Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - V. Die vierte Bitte.

Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - V. Die vierte Bitte.

Predigt, gehalten am Sonntage Oculi 1887.

Matthäi 6, Vers 11: Unser täglich Brot gib uns heute.

Aus dem Knechtshause der Pharaonen hatte Gott die Kinder Israel erlöst. Ein freies Volk ziehen sie dahin zwischen Mara und Elim dem Lande zu, da Milch und Honig fließen soll, dem Lande, das ihnen teuer und heilig war durch die Erinnerung an die drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Aber kaum haben sie den Saum der Wüste überschritten, kaum hat die Not dieser Sandfläche begonnen, da hebt schon ihr Murren an. Vergessen ist das Elend vergangener Tage, vergessen das hohe Ziel ihrer Wanderung: sie klagen wider Mose und Aaron, sie murren wider den gnädigen Gott, sie wollen zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens und der gnädige und barmherzige Gott hat Geduld mit den Toren und sendet ihnen Manna vom Himmel, ihren Hunger zu stillen.

Liebe Freunde! Unser Vater im Himmel weiß, dass auch wir, die Kinder des neuen Bundes, in unserem Glaubensleben jenen törichten Kindern des alten Bundes gleichen. Aus dem Knechtshause der Sünde hat er uns durch Jesum Christum, den Moses des neuen Bundes, hinausgeführt und ein seliges und tröstliches Kanaan hat er uns als Ziel unserer Wanderung in den drei ersten Bitten des heiligen Vaterunsers vor die Augen gestellt: sein Reich, in dem sein Name geheiligt wird und sein gnädiger und guter Wille geschieht. Fleisch und Blut aber kann sich nicht losmachen von den Dingen und Lüsten dieser Erde, unser Vater im Himmel weiß es wohl, und darum antwortet er aus unsere Sünde nicht mit seinen Gerichten, sondern öffnet über uns in der vierten Bitte seinen Himmel, um uns Brot zu geben für unseren hungernden Leib, Brot im weitesten Sinne des Wortes, das heißt nach Dr. Martin Luthers Erklärung: alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, als Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und getreue Oberherrn, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen. So lasst uns heut dieser Bitte gegenüber fragen, wozu sie uns auffordert; und wir antworten darauf: sie fordert uns auf zum

Erkennen und Danken, zum
Arbeiten und Geben.

Gib uns unser täglich Brot - auf das Wörtlein geben legen wir den ersten Nachdruck, das Wort soll uns hineinführen in die rechte Erkenntnis, dass wir auch die irdischen Güter, die wir besitzen, nicht uns selbst, nicht unserer Weisheit und Kraft, sondern allein der Barmherzigkeit unsers himmlischen Vaters verdanken. Okuli heißt der heutige Sonntag, das heißt auf Deutsch „die Augen“. So wird er genannt nach der Lektion aus dem fünfundzwanzigsten Psalm: „meine Augen sehen auf den Herrn“ (Psalm 25, 15), welcher in der alten christlichen Kirche an diesem Sonntage verlesen wurde. Wir aber gedenken heut bei dem Worte Okuli auch des anderen Bibelwortes: „aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du tust deine milde Hand auf und sättigst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen.“

Gott gibt das tägliche Brot, lehrt uns Gottes Wort; gib uns unser täglich Brot, bitten darum Gottes Kinder, und ihre Herzen werden getrost und fröhlich in der Erkenntnis, dass es der Vater im Himmel ist, der die Lilie auf dem Felde kleidet, den Vogel auf dem Dache erhält und solches noch viel mehr denen tun will, die allein nach seinem Ebenbilde geschaffen sind.

Er gibt, wir wissen es, das tägliche Brot auch ohne unser Gebet allen bösen Menschen; trotz aller Sünde und Missetat lässt er täglich über der ganzen Welt seine Sonne ausgehen, und lässt regnen und gibt fruchtbare Zeiten und weil er das tut, darum glauben wir, dass er die nicht verlassen noch versäumen wird, die im Vertrauen auf diese seine Liebe ihn bitten: gib uns unser täglich Brot.

Antwortet aus eurem eigenen Leben, aus eurer eigenen Erfahrung: so lange ist er bei euch, habt ihr je Mangel gehabt? Beschämt müssen wir alle, wie einst Jesu Jünger, gestehen: Herr, nie, keinen! Immer hat er gegeben, immer hat er geholfen; war die Not am größten, war seine Hilfe am nächsten. Herr lass uns das erkennen, damit wir mit Danksagung empfangen unser täglich Brot!

Mit Danksagung! Das ist ein ernstes Wort an alle die, die verlernt haben, über dem lieben täglichen Brote dem zu danken, der es gab; ein ernstes Wort an alle die Häuser, in denen Tischgebet und tägliche Andacht, die das tägliche Brot erst weiht und segnet, fehlt, aber auch ein ernstes Wort an alle die, denen das Danken nicht von Herzen kommt, weil sie scheel auf den Nächsten sehen, dem ein reichlicheres Teil an irdischen Gütern zugefallen.

