Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - VIII. Die siebente Bitte.
Predigt, gehalten am ersten Pfingstfeiertage 1887.
Matthäi 6, Vers 13: Erlöse uns von dem Übel.
Feiertag ist's. Auf der ganzen Welt ruht segnend der Geist des lebendigen Gottes, der nach sechs Tagen des Schaffens das Wunderwerk seiner Hände dadurch heiligte, dass er am siebenten Tage ruhte von allen seinen Werken, der Heilige Geist, der einst sieben Wochen nach der Auferstehung des Heilandes in Sturm und Feuersflammen vom Himmel hernieder auf der Jünger Haupt fuhr, sich auf einen jeden unter ihnen setzte und ihre Herzen und Zungen begeisterte zur ersten Predigt von dem Welten-Heilande und Erlöser, derselbe Geist, der vor allen Dingen den Aposteln die wahre Erkenntnis der großen Heilstaten erschloss, deren Augen- und Ohren-Zeugen sie gewesen waren, der Tröster, der mit allen Zweifeln auch alle Traurigkeit von ihnen nahm und sie mit jener Freude erfüllte, ohne welche sie nimmer die große Aufgabe gelöst hätten, die ihrer harrte: eine Welt voll dunkler Todesschatten, eine Welt voller Übel aller Art zu erleuchten und zu erlösen durch das Licht des Evangeliums, mit jener Freude, in der ihnen selbst Sterben Gewinn dünkte.
Könnte auch uns Größeres, Seligeres widerfahren, als wenn auch über uns am heutigen Pfingstfeste der Segen käme, dessen die ersten Jünger am ersten Pfingstfeste teilhaftig wurden, der Segen voller Erkenntnis in unserem Glaubensleben, freudiger Tatkraft für unseren irdischen Beruf, herzlicher Gemeinschaft in alles überwindender Liebe? Den Weg dazu zeigt uns die siebente und letzte Bitte im heiligen Vaterunser.
Von jenen ersten Jüngern wird uns berichtet, dass sie nach der Himmelfahrt Christi allerwegen im Tempel waren, Gott lobten und preisten. Betend warteten sie des verheißenen Heiligen Geistes, auf eine betende Gemeinde senkte er sich am ersten Pfingstfeste herab, betend treten auch wir hin vor den Thron unsers himmlischen Vaters und die siebente Bitte des heiligen Vaterunser wird in unserem Munde heut zu einem brünstigen Pfingstgebete, einem Pfingstgebete um die Pfingstgabe des Heiligen Geistes
für uns selbst und
für die ganze Welt.
Erlöse uns von dem Übel!
Den vollen Reichtum der himmlischen und irdischen Gnadengüter, mit denen unser Gott uns gesegnet, haben uns die sechs ersten Bitten des heiligen Vaterunser gezeigt. Wir denken heut bei der Summa, wie Dr. Martin Luther die siebente Bitte nennt, an unsers Gottes große Gnade, die er uns in seinem Namen verheißen, in seinem Reiche gegeben, in seinem Willen bekräftigt, in den irdischen Lebensgütern vor die Augen gestellt, in der Sündenvergebung und Bewahrung vor allen Versuchungen versiegelt hat. Warum jubelt unser Herz nicht auf in hellem Lob und Dank für das, was Er an uns getan? Warum folgen wir nicht vertrauensvoll in allen Stücken seiner Führung, warum fühlen wir uns bei allem Reichtum so arm, warum sind wir so oft unglücklich und unzufrieden?
Die Schuld liegt nicht bei ihm, sie liegt bei uns. Unsere Sünde schiebt sich immer aufs Neue wie eine trennende Wand zwischen den Heiligen und uns; Versuchungen und Verlockungen jeder Art in uns und um uns her sind Tag und Nacht geschäftig, uns von ihm und seiner Liebe zu scheiden; wie ein ertötender Reif legen sich auf unseres Glaubens keimende Saat Übel Leibes und der Seele, Gutes und der Ehre und der letzte Grund für all dies Leid ist unser eigener Dünkel, unser eigener Wille, der sich hoch erhaben dünkt über unsers Gottes Weisheit und Erbarmen und sich von seiner Vaterhand nicht leiten lassen will.
