jesus Christus ist barmherziger als die Christen, die gekreuzigte Majestät ist viel gnadenvoller, als ihre Knechte. Wir finden uns allzu sehr versucht zu sagen: „Herr, Herr, die Hohenpriester unserer Zeit, die sich selber für unfehlbar erklären und mit ihren Schriften und vernunftwidrigen Dogmen dich noch einmal kreuzigen, die wissen ganz wohl, was sie tun.“ Aber der Heiland spricht: „Sie wissen nicht, was sie tun; sie wissen nicht, dass sie dem Heidentum des Unglaubens ein neues Heidentum des Aberglaubens gegenübersetzen.“ Wir möchten sagen: „Herr, Herr, die Pilatusse unserer Tage, denen des Kaisers Freundschaft höher steht, als die Wahrheit, denen die Politik die Sonne ist und die Religion ein Planet, der sich um die Sonne drehen muss, denen nichts lächerlicher ist, als die Hingabe des Lebens für Gott und die Menschheit, sie wissen wohl, was sie tun.“ Aber der Heiland spricht: „Sie wissen nicht, was sie tun; sie wissen nicht, dass sie, statt Perlen zu heben, mit Glasscherben spielen.“ Wir möchten sagten: „Herr, Herr, die ungläubigen Gelehrten und Bücherschreiber, die für das große Lesepublikum den Glauben der Väter verspotten, die dem Volke den Himmel und die Ewigkeit nehmen, um es aufzustacheln gegen göttliche und menschliche Ordnungen, sie wissen wohl, was sie tun.“ Aber der Heiland spricht: „Sie wissen nicht, was sie tun;“ gerade sie, die sich so viel auf ihr Wissen und ihre Wissenschaft einbilden, sie wissen nichts, sie kennen weder Gott noch die Menschheit, sie kennen sich selber nicht. Es wogt das Meer der Sünde und des Unglaubens in unseren Tagen lauter als je - aber so groß die Sünde und der Unglauben ist, so groß ist auch die Blindheit; ach, wir leben unter einem Geschlecht, das trotz aller vielgerühmten Aufklärung in Blindheit lebt und seine Kinder in Blindheit auferzieht. Der Gekreuzigte, nun längst Erhöhte betet in erbarmenden Gedanken auch für unser Geschlecht und wir beten mit: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

3.

Vater, vergib ihnen! Also die Unwissenheit, die Blindheit macht nicht straflos. Keine Sünde ohne geistliche Blindheit, aber auch keine geistliche Blindheit ohne Sünde. Vater, vergib ihnen! Also die Sünde muss erst vergeben sein, sonst führt sie in die ewige Verdammnis. Vater, vergib ihnen! Dass seinen Feinden vergeben werden muss, wenn sie nicht sollen in die Hölle fahren, das steht vor des Heilands Seele als eine so ungeheure Notwendigkeit, dass unter den Qualen der Kreuzigung und unter dem Vergießen seines Blutes das sein allererster Aufschrei ist: „Vater, vergib ihnen!“ Die den Heiland der Welt kreuzigen, die ihn verspotten und verhöhnen, die in frechem Unglauben die Achsel über ihn zucken, ja doch sie wissen nicht, was sie tun, sie sind verblendet und verfinstert, aber ob die Liebe ihre Verblendung auch in allertiefstem Mitleid beklagen kann, die Liebe kann doch die Schuld der Verblendeten nicht leugnen, die Schuld der Sünde, die Schuld des Unglaubens; darum fleht und seufzt die gekreuzigte Liebe von der schuldbeladenen Erde zum Himmel hinauf: „Vater, vergib ihnen!“ Ach, merkt ihr wohl, ihr Lieben, dieses erste Wort der gekreuzigten Liebe ist auch ein Wort erschütternden Ernstes.

Scheinheilige Hohepriester, wie Kaiphas, herzlose Weltmenschen, wie Pilatus, fanatisierte Massen, wie der Pöbel von Jerusalem, gemeine Kreaturen, wie die Büttel von Golgatha, sie fahren in die Hölle ohne Vergebung der Sünden. Die glänzenden Gestalten des übertünchten gesellschaftlichen Lebens, die trotz Krieg, Pocken und Cholera und trotz des immer lauter dröhnenden sozialistischen Erdbebens in die heilige Passionszeit hineintanzen und hineinjubeln, sie fahren in die Hölle ohne Vergebung der Sünden. All' das arme Volk, dem von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß, das von der Hand in den Mund lebt und Sonntags seines Herzens Groll und Bitterkeit im Rauschtrank zu ertränken sucht, o du armes Volk, voll Groll gegen deinen Schöpfer im Himmel und voll Bitterkeit gegen die Glücklichen der Erde, o du armes Volk, das du die Boten des Erlösers schnöde abweist und nur nach Brot und Spielen fragst, du gehst verloren ohne Vergebung der Sünden. Und auch wir alle, die wir täglich sündigen in Gedanken, Worten und Werken, die wir uns immer viel besser stellen, als wir sind, die wir so höflich gegeneinander sind und doch so wenig herzlich, wir fahren samt und sonders ins Verderben ohne Vergebung der Sünden. so betet Jesus Christus am Kreuze: Vater, vergib ihnen; so beten Christen unter dem Kreuze: Vater, vergib uns; so hat Jesus Christus für seine Feinde gebetet, damit die Feinde für sich selber beten sollten: „Vater, vergib uns.“ Vergeben kann auch der Allmächtige nicht Jedermann; vergeben kann er nur denen, die sich vergeben lassen wollen. Wer seine Sünde festhält beharrlich bis ans Ende, dem kann auch Gott sie nicht nehmen; wer ein Kaiphas, ein Pilatus, ein lächelndes Weltkind mit schwerem Gewissen bleiben will und bleibt bis ans Grab, der bleibt es auch bis in die Hölle hinein. Vater, vergib ihnen - das heißt wahrlich nicht: „Vater, bevölkere deinen Himmel mit deinen Feinden, kröne die Sünde eines Kaiphas, kröne den Unglauben eines Pilatus mit den Wonnen der ewigen Herrlichkeit!“ Sondern: „Vater, vergib ihnen,“ d. h. arbeite an den Herzen der Verächter, so lange es heute heißt, stelle ihnen Himmel und Hölle vor, ob sie nicht in sich schlagen möchten und zur Buße kommen und zum Glauben an mich, in den sie gestochen haben. Vater, vergib ihnen die Wirkung dieser Fürbitte ist nicht die, dass alle Menschen selig werden in ihren Sünden und trotz ihrer Sünden, sondern die, dass Gott mit allen Kräften, die ihm zu Gebote stehen, an der Bekehrung der Individuen und der Völker arbeitet; Gott zieht sie alle, Gott zwingt keinen, denn wir sind keine Maschinen, sondern Menschen. Es gibt keine aufgezwungene Seligkeit. Es gibt nur eine Seligkeit für Sünder durch Vergebung der Sünden. Die Vergebung der Sünden im Blute des Gekreuzigten ist da für Alle. Aber nur denjenigen hilft sie etwas, die Buße tun, ihr Leben ändern, sich bekehren, unter dem Kreuze Jesu Christi mit gefalteten Händen und tränendem Auge beten: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarme dich unser!“ Amen.

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