Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - IV. Die dritte Bitte.

Predigt, gehalten am Sonntage Septuagesimä 1887.

Matthäi 6, Vers 10: Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel.

Den Heiligen in Israel, dem Cherubim und Seraphim das ewige Halleluja singen, hat uns die erste Bitte des heiligen Vaterunser gezeichnet. In der zweiten Bitte trat uns unser Gott entgegen in seiner göttlichen Majestät und Herrlichkeit als König Himmels und der Erden, um dessen Thron sich ein unzählig Volk aus aller Welt Zungen drängt bliebe es bei diesen beiden ersten Bitten, fürwahr wir könnten gegen unseren Gott kein anderes Gefühl gewinnen als das der Furcht und des Schreckens vor dem heiligen und strengen Richter, vor dem kein Sterblicher bestehen kann.

Nun aber heißt es weiter in der dritten Bitte: dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Aus der Welt der Vollendung und Verklärung führt uns diese Bitte zur Welt des Verderbens und der Versuchung, aus dem Dom und dem Thronsaal in das stille Ratszimmer, darinnen die Pläne ersonnen werden, nach denen diese Welt und aller Menschen Geschicke auf ihr geleitet werden sollen, darinnen der heilige Gott und der allmächtige König sich wandelt in den barmherzigen Vater, der mit seinem Liebeswillen nicht bloß die größten, die Welt bewegenden Dinge, nicht bloß Jahrtausende von Zeiten und Millionen von Völkern, sondern auch jede einzelne Menschenseele, ja die Lilie auf dem Felde und den Sperling auf dem Dache und das Haar auf unserem Haupte umschließt. Uns allen zum Trost will die dritte Bitte im heiligen Vaterunser uns geben

einen Einblick in Gottes Herz und
einen Trostblick für jeden Schmerz.

Einen Einblick in Gottes Herz.

Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, so beten wir in dieser Bitte, ob wir gleich wissen, Gottes guter und gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet. Ehe es Menschen gab, die ihn bitten konnten, da war es sein guter und gnädiger Wille, der diese Welt mit allen ihren Geschöpfen ins Dasein rief, der nichts anderes wollte, als dass diese Erde sein Tempel und der Mensch auf ihr sein Kind und sein Priester sei. Und eine sündige, abtrünnige Welt, die von ihm und seinem heiligen Willen nichts wissen und zu ihm nicht beten wollte, hat sein Liebeswille darum doch nicht ausgegeben und verlassen. Über den durch die Sündflut zerstörten Götzentempel der alten Welt stellt er seinen Friedensbogen in die Wolken und schreibt seinen Liebeswillen dazu in die geängsteten Herzen der übrig gebliebenen Menschen: ich will hinfort die Erde nicht mehr verfluchen um der Menschen Willen.

Ja mehr als das: er will, dass allen Menschen geholfen werde und dass sie alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Darum sendet er seinen Sohn auf diese Welt hernieder, darum unterwirst sich der Sohn in allen Stücken von der Krippe zu Bethlehem bis zum Kreuz auf Golgatha dem Willen seines Vaters Weltschöpfung, Welterhaltung, Welterlösung, ohne dass wir um diese Güter gebeten haben, sind sie zu uns gekommen und stehen noch heute in einer tobenden, gegen den heiligen Willen Gottes sich auslehnenden Welt ohne unser Gebet als helle Beweise der unermesslichen Liebe unsers Gottes.

Daran will dich, so oft du das heilige Vaterunser betest, die dritte Bitte stets aufs neue erinnern. Hebe deine Augen auf und siehe um dich, in tausend und aber tausend Gestalten erinnert dich jeder Tag, jede Stunde deines Lebens an diesen heiligen Liebeswillen deines Gottes. Jeder Glockenton vom Kirchturm klingt es hinaus über die sorgende, in irdischer Lust und irdischem Leid sich verzehrende Welt: Gott ist die Liebe, er sucht auch dich, er will auch dich retten, komm, lass dich versöhnen mit deinem Gott! Jedes stumme Kreuz auf einem stillen Grabe predigt dir mit gewaltiger Stimme den Sieg, den deines Heilandes Liebeswille dir zum Trost über Tod und Grab davongetragen hat und gibt dir die Versieglung seiner Verheißung: Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, allzeit bei mir sein. Jede Stätte christlicher Barmherzigkeit, in der nach Gottes Willen und in Jesu Namen Barmherzigkeit geübt wird an den Elenden, Kranken und Verkommenen, ja jedes christliche Haus, dessen Leben sich regelt nach dem Willen und Gebote Gottes und von dem darum Lebensströme in die Gemeinde sich ergießen, das ganze Werk innerer und äußerer Mission und das Leben einzelner Gotteskinder, deren Willen sich mit dem Willen ihres himmlischen Vaters deckt, künden uns diesen guten und gnädigen Willen und lassen uns einen Einblick tun in die Liebe dessen, der ohne Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben, gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte ist.

