Petersen, Eginhard Friedrich - Philemon - 6. „Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“
V. 13 und 14. Denn ich wollte ihn bei mir behalten, dass er mir an deiner statt diente in den Banden des Evangelii, aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, auf dass dein Gutes nicht wäre genötigt, sondern freiwillig.
„Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“ mahnt der Herr seine Jünger, als er sie („wie Schafe mitten unter die Wölfe“) aussandte, dass sie das Himmelreich predigten (Matth. 10,16) klug wie die Schlangen, die vorsichtig unterschlüpfen und ganz besonders geschickt ihren Kopf zu decken wissen sollen, wenn sie Gefahr wittern, die aber auch den rechten Augenblick und Ort zum Angriff wohl zu ersehen und zu benutzen verstehen, und ohne Falsch wie die Tauben, die für ganz besonders arglos und sanft und treu gelten. An dieses Wort des Herrn werden wir erinnert, wenn wir die Art betrachten, wie der Apostel Paulus in diesem Briefe an den Philemon die Sache seines Schützlings Onesimus führt. Denn in diesem Wort meint doch der Herr, dass die Seinen beides sein sollen, nicht etwa nur klug ohne falschlos oder nur falschlos ohne klug, sondern beides miteinander und in gegenseitiger Durchdringung, und von solcher Verbindung und gegenseitigen Durchdringung der Schlangen-Klugheit und Tauben-Einfalt haben wir hier in diesem Briefe ein redendes Beispiel. Wie klug weiß doch der Apostel alles ausfindig zu machen und vorzubringen, was nur irgend für eine freundliche Aufnahme des Onesimus von Seiten des Philemon sprechen kann dass Philemon sich schon durch seine Liebe gegen die Brüder einen guten Namen gemacht, dass Onesimus von ihm, dem Apostel, als sein geistlicher Sohn in seinen Banden gezeugt sei, dass er weiland dem Philemon unnütz, nun beiden, dem Philemon und dem Apostel, nütze geworden, dass er selbst, der Apostel, als ein alter Paulus und nun noch dazu als ein gebundener Jesu Christi, den Philemon um die Aufnahme des Onesimus bitte und ermahne. Und doch würden wir gewiss sehr irren, wenn wir meinten, das alles sei schlaue Berechnung vom Apostel, Berechnung allein, um zu seinem Zwecke zu gelangen. Nein, mit dieser Schlangen-Klugheit verbindet sich nun eben die Tauben-Einfalt. Der Drang der Liebe ist es, der den Apostel, so schlangen-klug macht, den Weg zu dem Herzen des Philemon zu finden, dass dieser der Bitte für den Onesimus Gehör gebe, und nichts anderes hat der Apostel im Sinn, als dass nur geschehe, was dem Philemon und dem Onesimus zugleich zum Segen, und was Gott und Christo wohlgefällig sei. Er tut hier nach seinem eigenen Wort, mit welchem er zugleich jenem Wort des Herrn eine nähere Auslegung gibt: „Ich will, dass ihr weise seid aufs Sute, aber einfältig aufs Böse.“ (Röm. 16,19.) So auch in den Versen, die dieser 6. Betrachtung voranstehen: Denn ich wollte ihn bei mir behalten, dass er mir an Deiner statt diente in den Banden des Evangelii, aber ohne Deinen Willen wollte ich nichts tun, auf dass Dein Gutes nicht wäre genötigt, sondern freiwillig. Klug ist es, dass er dem Philemon schreibt, er habe eigentlich den Onesimus bei sich halten wollen, damit derselbe ihm anstatt des Freundes in den Banden des Evangelii diene. Was musste diese Uneigennützigkeit für einen Eindruck auf den Philemon machen, da der Apostel trotzdem den Onesimus zurückschickt, und wie sehr musste sie dazu beitragen, den Philemon zu bestimmen, dass er der Bitte, des Apostels Gehör gab und sich zu gleicher Uneigennützigkeit entschloss! Der Apostel hatte ja doch nach allem, was er in der Verkündigung des Evangeliums geleistet und noch in derselben leisten sollte, ein Recht, dass ihm Jemand hilfreich zur Hand sei. Er hatte insbesondere einen Anspruch darauf, dass Philemon, der ihm so viel Dank schuldete und so nah befreundet war, ihm diene, oder dass, wenn Philemon nicht konnte, ein anderer an dessen statt ihm diene, und wenn ein anderer, dann keiner mehr, als Onesimus, der Knecht Philemons, der zugleich durch den Apostel bekehrt und gebessert war. Klug ist es, dass er den Onesimus ohne den Willen des Philemon nicht bei sich