Maurer, Heinrich - Beichtrede an Konfirmanden

Maurer, Heinrich - Beichtrede an Konfirmanden

über I. Kor. 5, 20

von H. Maurer,

Dekan und Professor am theologischen Seminar zu Herborn (Nassau).

Text: 1. Kor. 5, 20:

Lasst euch versöhnen mit Gott!

Geliebte in Christo! Eine Bitte habe ich heute an euch. Ich spreche sie aus im Namen meines Heilandes Jesu Christi und in dessen Auftrag als ein Botschafter, eine hohe und dringende Bitte: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Allezeit hat diese Bitte ihr Recht und wie sie Gottes Wort nicht an einen besonderen Tag gebunden, so ergeht sie von alters her durch den Mund der Botschafter an Christi Statt und wird ergehen an die Welt, an die Menschen, so lange es heute heißt, so lange Gnadenzeit ist auf Erden: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Doch hat die Bitte heute besonderen Anlass. Sind wir doch hier versammelt als eine Beichtgemeinde, die eine Abendmahlsgemeinde sein will. Wir wollen morgen zum Tisch des Herrn gehen, diese Kinder hier zum erstenmale. Wir wollen das Mahl der Versöhnung genießen und ihr, liebe Konfirmanden, wollt zuvor euch Gotte, eurem Heilande, auf dessen Namen ihr getauft und dessen rechtmäßiges Eigentum ihr seid, neu zusagen mit Bekenntnis und Gelübde. Wann wäre es mehr not, als jetzt, die Bitte auszusprechen: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Ja, dies ist not für uns. Es ist das Notwendigste, was es gibt für unser Herz, für unser Leben: die Versöhnung mit Gott.

Versöhnung sett Zwiespalt voraus, Störung des Friedens. Der Zwiespalt ist vorhanden. Er ist vorhanden zwischen Gott und uns, und die Störung des Friedens in dem eigenen Herzen ist die Folge davon. Wie die erste Sünde unsrer ersten Eltern sie innerlich von Gott getrennt, so ist durch alle Sünde aller Menschen die Scheidewand aufgerichtet: eure Untugenden scheiden euch und euren Gott von einander und eure Sünden verbergen das Angesicht, dass ihr nicht gehört werdet! Das gerade ist der Fluch der Sünde, dass sie den Zwiespalt mit Gott aufrichtet. Denn der Zwiespalt mit Gott, der das Licht ist, stürzt uns hinein in die Finsternis. Der Zwiespalt mit Gott, der die Liebe ist, stellt uns unter seinen heiligen Zorn. Das ist der Fluch der Sünde!

Wir müssen uns wohl vergegenwärtigen, dass wir durch jede neue Sünde an der Ausrichtung des Zwiespaltes arbeiten, und zwar dürfen wir hierbei nicht nur an grobe, auch äußerlich sich darstellende Sünde denken in Werken, o nein. Die Worte sind gleichwertig und die Gedanken nicht minder. Der Gott und Vater, der Heilige, der in das Verborgene schaut und die Herzen ansieht, kann ja nicht anders messen, als mit dem Maßstab der Heiligkeit seines Wesens.

Wollen wir aber etwas genauer uns dessen bewusst werden, wie not uns die Versöhnung mit Gott ist, dann muss ein jeder in seinen Lebenskreis blicken, in den Gott ihn gestellt hat, und muss sein Handeln und Wandeln in seinem Berufe, sein Tun und Reden in seinem Hause, sein Denken und Dichten in seinem Herzen prüfen vor Gottes Angesicht. Der Heilige Geist erleuchte uns mit seinem Licht und führe uns in die Stille, sei's auch nur eine einzige stille halbe Stunde vor dem Abendmahl zur rechten gewissenhaften Selbstprüfung und Selbstdemütigung.

Auch euch, ihr lieben Konfirmanden, ist es eine Aufgabe, in eurem Lebenskreis euch umzuschauen. Euer Lebenskreis ist noch klein bisher. Ihr habt verkehrt in eurem Hause, in der Schule, allermeist mit euren Eltern, und euer Verhalten gegen Gott stellte sich eben deshalb bisher hauptsächlich dar als Verhalten gegen eure Eltern, die Gott als Stellvertreter euch verordnet. Wie ich es in diesen Tagen euch schon gesagt, so wiederhole ich es heute: Vergegenwärtigt euch, welche Mühe und Sorge ihr bisher den Eltern bereitet, wie vielfach, mehr als ihr wisst und wissen könnet, ihr Vater und Mutter betrübt durch Ungehorsam, Trotz, Eigensinn, Widerspruch, Zorn, Trägheit, Lüge und dergleichen. Das sind so einige Punkte, auf die der Geist euch wolle aufmerksam machen, dass auch euch es klar sei: Ja, dass wir uns versöhnen lassen mit Gott, das ist not für uns. Denn in dem allen haben wir Gott beleidigt, und wenn es einem aufrichtigen Kinde in solchen Tagen, wie sie euch jetzt gegeben sind, nahe liegt, seine Eltern herzlich um Verzeihung zu bitten für alles, wodurch ihr sie bisher betrübt in diesen 14 Jahren eures Lebens, so ist dies nur ein Zeugnis für die um so größere Notwendigkeit der Versöhnung mit Gott. Darum meine Bitte: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Aber dies ist nicht bloß not für uns; es ist auch möglich für uns! Gottlob, dass es möglich ist.

