Paulsen, Johannes - Der Brief Pauli an Philemon.

Paulsen, Johannes - Der Brief Pauli an Philemon.

Dieser Brief ist einzig in seiner Art. Der Apostel schreibt an einen Privatmann in einer Privatangelegenheit und da ist es höchst interessant, wie er dieselbe erledigt. Onesimus war dem Philemon, der zu Kolosse in Phrygien wohnte, entlaufen, wahrscheinlich aus Furcht vor Strafe, weil er einen Diebstahl begangen hatte. Er hatte seine Flucht wohl nach der Hauptstadt des Reiches gerichtet, weil dort viele entlaufene Sklaven sich aufhielten. In Rom suchte er seine Landsleute auf und fand als solchen den Epaphras, einen geborenen Kolosser, der ihn bekannt machte mit dem Apostel Paulus. Paulus hat ihn zum Christentum bekehrt und als dies geschehen, sandte er ihn seinem Herrn zurück, indem er ihn lehrte wieder gut zu wachen, was er versehen hatte. Er gab aber dem Onesimus dies Schreiben mit, um demselben gute Aufnahme zu sichern. Es ist also dieser Brief so recht ein Hirtenschreiben der Privatseelsorge und zeigt uns, wie Paulus das Verhältnis zwischen Herrn und Diener angesehen wissen will. Das Christentum ist die Lösung der sozialen Frage.

Über die Personen, welche in diesem Briefe genannt sind, wissen wir weiter nichts. Nach der Tradition soll Philemon Bischof zu Kolossä gewesen sein und unter Nero den Märtyrertod erlitten haben.

Über die Zeit, zu welcher der Brief geschrieben, wissen wir nichts. Dadurch, dass wir von den äußeren Verhältnissen, unter denen die Briefe geschrieben sind, nichts wissen, wird das Auge desto mehr auf den Inhalt des Briefes hingeleitet. Christen sollen über die Äußerlichkeiten das Innere nicht vergessen und immer wissen, was die Hauptsache ist.

Paulus gibt sich nun den Namen „Gefangener JEsu Christi“ und bezeichnet damit, dass es ihm eine Ehre sei, was vor der Welt eine Schande war. Es mochte das wohl dem Philemon gegenüber nötig sein, da gewiss viele in Kleinasien Anstoß daran nahmen, dass JEsus Seinen Diener in Bande schlagen ließ. Andererseits aber auch musste es auf den Philemon einen starken Eindruck machen, wenn der Mann, der um seiner Treue gegen seinen HErrn willen im Gefängnis lag, ihn um eine Privatgefälligkeit bat. Dem, um des HErrn willen Gebundenen konnte Philemon schwer etwas abschlagen.

Timotheum nennt er mit als Grüßenden, weil derselbe wahrscheinlich dem Philemon besonders bekannt war. Weshalb er den Philemon als Mitarbeiter anredet, ist uns nicht bekannt. Jedenfalls muss Philemon irgendein Amt in der Gemeinde gehabt haben. Die Appia wird die Frau des Philemon gewesen sein und da Archippus in unmittelbarer Verbindung mit beiden genannt ist, so ist wohl anzunehmen, dass er der Sohn derselben gewesen, der sich bereits als treuer Streiter bewährt hatte. Auch der Hausgemeinde des Philemon gilt des Apostels Gruß und alle Familienglieder sollten billigerweise eine Hausgemeinde bilden. So wird das Haus zur gesunden Grundlage der Gemeinde, und nur dann, wenn dies der Fall ist, hat die Gemeinde festen Bestand. Die Hausgemeinde muss eine gottesdienstliche Gemeinde sein, nur dann wird sie eine rechte Gemeinde sein und zur Stärkung der Gesamtgemeinde beitragen. Besteht die Kirchengemeinde aus lauter Hausgemeinden, so hat sie ein festes Gefüge und einen sichern Bestand. O, Hausväter, übt euer Hauspriestertum, dadurch sichert ihr eure Autorität und sorgt am besten für das Wohl der Kirche. Wo aber Rechte sind, da sind auch Pflichten und wer seine Pflichten nicht recht erfüllt, der verliert auch seine Rechte. Darum klagen so viele Hausväter über Unbotmäßigkeit der Ihren, weil sie selbst das Band zerrissen haben, welches ein christliches Haus zusammen hält.

