Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - III. Die zweite Bitte.
Predigt, gehalten am 1. p. Epiph. 1887.
Matthäi 6, Vers 10: Dein Reich komme.
Aus der Schlosskapelle unsers himmlischen Königs, darinnen wir mit der ersten Bitte des heiligen Vaterunsers am ersten Tage dieses neuen Jahres gestanden und Neujahrstrost und Neujahrsmahnung mit der ganzen Christenheit vernommen haben, führt uns die zweite Bitte in einen Thron- und Audienzsaal, wie ihn gewaltiger und herrlicher kein irdischer Fürst je gehabt hat noch haben wird. Seine Säulen und Pfeiler die Propheten und Apostel, an seinen Wänden hohe heilige Gestalten, welche die Seele mit heiligen Schauern erfüllen: die Großen im Reiche Gottes von Abraham an bis auf die Gegenwart, im Lichtgewande der Verklärung mit Palmen des Sieges in ihren Händen, und über ihnen im höheren Chor alle Heiligen und Märtyrer in den weißen Gewändern der Gerechtigkeit. Ein wunderbarer Thron ist in diesem Saale aufgerichtet, er hat seinesgleichen in keinem Königssaal: ein schlichtes Kreuz und darunter eine hölzerne Krippe, Golgatha und Bethlehem steht an ihnen, über ihnen in Flammenschriften der Wahlspruch dieses Königthrons: kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, und daneben steht eine lichte Gestalt!
Kennst du sie nicht? Will das Herz dir vor Liebe nicht schmelzen zu ihm, dem Manne der Liebe und der Schmerzen, der einst in jener Krippe gelegen und an jenem Kreuz gehangen, und der nun seine durchgrabenen Hände ausstreckt gegen das Volk aus aller Welt Zungen, das sich im Saale zu seinen Füßen drängt?
Er hat das Reich der Gottesgnade der harrenden und sehnenden Welt gebracht. An der Krippe zu Bethlehem hat's mit dem Lobgesang der Engel und mit der Huldigung der Weisen aus dem Morgenlande begonnen, im ersten Pfingstfeste ist es unter Sturm und Feuersflammen in sichtbarer Gestalt erschienen: seine Kirche, die rettende Arche! Nun steht es da mitten unter uns, in Wundern und Kräften sich offenbarend allen denen, die es sehen wollen, innerlich in den Herzen der Menschen, äußerlich in seinen Ämtern und Ordnungen, in Wort und Sakrament. Es ist da ohne äußere Macht, ohne Waffen, ohne Kriegsheere und doch die einzige Großmacht, welche den Gang der Weltgeschichte bestimmt und leitet. Es ist da, richtend die Wege der Könige, die Gewissen der Menschen, das Wesen dieser Welt; segnend Haus und Herz, Gemeinden und Staat; aus immer neuen Niederlagen schreitet es fort zu immer neuen Siegen; heut scheinbar tot und begraben, und morgen erstehend in neuer Kraft und Herrlichkeit; ein Reich, nicht von dieser Welt, und doch alle Verhältnisse derselben mit Sauerteigsgewalt durchdringend - ehe wir es ahnten, hat es bestimmend auch auf unseres Lebens Geschicke eingewirkt; im Segen dieses Reiches wandeln wir alle hienieden, auch die, denen sein Symbol, das Kreuz, eine Torheit oder ein Ärgernis ist; jede Kirche, jede Kapelle, jedes Samariterhaus redet in Steinen zu uns die Predigt von diesem Reiche, jede Glocke ruft es hinein in die sorgende Welt, jedes Kreuz auf einem Grabe predigt es: das Reich Gottes ist herbeigekommen und dennoch bitten wir mit Millionen täglich: dein Reich komme!
Wie sollen wir das verstehen? Liebe Freunde, wir feiern heut den ersten Sonntag nach dem Epiphanienfeste, an dem wir jener ersten Heiden aus dem Morgenlande zu gedenken pflegen, die suchend dem Stern am Himmel folgten, bis er sie hingeführt hatte zum Christkindlein nach Bethlehems Stall. Millionen sind seit jener Gnadenstunde den drei Weisen gefolgt und haben Eingang in das Reich Gottes und in ihm Friede, Freude und Gerechtigkeit gefunden; aber andere Millionen harren heut noch der Erlösung, die auch sie frei machen soll aus der Sünde und des Todes Ketten!
Wenn wir heut an dieser Stätte diese Missionsbitte des heiligen Vaterunsers beten, will uns das Herz nicht höher schlagen in dankbarer Erinnerung an den Segen, der aus dieser Missionsbitte von dieser unserer Gemeinde einst in die Welt hinausgeströmt ist? Hier diese Kanzel war es, von der zuerst die Missionspflicht unserer deutsch-evangelischen Kirche gepredigt wurde von dem Manne, den die Geschichte mit Recht den Vater der deutsch-evangelischen Heidenmission genannt hat, von A. H. Francke; hier unter dieser Kanzel hat der Mann Gottes die erste deutsch-evangelische Missionsgemeinde gesammelt, die betend auf ihren Knien mitgeholfen hat, das Wort der zweiten Bitte in die Tat zu übersetzen; hier ist der Ort, von dem das erste deutsch-evangelische Missionsblatt ausgegangen ist und im Sinne und Geist der zweiten Bitte Beter und Geber für die Mission geworben hat. Wach auf, du Geist der ersten Zeugen, wach auf evangelische Gemeinde von Skt. Georgen und besinne dich deiner hohen Ritterschaft! Deine Toten mahnen und rufen dich heut, wo unserem ganzen Volke eine neue Tür zur Missionsarbeit aufgetan ist: mache dich auf und werde Licht, mit der Lebensbotschaft der Mission zu erleuchten und zu trösten die Völker, die im Dunkel des Todes noch wohnen! Mache dich auf und werde Licht!
