Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - IX. Der Schluss.

Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - IX. Der Schluss.

Predigt, gehalten am 1. Sonntag nach Trinitatis 1887.

Matthäi 6, Vers 13: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen!

Es geht durch die ganze Schöpfung ein wunderbarer Zug von unten nach oben; von dem Samenkorn an, das aus dem dunklen Schoß der Erde unbewusst seinen Keim dem Himmelslichte entgegentreibt, vom Wurm zu deinen Füßen, den der Frühlingssonne warmer Schein aus seinem Winterschlafe weckt, bis zu dem Adler, der mit gewaltigem Flügelschlage durch des Äthers lichtes Blau der Sonne zustrebt, bis hin zu dir selbst, der du den Blick wohl oft zu jenen Höhen wendest, in denen Sonne, Mond und Sterne wie Lichtfunken schwimmen, und versunken in ihre Betrachtung etwas ahnst von der Herrlichkeit dessen, aus dessen Schöpferhand sie hervorgingen: die ganze Schöpfung wartet mit emporgehobenem Haupte auf ihre Erlösung, strebt aus der Tiefe in die Höhe, aus der Enge in die Weite, aus Not und Tod zu ewigem, seligen Leben!

Liebe Freunde! Auch der Weg, den wir miteinander an der Hand des heiligen Vaterunsers gegangen, war weiter nichts als solch eine Bergfahrt aus dunklem Tal zur lichten Höhe, zu welcher uns das Sehnen unsers Herzens trieb, auf welcher uns die Liebe unsers himmlischen Vaters den festen und gewissen Reisestab in die Hand gedrückt in seinem Worte. Stufe um Stufe gings aufwärts: aus den dunklen Tälern menschlicher Sünde, menschlicher Not, vorüber an den Abgründen der Versuchung, hindurch durch die stechenden Dornen so manchen Übels, unter Beten und Seufzen, unter Kämpfen und Ringen, unter manchem saurem Schritt und mancher Niederlage, aber doch aufwärts hinauf zum Ziel. Nun stehen wir mit dem Schluss des heiligen Vaterunsers am Ziel auf lichter Höh. Die Sorgen und Nöte des Weges sind vergessen, das Bitten und Seufzen verstummt; hier oben können wir nur loben und danken:

Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, denn vor uns öffnet sich eine herrliche Aussicht, in uns wird lebendig eine tröstliche Einsicht, über uns erglänzt eine selige Fernsicht!

Hast du schon einmal in deinem Leben hoch oben auf waldumrauschter Bergeshöh gestanden? Nimmer, meine ich, wirst du solcher Stunde vergessen. Wie wird in der reinen Luft die Brust so weit und das Auge so klar, wie erneut und verjüngt sich im Anschauen und Genießen der Gottesnatur der ganze Mensch an Leib und Seele. Glücklich fürwahr der, dem es vergönnt ist, dem Getriebe und Gewoge der großen Welt, ihrer Arbeit und Sorge, dem Drucke von Giebeln und Dächern und der Straßen quetschender Enge einmal zu entfliehen und in stiller Bergeinsamkeit den müden Leib für neue Aufgaben, neue Arbeiten zu stärken.

Aber glücklicher noch der Mensch, der es begreift, dass vielmehr noch als sein Leib seine sorgende und schaffende Seele solch eines Ausruhens bedarf, glücklicher der, durch dessen Herz eine unbezwingliche Sehnsucht zieht nach den Bergen, von denen uns alle Hilfe kommt, glücklicher der, der im Gebete den Adlersflug zu ihnen wagt, um dort oben in heiliger Stille aus dem Gesundbrunnen des göttlichen Wortes zu trinken, dessen Wasser allen Durst stillen in Ewigkeit.