behielt, sehr fein und klug, dass er, wie er schreibt, ohne den Willen des Philemon nichts habe tun wollen, auf dass das Gute des Freundes nicht sei genötigt, sondern freiwillig. Was nützte es ihm, wenn er ohne den Willen des Philemon und mit dem Gefühl, dass es ohne dessen Willen sei, den Sklaven bei sich behielt? Wie aber musste es den Freund beschämen und rühren, wenn der Apostel so rücksichtsvoll verfuhr, und wie willig musste es ihn zu dem Guten, was der Apostel von ihm in Betreff des Onesimus erwartete, machen, wenn dieser deshalb nichts ohne seinen Willen hatte tun wollen, damit das Sute, was er tun könnte, nicht genötigt, sondern freiwillig geschehe! Und doch, wie falschlos, wahr und treu zugleich das Alles! Der Apostel hatte ja doch wirklich den Onesimus bei sich behalten wollen; er konnte es wohl gebrauchen, er durfte es tun. Er schickte ihn wirklich aus dem Grunde zurück, weil er ohne den Willen des Philemon nichts hat tun wollen. Es ist ihm wirklich ein Ernst, dass alles Gute, was Andere vom Philemon her empfangen könnten, nicht genötigt, sondern freiwillig geschehe, weil es nur in letzterem Falle wahren Wert hat. Nur um das Sute des Anderen ist es ihm in Wahrheit zu tun, um das Sute des Onesimus, um das Gute des Philemon, und wenn es auch nur ist, dass kein genötigtes, erzwungenes, sondern nur freiwilliges Gute von dem Anderen geschehe! Das ist die Klugheit im Dienst der Liebe! Das ist die Klugheit, von der Liebe selbst eingegeben und von der Liebe getragen, das darum Schlangen-Klugheit und Tauben-Einfalt in Eins zusammen, wie der Herr es in seinem Wort von den Seinen fordert.
„Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ das gilt auch uns. Auch wir sollen uns in der Welt, in die wir „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ gestellt sind, damit als Jünger des Herrn beweisen, dass wir Schlangen-Klugheit und Tauben-Einfalt miteinander verbinden. Wie schwer wird uns das! Ja, wenn es nur Eines gälte, nur Eins von beidem! Schon das wird uns schwer. Die rechte Klugheit, die Klugheit, die der Herr doch meint, dass wir überall uns vor Schaden der Seele zu hüten suchen, dass wir überall darauf aus sind, unser Heil zu wahren wer hat sie denn? Ach, im Zeitlichen wohl, da können wir uns hüten und wehren. Da scheuen wir keine Mittel und Mühe, aber im Ewigen, wie fehlt es da! Einmal können wir über einen Stein gefallen sein und meiden für immer die Stelle, aber hundert Mal kehren wir an den Ort, da wir versucht sind und gesündigt haben, sorglos zurück. Tage können wir auf unsere Arbeit verwenden, Wochen auf unser Vergnügen, und nicht eine Stunde meinen wir für unser Gebet übrig zu haben. Oder, die rechte Falschlosigkeit und Einfalt, wer übt sie stets? Wie oft sind wir hinterhältig in unserem Denken, zweideutig in unserem Reden, unzuverlässig und treulos in unserem Handeln! Wie viele selbstsüchtige Nebenabsichten verfolgen wir gern, wie viele heimliche Schliche gebrauchen wir, um zu unserem Ziele zu kommen! Nun aber beides zusammen, so dass das Eine nicht ist ohne das Andere, dass wir nicht klug sind wie die Schlangen ohne falschlos wie die Tauben und nicht falschlos wie die Tauben ohne klug wie die Schlangen! Das gehört zu den Gegensätzen, die wir so oftmals im christlichen Leben vereinigen sollen, und deren Vereinigung uns oft viel Not macht, ja oft unmöglich scheinen will. So die Gegensätze: seine Seligkeit mit Furcht und Zittern zu schaffen und doch in Gott getrost und fröhlich zu sein; alles von Gottes Gnade zu erwarten und doch selbst stets bei seinem Heile mittätig zu sein; frei vor aller Welt das Evangelium zu bekennen und doch die Perlen nicht vor die Säue zu werfen; im Glauben aller Dinge Herr und doch in der Liebe Jedermanns Knecht zu sein. Wir nach unsrer Natur können eigentlich, wenn überhaupt eins, immer nur Eines halten, die Klugheit oder die Falschlosigkeit; beides miteinander gelingt uns schwer. Suchen wir uns das an einigen Beispielen klarzumachen! Wenn unser Herr sagt: „Seid klug wie die Schlangen,“ so mahnt er, dass wir der Welt gegenüber ohne Not nicht Anstoß geben und uns in Gefahr bringen, dass wir also namentlich uns hüten, durch liebloses oder leidenschaftliches oder wunderliches Wesen Nichtchristen oder solchen, die dem Christentum ferner stehen, Anlass zu gerechtem Tadel oder zur Feindschaft gegen uns zu geben; wenn er aber hinzusetzt: „und ohne Falsch wie die Tauben!