Planitz, Friedrich Bernhard - Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Beichtrede am Osterfest über Hiob 19, 25
von P. Planitz, Pfarrer in Pieschen.
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Alttestamentlich ist der Fundort dieser Worte; neutestamentlich, ja recht österlich tönt ihr Klang. Mitten aus der Leidensnacht Hiobs heraus klingen sie, wie ein Hahnenschrei den Morgen verkündend, nicht nur den Morgen, wo Hiobs Leiden, sondern wo alles Leid ein Ende hat, den großen Ostermorgen, auf welchen auch der heutige nur eine Weissagung ist. Sie sagen jeder Christenseele die Antwort, die sie zu geben hat auf die Engelbotschaft: „Er ist nicht hier; er ist auferstanden“; freudig soll sie bekennen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Was haben sie aber euch zu sagen, die ihr am Ostermorgen des Herrn Abendmahl feiern wollt?
„Mein Erlöser,“ spricht Hiob. Er fühlt sein großes Leid; er weiß, dass er sich nicht selber helfen, nicht selbst erlösen kann. Er hat nichts, gar nichts mehr. Reiche Habe, liebe Kinder, Leibesgesundheit und Lebensglück, alles ist dahin, und nun soll's ans Leben gehen. Aber er weiß einen, der das alles hat und geben kann und mehr noch dazu, der ihm geben kann, was ihm fehlt, der ihn befreien kann von dem, was ihn drückt: seinen Erlöser.
„Mein Erlöser,“ du sollst, du darfst auch so sagen, liebe Seele. Erlösung brauchst auch du, auch wenn dich nicht so tiefes, irdisches Leid getroffen hat, wie den Hiob, auch wenn dir Gottes Güte alle Morgen wieder und auch heut am Ostermorgen deine Habe, die lieben Deinen, deine Gesundheit und Lebenskraft treulich bewahrt und aufs Neue geschenkt hat. Du bist doch arm wie Hiob: an geistlichen Gütern. Hast nichts, gar nichts als Wunden an Seel' und Gewissen, wie er sie am Leibe hatte. Wie bei ihm das häusliche Glück durch schweres Leid, so ist bei dir das innere Glück, der Seelenfrieden, durch die Sünde gestört worden. Gerade diejenigen unter euch, die durch Gottes Gnade vorwärts gekommen sind im Christenlaufe, werden umso tiefer diesen ihren Mangel fühlen, wie man die Länge des Weges erst ermessen kann, je mehr man sich dem Ziele nähert, wie man die Schwärze der Finsternis erst erkennt, wenn von fernher Strahlen des Lichtes hineinscheinen, wie man die Kraft der Krankheit erst recht merkt, wenn die Gesundheit sich wieder zu regen anfängt. Aber keinem wird er doch ganz verborgen bleiben. Wer sollte auch dem Heiligen sich nahen wollen, wie ihr, ohne seiner Unheiligkeit sich bewusst zu werden, ohne wie Paulus zu seufzen: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ Aber es gibt einen Erlöser auch aus dieser Not. Das ist der, dessen Erlösungswerk wir wieder gefeiert haben in diesen letzten Tagen, der den Tod erduldet hat für uns. Ja, für uns - auch für dich, mein Christ. Auch du darfst zu ihm sagen: „Mein Erlöser!“ darfst sprechen: „Du bist durch den Glauben mein. Ich bin dein und du bist mein. Ich bin dein, weil du dein Leben und dein Blut mir zu gut in den Tod gegeben. Du bist mein, weil ich dich fasse und dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse.“
„Mein Erlöser lebt,“ sagt Hiob. Der Tod stand ihm vor Augen. Alles um ihn, was ihm lieb gewesen war, war vergangen. Nun sollte er selber vergehen und sterben. Aber einer verging nicht und starb nicht, dem konnte Tod und Grab nichts anhaben, der währte immer für und für und blieb, was er war: sein Erlöser.