Und nun von dieser Höhe ein Blick ins Tal hinab, hinab zur Welt, in der wir sonst täglich wandeln. Weit über die Grenzen hinaus, die dort unten unserem Erkennen gezogen sind, schaut unser Auge in unermessliche Fernen; was groß und wichtig uns dort unten dünkte, wie klein und unbedeutend erscheint es hier oben im Verhältnis zu dem großen Weltraume, der uns umgibt; wie stürmt hier auf uns mit Macht der Gedanke herein, dass hoch über den kleinen, vergänglichen Dingen, in denen oft genug ein ganzes Menschenleben sich verzehrt, die Ewigkeit mit ihren Raum und Zeit umfassenden und bewegenden Fragen stehe.

Und nun gar die Aussicht von der Höhe des heiligen Vaterunsers so großartig ist keine zweite auf Erden zu finden. Zu unseren Füßen liegt die ganze Welt mit ihren Meeren und Ländern und Völkern. Die engen Schranken, die dort unten Abstammung, Glaube, Sitte ziehen, die künstlichen Dämme und Mauern, welche die menschliche Sünde zwischen den Völkern und Ständen erbaut, die Großtaten einzelner hervorragender Männer - das alles schrumpft in dieser Höhe in ein nichts zusammen; als ein einziges, großes Ganze bietet diese Erde sich dar, getragen von der Gnade des einen Vaters, erlöst durch die Liebe des einen Sohnes, die Werkstatt des einen Heiligen Geistes.

Sein ist das Reich! Wenn wir im Tal noch seufzten: dein Reich komme, hier ist's uns zu Mut, als ob der Heiland auch zu uns wie einst zu seinen Jüngern in jener Feierstunde am Jakobsbrunnen vor Sichars Toren spräche: hebt eure Augen auf und seht in das Feld. Ihr sagt, es sind noch vier Monde, so kommt die Ernte; ich sage euch, das Feld ist schon weiß zur Ernte.

Sein ist das Reich! Siehst du von dieser Höhe nicht die Boten eilen, welche den harrenden und wartenden Völkern das Evangelium bringen? Was wollen vor ihm, dem Herrn der Ewigkeit, Jahre oder Jahrzehnte sagen, die vielleicht noch vergehen werden, ehe die ganze Welt, von der Macht seiner Liebe bezwungen, ihm zu Füßen liegen wird?

Sein ist das Reich, so jubeln wir schon heut! Sein sind sie alle, auch die ihm noch widerstrebenden Menschenherzen: die tobenden Heiden, die lästernden Christen, die wider ihn ratschlagenden Könige und Weisen. Sie müssen doch alle ihm und seinem heiligen Liebesratschlusse dienen, ihm, der die Herzen der Menschen lenkt wie die Wasserbäche, dem, der auf dieser Höhe auch in deinem Herzen lebendig machen - eine tröstliche Einsicht in sein wunderbares Walten durch die Kraft seines Heiligen Geistes.

Denn sein ist die Kraft!

Mächtiger weht der Wind auf der Höhe. Wie dein Heiland es gesagt, so ist es: du hörest sein Brausen wohl, aber du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt; also ist ein jeder, der aus dem Geiste geboren wird.

Dort unten im Tal haben die Stimmen aus der Welt so oft seine Stimme übertönt und du merktest nicht, wie er dich rief und lockte; hier in der Höhe hörst du ihn allein. Mit Wundergewalt kommt er über das Menschenherz. Wer je in seinem Leben solche Gnadenstunde erfahren, der weiß von der Kraft des Heiligen Geistes zu sagen, welcher in einem Augenblicke vollbracht, woran unsere Kraft vielleicht ein ganzes Leben lang vergeblich gearbeitet: die Binde, die Sünde und Sorge vor unsere Augen gelegt, von denselben zu nehmen und uns in einen Himmel voll Seligkeit sehen zu lassen, den unsers Gottes Liebe vor uns erschloss.