“ so warnt er, dass wir mit unserem Christentum nicht hinter dem Berge halten, ihm nichts vergeben, ganzen Ernst mit ihm machen und offen Farbe bekennen. Wie leicht aber, wenn wir der Welt keinen unnötigen Anstoß mit unserem Christentum geben wollen, geben wir unvermerkt ein Stück von unserem Christentum auf, um der Welt zu gefallen, und wenn wir treu an unserem Christentum festalten wollen, geraten wir in Schroffheit und Härte. Wiederum, wenn der Herr spricht: „Seid klug wie die Schlangen,“ so verlangt er damit, dass wir die Geister prüfen und nicht unbesehens Jedem Folge leisten, und wenn er hinzufügt: „und ohne Falsch wie die Tauben!“, so fordert er, dass wir den Menschen Vertrauen entgegenbringen. Wie schwer aber wird es uns, wenn wir überall vor den Anderen Vorsicht brauchen, dass wir nicht argwöhnisch und misstrauisch werden, und umgekehrt, wenn wir das Vertrauen gegen den Nächsten bewahren wollen, dass wir nun auch die nötige prüfende Vorsicht üben. Oder ein anderes Beispiel! Die Klugheit, die wir haben sollen, erheischt gewiss, dass wir unsere Güter zum Wohltun brauchen, dass wir, wie der Herr im Gleichnis vom ungerechten Haushalter sagt, uns Freunde machen mit dem ungerechten Mammon (Luk. 16,9), die Falschlosigkeit und Einfalt aber, die uns ebenso wenig fehlen sollen, gebieten, dass wir beim Helfen und Geben unsere linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte tut (Matth. 6,3). Wer versteht es denn aber, zu helfen und zu geben, reichlich und gern zu helfen und zu geben, ohne sich seines Wohltuns bewusst zu sein und heimlich auf dasselbe etwas zugute zu tun? Oder wer kennt die Kunst, dass er seine linke Hand nicht wissen lässt, was die rechte tut, und doch seine rechte zu stetem Wohltun bereit hält? - So schwanken wir im Leben zwischen beidem hin und her und wissen oft nicht vorm Klugseinsollen, wie wir falschlos und einfältig, und oft vorm Falschlos- und Einfältigseinsollen nicht, wie wir klug sein sollen. Kennst Du dieses Schwanken, so weißt Du auch von dem Zwiespalt, den es im Herzen bringt, und wie unglücklich, zerrissen, man sich dabei fühlen kann. Ach! und weil uns bei der Falschlosigkeit und Einfalt die Klugheit so oft fehlt, kommen wir so oftmals zu Schaden, und weil unsere Klugheit so selten mit der Falschlosigkeit und Einfalt verbunden ist, wird immer wieder wahr, was der Wandsbeker Bote singt:
„Wir spinnen Luftgespinste
Und brauchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.“
Und doch kann es nicht zweierlei ganz Getrenntes sein, was der Herr von uns fordert, wenn er sagt: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“ Das christliche Leben ist in sich nicht geteilt; es ist aus Einem Korn und Einem Stamm. So sind auch die scheinbar entgegengesetzten Äußerungen des christlichen Lebens nur die verschiedenen Zweige aus einer Wurzel, so auch die Klugheit und die Falschlosigkeit, die der Herr von uns fordert, im Grunde geeint. Und was ist der gemeinsame Grund? Das ist die Liebe, die im Herzen aus dem Glauben kommt. Wo diese Liebe ist, da ist beides, die rechte Klugheit und die rechte Falschlosigkeit; die Liebe macht klug und einfältig (aufrichtig) zugleich. (Vgl. 1. Kor. 13.) Und das auch der Grund, weshalb es uns oft so schwer wird, die rechte Klugheit und die rechte Falschlosigkeit miteinander zu verbinden: Die Liebe aus dem Glauben fehlt uns; die Selbstsucht aus dem Unglauben beherrscht uns noch gar zu sehr. Der Apostel will in seiner Liebe auch da ohne den Willen des Anderen nichts tun, wo er ein Recht dazu hätte, das Gewünschte zu tun; wir drängen dem Anderen so gern unseren Willen auf, auch da, wo wir oft sehr im Unrecht sind. Der Apostel sorgt sich darum, dass das Gute, was sein Freund tun könnte, nicht genötigt, sondern freiwillig sei; von uns, wer fragt oft viel danach, ob der Nächste überhaupt Gutes tue?