Darum hat Der, der wohl wusste, ein wie trotzig und verzagtes Ding das Menschenherz ist, und dass in ihm der Grund für alle Sünde und ihr Elend liegt, den sechs Bitten des heiligen Vaterunser noch die siebente hinzugefügt, die Bitte an Gott, uns los zu machen von uns selbst, und dazu uns die Kraft zu schenken, ohne die wir nichts im Kampfe mit uns vermögen: seinen Heiligen Geist. Ohne ihn kann niemand Jesum einen Herrn heißen, ohne ihn niemand Gott erkennen, der in einem Lichte wohnet, da niemand zukommen kann alle menschlichen Versuche, auf den Schwingen der eigenen Vernunft den Flug zu jenen unermessenen Höhen zu wagen und mit kühner Hand eigenmächtig den Schleier zu heben, den Gottes Weisheit zwischen das Diesseits und Jenseits gestellt, können die düstern Zweifel nicht heben, die volle Wahrheit uns nicht geben. Fühlst du es nicht selbst, dass es törichte Vermessenheit ist, den Ewigen, Allwissenden, Allgegenwärtigen messen zu wollen nach dem Maßstabe der endlichen Vernunft, die überall gebunden und gehalten ist durch die Gesetze des Raumes und der Zeit? Fühlst du es nicht, dass solch Beginnen dich zum Zweifeln und Verzweifeln an allem, an Gott, an dir selbst, an der Welt führen muss? Du kennst die Gestalt der Sage, der unsers großen Dichters Meisterhand Leib und Leben gegeben hat, jenen grübelnden, forschenden Gelehrten, der alle Gebiete der Wissenschaft durcheilend, im Banne seiner eigenen Vernunft die Welt der Ideale, in der er Jahre lang gelebt, zum Schlusse selbst zertrümmert, um dann, verzweifelnd daran, die Wahrheit zu finden, Vergessenheit zu suchen in wilder, ungemessener Lust. Gewaltiger noch zeigt uns die heilige Geschichte im alttestamentlichen Gegenstück zur heutigen Pfingstepistel, im Turmbau zu Babel und der auf ihn folgenden Sprachverwirrung, wohin des Menschen Geist gerät, der durch eigene Kraft die Geheimnisse der Gottheit ergründen zu können meint, und über die Welt des griechischen und römischen Altertums, die uns noch heut in Wissenschaft und Kunst unerreichte Vorbilder unsers eigenen Denkens und Schaffens bietet, urteilt ein Paulus aus eigener Erfahrung: eitel geworden in ihrem Vernünfteln, sind sie zu Narren geworden, da sie sich für weise hielten.
Erlöse uns von dem Übel. Alle Übel des Leibes, der Ehre, des Gutes, davon Luther in seiner Erklärung zur siebenten Bitte spricht, sind nur die Folgen dieses Übels der Seele, ihrer Trennung von dem lebendigen Gott durch die Sünde, darum fassen wir sie alle in dem einen Worte zusammen und bitten für uns selbst: erlöse uns von dem Übel, sende uns deinen Heiligen Geist, erleuchte durch ihn unsere Vernunft, regiere durch ihn unseren Willen, wehre durch ihn unserer Sünde, verkläre in ihm unser Leben, tröste durch ihn uns in unserem letzten Stündlein mit der seligen Gewissheit, dass der Tod nur der Eingang in das Leben voller Erkenntnis, voller Wahrheit sei!
Erlöse uns von dem Übel!
Aber nicht für uns allein beten wir heut also; wir beten auch für die ganze Welt: erlöse sie von dem Übel, weil auch für sie diese Bitte die Pfingstbitte im Besonderen ist, die Bitte um die Mitteilung des Heiligen Geistes als des neuen Lebensprinzips zur Vollendung der zweiten, geistigen Schöpfung, die einst am ersten Pfingstfeste zu Jerusalem begann.