Und wir? Wir haben auch nicht bloß einen Erlöser, der vor vielen hundert Jahren einmal gelebt hat und dann gestorben und nun tot ist und höchstens, wie andre große Tote, in seinem Werke fortlebt. Nein, unser heutiger Ostertag ruft es laut: „Er lebt!“ Er war tot, aber ist lebendig geworden; er war im Grabe, aber er ist auferstanden. Er lebt und wirkt, wirkt für uns, bei uns, in uns. Ein inniges, lebendiges Wechselverhältnis besteht zwischen uns und ihm, wie zwischen Weinstock und Reben, zwischen Haupt und Gliedern. Er hat Leben und kann Leben geben. Er kann dir's geben, wenn du zu den Seinen gehörst, denen seine Verheißung gilt: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Alle Tage: auch heute. Er kann dir's heute geben. Heute brauchst du ihn. Heute hört er dich, versteht dich, fühlt mit dir, hilft dir. O des überschwänglichen Reichtums bei aller Armut dieses Erdenlebens, bei allem Elend unsrer Sündenschuld: einen Erlöser zu haben, und zwar einen lebendigen Erlöser.
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt,“ dass Hiob dies versichern konnte, das war für ihn die Hauptsache. Hätte er nichts gewusst von dem lebendigen Gotte, seinem Erlöser, so hätte er hinleben müssen in seinem Jammer und hinsterben in seiner Verzweiflung. Dass er's wusste, das weckte in ihm Hoffnung, machte ihn fröhlich, mutig, stark und gab ihm zuletzt den Sieg. Woher aber kam ihm solche Gewissheit? Aus dem Worte Gottes, worin dieser seine Treue und sein Erbarmen den Vätern einst offenbart, das auch ihm kund geworden, das von ihm im Glauben erfasst und ihm nun zur felsenfesten Überzeugung, zur Burg geworden war, aus der ihn nun auch eine ganze Schar von Leiden, ein ganzes Heer von Zweifeln nicht mehr vertreiben konnte.
Und wir haben mehr, als Hiob, ja, als all die Frommen alten Bundes hatten. Sie hatten den Schatten, wir haben die Wirklichkeit; sie hatten die Verheißung, wir haben die Erfüllung; sie hatten das hörbare, wir haben das sichtbare Wort Gottes, von dem geschrieben steht: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit,“ den Heiland, der von sich sagen konnte: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ Und sagt nicht etwa: „Das gilt ja nur von den Aposteln, die ihn mit Augen gesehen und mit Ohren gehört und ihren Finger legen durften in seine Nägelmale. Uns ist er unsichtbar und ungreifbar. Wir haben auch nicht mehr, als die alten Väter.“ Nein, ihr Abendmahlsgenossen; ist nicht das Abendmahl, das ihr heute feiern wollt, ein Lebenszeichen des lebendigen Erlösers, wie wir es unmittelbarer und deutlicher uns kaum wünschen können? Wer es im Glauben feiert und dann die Nähe und Gegenwart seines Heilandes spürt, der ihn mit seinem Leibe speist und mit seinem Blute tränkt, der kann auch noch mit ganz anderer Gewissheit und darum auch noch mit ganz anderer Freudigkeit, als Hiob, bekennen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“
Braucht ihr aber einen Erlöser, habt ihr einen Erlöser, und zwar einen lebendigen, der bei euch ist und auf euch hört und mit euch fühlt, und wisst ihr das mit unumstößlicher Glaubensgewissheit, so werdet ihr im Leid nicht wanken und vor dem Tode nicht erschrecken: ja, auch die durch Christi Tod getilgte Schuld darf euch nicht schrecken. An Christi Grabe sprecht ihr siegesgewiss mit dem Apostel: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben, ja vielmehr, der auferwecket ist und vertritt uns. Ich weiß, an wen ich glaube. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Amen.