Wo sollte der Apostel Paulus die Freudigkeit her bekommen, zu rufen: So bitten wir nun an Christi Statt: lasst euch versöhnen mit Gott, so zu rufen, gedrungen von der Liebe Christi, wo sollte jeder evangelische Prediger den Mut und die Freudigkeit her bekommen, aufzufordern und zu bitten, sich versöhnen zu lassen, wenn solche Versöhnung nicht möglich wäre? Wenn sie nicht möglich wäre für jeden, dann würde das Menschengeschlecht sich mühsam und trostlos verzehren in dem Hunger nach Gott und dem ungestillten Bedürfnis der Versöhnung. Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit wäre sein Los.

Aber gottlob, es ist ja möglich! Der Apostel bezeichnet das gute Fundament, auf dem aufgerichtet ist das Wort von der Versöhnung, gerade vor unserm Texte: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu. Er bezeichnet es aber gleich nach unserm Texte. Schließt er doch an die Bitte: Lasst euch versöhnen mit Gott! die gute Grundlage derselben an mit einem „denn“ ein großes „denn“ - „denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Das ist das große Werk des wunderbaren, unergründlichen Liebesentschlusses des Vaters, den uns verkündiget Weihnacht, Karfreitag, Ostern, Pfingsten. Es ist das große Geheimnis der Versöhnung mit Gott, unsrer Erlösung. Der Friede ist gemacht. Der Zwiespalt ist geheilt. Die Scheidewand ist weg. Der Vorhang ist zerrissen. Wir blicken hinein ins Allerheiligste. Wir gehen hinein. Das Vaterherz ist offen. Wir können wieder Kinder werden durch Christum und alles, alles ist aus dem Mittel getan, was zwischen uns und unserm Gotte lag. Es ist aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Gott selbst lässt uns bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Wer mit dem Bedürfnis nach Versöhnung kommt, hungrig und durstig nach Gott, wer im Glauben kommt und annimmt, was Gott in Christo ihm bietet, der erfährt das Jesuswort: Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen. Der Sohn nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zum Vater, und das Vaterherz schlägt liebend ihm entgegen, ihm, dem Kinde.

Und ist nicht gerade das heilige Mahl, das der Herr uns morgen reichen will, des ein Zeugnis? Will er in demselben uns noch die Gewissheit geben der Vereinigung mit dem Vater durch ihn selbst, den Sohn. Das ist seine große, reiche Gnade. Lasst euch versöhnen mit Gott!

Dies ist möglich und dies ist gesegnet. Versöhnt mit Gott haben wir Friede mit Gott. Wo aber Friede mit Gott ist, da kommt Friede ins Herz und wo Friede im Herzen ist, da kommt auch Freude in Gott und Glück und Leben. Versöhnt mit Gott sind wir seine Kinder und haben Vergebung der Sünden. Wo aber Vergebung der Sünde ist, da ist auch Leben und Seligkeit.

Wenn ein Zwiespalt bestand zwischen Vater und Sohn, zwischen Mutter und Tochter, es lag etwas zwischen ihnen, eine Sünde, ein Unrecht und nun hat das abtrünnige Kind Buße getan, und es ist alles wieder in Ordnung, was dazwischen lag, ist beseitigt, das Kind ruht wieder an dem Vaterherzen, dem Mutterherzen, welches Glück und welcher Segen, Freude und Wonne! Das ist nur ein armes Bild. Unendlich größer ist der Segen, Glück und Freude eines Gotteskindes, das versöhnt ist dem Vater.

Wie hebt da neues Leben an! Der Kindschaftsgeist ist ein mächtiger Geist, abzusagen dem Alten, anzuziehen das Neue. Der Liebestrieb des Kinderherzens ist ein mächtiger Trieb, ein Geistestrieb. Lust und Kraft, des Vaters Willen zu tun, lernt man da. Man mag nichts andres, als ihm, ihm allein gefallen. Die Versöhnung mit Gott ist die Grundlage alles Heils für Zeit und Ewigkeit. So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Amen.

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