Was den ersten Jüngern auf dem Berge der Verklärung geschah, das geschieht noch heut einem jeden, der dieser Kraft sein Herz willig öffnet; die Gestalt des Heilandes verklärt sich vor unseren erstaunten Augen zu der himmlischen Klarheit des Gottessohnes, der auch für uns Mensch geworden, gelitten, gestorben und auferstanden

sie nimmt die Zweifel, die niederzuringen unsere Vernunft sich umsonst gemüht; sie tröstet uns über unsere Sünde, darum unser Gewissen uns verklagt; sie wappnet uns gegen alle Versuchungen, dagegen wir so oft vergeblich gekämpft; sie lässt uns den Herrn finden, der von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels erlöst.

Wird's uns zu schwer, er geht voran,
Er steht uns zur Seite;
Er kämpfet selbst, er bricht die Bahn,
Ist alles in dem Streite!

Sein ist die Kraft! Wenn ein Moses vom Berge Sinai, auf dem er mit dem Herrn geredet, herabkommt und sein Antlitz leuchtet wie die Sonne, wenn die Apostel vom Ölberge hinabgehen, um vom Herrn gesegnet in seines Geistes Kraft die Welt zu überwinden, Freunde, seine Kraft ist noch heute in den Schwachen mächtig; täglich wiederholt sich dies Wunder an allen denen, die im Gebete auf der Warte gestanden, welche höher ist als der Sinai und der Ölberg. Wir sind im neuen Bunde nicht mehr an Ort und Stunde gebunden. Die Zeit ist gekommen, von welcher der Herr geweissagt, in der wir Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten, in der ein enges Stüblein, ein Sterbebett, darinnen ein armes Menschenkind zu seinem himmlischen Vater seufzt, zu einem Hochgebirge wird, darauf die verklärte Lichtgestalt unsers Heilandes den Himmel selbst vor uns erschließt und uns hinaussehen lässt in seine Herrlichkeit.

Sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit! Eine selige Fernsicht öffnet sich mit diesen Worten vor unseren Glaubensaugen: Die Welt der Vollendung und der Verklärung, in der es kein Klagen, kein Geschrei, kein Bitten, keinen Tod mehr geben wird, sondern in der Gott Alles in Allem sein wird.

Wohl hat seine Weisheit diese Herrlichkeit, die auch an uns soll offenbart werden, nur in wenigen Strichen uns gezeichnet und dabei die Seinen fragen dürfen: Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen rede, wie würdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen reden würde. Nimmer könnten unsre blöden Augen, welche das Licht der Sonne schon blendet, den vollen Glanz der Herrlichkeit dessen ertragen, der in einem Lichte wohnet, da niemand zukommen kann. Wir schauen jetzt nur durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; aber schon die wenigen Einblicke, die der Herr uns in das Jenseits vergönnt, lassen uns ahnen die volle Seligkeit der Herrlichkeit, die er uns geben wird.

Wir haben und halten vor allen Dingen ihn, unseren Heiland, der durch seine Auferstehung und Himmelfahrt uns die Gewissheit eines ewigen, persönlichen Lebens gegeben: Jesus, er mein Heiland lebt, ich werd auch das Leben schauen! Wir haben und halten ihn, der uns verheißen: in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen und ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten; wir wissen von ihm, dass dort bei ihm das Stückwerk unsers Erkennens aufhören wird und wir erkennen werden, gleich wie wir erkannt sind; und wir lernen uns freuen der Stunde, die uns mit ihm, unserem Meister, und durch ihn mit allen denen, die wir hier gekannt und geliebt und die an ihn geglaubt, wieder vereinigen soll.

Wie wird's sein, wie wird's sein,
Wenn ich zieh in Salem ein?
In die Stadt der goldenen Gassen;
Herr, mein Gott, ich kann's nicht fassen,
Was das wird für Wonne sein!

In Ewigkeit, Amen!

Was heißt denn Amen? Dass ich soll gewiss sein, solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und erhört; denn er selbst hat uns geboten, also zu beten, und verheißen, dass er uns will erhören. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, es soll also geschehen!

Und der Geist und die Braut sprechen: komm! Und wer es hört, der spreche: komm! Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.

Es spricht, der solches zeugt: Ja, ich komme bald. Amen. Ja komm, Herr Jesu!

Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!

Halleluja! Amen!

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