Mit dem Gruße der Gnade erinnert der Apostel daran, was Philemon der Gnade verdankt. Wenn der Apostel betont, dass er GOtt dafür danke, dass Philemon im Glauben und in der Liebe stehe, so erinnert er ihn zugleich daran, dass er das, was er ist, durch die Gnade geworden ist. Es ist also nötig, dass Philemon dessen eingedenk bleibt, dass, was er ist, er durch die Gnade ist und nicht durch sein Verdienst, damit er stets dessen eingedenk sei, dass GOtt nicht ihm Dank schuldet, dafür dass er ein Christ ist, sondern dass er dafür GOtt Dank schuldig ist, dass er zum Christentum berufen. Aber dieser Glaube ist auch ein Glaube an alle Heiligen, denn der Glaube an den HErrn JEsum schreibt ihm auch das rechte Verhalten zu den Gläubigen vor. Man kann unmöglich an GOtt glauben und dabei die Gläubigen vernachlässigen. Wer an GOtt glaubt, der muss auch den Heiligen trauen. Wer in GOtt den Vater hat, der sieht in allen Gläubigen Brüder. Das rechte Christentum führt unbedingt zum praktischen Christentum. Wenn aber die Gläubigen hier als Heilige bezeichnet werden, so haben die Weltkinder ganz Recht, wenn sie sie Heilige nennen, denn wer im rechten Glauben steht, der ist frei von Sünden. Wer da glaubt, der wird nicht gerichtet, weil er schon freigesprochen ist. Deshalb darf auch der Apostel von dem Philemon erwarten, dass sein Glaube sich als lebendig erweise darin, dass er Alles anerkenne, was gut ist, dass er ohne Unterschied der Person das Gute anerkenne, wo es sich findet, und andererseits auch erkenne, dass das gut ist, was von ihm gefordert wird. Der Gläubige weiß, was gut ist, er hat eine Erkenntnis des Guten und Bösen, das ist sein Privilegium. Ein Weltkind nennt gut, was schlecht ist und schlecht, was gut ist. Dadurch beraubt es sich nicht nur der Erkenntnis des Guten, sondern auch der Möglichkeit, das Gute zu tun. Philemon aber weiß, was gut ist und er weiß, was gut ist auch für Onesimus, und er weiß, wie er dem HErn JEsu eine Freude machen kann, indem er dem Onesimus Gutes tut. Die Christen aber erweisen sich dadurch, dass sie Erkenntnis des Guten haben, als die rechten Weisen. Dies Alles bewegt Paulus im Gebete. Wir sehen also, wie er in seinen Gebeten der einzelnen Gemeindeglieder gedenkt und wie ihn zum Danken bewegt das Gute, das GOtt an den Einzelnen tut. Das ist ein Zeugnis echter Hirtenliebe.

Andererseits aber begnügt Paulus sich nicht allein mit dem Gebet, sondern er fügt das Ermahnen hinzu, denn Beten und Ermahnen sollen Hand in Hand miteinander gehen. So bezeugt er dem Philemon seine große Freude über den Glaubensstand desselben, weil dieser Glaube in der Erquickung der Gläubigen sich kräftig erwiesen. Dass Paulus diese Freude gehabt hat, ist ihm ein Trost, weil er an solchem Beispiel sieht, dass seine Wirksamkeit nicht vergeblich gewesen, denn das Christentum schafft vor allen Dingen christlichen Charakter, und in solchem kann ein Christenherz sich wohl freuen.