Erlöse uns von dem Übel: wir beten diese Bitte, stehend auf dem festen Grunde einer Erfahrung von mehr denn achtzehnhundert Jahren und durch dieselbe fest geworden in der Überzeugung, dass die Kraft des in der Kirche Christi waltenden Heiligen Geistes seitdem diese Welt mit ihren Königen und Völkern gestaltet, dass sie die bestimmende und leitende Großmacht der Weltgeschichte geworden ist; ja mehr als das, dass überall, wo nicht menschlicher Unverstand und menschliche Selbstsucht diesen Gottes Geist dämpfte, das Evangelium auch der Welt eine Botschaft zum Leben, eine Erlösung von allem Übel geworden ist.
Mit Sauerteigsgewalt hat es einst die Welt des griechischen und römischen Altertums durchdrungen und siehe, die sterbende erstand zu einem neuen Leben. Jahrhunderte lang hat die römische Papstkirche den Geist dämpfen, das Wort Gottes in Ketten legen können, Jahrhunderte lang hat die Kirche nicht eine Macht des Lebens, sondern eine Macht des Todes sein können; aber die Stunde kam, wo, ein zweites Pfingsten in deutschen Landen, unter Sturm und Feuersflammen der Riesengeist geboren ward, der das Gebundene wieder löste, nicht in eigner Kraft, nicht durch Menschen Macht, nein in der Kraft und Macht des Geistes, darinnen ein Petrus vor dem hohen Rat zu Jerusalem, und ein Paulus vor des Kaisers Gericht zu Rom und er selbst, der deutsche Paulus vor Kaiser und Reich zu Worms bekannte: das Wort sie sollen lassen stahn und keinen Dank dazu haben, Er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Ist in den letzten Wochen auch vor deinem Auge im festlichen Spiele das Bild des Reformators deiner Kirche erstanden1), vergiss es nicht, dass das Geheimnis von seines Lebens Kraft und seines Sterbens Trost in dem Bewusstsein lag: mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist! Erlöse uns von dem Übel die neugestaltende Kraft des Heiligen Geistes ist eine beseligende zu gleicher Zeit. Nicht das geistige Leben allein verklärt die himmlische Weisheit und Wahrheit, auch das natürliche Leben entfaltet sich erst zu vollkommener Harmonie und Glückseligkeit, wenn die Kraft des Heiligen Geistes die Macht der Sünde in ihm gebrochen hat. Wie vor der lieben Sonne Macht die Spukgestalten der Nacht weichen, wenn sie am Morgen wie eine Braut aus ihrer Kammer festlich geschmückt an unserem Horizonte emporsteigt, so weichen vor der Gnadensonne der christlichen Wahrheit die dunklen Mächte der Finsternis und das Heer von Übeln, das ihnen folgt das Evangelium ist ein Gesundbrunnen für Leib und Seele, es heilt die Gebrechen des Körpers mit barmherziger Samariterliebe, es erbarmt sich der Armen und Elenden auf den Gassen und Landstraßen, es gedenkt der Witwen und Waisen, es geht nach den Verlorenen und Gefangenen, das irdische Gut und Besitztum heiligt es, die Ehre und den guten Namen schützt es, feindliche Brüder versöhnt es, dem Kriege und dem Hasse wehrt es, die Kluft der Stände überbrückt es, die Leiden lindert es, den Tod versüßt es.
Liebe Brüder! Was könnten wir Größeres zur Pfingstgabe für unser Volk, für die ganze Welt erbitten, als dass diese Lebensmacht nicht bloß unsere Herzen, nein auch unsere Häuser und Gemeinden, unsere Schulen und Kirchen durchströme wie ein gewaltiger, Leben und Seligkeit überall spendender Bergstrom?
Komm, Heiliger Geist, Herre Gott!
Erlöse uns von dem Übel!
Mach uns fröhlich und selig! Amen!