Löhe, Wilhelm - David und Salomo - XXIII.
2. Chron. 5, 6-9; V. 10; 12-14.
1.
Zu der Zeit, da die Lade zur Ruhe gebracht wurde, war das Fest der Laubrüste so nah, dass die Gäste aus allen Teilen des Landes bereits zugegen waren. Wer nicht wegen der Weihe des Tempels kam, der kam um des Laubhüttenfestes willen. Man hatte zum Festgang diesmal einen doppelten Grund. Die Verbindung beider Feste ist sinnig. Mit dem Andenken an die Zeit der Wüstenwanderung, an welche das bewegliche Zelt der Stiftshütte noch immer erinnerte, verknüpft sich die Freude über die Sesshaftigkeit des Volks in seinem Lande und den nunmehr festen Sitz des Heiligtums.
Die große Menge der anwesenden Festgäste veranlasst die großartige Feier. Es kann auch bei geringer Versammlung Feier sein; aber wenn die Menge wogt und viel tausend Stimmen beten, spricht es mehr ans Gemüt der Einzelnen, weil da der Gedanke der Gemeinschaft kräftiger zum Ausdruck kommt und durch die Teilnahme vieler der Geist der Andacht geweckt wird. Zunächst nun wird die Lade unter zahllosen Opfern in das Allerheiligste gebracht. Tausende von Opfertieren werden geschlachtet, das Blut fließt in Strömen und das Ächzen so vieler Opfertiere stört die Festfreude Israels nicht. Aber ist es etwas anderes, wenn wir die Freude des heiligen Abendmahls aus den Todesleiden unseres einigen Sühnopfers Jesu Christi schöpfen? Wenn wir diese Verbindung von Christenfreude mit Leidens- und Todesgedächtnis vertragen, so müssen wir es auch gelten lassen, wenn hier unter dem Todesröcheln so vieler Opfer und dem gleichzeitigen Jubel der Kinder Israel die Lade zu ihrer Ruhe gebracht wird. Die Lade wird ins Allerheiligste gestellt, wo schon die kolossalen Figuren der Cherubim standen. Viermal fünf Ellen weit breiteten sie ihre Flügel aus, ihre Angesichter waren der Gemeinde zugewendet und unter ihnen ruhte die Lade, die so gestellt war, dass die Knäufe der Tragstangen am Vorhang, durch die Erhöhung, die sie bildeten, gesehen werden konnten zum Zeugnis der Gegenwart des HErrn im Heiligtum. Von dieser Stätte soll von nun an aller Segen über Israel kommen; wie die Gemeinde hierher ihr Angesicht zum HErrn wendet, so wendet der HErr von hier sein Angesicht zur Gemeinde. Aber wenn nun auch alles Gerät zugerichtet ist, der heilige Dienst selbst ist noch nicht in Ordnung, die Heiligung muss auf andere Weise kommen.
Das zum heiligen Gebrauch bestimmte Gerät ist noch nicht heilig, wenn es aus der Hand des Künstlers kommt; auch damit war es noch nicht geheiligt, dass die Priester es hineintrugen in das Heiligtum. Das Heiligtum war selbst noch nicht geheiligt. Die Braut ist geschmückt, aber der Bräutigam ist noch nicht da. Die Gegenwart des HErrn muss das Haus erst überschatten dann ist es geweiht zu Seinem Tempel.
2.