Noch mehr aber! Nicht nur, dass es uns schwer wird, die rechte Klugheit und die rechte Falschlosigkeit zugleich zu üben, sondern wie oft kommen wir dahin, dass, wenn der Apostel diese Forderung des Herrn mit den Worten wiedergibt: „Ich will aber, dass ihr weise seid aufs Sute, aber einfältig aufs Böse“, wir umgekehrt auf das Gute einfältig und auf das Böse weise sind, d. h. für das Böse Sinn und Geschick, für das Gute aber keinen Sinn und kein Geschick haben. Da wiederholt sich auch bei uns wohl die Klage des Apostels (Röm. 7): „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Wir fühlen den Widerstreit des Fleisches und des Geistes in uns, des Gesetzes in unserem Gemüte und des Gesetzes in unseren Gliedern, und wir seufzen bedrückt und geängstigt: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen?“ (Röm. 7, 24.) Der Apostel hat seinen Erlöser gefunden; der Widerstreit in seinem Innern ist zur Ruhe gekommen, die Einheit und den Frieden seines Herzens hat er wiedergewonnen. Er hat darum auch gelernt, „weise aufs Sute und einfältig aufs Böse“ zu sein und die rechte Schlangen - Klugheit und Tauben - Einfalt miteinander zu verbinden. Wie hat er das? „Ich danke Gott durch Jesum Christum unseren Herrn“, schreibt er. (Röm. 7, 25.) „Unseren Herrn“. Also auch wir können hoffen, durch Jesum Christum zur Einheit und zum Frieden unseres Herzens zu kommen und die rechte Verbindung der von uns geforderten Schlangen-Klugheit und Tauben-Einfalt immer mehr zu lernen. Jesus Christus hat seinem Apostel gezeigt, dass es eine Gnade gibt, die den Zwiespalt und Widerstreit des Inneren überwindet, die uns Kraft gibt, auch bei aller dauernden Schwachheit und Sünde der Natur dennoch des Bösen immer mehr Herr zu werden und Gott mit geeinigtem Herzen zu dienen; er selbst, Jesus Christus, hat von dem Herzen des Apostels Besitz genommen und herrscht in demselben zu neuem Leben. (Vgl. Gal. 2, 20.) Jesus Christus will auch uns es zeigen, er will auch in unseren Herzen durch die Gnade selbst regieren. Weigern wir ihm nur unsere Herzen nicht! Folgen wir nur dem Zuge des Vaters zu dem Sohne, der auch in dem Zwiespalt und dem Widerstreit des Inneren sich uns fühlbar macht! Halten wir fest am Worte Gottes! Halten wir an am Gebet! und es wird uns nicht fehlen, durch Gottes Gnade, in der Kraft unseres Herrn Jesu Christi nicht fehlen.
So danken wir dir, Herr, dass du uns Hoffnung gegeben hast, dass wir auch das noch lernen, was uns so schwer ist, auch die rechte Klugheit noch lernen zusammen mit der rechten Falschlosigkeit, wie du es von uns forderst. So bitten wir Dich, nimm selbst Besitz von unseren Herzen und verherrliche Dich an ihnen durch Deine Gnade! „Erhalte mein Herz bei dem Einigen, dass ich Deinen Namen fürchte!“ bittet Dein Psalmist. (Psalm 86, 11.) Erhalte unser Herz bei dem Einigen, dass wir Deinen Namen lieben! wollen wir Dich bitten. Amen.