Ein Abgrund ruft den andern. Der Abgrund des Elends ruft an den Abgrund der Barmherzigkeit. Es ist aber der Abgrund der Barmherzigkeit viel größer als der Abgrund des Elends. Da denn ein Abgrund den andern verschlingen muss, so soll der Abgrund der Barmherzigkeit verschlingen den Abgrund des Elends. (Savonarola.)

Je länger ich dieser Glorie und Freude nachsinne, je tiefer ich forsche, je weitläufiger ich davon schreibe; desto mehr finde ich zu sinnen, zu forschen und zu schreiben. Es dürfte einer fast mit Thomas von Aquin in die Gedanken geraten, Gott könne alle Dinge viel herrlicher machen, als sie schon sind, nur nicht zwei Stücke, die Menschheit Christi und die Glorie der Seligen. Denn diese Stücke seien so vollkommen, dass sie von ihrem Künstler und Meister, Gott dem Herrn selbst, nicht vollkommener können gemacht werden.

Die Gottlosen achten es freilich nicht; aber es ist so. Wenn ein mächtiger König dieser Erde einen Fürsten oder Grafen seines Reiches mit holdseligen Worten nach Hofe bescheidet, mit besonderer Auszeichnung empfängt, zur königlichen Tafel zieht und in vertrauliche Gespräche sich mit ihm einlässt: so wird ihm damit eine große Freude bereitet und hohe Ehre angetan. Wie groß aber müsste die Freude und wie hoch die Ehre sein, wenn ein geringer Bürgers- oder Bauersmann, oder gar wenn ein verachteter Bettler oder elender Krüppel auf solche Weise von seinem Könige geladen, empfangen und hochgeehrt würde!

Und doch geschähe dies nur von, vor, bei und an Menschen. Wer will nun genugsam beschreiben die Glorie und Freude der Auserwählten, wenn sie von Gott dem Vater, von Gott dem Sohn, von Gott dem Heiligen Geiste nicht nur zum freundlichsten Gespräch und vertraulichsten Umgang berufen, sondern auch zu den heiligsten Freuden der himmlischen Mahlzeiten gezogen werden! Denn was sind wir Menschen gegen Gott? Staub und Asche, spricht Abraham.

Das ist nun der selige Stand, zu welchem die auserwählte Braut Jesu Christi gelangt. Und ist gewiss, dass über die wunderbare Veränderung die ganze Schöpfung voll Staunens und Wunderns ist. Die Engel verwundern sich, dass die Seele, welche hinabgestiegen war in das Land der Sünden und Mühseligkeit, nun aufgenommen ist in das Land der Gerechtigkeit und Ewigkeit. Aber verwundert euch nicht, ihr lieben Engel und himmlischen Heerscharen! Die Braut hatte dem Bräutigam das Herz genommen mit ihrer Augen einem, aus welchem die Quellen der Buße flossen, und mit ihrer Halsketten einer, welche mit den Tränen der Reue umwunden war, dass Er sich ihrer erbarmen musste. Der Teufel verwundert sich, dass die, welche er mit List gefangen, mit Gewalt umstricket und so lange Zeit gebunden hatte, in einem Augenblicke erlöst worden. - Aber verwundert euch nicht, ihr verfluchten Beliale und höllischen Geister! Die Braut hat dem Bräutigam das Herz genommen mit ihrer Augen einem, das von Traurigkeit gekränkt war, und mit ihrer Halsketten einer, welche ihr die Feinde umgeworfen hatten, dass Er sich ihrer erbarmen musste. Die Sünde verwundert sich, wie doch das Schuldregister, daran der Satan so lange geschrieben und darin er so manche Klage wider die auserwählte Seele angemerkt hatte, so geschwind ausgelöscht worden. Aber was will die Sünde sich verwundern? Dem Bräutigam brach das Herz gegen die Braut, dass Er sich ihrer erbarmen musste. Daraus flossen ganze Ströme der Barmherzigkeit und große Fluten der mildreichsten Verdienste, dass nicht nur einige Buchstaben, sondern die ganze Schrift auf einmal vertilgt wurde. Die Erde verwundert sich, dass sie, die um des Menschen willen aus Gerechtigkeit verflucht worden, nun samt dem Himmel um des Menschen willen aus Barmherzigkeit gesegnet worden. Aber was ist da zu verwundern? Das Herz brach dem Bräutigam gegen die Braut, dass Er sich ihrer erbarmen und den Fluch zum Segen machen musste. So muss sich nun schämen der Teufel, dass ihm seine List misslungen; die Sünde, dass ihre Schuld bezahlet; der Tod, dass ihm der Sieg gefehlt; die Hölle, dass ihr der Raub entgangen. Du heilige und herrliche Barmherzigkeit! Wir arme Menschen, soviel unser in diesem Jammertal daher wallen, sind dir mehr schuldig, als der Allmacht. Denn wenn wir der Allmacht verdanken, dass wir da sind, so verdanken wir Dir, o unendliche Barmherzigkeit, dass wir, die wir gefallen waren in der Zeit, erhalten sind in Ewigkeit. O Herr Jesu, der Du schwach warst in den Banden, da Du gefangen wurdest, aber stark in den Ausbeuten, da Du die Hölle plündertest; der Du verachtet in dem Leibe, da Du verhöhnt wurdest, aber mächtig im Streit, da Du ritterlich siegtest; missgestaltet im Tode, blutrot am Kreuze, aber in unaussprechlicher Klarheit auferstanden und mit unerdenklichem Triumphe aufgefahren bist: hilf, dass ich dermaleinst, wo nicht wohne, doch der Tür hüte in Deinem Hause. O Du unbeflecktes Lamm, der Du meinetwegen mit Blut überzogen, obwohl Dir die Farbe der Gütigkeit besser anstünde, denn der Grausamkeit: sei Du auf dem Erdenwege mein Führer und in der Himmelsstadt mein Beherberger. Amen.

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