Dein Reich komme! Ob es schon mitten unter uns in greifbarer und sichtbarer Gestalt dasteht, ein Segen für Alle, wie viel Trotzige und Widerstrebende zählen wir doch auch in der Christenheit, die nichts wissen wollen von diesem Reiche und seinen heiligen Ordnungen. Da steht ein großes, stattliches Haus vor uns, in dem nichts an Glanz und irdischem Gut fehlt, und doch ist es keine Stätte des Friedens; denn fremd und schuldbewusst stehen sich Mann und Weib in ihm gegenüber; von Gott und seinem Wort hören die Kinder nichts, beten lernen sie nicht, sie werden nur für die Welt erzogen: das Reich Gottes suchen wir da vergebens. Und nun das Gegenstück dazu: das Haus des Armen, eine Stätte des Elends, vielleicht der Schmach und der Schande; die Frau schimpft, der Mann flucht, die Kinder hungern, betteln, stehlen, die Kleidung versetzt, der Wochenlohn vertrunken, das Reich Gottes ist da nicht.
An alle die verlorenen Söhne und Töchter unseres Volkes erinnert uns die zweite Bitte, an die heimatlosen Bettler auf den Landstraßen, die gefangenen Verbrecher im Zuchthause, die gefallenen Mädchen, die verwahrlosten Kinder, die trostlosen Eltern, die unversorgten Witwen und Waisen hast du schon daran gedacht, wie viel Sündennot und Sündenelend eine einzige Stadt wie die unsrige in ihren Mauern birgt, wie viele Menschenseelen durch eigene oder fremde Schuld in einer Nacht hier wohl verloren gehen?
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen! Wach auf, du Geist der ersten Liebe! Deine Brüder sind's, die fern vom Hause deines und ihres Vaters im Himmel im Elend vergehen. Gewinne ein Herz für die Werke der inneren Mission! Eine leuchtende Siegesstraße hat der Herr und König des Gottesreiches auch in deinem Volke aufgemacht: wo ein Diakonissen- oder Siechenhaus steht, wo ein Waisenhaus die Vaterlosen sammelt und ein Magdalenenstift die Gefallenen birgt, wo eine Herberge zur Heimat dem Wanderer winkt oder ein barmherziger Samariter dem am Wege Verschmachtenden Del und Wein in die Wunden gießt, wo Morgen- und Abend-Segen, Tischgebet und Sonntagsfeier das Leben im Hause verklärt und heiligt: da wird das Wort der zweiten Bitte zur seligen, beseligenden Tat, und du sollst ein Helfer dazu werden, damit Gottes Reich auch zu uns komme.
Dein Reich komme! Wollen die Herzen und Hände gegenüber solcher riesengroßen Rettungsarbeit auch oft matt und müde werden, immer neuen Trost und neue Kraft sollst du dir für deinen Helferdienst an der Mission erbitten in der zweiten Bitte: dein Reich komme!
Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von ihm selbst, sagt Dr. Martin Luther in seiner Erklärung zu dieser Bitte. Das Wort ist ein Felsen, auf den wir uns flüchten können und sollen mit unseren Sorgen und Zweifeln an der Gegenwart und Zukunft. Gottes Reich kommt von ihm selbst, darin steht die untrügliche Verheißung, dass endlich alle Reiche dieser Welt, widerstrebend oder freiwillig, unsers Gottes und seines Gesalbten sein sollen und sein müssen. Der Advent der Gegenwart ist nicht der letzte; wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, so gewiss als der König der Wahrheit seinen Jüngern gesagt: siehe, ich komme wieder zu euch, so gewiss er seinen Richtern gedroht: ihr werdet des Menschen Sohn kommen sehen in den Wolken des Himmels, so gewiss als der Seher der Offenbarung von ihm bezeugt: siehe, er kommt und es werden ihn sehen, die in ihn gestochen haben und werden heulen alle Geschlechter auf Erden!
Jeder einzelne Wendepunkt in der Weltgeschichte ist nichts weiter als ein erneuter Hinweis auf den letzten Entscheidungspunkt: das erste Pfingstfest zu Jerusalem, die Vertreibung des Volkes Israel aus dem gelobten Lande, die Wiederherstellung des wahren Glaubens in der Reformation, der Massenabfall vom Glauben in der Gegenwart, das Wiederaufleben des Missionssinns in dem jetzigen Geschlechte das alles nur Vorspiele und Weissagungen auf die letzte Offenbarung unsers Herrn und seines Reiches.
Ihr Gläubigen hebt eure Häupter in die Höhe und achtet auf die Zeichen der Zeit: je gewaltiger Satanas seine Macht entfaltet, je allgemeiner der Abfall, je größer die Arbeit in der inneren und äußeren Mission, umso näher das Reich, um dessen Vollendung wir heut noch bitten: dein Reich komme, und über dessen Vollendung wir doch zugleich triumphieren: dein ist das Reich in Ewigkeit! Amen!