Paulus weiß, das Philemon dem Apostel gehorcht, wenn er ihm etwas befehlen will, aber im Christentum soll, wo möglich, Alles mit der Liebe zugehen. Ist doch die Liebe das Lebenselement des neuen Bundes. Darum will er keinen Gebrauch machen von seiner apostolischen Autorität, obgleich er die volle Zuversicht hat, dass er kraft derselben dem Philemon befehlen kann, den Onesimus, seinen entlaufenen Sklaven, als christlichen Bruder aufzunehmen. Wie köstlich kann doch Paulus bitten! Er malt sich dem Philemon als einen alten Mann vor Augen, welcher wohl darauf rechnen kann, dass man um seines Alters willen ihm eine Bitte erfüllt. Er malt sich ab als einen Gefangenen, dem man doch gerne eine Freude macht. Er stellt sich dar als einen Vater, der für den Sohn bittet, der ihm während seiner Gefangenschaft geboren, und noch immer hat er nicht den Namen genannt, an den Philemon vielleicht mit Unwillen dachte. Durch ein Wortspiel sucht er nun auf denselben aufmerksam zu machen, denn Onesimus heißt nützlich, und er betont, dass dieser erst nach seiner Bekehrung wirklich ein nützlicher Mann geworden, denn ein Christ dient anders als ein Heide. Hatte er bisher seinem Namen Schande gemacht, da sein Herr ihm nicht vertrauen konnte, so wird er jetzt seinem Namen Ehre machen, indem er nützlich ihm ist zum Dienst. So herzlich bittet der Apostel für den bekehrten Sklaven. So verbindet er Taubeneinfalt mit Schlangenklugheit. So erzählt er dem Philemon, dass er Onesimus gerne zurückbehalten hätte in Rom, damit er ihm die Dienste leiste, welche Philemon ihm gewiss gerne geleistet hätte. Aber er will keine erzwungene Freundlichkeit, die hat für ihn keinen Wert. Er will vielmehr freiwillige Freundlichkeit, denn nur, was die Liebe freiwillig tut, das erfreut.

Paulus ermahnt den Philemon, auch daran zu denken, dass GOtt die Flucht zugelassen habe, weil er wusste, dass dies für Onesimus zum Heile diente. Merkt euch diesen Ausdruck des Apostels, ihr könnt ihn oft über eure Trauer schreiben. Da nimmt GOtt dir ein Kind, da einen Gatten, oder eine Gattin, du weißt nicht warum, aber GOtt weiß es. Er will deine Gebete erhören, Er will deine Seufzer vernehmen, Er will aus beiden dir das Beste geben. Glaube sicher, Er nimmt dir die Deinen zur rechten Zeit, Er bewahrt sie vor schwerem Fall, oder Er bewahrt dich vor der Gleichgültigkeit, der Pestilenz des Glaubens. Wenn du im Himmel die Deinen auf ewig wieder nehmen darfst, dann wirst du die Stunde segnen, da GOtt der HErr sie dir zur rechten Zeit genommen. Sieh aber auch, wie der Apostel betont, dass die Bande, die für die Zeit gebunden werden, ewig währen und dass der Tod nicht zerreißen kann die Stricke, die aus der Liebe gemacht. O, köstliches Bewusstsein, „er ist eine Zeitlang von uns genommen, dass wir ihn ewig wieder haben!“ Ja, haben, das ist das rechte Wort; wir wissen jetzt, wir werden in der Ewigkeit uns nicht fremd sein, wir werden einander haben.

So soll er den Onesimus aufnehmen nicht als Sklaven, sondern als Bruder im HErrn JEsu! Das schließt freilich nicht aus, dass der Onesimus dem Philemon dient, aber nicht als ein Sklave der ihn hintergeht, sondern als ein Bruder, der ihm um JEsu willen dient. Darum betont er, dass er sowohl im Fleisch als im HErrn sein Bruder ist. Ein Christ hat dies so ausgelegt: ein Bruder im Fleisch das heißt, Philemon hat den Bruder als Sklaven, der Bruder in dem HErrn heißt aber, Philemon hat den Sklaven zum Bruder. Das soll Philemon wissen, dass Paulus in Onesimus seinen Bruder sieht, und dass er ihn bittet, den Onesimus aufzunehmen, als käme Paulus selbst.

