MacDuff, John Ross – Abendopfer - 19ter Abend. Um Ertötung des Selbstischen
„Am Abend will ich beten“
„Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken als von uns selber; sondern, dass wir tüchtig sind, ist von Gott.“
2. Kor. 3, 5.
Gott, senke Deinen Blick an diesem Abend mit Erbarmen auf mich nieder, da ich aufs Neue in ehrfurchtsvoller Beugung Dein heiliges Angesicht suche. Welch eine unaussprechliche Gnade ist es doch, dass ich ungeachtet meiner großen Unwürdigkeit mich nahen darf einem heiligen Gotte, weil Er gnädig ist und von großer Güte und Treue.
Herr Jesu, ich komme zu Dir, arm, nackt und bloß und klammere fest an Deinem Kreuz mich an. Wie froh bin ich, dass ich absehen darf von meiner Sündhaftigkeit und Verschuldung und ausschauen zu Dir, dem Anfänger und Vollender meines Glaubens! Was wäre ich, wenn ich nicht wüsste, dass du Alles für mich vollbracht und Alles für mich gelitten hast, dass Du alle Gerechtigkeit erfüllt, die das Gesetz von uns fordert, in Deinem tätigen Gehorsam, und das heilige Opfer für mich dargebracht in Deinem leidenden Gehorsam, wenn ich nicht wüsste, dass Du alle Ketten der Sünde gebrochen, dem Tode und Teufel alle Macht genommen und die Welt mit ihren Lockungen und Verführungen für mich überwunden hast.
Lass mich nicht in der Sünde bleiben, nachdem Du so Großes für mich getan hast, nicht die Sünde gering schätzen, für die Du so Schweres erduldet hast. Lass mich nicht Dich, den Heiligen, der Du in unser sündhaftes Wesen herabgestiegen, um die Sünde selbst zu richten und zu vernichten, zu einem Sündendiener machen! Ich darf es nicht verhehlen vor Deinem Flammenauge, dass ich oft meine Sünde zu beschönigen suchte mit nichtigen Entschuldigungen, und sie nicht lauter und klar in das Licht vor Dein Angesicht gestellt habe. O, mein Herz ist ein gar betrügliches Ding. Gib mir Augen, die was taugen, Augen, meine Sünde zu schauen in ihrer ganzen Schwärze, sie zu verfolgen in allen ihren Schlupfwinkeln, zu durchblicken alle ihre Schliche und zu zerreißen die Schleier von Beschönigungen, in die sie sich einhüllt. Behüte mich vor aller eitlen Selbstliebe und Liebäugelei mit der Sünde. Ertöte mein Ich, den dunklen Despoten! Behüte mich vor Allem, was nicht löblich und lieblich, was eigenliebig und eigenwillig, ungütig und unfreundlich ist, vor Allem, womit ich mich selbst auf Kosten Anderer zu erhöhen suchen möchte. Immer reiner mach mich, aber auch immer kleiner! Lehre mich wandeln im Tale der Demut und mein höchstes Streben sein, mein Fleisch zu kreuzigen samt seinen Lüsten und Begierden. Nimm hin, Du heiliger barmherziger Heiland, mein ganzes Herz. Würdige es Deine Wohnung zu werden, herrsche Du allein darin! Lass neben Deiner Liebe keine andere Neigung in mir Raum gewinnen! Bewahre mich vor aller Entfremdung von dem hohen Ziele meines Lebens, durch die böse Neigung, mir selbst zu leben und zu dienen. Die Losung aller meiner Wege und Werke, aller meiner Gedanken und Worte sei: Ich bin nicht mehr mein eigen, denn ich bin teuer erkauft. - Lass je mehr und mehr Deine Stunde auch meine Stunde werden, dass ich harre in Geduld Deiner Gaben und Offenbarungen und niemals ungeduldig murre über vorenthaltene Segnungen oder getäuschte Hoffnungen. Dein Wille werde mein Wille, Dein Tun und Lassen je mehr und mehr meine Freude und mein Lob.
Herr, erbarme Dich Deines Zion! Lasse die Fülle Deiner Segnungen niederströmen auf Deinen heiligen Berg! Beschleunige das Kommen des Tages der Herrlichkeit, da Christi das Reich sein wird und die Macht über Alles!
Segne alle meine teuren Freunde, heilige die so leicht sich lösenden irdischen Bande, welche uns verknüpfen, durch Deine Gnade, dass sie unzerreißbar werden in Dir! Stelle meinen Lieben ums Bett die güldenen Waffen und Deiner Engel heil'ge Schar. Gib uns erquickenden Schlaf. Lass uns ruhen in Deinem Frieden, erwachen in Deiner Liebe, und erhöre uns Alle allezeit und überall um Jesu willen! Amen.
Mein Gebet müsse vor Dir taugen wie ein Räuchopfer, meiner Hände Aufheben wie ein Abendopfer!