Liebe Freunde! Es steht in unserer Bitte ein kleines Wörtlein, das von den meisten Menschen übersehen oder wenigstens leicht übergangen wird, das Wörtlein „heute“. Ausdrücklich hat uns unser Heiland geboten, nur so viel irdisches Gut von Gott zu erbitten, als wir für heute gebrauchen, und seine Weisheit weiß auch, wozu uns das gut ist.

über die Toren und Einfältigen, welche dieses Lebens Glück in Geld und Gut und großem Namen zu finden meinen, ohne zu bedenken, dass jenes die Diebe über Nacht stehlen, diesen die Neider an einem Tage vernichten können! O über die Toren, die jeden Reichen für einen glücklichen Mann halten, weil er sich keinen seiner Wünsche zu versagen braucht, und nichts ahnen von der goldenen Lasst, die den armen Reichen oft sehnsüchtig nach dem reichen Tagelöhner blicken lässt, der von jener nichts fühlt! Köstlicher als diese Güter ist Gesundheit des Leibes, köstlicher als Gesundheit des Leibes ist ein zufriedenes Herz, das über einem Stück schwarzen Brotes und einem Becher kalten Wassers danken kann: dankt dem Herrn, denn er ist freundlich - wir bitten in diesem Gebete, dass Gott es uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser täglich Brot.

Aber nicht zum Bitten und Danken allein ermahnt uns die vierte Bitte, nein auch zum Arbeiten und zum Geben.

Unser täglich Brot, sagt das heilige Vaterunser. Unser ist nur das, was wir selbst uns durch unsre redliche und ehrliche Arbeit erworben haben. Wir haben kein Recht, von unserem Brote zu sprechen, wenn es erpresst und erwuchert ist und die Tränen der Hintergangenen und Betrogenen daran hängen; unser ist es nicht, wenn es gestohlen ist, es sei auf grobe oder feine Art, durch falsche Ware oder Waage, durch Erbschleicherei, durch Meineid, durch groben oder feinen Mord; unser ist es nicht, wenn's im Spiel oder durch Sabbatschändung gewonnen ist; unser ist es nicht, wenn es Bettelbrot ist; unser nicht, wenn es mit Schanden verdient und in Lüsten wieder vergeudet wird; unser Brot ist auch das von den Vätern ererbte nur dann, wenn wir noch einmal es uns verdienen: was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Mit einem Worte: die vierte Bitte ist kein Ruhekissen für träge Leute, sondern will uns vielmehr mahnen zur Arbeit, wie sie alle ehrliche Arbeit auf Erden segnen will. Unser Beruf auf Erden ist die Arbeit, und kein köstlicherer Lohn kann für jede Arbeit, die im Schweiße unsres Angesichts getan ist, gefunden werden, als wenn sich an ihr die Mahnung des Apostels erfüllt: schaffe mit deinen Händen etwas Gutes, auf dass du hast dem Dürftigen zu geben.

Unser täglich Brot gib uns heute, sagen wir zuletzt. Uns mit diesem Worte wandelt sich das kleine Kämmerlein oder die große Kirche, in der du dein Vaterunser betest, zu einem Brothaus, in dem die Menschen der ganzen Welt sich um den Tisch deines himmlischen Vaters drängen. An sie alle sollst du denken, so oft du für dich um das tägliche Brot bittest, sie alle soll wie bei jeder anderen Bitte des heiligen Vaterunsers dein betendes Herz, hier noch deine helfende, gebende Hand umschließen; Arme haben wir ja allezeit bei uns und in ihnen den, der gesprochen hat: was ihr getan habt der geringsten einem, die an mich glauben, das habt ihr mir getan.

Freunde! Wie viel Not und Sorge um das liebe tägliche Brot birgt nicht ein einziger Tag in einer einzigen Stadt wie der unsrigen! Gewiss, das tausendfältige Elend ist meist selbst verschuldet; aber Gott hat uns nicht zu Richtern über dasselbe gesetzt, sondern vielmehr zu Rettern im Geiste der Liebe, die den Tausenden in der Wüste einst das Brot brach und den Schächer am Kreuze begnadigte.

Das tausendfache Elend kann nur durch tausendfache Hilfe geheilt werden, die Unzufriedenheit, die mit Murren anstatt mit Danksagung ihr Brot isst, nur durch den Erweis der alles überwindenden Liebe, welche die Trotzigen und Verzweifelnden unter das Kreuz nach Golgatha führt und dort die hungernden Seelen mit dem wahren Lebensbrot speist. Das irdische Brot, das du dem Armen reichst, tut's nicht allein. Christen sollen wissen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht. Das erst ist das wahre Manna, welches das irdische Brot an uns, in uns und durch uns verklärt und segnet zu einer unvergänglichen Speise.

Dein Wort sei meine Speise,
bis ich gen Himmel reise!
Amen.

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