Seht, so innig ist das Verhältnis zwischen dem Apostel Paulus und dem Sklaven Onesimus, dass Paulus nicht mehr den Sklaven, sondern den Bruder sieht. So löst das Christentum die soziale Frage, es lässt die Standesunterschiede lediglich Kleider sein, in denen der Christ den Christen sieht. Aber Paulus geht weiter. Er verpflichtet sich, für allen Schaden aufzukommen, den Onesimus dem Philemon zugefügt hat, und damit Philemon sieht, dass das sein ganzer Ernst ist, nimmt er dem Schreiber, dem er den Brief diktiert, die Feder aus der Hand und schreibt mit eigner Hand als eine Schuldverschreibung diese Worte: „Ich will es bezahlen.“ Seht, das ist praktisches Christentum. Paulus nimmt nicht nur den Brudernamen in den Mund, er nimmt ihn auch in die Hand. So sollen wir es auch machen. Aber er erinnert auch den Philemon daran, dass er sich selber dem Paulus schulde, denn wahrscheinlich hatte Paulus den Philemon zum Christentum bekehrt und hatte ihn dadurch erst zum freien Mann gemacht. Also das ist der größte Dienst, den einer dem andern tun kann, wenn er ihn zum HErrn bekehrt und das ist die größte Schuld, in der einer bei dem andern steht, wenn er ihm seine Bekehrung verdankt.

So sagt er denn zum Philemon, er solle ihm die Freude bereiten unter seinen traurigen Umständen, dass er den Onesimus nun mit solcher Freude aufnehme. Das soll dem Apostel eine rechte Erquickung sein, die ihm der HErr JEsus bereite, und er ist überzeugt, Philemon werde nicht bloß das tun, sondern noch mehr, das heißt, er werde den Onesimus frei lassen.

Seht, so hat Paulus gar rührend für den von ihm Bekehrten gebeten und seine Bitte stützt sich darauf, dass ein Bekehrter einen Bekehrten aufnehmen soll und darauf, dass ein Bekehrter allein ein nützlicher Mensch ist. Höre es und behalte es!

Aber nun sieh, wie Paulus von seinem HErrn gelernt hat. So wie Christus bittet für die Seinen, so bitten die Seinen für ihre Mitchristen. In jedem Christen muss etwas von Christi Art sein. Die Züge Christi werden in den Seinen wieder erkannt, aber das lernen wir noch vom Apostel, dass das Christentum sich mit allen Ständen verträgt. Man kann ein Christ und doch ein Sklave sein. Nicht mit Gewalt hebt das Christentum die Schäden auf, welche die Sünde in der Welt angerichtet hat, sondern es überwindet sie durch die Kraft der Liebe, indem es die Menschen verwandelt und verändert. Ja, die Liebe ist der Zauber, der das Unmögliche möglich macht!

Paulus schließt nun mit einigen persönlichen Bemerkungen. Er hofft, dass er frei werden möge durch die Gebete, die für ihn aufsteigen. Wir sehen also, wie auch ein Apostel vergeblich bitten kann. Der HErr hat die Gebete nicht erhört, weil Er wusste, dass es besser war, wenn Paulus im Gefängnis bliebe. Tröste dich also mit Pauli Beispiel, wenn deine Gebete unerhört bleiben. Christen müssen sich daran gewöhnen, dass der Vater Alles besser weiß.

So schließt dieser Brief mit dem Gruße der Gnade, die Alles vermag. Wenn die Gnade den GEist regiert, dann wird auch das Handeln recht sein. Es muss Alles aus der Gnade hervorgehen. So helfe GOtt denn, dass unser ganzer Leben werde ein Leben aus Gnaden in Gnaden! Ja, Alles aus Gnaden!

Lieber HErr JEsus! Vor Dir sind alle Christen, die im Glauben stehen, gleich. Gib Du denn, dass wir in allen Gläubigen unsere Brüder und Schwestern sehen und sie als solche behandeln, die mit uns zu derselben Herrlichkeit berufen sind. HErr, schenke den Deinen wahre Liebe! Amen.

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