Einen Trostblick für jeden Schmerz

Und damit verklärt sich uns die dritte Bitte zu einem Trostblick für jeden Schmerz. Gottes guter und gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet, wir haben es soeben gesehen; dennoch bitten wir in diesem Gebete, dass er auch bei uns geschehe, dass aller böser Rat und Eigenwille in uns und um uns gebrochen werde, daraus allein all der Jammer und all die Not hervorgeht, die uns hienieden drückt, dass wir den gnädigen Willen unsers himmlischen Vaters an allen Lebenstagen und in allen Lebenslagen erkennen und von ihm allein uns leiten lassen, still und fröhlich allzeit in der Gewissheit, dass es nur das Beste und das Seligste ist, was er mit uns vorhat.

Man hat die dritte Bitte die schwerste im heiligen Vaterunser genannt und wahrlich mit vollem Recht. Wir alle müssen erst durch viel Kreuz, durch manche zertrümmerte Hoffnung, durch manche Enttäuschung und bittere Erfahrung hindurch, ehe der Trotz unsers eigenwilligen, selbstsüchtigen Herzens gebrochen ist und wir danach uns sehnen, von uns selbst los zu kommen, ehe wir wirklich beten lernen: dein Wille geschehe, nimm mich mir und gib mich dir!

Mit tausend und aber tausend Fäden sind wir an dieses Leben und seine Güter gebunden; wir wollen und sollen beides nicht gering schätzen, gewiss nicht; Weltflucht wäre nicht minder unchristlich, unevangelisch als Weltsucht; aber über der Welt und ihren Gütern, um derentwillen wir nur zu oft das ganze Leben einsetzen, soll uns doch der stehen, der gesagt hat: habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wer Vater und Mutter, Bruder und Schwester mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert! Die Forderung ist nicht leicht. Frage dein Herz mit seinem Dichten und Trachten, wie viel, wie unendlich viel dich hindert, auf diese Forderung deines Heilands freudig zu antworten: dein Wille, Herr, geschehe - aber frage dich auch und gestehe dir auch, dass aller Schmerz und alle Unruhe deines Lebens daher kam, dass du dein Herz an die vergänglichen Güter gebunden hattest und sie höher achtetest als das unvergängliche Kleinod, das dein Gott im Glauben dir anbot. Glück und Glas, wie leicht bricht das, und wie manches Menschenherz bricht mit seinem irdischen Glücke, weil es alles darauf gesetzt. Wer seines Lebens Wert nach den Ruhmeskränzen misst, welche eine bewundernde Mitwelt ihm flocht, der wundere sich nicht, wenn diese welken, jenes ihm schal und leer erscheint; an tausend und aber tausend Abgründen führt der Weg vorbei zur steilen Höhe irdischen Ruhmes und irdischer Ehren, die menschlicher Eigenwille so gern erklimmt ohne vorher sich vergewissert zu haben, ob seine Kraft auch ausreicht, alle Gefahren siegreich zu überwinden auch in das schönste und innigste Verhältnis, welches zwei Menschen hienieden in Freundschaft und Liebe aneinander kettet, fallen die dunklen Schatten menschlichen Eigenwillens, menschlicher Selbstsucht, fällt der bittere Wermutstropfen der Gewissheit: es ist bestimmt in Gottes Rat, dass man vom Liebsten, das man hat, muss scheiden, eine Gewissheit, die das selbstgewollte und selbstgebaute Glück vernichten muss, wenn diese größte Disharmonie unseres Lebens sich nicht löst in die Harmonie des göttlichen Willens: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit!

Selig allein der, der unter dieses Lebens vergänglichen Bildern und menschlichen Wissens und Wollens Irrtümern den festen, sicheren Grund gefunden, der unbeweglich steht, den Liebeswillen seines Gottes und mit ihm die Erkenntnis, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge müssen zum Besten dienen: Mag dann der Boden unter unseren Füßen wanken, hier ist der sichere Fels, auf den wir uns flüchten können, der Fels mit dem Kreuz, das uns mahnt: wer mein Jünger sein will, der muss sein Kreuz mir nachtragen - Menschen mögen dann alles Böse und alles gebrannte Herzeleid uns antun, eines können sie nimmer, unseren Namen ausstreichen im Buche des Lebens, da bleibt er wohl stehen. Das ist Gottes guter und gnädiger Wille. Herr, dein Wille geschehe! Amen.

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