In der Lade ist das Zeugnis, die Tafeln, die Gott dem Mose gegeben hat, mit Seinem eigenen Finger beschrieben. Das ist die Hauptsache, dass die Gesetztafeln hineingelegt werden in die Lade Gottes, denn dadurch vereinigt sich die Gemeinde mit ihrem HErrn, dadurch gibt Israel zu erkennen, dass es des HErrn Volk sein wolle auf Grund des gesetzlichen Gehorsams. Nur wo der Wille zum Gehorsam geneigt ist, hat das Opfer einen Wert. Daher wird das Zeugnis in die Lade gelegt. Nach 5. Mos. 31, 26 sollte sich neben der Lade aber auch das Buch des Gesetzes also die ganzen 5 Bücher Mose1), und nach Ebr. 9, 4 auch die Zelte mit dem Manna (2. Mos. 16, 33) und dem blühenden Mandelstab Aarons (4. Mos. 17, 10) befinden. Zwar geschieht hier von diesen Gegenständen keine Erwähnung, aber sollten die Israeliten sie inzwischen verloren haben? Was wären die Tafeln ohne ihre Auslegung? Wer kann die 10 Worte vom Sinai verstehen, ohne die Geschichte der Welt bis dahin zu kennen? Auch sollte ja das Manna im Gedächtnis bleiben als Vorbild des Himmelsbrotes des Sakramentes, und Aarons Stab als Vorbild von der Unsterblichkeit des Amtes. Haben die Israeliten dies alles verloren, so sind sie dafür strafbar. Indessen das Gesetzbuch wenigstens, das man hernach unter Josua wieder fand, muss ja damals noch vorhanden gewesen sein, und übrigens waren ja alle diese Gegenstände nicht in, sondern neben und vor der Lade, so dass 2. Chron. 5, 20 nicht notwendig von Abhandengekommensein derselben gedeutet werden muss. Sie werden wohl alle vorhanden gewesen sein, wenn es auch hier nicht ausdrücklich gesagt ist. Ohne das Man, die Erquickung aus der Höhe, ohne den immergrünen Stab Aarons, die Leitung heiliger Gottesmänner, ohne das Gesetzbuch wäre ein Mangel dagewesen. So aber ist alles vorhanden, worauf man wartet. Der Tempel ist herrlich bereitet, er ist geschmückt mit dem heiligen Geräte und den uralten Heiligtümern vor der Lade. Es ist auch ein williges und verständiges Volk vorhanden, das weiß was es will: nämlich dem Gesetz sich unterwerfen, dem Amt sich unterordnen und warten auf die Labung vom Himmel, die das Man bedeutet.
3.
Wenn man sagt, dass die Bücher Samuelis und der Könige ganz im Interesse des Prophetentums, die Bücher der Chronika aber ganz im Interesse des Priestertums und des Davidischen Königtums geschrieben seien, so ist's halb wahr, halb nicht. Denn die Verfasser dieser Bücher hatten keinen ausschließlichen Zweck. Aber etwas Wahres ist an der Bemerkung. Der Verfasser der Chronik hat seine besondere Freude an der Schilderung des Gottesdienstes und der gottesdienstlichen Feier. Er schildert, wie die Priester in die Trompeten stießen und wie die Sänger sangen und wie alles so vollkommen zusammenstimmte, als wäre es eine einzige Stimme. Die ganze Schilderung ist sehr anschaulich. Die heiligen Geräte werden in den Tempel getragen, der König steht auf seiner Kanzel bereit zu reden, Israel wartet auf die Stimme der Sänger, die Posaunen tönen: da kommt von oben her die Wolke, die Wolke der Gegenwart Gottes und hüllt alles ein. Erst in der Wolke, dann im Feuer erscheint der HErr, um allem Volk zu zeigen, wie Er sich offenbart: eingehüllt in feierliches Dunkel, von dem die Schauer Seiner Gegenwart ausgehen. Es hat dem HErrn gefallen im Dunkeln zu wohnen - sagt Salomo. Die Augen werden geblendet von dem Schein der Wolke, die Priester können nicht stehen vor der Wolke und müssen herausgehen aus dem Heiligtum. So verkündigt sich die Gegenwart des HErrn.
Man hat die Frage aufgeworfen, ob der HErr auch nachmals beständig in der Wolke und im Feuer über der Lade sichtbar gewesen sei? Nun, hinter den Vorhang durfte Niemand schauen; auch der Hohepriester durfte nur einmal im Jahr und zwar auch nur unter der Rauchwolke des Gebets hinter den Vorhang gehen. Denn wenn der HErr aus der Wolke segnen soll, so muss Ihm der Mensch mit der Rauchwolke des Gebetes nahen. Da erschien ihm dann der HErr. Wenn aber der Hohepriester wieder hinausgegangen war, dann war es nicht nötig, dass Jemand die Wolken- und Feuersäule sah; aber jedenfalls ist von dem Tage an, da der HErr im Tempel Salomos einzog, der Tempel Seine wahrhaftige Wohnung, die Stätte Seiner Gegenwart gewesen und geblieben bis zur Zerstörung des Hauses, wie wir bei Ezechiel hören. Sichtbar war der HErr nicht allezeit, aber gegenwärtig ist Er alle Tage gewesen. Es muss ein Zeichen vorhanden sein, dass Er da ist aber von da an muss das Volk Seine Gegenwart glauben; Er ist gegenwärtig, aber man muss es glauben; Niemand darf hinter den Vorhang gehen und seine Augen überzeugen wollen. Auch im Neuen Testament geht hernachmals alles durch Glauben. Es liegt alles an der Offenbarung des lebendigen Gottes und am Glauben. Wer nicht glauben will, schaut nicht, hier und dort nicht. Darum verzichte hienieden auf das Schauen und glaube hier, dass du dort zum Schauen gelangst.